Lali Puna – Two Windows (2017)

Lali Puna – Two Windows
Label: Morr Music, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Pop, Electronica

Wer am Morgen auf seinem Arbeitsweg die U-Bahn benutzt, der kapselt sich mit grosser Wahrscheinlichkeit von der Umwelt ab. Damit man allerdings die Schläfrigkeit nicht zu schnell verliert, liefern Lali Puna nun Musik, die angenehm zu den ratternden Wägen und schauckelnden Körpern passt. Die Elektro-Pop-Band aus Weilheim, einem Ort nähe München, stehen seit 1998 für sanfte Songs mit leichten Beats und angenehmen Keyboard-Melodien. Auch das vierte Album „Two Windows“ bricht mit dieser Tradition nicht, trotz Annäherung an die Tanzfläche und nachdenkliche Texte.

Geiltet wird die Truppe von Valerie Trebeljahr, die aus Korea stammende Frontfrau öffnet mit ihrer Stimme bei Lali Puna die Welten des elektronischen Pop und begleitet die Melodien mit Aussagen zur aktuellen Lage und Problemen. Dabei verliert die Musik aber nie das Positive, man muss bei „Two Windows“ also nicht das Trauergewand aus dem Schrank kramen. Vielmehr eignet sich das Album dazu, gewisse Geschehnisse zu hinterfragen und das Leben nicht für selbstverständlich zu nehmen und zu teilen. Ob dies nun unterkühlt mit Claps versehen geschieht (wie beim Titelstück) oder sanft träumend („Wear My Heart“), sicher fühlt man sich immer.

Lali Puna haben mit ihrem neusten Werk kein Album für nervöse Zeitgenossen geschaffen, vielmehr ist es ein guter Zuspruch in Momenten der einsamen Stille. Dank Gästen wie Dntel oder Radioactive Man erhält das Album eine Vielfalt, die im ruhigen Klangbett oft benötigt wird. So ist „Bony Fish“ ein interessantes Stück Electronica, „Everything Counts On“ lädt zur Pausenzigarette vor dem Club. Man sollte dabei aber nicht den Fehler machen, diesen Pop zu übersehen, sondern in die Schichten einzutauchen.

Anspieltipps:
Two Windows, The Frame, Everything Counts On

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Fantoche 2017 – Tag 2: Wettbewerbe

Mittwoch 06. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Der zweite Fantoche-Tag stand für ARTNOIR ganz im Zeichen der animierten Kurzfilme. Gleich zwei Schweizer und zwei internationale Wettbewerbe füllten den Abend; insgesamt machte das nicht weniger als 40 wunderschöne, verstörende, einfühlsame und aufwühlende Geschichten. Dabei zeigte sich, dass derzeit das Handgemachte stark auf dem Vormarsch ist. Typische CGI-Erzeugnisse sah man praktisch keine, dafür wieder vermehrt Filme in Stop-Motion.

Ebenso sind diese Wettbewerbe der perfekte Tummelplatz, um bei den Inhalten und den Präsentationsformen Grenzen zu sprengen. Hier können sich Produzenten aktueller Kino- und TV-Erzeugnisse noch viele Scheiben von diesen jungen Künstlern abschneiden.



International Competition 1
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Wer sich international mit einem Kurzfilm behaupten will, der setzt vor allem auf Geschichten, die ohne Sprache erzählt werden können. Bei Animationsfilmen sind Sounddesign und Musik extrem wichtig, um Stimmungen zu erschaffen. Perfekt gelingt dies „Sore Eyes For Infinity“ – hier wandelt sich der Score von experimentellem Electro zu Techno und lärmigem Ambient. Da darf sich auch die echte Welt plötzlich in einen Film schleichen, wie bei dem wundervoll mit Malerei und Stop-Motion kombinierten „The Full Story„. 3D-Animation sieht man nur einmal („Ugly„), dafür eine wunderschöne und mysteriöse Puppengeschichte („Nachtstück„), oder eine kritische Aussage gegen den Landraub an der Natur („Lupus„) mit tollen Modellen.

