Synth-Pop

Rein – Freedoom (2017)

Rein – Freedoom
Label: Guerilla Music, 2017
Format: Download
Links: FacebookSoundcloud
Genre: Punk, Synthie-Rock

Mach kaputt, was uns alle kaputt macht – so passend könnte man einen gewissen Ausspruch abwandeln und dann direkt auf das Cover von „Freedoom“ kleben. Denn die neuste EP der schwedischen Künstlerin Joanna Reinikainen nimmt keine Rücksicht auf Doppelmoral und feinfühlige Ignoranten. Rein zeigt mit fünf neuen Stücken vielmehr, dass die Zeit gekommen ist, um sich laut aufzulehnen. Und bevor ihr jetzt von einem verzogenen Gör sprecht: Eure Taten haben unser Umfeld schliesslich so geformt. Da passt es wunderbar, dass nun allen ein wenig der Kopf mit Electro-Punk zugedröhnt wird.

Besonders deutlich wird dies beim letzten Track, hier lässt Rein stoisch die Beats scheppern und dazu redet sich Nina Mariah Donovan in Rage. Gender-Problematik, Feminismus, Emanzipation und Ungerechtigkeit werden in „Nasty Woman“ an den Pranger gestellt in Kombination mit geschicktem Name-Dropping. Danach muss man kurz etwas durchatmen, doch schon bald spielt man „Freedoom“ erneut ab. Denn Stücke wie „Missfit“ oder „C.A.P.I.T.A.L.I.S.M.“ tragen nicht nur kämpferisch eine Botschaft auf der Brust, sie lassen wunderbar die Synthies knarren und Rein scheut sich nicht vor schmerzenden Hooklines.

Den nötigen Kick, um diese EP zu produzieren, fand die Musikerin nach den Wahlen in Amerika und kann dank diesen fünf Stücken endlich mal ihre Gedanken abladen. Das ist immer auf die Zwölf, übersteuert und bereit für eine verschwitzte Konzertparty im Kellerlokal. Es erinnert bei „(You Call It) Democracy“ sogar etwas an Die Antwoord mit statistischen Texten, bleibt aber stärker auf dem Boden und holt die Leute thematisch geschickter ab. Wer sich also wie Rein in diesen unmenschlichen Machenschaften missbraucht fühlt – und das ist hoffentlich bei uns allen der Fall – der tobt sich hierzu aus. Fight for your rights!

Anspieltipps:
Missfit, C.A.P.I.T.A.L.I.S.M., Nasty Woman

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Goldfrapp – Silver Eye (2017)

Goldfrapp – Silver Eye
Label: Mute, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Synth-Pop

Zuerst waren sie im dunklen Club zuhause und räkelten sich lasziv im Synthie-Pop, nur um dann in die elektronischen Gebiete des sanften Folk einzutauchen und Spandex gegen weite Stoffkleider zu tauschen. Nach dem kurzen Besuch in den Discos der Achtziger ahnte man bereits, dass Goldfrapp aber noch lange nicht alle Sätze zum Thema des erotischen Dance gesagt haben. Und nun, vier Jahre nach „Tales Of Us“ erscheint mit „Silver Eye“ endlich wieder ein Werk, dass mehr als nur die Anfänge aufgreift.

Das Duo aus Alison Goldfrapp am Mikrofon und vor der Kamera, sowie Will Gregory an den Tasten und Reglern lässt seit 1999 die Tanzflächen beben. Auch mit den neuen Liedern haben sie es erneut geschafft, Pop-Anstrich und düster-abstrakte Klangkonstrukte zu verbinden. Wer sich von der ersten Single „Anymore“ noch nicht genügend angezogen fühlt, der kann aufatmen – mit Tracks wie „Systemagic“ oder „Everything Is Never Enough“ knarren die Synthies und Alison lässt ihre Stimme über die Körper gleiten. Aufgenommen in Dallas und London, atmet „Silver Eye“ eine Vielzahl an Stimmungen.

Ob sich Goldfrapp träumerisch wie bei „Become The One“ geben oder ihre Lieder mit fragmentartigen Gitarrenstrukturen verzieren – hier wirken auch die einfachsten Strukturen oder Einfälle passend und toll. Schnell stellt sich das bekannte Suchtgefühl wieder ein und man möchte die Lieder von „Silver Eye“ zum arbeiten, feiern und faulenzen laut anhören. Und natürlich klingt die Scheibe wieder perfekt produziert, klar und modern – so schnell kann man den zwei eben doch nichts vormachen.

