Live: Tales From A Sonic Darkness, Parterre One Basel, 18-01-25

 

Tales From A Sonic Darkness
Bands: Scott Kelly & John Rudkins / Sarah-Maria Bürgin / Louis Jucker / The Leaving / Marlon McNeill / Anna Erhard
Donnerstag 25. Januar 2018
Parterre One, Basel

Die Bösen trifft man nicht nur im Sägemehl an, auch auf den Bühnen der Welt begegnet man immer wieder lauten und wilden Künstlern. Doch für eine Nacht gab es nun die Möglichkeit, Musikerinnen und Musiker intim und zurückhaltend zu geniessen. Das Basler Label Czar Of Crickets lud zu Stunden voller Tales From A Sonic Darkness – zu Reisen in introvertierte Momente und dunkle Melodien. Im hübschen Parterre One nahm man auf den Stühlen Platz und genoss das Dargebotene mit einem passenden Bier. Schon bald wurde aus dem normalen Donnerstagabend eine neue Erfahrung voller Intensität.

Bereits mit Anna Erhard gab es eine andere Form von Auftritt zu erleben, spielt die Musiker doch sonst mit der Gruppe Serafyn hübsche Songs – nun zeigte sich die Schweizerin alleine mit akustischer Gitarre und sanftem Singer-Songwriter. Ein angenehm langsamer und in sich gekehrter Start, der mit Komponist und Labelführer Marlon McNeill zwar etwas verschrobener wurde, aber immer noch auf einzelnen Gitarrentönen und sanften Aussprachen beruhte. Hier sogar als Huldigung für den kürzlich verstorbenen Mark E. Smith, mit parallel abgespielter Schallplatte.

Meditativ und langsam, so wollte sich der Chef des Abends nicht immer geben. Als The Leaving betrat er die Bühne mit einer elektrischen Gitarre und untermalte seinen feinen Gesang mit lauten und kratzenden Gitarrenriffs. Stärker hätte der Kontrast zwischen Mensch und Instrument nicht sein können, als Resultat funktionierte dies aber perfekt und leicht psychedelisch. Und die sieben Saiten verliehen dem Zar die nötige Gravitas – etwas, mit dem sich Louis Jucker (Coilguns, Autisti) nicht lange abgibt. Von seinem Architekturstudium ist die Liebe zum Entwurf übrig geblieben, den Rest bestimmt nun aber Punk und Noise. Mit eigens gebautem Verstärker wurden die rohen Stücke noch gewaltiger, Geschrei und wildes Klopfen auf den Saiten taten den Rest.

Wie eine Sirene der Nacht sorgte Sarah-Maria Bürgin von Scratches im Anschluss dafür, dass nicht nur das Testosteron wieder von der Bühne gefegt wurde, sondern dass nun endlich auch ein Keyboard die Rhythmik übernahm. Mit wundervoller Stimme, Melodien wie Samtkleider und einer grossen Ausstrahlung verzauberte sie die Anwesenden innert kürzester Zeit. Schade, durften hier alle nur kurz spielen, hier hätte ich gerne weitergeträumt. Als Abschluss kam aber ein richtiger Weltstar: Scott Kelly, mit grossem Bart und akustischer Klampfe, begleitet von John Rudkins an der Slide-Guitar.

Die Amerikaner zückten hier nicht das zerstörerische Schwert von Neurosis, sondern erzählten zerbrechliche Geschichten voller Emotion und Nachdenklichkeit. Passend zum Schluss, zusammenfassend und für den Abend stehend – Tales From A Sonic Darkness war ein wunderschöner Blick in die Seelen und Herzen von Künstlerinnen und Künstler, ein Eintauchen in verwunschene Klangwelten und ein mitreissender Ausgleich zu den sonst lauten und wilden Konzerten. So etwas dürfte es gerne öfters geben.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Tonight Alive – Underworld (2018)

Ja, verdammt nochmal! Auf solche Songs wie „Temple“ steh ich einfach total: Tonight Alive steigen mit einem düsteren Riff in ihren Alternative Rock ein, drehen beim Refrain dann aber das Vehikel komplett um und landen mitten im Keyboard befeuerten Power Pop. Sängerin Jenna McDougall darf düster vor sich hin singen und dann plötzlich mit ihrer hellen Stimme die gesamte Welt umarmen – das macht Laune und bleibt für lange im Zeit im Kopf hängen. Doch leider ist nicht alles auf „Underworld“ so gelungen und ausgeglichen, oft scheint der Zucker den ehemaligen Pop Punk komplett überzogen zu haben.

