Monat: Juni 2015

Live: Open Air St.Gallen, Sittertobel, 15-06-25 bis 28

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Open Air St.Gallen
Donnerstag 25.06. bis Sonntag 28.06.2015
Sittertobel, St.Gallen

Der Start in den Sommer erfolgt bei mir seit Jahren meist dann, wenn ich die ersten Festivals besucht habe. Musik, Freunde, Bier und Sonne, eine Gleichung die auch in der Schweiz für die schönste Jahreszeit steht. Trotz moderaten Wetteraussichten und meist nassen Böden ist es immer wieder toll, mit tausenden von Menschen Musiker und Bands zu feiern und das Leben zu begiessen. Darum wagte ich mich dieses Jahr zum dritten Mal ins Sittertobel um dem renommierten Open Air St.Gallen einen Besuch abzustatten. Obwohl sich bereits am ersten Abend kleine Bedenken äusserten (schräger Boden unter dem Zelt, schlechte Hygiene, viel Alkohol, mein fortschreitendes Alter), wurden es vier wunderbare Tage voller witziger Momente und tanzbaren Konzerten. Der Regen hielt sich brav zurück, der Brand in unmittelbarer Nähe zu unserem Zelt wanderte glücklicherweise nicht weiter.

Egal ob Weltstars oder frisch im Geschäft, das Line Up deckte die gesamte Bandbreite ab. Dabei waren es aber meist die kleineren Gruppen, welche begeisterten und als Sieger der Herzen davon schritten. Besonders gross waren Wanda am Sonntagmittag. Ihre schmuddlige und keck gespielte Mischung aus Indie und Traditionspop wird dank dem Wiener Dialekt und den grossartigen Texten veredelt. Dass sich der Sänger fast konstant eine Zigarette anzündete und den Schnaps besang, verstärkte die positive Wirkung nur. Erstaunlich auch, dass sich im Publikum viele textfeste Zuschauer blicken liessen. Dieses Kunststück gelang am Tag zuvor bei Trümmer zwar nicht, aber die Leute liessen sich trotzdem von der Band aus Hamburg mitreissen. Musikalisch im wilden Alternative angesiedelt, störten sich manche an der speziellen Stimme des Sängers. Mir gefiel es, auch weil die Jungs sehr sympathisch auftraten. Nur aus der Ferne hörten wir The Mirror Trap, schienen aber ziemlich gut zu sein.

Mit Wolfman durften auch tolle Menschen aus Zürich die Meute begeistern, die Band weiss immer noch mit ihren langsamen Liedern im Fahrwasser von The XX zu gefallen. Weitere heimische Acts liessen sich vor allem im Hip-Hop verorten, und waren darum nicht meine Baustelle. Stress oder Lo & Leduc kann ich langsam nicht mehr hören, was aber vor allem an der Übersättigung durch Radio und Konzertdichte liegt, als an ihrer Musik. Kadebostany überschnitt sich leider stark mit einem anderen Konzert, ich glänzte darum mit Abwesenheit. Der enge Zeitplan war leider oft ein Grund, wieso ich Musiker auslassen musste. Durch das enge Gelände und die Menschenmassen bewegt man sich oft sehr langsam, und irgendwann muss noch Essen und Bier geholt werden. Priorisieren war angesagt, und da gewannen bei mir meist die grossen Acts, was sich aber meist als richtige Entscheidung herausstellte.

Marteria liess die Zuschauer toben, das ganze Sittertobel sprang auf und ab. Sogar ein kurzer Einschub mit Liedern von Marsimoto konnte man geniessen, wirklich genial waren aber Lieder wie „Bengalischer Tiger“ oder „Welt der Wunder“. Der Funken sprang nicht nur früh über, sondern bewirkte das Zünden von Pyrofakeln und Feuerwerk im Publikum. So wild war es bei Placebo zwar nicht, dafür zeigte die Band eine gewaltige Leistung. Zu sechst (!) erschienen die Engländer auf der Bühne und spielten ihre bekannten Hits in neuem Gewand. Düster, laut und mit einer Wall of Sound mähten sie die Feierstimmung um. Das Konzert blieb noch lange im Kopf und auch die tolle Lichtshow überzeugte. Mehr Show als Gehalt war leider das Duo The Chemical Brothers. Ich mag ihre Musik zwar sehr, doch die Künstler scheinen immer noch in der Zeit des Big Beat festzustecken. Mit langen und zähen Steigerungen, wenigen Höhepunkten und einem veraltet erscheinenden Klang spielten sie gegen Laser, Licht und Video an. Da dachte sich Noel Gallagher „weniger ist mehr“ und kam auf die Bühne, spielte seine Lieder mit den High Flying Birds und ging wieder. Sogar Oasis-Fans kamen auf ihre Kosten, „Champagne Supernova“, „Whatever“ und „Don’t Look Back In Anger“ liessen tausend Stimmen mitsingen. Ein wunderbares Konzert voller guter Musik und hübsch unaufgeregten Momenten.

