Swans – The Great Annihilator (1995)

Swans – The Great Annihilator 
Label: Young God Records, Remaster 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Noise-Rock, Alternative

Es war schon fast das letzte Aufbäumen vor der Auflösung und genau darum auch ein fantastischer Ritt durch alle bandbestimmenden Qualitäten. Der grosse Vernichter stellt sich allem entgegen und ist eines dieser wilden Alben, die nur Swans kreieren können. Ursprünglich 1995 veröffentlicht, erscheint nun eine klanglich aufpolierte Version von „The Great Annihilator“ mit zusätzlichem Live-Song und dem kompletten „Drainland“-Album von Michael Gira. Aber eigentlich bietet schon das ursprüngliche Werk mehr als genug Material zum Lärmen und Staunen, oder Sich-am-Kopf-kratzen.

Denn mit dieser Platte wagten Swans einen Seiltanz zwischen zugänglichem Material wie „Warm“, welches schon fast angenehm anzuhören ist – nur um dann gleich wieder in die kaputten Gebiete des alternativen und lärmenden Rock abzustürzen. Mit vielen Gitarrenspuren, hypnotischen Wiederholungen, einer rumpligen Rhythmusfraktion und mehreren Stimmen wandelt man in den Gängen eines Irrenhauses und findet plötzlich den sonnigen Innenhof. „Mind/Body/Light/Sound“ steht als Kumulation aller Zutaten in perfekter Form auf dem Platz.

Was hier aus gewalttätiger Rock-Musik, verwirrenden Klängen und angriffigen Ausformulierungen zu einem fantastischen Ritt wird, das verbarg sich im tiefen Inneren von Swans-Frontmann Gira. Trotz schwieriger Entstehungsgeschichte wirkt das Album vollendet und lockt mit seinen kurzen Liedern. Zwar fehlt hier noch etwas die erlösende Wirkung der neueren Scheiben, mitreissend ist „The Great Annihilator“ aber immer. Und wer dann komplett in die Dunkelheit abstürzen will, der hört mit „Drainland“ die seelischen Abgründe der Menschheit und die obskure musikalische Aufarbeitung des Alkoholismus.

Anspieltipps:
I Am The Sun, Mind/Body/Light/Sound, The Great Annihilator

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bullet Height – No Atonement (2017)

Bullet Height – No Atonement 
Label: Superball Music, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Electro-Rock, Dark Rock

Pure Reason Revolution plus IAMX ergibt Bullet Height? Leider nur auf dem Papier – denn obwohl hier Jon Courtney, der ehemalige Gründer der Art-Rock-Truppe mit der Keyboarderin Sammi Doll der Dark Wave-Helden die Vermengung sucht, wollen die entstandenen Kinder sich nicht immer benehmen. „No Atonement“ gibt sich aber erstmal auch gar nicht mit solchen Kleinigkeiten ab, denn vom eröffnenden „Fight Song“ bist zum abschliessenden „Up To The Neck“ gibt es sonische Grossangriffe und überlagernde Tonspuren. Natürlich immer in Schatten und Strobo getaucht.

Lieder wie die Single „Hold Together“ wollen dem Hörer zwar weismachen, dass Bullet Height auch sanft auftreten können, doch sehr schnell sind auch hier die schreienden Gitarren, die knarrenden Synthies und das verzerrt knallende Schlagzeug zurück. Erholung gibt es auf „No Atonement“ selten, mit diesem ersten Album testet die neue Band unsere Belastbarkeit. Als Gegenpol werden die von Pure Reason Revolution gewohnt melodischen Gesänge aufgestellt, dies glättet die Wogen aber auch nie wirklich. Eine solche Tracht Prügel kann Spass machen, doch leider geht dem Duo auf halber Strecke die Luft aus.