Anspieltipps:
Systemagic, Become The One, Everything Is Never Enough

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Pussywarmers & Réka’s Elektronische Abteilung – Nightride (2017)

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The Pussywarmers & Réka’s Elektronische Abteilung – Nightride
Label: Annibale Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Synth-Pop, Dreampop

Vier Lieder, vier Stationen, vier Inkarnationen – wer sagt denn, dass eine EP völlig gleichförmig daherkommen muss? Wobei, eine gleiche Form über lange Zeit zu halten ist sowieso ein eher unbekanntes Konzept für die Gruppe aus Lugano. The Pussywarmers haben seit ihrem Beginn nicht nur den Punk umgekrempelt, den Rock versklavt und jetzt mit ihrer ungarischen Freundin Réka auch die elektronische Musik gezähmt – immer schwingen auch viele neue Vibes mit.

Die neuste EP „Nightride“ gibt somit gleich im Titel schon vor, wohin man sich dieses Mal bewegt. Mit Rékas neuster Wandlung zur „elektronischen Abteilung“ verbindet man nicht nur Länder, sondern auch den Synthie- mit viel Dreampop. Das eröffnende Lied bringt uns auf die Überholspur mit dem glänzenden Auto, „Summer Breeze“ bietet den perfekten Zwischenstopp an der karibisch eingerichteten Tankstelle. Immer mit verträumtem Blick, wunderbaren Synthies und einem wunderbaren Rhythmus. Aber sobald man sich an ein Rauschmittel gewöhnt hat, geht die Reise weiter.

The Pussywarmers & Rékas Elektronische Abteilung bieten hier weniger eine Platte als vielmehr ein Hörspiel. Eines, das dich sanft bettet und mit den grossartigen Produktionsmitteln spielt, die auch David Sitek als Knöpfchendreher bekannt gemacht haben. Wie durch Watte und mit viel gutem Gefühl landet man am Ziel, „Horserace“ beendet diesen Traum mit kratzigem Auftritt und vielen Schunkel-Effekten. „Nightride“ macht sich somit zu Beginn etwas sperrig, blüht in seiner Vielfalt aber perfekt auf. Ein Gewinn für alle!

Anspieltipps:
Ride Into The Night, Horserace

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Trentemøller, Kaufleuten Zürich, 17-02-21

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Trentemøller
Support: TOM And His Computer
Dienstag 21. Februar 2017
Kaufleuten, Zürich

Wenn man mit der Zeit wächst oder sich verändert, dann wirkt sich dies auch auf die Musik aus. Kein Wunder also, dass gewisse Besucher sich etwas wunderten, dass hier so wenig Techno den Raum füllte – doch diese Entwicklung ist nur logisch. Der dänische Musiker und DJ Anders Trentemøller treibt sich seit 1997 in den Clubs und Konzertsälen der Welt herum und zeigte in seiner Laufbahn mehrmals ein Ohr für unterschiedlichste Genres. Begann er in düsterem Techno, wandelte sich sein Output über vier Studioalben bis zum aktuellen Klang, der tief im New Wave verankert ist. Und genau diese Musik stellte er auf seiner Tour zu „Fixion“ in Zürich vor.

Von hinten beleuchtet und von Nebel umhüllt stieg die Band um Trentemøller in das erdige Set ein. Gleich von den ersten Klängen an war klar: Hier ist alles im Bandsound verortet. Unterlegt vom tief grollenden Bass von Jakob Falgren liessen sich die Musiker zu hypnotischen Darbietungen hinreissen. Es gab keine billige Effekthascherei, sondern einen durchdachten Aufbau von Stimmung und Anspannung – was sich in Hits wie „River In Me“ oder „Miss You“ entlud. Immer wieder liessen die Synthie-Spuren und Gitarrenmelodien die Leute zu Jubelschreien hinreissen und Marie Fisker formte mit ihrer Stimme das ganze weiblich ab.

Von zeitgemässem Indie zu wild dröhnendem New Wave – und dann ohne Rücksicht auf Verluste in den tobenden Höhepunkt des Raves. Mit der langen und beatlastigen Version von „Moan“ fand der Auftritt im Kaufleuten seinen krönenden Abschluss. Plötzlich waren Band und Publikum in den Neunzigern gelandet – ohne Warnung, dafür umso glücklicher und tanzfreudiger. Hier zeigte sich noch einmal das grosse Talent des Produzenten Trentemøller und sein Gespür für die perfekte Verbindung von Techno und Pop. Leider spielte die Gruppe nach diesem gewaltigen Schluss keine Zugabe mehr, ein Grund zum Meckern war dies aber nicht. Die Musiker verloren an diesem Tag einen guten Freund und waren darum nicht mehr in der Lage, noch weitere Songs zu spielen. Verzeihlich und nur menschlich.

