Monat: Juni 2018

Franz Ferdinand – Always Ascending (2018)

Ja aber Franz, wo warst du denn so lange? Nach deiner Geburt 2002 in Schottland hast du mit deinen ersten drei Alben nicht nur den damaligen Indie-Rock stark geprägt, sondern so manche Jungendzeit mit tollen Tanzhits und Stilberatungen ausgestattet. Dann dauerte es vier Jahre bis zu „Right Thoughts, Right Words, Right Action“ und gewissen psychedelischen Ausflügen – und nun sogar fünf Jahre, bis es wieder heisst: Franz Ferdinand sind zurück und zeigen auf „Always Ascending“, dass sie ihre Vergangenheit mit frischen Gedanken zu kombinieren wissen.

Aber natürlich sind auch die typischen Stakkato-Gitarren, die hüpfenden Takte und der unwiderstehliche Gesang von Frontmann Alex Kapranos weiterhin unverkennbar. Der Titelsong versucht sich zwar mit Chorgesang, Synthieuntermalung und viel Echo etwas zu tarnen, auch „Lazy Boy“ will eher zu Talking Heads oder Krautpop gezählt werden als dem Indie. Spätestens mit „Paper Cages“ sollte aber klar sein: Der Art-Indie nimmt weiterhin die vorherrschende Stellung ein. Und mit „The Academy Award“ haben Franz Ferdinand sogar wieder einen Song geschrieben, der auch auf dem Debüt geglitzert hätte.

„Always Ascending“ ist also ganz klar eine Platte, die mit jedem Lied frische Farbtupfer auf die Leinwand aufträgt und dabei genügend geübt im Mischen ist, um nicht in einer grauen Suppe zu landen. „Huck And Jim“ holt die brummelnden Bässe und lauten Gitarren herbei, „Slow Don’t Kill Me Slow“ lädt zum romantischen Tanz auf der Schulfeier. Und auch wenn all diese Einflüsse und Ideen nicht gleich gut funktionieren wollen, das fünfte Album von Franz Ferdinand ist eine interessante Rückkehr. Nie bettet sich die Truppe auf alten Grosstaten, immer wird alles etwas weitergesponnen. Ein Experiment war ja noch nie falsch.

Anspieltipps:
Always Ascending, The Academy Award,

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Guy Mandon – Stream (2017)

Eine gewisse Menge an Schmutz in seine Musik einzubringen ist ja seit längerem wieder zeitgemäss, sei dies nun durch Soul- oder Funk-Einflüsse oder Synthies, die wie vom Flohmarkt klingen. Und nachdem Jeans For Jesus mit ihrem digitalen Mundartpop die Szene sowieso umgekrempelt haben, sind wieder alle Möglichkeiten offen. Das nutzt auch Basler Lucien Montandon unter seinem Alter Ego Guy Mandon mehr als gerne aus und zeigt mit seiner ersten Scheibe „Stream“ tanzbaren Pop voller schweizerdeutscher Verse.

Nicht selten wagt er sich dabei in die Nähe der Berner, entrümpelt seine Stücke wie „Ich heb de Beat fescht“ von allen unnötigen Zutaten und lässt lieber Keyboards und Drumcomputer schlank auftreten. Ob das Resultat dabei eher abstrakt und rhythmusbetont daherkommt („D’Gülle vom Schraner“) oder gleich in die Hitparade der Achtziger einsteigt („Memory Boy“), Guy Mandon braucht keine Band. Bekannt durch die Band Alt F4 oder sein Projekt Octanone hat er genügend Erfahrung gesammelt, um in Songwriting und Produktion zu brillieren.

Auf „Stream“ regiert dabei oft eine angenehme Zurückhaltung, Lieder schweben knapp über dem Boden und laden zum Genuss ein. Da passt es perfekt, dass Guy Mandon nach Ausflügen zu Crimer oder Hermann mit „Planets“ dann im instrumentalen Electronica-Ambient landet und zeigt, dass auf diesem Album auch die Experimente eine wichtige Rolle spielen. Offene Geister und Hörer ohne Berührungsängste vor dem Retro-Futurismus kommen hier eindeutig auf ihre Kosten. Und dank Liedern wie „Kokosfett“ gibt es auch etwas zum Schmunzeln.

