Archive

Live: Open Air Basel, Kaserne Basel, 17-08-10 bis 12

Open Air Basel
Bands: Archive, Chinese Man, Bilderbuch, Bombino, Allah-Las, Mammut, Fai Baba, Denner Clan
Donnerstag 10. bis Samstag 12. August 2017
Kaserne, Basel

Es muss nicht immer riesig und eng sein, es reichen kleine Momente der Freude und eine liebevolle Gestaltung. Genau darum ist das Open Air Basel auch weiterhin ein Geheimtipp für Freunde der guten Livemusik. Und obwohl das Festival vor der Kaserne dieses Jahr bereits drei Tage andauerte, war von Grössenwahn nie etwas zu spüren. Mit maximal drei Bands pro Abend auf der grossen Bühne gab es keine Hast, und die Musiker konnten ihre Sets etwas ausdehnen. Ebenso war das Drumherum perfekt auf die Feier abgestimmt und man konnte sich lecker verpflegen, Kleider kaufen oder tauschen und für sinnvolle Organisationen spenden.

Wenn auf der Bühne dann mal keine Künstler sich verausgabten und die Lichter aus blieben, dann fand man plötzlich mitten auf dem Kasernenplatz eine Band, die zwischen Ständerlampe und Vogelkäfig ein paar akustische Songs zum Besten gab. Oder hinter der grossen Bar erklang plötzlich Synthie-Pop, wunderbar frech vorgetragen von We Invented Paris – sogar mit einem Cocktail-Mischer. Da war es manchmal schon fast einerlei, aus welchem Grund man eigentlich an diese Freiluftkonzerte gereist war – das Rahmenprogramm rechtfertigte jede Sekunde. Aber natürlich waren auch die Hauptacts mehr als zufriedenstellend.

Allen voran natürlich die abschliessenden Archive aus England, welche das Open Air samstagnachts mit ihrer dröhnenden Show beendeten. Zwar ohne Holly Martin, dafür mit einer fesselnden Mischung aus alten und neuen Songs auf der Bühne, verflog die Show innert kürzester Zeit. Was mit „Driving In Nails“ begann, baute Berge aus „F*ck U“, „Distorted Angels“ und „Bullets“, um dann mit „Controlling Crowds“ und „Numb“ noch wuchtiger zu enden. Ein perfekt gesetzter Schlusspunkt also, wobei auch Chinese Man diese Aufgabe am Freitag mit Bravour übernahmen. Ihre Mischung aus Hip-Hop, World und modernster, elektronischer Musik war ein Multimedia-Spektakel und Basswunder.

Da hielt es Bombino aus Nigeria am Donnerstag noch etwas einfacher und liess seine grossartige Mischung aus Tuareg-Gitarren und Blues-Rock für sich sprechen. Mit ungewohnten Melodien und packenden Rhythmen tanzte man quer über den Platz. Auch Bilderbuch waren alles andere als normal, alleine dank dem Vorhang aus tanzenden Sneakers. Dazu der extrovertierte Indie-Art-Punk, die frechen Texte und perfekt platzierten Ansagen – Österreich hat eine neue Superguppe. In diese Sphären vorzudringen versuchten auch die Allah-Las aus Kalifornien, ihr eher zurückhaltender Blues-Folk vermochte aber leider nicht so zu packen.

Da hielt die Schweizer Fraktion mit Fai Baba und Denner Clan schon wilder dagegen und zeigte bereits in den hellen Stunden am Donnerstag, dass Surf-Rock oder ausufernder Indie immer noch an ein heutiges Festival gehören. Wie auch der Ecken schlagende Rock der Isländer Mammút, die nicht nur Erinnerungen an Björk wach werden liessen, sondern mit tollem Gesang und guten Einfällen mehr als glücklich machten. Wie auch das gesamte Open Air, was erneut bewies, dass Basel einfach stilvoll ist und bei der Musik mehr als guten Geschmack beweist. Das nächste Jahr sind wir auf jeden Fall wieder mit dabei.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: BirdPen, Bogen F Zürich, 17-03-21

BirdPen
Support: Autisti
Dienstag 21. März 2017
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Eines ist sicher, wenn man BirdPen live erleben will: Die Musiker sieht man nicht, oder zumindest nur spärlich. Das liegt aber nicht daran, dass sich die Gruppe um Andrew Bird und Dave Pen (Archive) hinter Masken oder Vorhängen versteckt, sondern dass sie ihre Auftritte von viel Trockennebel und Lichtgewitter begleiten lässt. Somit war auch ihre Rückkehr in den Bogen F nach Zürich Hardbrücke wieder ein fulminantes Spektakel an Klangteppichen und Farbflächen. Und wie schon 2015 geriet der Auftritt zu einem Feuerwerk, welches noch lange nachhallen wird. Da vergass ich sogar, dass ihre neuste Scheibe „O’Mighty Vision“ mich eigentlich gar nicht so überzeugte.

