Moebius Story Leidecker – Familiar (2017)

Wenn ein Toter wieder aufersteht, dann wird dies meist mit einem zuckenden Leib beschrieben. Passenderweise weckt einem das Album „Familiar“ auch gleich im zweiten Stück mit „Zucken“, das Wiederhören mit dem Elektropionier Dieter Moebius funktioniert somit auf diversen Ebenen. Der Schweizer-Deutsche Künstler war nicht nur Teil von Cluster und Revolutionär des Krautrocks, sondern bis zu seinem Tod 2015 aktiv und neugierig. So traf er sich 2012 in Montana mit den amerikanischen Musikern Tim Story und Jon Leidecker für eine Woche voller Musizieren und Ausprobieren und nach „Snowghost Pieces“ versammelt nun „Familiar“ Teile dieser Sessions.

Man merkt den Tracks dabei oft an, dass sie unter totaler Freiheit und Anregung zur Tüftelei entstanden sind. Formale Grenzen gibt es keine, Rhythmus und Melodien wandern umher und lassen sich gegenseitig beeinflussen. Moebius Story Leidecker vergassen dabei aber nie, dass elektronische Krautrock-Avantgarde auch schnell mühselig werden kann. Egal ob „Block Now“ oder das Titellied, alles findet innerhalb einer normalen Songlänge statt. Wenn sich am Ende von „Familiar“ dann die drei Herren mit „Vexed“ noch an eine lange Reise wagen, dann ist es auch da nie überfordern komplex. Viel eher faszinieren die blubbernden, kratzenden und scheinbar lebendigen Geräusche aus Synthie und Perkussion.

Nicht alles ist so eingängig wie das pulsierende „Zucken“, aber auch nicht alles ist so befremdend wie der Beginn mit „Wrong“. Viel eher haben Moebius Story Leidecker hier eine angenehme Mischung aus Planung und wildem Trip gefunden, der sich organisch in die Umgebung einfügt. Für alle Freunde der etwas abgefahrenen Klangspiele ist diese Scheibe somit ein Muss, und natürlich eine weitere freudige Begegnung mit Dieter Moebius.

Anspieltipps:
Zucken, Familiar, Vexed

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Granular – XI (2017)

Progressive Pop, was soll dies eigentlich sein? In Luzern steht der Begriff seit neustem für eingängige Lieder, die von vier Herren aufgeführt wird und sich den Pop mit etwas Elektronik, etwas Wave und etwas Laszivität verziert. „I Need You“ legt sich dahin, wo auch Gruppen wie Jeans For Jesus oder Panda Lux in gewissen Teilen gesehen wurden, geniesst die Aerodynamik aber etwas stärker. Das kann man Granular, die sich mit diesem Debütalbum nun von ihrer Vergangenheit als Augustine’s Suspenders endgültig abtrennen, aber auf keinen Fall vorwerfen.

Denn obwohl gewisse Lieder auf dieser Scheibe bereits seit Jahren in Arbeit sind und lange auf ihre Veröffentlichung warten mussten, atmet „XI“ alle aktuellen Gerüche und Reize im elektronischen Indie. Granular geben sich so zahm mit sanftem Gesang, stechen aber immer im richtigen Moment mit einzelnen Gitarren, übersteuernden Synthies oder groovigen Schlagzeugmuster zu. „Something In Between“ zieht das Album somit wunderbar voran, „Hypnotized“ macht mit Hall und Gestik alles überlebensgross.

Granular werden mit diesem Album also keine Probleme haben, überall in der Schweiz neue Freunde zu finden. Denn die Musik findet den angenehmen Weg zwischen Radiotauglichkeit und neuen Einfällen, spielt zwinkernd mit dem Kitsch und schnappt sich am Ende doch die tollsten Mädels. Kein Wunder, endet das Album schliesslich mit einem Aufblitzen von Future-Soul („All Again“) und tröstet schnell über manche Leerläufe hinweg.

Anspieltipps:
I Need You, Something In Between, All Again

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Kai Reznik – Awkward Motions (2017)

Kai Reznik, der mysteriöse Musiker aus Frankreich, bleibt auch mit seinem zweiten Album „Awkward Motions“ ein Schatten. Doch je weniger man über seine Person schreiben kann, desto mehr Raum bleibt für die Musik übrig. Denn was bereits mit der EP „Scary Sleep Paralysis“ in 2016 angekündigt wurde, das wird nun umso stärker und eindringlicher fortgesetzt: Diese Mischung aus harter Electronica, vergiftetem Ambient und synthetischem Industrial ist unangenehm und wild. Damit man aber nicht komplett im klanglichen Wahnsinn versinkt, leiten mehrere Gäste durch die Tracks.