Für mehr Schweiss sorgten da Rise Against, die ihren Hardcore voller Inbrunst und mit viel Talent präsentierten. Das Konzert wäre grossartig gewesen, ein Gewinn für alle, doch leider machte die schlechte Abmischung fast alles kaputt. Gitarren und Gesang liessen sich oft nur erahnen, bei der hochmelodischen Musik der Band ist dies ein Albtraum. Immerhin sind die Musiker grundsympathisch, setzen sich für Minderheiten ein und sollten viel mehr gehört werden. Ebenfalls sehr sympathisch war Fink, der mit seiner Band und seinen längeren Alternative-Folk-Slow-Rock Lieder für viel Emotion und Jubel in der Sternenbühne sorgte. Grossartiges Songwriting, tolle Musiker, ein Glanzmoment. Eine Atmosphäre die auch Frank Turner & The Sleeping Souls verdient hätten, doch am Donnerstagabend waren viele Besucher noch nicht bereit für Euphorie. Die Hymnen von Turner eignen sich aber hervorragend um mit wildfremden Menschen zu singen und das Bier in die Luft zu strecken.

Weniger gut gefielen mir die Amerikaner The Glitch Mob mit ihrem übertriebenen Techno, die sehr überheblichen Royal Blood (trotz gelungener Musik) und die eher langweiligen Folker Mighty Oaks. Dass am Tag danach mit Kodaline nochmals eine Gruppe auftrat, die wie eine Kopie klang, sagt wohl vieles zum aktuellen Überfluss dieser Musikart. Das Open Air St.Gallen war aber wieder einmal eine wunderbare Reise in ein Land voller Musik, Partystimmung und vergessenen Konventionen des Alltags. Vier Tage sind zwar doch langsam etwas zu viel für meinen Körper, am Sonntagabend war ich dann aber doch traurig, wie schnell das Festival zu Ende ging. Mit einem grossartigen Line-Up, einer perfekten Organisation und vielen Überraschungen zeugte die Veranstaltung zum wiederholten Male von Können und Liebe. Wer ist nächstes Jahr dabei? Im Hotelzimmer?

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Weitere Bilder findet ihr hier.

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Motorpsycho – Demon Box (1993)

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Motorpsycho – Demon Box
Label: Voices Of Wonder, 1993 / Remastered Edition: Rune Grammofon 2014
Format: Box mit 4 CDs, 1 DVD und Booklet
Links: Discogs, Band
Genre: Psychedelic, Folk, Hard, Space Rock

Wer Motorpsycho wie ich in der aktuellen Prog-Psych-Heavy-Rock-Phase kennen gelernt hat, für den ist das Erforschen der Vorgeschichte eine spannende und oft überraschende Angelegenheit. So hat die Band nicht nur mehrere Stilwechsel vollzogen, sondern gab sich früher auch mit einer sehr bescheidenen Produktion zufrieden. „Demon Box“ war das dritte Album der Norweger und beeindruckt mit seiner Länge. Als wieder veröffentliche Deluxe Version erhält man neu gleich vier CDs voller Musik und eine DVD mit bewegten Bildern. Die definitive Version?

Das eigentliche Album „Demon Box“ nimmt die ersten beiden CDs in Anspruch und wird erstmals komplett auf den Silberlingen präsentiert. Mehrere Stücke waren bisher der Vinyl-Edition vorbehalten, das wurde nun korrigiert. So darf man sich voller Freude in das Werk voller ausgeflippter Spielarten des Rock werfen. Egal ob psychedelisch, folkig oder einfach nur hart treibend, die Band zieht alle Register und mischt aus den Zutaten eine heisse Brühe. Im Gegensatz zu den folgenden Werken kleiden sich die Lieder aber in verschmutzte Gewänder und sind eher den Hobbyaufnahmen zuzuordnen. Das Schlagzeug klingt etwas blechern und scheppert vor sich hin, die Gitarren sind zwar druckvoll, aber am Volumen mangelt es. Dieser Umstand tut dem Genuss des Meisterwerks aber kein Abbruch, ist es eher ein Zeitzeugnis als ein Verlust. Wie von Motorpsycho gewohnt, liefern sie nichts unter dem Prädikat „genial“ ab. Auch hier glänzen die Musiker in allen Bereichen, egal ob ein Lied volkstümlich schunkelt und dabei den Knüppel hinter dem Rücken versteckt, oder ob es eine volle Breitseite Doom-Rock an die Nase knallt. Wer sich einmal in die Riffs und Melodien eingehört hat, kriegt nicht mehr genug. Auf knapp 90 Minuten wummert und kracht es, die Gitarren türmen sich zum Himmel und überlagern sich. Der Höhepunkt erfolgt klar im epischen „Demon Box“, da werden alle Schleusen geöffnet. Ein masslos gutes und vollgestopftes Werk, irgendwo zwischen all den wilden Köpfen der 90er-Jahre und dem Rock-Olymp.

