Monat: November 2017

Melanie De Biasio – Lilies (2017)

Melanie De Biasio – Lilies
Label: PIAS, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstlerin
Genre: Singer-Songwriter, Jazz

Wenn sich eine Person freiwillig in eine unangenehme und dunkle Kammer sperrt, dann hat diese entweder mit der Welt abgeschlossen oder sucht sich selber. Bei der belgischen Künstlerin Melanie De Biasio war es die eine lange erhoffte Möglichkeit, sich weg von der Opulenz hin zum eigenen Schaffen zu bewegen. Denn nach Ensemble-Aufträgen und Platten mit vielen Musikern stellt „Lilies“ ein Album dar, das von den Fähigkeiten der Multiinstrumentalistin und ihrer Stimme lebt. Ganz im Stile der Singer-Songwriter gibt es hier Jazz-Kleinode zu erlauschen.

Bereits „Your Freedom Is The End Of Me“ oder die Single „Gold Junkies“ zeigen den Plan auf. Präsent werden die Texte von Melanie De Biasio vorgetragen, die Musik dahinter beschränkt sich auf verstärkende Melodien, mit Pro-Tools ergänzte Rhythmen und immer etwas rauschende Wirkung. Ob Lieder wie „Let Me Love You“ nun keck mit Takt und Einsatz spielen oder „All My Worlds“ wunderbar ergreifend die Emotionen ausbreitet – dieses Album holt sich die Kraft aus dem sanften Gewand. Man spürt, dass De Biasio ihre innersten Wünsche erfüllen konnte.

„Lilies“ ist somit als drittes Studioalbum der wunderbaren Sängerin keine Scheibe, die unkonventionelle Wege beschreitet – dafür wie ein hübscher Diamant im Mondschein funkelt. Melanie De Biasio lädt zum Schunkeln ein, lockt mit ihrem Gesang und erzielt ein zeitloses Gefühl. Zu keiner Sekunde hat man das Gefühl, hier fehle das Volumen, vielmehr pendelt sich das Album perfekt zwischen Lo-Fi und vertrauter Zweisamkeit ein. Seit knapp 30 Jahren ist die Dame musikalisch aktiv, ihren Zenit hat sie glücklicherweise noch lange nicht erreicht.

Anspieltipps:
Gold Junkies, Lilies, All My Worlds

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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UUUU – UUUU (2017)

UUUU – UUUU
Label: Editions Mego, 2017
Format: Download
Links: Soundcloud, Bandcamp
Genre: Electronica, Noise, Experimental

Das Aufkommen von Struktur und angenehmem Songwriting muss unterdrückt werden! Kakophonisch verlaufende Instrumentierungen und lärmende Effektgeräte zerstören auf bestialische Art Harmonien, wilde Perkussion bringt jeden Rhythmus zum Stolpern. „The Latent Black Path Of Summons Served“ ist kein einfacher Beginn auf „UUUU“, er zweigt am Schluss schon fast in den atonalen Free Jazz ab. Doch der Zusammenschluss von Musikern bekannter Gruppen wie Wire, Spiritualized oder The Oscillation verspricht schliesslich auch auf dem Papier keine billige Entspannung – Vorhang auf für UUUU.

Wie vier Gefässe, bereit, um mit abgefahrener Musik gefüllt zu werden, steht der Bandname des neuen Projektes von Edvard Graham Lewis, Matthew Simms, Thighpaulsandra und Valentina Magaletti da. Beheimatet in der experimentellen Welt von Noise-Electronica und avantgardistischem Art-Rock versuchen UUUU mit diesem selbstbetitelten Album alle Regeln zu vergessen. Jedes Stück entwickelt sich dahin, wo es muss, ohne gezwungen zu werden. „Five Gates“ wandelt so während 16 Minuten zwischen Indie-Rock, Todes-Ambient und Doom-Endzeit.