Auch sehr menschlich und ebenso geschickt im Ausformulieren von Steigerungen war DJ und Support TOM And His Computer. Der Künstler gewöhnte die Besucher an die Klänge aus elektronischen Gerätschaften und wagte sich von Downtempo bis hin zu harten und technoiden Tracks. Mit genial rollenden Bässen und Klangelemente, die auch bei Trentemøller zu finden sind, geriet dieser Auftakt zu einem Erfolg – wie auch der gesamte Abend in Zürich.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Savoir Adore – The Love That Remains (2017)

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Savoir Adore – The Love That Remains
Label: Nettwerk, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Pop, Electro

Es tut mir leid, dass ich bei Synth-Pop-Alben mit starkem Bezug zu den Achtzigern immer wieder an den Film „Drive“ denken muss – doch dieser Streifen hat sich mit seiner visuellen und klanglichen Wirkung einfach zu stark eingebrannt. Also auch hier beim Lied „Heaven“, dass Savoir Adore auf ihrem dritten Album „The Love That Remains“ von flächig sanfter Seite zeigt. Im Gegensatz zum Film fährt man mit dem Electro-Pop-Quartett aus Brooklyn aber lachend in einem Cabriolet in den Sonnenuntergang.

Und ja, Savoir Adore erfinden mit Liedern wie „Lovers Awake“ oder „Crowded Streets“ das Rad der süssen Popmusik nicht neu, ihr neustes Album haben die Amerikaner aber mehr als solide ausformuliert. Man findet in Liedern wie dem mitreissend tanzfreudigen „Devotion“ viele Momente des Glücks und will oft zu der Musik tanzen oder freudig durch die Strassen hüpfen. Mit „Paradise Gold“ führt die Gruppe das Spiel zwar etwas zu weit in den Prolo-Kitsch, aber vielleicht macht diese Menge Zucker in kurzer Zeit auch etwas überdrüssig.

Hätten MGMT nicht konstant LSD geschluckt, sie würden wohl wie Savoir Adore klingen. Gitarren und Keyboards geben sich die Hand, Lauren Zettler singt tolle Melodien und auch die Beats finden ihren Platz. Es tut der Seele gut, das Jahr mit einem solchen Album abschliessen zu können. Zwar sollte die Gruppe für ihre nächste Veröffentlichung noch etwas mehr wachsen, um aus dem weiten Feld dieser Synth-Musik herausragen zu können, „Night Song“ oder „Mountains“ schliesst man sich aber mehr als gerne ins Herz. Bis bald bei einem pinken Milch-Shake.

Anspieltipps:
Giants, Devotion, Night Song

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Arctic Sunrise – When Traces End (2016)

Arctic Sunrise - When Traces End

Arctic Sunrise – When Traces End
Label: Echozone, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Synth-Pop, Electronica

Nein, keine Angst, ihr seid nicht beim falschen Sonnenaufgang gelandet – doch dank der Stimme von Torsten Verlinden könnte man meinen, in die falsche Strasse abgebogen zu sein. Arctic Sunrise stammen aber nicht so weit aus dem Norden wie Sunrise Avenue, sondern aus Mönchengladbach. Dies würde man weder ihrer Musik anhören, noch beim Inhalt der Texte denken. Das Duo gibt sich auch bei seinem zweiten Album wieder voll dem guten alten Synth-Pop hin – handgemacht und mit viel Echo.

„When Traces End“ macht gleicht von Beginn an klar: Hier gibt es leckere Portionen aus Keyboard-Melodien, Drumcomputer und gerne raumfüllenden Beats. Dazu immer Gesang, Geschichten über die Gefühle und weitgreifende Refrains. Dabei macht Steve Baltes mit seinen Synths gerne die Verneigung vor den Legenden wie Depeche Mode, streuselt aber überall etwas grösseren Pop-Bezug auf die Songs. Momente wie „Tell The Truth“ steigen sogar ein paar Stufen in den Dark-Wave-Keller hinab, verlieren sich aber nie komplett zwischen Spinnennetzen und Lederkluft. Viel mehr wird hier auch die Unbeschwertheit zugelassen – oder der klangliche Kitsch, wie „Mine Forever“ zeigt.

