Monat: März 2017

Death By Chocolate – Crooked For You (2017)

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Death By Chocolate – Crooked For You
Label: Gordeon Music, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Rock

Ungesundes ist immer am leckersten, Lautes macht immer am meisten Spass und Rock ist immer noch Sex. Das wissen auch die fünf Herren von Death By Chocolate, einer Rockband aus Biel / Bienne. Gegründet 2003, wagten sie sich in ihrer Karriere an eine spannende Mischung aus Alternative Rock und Einflüssen des Blues und Folk. Auch mit dem dritten Album „Crooked For You“ wird an dieser Formel nicht gross gerüttelt – wozu auch?

Denn wenn Death By Chocolate mit einem solchen Kracher wie „Give Us A Reason“ ins neuste Werk einsteigen, dann hat man in den letzten 14 Jahren eindeutig etwas gelernt. Das Lied und auch die gesamte Platte klingen wuchtig, druckvoll und die Band scheut sich nicht davor zurück, viele heterogene Momente auf die Scheibe zu pressen. Somit besucht man die Nordländer mit „Gravedigger“, endet in dreckigen Gruben, nur um gleich wieder frisch gekleidet den Bruder Pop mit Alkohol zu überschütten oder mit dem Folk ein Tänzchen zu wagen.

Bei einer solchen Vielfalt kann nicht jedem Hörer alles auf „Crooked For You“ gleich gut gefallen, Death By Chocolate werden hier dafür umso mehr neue Freunde finden. Dank der Hammondorgel besucht man nämlich auch die Retro-Szene und der Band gelingt ein herrlich breiter Klang. Sicherlich wird es manchmal etwas zu glatt oder süss, sobald aber Gestalten wie „Foch“ um die Ecke schreiten, ist alles wieder gut. Und in Biel findet man schliesslich auch Dreck und Glanz direkt nebeneinander.

Anspieltipps:
Give Us A Reason, Foch, Crooked For You

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: BirdPen, Bogen F Zürich, 17-03-21

BirdPen
Support: Autisti
Dienstag 21. März 2017
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Eines ist sicher, wenn man BirdPen live erleben will: Die Musiker sieht man nicht, oder zumindest nur spärlich. Das liegt aber nicht daran, dass sich die Gruppe um Andrew Bird und Dave Pen (Archive) hinter Masken oder Vorhängen versteckt, sondern dass sie ihre Auftritte von viel Trockennebel und Lichtgewitter begleiten lässt. Somit war auch ihre Rückkehr in den Bogen F nach Zürich Hardbrücke wieder ein fulminantes Spektakel an Klangteppichen und Farbflächen. Und wie schon 2015 geriet der Auftritt zu einem Feuerwerk, welches noch lange nachhallen wird. Da vergass ich sogar, dass ihre neuste Scheibe „O’Mighty Vision“ mich eigentlich gar nicht so überzeugte.

Die Musik von BirdPen lebt live vor allem von den ausufernden Instrumentalstellen, von den Explosionen aus Gitarren, Gesang und Keyboard – begleitet von sich immer steigernden Rhythmen. Auf ein Quartett vergrössert gaben sich die Musiker diesen vereinnahmenden Liedern hin und liessen aus „Lifeline“ oder „O’Mighty Vision“ Riesen werden. Lange Stücke wie „The Solution Is the Route of All My Problems“ oder das abschliessende „Only The Names Change“ sind sowieso prädestiniert für eine Konzertwiedergabe.

Zwar setzten BirdPen den Fokus ihrer kurzen Setliste klar auf das neuste Album, doch auch die Vergangenheit kam mit Momenten wie dem fantastischen „Off“ in den Genuss des hypnotisch tanzenden Bogen F. Erstaunlich, dass diese mitreissende Liveband auch an diesem Abend das Lokal nicht komplett füllte – doch solch epische Musik in kleinerem Rahmen geniessen zu können, hat schliesslich auch seinen Reiz. Die Gruppe klingt sowieso immer nach grossem Stadion und rettet mit ihren Auftritten wohl so manche verlorene Seele.