Anspieltipps:
D’Gülle vom Schraner, Kokosfett, Planets

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Dhanya – Dhanya (2018)

Wohin die Reise geht, das weiss man zu Beginn des ersten Albums der Venezuelerin Dhanya nicht. Denn „Fire“ klingt nach Radio, klarem Pop und Hitparade. Aber schon bald zweigt „Dhanya“ ab und dirftet mit ihrer Musik nicht nur um die ganze Welt, sondern auch durch diverse Stimmungen und Stilrichtungen. Globaler Pop, beeinflusst von Trip Hop und World – hier vermengt sich die Spiritualität und Lebenserfahrung der Sängerin mit ihrer musikalischen Vergangenheit bei Mayapuris.

Das schönste Beispiel und wirklich emotionaler Song ist „Gurudev“: Sanfte Rhythmen, wunderschöner Gesang und indischer Einfluss bilden zusammen einen Höhepunkt auf „Dhanya“. Was aber nicht immer ganz so fliessend und entspannt aufgeht, wirkt vieles in den Liedern von Dhanya doch zu glatt und flehend. Besonders während der ersten Hälfte der Platte ist es nicht immer einfach, das Gute in den Kompositionen zu entdecken, ohne alles als billige Massenware abzutun. Mit jedem weiteren Stück wird dieser Eindruck aber beiseite geschoben.

Dhanya ist ganz klar eine sehr talentierte Sängerin und Musikerin und schafft es auf ihrer ersten Platte, massentaugliche Musik mit exotischen Zutaten und Elektronica so zu vermengen, dass es auch die breite Masse anspricht. Vielleicht manchmal etwas zu tief im esoterischen verankert, ist dieses Album aber doch ein schöner Ausflug in andere Gewohnheiten und Bilder. Und mit „Song To Self“ versöhnt uns die Frau dann alle wieder.

Anspieltipps:
Longing, Gurudev, Song to Self

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Son Lux – Brighter Wounds (2018)

Eine gewisse Schwere lastet auf Ryan Lott, das spürt man nach wenigen Sekunden von „Forty Screams“. Das eröffnende Lied des fünften Albums dieses talentierten Künstlers thront mit wuchtigen Synthieflächen und bedrückender Stimmung über unserer Wahrnehmung. Son Lux widmet sich erneut der Balance von Leben und Tod, den Schwierigkeiten von Verlust und die Probleme mit der Liebe. Erzählt in einem Album voller unvorhersehbarer Lieder und Experimenten, dieser Pop ist wahrlich anders.

„Brighter Wounds“ verlangt vom Hörer einiges: Man muss sich für die Musik Zeit nehmen, sollte nicht über die wechselnden Takte stolpern und mit scheinbar leidendem Gesang gut auskommen. Soul wird mit Indie und Electronica zu einer futuristischen Stilrichtung vermengt, Instrumente ihrem typischen Klang enteignet und zusammen mit viel Effekten zu neuen Daseinsformen geführt. Da ist es schon fast verwirrend, wenn man plötzlich wieder analog gespielte Gitarren und Schlagzeug vernimmt. Aber genau diese Wechselwirkung stand schon immer im Zentrum von Son Lux.

Wenn sich die Maschinen in „Surrounded“ erheben, „All Directions“ James Blake lockt oder „Dream State“ normale Songstrukturen kapert, dann wachsen Son Lux über Konventionen heraus und formen ihre völlig eigenen Welten. Und sobald man den Zugang zu diesen Kreationen gefunden hat, wird man gewisse Momente und Melodien noch lange mit sich tragen. So modern und spannend kann Indie sein, ohne immer in die gleich langweiligen Schemen abzudriften. Und wer hätte gedacht, dass drei Männer wie ein grosses Orchester klingen können, nur um dann mit „Aquatic“ gleich wieder die leisen Radiohead zu beschwören?

Anspieltipps:
Dream State, The Fool You Need, Surrounded

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ride – Tomorrow’s Shore (2018)

Vier Lieder, aber der Frühling hält an. Ride, die englischen Shoegaze-Begründer, welche letztes Jahr mit ihrem neusten Album „Weather Diaries“ für eine triumphale Rückkehr gesorgt haben, bietet uns nun einen kleinen Nachtisch an. „Tomorrow’s Shore“ heisst die neue EP und bietet in wenigen Songs eine faszinierende Bandbreite, was alle guten Eigenschaften der Musiker zum scheinen bringt. Angefangen mit „Pulsar“, einem sich immerzu steigernden Stück Musik, beherrscht von lauten Verzerrungen und betörendem Gesang.