Der schizophrene Pop wird in „Boots With Wings“ ausgelebt und auch der Krautrock schaut vorbei. Diese acht Lieder bieten also von etwas bestimmt nicht zu wenig: Abwechslung. Wer sich gerne ohne Scheu und Angst neuer Musik entgegenstellt, der wird mit dem ersten Werk von UUUU auf allen Kanälen belohnt. Handgemacht, impovisiert, gnadenlos und immer auf der Suche nach neuen Wahrheiten – hier erhält man ein Hybridwerk, das eine Ausnahmestellung im Plattenschrank einnimmt.

Anspieltipps:
Five Gates, Boots With Wings, Verlagerung Verlagerung Verlagerung

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

David Gilmour – Live At Pompeii (2017)

Band: David Gilmour
Album: Live At Pompeii 
Genre: Art Rock / Rock

Label/Vertrieb: Columbia
VÖ: 29. September 2017
Webseite: davidgilmour.com

Eigentlich verläuft alles seit vielen Jahren immer gleich. Ein ehemaliges Mitglied von Pink Floyd veröffentlicht ein neues Soloalbum, tourt spektakulär um die Welt und filmt die Konzerte. Aus diesem Material wird ein Film geschnitten, für einen Tag in den Kinos gezeigt und dann als Livealbum veröffentlicht. Live, play, repeat. Dass sich „Live At Pompeii“ von Gitarrist und Sänger David Gilmour aber doch abhebt, ist vor allem dem Ort der Aufnahme geschuldet. 45 Jahre nach dem grossartigen Konzertfilm der Art-Rocker kehrte der Künstler 2016 in das Amphitheater zurück und zelebrierte die Platte „Rattle That Lock“ und bekannte Klassiker von Pink Floyd.

Natürlich ist es etwas fragwürdig, wie oft man sich Songs wie „Comfortably Numb“, „Money“ oder „Time / Breathe“ noch in neuen Aufnahmen anhören und ins Regal stellen will. Die Auftritte von David Gilmour müssen dies für die Konzertbesucher natürlich beinhalten – trotzdem wäre es doch die perfekte Gelegenheit gewesen, in Pompeii wieder die alten und psychedelischen Floyd-Momente aufzugreifen. Nebst „One Of These Days“ gibt es aber vor allem die zugänglichen Tracks. Was dann wiederum gut zur Auswahl des Solomaterials passt, liegt das Augenmerk natürlich auf „Rattle That Lock“ und „On A Island“. Gemächlich schunkelt man zu leichtem Rock, die visuelle Show strahlt in den dunklen Himmel.

Nebst dem bekannten Rund-Screen gab es Laser, Pyrothechnik und hell erleuchtete Gesichter – alles wunderbar auf der Bluray nachzuverfolgen. Dass David Gilmour keine halben Sachen mehr macht, sollte jedem bekannt sein. Trotzdem schafften es der Musiker und seine perfekt aufspielende Band auch bei „Live At Pompeii“ wieder, den Abend intim wirken zu lassen. Somit ist dieses Livealbum sicher nicht überflüssig und gerade als tolle Deluxe-Version eine nette Sammlungsergänzung. Am besten funktioniert die Scheibe aber als Einstieg in die weite Welt von Pink Floyd – hoffentlich erreicht Gilmour hiermit die neue Generation.

Anspieltipps:
Rattle That Lock, What Do You Want From Me, Sorrow

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Echolot – Volva (2017)

Echolot – Volva
Label: Czar Of Crickets, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Psychedelic, Stoner Rock, Doom

Mathematik umgibt und durchdringt alles, auch in der Musik. Doch es ist auch verständlich, dass man sich als Band nicht auf reine Zahlenspiele beschränken will. Somit heisst das erste Album von Echolot nicht „XIV“, sondern „Volva“. Das Basler Trio führt mit dieser Scheibe aber inhaltlich fort, was auf der ersten Veröffentlichung „I“ begann – und nummeriert auch gleich die Lieder brav mit römischen Ziffern. Dazu erhält man lange Tracks voller Heavy Rock und Einflüsse, die so manche bekannte Band zitieren.

