Monat: Dezember 2016

Tetrolugosi – II (2016)

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Tetrolugosi – II
Label: Eigenveröffentlichung, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: Dark Wave, Gothic

Gibt es etwas besseres, als an einem grauen und nassen Sonntag den Grusel in seine Wohnung zu lassen und nach ein paar Folgen „American Horror Story“ groteske Musik aus seinen Lautsprechern kriechen zu lassen? Das italienische Duo Tetrolugosi bietet mit seinem zweiten Album „II“ genau die richtigen Erzählungen in Klangform – irgendwo zwischen Gothic, Dark Wave und Horror-Show. Aufgeführt werden die Episoden mit schräg klingenden Orgeln, zwielichtigen Gesängen und dem immer fremd erscheinenden Theremin.

Aus Ripatransone stammend und seit 2013 aktiv, setzen Sara Pardisi und Camillo Perazzoli die Tradition der unheimlichen Musik in Italien fort – ein Land, das schon immer sehr eigenwillige Perspektiven zu Horror und Kunst hatte. Blut fliesst hier nur mit Worten, dafür zeigen Tetrolugosi ihre Art von Walzer, längst vergessenen Freakshow-Melodien und laden mit „Circus“ in eine Geisterstadt voller Artisten und Clowns ein. Jedes Lied verändert den Sound von „II“, mit „Inferno“ lassen sie sogar den verschrobenen Geist von David Byrne das Stück in Richtung Talking Heads lenken.

Und mit „Wrath Of God“ reissen Tetrolugosi dann völlig überraschend das Steuer herum und landen mit allen Utensilien und Giftmischungen inmitten einer elektronischen Gothic-Party. Das Duo trampelt dabei allen Szenengängern frech auf den Füssen herum und kapert die Beats für ihre Orgeln. Egal ob man nun über Friedhöfe tanzt, in tiefschwarzen Wäldern Figuren aus Ästen zusammenbindet oder Schlangen für Rituale aufschneidet – Tetrolugosi spielen bis zum bitteren Ende weiter. „II“ ist ein erfrischend obskures Album, welches selten unserer Welt zuzuordnen ist, aber an jedes makaberes Fest passt.

Anspieltipps:
Under The Full Moon, Inferno, Wrath Of God

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Knöppel, Schüür Luzern, 16-12-21

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Knöppel
Support: Jack Stoiker
Mittwoch 21. Dezember 2016
Schüür, Luzern

Bierflaschen, aber jetzt echt überall. Reihenweise am Bühnenrand, zerbrochen am Boden, praktisch leer in meiner Hand und zahlreicher als die Besucher – Jack is back, und die anonymen Alkoholiker drehen durch. Nicht nur die zum Glück, sondern ganz viele Wichser aus der Inner-, Ost- und Sonstwoschweiz wagten sich vor den heiligen Tagen noch einmal nach Luzern in die Schüür, um die Punk-Sau rauszulassen. Knöppel ist nicht nur das inländische Musikhighlight 2016, sondern auch live ein Grund um den Mittwochabend in Alkohol und Musik zu ertränken.

Denn Jack Stoiker hat sich nach vielen Jahren in musikalischem Abseits (Wow, grossartige Witz du Wichser) wieder nach vorne gedrängt und mit seiner neuen Band Knöppel das herrliche Mundart-Punk-Album „Hey Wichsers“ veröffentlicht. Darauf findet man nicht nur 18 schrammige und unsaubere Lieder, irgendwo zwischen kaputter Gitarre und besoffenem Sänger, sondern auch fantastisch absurde Texte im St.Galler-Dialekt. Was auf den ersten Blick debil zu sein scheint, stellt sich nach kurzer Zeit als oft sehr grossartige Gedankengänge über die aktuelle Welt – oder zumindest den Alltag der Schweiz – heraus. Und somit war es auch klar, dass man als Besucher der Schüür nicht nur laut mitjohlen konnte, sondern immer wieder Tränen lachte.