Und um das Werk auch gebührend neu aufzulegen, gibt es auf der dritten CD die gesammelten EPs „Mountain“ und „Another Ugly“. Sanfter und beruhigter zeigt sich die Band auch hier nicht, man erhält sogar Liveaufnahmen und alternative Versionen. Und wer immer noch nicht genügend Holz zerhackt hat, der darf sich mit der vierten Scheibe in die dunkelsten Ecken der Box wagen. Raritäten, Outtakes und noch mehr Livemomente bescheren dem Fan ein Gefühl wie Weihnachten. Auf der DVD lässt sich ein Konzert von 1993 anschauen, genau in der Qualität, die man erwartet. Fehlt nur noch Bier, Rauch und Schweiss im Wohnzimmer, dann ist das Rockglück perfekt. Motorpsycho waren früher jünger und ungestümer (teilweise sehr nahe an Nirvana), aber nicht weniger grossartig – „Demon Box“ belegt das.

Anspieltipps:
Nothing To Say, Mountain, Demon Box, The One Who Went Away

Perfume Genius – Too Bright (2014)

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Perfume Genius – Too Bright
Label: Matador, 2014
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Künstler
Genre: Pop, Indie

Goldener Schimmer überzieht nicht nur das Fotomotiv auf dem Cover, sondern die gesamte Verpackung des dritten Albums von Mike Hadreas, hier mit seinem Künstlernamen Perfume Genius auftretend. Hübsch und edel präsentiert sich „Too Bright“, adrett und auf das Thema seiner Sexualität anspielend zeigt sich der Künstler auf den Fotos. Ein Thema, das auch in seiner Musik angesprochen wird – sowieso beinhaltet die Scheibe viele persönliche Texte. Trotzdem sind die Lieder auch ohne Studium seiner Person verständlich, wir befinden uns schliesslich immer noch im Gebiet der Popmusik.

Wobei, Perfume Genius wandelt wie ein Sammler zwischen den verschiedenen Unterarten des Stils und zupft sich zielsicher einzelne Blüten raus. Die simple Eingängigkeit eines Popalbums wird man hier nicht gleich finden, gehören die meisten Lieder eher dem Kammerspiel als dem grossen Saal an. Perfume Genius hat eine sehr eigene Art Lieder zu schreiben, hält diese oft sehr kurz und schleift die Oberfläche nur so lange, bis man sich nicht mehr tiefe Wunden daran zufügt. Glatt und sauber ist es selten, dafür spürt man konstant, dass es unter der Oberfläche brodelt. Der Musiker experimentiert mit Texturen, Klangschichten, Instrumenten und Wahrnehmungen. Die Resultate sind dabei oft mehr als anregend, um nicht zu sagen genial. Hier verspricht der Künstlername für einmal nicht zu viel, hat er sich doch ausgiebig mit seinen Kreationen beschäftigt. Gerne darf das Instrumentengefüge zu Gunsten einer elektronischen Dystopie zerfallen, wie es bei „Grid“ der Fall ist. Sofort fühlt man sich in eine zerfallene, technoide Welt versetzt, und die Temperatur scheint zu sinken. Oder Hadreas verschliesst alle Türen und kehrt in sich, eine leise, wabernde Kulisse voller bedächtiger Worte während „I’m A Mother“. Durch dieses Gefälle zwischen den einzelnen Liedern macht es „Too Bright“ dem Hörer nicht immer einfach, gerade beim ersten Hördurchgang bleibt wenig sofort hängen. Aber genau so introvertiert wie die Stücke klingen, so muss man auch an sie herangehen. Sanftes Tasten, Aufmunterungen und gutes Zureden. Die Knospen öffnen sich und die gepflückten Blüten strahlen wieder ihre volle Pracht aus.

Mit der goldenen Platte hat sich Perfume Genius ein Meisterstück voller Genialität und versuchsvoller Herangehensweise an den Kammerpop geschaffen. Durch die persönlichen und oft düsteren Texte erhält das Album eine extreme Tiefe, welche sich mit der experimentierfreudigen Musik noch verstärkt. Der Name ist Programm, zu hell scheint das Werk aber nie.