International Competition 2
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Der Internationale Wettbewerb 2 wartet unter anderem mit dem längsten der ausgewählten Kurzfilme auf: „Toutes Les Poupées Ne Pleurent Pas“ ist ein Puppenanimationsfilm über die Schaffung eines Puppenanimationsfilms. Eindringlich wird es mit „Vilaine Fille„, der eine patriarchalische Welt durch native Kinderaugen betrachtet. Doch auch der Humor darf nicht fehlen: „La Table“ und sein widerspenstiger Holzspan, der sich partout nicht entfernen lassen will, ist genauso unterhaltsam wie der knackige, auf einer Schreibmaschine (jawohl, richtig gelesen) produzierte Film „G-AAAH„.



Swiss Competition 1
12 Kurzfilme aus der Schweiz

Der Schweizer Wettbewerb 1 zeigt vor allem Handgemachtes. Da gibt es ein Beziehungsdrama im Gemäldestil („A L’Horizon„) oder den wahnsinnig aufwendig gemachten Stop-Motion-Film „Transient„, der von einer herzerwärmenden Begegnung mit kühlem Ende erzählt. Auf der gesellschaftskritischen Seite bewegen wir uns mit einer fast unaushaltbar schnellen Assoziationskette aus Alltagsdingen („In A Nutshell„). Und mit „Die Teufelsbrücke von Uri“ findet sogar eine alte Schweizer Sage vom Pakt mit dem Teufel den Weg auf die Leinwand.

Swiss Competition 2
12 Kurzfilme aus der Schweiz

Ob kritische Beiträge gegen gesellschaftliche Zwänge, verwunderlich angewandte Animationstechniken oder unterschiedlichste Präsentationsformen – der zweite Wettbewerb der Schweizer Kurzfilme bietet eine grosse Vielfalt. Mit „Scottish Muslim Voices“ wird der versteckte Rassismus in kurzer Dokuform angeprangert, „Féroce“ transportiert die Zuschauer für 15 Minuten in einen blutigen Thriller oder man schaut dem Treiben auf dem Flughafen bei „Airport“ zu, gezeichnet auf Glas. Auch wenn nicht alles immer gleich gut funktioniert, Collagen-Satire gegen idiotischen Tourismus („Swiss Made„) oder Vergangenheitsbewältigung des Jobs als Liftboy („Ooze„) lässt staunen und strahlen. Wahnsinn, diese Vielfalt in unserem Land.



Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Alvvays – Antisocialities (2017)

Alvvays – Antisocialities
Label: Transgressive, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Indie, Wave, Post-Punk

Die Euphorie war sehr gross, als ich vor drei Jahren das erste Album der Kanadischen Indie-Pop-Band Alvvays entdecken durfte. Ihre luftig, aufmunternd und immer leicht verschlafen klingende Musik brannte sich sofort in mein Herz ein und noch heute lösen Songs wie „Archie“ immer wieder ein Gefühl purer Fröhlichkeit und Freiheit aus. Es war also mehr an der Zeit, dass die Damen und Herren aus Toronto endlich mit neuem Material nachlegten – und nun ist es passiert, „Antisocialities“ darf verzehrt werden. Doch kann dieser leicht wavige Pop immer noch so stark überzeugen?

Es braucht nicht viel, eigentlich nur ein paar Takte mit dem süss schrägen Gesang von Molly Rankin, den im Hall ertrunkenen Gitarren und den schief anlehnenden Keyboards und man weiss: Bei Alvvays ist immer noch alles am richtigen Fleck. Die Musik, die gerne als Jangle Pop bezeichnet wird, lebt weiterhin von dieser Leichtigkeit, die auch übersteuerte Frequenzen und mehrfach gespielte Melodien aushält. „In Undertow“ bietet zu Beginn gleich all diese Zutaten auf, keiner der restlichen neun Liedern verändert dies gross. Das ist gut so, lässt teilweise aber auch etwas die Höhepunkte vermissen.

