Monat: Juli 2017

Live: Max Richter und Nicolas Jaar, Montreux Jazz Festival, 17-06-30

Max Richter und Nicolas Jaar
Freitag 30. Juni 2017
Auditorium Stravinski, Montreux Jazz Festival

Das war in dieser Form noch nie zu erleben: Dass das Montreux Jazz Festival mit einem klassischen Konzert beginnt. Doch auch in seiner 51. Ausgabe weiss das zwei Wochen andauernde Fest für Musik in jeglichen Formen immer noch zu überraschen – und ein Künstler wie Max Richter gehört einfach hierhin. Der in Westdeutschland geborene englische Komponist ist seit 1994 aktiv und verzaubert die Welt immer wieder mit seinen neuen Ideen in gesetzten Genres. Bei ihm werden klassische Musik und Kammerorchester zu Spielsteinen in innovativen Umgebungen.

Für seinen ersten Auftritt in Montreux wählte Max Richter zwei Alben zur kompletten Darbietung aus und betrat mit dem 12 Ensemble die ehrwürdige Bühne des Auditorium Stravinski, um sogleich in „Recomposed by Max Richter: Vivaldi – The Four Seasons“ einzutauchen. Das Werk ist eine Neukonstruktion der bekannten Jahreszeiten und führte das Material in die Nähe der minimalistischen Klassik. In sanftem Verbund mit Keyboard und dank der fantastischen Solistin Mari Samuelsen aus Norwegen wurden Melodien, welche man schon fast zu oft vernommen hat, zu neuen Entdeckungsmöglichkeiten und rührenden Momenten.

Richter fungierte hier vor allem als Leiter der Musiker, der tosende Applaus galt aber zu Recht auch ihm. Denn diese Neubearbeitung ist nicht nur packend und frisch, sondern emotional und überraschend. Dies galt auch für das komplette Spiel von „The Blue Notebooks“, ein Album aus dem Jahr 2004. Auf dieser Platte verarbeitete Max Richter seine Empfindungen zum damaligen Irak-Krieg und vermischte Elektronik mit Ambient und moderner Klassik. Endlich langte nun auch der Meister in die Tasten und bewies sein Genie am Klavier und dem Keyboard, The 12 Ensemble hielt in reduzierter Anzahl mit Streichern dagegen.

Ätherisch wurde dieses Konzert dank den gelesenen Textausschnitten von Franz Kafka, welche die Musik begleiteten. Kein Wunder, erreichte man als Zuschauer nach diesen zwei Stunden schon fast eine andere Sphäre und war verwundert, dass der Abend noch kein Ende fand. Nun hiess es: Mit hohem Tempo in die Gegenwart, oder besser gesagt in die abstrakte Zukunft. Das Auditorium gehörte nun dem chilenischen Produzenten Nicolas Jaar, der mit seinen Gerätschaften und Synthies den Schönklang von Streichern und Arrangements schnell vergessen liess. Viel mehr wähnte man sich in ausserirdischen Welten und neben merkwürdigen Kreaturen.

Mit langem Aufbau, experimentellen Klangkonstruktionen und einem glasklaren Sound baute Nicolas Jaar sein Set von kratzenden Einzeltönen zu dröhnenden Beats mit Gesang auf. Was zuerst an Amon Tobin erinnerte, war am Ende eine Feier der IDM und des Techno mit Sexappeal und verzerrtem Saxophon. Da passte es, dass sein Konzert bis tief in die Nacht dauerte und dank grossartiger Lichtuntermalung die Sinne langsam im Nebel versinken liess.

Und was sich auf Papier zuerst wie eine zu gewagte und etwas unschlüssige Kombination liest, war in Wirklichkeit ein bewegendes und immerzu grossartiges Erlebnis. Max Richter und Nicolas Jaar arbeiten nicht nur beide mit neuen Herangehensweisen an bekannte Genres, sondern haben zu zweit innerhalb weniger Stunden den grossen Kreis des Programms des Montreux Jazz Festival geschlossen. Tief in das musikalische Erbe zurückgreifend und gleichzeitig weit in die Zukunft schauend – so wird Geschichte untermalt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Pulled Apart By Horses – The Haze (2017)

Pulled Apart By Horses – The Haze
Label: Caroline International, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Hard Rock, Garage, Punk