Natürlich nimmt sich eine Band wie Knöppel auch nicht bierernst (Stark, du Wichser) und konnte somit nicht nur mit ihren kaputt wirkender Musik in klassischer Dreierbesetzung punkten, sondern auch mit wirren Ansagen und grossartigen Anheizern für das Publikum. Wobei dieses bereits von der ersten Minute an gewilligt war, den Abend zu einer lauten und wunderbaren Party zu machen. Die Texte wurden konstant mitgesungen, die Band beklatscht und Midi in Dialoge miteinbezogen. Dies machte den Auftritt eine wunderbar gelassene Sache und Musiker wie auch Besucher fühlten sich wohl. Oder vielleicht waren auch die überproportional vielen Frauen im Publikum der Grund.

Oder, dass Jack Stoiker sich gleich selber als Support begleitete und somit den Fans endlich wieder die Gelegenheit bot, seine alten Hits wie „Uf em Liintuech“, „Die Tütsche sind blöd“ oder „Regina“ zu geniessen. Stoiker mit elektrischer Gitarre, begleitet von Marc Jenny am Kontrabass und im Anzug gekleidet, führte schnell in den niveauvollen Abend ein. Und plötzlich wurden einem nicht nur neue Punk-Welten geöffnet, sondern auch Alltagsmomente erschienen in neuem Licht. Oder gar nicht mehr, wegen diesem heimtückischen Gebräu in braunen Flaschen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Anna Von Hausswolff – The Miraculous (2015)

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Anna Von Hausswolff – The Miraculous
Label: City Slang, 2015
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Art-Rock, Neo-Klassik

Vor einem Jahr erblicke ein Wesen die Welt, das nicht nur sein direktes Umfeld in eine beunruhigende Dunkelheit stürzte – und bis heute ist die Wirkung dieses Monstrums nicht abgeschwächt. Was die junge und zierliche Schwedin Anna Von Hausswolff im November 2015 mit ihrem dritten Studioalbum auf die Hörer losliess, ist ein Monolith zwischen kontemporärer Klassik, Drone-Rock und Ambient-Lärm. Die Musikerin scherte sich dabei weder in Komposition noch Ausführung um Konventionen und erreichte somit Grosses.

„The Miraculous“ nimmt bereits ab der ersten, unheimlichen Sekunde gefangen. Die Kirchenorgel thront über allen Liedern wie ein dunkler Lord und Anna Von Hausswolff zieht mit schleppenden Gesten über die kohlenschwarzen Felder. Stücke wie das eröffnende „Discovery“ oder der Mehrteiler „Come Wander With Me“ verschlingen in ihrem Aufbau viele Minuten und blättern erst spät durch alle klanglichen Aspekte. Kratzende Gitarrenriffs schleifen über die Gesänge, elektronische Bässe erdrücken einzelne Melodien – hier bewegt sich alles in einer geisterhaften Zwischenwelt.

„The Miraculous“ holt seine Energie dabei nicht nur aus fremden Schattenwelten, sondern lässt sich von der Klassik genauso inspirieren wie vom Art-Rock. Es ist dem unglaublichen Talent von Anna Von Hausswolff zu verdanken, dass ein solches Album sofort fesselt und immerzu aufgeht. Egal wie lange sich die Lieder hinziehen, egal wie lange man in der schwarzen Stille ausharren muss – immer wieder bäumt sich das Werk überlebensgross auf und bietet Gänsehautmomente. Für alle Hörer, die sich gerne abseits des Alltags bewegen, ist diese Platte immer noch ein Muss.

Anspieltipps:
Discovery, Come Wander With Me, The Miraculous

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

2016 – Der Rückblick, die Listen

2016 – du warst kein einfaches Jahr. Nicht nur prallten praktisch jeden Tag Freud und Leid auf heftigste Weise zusammen, nein auch die Künstler- und Musikwelt musste sich von vielen Grössen verabschieden. So begann das Jahr mit dem Tod meines Helden David Bowie, kurz nach der Veröffentlichung seines neusten und wahrlich grossartigen Albums „Blackstar“ – und nahm sich dann in jedem Monat weitere Legenden. Leonard Cohen, Prince, Gene Wilder, Alan Rickman, Harper Lee, Umberto Eco und viel zu viele mehr. Es ist somit schwierig, eine Rangliste der besten Werke zu erstellen, möchte man doch all diese Seelen ehren.

