Dance

Franz Ferdinand – Always Ascending (2018)

Ja aber Franz, wo warst du denn so lange? Nach deiner Geburt 2002 in Schottland hast du mit deinen ersten drei Alben nicht nur den damaligen Indie-Rock stark geprägt, sondern so manche Jungendzeit mit tollen Tanzhits und Stilberatungen ausgestattet. Dann dauerte es vier Jahre bis zu „Right Thoughts, Right Words, Right Action“ und gewissen psychedelischen Ausflügen – und nun sogar fünf Jahre, bis es wieder heisst: Franz Ferdinand sind zurück und zeigen auf „Always Ascending“, dass sie ihre Vergangenheit mit frischen Gedanken zu kombinieren wissen.

Aber natürlich sind auch die typischen Stakkato-Gitarren, die hüpfenden Takte und der unwiderstehliche Gesang von Frontmann Alex Kapranos weiterhin unverkennbar. Der Titelsong versucht sich zwar mit Chorgesang, Synthieuntermalung und viel Echo etwas zu tarnen, auch „Lazy Boy“ will eher zu Talking Heads oder Krautpop gezählt werden als dem Indie. Spätestens mit „Paper Cages“ sollte aber klar sein: Der Art-Indie nimmt weiterhin die vorherrschende Stellung ein. Und mit „The Academy Award“ haben Franz Ferdinand sogar wieder einen Song geschrieben, der auch auf dem Debüt geglitzert hätte.

„Always Ascending“ ist also ganz klar eine Platte, die mit jedem Lied frische Farbtupfer auf die Leinwand aufträgt und dabei genügend geübt im Mischen ist, um nicht in einer grauen Suppe zu landen. „Huck And Jim“ holt die brummelnden Bässe und lauten Gitarren herbei, „Slow Don’t Kill Me Slow“ lädt zum romantischen Tanz auf der Schulfeier. Und auch wenn all diese Einflüsse und Ideen nicht gleich gut funktionieren wollen, das fünfte Album von Franz Ferdinand ist eine interessante Rückkehr. Nie bettet sich die Truppe auf alten Grosstaten, immer wird alles etwas weitergesponnen. Ein Experiment war ja noch nie falsch.

Anspieltipps:
Always Ascending, The Academy Award,

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Baby Raptors – The Deluxe Edition (2018)

Pastellfarben auf dem Cover, lange gefärbte Harre, enge und knappe Kleidung, aufblasbare Raptoren – alles ist vorhanden. Moment, kleine Plastikdinosaurier? Ja, bei Tora Fisher aus Brooklyn wird die Identität mit diesen kleinen Urzeitechsen definiert, darum auch der Name Baby Raptors. Zusammen mit Produzent Justin Nealis sorgt sie seit 2015 für tanzbaren Electro-Pop, der sich zwar etwas in die Vergangenheit lehnt, aber das Zeitalter der Menschen nie verlässt. Mit „The Deluxe Edition“ erscheint die erste EP nun als längere Platte.

Darauf sind nicht nur sechs Lieder zwischen Wave, Dance und Synthie-Pop enthalten, sondern auch gleich noch zwei Remixe. Diese mal aussen vor gelassen, bietet „The Deluxe Edition“ eine angenehme Mischung aus simplen Songs und versteckten Eigenheiten. Baby Raptors starten zwar mit Musik, die man eher von Kylie Minogue erwarten würde, schleifen spätestens mit „Lost Boi“ dann aber die Zähne und finden mit „I Am My Only Love“ gleich einen Hit, der sich nicht ausgelassen sondern eher nachdenklich präsentiert. Modern im Klang und auf den Punkt produziert ist dabei alles.

Sicher, neu erfinden Baby Raptors das Rad des elektronischen Pop nicht, viel eher hört man in jedem Lied andere bekannte Namen heraus. Dies tut dem Spass aber keinen Abbruch und schnell findet man sich in dieser Welt zwischen Synthiesmelodien, Beatgerüsten und angenehmen Gesang zurecht. Und wenn man mit den Remixen tief in die Nacht eintaucht, dann gibt es sowieso nur noch Gründe zum Feiern. „The Deluxe Edition“ könnte zwar etwas länger dauern, rechtfertigt aber auf jeden Fall den Platz dieser Künstlerin im Dance-Umfeld.