Ob Stoner Rock, Psychedelic oder schwerer Doom, bei Echolot vermengt sich alles zu einem atmosphärischen Amalgam. Gitarre, Bass und Schlagzeug reichen aus, um das Gehirn mit Riffs und Sounds zu überschwemmen. Dabei wechseln die Musiker zwischen ausufernden Findungspassagen und direkten Ausführungen. Ob sich die Musik dabei tonnenschwer dahinpflügt wie bei Black Sabbath oder sich zwischen Komentenschweife von Pink Floyd schlängelt, alles treibt nach vorne.

Schade nur, dass Echolot bei all diesen Ideen und der Energie es leider nicht immer schaffen, zum Punkt zu kommen. Manchmal beschleicht einem das Gefühl, dass den Liedern auf „Volva“ eine Explosion besser getan hätte, anstatt das lange umherwabern. Sicherlich, diese Klänge sind nicht am Reissbrett aufgezogen sondern durch Bauch und Gefühl entstanden. Genau deshalb wird das Trio auch live alle Bühnen ebnen und die Leute auf ihre Seite ziehen. Für das Wohnzimmer fehlt aber noch etwas der letzte Kick. Doch dieser bringt bestimmt „VI“.

Anspieltipps:
II, IV, V

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Glaston – Inhale / Exhale (2017)

Glaston – Inhale / Exhale
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Post-Rock

Erst kurz durchatmen: Ist dies wirklich das Debüt von Glaston? Die Post-Rock-Truppe aus Zürich und Basel begleitet mich schon seit längerer Zeit und ihre Auftritte waren immer eine Wucht an voluminöser Musik. Aber ja, nach der Veröffentlichung der EP „Sailing Stormy Waters“ im Jahre 2014 hiess es ausharren und sich mit einzelnen Vorboten zufrieden zu geben. Doch jetzt ist es da, „Inhale / Exhale“ – Kummulation jahrelanger Arbeit und Bühnenpräsenz. Und es ist nicht nur ein abwechslungsreiches, sondern auch ein packendes und tiefgängiges Album des instrumentalen Post-Rock geworden.

Bereits mit dem episch grossen „Game Of Thones“ laden uns Glaston dazu ein, tief in ihre Welt aus traumwandlerischen Melodien und dynamischen Soundwänden einzutauchen. Dank der gemeinsamen Leitung von Klavier und Gitarre schafft es das junge Quartett locker, sich mit ihrer Musik von Szenengrössen wie Explosions In The SKy oder God Is An Astronaut abzuheben. Denn obwohl der Post-Rock hier klassisch angegangen wird, findet man in Liedern wie „Sunnar“ oder „Mariana Trench Skyscraper“ genügend Frechheit und Wagnis. Es blitzt der Doublebass auf, Gitarrenriffs bekehren leise Songs zu ungezähmten Monstern, der Bass lädt zum Tanze ein.

Glaston zelebrieren auf ihrem ersten Werk die Erzählweise ohne Worte und fallen nie in einen Graben der langwierigen Repetition. Viel eher wissen sie zwischen Longtracks und kurzen Songs abzuwechseln, lassen den einzelnen Instrumenten Raum und gehen Lieder wie „Levitating“ verspielt an. Das führt sogar zu Reminiszenzen an Künstler wie Francesco Tristano, das Klavierspiel bei „Ritou“ könnte aus seinen Händen gepurzelt sein. Doch hier gibt es mehr als Vergleiche, hier gibt es wildes wie „Implosions And Her“, hier gibt es Rockmusik erster Güte. Hier gibt es Glaston.