Die Musik von BirdPen lebt live vor allem von den ausufernden Instrumentalstellen, von den Explosionen aus Gitarren, Gesang und Keyboard – begleitet von sich immer steigernden Rhythmen. Auf ein Quartett vergrössert gaben sich die Musiker diesen vereinnahmenden Liedern hin und liessen aus „Lifeline“ oder „O’Mighty Vision“ Riesen werden. Lange Stücke wie „The Solution Is the Route of All My Problems“ oder das abschliessende „Only The Names Change“ sind sowieso prädestiniert für eine Konzertwiedergabe.

Zwar setzten BirdPen den Fokus ihrer kurzen Setliste klar auf das neuste Album, doch auch die Vergangenheit kam mit Momenten wie dem fantastischen „Off“ in den Genuss des hypnotisch tanzenden Bogen F. Erstaunlich, dass diese mitreissende Liveband auch an diesem Abend das Lokal nicht komplett füllte – doch solch epische Musik in kleinerem Rahmen geniessen zu können, hat schliesslich auch seinen Reiz. Die Gruppe klingt sowieso immer nach grossem Stadion und rettet mit ihren Auftritten wohl so manche verlorene Seele.

Eher verstörend gaben sich Autisti als Support, denn das Trio um Louis Jucker und Emilie Zoé suchte keinen Schönklang oder wunderbare Klangteppiche. Mit den Liedern von ihrem kommenden Album wurde die Wahrheit in krachend lärmendem Noise-Rock gesucht – und auch gefunden. Denn wenn sich Gitarren duellieren, das Schlagzeug sich selber verprügelt und alles durch umgebaute Verstärker kreischt, dann gewinnen alle Freunde der rohen Urgewalt in der Musik. Laut, dreckig und doch immer mit verführerischen Melodien unter dem Lärm – hier braute sich etwas zusammen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Archive, Kaufleuten Zürich, 16-11-27

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Archive
Sonntag 27. November 2016
Kaufleuten, Zürich
Setlist

Deine Augen werden von rasant wechselnden, mit grafischen Fehlern durchzogenen Bildern in den Bann gezogen – schon fast hypnotisierend sind die pulsierenden Muster und Bilder. Dazu füllen sich deine Ohren mit digitalen Klängen und Effekten, es dröhnt, es schwellt an, es bilden sich Melodien und kratzende Strukturen. Bald gibst du nicht nur deine Gedanken, sondern auch deinen gesamten Körper dem Spektakel hin und vergisst deine Umwelt – die Könige der falschen Grundlage haben dich vereinnahmt. Und ein erneutes Mal haben Archive die Schweiz im Sturm erobert.

Die Vorzeichen liessen auch nichts anderes erahnen, war das Konzert im Kaufleuten in Zürich schliesslich schon seit mehreren Wochen ausverkauft. Das Kollektiv aus England hat sich mit vielen Auftritten und ebenso zahlreichen Alben in den letzten Jahren einen grossartigen Ruf erarbeitet, der der Realität immer wieder standhält. Die Truppe aus sieben Musikern hat es nicht nur geschafft, einen komplett eigenen Klang zu kreieren, sondern verzaubert immer noch mit ihren Stücken zwischen Trip-Hop, elektronischem Rock und sanftem Industrial.

Da Archive mit ihrem neusten Album „The False Foundation“ weiter in die leisen Experimente der Electronica eingestiegen sind, wurde auch das Konzert in Zürich von vielen sanft anschwellenden und reduzierten Momenten bestimmt. Es ist der perfekten Ästhetik in Sound und Design zu verdanken, dass auch solche Strecken neuer Musik immer betörten. Aber perfekt wurde der Abend erst mit dem Auftauchen von Sängerin Holly Martin, mit der auch die alten Kracher wie „Hatchet“, „Bullets“ oder „You Make Me Feel“ das Set auflockerten. Das Publikum wurde immer euphorischer, die Band immer spielfreudiger.