Anspieltipps:
Lost Boi, I Am My Only Love, Strangerz

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

St. Vincent – Masseduction (2017)

„Masseduction“ würde sich wohl dann am besten erklären lassen, wenn man jedes einzelne Lied auf dieser Scheibe getrennt besprechen würde – es passiert einfach so extrem viel auf dem fünften Album der amerikanischen Künstlerin St. Vincent. Kein Wunder, ist das Werk schliesslich die Kulmination aus langjähriger Arbeit, Textentwürfe und musikalischen Skizzen, wirkt aber trotzdem nicht verzettelt. Viel eher ist es ein heller Stern des futuristischen Pop und Dance.

Wenn St. Vincent mit ihrer angenehmen Stimme den Textreigen auf Pillen bei „Pills“ anstimmt, die Musik dabei zwischen hüpfenden und trockenen Beats und flirrenden Synthieflächen wechselt, die verzerrte Gitarre das Lied kapern lässt und am Ende den Alternative Rock im Rückspiegel stehen lässt, dann erkennt man die Vielfalt von „Masseduction“. Ohne Berührungsangst und Konventionen werden hier Synthie-Pop, Dreampop, New Wave und Rock zu einem Koloss zusammengeführt, der weder Übergewicht noch ADHS aufweist. Denn eigentlich ist alles eine sehr persönliche Betrachtung.

St. Vincent, welche seit 2003 die Welt mit ihrer andersartigen Musik bunter gestaltet, hat sich für „Masseduction“ nämlich nicht nur die Haare schwarz färben und strecken lassen, sondern die Narration wie ein Spiegelbild benutzt. Hier geht es nicht um stilistierte Figuren sondern die Wahrheit, verpackt in laute Riffs und pochende Beats. Schön ist dabei, dass jedes Lied wie eine eigene Identität besitzt und damit gewinnt. „Sugarboy“ könnte von Goldfrapp stammen, „Fear The Future“ von einer EMA aus Zucker – aber im Herzen sind alles knuffige Kinder von Annie Clark.

Anspieltipps:
Pills, Los Ageless, Fear The Future

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Noga Erez, Papiersaal Zürich, 17-12-04

Noga Erez
Support: Pamela Mendez
Montag 04. Dezember 2017
Papiersaal, Zürich

Beruhigend – das ist es, wenn junge Künstlerinnen und Künstler live auf der Bühne genauso packend und gut sind, wie auf ihrem Album. So wurden meinen kleinen Zweifel, ob den Noga Erez ihre packenden Tanzsongs von ihrem Debüt „Off The Radar“ auch live so mitreissend darbieten kann, bereits nach wenigen Sekunden weggefegt. Denn die Frau aus Israel wirbelte nicht nur wie ein revolutionärer Umsturz über die Bühne, sie zeigte sich geschmacks- und stimmsicher und holte das Maximum aus ihren Songs heraus. Montags im Papiersaal, so wird eine Woche gestartet.

Der Einstieg war aber noch weit weg von ausgeflippten Partys zwischen Betonruinen und Aufstände mit Beats – die Berner Singer-Singwriterin Pamela Mèndez liess das Publikum ihrer Stimme, Gitarre und neuen Songs von der EP „World Of Nothing“ lauschen. Kleinode, zerbrechlich aber erstarkt dargeboten, passend zum Inhalt über die Gedankengänge des Seins in unserer Welt. Und natürlich ein weiterer unumstösslicher Beweis, dass die Frauen unsere Welt schon bald zu etwas Besserem führen werden. Dies zog sich als Thema durch den gesamten Konzertabend in Zürich.

Bei Noga Erez hat dies noch viel härtere und schmerzvollere Hintergründe, stammt die Musikerin doch aus Tel Aviv und kennt Krieg und Unterdrückung nicht nur aus den Abendnachrichten. Doch anstelle daran zu zerbrechen, hat sie ihre Gedanken, Wut und Energie dazu gebraucht, um der Welt treibende und moderne Popmusik zu schenken. Schön zu sehen, dass Songs wie „Balkada“ oder „Noisy“ weltweit auf Gegenliebe stossen und Erez eine erfolgreiche Konzerttour feiern kann. Und so war auch die Darbietung im Papiersaal nach „Radarmix“, dem instrumentalen Intro ihrer sehr talentierten Begleiter, schnell eine ausgelassene Feier voller Tanzschritte und Lichtblitzen.