Anspieltipps:
Sunnar, Implosions And Her, Ritou

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Godspeed You! Black Emperor – Luciferian Towers (2017)

 

Godspeed You! Black Emperor – Luciferian Towers
Label: Constellation Records, 2017
Format: Vinyl im Gatefold
Links: Discogs, Bandcamp
Genre: Post-Rock, Noise

Leise und angenehm war das kanadische Kollektive mit dem klingenden Namen Godspeed You! Black Emperor noch nie anzuhören. Viel eher steht die Band seit ihrer Gründung 1994 für eine extreme Kraft im lärmenden Post-Rock. Ihre Lieder waren schon immer lang, laut, kryptisch – und natürlich instrumental gehalten. An dieser Formel ändert sich auch beim neusten Werk „Luciferian Towers“ nichts, es ist aber doch erstaunlich, wie wütend das Album teilweise erklingt. Efrim Manuel Menuck und seine Leute haben hier einiges rauszulassen.

Höhepunkt und schon fast unbändige Explosion stellt dabei das zweite Lied „Bosses Hang“ dar. Während einer Viertelstunde treffen hier Gitarren, Violine und Klavier aufeinander um sich gegenseitig zu zerfleischen und einen Strudel aus kratzender Bissigkeit zu generieren. Dieser sonische Angriff zermürbt die Statik der modernen Skylines und lässt Wolkenkratzer in sich zerfallen. Und genau gegen diese Symbole der kapitalistischen Verrohungen kämpfen Godspeed You! Black Emperor mit diesem Album an. Nieder mit dem ausbeuterischen Wohlstand von Wenigen, weg mit all dieser Ungerechtigkeit.

Um sich für diesen Kampf zu sammeln und die Schlachten ausdauernd schlagen zu können, bietet „Luciferian Towers“ aber auch etwas weniger brutale Stücke. „Anthem For No State“ ist das Paradebeispiel für die Musik von Godspeed You! Black Emperor – von stillen Takten zu erdbebenähnlichen Ergüssen. Orgel und Bass legen die Drones, eine halbe Garnison an Musikern erbaut darauf die Apokalypse. Bei „Fam_Famine“ regieren hingegen die wehleidigen Noten und melancholischen Noise-Momente. Überraschend schnell nach „Asunder, Sweet and Other Distress“ zementieren GY!BE somit den Beweis, dass man nebst dieser Band keine andere aus dem Post-Rock hören muss. Ein Klangereignis wie dieses hier zu verpassen ist aber strafbar!

Anspieltipps:
Undoing A Luciferian Towers, Bosses Hang, Anthem For No State

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Match & Fuse Festival, Zürich, 17-09-30

Match & Fuse Festival
Bands: Farvel / The True Harry Nulz / Colin Vallon Trio / Øyunn / KALI / Lucia Cadotsch
Diverse Orte – Zürich
Samstag 30. September 2017
Website: matchandfuse.ch

Zusammenbringen, austauschen, leihen und ergänzen – das Match & Fuse Festival steht für neue Entwicklungen in der Musik und das Verbinden von diversen Künstlern zu neuen Formationen. Und wenn sich am Freitagabend in Zürich die Damen und Herren vor allem dafür einsetzten, den Jazz auf moderne Weise mit elektronischen Stilarten zu verbinden, dann stand der Samstag ganz im Zeichen von Gruppierungsexperimenten und Bühnenbesuchen. So lauschten die Besucher im Moods und Exil zwar eher klassischen Darbietungen des Jazz, waren aber Zeugen einiger Premieren.

Bereits die erste Band schickte neuste Songs durch den Raum des Exil und verzauberte die Anwesenden mit ihrem organisch verwunschenen Liedergut. Farvel aus Schweden kombinierten Piano, schier animalische Gesänge und verspieltes Drumming mit der ersten Performance von Tenor-Saxophonist Otis Sandsjö – noch diverse weitere folgten an diesem Abend. Jetzt hiess es aber abtauchen in eine Waldwelt voller leise erzählten Geschichten und lauten Ausbrüchen.