Sicherlich, Bullet Height ist die fesselnde Kombination aus den Fähigkeiten von Courtney und Doll und mischt den Dark-Rock mit vielen Stromschlägen. Aber spätestens ab „Intravenous“ hat man das Gefühl, die Lieder gleichen sich alle zu stark. Jeder Song ist gleich geschminkt und eine andere Farbe als Schwarz darf keiner anziehen. Somit verschwindet die Platte im Kopf schnell in einem Mittelmass und einzelne Highlights lassen sich selten ausmachen. „No Atonement“ ist somit weniger für die Ewigkeit, als für die kurze und sehr wilde Abrissparty mit kaputten Freunden. Jon Courtney wieder in Aktion zu sehen macht aber auf jeden Fall Freude.

Anspieltipps:
Bastion, Intravenous, Break Our Hearts Down

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bjørn Riis – Forever Comes To An End (2017)

Bjørn Riis – Forever Comes To An End
Label: Karisma Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Art-Rock

Wenn es einen Mitarbeiterpreis für den am schwersten arbeitenden Gitarristen unter den Musikern gäbe, mit „Forever Comes To An End“ hätte sich Bjørn Riis diesen auf jeden Fall verdient. Und ein solches Diplom würde sich bestimmt neben all den Fanpostern an den Wänden im Studio gut machen – denn auch mit seinem zweiten Soloalbum zeigt der Gitarrist von Airbag, dass er aus lebenslangen Inspirationen wunderbare Art-Rock-Songs schneidern kann. Natürlich immer voller Saitenzauber und sphärischen Wirkungen.

Es wird schnell klar, dass in Stücken wie „The Waves“ oder dem Titellied eine grosse Anzahl von guten Geistern lauert. Bjørn Riis lässt harte Riffs erbeben wie bei Porcupine Tree oder Black Sabbath, gleitet dann aber auch auf wohlklingenden Wellen wie bei Pink Floyd oder Marillion über die schlafenden Landschaften. „Forever Comes To An End“ ist also nicht nur die träumerische Weiterführung bekannter Traditionen, sondern auch die Demonstration der technischen und künstlerischen Fähigkeiten des Musikers.

Wenn man zwischen Keyboardflächen und Akkordwechseln eintaucht, dann muss man sich nie Sorgen um Luftmangel machen. Die Kompositionen von Bjørn Riis haben viel Freiraum und erdrücken den Hörer nicht mit wichtigtuerischem Abgrasen von Griffbrettern. Viel mehr geben sich atmosphärische Höhenflüge und Stakkato-Angriffe zärtlich die Hand und freuen sich auch, wenn in Liedern wie „Where Are You Now“ Gesang erklingt. Das tut dem meist instrumental gehaltenen Album sehr gut und verleiht dem Auftritt eine tiefere Ebene. Somit ist das Werk bereits nach wenigen Durchgängen nicht nur für Gitarristen eine wundervolle Meditation.

Anspieltipps:
Forever Comes To An End, The Waves, Where Are You Now

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Coheed And Cambria, Z7 Pratteln, 17-06-13

Coheed And Cambria
Support: Dinosaur Pile-Up
Dienstag 13. Juni 2017
Z7, Pratteln

Noch einmal Luft holen, dann los. “Good Apollo, I’m Burning Star IV, Volume One: From Fear Through the Eyes of Madness” – was bei anderen Bands schon für ganze Songtexte reichen würde, wird hier erst einmal zum Albumtitel. Und wenn dann auf der Tour noch der Zusatz “This Is Not A Beginning / Neverender GAIBS IV” angefügt wird, dann ist klar, bei Coheed And Cambria spielt der Inhalt weiterhin eine grosse Rolle. Ganz vergessen wird das Konzept “The Amory Wars” eh nie sein, bei einer Jubiläumstour mit komplett gespieltem Album wird dann auch das komplette Fanprogramm ausgepackt.