Gewisse Songs wie das freche Highlight „Plimsoll Punk“ oder das schon fast platzende „Lollipop (Ode To Jim)“ sind Lieder, die Alvvays auch in diesem Jahr in bestem Licht erstrahlen lassen. Anderen hingegen fehlt die letzte überzeugende Idee oder Wucht um sich als wahre Gewinner über die Ziellinie zu tragen. Aber trotzdem, auch mit diesen kleinen Mängel ist „Antisocialities“ ein hübsches Werk geworden, dass diese Truppe zwar zeitlich fehl am Platz, aber mit extrem viel Hingabe und Liebe zeigt.

Anspieltipps:
Plimsoll Punks, Hey, Lollipop (Ode To Jim)

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Free Throw – Bear Your Mind (2017)

Free Throw – Bear Your Mind
Label: Triple Crown Records, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Emo, Alternative Rock, Punk

Wenn man Nashville mit Musik assozieren muss, dann wird den meisten wohl nicht emotionaler Rock als erstes einfallen. Viel eher wird man sofort ein Bild von akustischen Gitarren zwischen Strohballen und Cowboy-Hüten vor Augen haben. Dies könnte sich nun aber für immer ändern, denn mit „Bear Your Mind“ wartet ein Emo-Kleinod darauf, von dir geliebt zu werden. Aufgenommen von der amerikanischen Band Free Throw, ist dies der nächste Schritt die Musikwelt von Tennessee umzugestalten. Seit 2012 sind die fünf Herren unter diesem Namen unterwegs und machen mit ihrem zweiten Studioalbum alles richtig.

Sicherlich, es gehört langsam zum guten Ton, den Emo wieder stärker in den alternativen Punk-Rock einzuflechten. Nach Brand New und The Hotelier folgten Gruppen wie Sorority Noise oder Pet Symmetry – alle mit ihren eigenen Stilmischungen. Free Throw versuchen es nun als Truppe, die nebst grossem Gewicht der Texte, ihre Musik nicht tonnenschwer erscheinen lässt. Nachdem „Open Window“ gar zerbrechlich und mit sanfter Akustik-Gitarre in das Album einführte, erhält man zwar eine satte Ladung Riffs, druckvolles Drumming und Geschrei, doch zu stark in die Härte oder gar Hardcore driftet „Bear Your Mind“ nie. Viel eher stehen hier Verzweiflung, Emotionen und menschlicher Ausdruck an erster Stelle.

Free Throw jonglieren mit eindringlichen und direkten Texten, fordern den Hören zur genauen Beobachtung und Teilnahme auf und verzieren die fesselnden Erzählungen mit einer perfekt arrangierten Instrumentierung. Ob man sich an den tollen Songtiteln wie „Randy, I Am The Liquor“, den perfekt platzierten Gitarrenmomente oder den mehreren Stimmen erfreut – „Bear Your Mind“ ist ein Album, dass nach kurzer Zeit extrem erfreut und sich einen Platz im Herzen erspielt.

Anspieltipps:
Andy And I Uh…, Randy I Am The Liquor, Victory Road

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 1: Loving Vincent

Dienstag 05. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Jedes Jahr im September verwandelt sich die Kleinstadt Baden an der Limmat für sechs Tage in das Mekka der Animationsfilm-Interessierten – und auch dieses Jahr öffnete das Fantoche wieder seine Tore. Was am Dienstag noch eher ruhig und überschaubar vonstatten ging, wird die restlichen Tage der Woche nicht nur die Kinosäle, sondern auch Kunstorte, Kulturzentren und die halbe Innenstadt in seinen Bann ziehen.

Nebst den jährlich stattfindenden Wettbewerben für Kurzfilme gibt es auch dieses Jahr Langfilm-Premieren, interessante Themenblöcke (unter anderem zum Thema Brexit), Ausstellungen, Workshops, Dikussionsrunden und Partys. Ob man sich nun das Bier spätabends mit GIFs bunter gestaltet, am Morgen zwischen Kaffee und Gipfeli den Künstlern zuhört oder den gesamten Nachmittag von Saal zu Saal hetzt, um die besten Plätze im Kino zu ergattern – langweilig wird es auch bei der 15. Ausgabe des Fantoche nie. Und genau darum werden wir versuchen, jeden Tag über neue Aspekte zu berichten – denn Animation heisst bei Weitem nicht nur Film und Zeichnung.