Irgendwo zwischen Trap, Dance-Pop und rhythmisch vertrackter Electronica angesiedelt, waren Lieder wie „Toy“ oder das bisher unbekannte „Sunshine“ Gewehrkugeln, die in die Geister und Glieder der Besucher eindrangen, und ihnen einen lauten Spiegel vorhielten. Noga Erez sang, sprach und schrie dazu beeindruckend und trieb sich und ihre zwei Mitmusiker an den elektronischen Drums und Synthies zu Höchstleistungen an. Mit Krachern wie „Off The Radar“ und natürlich „Dance While You Shoot“ wurden grosse Probleme plötzlich greifbar, die Zukunft bekam eine neue Perspektive. Und wer Noga dabei beobachten konnte, wie glücklich und begeistert sie auf der Bühne umhertanzte, der hatte sich gleich ein doppelt so langes Set gewünscht. 1, 2, 3 – I’m Peaking!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

KLLO – Backwater (2017)

Falls jemand von euch schon einmal an einem The XX-Konzert war und dort zwischen ausflippenden Teenagern und verwunderten Eltern sich fragte, wieso denn hier nie wirklich Tempo ins Spiel kommt, für den könnte das Debütalbum von KLLO etwas sein. Das Duo Chloe Kaul und Simon Lam versucht sich seit 2014 daran, modernen Electro-Pop mit hübschen Gesängen und eigenen Erfahrungsgeschichten zu verbinden. Nach diversen Singles ist „Backwater“ nun die Kumulation dieser Versuche.

Mit wunderbar pochendem Beat, düsteren Synthieflächen und melancholischem Gesang beginnt die Scheibe mit „Downfall“ auch gleich lockend – leider versteckt sich im Song aber eine zu prophetische Kraft. Denn obwohl KLLO die eigenen Eindrücke der zwei Australier mit angenehmem Dance verbindet und somit den Hörer am Heranwachsen dieser zwei noch jungen Künstler teilhaben lässt, verliert „Backwater“ ab der Hälfte leider viel Schwung. Da helfen auch die Rhythmen und Takte von UK Garage und 2-Step nicht viel weiter.

Denn wenn sich KLLO plötzlich doch entscheiden, ihre Musik wieder etwas weg vom tanzbaren Gebiet und stärker in die träumerischen Erzählungen des Electro-Indie zu bringen, dann werden die Vergleiche zu The XX wieder zu intensiv. Tracks wie „Still Motion“ sind aber energiereiche Perlen, die sich zwischen Burial und SBTRKT bewegen und eine grosse Reife ausstrahlen. Somit ist „Backwater“ am Ende eine Scheibe, die sich vieles erlaubt und somit auch angenehm überrascht, aber die Komfortzone doch nicht endgültig verlassen will.

Anspieltipps:
Downfall, Virtue, Making Distractions

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Odesza – A Moment Apart (2017)

Band: Odesza
Album: A Moment Apart
Genre: Electro / Pop

Label: Counter
VÖ: 8. September 2017
Webseite: odesza.co

Elektronische Musik hat in den letzten Jahren in den amerikanischen Staaten ja nicht nur wieder im Massenbereich Fuss gefasst, sondern auch weltweit für neue Einflüsse und Chartstürmer gesorgt. Odesza, ein Duo aus Seattle, macht vor allem mit tanzbaren und gefühlvollen Pop-Hits von sich reden und beweist auch mit dem dritten Studioalbum, dass die Ideen noch lange nicht ausgehen werden. Denn auf „A Moment Apart“ treffen nicht nur diverse Gäste auf digitale Klangwelten, sondern auch Synthie-Pop auf Entspannungsmusik der Zukunft und Indietronica.