Wenn sich die Emo-Progger aus den USA wieder einmal in der Schweiz zeigen, dann gibt es auch einen Grund zum Feiern – und der war hier die Darbietung des dritten Studioalbums der Band. Und obwohl dies nicht unbedingt riesige Massen in das Z7 in Pratteln lockte, waren die Anwesenden dafür umso erfreuter und lauter. Coheed And Cambria haben sich über die Jahre eine starke Fanbasis erarbeitet und dies sorgte auch am Dienstagabend für eine wunderbare Stimmung. Somit fiel nicht weiter auf, dass sich die Band praktisch nie an das Publikum wandte, sondern “GAIBS IV” ohne grosse Pausen in korrekter Reihenfolge spielte.

Und das bedeutete harte Riffs, Gesang wie in den wildesten Emo-Zeiten, ausufernde Lieder und eine Gnadenlosigkeit wie beim Hardcore. Mit Progressive Rock im eigentlichen Sinne hatten Coheed And Cambria nie viel zu tun, vielmehr versuchen sie ihre Weltraum-Saga mit Pop-Anleihen und diesen unglaublich eingängigen Rhythmen frisch und modern zu präsentieren – was auch in der Konzertfabrik während des gesamten Auftrittes zu spüren war. Dank Chorgesang und mehrstimmig gespielten Gitarrenmelodien hielten sich die Fans aber auch immer wieder in den Armen und liessen nicht nur Frontmann Claudio Sanchez grinsen. So unendlich weit ist das All also doch nicht.

Etwas geradliniger und vor allem viel verzerrter gab sich das Trio Dinosaur Pile-Up aus London. In einer schreiend lauten, aber nicht unattraktiven Mischung aus Grunge, Post-Punk und Emo stapelten sie alte Helden wie Nirvana oder Smashing Pumpkins zu krachenden Songs. Immer mit vollem Tempo und Energie liessen sie die Saiten brennen und waren damit zwar nicht filigran, aber doch erfrischend anders. Vielleicht eine etwas abenteuerliche Wahl als Support von Coheed And Cambria, aber damit auch ein jugendlicher Aufbruch der konzeptuellen Kunst.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Debutante / Feral – Split (2017)

Debutante / Feral – Split
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: Download
Links: Debutante, Feral
Genre: Noise-Rock, Shoegaze

Wenn die drei Lieder auf dieser neue Split beklemmend und verstörend erscheinen, dann hat dies auf jeden Fall seine Richtigkeit. Denn die gemeinsame Produktion des Schweizer Drone-Pop Künstlers Debutante und dem Noise-Zauberer Feral aus Leeds behandelt schwierige Themen und kann uns daher auch klanglich keine Befriedigung geben. Körperhass und Dysphorie werden angesprochen und auch Unwissende auf vereinnahmende Weise in diese Probleme hineingezogen. Ein Entkommen gibt es während knappen 20 Minuten nicht.

Schon der erste Track von Feral lässt die Synapsen verwirrt aufleuchten, denn „What’s The Worst That Could Happen?“ gibt die Antwort auf die Frage gleich in lärmenden Post-Punk-Rückkopplungen. Hier gibt es keine konkrete Struktur sondern Ausbruch und mürrische Verzerrungen. Wie bei Dysphorie schliesslich auch, ist dies doch eine Störung der Emotionen und Betroffene nimmt man dadurch als unzufrieden oder verärgert war. Mit „Cry Yourself To The Hanging“ vernimmt man zwar Gesang und Melodie, erlösend wird es aber nicht.

Auch Christoffer Zimmermann alias Debutante lässt bei „No Mirrors“ während zwölf Minuten keine Ruhe aufkommen. Sein Shoegaze für Seelen ohne Licht ist verrauscht, irgendwie unfertig und immer etwas zu krumm. Die Gitarren sind verbeult, der Gesang kommt aus weiter Ferne. So ist leider auch der Text schwer auszumachen und das Lied lässt sich etwas viel Zeit um in die Gänge zu kommen. Aber trotzdem, diese Split überträgt die beabsichtigen Gefühle und Empfindungen mit all diesem Lärm und den Zwängen sehr gut auf den Hörer. Nur befriedigend kann es nicht sein.