Es rumpelt, es kracht und von der ersten Sekunde an geben Pulled Apart By Horses Vollgas. Da passt es schon fast, dass ich bei ihrem Bandnamen immer zuerst an Metalcore oder ähnliches denken muss – wieso auch immer. Die Gruppe aus Leeds eigenen sich aber weniger für Prügelpartys, sondern machen sich auch weiterhin an einem Rock-Festival sehr gut. „The Haze“ ist nicht nur das erste Album seit 2014, sondern ein heftiges Ding voller Hard- und Garage-Rock, mit knüppligen Songs und viel Lärm. Doch ganz will sich der Dunst nicht lichten.

Klar, spontan und spassig wirken die Songs auf „The Haze“ immer, man weiss nie genau in welche Richtung Pulled Aparty By Horses nach einem Refrain einbiegen werden. Mal wird es wilder und fast schon Punk, dann wieder erstickt die Band Ideen des Pop im Noise. Die Riffs sind drückend und tief gestimmen, der Gesang wird herausgepresst und die Stille konstant in die Ecke gedrängt. Bei Liedern wie „My Evil Twin“ oder „Neighbourhood Witch“ will man nur noch seine Energie loswerden und gegen leere Dose treten. Aber genau wie solche Beschäftigungen, wirkt auch der Album-Genuss eher wenig nachhaltig.

Über die gesamte Laufzeit tritt eigentlich nie Langeweile auf, doch wahrlich zu faszinieren vermögen Pulled Apart By Horses mit ihrer vierten Studioscheibe leider auch nicht. Wie auf dem Cover sind die wichtigsten Konturen manchmal etwas zu unscharf und man verliert zusammen mit der Band den Fokus. Somit rausch diese heisse Art von Alternative Rock zwar laut brausen an einem vorbei, den Aufsprung zu schaffen ist aber oft nicht möglich. Wer sich aber für eine knappe Stunde von Zwängen loslösen will, der findet hier Möglichkeiten.

Anspieltipps:
The Big What If, Neighbourhood Witch, My Evil Twin

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Thurston Moore Group, Bogen F Zürich, 17-06-28

Thurston Moore Group
Support: Ultra Eczema
Mittwoch 28. Juni 2017
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Kann man die Qualität eines Abends bereits vor Konzertbeginn an den vorhandenen Bandshirts ablesen? Wenn ja, dann versprachen Aufdrucke von dEUS, Wilco, New Model Army und Konsorten im Bogen F in Zürich eindeutig nicht zu viel. Denn der Mittwochabend wurde zu einem entspannten Genuss für Gitarrenliebhaber und Feedbackverzehrer – die Thurston Moore Group zeigte sich in Zürich. Wer sich jetzt nun am Kopf kratzt, ja genau, der immer noch sehr jung aussehende Herr am Mikrofon war früher bei Sonic Youth – doch keine Angst, aus deren Vergangenheit gab es nichts zerstörerisches zu hören.

Viel mehr stand der Abend ganz im Zeichen des neuen Albums „Rock n Roll Consciousness“, welches gleich mit sechs Darbietungen geehrt wurde. Wer Thurston Moore kennt der weiss, dies bedeutet trotzdem lange Stücke, schwitzende Verstärkertürme und ein lakonisches Auftrittsverhalten. Auf wenige Danksagungen beschränkt, spielte sich die Band durch ihr Set und blieb gerne etwas unantastbar. Obwohl, am besten funktionierten die wellenartig aufbrausenden Stücke wie „Cease Fire“ oder „Smoke Of Dreams“ eh mit geschlossenen Augen. Aus wild geschrammelten Einstiege wurden zerbrechliche Melodien, nur um immer wieder in Lärm und Hypnose zu versinken.

Was im eigentlichen Herzen sanfte Folk-Hits wären, wurden hier mit harten Riffs und starker Dissonanz bekämpft. Kein Wunder, erinnert die Musik von Thurston Moore immer wieder etwas an Neil Young – denn wie auch die Legende aus Kanada, lässt der Amerikaner seine Stücke gerne kontrolliert aus dem Ruder laufen. Oder gleich das Schlagzeug einen ganzen Song lang gegen Lieblichkeit in die Schlacht zu schicken, wie bei dem treibenden „Cusp“. Es war somit nicht mehr der jugendliche Ungestühm, aber auch bei weitem kein alterschwaches Herumklimpern. Die Thurston Moore Group brachte die genau richtige Mischung aus Feedback, krummen Strukturen und schönen Melodien.