Anspieltipps:
Queen, Grid, Too Bright

Spidergawd – Spidergawd II (2015)

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Spidergawd – Spidergawd II
Label: Crispin Glover Records, 2015
Format: Vinyl mit CD
Links: Discogs, Band
Genre: Heavy Rock, Blues, Retro

Manchmal kann es auch erfrischend sein, sich auf alte Tugenden zu beschränken und das ewige Forschen nach neuen Klängen anderen zu überlassen. Eine Band muss ja nicht immer Zugpferd für die Hipster-Bewegung oder Glanzstück aller Blogs sein. Spidergawd wollten dies aber auch nie und zeigten bereits auf ihrem Debüt die klare Antihaltung zum Fortschritt. So trocken und nostalgisch spielte 2014 selten eine Gruppe Blues-Rock-Songs – und noch weniger war es der Fall, dass die Lieder so geil klangen. Wenige Monate nach „I“ folgte – logischerweise mit „II“ betitelt – bereits der Nachfolger. Und auch hier gilt wieder kein anderer Grundsatz als: Rock!

Per Borten und seine Mannen lassen uns zu Beginn von „…Is All She Says“ sanft auf geklimperten Akkorden in das Album hineingleiten, zeigen aber schon bald wo der Hammer hängt. Die Gitarren und das Saxophon drücken voll auf die Tube und lassen zu keiner Sekunde Müdigkeit aufkommen. Jedes Lied ist ein Feuerwerk an Riffs, Licks und hart geprügeltem Schlagzeug. Blues und Rock werden hier von hinten aufgerollt und alle schwächlichen Ansätze von weinerlichem Getue bereits bei grosser Entfernung aus der Bahn geschossen. Immer gerade aus, keine Rücksicht auf langsamere Begleiter. „Spidergawd II“ ist ein gefährliches Album in gewissen Situationen, so sollte der Konsum bei Autofahrten zwei Mal überdacht werden. Sobald die Scheibe rotiert, gibt es nur noch das Gaspedal. Jeder Ansatz von Genre kann sofort mit dem Beiwort „heavy“ ergänzt werden, bleibt es doch konstant laut und wild. Kenneth Kapstad hinter dem Schlagzeug wirbelt nicht nur bei Motorpsycho verrückt rum, auch hier beweist er sich als Tasmanischer Teufel der Trommeln. Dazu rumort Bent Sæthers Bass und füllt alle Lücken, die zwischen den angeschlagenen Gitarrensaiten auftauchen könnten. Mich erstaunt dabei immer wieder, wie klar die Musik der Truppe daherkommt. Trotz all der Fülle wirken die Songs nie überladen, sondern wissen ihre Schwere zu kaschieren. Borten schreibt alle Lieder, lässt dabei gerne diverse Einflüsse zu. So zwinkert „Torniquet“ dem Stoner Rock zu, „Caerulean Caribou“ den Drogenköpfen, „Get Physical“ allen sexsüchtigen Rockern. Man könnte Spidergawd jetzt vorwerfen, mit ihrer Musik nur alte Kamellen aufzuwärmen – dies würde aber den humorvollen Unterton verleugnen. Die Platte macht Spass, und genau das will sie.

Spidergawd werden in ihrer Karriere nie einen Innovationspreis erhalten, wissen aber genau wie man harten Rock spielen muss. Schnell, laut, wild und ohne Rücksicht auf Verletzungen. Borten beweist bereits zum zweiten Mal eine talentierte Hand für krachende und eingängige Lieder. „Spidergawd II“ ist somit ein Brocken, der süchtig macht und auch live eine brutale Wucht entfalten kann.

Anspieltipps:
Tourniquet, Get PhysicalMade From Sin

Ryan Bingham – Fear And Saturday Night (2015)

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Ryan Bingham – Fear And Saturday Night
Label: Axster Bingham Records, 2015
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Country, Folk-Rock

Es ist wieder einmal so weit, der Country darf sich auf meinem Blog zeigen. Ryan Bingham hat es endlich mit seinem neusten Album „Fear And Saturday Night“ in mein Plattenregal geschafft, nachdem mehrere Monate zwischen Bestellung und Abholung im Laden vergingen. Aber eine entspannte Haltung ist schliesslich die korrekte Grundlage für ein reduziertes Album voller toller Geschichten, gespielt vom hübschen Ryan und seinen Mannen.