Ride waren immer eine Band, die technische Mittel mit extrem viel Emotion zu verbinden wussten und nutzen diese Fähigkeit auch auf ihrer neusten Veröffentlichung. So erhält man zwar eine satte Ladung an Riffs, an Spielereien und einer wirklich grossen Klangwucht, muss aber nie im kühlen Dasein versinken. „Catch You Dreaming“ klingt genau so wie es heisst und nimmt uns mit in eine angenehme Welt voller Mitgefühl. Da gelingt sogar die Mischung aus Nuller-Indie und Effektgeräte wunderbar („Cold Water People“).

Es ist beruhigend zu wissen, dass Ride weiterhin mit uns durch die Landschaft ziehen werden und mit ihren Melodien die Welt wärmer machen. Zwar ist  „Tomorrow’s Shore“ kurz, schillert aber wunderbar im Licht und will immer wieder besucht werden. Wer auf atmosphärische Gitarrenmusik steht, der wird momentan wohl wenig Besseres finden als diese vier Umarmungen.

Anspieltipps:
Pulsar, Cold Water People, Catch You Dreaming

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Tales From A Sonic Darkness, Parterre One Basel, 18-01-25

 

Tales From A Sonic Darkness
Bands: Scott Kelly & John Rudkins / Sarah-Maria Bürgin / Louis Jucker / The Leaving / Marlon McNeill / Anna Erhard
Donnerstag 25. Januar 2018
Parterre One, Basel

Die Bösen trifft man nicht nur im Sägemehl an, auch auf den Bühnen der Welt begegnet man immer wieder lauten und wilden Künstlern. Doch für eine Nacht gab es nun die Möglichkeit, Musikerinnen und Musiker intim und zurückhaltend zu geniessen. Das Basler Label Czar Of Crickets lud zu Stunden voller Tales From A Sonic Darkness – zu Reisen in introvertierte Momente und dunkle Melodien. Im hübschen Parterre One nahm man auf den Stühlen Platz und genoss das Dargebotene mit einem passenden Bier. Schon bald wurde aus dem normalen Donnerstagabend eine neue Erfahrung voller Intensität.

Bereits mit Anna Erhard gab es eine andere Form von Auftritt zu erleben, spielt die Musiker doch sonst mit der Gruppe Serafyn hübsche Songs – nun zeigte sich die Schweizerin alleine mit akustischer Gitarre und sanftem Singer-Songwriter. Ein angenehm langsamer und in sich gekehrter Start, der mit Komponist und Labelführer Marlon McNeill zwar etwas verschrobener wurde, aber immer noch auf einzelnen Gitarrentönen und sanften Aussprachen beruhte. Hier sogar als Huldigung für den kürzlich verstorbenen Mark E. Smith, mit parallel abgespielter Schallplatte.

Meditativ und langsam, so wollte sich der Chef des Abends nicht immer geben. Als The Leaving betrat er die Bühne mit einer elektrischen Gitarre und untermalte seinen feinen Gesang mit lauten und kratzenden Gitarrenriffs. Stärker hätte der Kontrast zwischen Mensch und Instrument nicht sein können, als Resultat funktionierte dies aber perfekt und leicht psychedelisch. Und die sieben Saiten verliehen dem Zar die nötige Gravitas – etwas, mit dem sich Louis Jucker (Coilguns, Autisti) nicht lange abgibt. Von seinem Architekturstudium ist die Liebe zum Entwurf übrig geblieben, den Rest bestimmt nun aber Punk und Noise. Mit eigens gebautem Verstärker wurden die rohen Stücke noch gewaltiger, Geschrei und wildes Klopfen auf den Saiten taten den Rest.