Das war für 15 Minuten vor diesem Auftritt noch völlig anders, denn Ultra Eczema sass als Support für eine Viertelstunde auf der Bühne des Kulturviaduktes und verwirrte mit verzerrtem Geschrei, Urlaute und kratzende Effekte. Genüsslich Rotwein trinkend, an Knöpfen drehend und kunstvoll Kunst machen – wirklich einzuordnen war dieses Experiment nicht. Doch auch Thurston begann schliesslich in den sonischen Abgründen, somit schloss sich der Kreis.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Julian Sartorius – Hidden Tracks: Basel – Genève (2017)

Julian Sartorius – Hidden Tracks: Basel – Genève
Label: Everest Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Experimental, Field Recordings

Wandern – eine Freizeitbeschäftigung, die sich immer wieder gegen alle Faulheiten durchsetzen kann und auch junge Menschen durch Täler und über Berge lockt. Die Schweiz bietet mit ihrer abwechslungsreichen Natur aber auch genügend Schönheit, um solche Strapazen zu rechtfertigen. Julian Sartorius wollte aber bei seinen Spaziergängen von Basel bis Genf aber tiefer greifen und nahm Geräusche, Laute und Lärm unterwegs auf. Auf „Hidden Tracks: Basel – Genève“ präsentiert uns der Schlagzeuger aus Bern nun diese Field Recordings – von ganz neuer Seite.

Denn obwohl das Album auch mit begleitender Wanderkarte erscheint, Julian Sartorius will hiermit nicht einfach die Natur normal abbilden, sondern suchte die versteckten Beats unter den Wiesen und Steinen. Und gefunden hat er einiges, ertönen in den zehn Tracks doch nicht nur Kuhglocken, sondern auch Elektrozäune, Züge, Metallstangen und Tiere. „Hidden Tracks: Basel – Genève“ lädt diese Spuren aber nicht einfach frech und einzeln vor der Haustüre ab, sondern wird zu einem experimentellen Album voller ungeahnter Strukturen.

Natürlich muss man dieser Musik mit Offenheit und Erfindergeist entgegen treten, denn alltäglich und selbsterklärend sind diese Kompositionen auf keinen Fall. Julian Sartorius hat sich Muster und Rhythmen zusammengetrommelt, die aber auch die Landschaft und Erlebnisse einer solchen Wanderung gut wiedergeben. Man versinkt so stark in dieser versteckten Welt, dass der vorbeirauschende Zug am Ende von „Hidden Tracks: Basel – Genève“ schon fast als zu modern ertönt. Hier regiert ganz klar die Schwingung der Natur.

Anspieltipps:
Kleinlützel – La Caquerelle, Noiraigue – Ste-Croix, Le Pont – Vich

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Hermann – Hermann (2017)

Hermann – Hermann
Label: Eigenveröffentlichung
Format: Kassette mit Download
Links: Facebook, Band
Genre: Pop, Mundart

Ein Album auf Kassette – was oft einen etwas biederen Retro-Geschmack mit sich trägt, das funktioniert beim ersten Album von Hermann perfekt. Denn nicht nur die Verpackung, auch der Inhalt scheint direkt aus einer anderen Zeit transportiert, aus den Jahren, in denen die Musik noch etwas schepperte und unsauber klang. Das Trio aus Luzern hat sich darum auch ganz dem minimalistischen Mundart-Pop mit viel Synthie-Musik verschrieben und lockt zusammen mit wunderbaren Erzählungen in abenteuerliche Welten.

Heimlicher Star des Albums ist ganz klar der Rhythm Ace Fr-1, ein Drumcomputer aus den Sechzigern, der hier Grundgerüste und einfache Takte zum mitklopfen liefert. Hermann lassen das Gerät tanzen und legen darüber Gitarren- und Bassspuren, die so manche New Wave-Gruppe neidisch machen könnte. Einzelne Töne werden hier geschickt verknüpft und kämpfen gegen die Kälte der Simplizität. Dazu kommen die neugierig machenden Texte von Jonathan Winkler, welche geschickt Aussagen zum sozialpolitischen Geschehen in der Schweiz und märchenhafte Szenerien verbinden.