Da fiel der Wechsel zu The True Harry Nulz etwas schwer, vermischten sich im Moods nämlich nicht nur zwei Bands aus Österreich (Edi Nulz) und der Schweiz (The Great Harry Hillman), sondern auch komponierte Stücke mit langen Inspirationen und Improvisationen. Als ob man die Bühne in der Mitte gespiegelt hätte, gaben sich zwei Schlagzeuger, zwei Gitarristen und zwei Bassklarinetten Zeichen und Akzente. Beim Colin Vallon Trio lief es wieder einiges geregelter, auch wenn die elektrische Besetzung mit Rhodes und Julian Sartorius am Schlagzeug in dieser Form eine Premiere war. Mit der Unterstützung eines gewissen Herrn Sandsjö lieferten die Mannen ein beeindruckendes Set.

Was hier an Wucht und Geschwindigkeit zu Höchstleistungen führte, war bei der folgenden Darbietung der norwegischen Künstlerin Øyunn dann vor allem die Abkehr ebendieser Eigenschaften. Die blonde Dame streichelte ihr Schlagzeug und sang sanfte Melodien, Bass und Piano untermalten ihre angenehmen Lieder, die auch gerne etwas im Pop landeten. Diese Stücke waren klar das Licht zu dem lauernden Schatten, der sich unter der Leitung von KALI im Exil ausbreitete. Das Schweizer Trio bewegte sich mit seinen unvorhersehbaren Werken zwischen den jazzigen Phasen von Robert Fripp und der Bosheit von The Shining. Kammerleichte Spielereien wechselten sich mit extremen Verzerrungen der Gitarre ab und endeten in wahrem Donnergrollen. Diese Formation muss man sich merken, ihr erstes Album erscheint in wenigen Monaten.

Vom Match & Fuse Ensemble wird man hingegen wohl nicht so schnell etwas käuflich erwerben können, gaben sich hier doch fünf Musiker aus diversen Ländern zu neuen Versuchen hin und liessen Musik, welche zuvor in Irland erdacht wurde, auf den Schweizer Boden treffen. Womit die Bühne für eine weitere Rückkehr frei gemacht wurde: Sängerin Lucia Cadotsch verliess für einmal ihre Wahlheimat Berlin und trat mit ihrem neuen Speak Low Trio auf. Otis Sandsjö und Petter Eldh wehrten sich gegen streikende Instrumente und zu klare Songstrukturen, Lucia wandelte durch Chansons und Erzählungen.

Und während sich diese Lieder im Scheinwerferlicht sonnten, wurde die Bühne von immer mehr Musikern bevölkert und man wurde Zeuge von einem erneuten Umdenken der bekannten Lieder mit der Band Speak Low Renditions. Eine perfekte Verkörperung des Festival-Geistes und der bisher erlebten Konzerte – und ein weiteres Ausrufezeichen für Match & Fuse. Denn die erste Schweizer Ausgabe war nicht nur vorzüglich organisiert, sondern ein wahrer Fundus an neuen Klangquellen, Talenten und Visionen. Die Welt des Jazz atmet auf viele Weisen, die wohl besten durfte man an diesen Tagen erleben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Sum Of R – Orga (2017)

Sum Of R – Orga
Label: Czar Of Crickets, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Dark Rock, Instrumental

Bedrohlich anmutend schleichen die Synthies umher, einzelne Klänge werden immer wieder im Echo ertränkt, leichte Perkussion ebnet den Weg. Spätestens dann, wenn man das Labyrinth bis zu „Desmonema Annasethe“ erforscht hat, wähnt man sich in Unterwelten der organischen Musik – ihren Ursprung im Dark Ambient findend. Sum Of R, seit neustem als Duo unterwegs, wagen sich auf „Orga“ an dunkle Rockmusik, die instrumental und zurückhaltend gross angelegte Geschichten erzählt. Immer in den Schatten lauernd und sich mit einer Kutte bedeckt haltend.