Eher verstörend gaben sich Autisti als Support, denn das Trio um Louis Jucker und Emilie Zoé suchte keinen Schönklang oder wunderbare Klangteppiche. Mit den Liedern von ihrem kommenden Album wurde die Wahrheit in krachend lärmendem Noise-Rock gesucht – und auch gefunden. Denn wenn sich Gitarren duellieren, das Schlagzeug sich selber verprügelt und alles durch umgebaute Verstärker kreischt, dann gewinnen alle Freunde der rohen Urgewalt in der Musik. Laut, dreckig und doch immer mit verführerischen Melodien unter dem Lärm – hier braute sich etwas zusammen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Joan Of Arc – He’s Got The Whole This Land Is Your Land In His Hands (2017)

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Joan Of Arc – He’s Got The Whole This Land Is Your Land In His Hands
Label: Joyful Noise Recordings, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Indie-Rock, Emo

Musik hört man zur Entspannung, um den Alltag zu vergessen und sein Leben bunter zu gestalten – aber nicht nur! Je tiefer man in die Materie eindringt, desto spannender werden Alben und Lieder, die das Gehirn fordern und sich gegen die Normen stellen. Lärm und Kunst erhalten neue Bedeutungen, man verliebt sich in krumme Momente, die man zuvor nie gehört hat. Joan Of Arc sind perfekt geeignet, ist die Band aus Chicago doch unberechenbar und hat seit der Gründung 1995 ihren Stil viele Male über den Haufen geworden. Aus Indie-Emo ist nun ein kruder Stilmix zwischen Experimental-Songwriting und Noise-Pop geworden – Xiu Xiu lassen grüssen.

Als in sich geschlossenes Album ist „He’s Got The Whole This Land Is Your Land In His Hands“ (man beachte den Titel!) vogelfrei und schert sich um nichts. Instrumente werden krumm gespielt, Melodien abgehackt und Gesangsläufe ins Abseits gestellt. Und wer braucht schon Kohärenz, wenn man einfach alle Musiker wie in „Isis Is To Be To Be“ gegeneinander antreten lassen kann – es findet sich dann schon ein Mittelwert. Wörter oder Sätze sind ebenso Ansichtssache, so wird aus der Perspektive von Phil Collins gesprochen, die Plazenta erhält Platz auf der Bühne und alles wirkt wie aus dem Kopf eines eingesperrten Wahnsinnigen aufgezeichnet. Dem Hörer ist schnell klar, Joan Of Arc nehmen sich und die Musik nicht bitterernst – und genau dieser stinkfreche Umgang lässt einen immer wieder über Lieder, Zeilen oder Effekte lachen.

„He’s Got The Whole This Land Is Your Land In His Hands“ lädt sich nicht nur mit dem Namen viel Gewicht auf die tätowierten Arme, es stürzt sich in den unendlichen Abgrund aus dem Lärm, den die Querulanten beim Fluchen über Kantinen-Menüs machen. „Ta Ta Terrordome“ heisst somit nicht nur schmerzhaft, es schliesst das Album auch fast nervend ab – und setzt den perfekten Punk hinter das neuste Lebenszeichen von Joan Of Arc. Wer solche Musik hört, wird zwar dazu kein Kätzchen streicheln, aber endlich wieder die Masse hinter sich lassen.

Anspieltipps:
This Must Be The Placenta, Grange Hex Stream

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Underworld, Alexandra Palace London, 17-03-17

Underworld
Support: Rick Smith
Alexandra Palace, London
Freitag 17. März 2017
Setlist

In die Nachbarschaft zurückzukehren, alte Freunde wieder zu treffen – wer macht da nicht gerne eine gute Flasche Wein auf. Als Musiker transformiert sich dies natürlich in die abendliche Darbietung – und somit war auch das Wiederkehr-Konzert von Underworld in London alles andere als normal. Ihr Auftritt im Alexandra Palace, dem ehemaligen Sendeort von BBC nördlich der Grossstadt, schlug bereits im Vorfeld grosse Wellen und schnell waren die Tickets ausverkauft. Das Duo besucht die englische Hauptstadt selten und im Fahrwasser von „T2 – Trainspotting“ wollten um so mehr Menschen Karl Hyde und Rick Smith wieder einmal spielen sehen.