Hermann wissen über die Gefahren einer solch, oft sehr technisch reduzierten Musik, und tappen in keine Falle. Lieder wie „Plakat“ oder „Diktatur“ tragen sogar das Parfüm der Hitparadenstürmer, „Gebore i de USA“ wagt sich eher in die dunklen Ecken zwischen Stammtisch und Proletentum. Man stampft, klatscht und tanzt mit, man legt sich auf die Synthie-Flächen und denkt sich dabei, wie wundervoll es doch ist, dass einem die Schweizer Musikszene immer wieder mit solchen andersartigen Bands überraschen kann. Und „Hermann“ ist eindeutig anders – und immer rüdig gut.

Anspieltipps:
Plakat, Gebore i de USA, Diktatur

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Wasteland Fest, Stadionbrache Hardturm Zürich, 17-06-24

Wasteland Fest
Bands: Dead Lord, The Monsters, Gloria Volt, Giant Sleep, Sexy, King Zebra, Joules, Bruno, The Monofones
Stadionbrache Hardturm, Zürich
Samstag 24. Juni 2017

Was gibt es schöneres, als die Brache von einem ehemalig wichtigen Gebäude dazu zu nutzen, um alternative Kultur aufleben zu lassen? Erstmalig durfte man diesen Juni nämlich auf der Stadionbrache Hardturm in Zürich vergessen, für was diese harten Asphaltböden eigentlich gedacht sind, und ohne Hemmungen Luftgitarre spielen. Das Wasteland Fest öffnete seine Tore und lud ein zu Hard Rock, Pogo, kühlem Bier und leckerem Essen. Für einen Tag eroberten die Headbanger das Areal!

Glücklicherweise schaute die Sonne dem Treiben meist durch kleinere Wolken zu und verschonte alle Besucher einigermassen vor Sonnenbrand – und das schützende Zirkuszelt bei der Bühne tat den Rest. So wagte man sich bereits bei der ersten Band Joules aus Zürich vor die Lautsprecher und schaute der Truppe auf die Finger. Deren Stoner Rock war so staubig wie die Umgebung und endete in psychedelischen Affären. Davon liessen King Zebra lieber die Finger, machten aber sonst alles wie in den guten alten Zeiten des Glam Rock – und ehrten sogar Neil Young.

Ab diesem Punkt übernahm der harte Rock’n’Roll das Fest komplett und sogar der Aargau liess sich dazu hinreissen, alle Rockposen aus dem Lehrbuch perfekt an das Wasteland Fest zu übertragen. Sexy aus Zofingen zeigten nicht nur ihre Oberkörper, sondern auch ihren leidenschaftlichen Umgang mit den Instrumenten – da blieb keiner trocken. Gut, dass man sich bei den wuchtigen und langen Stücken von Giant Sleep etwas erholen konnte. Der Stoner-Post-Rock rüttelte an den Zeltstangen und liess die Steine am Boden erzittern.

Perfekt für Gloria Volt, um alle Überlebenden mit ihrem biergetränkten Hard Rock noch einmal kräftig durchzuschütteln. Die Winterthurer wurden mit jedem Song etwas zügelloser und das Publikum dankte ihnen mit lautem Gesang, wilden Tänzen und Crowdsurfer. Plötzlich vergassen alle, das man eigentlich lieber gemütlich im Schatten liegen möchte. Ein solcher Auftritt weckte bei allen ungeahnte Kräfte. Und das war auch nötig, zeigten die Berner The Monsters mit ihrem Hardcore Punk Trash schliesslich, dass alle anderen Bands doch in den Kindergarten gehören.

Unter ihrem schönen Kitteln lauerte unbezwingbare Zerstörungswut und zwei Schlagzeuger klopften alles klein. Dass nach einer solchen Darbietung die Leute immer noch nicht genug hatten, sprach eindeutig für die Organisation des Wasteland Fest. Mit viel Leidenschaft und Liebe wurde aus diesem spröden Areal ein Tummelfeld für Fans, Freaks und Familien – und alle versammelten sich friedlich, um die Gitarrenmusik zu zelebrieren. Da war es verdient, gab es mit Dead Lord eine Belohnung aus Schweden, die mit ihrem kraftvollen und gerne auch düsteren Hard Rock alle glückseelig stimmten.