Und Archive wären nicht die geliebte Band, wenn ihre Lieder nicht von den scheinbar unendlichen Repetitionen und urgewaltigen Steigerungen leben würden. „Feel It“ wird bis zum totalen Ausraster wiederholt, „Controlling Crowds“ schwillt höher als der Prime Tower an. Und als sich Dave Pen mit zwei Musikern ganz am Ende noch zu einer halbakustischen Version von „Again“ hinreissen lässt, wähnt man sich im Himmel. Der gesamte Auftritt wurde somit zu einer kathartischen Übung und übertraf sogar das letztjährige Treffen in Basel.

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Archive – The False Foundation (2016)

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Archive – The False Foundation
Label: Dangervisit, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Electronica, Minimal Art-Rock

Vorbei sind die Zeiten mit einfachen Plätzen zum verstecken, jetzt wird jede Faser und jeder Gedanke in aller Öffentlichkeit seziert. Was vorher gerne unter Schichten und Bergen von Klangspuren, Keyboards und Gitarren verschwand, ist jetzt alleine auf weiter Flur und muss sich nackt behaupten. Das elektronisch verwurzelte Art-Rock-Kollektiv aus England ist wieder da, und Archive zeigen sich so reduziert wie noch selten.

Ihr zehntes Studioalbum beginnt dabei genau so leise, wie es die meiste Zeit auch bleibt. Sanfte Electronica versprüht kleine Kontaktfunken, die Stimmen liegen bar zwischen Klavier, Sequenzer und Drum-Maschine. Vorbei sind die Lieder, welche wie Gotteshäuser in den Himmel wachsen und von einer halben Armee gespielt werden. Mit neuen Synapsen verbinden Archive die Schalttafeln und beschränken ihr Songwriting schon fast auf Minimal und Ambient-Techno. Was damals mit dem Konzeptwerk „Axiom“ seine Schatten vorauswarf, findet hier eine neue Vollendung. Der langsame und experimentelle Charakter kehrt zurück, Lieder wie „Driving In Nails“ sind Turnübungen in knisternder Electronica.

Das kann neue Fans von Archive etwas aus der Bahn werfen, die Gruppe aber setzt ihre Soundmerkmale weiterhin präsent ein. Dank den Stimmen von Dave Pen, Pollard Berrier und John Rosko wird man sicher durch die düsteren und kargen Technikwüsten geleitet. Die Band hat sich somit komplett von den psychedelischen Zeiten entfernt und lebt nun im Digitalen. Da fällt es zuerst gar nicht auf, dass auch die Damen dieses Mal ausgesetzt haben. Weiterhin darf man kopfnickend lauschen (wie beim zappeligen „Stay Tribal“) und sich zuhause fühlen – wenn auch nun mit vielen Kabeln im Hirn.

Anspieltipps:
Driving In Nails, The False Foundation, Stay Tribal

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

BirdPen – O‘ Mighty Vision (2016)

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BirdPen – O‘ Mighty Vision
Label: J.A.R. Records, 2016
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit CD
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, Electronica

Wenn man „The Solution Is The Route Of All My Problems“ erreicht hat, dann glänzen die Augen endlich. Das hypnotische und zwölf Minuten schwelgende Lied löst all die Versprechen ein, die man sich nach dem letzten Album von BirdPen selber gemacht hat. Obwohl „O‘ Mighty Vision“ ziemlich plötzlich und erstaunlich schnell nach dem letzten Werk angekündigt wurde, hoffte man insgeheim natürlich, die Band werde ihren grossartigen Weg noch stärker fortsetzen. Und daran scheitert dieses neue Album leider etwas.

BirdPen verwurzeln ihr viertes Album im realistischen Jetzt – die Musik und vor allem die Texte reflektieren das aktuelle Geschehen in den UK und die politischen Komplikationen. Geld, Krieg, falsche Versprechen, Lügen und weitere wunderbare Eigenschaften der Machthaber bringen uns Menschen immer tiefer in eine Krise – jede Hoffnung stellt sich als unwirklich heraus. Um aber doch weiterhin bestehen zu können, müssen wir uns an das Gute klammern – und „O’ Mighty Vision“ versucht dies. Mit dem Gesang von Dave Pen, den leichten Gitarrenspuren, den mitreissenden Rhythmen und offenen Armen findet man alle leckeren Zutaten der Band wieder.