Das vierte Album von Tonight Alive ist keine typische Fortsetzung ihres bisherigen Klanges, gibt es doch im Gegensatz zum sehr glatten Vorgänger „Limitless“ wieder mehr Kanten und böse Riffs. Aber trotzdem übertreiben es die Australier in keinem Song, ihre Lieder fügen sich weiterhin den Verlockungen des Schönklangs und bunten Farben. Mit Gästen Lynn Gunn (PVRIS) und Corey Taylor (Stone Sour) holte man sich auch gleich zwei Stimmen ins Boot, die beide Extreme vertreten. Aber auch ohne Verstärkung schlägt sich die Band wacker und zielt immer in die korrekte Richtung. „In My Dreams“ ist wunderbar gross, „Crack My Heart“ verbindet Kampfgeist mit Empathie und „Waiting For The End“ besitzt die nötige Schwere.

Tonight Alive wissen also, wohin mit ihrer Musik – kommen nur selten in guter Form im Ziel an. Man hat das Gefühl, dass „Underworld“ irgendwie oft die Einfälle nicht korrekt bündeln kann und seine wahre Grösse verfehlt. Zu oft landet man im College-Radio, zu oft klingt alles wie böse geschminkter Pop der grossen Stars. So bleiben am Ende ein paar wirklich mitreissende Songs, tolle Riffs und das Charisma von McDougall – aber halt auch eine gewisse Leere. Für die Untermalung eines fröhlichen Fests eignet sich die Scheibe aber sicher gut.

Anspieltipps:
Temple, In My Dreams, Crack My Heart

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Of Mice And Men – Defy (2018)

Ist es die Schuld von Howard Benson und Chris Lord Alge, dass „Defy“ so geschliffen und leicht klingt? Der Produzent und Mischer waren nämlich auch schon mit Bands wie My Chemical Romance oder Green Day tätig – da bleibt vom harten Getue nicht mehr so viel übrig, oder? Auf jeden Fall findet man auf dem fünften Album von Of Mice & Men eine klassische, wenn auch etwas sanftere Version des modernen Metalcore und neu auch nur noch Aaron Pauley am Mikrofon. Seit 2016 ist Austin Carlile nämlich nicht mehr Teil der kalifornischen Gruppe und versucht nun anderswo sein Glück.

Wer nach diesem ersten Abschnitt nun die Single „Warzone“ anhört und denkt: Was schreibt der denn? Ja, dieses Stück ist zu Beginn eines der wirklich brachialen und wunderbar wilden Höhepunkte auf der Platte. Of Mice & Men lassen sich hier zu Power-Riffing und wildem Geballer hinreissen, nicht ohne den melodischen und harmonischen Refrain zu vergessen. Meist aber bleibt die Gruppe im harten Metal und sauberen Gesang. Stücke wie „Vertigo“ oder „Sunflower“ machen aber trotzdem viel Spass und laden Fans aller Geschlechter und Altersgruppen vor die Bühne. Gesamtheitlich stimmt für mich die Balance zwischen Brutalität und Sanftheit aber nicht wirklich.

Dazu kommt leider auch ein eher mittelmässiges Cover von Pink Floyds „Money“ – das würde auf „Defy“ ganz klar nicht fehlen. Denn Of Mice & Men sind genügend Sattelfest im Songwriting und spielen geschickt mit der Eingängigkeit. Ihr neustes Werk ist somit eine klare Aussage, dass sie auch zu viert weiterhin Energie und Kraft besitzen, wenn auch nun eher etwas vom wuchtigen Metalcore entfernt auftreten (siehe „If We Where Ghosts“). Für Liebhaber der Band und der Stilrichtung sollte der Kauf dieser Platte aber bestimmt keine schlechte Entscheidung sein.