Arctic Sunrise nehmen sich aus verschiedensten Richtungen ihre Ideen und Zutaten – und wissen es geschickt zu vermengen. Man kann zu ihrer Musik tanzen, düster umherschauen oder schon fast zu fröhlich die Welt betrachten. Somit ist „When Traces End“ ein elektronischer, guter Freund für zwischendurch, weiss aber leider zu wenig zu packen, um für lange Zeit nebenher zu gehen. Wahrscheinlich wendet man sich bald wieder interessanteren und schmutzigeren Alben zu.

Anspieltipps:
Tell The Truth,

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Sohn – Rennen (2017)

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Sohn – Rennen
Label: 4AD, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Synth-Pop, Electronica

„If It Feels Dead Wrong It Probably Is“, wenn es sich hingegen von Beginn an gut anfühlt, dann täuschen einen die Sinne auch nicht. „Rennen“, das zweite Album des Londoner Künstlers SOHN, ist genau die Scheibe geworden, die man sich nach seinem fantastischen Debüt „Tremors“ erhofft hatte. Christopher Taylor mischte 2014 auf seiner ersten Scheibe modernen R&B mit Ambient und Electronica zu einer hitträchtigen Mixtur, die so gut war, dass man die Zeit bis zum Nachfolger fast nicht aushielt.

Und wie auch schon beim Vorgänger ist „Rennen“ ein Album, dass sich zuerst etwas sperrig zeigt. Man hat das Gefühl, SOHN gehe zu zögerlich mit seinen Ideen um und schreibe zu gleiche Melodien im Umfeld der souligen Popmusik. Doch mit gespitzten Ohren sticht man durch diesen Schleier aus falscher Wahrnehmung und lässt die Hits aus ihren Schalen. Plötzlich sitzen Stücke wie „Conrad“ oder „Proof“ für den Rest des Tages in deinem Gehörgang und melden sich bei jeder Situation zu Wort. Kein Wunder, ist die Musik doch wunderbar fliessend und dank dem Gesang von Taylor unverkennbar.

Textlich wagt sich Sohn hier mit gewissen Aussagen sogar etwas versteckt an die Systemkritik und beweist, das gemächliche, elektronische Musik sich sehr wohl mit aktuellem Geschehen anfreunden kann. Schliesslich sind hier auch Produktion und Arrangements top modern, da darf das Bewusstsein nicht fehlen. „Rennen“ wird somit in den nächsten Jahren für aufreizende Tanznächte und entspannte Nachmittage sorgen – und SOHN hoffentlich noch lange die Verbindung zur kreativen Quelle aufrecht erhalten.

Anspieltipps:
Conrad, Rennen, Proof

Yes I’m Very Tired Now – Hide & Seek (2016)

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Yes I’m Very Tired Now – Hide & Seek
Label: Solaris Empire, 2016
Format: Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Synth-Pop, Indie

Der Name sei Programm, wobei die Musik glücklicherweise nicht zum Einschlafen einlädt. Durch den dunklen Club tanzt Marc Frischknecht mit seinem ersten Album unter dem Namen Yes I’m Very Tired Now aber auch nicht, übt sich dafür in hübscher, elektronisch gestalteter Zurückhaltung. „Hide & Seek“ ist eine Platte, die man am regnerischen Sonntag auflegt und dabei noch einmal über die nächtlichen und etwas wirren Stunden nachdenkt und lacht. Und plötzlich ist die Lust zur Bewegung wieder da und man zuckt mit den Füssen.

Hinter Liedern wie „Common World“ oder „Shining Lights“ lauern nämlich die Bässe und Beats, nur stellen sie sich nie arrogant in den Vordergrund. Denn bei Yes I’m Very Tired Now regieren der sanfte Gesang, die hübschen Gitarren und netten Effekte und Melodien aus den Synths. Frischknecht singt über die Liebe und die düsteren Stunden, welche man mit seinen Mitmenschen erleben kann, immer in diesem modischen Indie-Gewand. „Hide & Seek“ biegt nie komplett in die digitale Welt ab, sondern lässt lieber einfach die Füsse in den elektronischen Gewässern baden.

Das lässt eine wunderbare Stimmung entstehen und man geniesst die nachdenkliche Stimmung wie bei „Love Peace Romance“. Yes I’m Very Tired Now ist ein frisches und attraktives Projekt, lockt mit gewissen Sex-Appeal und bleibt über die gesamte Albumlänge spannend. Wer sich also gerne von einer Mischung aus Synth-Pop, düsterem Wave und Indie umgarnen lässt, der ist hier komplett richtig. Den Tee oder Rotwein nicht vergessen, Drinks gab es gestern schliesslich schon zur Genüge.