Nun hatte sich auch die Sonne verabschiedet und das Fest liess sich bunt erleuchten und endete mit einem Höhepunkt. Und wieder einmal hat sich gezeigt, dass die besten und schönsten Festivals eben doch die kleinen sind. Falls sich dieses Treffen also einmal wiederholen wird, ich bin bestimmt wieder mit dabei.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Dirty Denims – Back With A Bang! – Part 1 (2017)

The Dirty Denims – Back With A Bang! – Part 1
Label: Eigenveröffentlichung
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Rock

Zurück mit einem (lauten) Knall – noch Fragen? Offensichtlicher kann man eine EP eigentlich nicht betiteln, und The Dirty Denims machen auf ihrer ersten Albumhälfte dem Namen auch alle Ehre. Hier gibt es für alle Jeansjacken- oder Lederhosenträger sechs knackige Songs mit Laufzeiten zwischen zwei und fünf Minuten – und eine riesige Menge and harten Gitarrenriffs und kernigem Gesang. Damit führt die Gruppe aus Holland ihre Geschichte schnörkellos und passend fort.

Wenn die Truppe um Frontfrau Mirjam ihre Musik als Happy Hard-Rock bezeichnet, dann muss von meiner Seite nichts mehr gross ergänzt werden. „Back With A Bang! – Part 1“ ist eine Scheibe voller mitreissender Stücke, die ganz in der Tradition von AC/DC oder The Hellacopters die Riffs und Licks breitbeinig darbieten. The Dirty Denims  nehmen dabei nie den Fuss vom Gaspedal und lassen auch die Orgel am Tanz teilnehmen. Und wenn sich der aufgewirbelte Staub dann auf der Zunge absenkt – ein Schluck Schnaps, und das Problem ist gelöst.

Dank vielfältigen Einflüssen werden aber auf „Back With A Bang! – Part 1“ nicht nur stur das Lehrbuch des Heavy Rock abgearbeitet, sondern auch Punk-Pop und Classic Rock als Einflüsse zugelassen. Somit schüttelt man seine Haare zu „Make Us Look Good“ und spielt die unsichtbare Gitarre zu „Don’t Waste My Time“. Und keine Angst, wer am Ende der Scheibe nicht genug von The Dirty Denims und dem Rock’n’Roll hat: Im Oktober folgt zum Glück bereits der zweite Teil dieses Albums.

Anspieltipps:
Back With A Bang, Don’t Waste My Time, Make Us Look Good

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Isildurs Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature (2017)

Isildurs Bane & Steve Hogarth – Colours Not Found In Nature
Label: Ataraxia, 2017
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock

Dass Isildurs Bane aus Schweden endlich wieder ein Album veröffentlicht haben, ist schon für sich eine kleine Sensation. Denn seit 2003 durfte man kein neues, vollwertiges Werk der wandelbaren Progressive Rock Band mehr entdecken – und jetzt ist die Gruppe, welche sich 1976 gegründet hatte, mit neuem Sänger zurück. Kein geringerer als Marillion-Frontmann Steve Hogarth hat sich für „Colours Not Found In Nature“ Texte ausgedacht und darf diese auch in seiner unvergleichlichen Art darbieten.

Das ist nicht nur ein Glücksfall für alle Fans von Marillion, sondern auch die perfekte Ergänzung der Musik von Isildurs Bane. Das Album pendelt zwischen modernem und vielschichtigem Art-Rock, Jazz-Passagen wie in den glorreichen Zeiten von Zappa und reduziertem Kammerspiel. Das Kollektiv jongliert mit Marimba, Streicher, Klarinette und der klassischen Rock-Besetzung – und zaubert damit emotionale Melodien, meisterhafte Arrangements und weite Kompositionen.

Herzstück ist der Longtrack „The Love And The Affair“, bei welchem die elegische Art von Steve Hogarth die Klangspiele zwischen düsteren Angriffen und versöhnlichen Öffnungen perfekt ergänzt. Seine Geschichten verleihen der Musik von Isildurs Bane eine neue Tiefe und etwas mehr Eingängigkeit. „Colours Not Found In Nature“ ist somit nicht nur für alte Begleiter der Schweden ein Muss, sondern auch eine der schönsten Prog-Scheiben in diesem Jahr.