Die Ehre der Festivaleröffnung hatte dieses Jahr eine ganz besondere Produktion:

Loving Vincent
Land / Jahr: England, Polen / 2017
Regie: Dorota Kobiela und Hugh Welchman
Musik: Clint Mansell
Website: lovingvincent.com

Die 15. Ausgabe des Fantoche-Festivals wurde mit dem Film „Loving Vincent“ eröffnet. Die britisch-polnische Co-Produktion erweckt verschiedenste Werke Vincent van Goghs zum Leben, farbrauschende Szenen und schwarz-weiss gehaltene Rückblenden beleuchten ein tragisches Künstlerleben und insbesondere die Wochen kurz vor seinem Tod.

Bemerkenswert ist vor allem die Technik, mit der „Loving Vincent“ geschaffen wurde. Die Regisseure Dorota Kobiela und Hugh Welchman entwickelten aus van Goghs Kunstwerken 377 Referenzbilder für die Handlung, alle in seinem typischen Stil gehalten. Auf diesen Bildern basierend wurde der Film zunächst mit Schauspielern aufgenommen – darunter auch einige bekannte Namen wie Saoirse Ronan (Brooklyn), Aidan Turner (The Hobbit) oder Jerome Flynn (Game of Thrones). Schliesslich malten über 120 Künstler aus ganz Europa die Aufnahmen mittels eines Rotoskopie-Verfahrens in Ölfarbe nach und digitalisierten jedes der rund 65’000 so entstandenen Einzelbilder. Dieser wahnsinnig aufwendige Prozess hat sich gelohnt: „Loving Vincent“ sieht nicht nur fantastisch aus, sondern ist auch durchweg spannend, einfühlsam und berührend.

„Loving Vincent“ läuft in der Deutschschweiz im Dezember an. Für interessierte Fantoche-Besucher wird am Donnerstag, 7. September 2017, in Anwesenheit von Hugh Welchman ein Making-of dieses aussergewöhnlichen Films gezeigt.



Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit We Invented Paris – Kollektivkunst aus Basel

5. September 2017
Im Gespräch mit: Flavian Graber, Sänger und Gitarrist von We Invented Paris

Mit ihrem neusten Werk „Catastrophe“ hat das Kollektiv um We Invented Paris nicht nur ein wunderbares Album voller Synthie Pop vorgelegt, sondern spricht in den Hymnen auch wichtige und aktuelle Themen an. Dabei wird ihre Musik weit über die Stadtgrenzen von Basel hinaus getragen und sorgt für viele tanzende Füsse. Wir haben die Gunst der Stunde genutzt, um mit dem Frontmann der Band zu sprechen.

Michael: „Catastrophe“, so heisst das neue Album von We Invented Paris, ist aber das Gegenteil. Warum wurde genau dieser Songtitel als Name für das Album gewählt? „Kaleidoscope“ träfe den vielfältigen Stil doch eher.
Flavian: „Catastrophe“ trifft inhaltlich die Kernbotschaft des Albums für uns am besten. Wir sind alle Teil der momentanen Katastrophe und doch spielt jeder in seinem Leben eine zentrale Rolle – und hat somit auch die Möglichkeit etwas zu bewegen.

Hinter den neuen und packenden Synthie-Pop-Songs stecken grosse Botschaften. Ist die Welt mit Musik noch zu retten (oder zumindest zum Nachdenken zu bringen), oder ist dies eher der persönliche Hilfeschrei?
Ich glaube nicht, dass Musik die Welt verändern kann. Aber ich glaube, dass Musik Menschen zum Nachdenken und Fragen stellen bewegen kann, welche dann die Welt, oder zumindest ihre direkte Umwelt verändern.

Hast du denn einen Geheimtipp, wie man solch grossartige Hits wie „Fuss“ schreiben kann? Dir scheint dies ja sehr einfach zu fallen.
Danke fürs Kompliment! Wir hatten über 70 Songs geschrieben für dieses Album, so viel wie noch nie zuvor. Und es hat da einige darunter, die du nicht hören willst. Gleichzeitig hatten wir so viel Spass wie noch nie zuvor beim Schreiben und im Studio, was sich für mich in solchen Songs wie „Fuss“ auch wiederspiegelt.