Anspieltipps:
What’s The Worst That Could Happen?, No Mirrors

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Perfume Genius – No Shape (2017)

Perfume Genius – No Shape 
Label: Matador, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Alternative Pop, Rock

Hin und her gerissen, verzettelt, unsicher und wechselhaft – ein etwas melancholischer Mensch fühlt sich an vielen Tagen wohl genau so, wie „No Shape“ auf den ersten Blick daherkommt. Denn das vierte Studioalbum von Mike Hadreas unter dem Namen Perfume Genius ist ein Werk voller Wechsel und Ungleichgewichte, die sich doch gegenseitig stützen. So kann ein Lied wie „Go Ahead“ zuerst wie Prince klingen, dann aber in kleine Kaskaden von fallenden Keyboard-Tropfen auseinander brechen. Mit dieser Unberechenbarkeit findet man in den 13 Songs Rock, alternativen Pop, Glam-Erinnerungen und Synthie-Noise – Schmerz und Glück in Taktnähe beisammen.

Diese Berg- und Talfahrten zeigen aber in ihrer Vielseitigkeit das Leiden von Perfume Genius in klanglicher Form perfekt auf. Denn auch drei Jahre nach seinem umwerfend guten Album „Too Bright“ hat sich der Künstler noch nicht beruhigt und versucht weiterhin, die schwierige Kunst des Alltags zu meistern. Sein persönlicher Entwurf des Kammerpops erreicht auf „No Shape“ eine neue Stufe und lässt nichts von der Kunstfertigkeit des Vorgängers missen. Man wird sanft umgarnt bei „Die 4 You“, steigt mit „Choir“ in den Himmel oder tanzt bedrückt zu „Wreath“. Das Album klingt in allen Situationen ätherisch und zeichnet die Melodien in Pastellfarben nach – um oft gleich wieder aufzuseufzen.

Bei diesem hohen Niveau, welches Perfume Genius auf seinem vierten Werk aufrecht erhält, ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Scheibe mit „Run Me Trough“ am Ende sogar an die glorreiche Spätphase von Talk Talk erinnert. Denn wie auch damals bei diesen Zauberern findet man auf „No Shape“ extrem viel Berührendes und Musik, die nach viel direkter Konfrontation ungeahnte Möglichkeiten präsentiert. Und obwohl man am Ende die grossen Zweifel und Fragen nach dem Warum vielleicht nicht beantworten kann, kann man zumindest zusammen suchen und leiden. Denn seine Schulter bietet Perfume Genius nicht nur „Alan“ an.

Anspieltipps:
Go Ahead, Wreath, Die 4 You, Run Me Trough

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Harvestman – Music For Megaliths (2017)

Harvestman – Music For Megaliths
Label: Neurot Recordings, 2017
Format: Download
Links: Bandcamp
Genre: Drone, Ambient, Folk

Wenn Steve Von Till mit seiner Hauptband Neurosis in der heissen Hölle hantiert, dann sind die Schauplätze beim Soloprojekt Harvestman die nebligen Wälder und menschenleeren Landschaften. Das bedeutet aber nicht, dass die Musik auf „Music For Megaliths“ weniger unheimlich klingt. Denn der Künstler hat hier nicht nur dahinfliessende Stücke erschaffen, die clever Drone und Folk mischen – sondern auch seine Instrumente so eingesetzt, dass man oft nicht den Ohren trauen darf. Sind dies echte Aufnahmen von merkwürdigen Ereignissen in der Natur, oder haben hier Aufnahme und Produktion zusammen gezaubert?