Je nach Lied erhält die verspielte Electronica, der elegische Art-Rock oder der raue Post-Indie mehr Gewicht – aber komplett packend wird es nie. Der Einstieg ins Album ist träumerisch, „The Chairman“ reizvoll nervös, „Traitors“ melancholisch nachdenklich, doch am Schluss möchte man irgendwie mehr. Trotzdem, dank des langen Stücks und der tollen Ideen sind BirdPen weiterhin eine der intelligentesten Bands in ihrem Felde. Bloss reicht „O‘ Mighty Vision“ nicht ganz aus, um ihre Genialität und Livepräsenz auf Platte repräsentativ wiederzugeben.

Anspieltipps:
The Chairman, The Solution Is The Route Of All My Problems, Traitors

BirdPen – Alls Well That Ends (2014)

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BirdPen – BirdPen – Alls Well That Ends
Label: Eigenveröffentlichung, 2014
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative, Rock

Moment mal, hier soll also alles gut sein, wenn es endlich endet? Dabei haben die Musiker doch noch gar nicht richtig begonnen. Vor ihnen liegen eine spannende Karriere, tolle Platten und mitreissende Konzerte. Aber da der Name glücklicherweise selten Programm ist, haben auch Dave Pen und Mike Bird nach ihrer ersten EP das Handtuch nicht hingeworfen, sondern voller Elan weitere Lieder und Alben geschrieben und produziert. Somit stehen BirdPen heute für intelligenten und spannenden Art-Rock, der sich auch neben Grössen wir Archive nicht zu verstecken braucht.

Um noch einmal zu den Anfängen zurückkehren zu können, gab es 2014 eine kleine Neuauflage ihrer ersten Veröffentlichung. Mit „Alls Well That Ends“ erblickte die Band zum ersten Mal das Licht der Öffentlichkeit und zeigte schon damals alle Merkmale kommender Meisterwerke. Der Gesang ist verträumt und hält sich gerne im Mittelfeld, die Gitarren werden sanft gezupft und dann mit Effekten unendlich lange auseinander gezogen. Dahinter lauern immer wunderbare Harmonien und Melodien, die ganze Lieder tragen. Natürlich passiert hier noch vieles im Lo-Fi-Bereich, der EP haftet der gesunde Charme einer Demo an. Aber das stört zu keiner Sekunde, denn Stücke wie „Spin“ oder „Alls Well“ sind wunderbar. Schade nur, dass die Band heute leider meist auf eine Darbietung eines solchen vergessenen Momentes verzichtet.

Wer BirdPen mag und gerne die Anfänge von Bands erforscht, der macht mit „Alls Well That Ends“ nichts falsch. Fünf Lieder, die sich bis heute behaupten können und die gruppeneigene Mischung aus Indie, Rock und Kunst schon damals in mehrere Richtungen vorantrieben. Alles schwebt durch Nebelfelder und berührt uns mit blinkenden Lichtern. Also nicht lange zögern, sondern melancholisch zu „Up To My Neck“ mitsummen und den Tag geniessen.

Anspieltipps:
Spin, Up To My Neck, Alls Well

Archive – Unrestricted (2015)

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Archive – Unrestricted
Label: Dangervisit, 2015
Format: Download
Links: Band, Facebook
Genre: Remix, Electronica, Techno

Warum hört man sich bei der Musik eigentlich Versionen von Liedern an, die von fremden Künstlern verändert wurden? Man geht ja auch nicht ins Kino, um eine Schnittfassung von einem anderen Regisseur anzusehen oder in ein Museum, um ein übermaltes Bild zu betrachten. Trotzdem, die Remixkunst ist eine spannende und oft beeindruckende Sparte in der Musikindustrie. Gerade im elektronischen Bereich bietet es sich an, eingespielte Spuren neu zu mischen und effektvoll zu verbiegen. Auch die englische Band Archive liess ihr neustes Album „Restriction“ von Gästen durch die Mangel nehmen, verpasste dabei aber einige Chancen.