Genauso reduziert wie die Gestaltung des Albums zeigen sich am Anfang auch die Lieder auf der Platte. Bingham hat sich im Studio zurückgehalten, die Lieder akustisch und sparsam aufgezeichnet und begnügt sich auch gerne mal mit wenigen, angespielten Melodien. Eine löbliche Haltung, geriet das Genre Country in den letzten Jahren doch immer mehr auf die schiefe Bahn, wurde von Klischees und überladenen Produktionen vertreten und liess bei vielen Hörer eine Abwehrhaltung entstehen – zu Recht. Mit „Fear And Saturday Night“ wird der Stil aber wieder in die passenden Whiskeygläser gefüllt, es geht um das Herz und die Erinnerungen. Wie bei den älteren und grossartigen Scheiben von Bruce Springsteen glänzen Westerngitarre, Mundharmonika und emotionsgeladene Erzählungen. Bereits beim zweiten Lied „Broken Heart Tattoos“ ist man verzückt, berührt und muss sich ein Tränchen aus dem Auge wischen. Bingham agiert als gewitzter, einfühlsamer und erfahrener Wanderer durch die heissen Südstaaten der USA. Mit seiner dritten Platte erzählt er nicht irgendwelche Schicksale, sondern verknüpft die Songs mit seinen vergangenen Jahren, seiner Jugend und den prägenden Momenten – auch seine Verbindung zu Mexiko. Da ich viele Stücke live kennen lernen durfte und diese dabei mit erklärenden Einleitungen dargeboten wurden, erhielt das Album für mich von Beginn an viel Tiefe. Einen grossen Verdienst trägt daran natürlich die wunderbar kratzende und tiefe Stimme des Künstlers. Unverkennbar und vom Leben gezeichnet singt er seine Texte. Dabei hält er auch Überhand, wenn die Musik ausbricht und die Platte in Richtung Rock steuert. Gerade bei Liedern wie „Top Shelf Drug“ ist es ein Gewinn, wissen die Musiker sich akzentuiert auszudrücken. Und kleine Gitarrensolos haben noch nie jemanden gestört, das Klavier füllt den Hintergrund.

„Fear And Saturday Night“ ist eine wunderbare Sammlung von Momenten aus Binghams Leben, dargeboten mit einer ehrlichen Instrumentierung und geerdeten Produktion. Wie gut die Songs nur mit Gitarre und Stimme funktionieren, zeugt von deren Qualität. Dass aber auch eine opulentere Ausführung kein Schaden tut, ist dem Talent aller Beteiligten zu verdanken. Und jetzt austrinken, Staub abwischen und losreiten. Die Sonne sinkt schon langsam.

Anspieltipps:
Broken Heart Tattoos, Top Shelf Drug, Fear And Saturday Night

Live: Oh Land, Papiersaal Zürich, 15-06-19

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Oh Land
Support: Lùisa
Freitag 19.06.2015
Papiersaal, Zürich

Verdammt war das geil! Man sollte viel öfter irgendwelchen Empfehlungen oder Vermutungen folgen, und dabei Neues entdecken. So ergab sich die Idee, Oh Land in Zürich anzuschauen, nur weil ein guter Freund von mir das Lied „Half Hero“ auf Youtube entdeckte und es grossartig fand. Warum auch nicht, schliesslich konnten wir nicht viel verlieren. Denn auch wenn die Musik uns nicht gefallen hätte, immerhin ein Lied wäre gut gewesen. Aber es kam alles anders.

Schon beim Supporting Act Lùisa aus Hamburg war uns klar, das wird eine tolle Angelegenheit. Die hübsche Musikerin trat ganz alleine auf die Bühne, packte sich die Gitarre und legte los. Umkreist von Elektronik und Instrumenten bearbeitete sie das Loop-Gerät, spielte Drumpatterns, Rhythmen, Gesangsspuren und Akkorde ein, und sang dazu ihre wunderbaren Songs von dem Album „Never Own“. Dabei verzauberte sich nicht nur mit ihrem Lachen, sondern zeigte echtes Können und Gespür für die Musik. Auch wenn nicht jeder Loop perfekt sass und sie sich manchmal etwas in der Ausrüstung verhaspelte, es war eine wunderbare Angelegenheit. Und für sie das allererste Konzert in der Schweiz, und eindeutig nicht zum letzten Mal.