Auch ist der Konsum aktueller Veröffentlichungen dank meiner Mitarbeit bei Artnoir in schwindelerregende Höhen gestiegen, was eine Beschränkung auf zehn Scheiben schier unmöglich macht. Somit muss ich dieses Jahr etwas mogeln – es gibt nun eine Top Ten für die Platten aus aller Welt, und eine weitere für Musik aus der Schweiz. Dabei allerdings sind mit diesen 20 Alben aber zu viele nicht beachtet. So gab es beispielsweise Grossartiges von Frost*, Leonard Cohen, Radiohead, PJ Harvey, James Blake, Rihanna, Wilco, Periphery, Wolf People, Moscow Mule und so weiter. Doch regelmässige Leser dieser Seite oder von Artnoir werden meine Texte zu deren Werken ja bestimmt mitgekriegt haben. Darum hier die Listen:

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Top Ten 2016 – Alben
1. David Bowie – Blackstar
2. Jarlath Henderson – Heads Turned, Hearts Broken
3. Nick Cave & The Bad Seeds – Skeleton Tree
4. Moby & The Void Pacific Choir – These Systems Are Failing
5. Dream The Electric Sleep – Beneath The Dark Wide Sky
6. The Hotelier – Goodness
7. Marillion – F*ck Everyone And Run
8. Touché Amoré – Stage Four
9. Underworld – Barbara, Barbara We Face A Shining Future
10. Thrice – To Be Everywhere Is To Be Nowhere

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Top Ten 2016 – Schweiz
1. Knöppel – Hey Wichsers
2. One Sentence. Supervisor – Temporär Musik 1-13
3. King MCH, effelav & Saruco – Hous der ond fegg di
4. Yello – Toy
5. Spencer – We Built This Mountain Just To See The Sunrise
6. Al Pride – Hallavara
7. Container 6 – Beschti Zyt
8. The Shamanics – Shamanic
9. The Beauty Of Gemina – Minor Sun
10. Wolfman – Modern Age

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Und ja, auch bei den Konzerten war es nicht so einfach, wenn auch klarer. Mit 85 besuchten Veranstaltungen (Konzertabend = 1, Festivaltag =1) stieg auch diese Zahl in absurde Höhen. Doch was macht man nicht alles für seine Journalistenkarriere? Wobei ich 2017 dies nicht zu übertrumpfen versuche, gesund wäre es wohl nicht. Und ja, in dieser Liste findet man einige übliche Verdächtige, aber Musik ist schlussendlich Emotion und gewisse Talente berühren mich halt am stärksten.

Top Ten 2016 – Konzerte
1. Marillion – 19.07.2016 – Huxley’s neue Welt, Berlin
2. Massive Attack – 21.07.2016 – Paléo Festival, Nyon
3. Underworld – 27.08.2016 – Zürich Open Air, Rümlang
4. Patti Smith – 29.06.2016 – Volkshaus, Zürich
5. Bruce Springsteen – 31.07.2016 – Stadion Letzigrund, Zürich
6. Ventil – 01.10.2016 – A-Synth Fest, St.Gallen
7. Battles – 12.08.2016 – Open Air Basel
8. Motorpsycho – 06.05.2016 – Fri-Son, Fribourg
9. Ellie Goulding – 28.02.2016 – Hallenstadion, Zürich
10. Gaia – 15.10.2016 – Oxil, Zofingen

Immer nur etwas zu hören ohne die Bilder dazu zu haben, ist doch auch doof, oder? Darum hier die besten Filme des Jahres. Wer die nicht kennt, sofort anschauen.