Anspieltipps:
The Random Fires, The Love And The Affair, Incandescent

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Agent Blå – Agent Blå (2017)

Agent Blå – Agent Blå
Label: Through Love Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Shoegaze, Post-Punk

Wenn sich Bands eigenen Stilrichtungen auf die Stirne schreiben, dann bietet die Musik oft etwas Krudes – oder endlich wieder eine angenehme Abwechslung. Agent Blå aus Göteborg haben in ihrer Klangfindung genau dies gemacht und ihre Lieder nun Death-Pop getauft, und dabei eigentlich einen ziemlich passenden Begriff gefunden. Denn mit ihrem ersten Album „Agent Blå“ steigen die Musikerinnen und Musiker gleich forsch in die Szene ein und lassen sich durch nichts beirren, vergessen aber auch die sehnsüchtige Komponente nicht.

Lieder wie „Derogatory Embrace“ oder „Faust“ lassen die Gitarren flirren, das Schlagzeug davonhetzen und den Gesang lakonisch dastehen. Doch Agent Blå – was Agent Blau heisst – zeigen, dass man auch mit knapp 20 Jahre auf dem Buckel wunderbar romantisch träumen kann. „(Don’t) Talk To Strangers“ holt den verzauberten Pop ins Album und lässt die Musik weiter in den Shoegaze driften. Natürlich in dieser wunderbar ungestümen Art, die man als Teenager an den Tag legt. Das Songwriting vermag aber all diese Dinge wunderbar zu tragen und immer wieder blitzen die Helden wie Slowdive durch.

Agent Blå beweisen, dass Schweden wohl für immer eine Quelle der mitreissenden Bands bleiben wird – und dass man Post-Punk auch scharfkantig und trotzdem knuffig spielen kann. Diese selbst betitelte Scheibe wirkt nämlich in jedem Moment frisch und voller Tempo. Dabei werden die verlockenden Gitarrenmelodien und begleitenden Synthies nicht vergessen und Joy Division hätten hier in einer anderen Welt eine perfekte Band für den Support vorgefunden. So reichte es immerhin zur Inspiration für Agent Blå.

Anspieltipps:
(Don’t) Talk To Strangers, Rote Learning, Faust

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fovea Hex – The Salt Garden 2 (2017)

Fovea Hex – The Salt Garden 2
Label: Headphone Dust, 2017
Format: Download
Links: FacebookBand
Genre: Folk, Ambient

Berauschend, meditativ und immerzu auch ein wenig mysteriös – die Musik auf „The Salt Garden 2“ gestaltet sich in etwa so, wie der mitternächtliche Gang durch ein Labyrinth im Schlossgarten. Fovea Hex, die irische Experimental Band unter der Leitung von Clodagh Simonds, gibt sich seit 2005 als unfassbares Ding zwischen Nebelgestalt und Traumerscheinung. Dieses Wirken machte auch Steven Wilson hellhörig und nun erscheint bereits die zweite EP auf ebendiesem Label.

Dabei bieten Fovea Hex auf ihrer neusten Platte eigentlich eher die gegenteilige Musik, die Mann bei einer abgesegneten Veröffentlichung des Prog-Gottes erwarten würde. Denn Stücke wie „You Where There“ oder „All Those Sings“ sind gemächlich, sanft und immer unterschwellig. Das Kollektiv sucht mit klassischen Instrumenten wie Cello und wandelbaren Stimmen eine universelle Wirkung – nur um dieses mit modernen Zauberern wie Brian Eno am Synthie zu verstärken. Die Musik, welche dabei entsteht, ist immer ruhig und nahe beim Ambient-Folk zu verorten.

Man sollte sich aber nicht über die gemächliche Geschwindigkeit und das filigrane Gerüst täuschen lassen – denn hinter „The Salt Garden 2“ sitzen nicht nur Jahre von Erfahrung, sondern auch grossartige Ideen und Harmonien.  Die Musik lässt sich zwar nie kategorisieren, Chorgesänge, eine erbebende Katharsis und die schmerzhafte Zerbrechlichkeit verbinden sich bei Fovea Hex aber zu einem betörenden Erlebnis. Der Abschluss der Trilogie kann somit also schnell passieren.

Anspieltipps:
You Were There, All Those Signs,

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.