Wie eine Sirene der Nacht sorgte Sarah-Maria Bürgin von Scratches im Anschluss dafür, dass nicht nur das Testosteron wieder von der Bühne gefegt wurde, sondern dass nun endlich auch ein Keyboard die Rhythmik übernahm. Mit wundervoller Stimme, Melodien wie Samtkleider und einer grossen Ausstrahlung verzauberte sie die Anwesenden innert kürzester Zeit. Schade, durften hier alle nur kurz spielen, hier hätte ich gerne weitergeträumt. Als Abschluss kam aber ein richtiger Weltstar: Scott Kelly, mit grossem Bart und akustischer Klampfe, begleitet von John Rudkins an der Slide-Guitar.

Die Amerikaner zückten hier nicht das zerstörerische Schwert von Neurosis, sondern erzählten zerbrechliche Geschichten voller Emotion und Nachdenklichkeit. Passend zum Schluss, zusammenfassend und für den Abend stehend – Tales From A Sonic Darkness war ein wunderschöner Blick in die Seelen und Herzen von Künstlerinnen und Künstler, ein Eintauchen in verwunschene Klangwelten und ein mitreissender Ausgleich zu den sonst lauten und wilden Konzerten. So etwas dürfte es gerne öfters geben.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Tonight Alive – Underworld (2018)

Ja, verdammt nochmal! Auf solche Songs wie „Temple“ steh ich einfach total: Tonight Alive steigen mit einem düsteren Riff in ihren Alternative Rock ein, drehen beim Refrain dann aber das Vehikel komplett um und landen mitten im Keyboard befeuerten Power Pop. Sängerin Jenna McDougall darf düster vor sich hin singen und dann plötzlich mit ihrer hellen Stimme die gesamte Welt umarmen – das macht Laune und bleibt für lange im Zeit im Kopf hängen. Doch leider ist nicht alles auf „Underworld“ so gelungen und ausgeglichen, oft scheint der Zucker den ehemaligen Pop Punk komplett überzogen zu haben.

Das vierte Album von Tonight Alive ist keine typische Fortsetzung ihres bisherigen Klanges, gibt es doch im Gegensatz zum sehr glatten Vorgänger „Limitless“ wieder mehr Kanten und böse Riffs. Aber trotzdem übertreiben es die Australier in keinem Song, ihre Lieder fügen sich weiterhin den Verlockungen des Schönklangs und bunten Farben. Mit Gästen Lynn Gunn (PVRIS) und Corey Taylor (Stone Sour) holte man sich auch gleich zwei Stimmen ins Boot, die beide Extreme vertreten. Aber auch ohne Verstärkung schlägt sich die Band wacker und zielt immer in die korrekte Richtung. „In My Dreams“ ist wunderbar gross, „Crack My Heart“ verbindet Kampfgeist mit Empathie und „Waiting For The End“ besitzt die nötige Schwere.

Tonight Alive wissen also, wohin mit ihrer Musik – kommen nur selten in guter Form im Ziel an. Man hat das Gefühl, dass „Underworld“ irgendwie oft die Einfälle nicht korrekt bündeln kann und seine wahre Grösse verfehlt. Zu oft landet man im College-Radio, zu oft klingt alles wie böse geschminkter Pop der grossen Stars. So bleiben am Ende ein paar wirklich mitreissende Songs, tolle Riffs und das Charisma von McDougall – aber halt auch eine gewisse Leere. Für die Untermalung eines fröhlichen Fests eignet sich die Scheibe aber sicher gut.

Anspieltipps:
Temple, In My Dreams, Crack My Heart

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Of Mice And Men – Defy (2018)

Ist es die Schuld von Howard Benson und Chris Lord Alge, dass „Defy“ so geschliffen und leicht klingt? Der Produzent und Mischer waren nämlich auch schon mit Bands wie My Chemical Romance oder Green Day tätig – da bleibt vom harten Getue nicht mehr so viel übrig, oder? Auf jeden Fall findet man auf dem fünften Album von Of Mice & Men eine klassische, wenn auch etwas sanftere Version des modernen Metalcore und neu auch nur noch Aaron Pauley am Mikrofon. Seit 2016 ist Austin Carlile nämlich nicht mehr Teil der kalifornischen Gruppe und versucht nun anderswo sein Glück.