Entspannt und stetig verändernd geben sich Lieder wie „Oak Drone“ oder „Sundown“ und bilden bei genauer Betrachtung zusammen ein wunderbares Bild. Harvestman belebt mit alten Instrumenten wie Akkordeon, Drehleier und krummen Gitarren seine Waldlichtungen und vermengt die Klangspuren mit effektvollen Modulationen und Wiederholungen. Schnell fühlt man sich auf warmes Moos gebettet, schliesst die Augen und hört dem Gesang des wachsenden Holzes zu. „Music For Megaliths“ ist dabei immer wieder verwunderlich zart und zeigt einen Musiker, der von seinen sonstigen Tätigkeiten als Sänger und Gitarrist völlig abkehrt.

Das Projekt Harvestman war schon immer dazu da, die leisen Seiten von Steve Von Till darzustellen – und mit diesem neusten Album ist ihm das Unterfangen perfekt geglückt. Wer sich Lieder wie „The Forest Is Our Temple“ oder das abschliessende und erfüllende „White Horse“ anhört, der landet automatisch in einem entspannten Zustand. Dabei ist die Musik nicht nur eine spannende und organische Seite von Ambient, sondern auch eine Annäherung an unsere Umwelt und deren fragilen Zustand.

Anspieltipps:
The Forest Is Our Temple, Cromlech, Sundown

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Rein – Freedoom (2017)

Rein – Freedoom
Label: Guerilla Music, 2017
Format: Download
Links: FacebookSoundcloud
Genre: Punk, Synthie-Rock

Mach kaputt, was uns alle kaputt macht – so passend könnte man einen gewissen Ausspruch abwandeln und dann direkt auf das Cover von „Freedoom“ kleben. Denn die neuste EP der schwedischen Künstlerin Joanna Reinikainen nimmt keine Rücksicht auf Doppelmoral und feinfühlige Ignoranten. Rein zeigt mit fünf neuen Stücken vielmehr, dass die Zeit gekommen ist, um sich laut aufzulehnen. Und bevor ihr jetzt von einem verzogenen Gör sprecht: Eure Taten haben unser Umfeld schliesslich so geformt. Da passt es wunderbar, dass nun allen ein wenig der Kopf mit Electro-Punk zugedröhnt wird.

Besonders deutlich wird dies beim letzten Track, hier lässt Rein stoisch die Beats scheppern und dazu redet sich Nina Mariah Donovan in Rage. Gender-Problematik, Feminismus, Emanzipation und Ungerechtigkeit werden in „Nasty Woman“ an den Pranger gestellt in Kombination mit geschicktem Name-Dropping. Danach muss man kurz etwas durchatmen, doch schon bald spielt man „Freedoom“ erneut ab. Denn Stücke wie „Missfit“ oder „C.A.P.I.T.A.L.I.S.M.“ tragen nicht nur kämpferisch eine Botschaft auf der Brust, sie lassen wunderbar die Synthies knarren und Rein scheut sich nicht vor schmerzenden Hooklines.

Den nötigen Kick, um diese EP zu produzieren, fand die Musikerin nach den Wahlen in Amerika und kann dank diesen fünf Stücken endlich mal ihre Gedanken abladen. Das ist immer auf die Zwölf, übersteuert und bereit für eine verschwitzte Konzertparty im Kellerlokal. Es erinnert bei „(You Call It) Democracy“ sogar etwas an Die Antwoord mit statistischen Texten, bleibt aber stärker auf dem Boden und holt die Leute thematisch geschickter ab. Wer sich also wie Rein in diesen unmenschlichen Machenschaften missbraucht fühlt – und das ist hoffentlich bei uns allen der Fall – der tobt sich hierzu aus. Fight for your rights!