Mit „Beautiful agony“ werden die krachenden und stolpernden Beats von M.A.D im Zaun gehalten, seine Stimme verleiht dem Lied dafür eine umso unheimlichere Komponente. Die Epik des Einstiegs „The Awkward groovy X tension“ findet man auch hier und in allen folgenden Kompositionen, fast als würde sich Kai Reznik als Hofmusiker von albtraumähnlichen TV-Serien anbieten. Geschichten zu erzählen ist allgemein ein sehr gewichtiger Punkt, „L.A.S.T.“ verführt uns zum Beispiel in ein Gothic-Verlies voller Lust und verhängnisvoller Begegnungen. Hier stellt sich die Musik fast an die zweite Stelle, drückt aber immer wieder durch die Stimmen.

Ob mit verzerrten Gitarren, schepperndem Electrodrum oder polyphonen Synthies – die Scheibe bleibt vielschichtig und überraschend. Wie auf der EP gilt zwar auch hier, dass gewisse Ideen nicht so perfekt aufgehen wollen und die Produktion oft etwas billig wirkt, doch dies lässt die Musik von Kai Reznik auch in die herrlichen Gebiete der B-Movies abdriften. Hier werden aber nicht pralle Blondinen von Muskelpaketen gerettet, hier wird die Welt mit berstender Electronica in die Abgründe der Zivilisation geführt.

Anspieltipps:
Beautiful Agony, Aerica’s Whisper, L.A.S.T.

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Amanda Mair – To The Moon (2017)

Gute Popmusik kommt aus dem Norden, dieser Leitsatz gilt bereit seit vielen Jahrzehnten. Auch Amanda Mair ist eine korrekte Fortsetzung dieser Serie, wenn auch das erste Lied „Stay You And I“ auf ihrer neusten EP „To The Moon“ etwas schematisch wirkt. Einfache Sätze, Wiederholungen eingängiger Stellen und moderne Produktionsmittel auf Stimme und Musik – so klingt der Mainstream. Aber die junge Musikerin weiss von diesen Fallen und greift darum im Verlauf dieser Veröffentlichung tiefer in die Trickkiste.

Bereits bei „Rush“ pochen die Beats, die Synthies werden dunkler und alles zieht in Richtung Betontanzfläche. Amanda Mair hat verstanden, wie wichtig eine Spannungskurve ist, dies konnte sie bereits vor einigen Jahren mit ihrem Debütalbum beweisen und legt darum mit diesen fünf neuen Tracks eine gefühlsvolle Fahrt durch Höhen und Tiefen vor. „Hopes“ gehört auch zu diesen Wilden, „Wednesday“ und das abschliessende „Empty Blockings“ lassen auch Feinde sich gegenseitig in die schützenden Arme fallen.

Viel Zeit ist seit den ersten Ideen zu „To The Moon“ vergangen, verstaubt wirken diese Stücke aber nie. Viel eher lässt man diese neuen Freunde von Amanda Mair – welche erst zarte 23 Jahre alt ist – gerne ins Haus und freut sich an den Facetten. In Zukunft wird man an dieser Veröffentlichung zwar keine Revolutionen aufbinden, in der Geschichte der Hässlichkeit wird es aber auch bei Weitem nicht verschwinden. Für das nächste Mal wünsche ich mir aber etwas mehr Wagemut.

Anspieltipps:
Rush, Wednesday, Empty Blockings

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Interview mit Null + Void

Im Gespräch mit: Kurt Uenala von Null + Void

Seit vielen Jahren steht der Schweizer Musiker und Produzent Kurt Uenala mit bekannten Grössen und Namen in den Studios, um ihnen passende Songs auf den Leib und die Stimme zu schneidern, unter anderem bei Depeche Mode oder Moby. Mit „Cryosleep“ legt er nun aber ein Album vor, bei dem sich alles um ihn dreht – fast zumindest. Denn unter den Namen Null + Void präsentiert er uns nicht nur herrlich düstere und treibende Musik aus allen Ecken der Elektronik, sondern auch einige Gäste. Zeit nachzufragen, wie das Leben und Musizieren in New York so abläuft.