Auf der Bühne wurde alles Dunkle weggeräumt und den weissen Instrumenten Platz gemacht. Dass alles und sogar der Teppich rosa waren, begriffen wir erst am Ende des Konzertes. Weiss hätte aber auch gepasst, kam doch Nanna Oland Fabricius und ihre Bandkumpels in witzigen Kleidern auf die Bühne. Die Männer durften sogar nicht ganz bequem aussehenden Perücken ihre Musik spielen, beschränkten sich dabei oft auf die repetitiven Muster des Techno. Electro-Drum, kurze Gitarrenlicks und viel Synth. Die Musik von Oh Land ist eine freche Mischung aus Pop und elektronischer Party, die Songs verhalten sich dabei wie kleine Kinder die im Wald spielen. Aus der ferne ist alles friedlich, aber sobald man nach ihnen schaut, fällt man in die Fallgrube der Balgen und alle tanzen rundherum. Nanna war selber der grösste Wildfang, hüpfte über die Bühne, kam nie zur Ruhe und gab sich voll dem Auftritt hin. Die gute Laune steckte das Publikum an wenigen Liedern an, es wurde mitegewackelt und gesungen. Auch die kurzen Anekdoten zwischen den Stücken sorgten für Unterhaltung, die Band und Künstlerin hatten sichtlich Spass an ihrem Auftritt.

Nach einem fulminanten Abschluss mit einer Wall Of Sound, Zugaben und viel Jubel war es dann vorüber, und die Band hatte zweite neue Fans gewonnen. Mindestens. Dass Nanna danach selber noch am Merchandise-Stand für einen Schwatz zu haben war, sich auch ohne zu meckern für alle Selfies bereit stellte, machte die Musikerin gleich noch sympathischer. Es war ein super Abend, Oh Land und Lùisa lohnen sich echt.

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Hot Chip – Why Make Sense? (2015)

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Hot Chip – Why Make Sense? 
Label: Domino, 2015
Format: Vinyl mit Bonus-EP, Download
Links: Discogs, Band
Genre: Synth-Pop, House

Peep Peep Fiebs, ersetze uns mit besseren Dingen. Was vor einigen Jahrzehnten Kraftwerk für die Popkultur waren, sind Hot Chip heute für den Pop. Dass hier Kultur fehlt, haben sie sich selber zuzuschreiben. Denn mit dem neusten Album „Why Make Sense?“ verliert sich die Band in der Redundanz und muss dabei Ideenmangel zugeben.

Die Platte beginnt aber ganz vielversprechend und kann auf der ersten Seite mit „Huarache Light“, „Cry For You“ und „Started Right“ gleich drei der Höhepunkte präsentieren. Die Musik stammt dabei komplett aus dem Computer oder angehängten Hilfsmitteln – meint man zumindest. Mit Samples, Drumpatterns und viel verfremdeten Aufnahmen gleiten Hot Chip ohne Ecken dahin, kein Staubkorn ist auf ihren knallbunten Hemden zu finden. Ab und zu findet man ein Gitarrenlick oder einen tiefen Basslauf, aber meist halten die Synths die Flagge hoch. Mit dieser Formel haben die Londoner in ihrer Karriere eine neue Art von Pop erschaffen, sozusagen den Indietanzpoptronic. Aber auch einem Tausendsassa kann die Inspiration abhanden kommen. Spätestens bei „White Wine And Fried Chicken“ realisiert man als Hörer, dass bei dem vorliegenden Werk die Theorie andere Wege ging als die Praxis. Zwar ist die Musik immer interessant und voller witziger Einfälle, mangelt aber des gewissen Pep. Hat sich die Formel etwa schon zu Tode gespielt? Eigentlich nicht, denn Käufer der edlen Erstauflage werden mit der „Separate“ EP belohnt, einer zweiten Scheibe mit vier Liedern, welche die genialen Überlegungen der Musiker honorieren. Die Stücke sprudeln vor kuriosen Soundtüfteleien, absurden Textpassagen und mitreissenden Beats. Gerade das gleichnamige Stück mit dem unwiderstehlichen Ausspruch „Separate The Head From The Body“ ist ein unvergesslicher Ohrwurm. Hier kommen die Euphorie und Ausgelassenheit eines Clubbesuches hervor, die man beim Hauptalbum teilweise vermisst. Warum hat die Band diese Lieder nicht auf das Album gepackt, dafür gewisse mediokre Momente weggelassen? Macht keinen Sinn, will es laut Titel auch nicht.

Hot Chip glänzen nicht mehr so stark wie vor einigen Jahren, machen aber immer noch Spass. So darf man endlich wieder seine ungelenken Tanzversuche starten und dabei die Hornbrille mit beiden Händen festhalten. „Why Make Sense?“ ist kein Muss oder Bekehrungsgrund, für Fans jedoch eine nette Platte für Zwischendurch, die aber nur Appetit auf mehr macht.