Anspieltipps:
Missfit, C.A.P.I.T.A.L.I.S.M., Nasty Woman

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Roland Bühlmann – Bailenas (2017)

Roland Bühlmann – Bailenas
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: CD
Links: BandcampFacebook
Genre: Progressive Rock

Man sollte es ja langsam wissen, die Geschichte wiederholt sich in gewissen Abständen. Somit ist es eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass sich eine Anekdote des Progressive Rock aus den Siebzigern nun erneut abspielt – wenn auch dieses Mal in der Schweiz. Roland Bühlmann wandelt mit seinem zweiten, eigens produzierten und veröffentlichten Album „Bailenas“ nämlich in den grossen Spuren von Mike Oldfield. Und dabei stellt sich der Herr mehr als gut an und zaubert auf diversen Instrumenten!

Stilgerecht auf der Innenseite des Digipak aufgelistet findet man hier aber keine Tubular Bells, sondern eine Emmentaler Halszither (Hanottere), das israelische Blasinstrument Shofar und sogar Steine aus der Emme. Roland Bühlmann fabriziert mit viel Fantasie und kompositorischer Finesse daraus im Verbund mit elektrischen Gitarren, Bässen und Drumcomputer lange und sich stark wandelnde Lieder. Ohne Gesang oder Samples gleitet „Bailenas“ dahin und schüttelt dabei immer wieder faszinierend sein Haupt.

Lieder wie „Rougeoyer“ oder das ruhig startende „Pange Chorda“ müssen dabei nie in super-komplexe Gefilde abdriften, sondern betören mit den vielschichtigen Melodien. Prog im Verbund mit Post-Rock und folkigen Einfällen – Roland Bühlmann beweist sich erneut als intelligenter Künstler. Nie klingt das Album nach nur einem Mann, nie enden die Lieder in der Bedeutungslosigkeit. Mit „Bailenas“ liegt endlich wieder einmal ein wunderbares und tiefer gestaltetes Rock-Album aus der Heimat vor.

Anspieltipps:
Bailenas, Rougeoyer, Pange Chorda

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Lea Lu – Rabbit (2017)

Lea Lu – Rabbit
Label: Irascible, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstlerin
Genre: Indie, Pop

Wenn man an die Zürcher Musikerin Lea Lu denkt, dann sind es zwei Dinge, die offensichtlich erscheinen: Das Aussehen der hübschen Künstlerin und natürlich – und schlussendlich auch als einzig bestimmendes Element – die extrem wandelbare Stimme. Man durfte schon bei drei Studioalben und einer EP lauschen, träumen und seufzen – jetzt endlich gibt es neues Material. Drei Jahre sind seit dem letzten Werk „2“ vergangen und mit „Rabbit“ präsentiert uns Frau Lu sechs frische Stücke voller sanfter Emotionen.

Lieder wie „Go Slowly“ oder „Nothing Sweeter“ zeigen Lea Lu von diversen Seiten und bedienen sich mal mehr beim Indie, dann wieder beim klassischen Pop oder Folk. Immer stützen sich die Songs auf das Stimmorgang der Musikerin und bieten einen wunderbaren Teppich für Inspiration und Ausdruck. „Enjoy The Rain“ geht gar soweit, dass Soul fast a capella dargeboten wird und macht klar: Die hier gezeigte Ruhe ist mehr als nur Zufall. „Rabbit“ ist die perfekte Musik für entspannte Tätigkeiten und Spaziergänge. Es lädt dazu ein, die Welt wie durch Kinderaugen neu zu entdecken.

Darum reicht es auch völlig aus, dass die meisten der eher knapp begleiteten Lieder sich auf eine akustische Gitarre oder Klaviertupfer beschränken. Dieser Pop will genau betrachtet und entdeckt werden, Lea Lu will sich nicht bereits nach einigen kurzen Takten in eine Schublade stecken lassen. Und ohne, dass man es bewusst will, wachsen einem diese Kleinode ans Herz und man trägt sie in den Tag hinein. Stille Geniesser dürfen sich heimlich laut freuen.

Anspieltipps:
Go Slowly, Nothing Sweeter, Enjoy The Rain

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.