Interessant an dem Projekt ist auf jeden Fall, dass sich das Kollektiv bereit erklärte, die neuste Scheibe komplett umbauen zu lassen. Hier finden sich nicht Remixe, welche über die gesamte Diskografie verteilt sind, sondern eine konsequente Reihenfolge. Dabei wurde jeder Track von einem anderen Künstler zur Verfügung gestellt, was aber nicht gross auffällt. Über das Album hinweg wurde die Klangfarbe von Archive beibehalten, oft befindet sich allerdings zu viel Wasser im Farbkasten. Mit Weiss neue Nuancen zu ziehen ist eine nette Geste, scheinbar fielen die Lieder aber in einen Kessel. Für meinen Geschmack wurden zu viele Elemente komplett entfernt, die Archive auszeichnen. Es fehlen die Klangkathedralen, die wuchtigen Ausbrüche und deren vorangehende Aufbauten. Lieder wie „Restriction“ plätschern vor sich hin und weisen nebst einem netten Beat keine tollen Einfälle vor. Was das Kollektiv sonst so eigen und spektakulär macht, wurde hier gestrichen und durch Clubsound für den Wochentag ersetzt. Gelungen sind nur „Feel It“ ohne den Rumpelsound, oder „Kid Corner“ wegen Holly Martin. Sicherlich ist ein Remix immer die Chance, die Identität des bearbeitenden Künstlers einzubringen. Doch nicht einmal dies scheint hier geklappt zu haben. Die meisten Tracks erhalten wenig Gelegenheit zu glänzen, die Synthstrukturen könnten alle vom gleichen Musiker stammen.

Wer sich von Archive schon immer mal ein Album gewünscht hat, das er in der Lounge, im Cafe oder beim Abendessen mit Freunden im Hintergrund laufen lassen kann, für den ist „Unrestricted“ die passende Scheibe. Ohne aufzufallen wird die Musik den Raum füllen, Akzente setzen ist Aufgabe der Tapete. Schade hat sich kein Remixer getraut, die Lieder mit der Brechstange zu öffnen und dann mit Hammer und Nagel neu zusammenzuzimmern. Die Nähe zum Original ist eben doch nicht immer ein Gewinn.

Anspieltipps:
Feel It (Isam Belone Belone Remix), Kid Corner (GAPS Remix), Black And Blue (Ulrich Schnauss Remix)

Live: Birdpen, Bogen F Zürich, 15-11-28

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Birdpen
Support: The Legendary Lightness
Samstag 28.11.2015
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Konzerte sind nie gleich, egal ob man immer im selben Club vorbei schaut, eine Band auf ihrer Tour begleitet oder sieben Anlässe pro Woche abklappert. Manche Erlebnisse sind besser, manche sind schlechter. Und immer mal wieder erlebt man einen Abend, der sich nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen festsetzt. Der Auftritt von Birdpen im Bogen F war ein Konzert, bei dem ich am liebsten all meine Freunde dabei gehabt hätte. Um sie während der gespielten Lieder zu umarmen und ihnen zu sagen: Schaut und hört genau hin, dies ist der Grund, wieso ich Musik so liebe. Wieso ich so fanatisch werden kann und wieso es nie genug ist. Es ist einfach das Schönste auf dieser Welt.

Diese Aussage wusste bereits das Trio The Legendary Lightness zu unterstreichen. Drei Männer mit zwei Gitarren und einem Bass, zweistimmigem Gesang und tollen Ideen. Leider war der als erster dargebotene Song der beste, mit wunderschönen und verwobenen Melodien, sanftem Spiel und toll gestrichenen Saiten. Wunderschöne Traurigkeit, melancholisches Glück – berührt haben sie alle. Zwar wurde ihr Set in der Mitte etwas zu ordinär, man wusste sich am Schluss aber wieder aufzufangen und die Leute für den Hauptact gut eingestimmt im Bogen F an die Bar zu begleiten. Wieder einmal bewies das Bookingteam des Lokals eine sichere Hand.

Wobei die Band von Mike Bird und Dave Pen (unterstützt von zwei Mitmusikern), welche wohl die meisten von dem Kollektiv Archive her kennen, immer funktioniert. Nach nur drei Alben beweisen die Musiker, dass ihr Talent keine Grenzen kennt. Auf jeder Tour werden sie besser, intensiver und klanglich vielseitiger. Ihre Lieder wachsen auf der Bühne zu einem Wald an, voller Nebel und einzelner Lichtstrahlen, die Schatten auf weghuschende Gestalten werfen. Wer nicht von der Wucht der Gitarren überwältigt wurde, den holten Bass und Schlagzeug ab. Punktgenau gespielte Beats schlugen Löcher in die Synth-Untermalungen, der Gesang von Dave leuchtete. „Lifeline“ liess das Herz hüpfen, die Schwermut lüftete sich, und die Gruppe offenbarte nicht zum einzigen Mal ihre Hitqualität. Am grossartigsten war die Show aber immer dann, wenn sich die Songs lange und wuchtig ausbreiten konnten. „TCTTYA“ oder „Off“ dauerten eine zauberhafte Unendlichkeit, so lange, bis man den Bezug zur Realität vergass und mit der Musik in neue Welten driftete. Beim abschliessenden „Only The Names Change“ wusste man, hier wurden Leben verändert. Zum Besten.