Das Album ist nicht nur nachdenklich und düster, sondern auch treibend und eingängig. Woher holst du dir die Inspiration für solch unterschiedliche Songs?
Nichts finde ich langweiliger, als wenn man nach drei Songs das ganze Album gehört hat. Ich mag die Abwechslung und suche diese immer wieder bewusst. Oft versetze ich mich auch in Situationen oder Erlebnisse von Freunden oder beobachte meine Umgebung, wenn ich unterwegs bin.

Apropos Stilmix: „Looking Back“ erinnert stark an Retrowave. Liegt die Zukunft des elektronischen Pop in der Vergangenheit?
Ich glaube, wenn man sich musikalisch weiterentwickeln will, holt man automatisch etwas aus der Vergangenheit und der Musikgeschichte und macht es sich zu eigen. Damit versucht man, etwas Neues zu kreieren. Oft sind diese Instrumente oder Stilmittel auch solche, welche in der kürzeren Vergangenheit völlige Tabus waren. Genau das ist das Aufregende, Herausfordernde und somit Frische an diesen Elementen.

Ist es etwas Einfaches, die vielschichtig produzierte Musik auf die simplere Ebene von Konzerten herunterzubrechen?
Wir versuchen die Songs live so zu reduzieren, dass wir sie wirklich spielen können, der Charakter des Songs aber trotzdem voll rüberkommt. Live erleben wir Musik oft anders als ab Konserve, aber genau das macht ein Livekonzert schliesslich zum einmaligen Erlebnis: Wenn die Lieder nicht exakt gleich klingen wie die Aufnahmen.

Gitarre oder Synthie – wer hat mehr Macht?
Jeder hat seine Zeit und seinen Moment. Momentan ist die Keytar an der Macht.

Nicht nur im Video zu „Kaleidoscope“, sondern auch bei den Live-Auftritten dient ein alter Röhrenfernseher als Kopfbedeckung. Welche Bedeutung trägt dieser Gegenstand bei euch?
Einerseits symbolisiert er den Retro-Sound und andererseits steht er auch für die Katastrophe. Oder eben dafür, wie wir Katastrophen durch die Medien erleben, ihnen begegnen und dabei immer die Distanz des – unmöglich neutralen – Beobachters innerhalten.

Andere Kunst-Kollektive oder Bands treten live gerne in Uniformen auf – von Devo bis hin zu Archive. Wäre das auch etwas für euch, als Ergänzung zum Kopfschmuck?
Bis jetzt mochten wir es eigentlich, die Vielfalt und Individualität im Kollektiv zu zeigen, in dem jeder seinen eigenen Stil trägt.

Wenn wir schon von Konzerten sprechen: Am Open Air Basel hattet ihr ein zusätzliches Bandmitglied am Start, den Barkeeper. Sind solche Gimmicks bald nötig, um die Menschen überhaupt noch dazu zu bringen, für Live-Musik Geld auszugeben?
Nein, die Cocktail-Bar war einfach Teil der Show und des Disko-Bling Blings. Aber ich denke schon, dass viele Menschen die Qualität von Live-Musik gar nicht mehr kennen und schätzen. Viele gehen zum Beispiel auf Open Airs, um Party zu machen, nicht um wirklich Bands zu hören.

Basel liegt am Dreiländereck, hilft euch das? Ein Kunstkollektiv wie We Invented Paris braucht ja eher viel Platz.
Ich mag die für Schweizer Verhältnisse relative grosse Weltoffenheit in Basel. Auch, dass Leute wie Ernst Beyeler sich getraut hatten, in Basel zu bleiben und etwas von internationaler Bedeutung aufzubauen.

Hast du schon Pläne, wie du die Zeit nach der WIP Catastrophe-Disco-Bar-Box-Tour verbringen wirst?
Jetzt kommt erstmal die „Tour de Catastrophe“. Wieder ein komplizierter, Name ich weiss. Diese startet im Oktober und wir werden mit der gesamten Band touren. Und dann werde ich schauen, wohin die Reise geht, was sich aufregend anfühlt.