Anspieltipps:
Huarache Lights, Cry For You, Need You Now // Separate

Róisín Murphy – Hairless Toys (2015)

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Róisín Murphy – Hairless Toys
Label: Play It Again Sam, 2015
Format: CD mit Booklet
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Electronica, Art-Pop, Blues

Ok, damit habe ich nicht gerechnet. Acht Jahre nach ihrem letzten Album veröffentlicht die ehemalige Sängerin von Moloko ihr drittes Soloalbum, und es ist eine Wundertüte von Klang und Einfall geworden. Hat sich die Frau bisher immer dem tanzbaren und oft etwas künstlichen Electronica gewidmet, geht sie nun einen neuen Weg. Wobei optisch die Platte wieder so kreativ und verrückt daher kommt, wie zuletzt „Overpowered“. Murphy kleidet sich weiterhin gerne ausgefallen und oft in theoretischer Mode. Doch beurteilen will ich nun die Musik, Kleider übersteigen meine Referenzbereiche.

Das Album beginnt mehr oder weniger in den Bahnen, die man von Roisin Murphy erwartet. Die Bässe grooven, die Synths und Keyboards spielen (teilweise süssliche) Melodien in mehreren Schichten und die Künstlerin singt witzig gereimte Texte. „Agi-magic-la-talagy / My spell on you“ – wie gerne die Frau doch die Sprache mit dem Brecheisen bearbeitet und das Englisch an seine Grenzen bringt. Somit umgeht sie geschickt die Fallen des Pop, billige Wortreihen zu kreieren, die man schon unzählige Male wahrgenommen hat. Doch auch schon mit den ersten Liedern auf dem Album hebt sie sich von älteren Werken ab, spitzt man doch erstaunt die Ohren ab all den versteckten und sehr kreativen Ideen. Die Lieder sind nicht immer eingängig, viele Bestandteile wollen zuerst nicht so recht ins Klangbild passen. In „Exploitation“ arbeitet sie mit vielen, gegeneinander antretenden Stilfarben, langsames Klavier gegen wildes Klangholz. Wunderbar ist dabei, dass den Liedern viel Zeit gegönnt wird. Die meisten bewegen sich im Bereich von sechs bis knapp zehn Minuten, eher eine Seltenheit in diesem Genre. Obwohl, was heisst hier Schublade? Murphy mischt Blues, Funk und Pop in ihr Downtempo, pflückt sich raus was Sinn macht. Und dann die Wende: Mit „House Of Glass“ transformiert sich das Album plötzlich zu einem Art-Pop / Minimal Wunderwerk, dass von Kate Bush stammen könnte, oder von Petra Gabriel. Die Lieder werden noch komplexer, noch bereichernder. Niemals hätte ich eine solche Dichte an Kreativität und Stimmung erwartet, die letzten drei Lieder hauen um!

Mit ihrem dritten Album hat Roisin Murphy ein beachtliches Stück Kunst erschaffen. Die Musik wird mit fortschreitender Spielzeit immer vielschichtiger und überlegter. Was zuerst wie ein Tanzalbum beginnt, schält sich aus seiner Haut und wird ein Feld voller surrenden Insekten. Gewagt, gewaltig, gekonnt.

Anspieltipps:
Evil Eyes, House Of Glass, Hairless Toys (Gotta Hurt)

Jamie XX – In Colour (2015)

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Jamie XX – In Colour
Label: Young Turks, 2015
Format: 3 x Vinyl mit CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Techno, House, Garage

„Didn’t I Take You To Higher Places / You Can’t Reach Without me“. Für mich ist Jamie Smith, besser bekannt als Jamie XX, ein klarer Fall von Wunderkind. Der junge Engländer begeistert mit seiner Band The XX Indie- und nachdenkliche Electronica-Jünger zugleich, und formte mit diesen Alben die Klangwahrnehmung der frühen 2010er Jahre. Er selber legt seit einigen Jahren auf und tritt auch als Produzent in Erscheinung. Nach vielen Singles und dem Remix-Werk „We’re New Here“ gibt’s nun endlich das reine Album von Herr XX.