Anspieltipps:
Vertigo, On The Inside, Warzone

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bruce Dickinson – What Does This Button Do? (2018)

Was für ein Tausendsassa der werte Herr Bruce Dickinson doch ist! Er hat als ausdrucksstarker Sänger nicht nur die Heavy-Metal-Band Iron Maiden zu einem Luxusdampfer der harten Rockmusik gemacht und mehrere Soloalben veröffentlicht, nein er ist auch Pilot, Autor, Moderator und ehemaliger Weltklassefechter. Ein Leben, das für ein Buch wie gemacht ist und oft sogar ein wenig erfunden klingt. In „What Does This Button Do?“ nimmt sich der Engländer der Aufgabe des Erzählens auch gleich selbst an und präsentiert seine Autobiografie, die weit über das gewohnte Schema eines Buches über Musiker hinausgeht.

Das zeigt sich nämlich nicht nur um flotten und kumpelhaften Umgangston und der lockeren Schreibform, sondern auch beim Fokus des Inhalts. Das repetitive Leben zwischen Albumproduktion, Konzertreise und kurzen Erholungspausen wird meist in kurzen Sätzen und wenigen Abschnitten zusammengefasst. Sicher, auch Bruce Dickinson hat einige abstruse und leicht skandalöse Geschichten auf Lager und schämt sich auch nicht, diese hier Schwarz auf Weiss zu offenbaren. Schön dabei ist aber, dass diesen Eskapaden weder viel Gewicht gegeben, noch seine eigene Naivität und Dummheit ausgespart wird. Dieses Buch dient niemals dazu, andere Leute schlecht zu machen und alte Fehden wieder aufleben zu lassen.

Viel spannender wird „What Does This Button Do?“ immer dann, wenn sich die Erzählung weg vom typischen Metal-Alltag hin zu Dickinsons anderen Leidenschaften wendet. Sei es sein jahrelanger Versuch, einen Film über Aleister Crowley auf die Beine zu stellen, seine nicht ganz ernst gemeinten Übungen Romane zu schreiben oder die haarsträubenden Vorfälle in seiner Pilotenkarriere – alles wird leicht verständlich und mit genügend Selbstironie angegangen. Diese Autobiografie ist immerzu unterhaltsam und positiv, sogar die schwere Zeit der Krebserkrankung löscht den Optimismus nicht aus dem Mann und dem Buch. Nur sein persönliches Privatleben bleibt für grosse Teile im Dunkeln – was so ganz gut passt.

„What Does This Button Do?“ ist nämlich keine Glorifizierung und Erklärung der Person Bruce Dickinson, sondern seiner Taten und Errungenschaften. Man muss sich mit dem Autor nicht über Politik streiten, keine seitenlange Sinnierungen über einzelne Tonlagen und Gitarrenriffs ertragen, man wird alleine zum Staunen eingeladen. Und dies passt eigentlich perfekt zu der Bühnenfigur Dickinson, die man seit vielen Jahren zwischen riesigem Eddie und gewaltigen Songs kennt. Ein Buch, das also nicht nur Iron Maiden Fans unterhalten wird.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bonosera – Feedback (2018)

Auf der einen Seite haben wir die Bühne, die rohe Energie, die spielerische Lust. Auf der anderen Seite das Album, die genaue Arbeit und die tausend Möglichkeiten einer Produktion. Was passiert, wenn diese beiden Extrem nun aufeinanderprallen, wie geht ein Rock-Duo damit um? Kurz gesagt reicht „Feedback“ aus, länger ausformuliert landen wir beim ersten Album von Bonosera, der Band von Aaron Wegmann und Seraphim von Werra aus Zürich. Die beiden jungen Musiker haben ihre, seit 2015 auf den Bühnen erprobten Songs ohne Schnick-Schnack nun im Studio aufgezeichnet.

Und glücklicherweise ist in dieser einfachen Produktionsweise ohne Overdubs und Tricks die rohe Eigenheit ihrer Musik beibehalten worden. Ob instrumental und mit dreckigen Gitarren wie bei „Northern Lights“ oder gemütlich und leicht romantisch bei „Mary Mary“, die staubige Luft der Wüste ist nie weit entfernt. Desert Trance Blues nennen Bonosera ihre Musik und treffen den Kern ihrer Lieder sehr gut. „Bright Side“ bringt mit viel Verzerrung und Lärm den Stoner Rock zu „Feedback“, „Wreck Me“ zeigt sich wild und ungezähmt. Nicht immer geht die Rechnung gleich gut auf, so zerfällt „How Long“ in seiner Ausführung leider etwas, aber dieses kurze Stolpern fängt das Duo schnell auf.