Mit dem Titelsong wird gleich eine leicht melancholische Stimmung geschaffen, die je nach Gastsänger und Tempo der folgenden Songs noch verstärkt wird. Odesza lassen ihre Musik dabei immer in die Gebiete treiben, die ein Track verlangt. „Higher Ground“ mit Naomi Wild ist ein schöner Tanzmoment mit den Armen in der Luft, „Across The Room“ (feat. Leon Bridges) zollt Moby den Tribut und „Just A Memory“ lockt mit Regina Spektor auch Gitarren-Huldiger unter die Glitzerlichter. Dank instrumentalen Unterbrechungen – wie dem treibenden „Late Night“ mit perfektem Bass – gerät die Scheibe nie aus den Fugen.

Somit haben Harrison Mills und Clayton Knight zwar kein Album geschaffen, das an den Konventionen und Gewohnheiten schraubt, aber dennoch wieder unwiderstehliche Songs zubereitet. Den abwechslungsreichen Kompositionen und vielseitigen Soundwelten ist es zu verdanken, dass auch „A Moment Apart“ von Odesza nicht zu einem Abarbeiten der Merkmale von Radiostationen wird. Und wer mit seiner Musik an Jamie XX erinnert, der hat ein Lob verdient (siehe „La Ciudad“).

Anspieltipps:
Late Night, Across The Room, La Ciudad

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Gorillaz, Samsung Hall Dübendorf, 17-11-08

Gorillaz
Support: Little Simz
Mittwoch 08. November 2017
Samsung Hall, Dübendorf

Es war schon mehr als wohlig warm in der Samsung Hall, als die Lichter ausgingen und eine dröhnende Stimme aus dem Off die Besucher endgültig zu lauten Jubelschreien brachte – auf diesen Moment hatten viele sehr lange gewartet. Und als dann eine schier endlose Reihe an Musikern auf den Podesten und hinter den Instrumenten ihren Platz einnahm, da wusste man: Dieses Konzert wird einige Rahmen sprengen. Alleine der Umstand, dass die Cartoon-Figuren nicht mehr im Mittelpunkt stehen und man sich endlich getraute, alle Mitwirkenden offen zu zeigen, liess diesen Auftritt der Gorillaz gleich menschlicher wirken – ganz gemäss dem neuen Album „Humanz“.

Doch das Affentheater hielt sich nicht lange auf Sparflamme und Zampano Damon Albarn, der gleich vom ersten Song an wild auf der Bühne umherrannte und den Kontakt zu den Besuchern suchte, leitete seine Mitmusiker in ein Feuerwerk an alten Hits. „Last Living Souls“, „Tomorrow Comes Today“ oder „Every Planet We Reach Is Dead“ – neue und oft sehr soulige Kracher wie „Strobelite“ oder „Busted And Blue“ mussten sich zuerst hinten anstellen, erhielten aber später am Abend immer mehr Raum. Und wenn sich schon Sängerinnen und Sänger, Gitarristen, Schlagzeuger und Bassisten wie wild von Song zu Song schubsten, dann durfte auch das Drumherum nicht weniger explosiv sein.

Mit riesigem Screen und packenden Animationsfilmen, faszinierender Lichtarchitektur und einem Sound, der so manchen Besuchern die Haare umfrisierte, liessen die Gorillaz ihren gesamten Mythos und ihre Bandgeschichte neu aufleben. Gäste auf der Bühne und auf der Leinwand gestalteten Lieder wie das fröhliche „Superfast Jellyfish“ oder das kaputte „Garage Palace“ in allen Facetten lebendig, und schon bald versank man grinsend in dieser wahren Flut an Farben, Melodien und gesprochenen Songzeilen. Die Band nahm das Tempo nur selten raus und zeigte einmal mehr, wie eigenartige ihr Stilmix doch ist. Irgendwo zwischen englischem Trip Hop auf Speed, Vorort-Rap und verprügeltem Britrock, immer noch futuristisch und doch angenehm retro.

Klar, subtil war an diesem Konzert nichts. Jegliche Botschaften, welche ursprünglich mal in den Liedern und Videos gesteckt haben, wurden durch diesen Zirkus in den Hintergrund gestellt und mussten Platz für die grosse Party im Zoo machen. Wer sich aber so druckvoll und selbstsicher präsentiert, der darf das auch. Mit Liedern wie „Sex Murder Party“ boten sich die Gorillaz dazu gleich als moderne Nachfolger von Frankie Goes To Hollywood an und zeigten, dass auch fiktive Bands mit einem Amalgam aus Globalisierung und Spass die Welt erzittern lassen können. Und spätestens bei den Zugaben wie „Stylo“, „Feel Good Inc.“ oder natürlich „Clint Eastwood“ liessen alle Leute ihrer Begeisterung freien Lauf.