Und enttäuscht wurde man auf keinen Fall, war nicht nur das eigentliche Konzert ein riesiger Rave und ein emotionales Ereignis, sondern auch das Rahmenprogramm vorzüglich. Bereits kurz nach dem Einlass in die Konzerthalle durfte man nämlich Produzent und Musiker Smith in der Mitte des Saales dabei beobachten, wie er unter der visuellen Leitung von Simon Taylor alte Underworld-Songs neben dem Mischpult auseinandernahm und mit neu geschriebener Musik zu frischen Tracks mutieren liess. Über ihm thronte ein Kubus aus Leinwänden, durch die Besucher wanderten sonderliche Gestalten auf Stelzen.

Dank der grossartigen Lichtuntermalung geriet dieser Einstieg zu einem fast traumwandlerischen Tanz zwischen Ambient und Techno – das Surreal Carnival Experiment erfüllte alle namentlichen Versprechen. Die fesselnde Mischung aus schönen Melodien, treibenden Beats und riesigen Synth-Spuren zog sich dann auch durch das eigentliche Set von Underworld. Nun durfte auch Karl Hyde in Echt das Publikum begutachten und seine tollen Texte der Musik beifügen. „Mmm Skyscraper“ und „Juanita“ liessen den Auftritt gleich mit alten Höhepunkten starten, dann zeigten die Herren auch die Qualitäten ihres neusten Werkes mit „I Exhale“ und „If Rah“.

Und spätestens dann waren alle Besucher hin und weg – wenn auch zum Teil Mithilfe gewisser Substanzen. Doch getanzt wurde überall und die gewaltige Lichtshow tauchte das Alexandra Palace in passende Stimmungen. Dank Tänzer, dem riesigen Screen mit Projektionen und viel Strobo im Nebel war man schnell eines mit der Musik und flog davon. Dank Überraschungen wie „Cups“, „Ring Road“ oder „Moaner“ war die Setliste extrem unberechenbar und oft stolperte man von einem gehirnzerstörenden Kracher in ein wunderschönes Empathie-Feld. Doch diese Dualität hatte Underworld schon immer reizvoll gemacht.

Erneut bewiesen die Herren, dass ihre Musik zwar weiterhin tief in der elektronischen Wiege der 90er verwurzelt ist, aber auch Jahrzehnte später immer noch mitreissen und begeistern kann. Im Gegensatz zu anderen Weggefährten blieben Underworld immer neugierig und versuchten ihre Musik voran zu treiben – was in Stücken wie „Scribble“ oder „Slow Burn“ endete. Der Schluss des Konzertes gehört aber dem ohrenbetäubenden, augenerblindenden und synapsensprengeden Track „Born Slippy“. Erschöpft, durchnässt aber vor Glück strahlend machte man sich gemeinsam auf den Weg zur U-Bahn, Underworld gehören in den Palast.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Pussywarmers & Réka’s Elektronische Abteilung – Nightride (2017)

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The Pussywarmers & Réka’s Elektronische Abteilung – Nightride
Label: Annibale Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Synth-Pop, Dreampop

Vier Lieder, vier Stationen, vier Inkarnationen – wer sagt denn, dass eine EP völlig gleichförmig daherkommen muss? Wobei, eine gleiche Form über lange Zeit zu halten ist sowieso ein eher unbekanntes Konzept für die Gruppe aus Lugano. The Pussywarmers haben seit ihrem Beginn nicht nur den Punk umgekrempelt, den Rock versklavt und jetzt mit ihrer ungarischen Freundin Réka auch die elektronische Musik gezähmt – immer schwingen auch viele neue Vibes mit.

Die neuste EP „Nightride“ gibt somit gleich im Titel schon vor, wohin man sich dieses Mal bewegt. Mit Rékas neuster Wandlung zur „elektronischen Abteilung“ verbindet man nicht nur Länder, sondern auch den Synthie- mit viel Dreampop. Das eröffnende Lied bringt uns auf die Überholspur mit dem glänzenden Auto, „Summer Breeze“ bietet den perfekten Zwischenstopp an der karibisch eingerichteten Tankstelle. Immer mit verträumtem Blick, wunderbaren Synthies und einem wunderbaren Rhythmus. Aber sobald man sich an ein Rauschmittel gewöhnt hat, geht die Reise weiter.