Wer nach diesem ersten Abschnitt nun die Single „Warzone“ anhört und denkt: Was schreibt der denn? Ja, dieses Stück ist zu Beginn eines der wirklich brachialen und wunderbar wilden Höhepunkte auf der Platte. Of Mice & Men lassen sich hier zu Power-Riffing und wildem Geballer hinreissen, nicht ohne den melodischen und harmonischen Refrain zu vergessen. Meist aber bleibt die Gruppe im harten Metal und sauberen Gesang. Stücke wie „Vertigo“ oder „Sunflower“ machen aber trotzdem viel Spass und laden Fans aller Geschlechter und Altersgruppen vor die Bühne. Gesamtheitlich stimmt für mich die Balance zwischen Brutalität und Sanftheit aber nicht wirklich.

Dazu kommt leider auch ein eher mittelmässiges Cover von Pink Floyds „Money“ – das würde auf „Defy“ ganz klar nicht fehlen. Denn Of Mice & Men sind genügend Sattelfest im Songwriting und spielen geschickt mit der Eingängigkeit. Ihr neustes Werk ist somit eine klare Aussage, dass sie auch zu viert weiterhin Energie und Kraft besitzen, wenn auch nun eher etwas vom wuchtigen Metalcore entfernt auftreten (siehe „If We Where Ghosts“). Für Liebhaber der Band und der Stilrichtung sollte der Kauf dieser Platte aber bestimmt keine schlechte Entscheidung sein.

Anspieltipps:
Vertigo, On The Inside, Warzone

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bruce Dickinson – What Does This Button Do? (2018)

Was für ein Tausendsassa der werte Herr Bruce Dickinson doch ist! Er hat als ausdrucksstarker Sänger nicht nur die Heavy-Metal-Band Iron Maiden zu einem Luxusdampfer der harten Rockmusik gemacht und mehrere Soloalben veröffentlicht, nein er ist auch Pilot, Autor, Moderator und ehemaliger Weltklassefechter. Ein Leben, das für ein Buch wie gemacht ist und oft sogar ein wenig erfunden klingt. In „What Does This Button Do?“ nimmt sich der Engländer der Aufgabe des Erzählens auch gleich selbst an und präsentiert seine Autobiografie, die weit über das gewohnte Schema eines Buches über Musiker hinausgeht.

Das zeigt sich nämlich nicht nur um flotten und kumpelhaften Umgangston und der lockeren Schreibform, sondern auch beim Fokus des Inhalts. Das repetitive Leben zwischen Albumproduktion, Konzertreise und kurzen Erholungspausen wird meist in kurzen Sätzen und wenigen Abschnitten zusammengefasst. Sicher, auch Bruce Dickinson hat einige abstruse und leicht skandalöse Geschichten auf Lager und schämt sich auch nicht, diese hier Schwarz auf Weiss zu offenbaren. Schön dabei ist aber, dass diesen Eskapaden weder viel Gewicht gegeben, noch seine eigene Naivität und Dummheit ausgespart wird. Dieses Buch dient niemals dazu, andere Leute schlecht zu machen und alte Fehden wieder aufleben zu lassen.

Viel spannender wird „What Does This Button Do?“ immer dann, wenn sich die Erzählung weg vom typischen Metal-Alltag hin zu Dickinsons anderen Leidenschaften wendet. Sei es sein jahrelanger Versuch, einen Film über Aleister Crowley auf die Beine zu stellen, seine nicht ganz ernst gemeinten Übungen Romane zu schreiben oder die haarsträubenden Vorfälle in seiner Pilotenkarriere – alles wird leicht verständlich und mit genügend Selbstironie angegangen. Diese Autobiografie ist immerzu unterhaltsam und positiv, sogar die schwere Zeit der Krebserkrankung löscht den Optimismus nicht aus dem Mann und dem Buch. Nur sein persönliches Privatleben bleibt für grosse Teile im Dunkeln – was so ganz gut passt.

„What Does This Button Do?“ ist nämlich keine Glorifizierung und Erklärung der Person Bruce Dickinson, sondern seiner Taten und Errungenschaften. Man muss sich mit dem Autor nicht über Politik streiten, keine seitenlange Sinnierungen über einzelne Tonlagen und Gitarrenriffs ertragen, man wird alleine zum Staunen eingeladen. Und dies passt eigentlich perfekt zu der Bühnenfigur Dickinson, die man seit vielen Jahren zwischen riesigem Eddie und gewaltigen Songs kennt. Ein Buch, das also nicht nur Iron Maiden Fans unterhalten wird.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.