Top Ten 2016 – Filme
1. Toni Erdmann – Regie: Maren Ade
2. Arrival  – Regie: Dennis Villeneuve
3. Spotlight  – Regie: Thomas McCarthy
4. The Revenant – Regie: Alejandro Gonzalez Inarritu
5. Bezness As Usual – Regie: Alex Pitstra
6. Captain America: Civil War  – Regie: Russo Brothers
7. Everboy Wants Some! – Regie: Richard Linklater
8. Demolition – Regie: Jaen-Marc Vallée
9. Nocturnal Animals – Regie: Tom Form
10. The Lobster – Regie: Giorgos Lanthimos

Ausser Konkurrenz:
Nick Cave & The Bad Seeds – One More Time With Feeling

letlive. ‎– If I’m The Devil… (2016)

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letlive. ‎– If I’m The Devil…
Label: Epitaph, 2016
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Hardcore

Wenn man eine Band zum ersten Mal hört ist es meist nicht so einfach, sich auf dem Album zurecht zu finden. Doch immer gibt es diesen ausschlaggebenden Moment, der die Tore öffnet und den Genuss oder die Begeisterung startet. Beim neusten Album von letlive. war es bei mir „Good Mourning America“ – ein wütendes und zugleich trauriges Lied über die Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern und den damit verbundenen Rassismus. Mit seiner eindringlichen Botschaft, dem perfekten Sample-Einstieg und fantastischen Refrain geht es direkt unter die Haut – wie auch so viele andere Stellen auf „If I’m The Devil…“.

letlive. zeigen sich auf ihrem fünften Album konstant bewusst und aktuell, wie es sich für den Post-Hardcore gehört. Somit ist die Musik auch hier ein perfekter Träger für Gedanken und Ideen, die Gruppe aus den amerikanischen Staaten wagt aber auch kleine Umwege. „I’ve Learned To Love Myself“ übt sich mit Streichern und heroischem Gesang, andere Stücke ziehen sich die breite Hose an und jagen Rotzbengel davon. Und wenn die Musik kurz in den Punk abzudriften droht, ist immer ein Refrain und eine Harmonie da, um den Karren wieder gerade zu stellen. Man denkt an Brand New oder dank dem Gesang sogar an Coheed And Cambria.

Im Gegensatz zu vielen Artgenossen wissen letlive. aber, dass man bodenständig bleiben muss und trotzdem viele spannende Ideen in die Lieder einbauen kann. Somit ist „If I’m The Devil…“ ein Wechselbad der Gefühle, gibt sich nachdenklich und knallhart. Stücke wie „Foreign Cab Rides“ packen, unterhalten und lassen über die Gegebenheiten sinnieren. Sicherlich ist nicht alles an dieser Scheibe perfekt, aber die Welt, die letlive. hervorgebracht hat, ist es ja auch zu keiner Sekunde.

Anspieltipps:
Good Mourning America, Foreign Cab Rides, If I’m The Devil…

Marillion – Waves And Numb3rs (2016)

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Marillion – Waves And Numb3rs
Label: Racket Records, 2016
Format: Doppel-CD
Links: Facebook, Band
Genre: Art-Rock

Es ist immer noch ein magischer Moment, wenn nach vielen Jahren, noch mehr CDs und viel zu wenigen Konzerten den Erstkontakt mit einer Band wieder neu aufleben kann. Marillion, die grossartigen Art-Rocker aus England, begleiten mich schon lange durch alle Gemütslagen und alles begann damals mit dem Kauf des „Anoraknophobia“-Albums, der Platte, die 2001 für die Gruppe nicht nur Pop und Prog vereinte – sondern als weltweit erstes Crowdfunding-Werk das Business veränderte. An ihrem persönlichen Festival in Holland, dem Marillion-Weekend Port Zeland, gab sich die Band 2015 die Ehre, ebendiese Platte komplett darzubieten. Dank „Waves And Numb3rs“ kann man das Konzert nun unendlich geniessen.

Am ersten Abend des Weekends wurden also von der Band und den Fans nicht nur kapuzenbestückte Jacken angezogen, sondern auch Nischeninteressen gross geschrieben. Von dem eröffnenden Rocker „Between You And Me“, über die melancholische Sinnierung „When I Meet God“ bis hin zu dem krachenden Abschluss „If My Heart Were A Ball It Would Run Uphill“ gab es über eine Stunde Marillion der frühen Nullerjahre. Die Band gab sich dabei nicht nur äusserst spielfreudig, sondern verlieh dem Album neue Energie. Marillion sind live immer eine Wucht, somit gewinnt auch „Anoraknophobia“ in jedem Belang von dieser Darbietung. Besonders Steve Hogarth am Gesang, Mark Kelly an den Synthies und Steve Rothery an der Gitarre wachsen über sich hinaus.