Spätestens beim langen und abschliessenden „Ain’t Gonna Change“ ist dann klar, hier geht es um authentischen Ausdruck, um raue Gefühle und klangliche Versuche, die nicht immer perfekt aufgehen müssen. Bonosera gehen ganz nach Rick Rubin und spielen genau die Musik, die sie lieben und in ihrem Blut spüren. Das ist genau richtig so und bringt in Liedern wie „Bright Side“ den hart gespielten Blues-Rock auf den Punkt und öffnet sich immer wieder für laute Eruptionen. Vermengung von Bühne und Album geglückt, das kann man mit viel Fuzz sagen.

Anspieltipps:
Wreck Me, Mary Mary, Ain’t Gonna Change

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Kettcar, Bierhübeli Bern, 18-01-23

Kettcar
Support: Fortuna Ehrenfeld
Dienstag 23. Januar 2017
Bierhübeli, Bern

„Wir gelten ja jetzt als Polit-Punk-Band“, sagt Marcus Wiebusch und schaut schelmisch in die Gesichter der Besucher des Bierhübeli. Denn er weiss genau, diese Aussage verliert jede Spur von Selbstüberschätzung mit dem Liebeslied-Hattrick, den Kettcar gleich danach anstimmen. Wobei diese Kombination aus grossen Gefühlen, Poesie und direkten Aussagen zu aktuellen Themen für die Hamburger nichts neues ist. Mit ihrem alternativen Indie-Rock singen sie sich seit 2001 in die Herzen der sozial eingestellten Menschen und versüssten so manche Begegnung oder Nacht. Auch Bern kam nun endlich wieder in den Genuss des Zaubers, voller neuer Zeilen und alten Melodien.

Die Tour von Kettcar dient nämlich nicht nur dazu, ihr neustes und sehr gelungenes Album „Ich vs. Wir“ vorzustellen, es geht auch um denn allgemeinen Zustand unserer Gemüter. Die Band wollte weder predigen noch sinnlos auf den Gitarren herumhantieren, lieber die Stunden mit ihren Freunden und Fans feiern und auskosten. Und das gelang gleich perfekt mit dem Einstieg und dem Song über das Älterwerden („Graceland“) und „Money Left To Burn“ – ein Titel, der kurzerhand dazu gekapert wurde, um den bevorstehende Geburtstag von Bassisten Reimer Bustorff mit der Einkaufstour durch die Migros zu verbinden. Wiebuschs erzählerischen Texte nahmen gefangen, die immer wieder laut aufspielenden Musiker sorgten für die passende Klangkulisse.

Und dann das erste, doch wieder eindringlich kritische Highlight: Die neue Single „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“, eine intelligente Betrachtung der Flüchtlingskrise mit Sprechgesang und herrlich grossem Refrain. Hier wird klar, dass gewisse Medien mit der neuen Stilrichtung bei Kettcar nicht falsch lagen. „Mannschaftsaufstellung“, „Ankunftshalle“ oder „Landungsbrücken raus“ – die Mischung zwischen nachdenklichen Passagen und lauten Ausbrüchen passt perfekt in die heutige Zeit und formt dieses Konzert zu einem Rausch. Dank der grossen Sympathie, vielen tollen Sprüchen zwischen den Songs und guter Laune der Band kam das Ende in Bern fast etwas zu schnell.

Aber auch der Beginn mit Fortuna Ehrenfeld aus Köln traf genau in diese Mischmenge. Das Trio versuchte sich an gerne schrägen Strassengedichten, umgarnt von Keyboardspuren und Gitarrenriffs. Multitalent Martin Bechler liess es sich nicht nehmen, den Konzertsaal zu bestaunen und genüsslich seine Weinflasche zu den Songs zu kredenzen. Unterstützt von Jenny Thiele an den Tasten und  Paul Weissert am Schlagzeug wurden seine beschmutzten Perlen des Singer-Songwriter zu elektronisch brummenden Popsongs und hallten lange nach. Ob Nord oder Süd, Deutschland brachte an diesem Dienstag seine besten Erzeugnisse in die Schweiz und gewann auf ganzer Linie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

IAMX – Alive In New Light (2018)

Ein Ausbruch, eine Befreiung! „Alive In New Light“ deutet die Läuterung von Chris Corner nicht nur im Titel an, auch die Musik wirkt wie ein grosser Schritt in Richtung Freiheit – ohne sich selber zu verleugnen. Denn der Start in das neue Abenteuer mit „Stardust“ klingt genau so, wie man es von einer neuen IAMX-Scheibe erwartet: Mehrschichtige Synthiewelten, pochender Beat und emotionaler Gesang. Neu hingegen ist, dass sich mit Kat Von D. (ja genau, die bekannte Tätowiererin) der weibliche Gegenpart gleich vor die Aussagen Corners stellt und die Musik somit noch breiter wirkt. Dieser Dark Wave will nicht mehr in der depressiven Gruft versinken, die Lust zu Grösse und Epik ist zurück.