Toll auch, dass sich die zwei Mannen nach dem Auftritt noch an der Bar zeigten und man ein paar Worte mit ihnen wechseln durfte. Oder sogar einen kleinen Tannenbaum aus Holz geschenkt bekam. Was es sich damit genau auf sich hat, werde ich aber wohl erst nach ausführlichen Studien der Lieder aller Veröffentlichungen erfahren. Wie auch immer, die Faszination für die Musiker ist gewaltig und ihr Schaffen unfassbar gut.

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Live: Archive, Kaserne Basel, 15-11-08

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Archive
Support: Pedro Lehmann
Sonntag 08.11.2015
Kaserne, Basel
Setlist

Hoard – Collect – File – Index – Catalog – Preserve – Amass – ARCHIVE. Das Kollektiv ist wieder da, alle stillgestanden. Bitte übergeben Sie alle Emotionen und Energie an die Verwalter des Archivs und bereiten Sie sich darauf vor, den Rest Ihres Lebens mit uns zu teilen. Wie Sie bereits wissen, bieten wir Ihnen eine unvergessliche Zeit und ein extremes Suchtverhalten. Lassen Sie sich auf uns ein – was jetzt bereits nicht mehr in Ihrer Hand liegt – und erleben Sie eine höhere Daseinsform. Feel it!

Wobei ich mich während dem Auftritt der englischen Band in der Kaserne in Basel schon kurz gefragt habe, wieso diese Gruppe bereits wieder hier ist. Zuletzt beehrten sie die Deutschschweiz im X-Tra in Zürich, vor 8 Monaten. Damals war das Album „Restriction“ neu und Archive präsentierten die Lieder zusammen mit dem Film zu „Axiom“. Ende 2015 gibt es kein neues Material und auch keine Überraschungen. Die Setlist besteht zwar weiterhin aus einer gesunden Mischung aus älteren und modernen Stücken, aber vergessene Perlen fand man keine. Sicherlich, eine Truppe wie Archive hat solch viele Hits und Publikumslieblinge im Gepäck, dass ihre Konzerte auch nach fünf Stunden noch grossartig wären. Trotzdem beschränkte man sich auf 13 eindrucksvolle Einblicke in das Schaffen dieser Firma. Von neusten Krachern wie „Crushed“ oder „Conflict“ zu alten Gewinnern wie „Fuck U“ oder „Dangervisit“. Dazwischen das übergeniale und unglaublich mitreissende „Finding It So Hard“. Einer der Wendepunkte ihrer Karriere, und für mich der Punkt am Konzert, an dem alles über mich herein brach. Die Wucht, die Energie, die Ausstrahlung. Wo die Musik schon Höhepunkt an Höhepunkt reiht, unterstützt die Lichtshow das gehörte mit extremen Bildern aus Scheinwerfern und Farben. Hinter den Männern wurden auf drei Leinwänden Filme gezeigt, die Texte und Melodien verstärkten und oft auch mit verstörenden Bildern faszinierten. Da fehlten natürlich Ausschnitte aus „Axiom“ nicht.

Wer leider durch Abwesenheit glänzte, war Holly Martin. Scheinbar befindet sich die hübsche Dame schon in einem anderen Land, wohl um ihr eigenes Album zu vollenden. Somit war die Abwechslung des Gesangs auf Dave Pen und Pollard Berrier beschränkt, aber kein Verlust. Dave wird immer stärker zum Frontmann und ist das Publikumsmagnet, Pollard zeigte eine wunderbare Leistung am Mikrofon. Spätestens beim abschliessenden – und immer wieder extrem starken – „Lights“ als Zugabe war man somit hin und weg. Archive können somit auch mit einer Tour zwischen zwei Alben nichts Schlechtes bieten. Egal wie oft man die Lieder schon vernommen, die Gruppe live erlebt hat – es ist immer wieder eine ganzkörperliche Erfahrung ohne Enttäuschungen.