Michael: Ein Blick auf die Tracklist von „Cryosleep“ lässt einen stutzen, so viele bekannte Namen stehen darauf. Wer sich aber mit deiner Karriere beschäftigt, dem erscheint dies logisch. Herrschen hinter den Kulissen denn so freundschaftliche Stimmungen, wie man es sich bei einem solchen Album vorstellt?
Kurt: Ja, das ist echt so. Man teilt Mahlzeiten und reist zusammen, trinkt viel Kaffee und spielt einander Musik vor, die man mag. Da passiert es schon, dass man tiefere Freundschaften schliesst und in Kontakt bleibt, auch wenn das Projekt bereits abgeschlossen ist. Und wenn man einander Ideen vorspielt und diese gefallen, dann gibt es vielleicht die Möglichkeit, dass man kollaboriert.

Wie ist es für dich als Künstler, seit Jahren mit grossen Namen tätig zu sein, selber aber eher unter dem Radar zu fliegen?
Das ist ganz klar getrennt. Wenn ich angefragt werde, für Geld mit jemandem ins Studio zu gehen, dann ist das natürlich eine komplett andere Herangehensweise, als wenn ich meine eigenen Sachen produziere. Ich bin dann hauptsächlich dafür verantwortlich, die Musik der Person so gut wie möglich zu formen, wie sie es gerne haben würde und/oder wie ich denke, dass es am besten für das Projekt ist. Am Ende steht ihr Name auf dem Cover und meiner ist ganz klein irgendwo angebracht. Aber das ist ganz gut so. Ich würde dies nicht anders wollen, wenn ich selber jemanden anstellen würde, um mit mir ins Studio zu kommen. Da muss man sein Ego schon zu Hause lassen. Aber wenn man sein eigenes Ding daneben dreht, dann funktioniert das ganz gut.



Für dein eigenes Album hast du den Namen Null + Void gewählt – doch die Musik ist gerade das Gegenteil von Leere. Wie kommt das?
Ha, ja, das ist schon so. Aber der Gegensatz von kalter Elektronik und hoffnungsvollen Akkordfolgen ist natürlich das Interessante für mich.

Der Albumtitel „Cryosleep“ bezieht sich auf die Kryonik, das Einfrieren und Konservieren von Menschen. Denkst du, du hast mit diesen Songs Musik erschaffen, die auch in vielen Jahrzehnten noch gehört wird?
Oh nein, nein – das wurde ich mir nie anmassen. Ich mache einfach die Musik, und der Rest ist ausserhalb meiner Kontrolle. Wer weiss, was damit passiert und ob es in einem Monat noch gehört wird? Aber ich hoffe natürlich sehr, dass es wenigstens in zwei Wochen noch irgendwo gespielt wird, haha.

Deine Musik bewegt sich zwischen vielen Stilrichtungen (IDM, Techno, Pop). Woher holst du dir deine Inspiration, hörst du privat vor allem elektronische Produzenten und Künstler?
Ich höre oft Musik, die ein bisschen am Rande der alltäglichen Wahrnehmung steht, da aber nicht nur Elektronisches. Das Schöne daran in New York zu leben ist, dass ich mir nichts Kommerzielles anhören muss, weil man ausserhalb der Reichweite hantiert. Vor allem, wenn man nicht viel einkaufen geht und auch keine Taxis fährt. Als Fahrradfahrer bin ich weit von den kalten Klauen der grossen Radiostationen und sonstigen kommerziellen Musikquellen entfernt.
Ich höre viele Künstler wie Ulfur Eldjarn, Ulrich Schnauss, Roedelius oder Delia Gonzalez zu Hause. Aber auch kalte Elektronik wie Alva Noto oder Gazelle Twin.

Wenn wir schon von digitaler Musik und wissenschaftlichen Geräten sprechen – wie wichtig ist für dich Technik und Fortschritt?
Das ist mir sehr wichtig und ich bin heiss interessiert. Ich habe mich oft mit Native Instruments ausgetauscht und bin ein grosser Fan von ihren Sachen, vor allem «Maschine». Das benutze ich tagtäglich und fast jeder Song wird darauf zusammengebastelt. Klänge zu verfremden und einen Songaufbau zu erstellen ist sehr einfach und intuitiv ausgelegt, was natürlich der Kreativität zugutekommt.