Kein Wunder also, liess Little Simz Dübendorf bereits als Support mit ihren harten Beats, inhaltlicher Schwere und gegen den Strich produziertem Rap erbeben. Direkt aus London und mit viel Attitüde, wilder als jeder Schimpanse – da durften sogar die schweren Schatten noch auf der Bühne umherstreichen. Und wenn man nach diesen Stunden müde, aber überglücklich aus der Halle torkelte, dann wusste man erneut: Die 2000er-Jahre sind noch lange nicht tot zu kriegen. „Turn yourself around to the soul / To the soul, to the soul!“

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

I Wear* Experiment – Patience (2017)

I Wear* Experiment – wenn man sich schon mit einem solchen Namen, hust, kleidet, dann sollte man diesem auch gerecht werden. Und das Trio aus Estland schafft dies locker, obwohl sie sich eigentlich im elektronischen Pop eingenistet haben. Doch dank analogem Schlagzeug, Bläser, Gitarren und viel Lust auf tanzbare Indie-Hits erhält man mit dem Debütalbum „Patience“ ein Regenbogen an Facetten und Spielarten, die den typischen Synthie-Pop schnell in Vergessenheit geraten lassen. Viel eher wird man an diverse andere Künstler erinnert.

Ob I Wear* Experiment bei „From Nothingness“ die Synthies langsam wabern lassen und Downtempo-Erotik der Marke Goldfrapp zelebrieren, oder mit „Hyperstress“ gleich in den wilden Drum’n’Bass absteigen, den auch Jean-Michel Jarre in letzter Zeit gerne anwandte, die Truppe verliert nie ihren Fokus und ihre Eigenschaften. Fröhlich und mutig hüpft das Album somit nicht von Level zu Level, sondern von Stilrichtung zu Einfluss und holt sich überall die hübschesten Blumen. Ob extrem clubtauglich oder dann doch wieder sehnsüchtig auf eine neue Liebesgeschichte wartend, jedes Lied drängt sich positiv in dein Leben und findet die perfekte Bleibe.

Mit weiblichem Gesang, wunderbarem Druck und einem extrem Zug nach vorne gleitet „Patience“ zauberhaft dahin und mischt Soundflächen mit perkussiven Kunststücken. Sängerin Johanna Eenma hat ihre beiden Mannen fest im Griff und leitet I Wear* Experiment immer wieder als erste über die Ziellinie. Somit ist dieses Album ein wahres Vergnügen für alle, die sich gerne auf der Tanzfläche erobern lassen. Und die Estländer schaffen es mit Stücken wie „Wanting For More“ wohl sogar, die junge Madonna neidisch zu machen.

Anspieltipps:
From Nothingness, Wanting For More, Hyperstress

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Dillon – Kind (2017)

Band: Dillon
Album: Kind
Genre: Pop / Electro

Label/Vertrieb: PIAS
VÖ: 10. November 2017
Webseite: dillonzky.com

Es tut mir immer etwas weh und leid wenn ich merken muss, dass ein Album oder gar eine Künstlerin oder ein Künstler nicht dem entspricht, was ich mir erhofft hatte. So zuletzt nun geschehen bei der brasilianischen Sängerin Dominique Dillon de Byington, besser bekannt als Dillon. Ihr drittes Album „Kind“ ist zwar kein misslungenes Werk oder eine schlimme Abkehr ihrer bisherigen Talente, vielmehr ist es für mich einfach nur zu langweilig und leer. Aber dies muss man der aktuellen Electronica-Pop-Bewegung ja oft vorwerfen, Reduktion ist halt nicht immer sexy.