Pedro Lehmann als Vorgruppe konnten leider keine grossen Akzente setzen. Die Mischung aus Indie, Rock und lärmenden Gitarrenausbrüchen war nett, aber mehr nicht. Vielleicht war ich nicht in der Stimmung, doch viele Lieder waren eher langatmig und nicht sonderlich abwechslungsreich. Auch die Stimme von Yannick Gächter konnte mich nicht überzeugen. Aber als Vorgruppe bei Archive dabei zu sein, ist keine einfache Aufgabe, hier ist man geistig schon woanders.

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Media Monday #228

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Nummer 228 im Lückentext vom Medienjournal. Wie schnell doch immer wieder Montag ist.

1. Eine der erschreckendsten Zukunfts-Dystopien ist für mich „1984“, aber eher wegen dem Umstand, dass fast alle Vorhersagen auf gewisse Weisen schon eingetroffen sind. Wir befinden uns in einer Konsumgesellschaft, die sich selber überwacht und somit in staatlich geregelten Situationen hält. Überall findet man Kameras, die Sprache geht den Bach runter. Leider hat uns auch eine solche Lektüre nicht die Augen geöffnet.

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2. Gary Oldman gibt immer wieder ungemein charismatische Bösewichter, oder spielt Rollen, die nicht klar zwischen schwarz und weiss unterscheiden. Seit Jahren ist er einer meiner liebsten Schauspieler und bis heute ein Grund, wieso ich Filme blind im Kino schauen gehe. Hauptsache, Herr Oldmann ist dabei. Genial natürlich in „The Fifth Element“, „Leon“ oder „The Book Of Eli“.

3. Bei „Hemlock Grove“ hatte ich wohl eine völlig falsche Erwartungshaltung, denn die zweite Staffel stellt sich als unglaublich langsam heraus. Obwohl nur zehn Folgen dazugehören, will die Geschichte nicht vom Fleck kommen. Bis zu den letzten beiden Episoden, die dann wie bei der ersten Staffel, überhastet alles durcheinander wirbeln. Auf der einen Seite ist die Serie sowas von verrückt und hohl, andererseits auch total uninspiriert und orientierungslos. Trotzdem, es macht irgendwie Spass und die dritte und letzte Staffel werd ich mir auch noch gönnen.

4. Ist ja toll, was technisch heutzutage alles möglich ist, aber die Energiewende haben sie immer noch nicht möglich gemacht! Dabei könnten wir in einer Welt voller sauberer und günstiger Energie leben, somit Armut und Hunger vermindern. Doch leider ist das Profitdenken immer noch grösser als jede Logik. Wie war das bei Don Quijote?

5. Wäre doch klasse, wenn Blogs auch mal Treffen organisieren würde. Schliesslich lernt man gewisse Autoren und einzelne Aspekte ihres Lebens stark in den Texten kennen. Und vieles bleibt im Dunkeln. Zu vergleichen, wie nahe das geistige Bild der Realität entspricht, wäre ganz unterhaltsam. Oder es würde alles zerstören.

6. „The Given Day“ von Dennis Lehane war als simple Urlaubslektüre gedacht, doch das Epos um die Familie Coughlin hat mich komplett umgehauen und mitgerissen. Die genaue und komplexe Beschreibung von Boston zur Zeit des Polizeistreikes ist phänomenal, die Figuren sind lebhaft, und die vielen Handlungsstränge stark vernetzt. Somit hat der Roman nicht nur viel Aufmerksamkeit benötigt, sondern ist auch ihnhaltlich eher schwere Kost. Wie immer bei Lehane aber ein Erfolg und voller Faszination. Wurde übrigens fortgesetzt mit „Life By Night“ und „World Gone By“.

7. Zuletzt habe ich drei Konzerte in der Kaserne Basel besucht und das war super toll und sehr ermüdend, weil die Konzert Donnerstag-, Samstag- und Sonntagabend waren. Somit verkürzte es nicht nur die Nachtruhe, sondern erhöhte auch den Bierkonsum unter der Woche. Aber man ist ja nur einmal jung im Jahr 2015 und Apparat, Friska Vijor sowie Archive durfte man nicht verpassen. Zum Glück sind die Konzerte, welche ich diese Woche besuche am Dienstag, Donnerstag und Freitag. Hilfeee..

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