Bist du eine Person, die stundenlang nach einzelnen, neuen Klängen und Beats suchen und daran basteln kann? Oder vertraust du eher den ursprünglichen Möglichkeiten deiner Synthies?
Ja, es ist schlimm. Tagelang, nicht stundenlang! Kein Witz! Es ist eine meiner Schwächen, aber ich arbeite daran, schneller zu werden.



Wie ist es, als Schweizer in New York zu leben? Allein die Grössenverhältnisse der Umgebung und die Entfernungen sind ja kaum vergleichbar.
Ja, das ist schon anders, aber irgendwie auch wieder nicht. Man findet überall sein Umfeld und bewegt sich grösstenteils darin. Ich bin auch ziemlich Manhattan-orientiert, da ich Fahrradfahrer bin und dieser Stadtteil nicht so gross ist. Das Beste sind natürlich die Ladenöffnungszeiten und auch die vielen verschieden Kulturen (von russisch über jamaikanisch, lateinamerikanisch, irisch, chinesisch und mehr). Das ist auch für die Kulinarik sehr zuträglich.

Existiert in New York eine neue Musikszene im Untergrund, die man mit früherem Treiben vergleichen kann?
Nein, leider nicht mehr. Die Klubs sind bis auf zwei oder drei alle ziemlich langweilig und geldorientiert. Und ich meine damit nicht nur ein paar teure Drinks, sondern richtig dicker «Bottle Service», bei dem ein guter Kunde mal schnell 400 Dollar liegen lässt. Das zieht natürlich eine Klientel an, das keine experimentellen Sachen hören will. Dann muss es einfach Krach machen und zur Konsumation animieren.

Darf man auf ein weiteres Null + Void-Album in naher Zukunft hoffen?
Ja, das kommt schon! Ich habe schon paar Ideen ausgearbeitet, aber das dauert noch eine Weile. Ich bin halt ein bisschen “obsessiv”.

Besten Dank für das Interview.
Danke dir, Michael!

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Live: Nick Cave & The Bad Seeds, Hallenstadion, Zürich, 17-11-12

Nick Cave & The Bad Seeds
Sonntag 12. November 2017
Hallenstadion Club, Zürich

Lange hatte ich Angst vor diesem Konzert, vor dieser Begegnung. Die Last und Trauer des Verlustes schienen unüberwindbar, nicht nur von Seiten Nick Caves sondern auch von mir. Das Album „The Skeleton Tree“ und der begleitende film „One More Time With Feeling“ haben tiefe Narben in uns allen gezeichnet und die Wahrnehmung zur Person und Musik für immer verändert. Als dann aber nach dem geglückten Tourstart die Meldung kam, Nick Cave And The Bad Seeds seien mehr als froh, endlich wieder den Kontakt zu den Fans mit Konzerten zu erleben, stimmte dies auch mich hoffnungsvoll. Was sich an diesem stürmisch nassen Sonntagabend dann im Hallenstadion auf intensivste Weise bestätigte.

Vom ersten Ton an, egal ob durch das perfekt gewählte Intro mit „Three Seasons in Wyoming“ (ein Lied vom neusten Soundtrack „Wind River„) oder „Anthrocene“ mit den echten Personen auf der Bühne, war der Auftritt eine Läuterung und ein Beben emotionaler und klanglicher Tiefe. Nick Cave And The Bad Seeds sind keine Band, Musiker oder Künstler, es sind Schamanen, Teufel und Götter – Wesen, die wie Leuchtfeuer vor uns stehen, in uns greifen und unser Dasein umstülpen. Es reichten dazu einzelne und extrem zerbrechliche töne („Into My Arms“) oder dann doch Lawinen an Tonfolgen und Ergüsse die Stücke wie „From Her To Eternity“ zu Ganzkörpererlebnissen machten. Kein Lied war vor dieser bestialischen Klangwucht sicher, die Musiker steigerten sich in Rage.