Sicherlich, gewisse Lieder stecken noch etwas zu stark im eher süsslichen Gewässer der Neunziger – mit Hits wie „Separated Out“ oder der spannenden Gegenwartsbetrachtung „This Is the 21st Century“ finden sich aber auch viele abwechslungsreiche Highlights. Und mit drei Zugaben füllen Marillion gleich fast die zweite Scheibe – wobei besonders beim elegischen „Three Minute Boy“ auch die Zuschauer sich verausgaben. Gerade hier zeigt sich wieder, dass dieser Abend speziell war – man spürt es an den Reaktionen, den Musikern und den emotionalen Versionen und Ansagen. „Waves And Numb3rs“ gehört in jede gute Sammlung eines Marillion- und Art-Rock-Liebhabers, und wird für immer mit dem originalen Album verbunden sein.

Anspieltipps:
Quartz, If My Heart Were A Ball It Would Run Uphill, Three Minute Boy

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

(Die Videoaufnahme stammt zwar vom Weekend 2011, aber ihr könnt es euch bestimmt vorstellen.)

Live: On The Bus, Kleine Bühne Zofingen, 16-12-16

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On The Bus
Support: Muriel Zemp
Freitag 16. Dezember 2016
Kleine Bühne, Zofingen
Bilder: Heinz Schaub

Gewisse Ortschaften brüsten sich damit, kulturell an vorderster Stelle zu stehen. Auch die Kleinstadt Zofingen im Aargau stellt sich gerne mit solchen Aussagen ins Rampenlicht. An diesem Freitagabend fand man im Kellergewölbe des Schulhauses aber Berechtigung für solche Behauptungen. Auf der kleinen Bühne gaben sich Musiker die Klinke in die Hand, welche die Besucher auf leichte Weise kurzerhand in alle Himmelsrichtungen entführten. Weiterbildung und Ausgang in einem, irgendwo zwischen Folk und Traditionen.

Muriel Zemp machte alleine mit ihren technischen Helfern den Anfang und wagte sich an eine Mischung aus Chansons aus der französischen Welt, volkstümlichen Liedern aus den felsigen Winkeln der Schweiz und eigenen Kreationen voller Sprachschichten. Die Künstlerin und Pianistin jonglierte Loop-Aufnahmen ihrer Stimme zu halben Chören und verlieh somit bekannten Stücken neue Aspekte. Schade nur, dass gerade die Momente mit künstlichen Dums und Basslinien etwas zu stark in die Welten der Alleinunterhalter abdrifteten. Muriel Zemp ist talentiert und weiss auf er Bühne auch ihren Charme geschickt einzusetzen, doch diese Aspekte machten den Auftritt etwas unschön. Und ja, wer vor Kleinkunst eine gewisse Berührungsangst hat, der war hier auch am falschen Ort.

Da tat es gut, dass mit On the Bus danach eine lokale Formation den Saal beschallte, die ihre Musik gerne auch ungekämmt stehen lässt. Unter der Leitung von Paul Hoffmann musizierte sich das Quartett von Blues über Singer-Songwriter bis hin zu Pop und Bossa Nova durch alle erdenklichen Einflüsse. Mit viel Witz, Erfahrung und gerne auch amüsanten Texten lebte die Kleine Bühne auf und das Publikum liess sich zu lauten Ovationen hinreissen. Besonders wenn Gitarrist Renato Rizzo seine Finger in unglaublichen Variationen über die Saiten gleiten liess oder Michael Hammer sein Cajón bearbeitete, hellten die Gesichter auf.