The Pussywarmers & Rékas Elektronische Abteilung bieten hier weniger eine Platte als vielmehr ein Hörspiel. Eines, das dich sanft bettet und mit den grossartigen Produktionsmitteln spielt, die auch David Sitek als Knöpfchendreher bekannt gemacht haben. Wie durch Watte und mit viel gutem Gefühl landet man am Ziel, „Horserace“ beendet diesen Traum mit kratzigem Auftritt und vielen Schunkel-Effekten. „Nightride“ macht sich somit zu Beginn etwas sperrig, blüht in seiner Vielfalt aber perfekt auf. Ein Gewinn für alle!

Anspieltipps:
Ride Into The Night, Horserace

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Robin Foster – Empyrean (2017)

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Robin Foster – Empyrean
Label: Membran, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Post-Rock, Electronica

Eine Woche nach dem neusten Werk von Lights & Motion erscheint nun ein weiteres Album, das mit seiner andersartigen Herangehensweise an den Post-Rock überrascht. „Empyrean“ ist das neuste Werk des englischen Musikers Robin Foster, der momentan in Frankreich sesshaft ist. Nach seinem Mitwirken bei der Gruppe Beth begab er sich auf einen abenteuerlichen Pfad der eigens produzierten Musik und weiss auch mit seinen neusten Liedern zu überraschen. Denn nicht nur wird die gitarrenbeherrschte Musik mit viel Elektronik aufgelockert, auch Einflüsse aus der Filmmusik machen sich breit.

Gleich mit „Hercules Climbs The White Mountain“ ist klar: Das Album wird zu einem schier sinfonischen Erlebnis. In erster Linie gibt die Gitarre den Ton an, in einer unglaublichen Variation, doch die Synths und die elektronische Wirkung spielen brav mit. So erinnern Lieder wie „Roma“ gar an gewisse Soundtracks von Vangelis, „Electronic Weapons“ trumpft mit einer Gastsängerin auf. Diese Mischung bringt eine grosse Lockerung in das Gefüge des Post-Rock und Robin Foster darf als talentierter Komponist auftreten. Seine Lieder sind immer voller Schönheit und bleiben gerne unaufgeregt.

„Empyrean“ ist als Vereinigung zweier Welten ein Produkt, das mit seiner Seele sowohl analoge wie auch digitale Liebhaber ansprechen wird. Zwar wirkt das Klangkleid manchmal etwas zu eng und die grossen Innovationen fehlen der Scheibe, entspannt und hübsch ist es aber immer. Lustigerweise erinnerte mich „Argentina“ an das neue Werk von Trentemoller und bei „Vauban“ scheint die Melodie von „Mad World“ im Hintergrund zu lauern. Foster zeigt somit einen Konsens auf, der alle Seiten glücklich macht und die Neugier auf sein komplettes Schaffen gross werden lässt. Luftgitarre spielen inklusive.

Anspieltipps:
Everlast, Roma, Vauban

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Alice Roosevelt – II (2017)

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Alice Roosevelt – II
Label: Irascible, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Rock, Shoegaze

„Daylight“ verwundert sehr, trifft das Lied doch mit afrikanischen Einflüssen und lockerem Gesang unvorbereitet, um dann immer weiter von den Gitarren in eine Klangwolke übertragen zu werden. Shoegaze hatte man eigentlich anders in Erinnerung, und die EP „II“ bleibt auch nicht so wild und perkussiv bei den restlichen vier Stücken. Die Überraschungsmomente haben Alice Roosevelt aus Nyon mit diesem Einstieg aber ganz klar auf ihrer Seite. Und ist es nicht wunderbar, wenn eine Band so weltoffen klingt?