Dies war auch nötig, denn weiterhin fühlt es sich wie Messerstiche ins Herz an, wenn man Nick Cave dabei zuhörte, wie er die Lieder „Jesus Alone“ oder „The Distant Sky“ intonierte. Der dunkle Schleier wurde zwar nach einigen Songs vom Bühnenrand entfernt und machte Platz für eine eindrückliche Lichtuntermalung, in den Songs steckt er aber für immer und bleischwer. Um all dies kollektiv erträglich zu machen, stürzte sich der Australische Künstler und schwarze Magier der Rockmusik immer wieder in die Leute, liess sich anfassen und legte seine Hände erlösend auf die Köpfe der Besucher. Lieder mit gewissem Schalk wie „Red Right Hand“ brachen die Schwere von vorangegangenen Songs auf, am Ende des Konzertes tauchte Cave nicht nur in den Besucher ein, er lud sie gleich scharenweise auf die Bühne ein.

„And some people say it’s just rock and roll /Oh but it gets you right down to your soul“ – Ein Mantra, das man am Ende der letzten Zugabe „Push The Sky Away“ immer wieder aufsagen möchte. Nick Cave And The Bad Seeds haben in Zürich kein Konzert gespielt, sie haben sich selber und alle Anwesenden die Energie gegeben, unser Aufenthalt auf diesem Planeten zu überstehen. Ob es sich um verlorene Familienmitglieder handelt, Gesellschaften, die sich nicht mehr humanistisch zeigen, oder dem persönlichen Unvermögen, in der Welt klar zu kommen – der Schmerz wurde universal mit Gesang, Gestik, Musik und Berührung gemeinsam angegangen.

Und während sich der Frontmann in seinen Geschichten und Gedanken verlor, die Worte ausspukte, schrie oder flüsterte, wirbelte Warren Ellis zwischen den Instrumenten hin und her, führte wie Rasputin die Band von einem Highlight zum anderen. Live sind Nick Cave And The Bad Seeds nämlich eine fesselnde Urgewalt und bewiesen dies mit alten Klassikern wie „Stagger Lee“ oder aktuellen Schönheiten wie „Magneto“. „Nothing really matters, nothing really matters when the one you love is gone“, doch wir machen weiter und sind gemeinsam da. Und um mehr ging es vielleicht gar nie.

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Martin Carr – New Shapes Of Life (2017)

Damals mit The Boo Radleys wurde er gefeiert und stand auf den grossen Bühnen der Britpop-Zeit, doch es folgten für Martin Carr düstere Zeiten. Der Sänger und Musiker kämpfte mit Depressionen und fand auch in der Musik keinen wirklichen Halt mehr – bis jetzt. Denn mit seinem neusten Album „New Shapes Of Life“ lässt er acht Lieder auf die Welt los, die in dieser Zeit entstanden sind und seine Probleme behandeln. Dabei wagt sich der Schotte an läute Gitarren wie auch langsame und intime Gedankengänge. Nur ist es sehr schade, dass die Platte die Höhe von der Single „Damocles“ selten erreicht.

Denn der vorab präsentierte Song ist nicht nur treibend und modern, sondern glänzt auch mit einem packenden Refrain und herrlich knarzenden Akkorde – hier scheinen alle bösen Überlegungen von Martin Carr abzufallen. Auch „The Main Man“ und „Three Studies Of The Male Back“ geben sich eher dem Tempo hin und bewerben sich zugleich für die nächste Party in der Disco der Nullerjahre. Synthies und Bläser erweitern das Klangbild, Carr singt mit seiner hellen und luftigen Stimme. In diesen Momenten ist die späte Phase der Prefab Sprout nicht weit entfernt und das Album überzeugt mit seiner, leicht künstlich anmutenden Produktion.

Doch dazwischen tummeln sich leider immer wieder Stücke, die nie richtig in die Gänge kommen und deren Ideen zu wenig ausgearbeitet erscheinen. „The Van“ wird vom Kitsch entführt, „Future Reflections“ sinniert zu lange – hier macht sich Martin Carr den gewonnen Boden gleich selber wieder streitig. Somit ist „New Shapes Of Life“ zwar eine beachtliche Leistung und gern gehörte Rückkehr, aber gleichzeitig auch extrem durchzogen und etwas unbefriedigend. Aber doch schön, wieder etwas von dir zu hören, Martin.