„In Colour“ überzeugt bereits, bevor man die Platte aufgelegt hat. Mit der strikt geometrischen Gestaltung und dem Regenbogendesign hält er sich nicht nur an seine eigene Doktrin, sondern visualisiert den Titel. Diese Linie zieht sich über das Vinyl weiter, das hier als limitierte Auflage mit drei 12inch-Platten präsentiert wird. Farbenfroh ist auch der musikalische Aspekt des Albums, hat Jamie mit „In Colour“ doch ein vielfältiges und vorbildliches Abbild der aktuellen, elektronischen Musikszene von Südengland erschaffen. Egal ob House, Techno, Garage, Minimal, Ambient, Remix oder Dub, alles findet seinen Weg in die elf Tracks. Homogen und faszinierend fliessend, nie ist man überfordert. Das wahre Talent von Jamie XX zeigt sich aber auch hier im Sampling und dem Schichtaufbau der Lieder. Umwerfend wie effektvoll und verzaubernd der Künstler seine Spuren langsam auftreten, ineinander verzahnen und sanft verschwinden lässt. Dadurch wirkt das Album nie gehetzt oder erzwungen, und schon nach wenigen Durchgängen hat man sich in fast alle Lieder verliebt. „Sleep Sound“ und das Jahrhundertstück „Girl“ kannte ich bereits von der Single, aber auch neue Momenten wie „Gosh“, „Seesaw“, „Loud Places“ und „The Rest Is Noise“ sind fast zu gut um wahr zu sein. Wie hier Technik und Emotion sich zu einer Einheit formen und mitreissen, sowas hört man selten bei einem solch frischen Künstler. Dank Gastsängerinnen und Sänger erhält die Scheibe viel Tiefe, genau wie die Verwendung von älteren Klangerzeuger und Techniken. Und dabei wird sogar das praktisch unmöglich Kunststück vollbracht, Steeldrums gut klingen zu lassen!

Mit seinem ersten vollwertigen Album hat Smith nicht nur ein Meilenstein produziert, sondern in meinen Augen das wohl bisher wichtigste, elektronische Album des Jahres 2015 erschaffen. „In Colour“ ist eingängig, voller Diversität und Verneigungen vor der Vergangenheit und Zukunft. Mit so vielen Highlights, dass ich jedes Lied als Anspieltipp auflisten möchte.

Anspieltipps:
Gosh, Seesaw, Loud Places, The Rest Is Noise, Girl

Live: Imagine Festival, Barfüsserplatz Basel, 15-06-12

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Imagine Festival Basel
Freitag 12.06.2015
Barfüsserplatz, Basel

Alle Jahre wieder luden Terre Des Hommes und ihre Partner ein, in der Basler Innenstadt den Sommer, die Musik und das Miteinander aller Menschen zu feiern. Mit dem Imagine Festival setzen sie ein Zeichen gegen den Rassismus und für eine offene und tolerante Welt. Und was funktioniert besser als Massenmagnet, als tolle Konzerte von noch eher unbekannten, aber hoffnungsvollen Musiker? Auch ich habe mich zum wiederholten Male nach Basel bewegt um zu tanzen und zu lauschen, auch wenn dieses Mal das Zusammensein bei mir an vorderster Stelle stand. Darum etwas weniger zu den Bands als gewohnt.

Als wir ankamen tobten sich gerade Palace auf der grossen Bühne aus, wobei toben eher das falsche Wort ist. Der gemütliche Indie aus England bot zwar einige rockige Stücke und Einflüsse aus Folk und Blues, war vielfach aber mehr zum kuscheln gedacht. Ein gemächlicher Start in einen langen Abend ist aber nicht verkehrt, weshalb wir uns auch ein paar Bierchen gönnten, und dabei bei der Schaummenge pro Becher Einigkeit suchten. Aber egal wie viel im Becher und was, mit den gekauften Getränken und dem Essen konnte man das Festival unterstützen, ist es schliesslich ohne Eintritt. Und wer beim Wechsel zwischen den Bühnen den leckeren Düften der Essstände widerstehen konnte, der isst wohl nie etwas.

Mit vollen Händen und Mägen konnte man sich an die weiteren Bands wagen. Die Ehre gaben sich Me, Valentine & You aus Bern, eine sympathische Gruppe mit einem ehemaligen Strassenmusiker am Mikrofon. Ihr Poprock war genau richtig für den lauen Sommerabend und animierte die Leute zum tanzen. Obwohl sie sich durch unser „noch 10 Minuten“ Schild nicht verwirren liessen, wären weitere Zugaben bereitwillig angenommen worden. Aber auf der Hauptbühne machten sich schliesslich bereits Phoria aus den UK an den Start. Ihr Pop war sehr dicht und mit viel Klangfarben angereichert. Das kam gut an und der Platz füllte sich immer mehr aus. Wer nun also wie ich quer durch die Menge musste oder wollte, der kam nur langsam voran. Toll, dass sich das Festival etabliert hat und nicht nur aus Basel Leute anlockt.

Den Abschluss für mich machte Cristallin, mit einem tollen und elektronischen Set des tanzbaren Pop. Ein weiterer frischer Namen in der Schweizer Musikszene, der sich schon jetzt mehr als hören kann. Einmal mehr bewies das Festival somit, dass sie ein gutes Gespür für aktuelle und interessante Künstler besitzen. Klar, Indie und Pop waren wie immer etwas beherrschend, aber für einen warmen Abend in der schönen Altstadt passt dies auch wunderbar. Nächstes Jahr dann gerne wieder und länger.

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