Das merkt man besonders beim Titelsong oder „Break The Chain“, welches den Einstiegs-Hattrick vollendet. IAMX läuft hier zu seiner Club-Höchstform auf, kombiniert Sehnsucht und Strobo, schnürt sich die Lederklamotten enger an den Körper und versinkt im Nebel. Düstere Beats wälzen sich mit klaren Keyboard- und Gitarrenformen am Boden, Chris Corners eindringlicher Gesang thront über all unseren Köpfen. Gegensätzlicher könnte das Album zum instrumentalen Vorgänger „Unfall“ nicht klingen, mit „Body Politics“ werden sogar Brücken zu Depeche Mode geschlagen. Nur mit viel mehr Sex.

Das liegt aber bei weitem nicht nur an dem weiblichen Gaststar, sondern auch darin, dass sich IAMX mit „Alive In New Light“ etwas von den gemächlichen Songs verabschiedet und auch seine Walzerelemente nur noch in „Big Man“ zur Anwendung kommen. Der Rest wirkt überlebensgross, holt sich Inspiration bei Gary Numan („Stalker“) und gönnt sich eine ausufernde Produktion. Endlich sind wir nun also bei einer Veröffentlichung angelangt, die sich praktisch keine durchschnittlichen Stellen gönnt und vor Leben sprüht. Natürlich wird weiterhin gelitten, aber jetzt absichtlich und provozierend. Packender sind nur noch Corners Bühnendarbietungen.

Anspieltipps:
Stardust, Break The Chain, Mile Deep Hollow

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Calexico – The Thread That Keeps Us (2018)

Seit neun Studioalben lassen uns Calexico in wärmere Gefilde entfliehen, spielen Reiseleiter durch die Südstaaten der USA und Mexico, und entlocken dem Americana immer wieder neue Perlen. Mit „The Thread That Keeps Us“ haben es die Mannen um Sänger Joey Burns und Schlagzeuger John Convertino erneut geschafft, all ihre Stärken neu zu bündeln und mit neuen Einflüssen zu versehen. Denn die Platte wurde nicht nur an der kalifornischen Küste aufgenommen, sondern erlaubt sich angenehm viel Dreck und Staub auf den Melodien. Die elektrischen Gitarren dürfen verzerrt durch die Landschaften schreiten, der Rock kapert sich Traditionen und formt neue Daseinsarten.

Aber keine Angst, weiterhin sind die tanzbaren Rhythmen, die Latino-Harmonien und die herrlich luftige Instrumentierung im Zentrum. Mit „Voices In The Field“ und „Bridge To Nowhere“ erhält man zu Beginn auch gleich grosse Highlights, doch „The Thread That Keeps Us“ fällt bis zu „Music Box“ nie in eine Grube und freut sich über den haftenden Sand. Diese neue Rauheit macht aus Calexico nicht nur eine frischer wirkende Band, es verleiht der Musik sogar eine weitere Ebene der Glaubwürdigkeit. Da passen sogar die kurzen Gitarren-Zwischenspiele („Spinball“ und „Shortboard“) perfekt in das Gesamtbild und öffnen das Werk für Psychedelic und Hippietum.

Man merkt Stücken wie „Under The Wheels“ oder „Dead In The Water“ richtig an, dass sich die Musiker von Calexico vollends auf ihr Können als Songschreiber verlassen und mit viel Esprit und Freude die Arbeit bewältigt haben. Man erhält offene Geschichten voller Flächen und Hall, kernige Momente in der heissen Sonne und Tanzverlockungen für die sommerlichen Nächte. Seit langem war kein Album dieser Band mehr voller so vieler mitreissender Momente, die sich sofort im Herzen einrichten und dort gerne für immer bleiben dürfen. „The Thread That Keeps Us“, und wir behalten euch noch ganz lange sehr nahe.