Dillon bettet die Lieder auf „Kind“ ganz klar auf ihrer Stimme und dem Gesang – die begleitenden Klangspuren sind eher im Hintergrund und nie aufbrausend. Das funktioniert angenehm wiegelnd wie bei „Shades Fade“ oder lockt auch beim aufgespaltenen Titelsong für angenehme Gefühle. Beats findet man hingegen auch hier selten, eher eine leiche Brise aus Bläsern und Synthies. Wenn die Sängerin aber dann bei  „Te Procuro“ oder „The Present“ praktisch komplett auf die Musik verzichtet, dann zerfällt für mich die Platte.

Sicherlich, die Stimme von Dillon und ihre Ausdrucksart sind immer noch sehr eigen und reizvoll – immer leicht zerbrechlich und angeschlagen, aber kräftig und selbstbestimmt. Doch allzu oft beschleicht mich beim Anhören von „Kind“ das Gefühl, dass hier eine Blase voller warmer Luft zu stark hochstilisiert wird. Eine Krankheit, die der modernen Synthie-Pop-Musik oft anhaftet, ein Problem der aktuellen Generation, die sich zwischen Digitalismus und Fremdbewunderung selber nicht mehr findet. Weniger kann mehr sein, hier fehlen aber klar die wuchtigen Beats, die Keyboardflächen und die Bässe.

Anspieltipps:
Shades Fade, Regular Movements, 2. Kind

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Schiller, Volkshaus Zürich, 17-10-27

Bild: Dietmar Grabs

Schiller
Freitag 27. Oktober 2017
Volkshaus, Zürich

Wenn sich aus der Dunkelheit langsam das Tourlogo in Form einer Spiralfeder schält und die Musiker in leicht buntes Licht taucht, dann macht es Sinn, tummeln sich im Kopf plötzlich Assoziationen zur Kindheit. Damals, als man mit Verwunderung ebendieses Plastikspielzeug die Treppe runterpurzeln liess und sich wunderte, welche Kräfte denn hier am Werk waren. Und genau diese Gefühle und Gedanken zapft Christopher von Deylen mit seiner Musik seit 1998 an und lässt uns immer wieder die Welt aus neuen Sichtweisen sehen. Schön also, machte Schiller wieder einmal in Zürich Halt.

Im Gegensatz zum letztjährigen Konzert im Hallenstadion gab es den Künstler im Volkshaus wieder in abgespecktem Format zu sehen  – begleitet von nur zwei Musikern und mit einem reinen Instrumentalprogramm, den Klangwelten. Eine kleine Reise also durch Synthieschluchten und Beatfelder, zwischen alten Hits wie „Das Glockenspiel“ und neusten Kompositionen wie „The Future III“, immer nahe an der Entspannung und leicht dem Kitsch frönend. Ohne die Gastsänger und dank der Verlagerung weg von den klaren Chartstürmern war dieses Programm aber auch in der neusten Auflage eine angenehme Meditationsreise.

Ob man sich nun mit geschlossenen Augen von den im Surround-Sound dargebotenen Keyboardflächen und Sequenzerspuren davontragen liess, oder gemeinsam mit den anderen Besuchern die geschmacksvolle Lichtshow betrachtete – jeder fand etwas im Konzert. Umso schlimmer darum, dass die Darbietung nach einer knappen Stunde von einer Pause unterbrochen wurde und vieles von der Magie zerbröckelte. So kam auch das Publikum nie aus seiner verhaltenen Rolle heraus und Schiller liess sich selber zu selten auf die Techno-Vergangenheit ein.

All dies vermengte sich in gewissen Momenten zu einem Auftritt, der etwas mehr Spannung und weniger Chill-Out hätte vertragen können – eigentlich riss nur „Ruhe“ wirklich mit. Trotzdem, in Kombination mit gelungenen Visuals wurden die neuen Tracks wie „Schwerelos“ und „Once Upon A Time“ zu einer Möglichkeit, sich die Welt und all ihre Wunder wieder einmal neu anzueignen. Es kann also fast kein Zufall sein, dass Schiller mit seinen Keyboard-Kameras Szenerien auf den Screen zauberte, die wie futuristische Städte aus „Blade Runner 2049“ wirkten. Denn wie auch der dystopische Film sind die Klangwelten des Musikers ein Kommentar zum menschlichen Verhalten und unserem Potential – eine Zeitreise in Kreisform.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bild: Dietmar Grabs