Eigentlich wäre die Band lauter und mit Schlagzeug unterwegs, die Herren verstanden es aber wunderbar, ihre Lieder in das sanftere Kleid zu stecken. Jonas Lüscher legte den Teppich mit seinem Kontrabass aus, welcher von Paul Hoffmann nur zu gerne schelmisch betreten wurde. Und ohne es zu merken, haben On The Bus somit dem eher gesetzten Publikum eine freche und spannende Darbietung von Rock untergejubelt. Es lohnt sich manchmal doch, in die Tiefen zu steigen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Immanu El – Hibernation (2016)

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Immanu El – Hibernation
Label: Glitterhouse Records, 2016
Format: CD im Digipak
Links: Facebook, Band
Genre: Post-Rock, Ambient

Es sind mehrere Jahre vergangen, seit die liebliche Band des nordischen Post-Rocks ihr letztes Album veröffentlichte. Und obwohl man es beim Anhören der Musik vermuten könnte, waren die Herren keinesfalls langsam im Kreativprozess – viel mehr mussten Immanu El gegen einige Probleme und Wirrungen ankämpfen. Mit „Hibernation“ präsentiert die Gruppe aber nun endlich ihr viertes Album, stimmungsmässig genau zur richtigen Zeit. Empfangen wir also die langen und klaren Nächte mit Liedern voller Schönheit.

Immanu El haben sich seit Karrierebeginn immer stärker von ihrer ursprünglichen Musik entfernt und zeigen auch mit „Hibernation“, dass den ehemals ausufernden Post-Rock ab jetzt andere Musiker bearbeiten dürfen. Die Schweden haben sich mit Liedern wie „Winter Solstice“ ganz klar der sanften Elektronik hingegeben und zehren von deren Atmosphäre. Nicht immer driften sie so weit in den Ambient wie bei „Dvala“, doch dieser zentrale Ruhepol passt grossartig in das Album. Die träumerische und zurückhaltende Art der Band ergibt sich vor allem mit dem zärtlichen und schier gehauchten Gesang – ein Markenzeichen, dass hier hochgehalten wird.

Mitreissend auch ohne Krach sind Immanu El immer und zeigen sich gerne verletzlich. Dies mag für manche wohl zu wenig Action bieten, ich persönlich mag aber diese klangliche Umarmung ohne Schaden. Besonders in den kalten Jahreszeiten hilft „Hibernation“, bietet das Werk doch auch plötzliche Lichtmomente wie „Mt.“ mit seinen schneller werdenden Gitarren, oder erinnert an Sigur Ros. Musik, die sich wie die ersten Schneeflocken im Gesicht und die heisse Schokolade danach anfühlt.

Anspieltipps:
Winter Solstice, Omega, Hours

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Das Pirmin Baumgartner Orchester – Schwere Knochen (2016)

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Das Pirmin Baumgartner Orchester – Schwere Knochen
Label: Lauter Musik, 2016
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Rock, Rap

Direkt und nicht selten brutal in seiner Wortwahl lässt uns Sänger Till Ostendarp mit seine Texten auf die Wahrheit prallen – die Musik hinter diesen Worten bleibt dabei immer aufwühlend und heftig. Es scheint nicht der Fall zu sein, dass das Pirmin Baumgartner Orchester auf seinem Debüt die Welt zaghaft in seinen Besitz nehmen will. Aber dieser Umstand passt auch ganz gut zu dem Wandel, den Herr Baumgartner mit dieser neuen Inkarnation durchgemacht hat. Was früher eine ausgefallene Elektro-Rock-Formation war, ist nun ein Orchester.

Natürlich, für alle die sich jetzt verwundert die Augen reiben – die Musik klingt ziemlich anders mit einer Gesamtanzahl von 18 Personen im Studio und auf der Bühne. Wer sich wie das Pirmin Baumgartner Orchester plötzlich eine grosse Bläserfraktion zu den rockenden Musiker hinstellt, der will mehr. Und so ist auch „Schwere Knochen“ ein Album voller Bonus und Zusatz. Was zuerst noch scheinbar nachdenklich und etwas zurückhaltend auf den Platz tritt, nimmt bald mit Emotionen und lauten Ausbrüchen gefangen. Man denkt nicht nur wegen dem Gesang an die Deutsche Math-Core-Helden The Hirsch Effekt. Hier geht es um alles.