Anspieltipps:
Damocles, Future Reflections, Three Studies Of The Male Back

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Gregg Kowalsky – L’Orange, L’Orange (2017)

Wer von euch ist schon einmal in der Sonne schwimmen gegangen und kam zurück um es allen zu erzählen? Nein, du da hinten hebst zwar die Hand, aber ich glaube dir nicht. Auch Gregg Kowalsky wird unseren lebenspendenden Stern wohl kaum von ganz nahe betrachtet haben, trotzdem hat der Amerikanische Klangtüftler sein erstes Album in acht Jahren nun dem Klang des Gestirns gewidmet. „L’Orange, L’Orange“ ist schon beim Cover eine warme Angelegenheit und zieht dieses Gefühl auch durch alle Tracks – Ambient der dich umarmt also.

Aufgewachsen in Miami, kennt sich Gregg Kowalsky mit Wärme und Licht aus, perfekt also, dies in eine klangliche Form zu bringen. Sieben Tracks bietet „L’Orange, L’Orange“ und ist dabei vor allem eines: Entspannend. Egal ob die kurze Einstimmung „L’Ambient, L’Orange“ oder das lange und schwebende „Pattern Haze“, hier fühlt man sich immer in Sicherheit und driftet mit geschlossenen Augen zu den Sternen. Ganz leichte Beats dürfen sich immer wieder mal zu den Synthieflächen gesellen und dabei entsteht Musik, die man so vor allem auf dem französischen Label Ultimae kennt. Da überraschen die Melodienfunken bei „Tuned to Monochrome“ fast.

Wer sich für Ambient interessiert, der wird mit „L’Orange, L’Orange“ eine tollen neuen Begleiter finden. Die Musik von Gregg Kowalsky kann ohne Hast und Lautstärke eine packende Wirkung entfalten und scheint, da ist das Albumdesign nicht ganz unschuldig, im Kern orange zu glühen. Es würde somit nicht verwundern, wenn der Musiker diese Lieder bei einem Flug durchs All aufgenommen hätte – die Sonne muss einfach so freundlich klingen.

Anspieltipps:
Maliblue Dream Sequence, Tuned To Monochrome, Pattern Haze

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Live: Melanie De Biasio, Moods Zürich, 17-11-09

Bild: Kathrin Hirzel

Melanie De Biasio
Donnerstag 09. November 2017
Moods, Zürich

„And the band played on / And my heart goes on“ – ganz sanft und leicht wird man wieder in die Realität entlassen. Mit dem abschliessenden Song vom neusten Album „Lilies“ werden auch die Schatten im Moods kleiner und aus Kontur wird feste Form. Doch im Gegensatz zum gesungenen Text spielt diese Band leider nicht mehr weiter, das Konzert von Melanie De Biasio endet und man wird sich plötzlich seiner Umgebung und Person wieder bewusst. Entführt auf schönste Weise, in andere Welten transportiert und nachhaltig gerührt – was ein paar Kleinode in der Musik an einem Donnerstagabend doch bewirken können.

Denn die Belgische Künstlerin brauchte für ihr Konzert in Zürich keine grosse Show und kein riesiges Aufgebot. Drei begleitende Musiker (Pascal Mohy am Klavier, Pascal Paulus an Keyboard und Gitarre, Alberto Malo am Schlagzeug) und Melanie De Biasio selber nahmen Lieder wie „Gold Junkies“ oder „Your Freedom Is The End Of Me“ und liessen sie in ihrer eigentlichen, reduzierten Weise natürlich wachsen. Ob die Band mehrere Takte hinten anhängte, oder die Stücke in der Mitte zu kleinen Improvisationen führten, alles fügte sich zu einer wunderschönen Performance zusammen. Einzelne Klänge schwebten durch den Raum und liessen sich von den glücklichen Zuschauern einatmen.

Noch selten habe ich ein solch fragil leises, aber in dieser Art auch extrem ausdrucksstarkes und intensives Konzert erlebt. Das Gewicht und der Ausdruck von Liedern wie „Let Me Love You“ zeichnete sich in jeder Note und jeder Silbe ab. Melanie De Biasio verwendete ihre Stimme wie ein Instrument und liess einzelne Sätze geflüstert oder laut gesungen auf die Instrumente einwirken. Kombiniert mit ihrem feinfühligen Spiel an der Querflöte und geschmacksvoll vom Licht in Szene gesetzt wurde die Künstlerin ihrem Ruf somit mehr als gerecht.