Anspieltipps:
Voices In The Field, Under The Wheels, Dead In The Water

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Car Seat Headrest – Twin Fantasy (2018)

Für Will Toledo hat sich der Kreis endlich geschlossen, das Leiden wurde endlich gemildert. Denn als „Twin Fantasy“ 2011 veröffentlicht wurde, war das bedeutungsschwere Album eine Einmann-Show, technisch bedürftig aufgenommen und irgendwie nicht komplett. Seit Car Seat Headrest nun aber eine komplette Band sind, fiel dieses fantastische Werk des Alternative Rock und Emo immer wieder in die Hände der Musiker und wurde nun komplett neu eingespielt und aufgenommen! Das bedeutet nicht nur, dass die Lieder endlich so klingen, wie es sich Frontmann Toledo immer vorgestellt hatte, sondern er auch die Last nicht mehr alleine tragen muss.

Das Monstrum „Beach Life-In-Death“ ist aber auch in dieser Neuauflage das wahre Kernstück. In einer Viertelstunde wechseln Car Sead Headrest nicht nur Stimmungen und Takte, sondern bringen die lyrische Erzählung um Depressionen und Homosexualität gleich zu einem mitreissenden und extrem emotionalen Höhepunkt. Toledo singt, schreit und flüstert, die Gitarren fallen laut krachend auf das Songgerüst hernieder und am Schluss wird daraus ein treibendes Stück Indie-Rock. Talent, Ausdruck und Direktheit – „Twin Fantasy“ ist ein grossartiges Album und schlägt mit jedem Lied eine neue, fesselnde Seite in der Geschichte auf.

Ob betrübt lamentierend in „Stop Smoking (We Love You)“, elektronisch unterstützt bei „Nervous Young Inhumans“ oder riesengross und erlösend bei „Famous Prophets (Stars)“ – Car Seat Headrest machen diese musikalische Reise zu einem Kraftakt, der aber niemals überfordert sondern immer unterstützt. Dieses Album geht zwar immer wieder schwierige Themen an, holt aber aus den dunklen Stunden viel Kraft und zeigt, dass man gemeinsam halt doch weiter kommt. Schön, darf „Twin Fantasy“ nun endlich so strahlen, wie es immer gedacht war. Schön, können wir Will Toledo mit dieser Erzählung erneut in unsere Arme schliessen.

Anspieltipps:
Beach Life-In-Death, Nervous Young Inhumans, Famous Prophets (Stars)

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Starcrawler – Starcrawler (2018)

Arrow de Wilde hat es erfasst: Wenn eine junge Frau eine Rockband leitet, dann geschieht dies am besten mit wildem Ausdruck und sich überschlagender Stimme. Kein Wunder also, unterliegen seit 2015 alle dem Zauber von Starcrawler – der neusten, jungen Hard-Rock-Hoffnung aus Los Angeles. Verehrt in bekanntesten Musikerkreisen, gelobt von vielen Kritikern und Aufgenommen von Ryan Adams – hier ist das erste Album „Starcrawler“ und erfüllt alle Hoffnungen.

Mit zehn Liedern, welche sich zwischen Hochtemporock und destruktiver Lust bewegen und innert wenigen Minuten gleich viele Herzen einfangen wie brechen, lassen Starcrawler alle wissen: Die Zukunft gehört nicht den alten Säcken, es werden die jungen Rebellen herrschen. Ob mit klassischen Riffs und viel Groove („Love’s Gone Again“) oder frechen Texten und unbändiger Wucht („Pussy Tower“), so effektiv war die klassische Bandbesetzung schon lange nicht mehr. Und Gitarre, Bass und Schlagzeug haben schon lange nicht mehr so erfrischend gerumpelt.

Am tollsten sind Starcrawler aber immer dann, wenn sie sich einen Dreck um ihr Aussehen scheren (es heisst schliesslich nicht umsonst Klangbild) und alles aus dem Ruder laufen lassen. „Different Angles“ ist ein solch wilder und treibender Kandidat, das abschliessende „What I Want“ reisst alle aus dem Alltagsschlaf heraus. Hier wird gekreischt, die Riffs werden extrem verzerrt und der Takt verklopft. Erstaunlich, wie lebensfreudig so altbekannte Elemente klingen können und sofort Freunde fürs Leben machen.

Anspieltipps:
I Love LA, Pussy Tower, What I Want

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.