Dann viel Erfolg und besten Dank für deine Zeit.
Danke dir!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Wolfman – Sun Sun (2017)

Wolfman – Sun Sun
Label: Irascible, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Indie, Synthie-Pop

Ist es zu frech, hier etwas beruhigt „Endlich!“ zu schreiben? Denn mit ihrer neusten EP und dritten Veröffentlichung haben Wolfman genau diese Songs veröffentlicht, die ich bei ihnen schon immer herausgespürt habe. Das Duo aus Zürich hat sich nach zwei wundervollen, aber immer sehr zurückhaltenden Alben nämlich auf „Sun Sun“ an den Synthie-Pop herangetraut – in voller Blüte und Lautstärke. Bevor sich Fans der Musiker nun bereits abwenden: Keine Angst, die angenehme Art der Distanz ist immer noch vorhanden.

Mit fünf Songs, welche von Katerina Stoykova und Angelo Repetto auf das Nötigste reduziert wurden, darf man mit Wolfman nun auch im modernen Club zwischen Existenzialisten und Spasssuchern antanzen. Nach sphärischem Start und der eher düsteren Weiterentwicklung beim zweiten Album „Modern Age“, gibt es nun Indie mit viel Synthies und Tanzrhythmen. Die Gitarren wurden aber beibehalten und ergänzen die wunderbar analogen und polternden Takte. Ob „Play It Cool“ nun an Róisín Murphy, oder „Tell Us We’re Crazy“ wunderbar lasziv schmachtend an Lana Del Rey erinnert – die Zürcher Eigenständigkeit bleibt in der Musik.

Dass Wolfman diese Lieder gemeinsam im Duo erschaffen und eingespielt haben, das verwundert nur noch in der Klangdichte. Über das grosse Talent der Band weiss man schliesslich schon seit 2013 und dem Debüt „Unified“ Bescheid. Und dank Texten über die besorgniserregenden Umgangsarten der Menschheit zu Macht, Ausstrahlung und Natur kommt man auch lyrisch auf die Kosten. Irascible Records haben also für ihre erste Veröffentlichung mit „Sun Sun“ den perfekten Start auserwählt, schwingt bei diesen Tracks doch konstant das Gefühl der Zukunft im Schweizer Pop mit.

Anspieltipps:
Mark My World, Tell Us We’re Crazy, Sun Sun

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Blypken – 0102 (2017)

Blypken – 0102
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: Electronica, Noise

Was passiert, wenn der Geist in der Maschine die Risse ausnutzt, sich mit den Steuerprogrammen verbindet und die Fabrikhalle gleich selber übernimmt? Nein, man erhält nicht ein Fantasiewesen wie Ultron, das mit englischem Akzent die Weltherrschaft anstrebt – sondern ein elektronisches Musikerzeugnis, das zwischen Glitchs und Beats die Avantgarde der Schaltkreise und Netzwerkkabel schon fast mehrdimensional neu definiert. Blypken aus Rumänien bietet genau dies und fordert auch geübte Hörer von krummer Electronica auf seiner ersten Veröffentlichung „0102“ immer wieder.

Produzent George D.Stanciulescu hat sich im Januar dieses Jahres nach diversen Projekten und Alben dazu entschieden, die Komplexität der technoiden Noise-Electronica alleine unter dem Namen Blypken zu ergründen und liefert auf dieser EP gleich zwei längere Tracks, die irgendwo zwischen verwirrtem Industrial und cholerisch ausbrechenden Ambient landen. Der Künstler selber nennt diese Musik Neurowave, was eigentlich ganz gut passt. Denn zwischen Störfrequenzen und abgehackten Geräuschen erklingen immer wieder Melodienansätze, welche zusammen die Synapsen im Gehirn auf scharfkantigen Wellen davonreiten lassen.

„Transcend“ ist als Erstkontakt auf dieser kurzen Veröffentlichung zuerst extrem forsch und kalt, lockt am Ende dann aber mit Stimmen und hellen Glockenklängen. Trotzdem, ganz wohl kann man sich mit dieser Musik nie fühlen – muss man aber auch nicht. „Transfigure“ bietet einen eher klaren Aufbau und wirkt gleitender, gemeinsam sind die Stücke aber eine faszinierende Reise in die unangenehme, elektronische Musik. Man darf auf weitere Erzeugnisse von Blypken gespannt sein.