Erdacht von Reto Mäder, darf man mit dem Gütesiegel Sum Of R seit 2008 Musik erforschen, die eher in Richtung Hörspiel als klassische Songkonstellationen zielt. Dies macht auf dem dritten Album bereits der Anfang mit „(Intro) Please Ring The Bells“ klar, der mit effektvoll veränderten Stimmen und elektronischen Spielereien das Tor zu einer neuen Welt öffnet. Danach gesellt sich zwar mit jedem Track eine weitere Ebene wie das Schlagzeug (gespielt von Fabio Costa) oder Industrial-artige Muster dazu, laut und brutal wird es aber nie. Viel eher liegt die Wucht des Duos in den Repetitionen und Reduktionen.

Wie es bei guten Kunstwerken der Fall sein sollte, liegt auch in „Orga“ viel Kraft in der Suggestion. Drones und Ambient-Flächen wandeln durch den Kopf, nie ist man sich ganz sicher, was wirklich zu hören oder doch nur zu denken war. Sum Of R überraschen also nicht nur damit, dass ihre Musik extrem zurückhaltend ist, sondern in diesen konzentrierten Kompositionen ungeahnte Tiefen lauern. Und auch wenn das Absteigen in diese Gruften zuerst unangenehm erscheint, Erlösung und Befreiung sind garantiert.

Anspieltipps:
We Have To Mark This Entrance, Desmonema Annasethe

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Tangerine Dream – Quantum Gate (2017)

Tangerine Dream – Quantum Gate
Label: Kscope, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Electronica, Ambient

Es schien alles vorbei zu sein, als Gründer und Legende Edgar Froese 2015 diese Realität verliess, um seine Musik nun anderswo zu verbreiten. Seine 1967 in West-Berlin gegründete Band Tangerine Dream war aber schon immer mehr als ein an Menschen gebundenes Projekt. Die extrem einflussreiche Formation der elektronischen Musik hat nämlich nicht nur viele Leben verändert, sondern auch Genres begründet und die Electronica neu erfunden. „Quantum Gate“ öffnet nun die Tore für eine neue Version der Band – zeitgemäss verankert, aber dem Vermächtnis treu bleibend.

Thorsten Quaeschning, Ulrich Schnauss und Hoshiko Yamane drehen an den Knöpfen der Sequenzer, lassen die Saiten an Gitarre und Geige schwingen und tauchen tief in die hypnotischen Welten der elektronisch erzeugten Lieder ein. Wie es sich für die Tradition von Tangerine Dream gehört, wird den einzelnen Tracks genügend Zeit gelassen. Bis zu einer Viertelstunde dürfen sich Muster und Rhythmen wiederholen und spiralförmig steigern. Stücke wie „Sensing Elements“ basieren auf Klangformationen aus den Synthies und werden leicht mit den Saiteninstrumenten angereichert – sanfte Beats pochen im Hintergrund.

Es ist aber klar, dass man auch als Trio mit dem Namen Tangerine Dream nicht komplett in den vergangenen Jahrzehnten hängen bleiben kann, und so wagen es die Künstler hier, gewisse Stücke mit etwas mehr Modernität zu versehen. „It Is Time To Leave When Everyone Is Dancing“ oder „Roll The Seven Twice“ lassen so die Füsse stärker zappeln als die Gedanken reisen und wagen sich etwas weiter weg von der Meditation. Trotzdem, „Quantum Gate“ wagt sich nicht nur an den Versuch, Physik-Theorie mit Klang zu vermengen, sondern weist auch den Weg in eine neue Ära.