Je weiter man auf „Schwere Knochen“ voranschreitet, desto mehr Schichten der Musik öffnen sich. Bläser und Schlagzeuger zeigen sich filigran und wandelbar, die Texte werden immer härter und schneidender. Plötzlich ist man zusammen mit dem Pirmin Baumgartner Orchester in Gebieten gelandet, in die sich momentan sonst nur Casper traut. Direkte Wahrheiten mit wuchtigen Melodien und Arrangements – das geht unter die Haut bis auf die..? Genau, die Kalzium-Träger werden auf beste Weise beansprucht und stecken gemeinsam mit dem Gehirn vieles ein. Doch dieses Stück Musik belohnt immer, auch wenn man zuerst blutet.

Anspieltipps:
Sieh mich an, Fremd, Blau wie das Meer

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Crystal Castles, Plaza Club Zürich, 16-12-14

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Crystal Castles
Support: Farrows
Mittwoch 14. Dezember 2016
Plaza Club, Zürich

Es ist eng, du spürst die Körper der anderen und langsam treibt dir jede Berührung den Schweiss aus dem Körper. Tanzen, springen, nicht denken. Die Augen fast immer geschlossen gibst du dich dem Chaos hin, versuchst erst gar nicht mehr, bei deinen Freunden zu bleiben und hoffst nur, dass dir niemand eine Flasche auf den Kopf schlägt. Vor deinen geschlossenen Lidern brennen sich die Lichter der Stroboskope in dein Gesicht, und immer wenn du aufschaust ist Edith wieder an einem anderen Punkt auf der Bühne. Ethan schaust du lieber nicht an, der sieht unter seinem Hoodie und hinter dem schwarzen Bart gefährlich aus – fast so wild wie die Musik, die dröhnend den Club erfüllt. Fehlen nur noch die Opfergaben – und so etwas an einem Mittwochabend.

Witchhouse, Electro-Punk oder doch Noise-Techno? Was das kanadische Trio Crystal Castles seit 2003 zusammenbraut, wäre früher bestimmt ein Grund zur Menschenverfolgung und Teufelsbeschwörung gewesen. Und wenn sich die Gruppe live dazu hinreissen lässt, ihre Lieder zu einer abendfüllenden Bestie zu formen, dann gibt es nur die Hingabe oder das Einknicken. Erstaunlich, dass der Plaza Club in Zürich von diesem Konzert nicht plötzlich Bauschäden davontrug, denn von der ersten bis zur letzten Minute des Auftritts lärmten Ethan Kath, Christopher Chartrand und die wilde Edith Frances alles nieder, was sich nicht dem Kult ergab. Bekannte Hits wie „Baptism“ oder „Intimate“ mischten sich mit neuen Stücken vom vierten Album „Amnesty (I)“ zu einem Orkan.

Die Musik von Crystal Castles wurde nie geschrieben, um glückliche Pärchen ins Bett zu begleiten – eher, um Beziehungskrisen mit Messern auszutragen. Somit war auch die Darbietung in Zürich mehr Stresstest als Konzert – was zu Beginn des Sets noch für Euphorie und Grinsen sorgte, wurde bald zu einer etwas mühsamen Prozedur. Dank immer wieder aufflammenden Highlights und der Akrobatik von Edith konnte man sich aber doch nicht wegdrehen. Das Schlagzeug und die krachenden Synthies fielen auf die Besucher wie frischer Beton, der verfremdete Gesang liess die Härchen im Ohr glimmen.

Farrows liess dabei mit seinem angenehmen Mix aus härterem Techno und mit Gesang verziertem House die Besucher des Plaza sich noch in Sicherheit wähnen – hier durfte man ohne Gefahren und Verletzungen tanzen. Doch ein solch angenehmer Einstieg war auch nötig, denn wie ein durchgedrehtes Raubtier überfielen Crystal Castles danach den Club. Und das war auch gut so, schliesslich kann man auch am Sonntag noch Tee trinken und diskutieren.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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