Der Herbst ist die Jahreszeit mit der grössten Melancholie, ein perfekter Moment für ein solches Konzert in der spannenden Zwischenwelt von Jazz und Singer-Songwriter. Melanie De Biasio liess uns alle für eine zu kurze aber fesselnde Zeit meditative und berührende Musik erleben und das Moods bewies einmal mehr Geschmackssicherheit und Ausnahmestellung. Ein Abend also, der auch ohne drückende Bässe und blendende Blitze noch lange im Kopf der Zuschauer herumgeistern wird.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bild: Kathrin Hirzel

Live: Gorillaz, Samsung Hall Dübendorf, 17-11-08

Gorillaz
Support: Little Simz
Mittwoch 08. November 2017
Samsung Hall, Dübendorf

Es war schon mehr als wohlig warm in der Samsung Hall, als die Lichter ausgingen und eine dröhnende Stimme aus dem Off die Besucher endgültig zu lauten Jubelschreien brachte – auf diesen Moment hatten viele sehr lange gewartet. Und als dann eine schier endlose Reihe an Musikern auf den Podesten und hinter den Instrumenten ihren Platz einnahm, da wusste man: Dieses Konzert wird einige Rahmen sprengen. Alleine der Umstand, dass die Cartoon-Figuren nicht mehr im Mittelpunkt stehen und man sich endlich getraute, alle Mitwirkenden offen zu zeigen, liess diesen Auftritt der Gorillaz gleich menschlicher wirken – ganz gemäss dem neuen Album „Humanz“.

Doch das Affentheater hielt sich nicht lange auf Sparflamme und Zampano Damon Albarn, der gleich vom ersten Song an wild auf der Bühne umherrannte und den Kontakt zu den Besuchern suchte, leitete seine Mitmusiker in ein Feuerwerk an alten Hits. „Last Living Souls“, „Tomorrow Comes Today“ oder „Every Planet We Reach Is Dead“ – neue und oft sehr soulige Kracher wie „Strobelite“ oder „Busted And Blue“ mussten sich zuerst hinten anstellen, erhielten aber später am Abend immer mehr Raum. Und wenn sich schon Sängerinnen und Sänger, Gitarristen, Schlagzeuger und Bassisten wie wild von Song zu Song schubsten, dann durfte auch das Drumherum nicht weniger explosiv sein.

Mit riesigem Screen und packenden Animationsfilmen, faszinierender Lichtarchitektur und einem Sound, der so manchen Besuchern die Haare umfrisierte, liessen die Gorillaz ihren gesamten Mythos und ihre Bandgeschichte neu aufleben. Gäste auf der Bühne und auf der Leinwand gestalteten Lieder wie das fröhliche „Superfast Jellyfish“ oder das kaputte „Garage Palace“ in allen Facetten lebendig, und schon bald versank man grinsend in dieser wahren Flut an Farben, Melodien und gesprochenen Songzeilen. Die Band nahm das Tempo nur selten raus und zeigte einmal mehr, wie eigenartige ihr Stilmix doch ist. Irgendwo zwischen englischem Trip Hop auf Speed, Vorort-Rap und verprügeltem Britrock, immer noch futuristisch und doch angenehm retro.

Klar, subtil war an diesem Konzert nichts. Jegliche Botschaften, welche ursprünglich mal in den Liedern und Videos gesteckt haben, wurden durch diesen Zirkus in den Hintergrund gestellt und mussten Platz für die grosse Party im Zoo machen. Wer sich aber so druckvoll und selbstsicher präsentiert, der darf das auch. Mit Liedern wie „Sex Murder Party“ boten sich die Gorillaz dazu gleich als moderne Nachfolger von Frankie Goes To Hollywood an und zeigten, dass auch fiktive Bands mit einem Amalgam aus Globalisierung und Spass die Welt erzittern lassen können. Und spätestens bei den Zugaben wie „Stylo“, „Feel Good Inc.“ oder natürlich „Clint Eastwood“ liessen alle Leute ihrer Begeisterung freien Lauf.

Kein Wunder also, liess Little Simz Dübendorf bereits als Support mit ihren harten Beats, inhaltlicher Schwere und gegen den Strich produziertem Rap erbeben. Direkt aus London und mit viel Attitüde, wilder als jeder Schimpanse – da durften sogar die schweren Schatten noch auf der Bühne umherstreichen. Und wenn man nach diesen Stunden müde, aber überglücklich aus der Halle torkelte, dann wusste man erneut: Die 2000er-Jahre sind noch lange nicht tot zu kriegen. „Turn yourself around to the soul / To the soul, to the soul!“

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.