Anspieltipps:
Sensing Elements, Non-Locality Destination, Genesis Of Precious Thoughts

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Match & Fuse Festival, Zürich, 17-09-29

Match & Fuse Festival
Bands: Tobias Preisig / Schnellertollermeier / Soccer96 / In Girum / IOKOI & ARIA
Freitag 29. September 2017
Diverse Orte, Zürich
Website: matchandfuse.ch

Ein einzelner Funke reicht aus, um Welten zu verschmelzen, die man danach nie mehr trennen möchte. Ob man dazu mit Streichhölzern agiert oder Sicherungen durchbrennen lässt, beim Festival Match & Fuse ist alles möglich und vieles erlaubt. Seit fünf Jahren steht die Vereinigung dafür ein, in Europa eklektische Bands und Künstler zusammenzuführen und die experimentelle Kreativität zu zelebrieren. Jetzt endlich hat es das Fest auch nach Zürich geschafft. Gleich an drei Abenden werden Gesprächsrunden, Konzerte und Jamsessions angeboten, immer mit einem Fuss im gesunden Wahnsinn.

Wenn es an etwas am Freitagabend im Moods und der Laborbar nicht mangelte, dann waren es gespielte Noten. Woraus andere Bands wohl Jahrzehnte an Alben schöpfen würden, reichte bei den hier spielenden Formationen für kurzweilige Stunden an den Instrumenten. Tobias Preisig, Lokalmatador und eine der beiden Hälften des Duos Egopusher, eröffnete die Nacht mit einer Solodarbietung an der Geige. Verändert, erweitert und verzaubert mit Gerätschaften und Basspedalen klang seine Musik mal bedrohlich wie der Chorgesang des Monolithen in „2001“, dann wieder wie eine ferne Stimme in der arabischen Wüste.

Feinste Berührungen an den Saiten wurden brummend durch das Moods getragen, mal wild dann wieder hypnotisch – das Streichinstrument wurde zu einem wundersamen Klangkörper. Diese Art der entrückten Verzauberung nutzten auch die zwei Frauen von IOKOI & ARIA, welche mit Videoprojektionen, Synthies und Gesang Lieder aufbauten, die eine düstere Björk auf die psychedelischen Flüsse von The Legendary Pink Dots treffen liess. Zwischen Performance, Installation und Auftritt parkiert wanderte das Duo zwischen Pop und Absturz und machte die Besucher zu einem wichtigen Bestandteil des Auftrittes.

Wer mit dieser Rolle etwas überfordert war, der fand bei den Schweizern Schnellertollermeier eine Darbietung, die vor allem zum Zucken und Staunen einlud. Das Trio musizierte sich mit extremer Präzision, unendlicher Energie und grosser Spielfreude durch instrumentale Lieder, die sogar Frank Zappas Schnauz gezwirbelt hätten. Mit Gitarreneffekten wie bei Battles, einem göttlichen Bassspiel und unermüdlichem Schlagzeuger wurden lange Lieder perfekt auf- und abgebaut. Schwarzer Jazz mit feinen Strukturen, ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst.

Da war es fast entspannend, dass mit Soccer96 aus England und In Girum aus Frankreich dann zwei Duos folgten, die sich auf Synthie und Schlagzeug beschränkten. Wobei am Match & Fuse ja einzelne Instrumente ausreichen, um alle Konventionen zu sprengen: So galt es hier die Fahne der Polyrhythmik hochzuhalten, gleichzeitig aber die Realität mit langen Liedern und flächigen Melodien zu verwischen. Soccer96 tummelten sich mit ihren Songs näher am Club, scheuten weder vor Vocoder noch bunten Farben zurück. Dies führte zu langen Gedankenflügen und einem Trancezustand beim Tanzen.

In Girum lauerten danach auf der dunklen Seite der Gasse und mischten vor allem Direktheit und kühlen Druck in die Musik. Auch wenn eine solche Masse an Musik etwas überfordern konnte, mitreissend und fesselnd war auch dieser im Halbdunkel gespielte Auftritt. Was perfekt passte, halten sich doch alle Künstler und auch die Initianten dieses Festivals gerne in Zwischenwelten auf und suchen in den Mischmengen die Erlösung. Als Besucher fand man diese am Freitag mindestens einmal pro Stunde und Konzert – und musste vor Genialität der Musik immer wieder glücklich lachen. One down, one to go.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.