Anspieltipps:
Love Peace Romance, Shining Lights, All My Friends

White Lies – Friends (2016)

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White Lies – Friends
Label: BMG, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Synth-Pop

Es ist immer schade, wenn sich einst gute Freunde immer weiter voneinander entfernen – doch meist ist dies der natürliche Verlauf der Zeit und nicht zu ändern. Bei einer Band hingegen hofft man meist, dass man sich nie voneinander trennen muss und kleine Rückschläge gerne einsteckt. White Lies starteten mit ihren ersten zwei Alben bei nicht wenigen als Favoriten, machten sich aber in den letzten Jahren mit billigem Synth-Pop vieles zunichte. „Friends“ versucht nun mit korrigierter Ausrichtung ein paar Fehler auszubügeln.

Was gleich auffällt, sind die Pop-Leichtigkeit und die Keyboards. Wo früher eher noch sehr düstere Gitarrenmomente strahlen durften, befindet sich bei White Lies jetzt ein Synth-Spiel. „Friends“ beginnt mit einem schmissigen Stück mit tollem Gesang und angenehmer Retro-Stimmung, dann kippt die Platte etwas in den Schatten. Die Melodien werden dumpfer, die Bässe lauter. Schnell fühlt man sich wie in einer Disco voller Trockennebel – aber leider wirkt auch der DJ etwas verwirrt und vergisst beim Programm die Kracher und mitreissenden Hits. Die Band verlässt ihre gängigen Muster zu keiner Zeit und wirkt somit zu engstirnig und etwas verloren.

Das neuste Album von White Lies ist mit schönen Momenten gespickt – die ultra-klischeehaften Texte gehören leider nicht dazu – und macht immer wieder Spass. Alles genau betrachtet wirkt aber wie Keyboard-Fastfood und für längere Zeiten will man sich davon nicht ernähren. „Friends“ ist somit eine kleinere Enttäuschung, es fehlen die Ausbrüche und klaren Veränderungen. Wenn die Gruppe in Zukunft weiterhin solche Musik veröffentlicht, werden sie schnell in den Abgründen verschwinden.

Anspieltipps:
Morning in LA, Is My Love Enough?, Swing

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Baryonyx – Fuori Il Blizzard (2016)

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Baryonyx – Fuori Il Blizzard
Label: Ghost Label Record, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Alternative, Synth-Pop

2007 begannen zwei Herren in Livorno mit der spannenden Idee, die Rockmusik mit einer elektronischen Herangehensweise neu zu definieren. Matteo Ceccarini und Antonio Morelli versuchten diesen Gedanken über mehrere Umwege umzusetzen und landeten nun für die erste LP vpn Baryonyx wieder im selben Boot. „Fuori Il Blizzard“ kombiniert dabei fröhlichen Pop-Rock, den gewisse schon bei Jovanotti antrafen, und alternative Synthformationen, welche die klassischen Strukturen gerne etwas aufbrechen. Kurzweilig bleibt dieses Album also auf jeden Fall.

Nach einem zurückhaltenden Intro findet man sich gleich in einer Umgebung wieder, die vom Blizzard berührt wurde. Gitarren und Schlagzeug wurden durchgeschüttelt und Keyboards übernehmen regelmässig deren Aufgaben. Das macht die Lieder spürbar anders – Baryonyx sind aber keine verrückten Wissenschaftler, welche alle Konventionen sprengen. Klar lebt „Bonacciale“ von seinem digitalen Beat und der Gesang wird immer wieder verfremdet; Rock und Wave gehen aber auch gerne geteilte Wege. „Fuori Il Blizzard“ könnte somit viel wilder sein.

Es ist dem Songwriting von Baryonyx zu verdanken, dass man ihnen diese zaghaften Schritte verzeiht. Das Album macht Spass und lässt sich gut anhören, ab „Trilobyte“ landet man immer mehr im Club. Schön aber, dass hier alle tolerant sind und auch Lederjackenträger hereingelassen werden. So feiert man zusammen die Neugier in der Musik und lässt bei „Voce 84“ die Disco beben. Wenn sie diese zwei Gegenpole nur noch griffiger kombinieren würden, wären die Italiener bestimmt bald weit bekannt.

Anspieltipps:
Mondo A Calori, Ergosfera, Trilobyte

Dieser Text erschient zuerst bei Artnoir.