2014 gründeten fünf Herren Alice Roosevelt aus der Asche der Gruppe Josef Of The Fountains und gaben mit der ersten EP auch gleich den Tarif durch. Ihre Musik ist nämlich nicht nur eine weitere Inkarnation des alternativen Rock, sondern lebt von den ewig kämpfenden Gegenpolen. Man holt sich aus dem Shoegaze die verträumte Flächenarbeit, das nachdenkliche Geniessen einzelner Töne und hält mit treibendem Schlagzeug und dem zappeligen Gesang von Patrick Dalzell dagegen. „Sparkling Gold“ oder „La Pregunta“ wirken darum immer nahe an der Explosion, die Band scheint die Kontrolle über die Songs schier zu verlieren.

Aber „II“ ist perfekt ausbalanciert, ohne in sich zusammenzubrechen. Alice Roosevelt spielen geschickt mit den Aspekten und lassen ihre Musik sehr international klingen. Mal fühlt man sich eher unter warmem Sonnenschein, dann wieder zwischen grauen Gebäuden mit dicker Jacke – aber immer ist alles organisch verbunden und logisch. Flirrende Gitarren treffen auf elegische Refrains – wir treffen auf fremde Kulturen und neue Freunde. Alice Roosevelt sollte man sich anhören und den Röstigraben endgültig mit Musik zuschütten.

Anspieltipps:
Daylight, Sparkling Gold, La Pregunta

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Mama Jefferson – Best Of (2017)

Mama Jefferson – Best Of 
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Rock

Ihr habt mich überzeugt, ich kann mich nicht wehren – aber wer so sympathisch auftritt, der verdient nur Lob. Mama Jefferson, ein junges und gerne auch lautes Trio aus Zürich, zeigt mit ihrer EP „Best Of“ nämlich, dass der Rock aus dem eigenen Land noch lange nicht tot ist. Was sich die alten Recken aus dem Gebiet der dröhnenden Gitarren nicht mehr getrauen, gibt es hier zuhauf: Humor, Neugier und Experimentierfreude. Da darf man seine Platte namentlich auch als Compilation tarnen.

Mama Jefferson besteht aus Gitarrist Silvan Gerhard und Schlagzeuger Mattia Ferrari und kriegt die meisten Herzen wohl mit Sängerin und Bassistin Vanja Vukelic rum. Die Musikerin gibt sich am Mikrofon als echte Rockröhre und gibt alles in wilden Stücken wie „Liquor Liquor“ oder „Mammon“. Die Gruppe mischt ihrem Rock eine gehörige Portion Trash und Punk bei, vergisst dabei aber nie den schmeichelnden Aspekt. Auch wenn Lieder wie „Lie“ vom Inhalt her nachdenklich stimmen, tanzen will man hier bei jedem der fünf Songs.

Das Schöne an „Best Of“ ist ja, dass man auch ohne echten Schnauz willkommen ist. Hier darf man sich etwas auf die Oberlippe kleben, malen oder schmieren – willkommen sind alle. Musik, und besonders der Rock, ist schliesslich ein Feld ohne Grenzen – und dies haben Mama Jefferson schon immer gewusst. Ihre EP ist somit unser Ticket an die grösste Party der Geschichte, welche hoffentlich noch viele Jahre und Platten andauern wird. Luftgitarren bloss nicht zuhause vergessen.

Anspieltipps:
Liquor Liquor, Lie, Mammon

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Schrottgrenze – Glitzer auf Beton (2017)

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Schrottgrenze – Glitzer auf Beton
Label: Tapete Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Pop, Indie

Wer sich nach einer Auflösung neu formiert und zurückkehrt, der muss auch etwas Wichtiges zu sagen haben. Bei vielen Wiedervereinigungen fehlt genau dieser Aspekt – Schrottgrenze können darüber nur lachen. Die Pop-Punk-Indie-Band aus Peine löste sich 2010 nach 16 Jahren auf, fand in den vergangenen Monaten aber wieder zusammen. Mit „Glitzer auf Beton“ gibt es nun endlich neue Musik – und schon beim Betrachten des Cover fällt auf, hier bleibt weniges beim Alten. Wo früher Punk im Türrahmen stand, gilt nun der Power-Pop, in den Texten geht es um Transsexualität.