Anspieltipps:
Transcend, Transfigure

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Cold Reading – Sojourner (2017)

Cold Reading – Sojourner
Label: KROD Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Emo, Indie

In Luzern zu leben ist eigentlich kein Grund zu grosser Traurigkeit, aber eine schöne Stadt vor den Alpen macht schliesslich noch keinen Sommer. Wenn die ersten Klänge von „Books & Comfort“ erklingen, könnte man trotzdem kurz denken, im Popprogramm des lokalen Radios gelandet zu sein. Denn Cold Reading starten ihre neuste EP „Sojourner“ mit hellen Gitarren und lockerer Melodien, driften aber bald in die kratzenden Riffs und Schreie ab.

Wer sich nach dem Fachbegriff für Informationserschwindelung im Gebiet der Magier und Mentalisten benannt hat, dem geht es schliesslich um alle noch so kleinen menschlichen Regungen. Cold Reading halten somit die oft schwarze Flagge des Emo-Rock hoch und zeigen spätestens beim Titelsong alle wichtig Eigenheiten dieses Genres. Mehrschichtige Gitarrenmelodien, Ausbrüche und eindringlicher Gesang – sanft unterlegt von Beats und einem kleinen Lichtschimmer am Horizont. Ein definitives Ende will hier niemand.

Das lädt auch gerne dazu ein, diese neue EP mehrmals anzuhören, was die gelungen komponierten Lieder sehr wohl zulassen. Cold Reading klingen nämlich nicht nur viel grösser als ihre Heimatstadt Luzern, sie sind auch seit 2014 mit ihrer Musik dabei, das Gebiet des Indie umzugestalten. Eine EP die wie ein Album klingt und den Raum zu den internationalen grossen zusammenschrumpfen lässt? Hier die leichteste Übung und ein Glücksfall für alle Fans der emotionalen Rockmusik.

Anspieltipps:
Books & Comfort, Sojourner, Scratches

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Puder – Session Tapes 1+2 (2017)

Puder – Session Tapes 1+2
Label: Pussy Empire, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Pop, Indie

Deutschsprachige Lieder aus dem Umfeld der eingängigen Musik sind ein heikles Thema, sehr schnell landet man beim Unwort Deutschpop und dem eher nichtigen Anspruch. Dass es aber auch anders geht, ohne gleich in die Avantgarde zu verfallen, das beweist die Künstlerin Catharina Boutari aus Hamburg. Unter dem Namen Puder hat sie nicht nur den Grundstein für ihr Label Pussy Empire gelegt, sondern bietet nun nach Jahren ohne Veröffentlichung wieder eigenes Material mit „Session Tapes 1+2“.

Live mit wenigen Mitmusikern im Studio aufgenommen, werden hier Puders Lieder neu erfunden und in oft überraschender Weise dargeboten. Der Indie-Pop erhält Farbtupfer aus dem Jazz, wird mit Drones unterlegt, muss sich Loops aus Taperecodern unterwerfen und bleibt trotzdem schwerelos. Stücke wie „In Meinem Garten“ holen alternative Strömungen hinzu, „Polariod“ mischt die Schrillheit einer Nina Hagen mit dem NDW-Gefühl von Nena. Dabei gelingt es Puder, mit ihrer Musik auch immer an neue Bands wie Bilderbuch zu erinnern – wenn auch nicht ganz so frech zu sein.

Die „Session Tapes 1+2“ sind oft unerwartet düster und voller Rauschen wie bei „Jackie“, Englisch und Deutsch werden beim Gesang von Puder locker gemischt. Die Wand der Anbiederung wird somit durchbrochen und man erhält hier Musik, die zum Glück weit von Silbermond und Konsorten entfernt ist. Wenn auch der Glitzer bei gewissen Liedern etwas zu stark in den Augen klebt („Mein Mädchen Kann“), im Endeffekt überrascht hier Boutari mit einer spannenden und neuartig wirkenden Interpretation des Pop.

Anspieltipps:
Giganten, Polaroid, Naughty

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.