Ein Thema, das in der heutigen Zeit eigentlich kein Aufsehen und schon gar keine negative Erregungen wecken sollte – doch leider ist die Toleranz immer noch nicht viel weiter. Besonders im Indie regieren weiterhin die kaukasischen Männer, das Testosteron und die sinnlosen Handlungen stehen an der Front. Schrottgrenze lehnen sich gegen diese Engstirnigkeit auf und fordern offene Musik – „lieb doch einfach wen du willst“, heisst es hier. In Verbindung mit der sehr eingängigen Musik ist dieser Gitarrenpop auf den Punkt formuliert, hüpft aber etwas zu sanft ins Bild. Denn was die Lyrics an wichtigen und tiefen Aussagen bereithalten, vermag der musikalische Aspekt nicht ganz zu tragen.

„Glitzer auf Beton“ ist kein schlechtes Album, nein es ist sogar ein wichtiges. Schrottgrenze gehören gelobt für den Anstoss der Diskussion, die Botschaft hätte aber interessantere Musik verdient. Lieder wie „Lashes To Lashes“ oder „Sterne“ sind toll, nähren aber fleissige Musikhörer zu wenig. Die Band stellt sich somit selbstbewusst gegen ihre eigene Vergangenheit und zeigt eine bessere Zukunft. Und alle, die sich beim Gedanken an Queer-Indie unwohl fühlen, hören „Glitzer auf Beton“ so lange, bis sie es kapiert haben. Wir sind alle gleich.

Anspieltipps:
Sterne, Lashes To Lashes, Zeitmaschinen

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Lights & Motion – Dear Avalanche (2017)

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Lights & Motion – Dear Avalanche
Label: Deep Elm Records, 2017
Format: Download
Links: FacebookSoundcloud
Genre: Post-Rock

Selten gab es wohl Bandnamen und Albumtitel, die beide so perfekt zur Musik passten. „Dear Avalanche“ deutet auf wilde Eruptionen mit vielen Emotionen hin, Lights & Motion auf Klangwände, lichte Momente und Musik, die von sanft bis wild sein kann. Und wo landen wir damit? Natürlich beim Post-Rock, der instrumentalen Version von verträumten Rockgedanken und Landschaftsgärtnerei mit Instrumenten. Hier wachsen aber keine Rosenbüsche, sondern einzelne Gräser und Blumen zwischen Frost und hartem Boden. Das vierte Album des Schweden Christoffer Franzen entführt uns in kühle, aber herzliche Welten.

Lights & Motion steht seit dem Debüt 2013 für Post-Rock, der mit vielen Gitarrenspuren, Streicher-Arrangements und voluminösem Schlagzeug unterschiedlichste Emotionen transportiert. Auch „Dear Avalanche“ lässt den Hörer melancholisch träumen, gespannt lauschen und wild mit den Beinen zappeln. Egal ob sich der Künstler – welcher nicht nur alle Instrumente spielt, sondern auch die Harmonien singt und das Orchester dirigiert – im klassischen Gebiet der Laut-Leise-Thematik bewegt („Feathers“) oder gewissen Isländern zuwinkt, die Songs sind wunderbar kurz. Immer zwischen drei und fünf Minuten gehalten, bietet „Dear Avalanche“ eine Vielzahl an Eindrücken und Ideen. Mir gefällt dieses kurze Ausharren und die stete Suche nach neuer Aufregung.

Was bei Genre-Grössen wie Explosions In Sky oder eben Sigur Ros oft halbe Ewigkeiten benötigt, bringt Lights & Motion mit geschickten Kniffen auf den Punkt. Hier erhält man Astrales, Magisches, Sanftes und Tröstendes. Dabei sind Lieder wie „All The Way“ immer majestätisch – oder auch elektronisch und schnell wie bei „Pandora“. „Dear Avalanche“ bietet somit nie dieselbe wässerige Suppe in einer neuen Schale, sondern lässt den Post-Rock wieder frisch und knackig erscheinen. Toll, dass es einem Musiker alleine gelingt, diesem Stil neuen Wind zu verleihen.

Anspieltipps:
Feathers, Pandora, All The Way

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.