Musik für die Ewigkeit

The Hirsch Effekt – Holon: Anamnesis (2012)

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The Hirsch Effekt – Holon: Anamnesis
Label: Kapitän Platte, 2012
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Core, Metal, Indie

Um es gleich vorne weg zu nehmen: „Holon: Anamnesis“ ist ein Jahrhundertalbum – ein Konzeptwerk, das in beeindruckender Weise ein intelligentes Thema mit vielen musikalischen Stilen kombiniert und dabei nie sich selber überfordert. Eine unglaublich grosse Leistung, besonders wenn man genauer hinhört. Zwischen all den Stilwechseln, Genremutationen und akrobatischen Einlagen der Instrumente verbergen sich eine grosse Seele und noch viel mehr Schmerz. The Hirsch Effekt haben mit ihrem zweiten Album eine Platte in die Welt gestellt, die auch vier Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch relevant und unerreicht ist. Da kommt die Neuauflage also gerade Recht, um weitere Beziehungen zu zerschlagen und melancholisches Glück über alle zu giessen.

Was das Trio aus Hannover hinter dem Namen der Erinnerung spielt, sucht seinesgleichen. Bereits mit dem ersten Lied „Anamnesis“ mischen die Musiker Gesang und Gitarre immer stärker in Orchesterklänge. Plötzlich kippt die Stimmung und erste Breaks holen den Hardcore hinein. Streicher machen dem knallharten Schlagzeug Platz, elegische Arrangements werden gnadenlos verprügelt. Über allem herrscht die Stimme von Nils Wittrock, der in beeindruckenden Sätzen eine Geschichte voller Angst und Zerbrechlichkeit erzählt. Das Scheitern der Liebe, verpackt in Zeilen wie „Vielleicht fehlt uns auch grad‘ der Mut für eine Lösung / an die noch keiner von uns glaubt“, „Wenn mein Kopf dann aufschlägt / Vielleicht bleibt dann noch Zeit / Irgendwie / In der Nacht zu baden“ oder „Wer sich jetzt noch umdreht ist selber schuld“. Eine simple Sprache, die in Verbindung mit der überbordenden Musik und repetitiver Behandlung eine Sogwirkung entfaltet und emotional alles verschlingt.

Dagegen wirken teilweise sogar die Abenteuerreisen der Strukturen klein, egal ob The Hirsch Effekt nun Math-Core, Prog und Indie ungerade und verkopft neu aufbauen. Bläser und Streicher mischen sich zwischen die Attacken, der Hörer wird komplett vereinnahmt. „Holon: Anamnesis“ reisst nicht nur stark mit, im eigentlich Kern ist das Album viel sanfter als man denkt. Sobald man den Blick hinter den Vorhang wagt, sieht man die Intimität. Wenn am Ende von „Datorie“ eine Sprachaufnahme das Album mit einer genialen Wendung beendet, läuft es einem kalt den Rücken hinunter und die Geschichte erhält eine neue Bedeutung.

Selten gab es in den letzten Jahren eine Platte, die im Bereich der harten und intelligenten Musikrichtungen so viel gewagt, erreicht und gewonnen hat. The Hirsch Effekt haben sich mit „Holon: Anamnesis“ selber übertroffen, verewigt und für alle Verfechter des Metal, Prog und Emo-Core eine Lieblingsplatte geschrieben. Sicherlich muss man die wilden Hüpfer zwischen dissonantem Riffgewitter mit Gebrüll und sanftem Chorgesang mit wohlklingenden Partituren erst einmal verdauen – wer sich aber darauf einlässt, erlebt eine der mitreissendsten Erfahrungen im Bereich der Musik.

Anspieltipps:
Absenz, Agitation, Ligaphob, Datorie

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Jovanotti – Il Quinto Mondo (2002)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Jovanotti – Lorenzo 2002* Il Quinto Mondo
Label: Soleluna, Mercury, Universal, 2002
Format: CD in Schuber
Links: Discogs, Künstler
Genre: Pop, Rock, Funk, Rap

Alles beginnt mit Flöten und einer handvoll Streicher. Man fühlt sich wie beim Betreten einer Märchenwelt, doch dann eine Gitarre, ein Rhythmus und der Gesang von Jovanotti: Willkommen in der fünften Welt und einem Album voller Erinnerungen, unzähligen Glücksmomenten und einer schier unendlichen Laufzeit. „Il Quinto Mondo“ begleitet mich seit der Schulzeit und ist bis heute eines meiner liebsten Alben. Interessant, dass ich es erst 13 Jahre nach dem Erstkontakt meiner Sammlung hinzugefügt habe. Aber für was sind Reisen nach Italien sonst da?

Der Musiker und Künstler Lorenzo Cherubini besitzt in Italien Kultstatus und veröffentlich seit 1988 Musik in diversen Formen. Egal ob wilder Rock, eingängiger Pop, funkiger Rap oder Singer-Songwriter, kein Stil ist dem Mann fremd. Wie ein Chamäleon passt er sich der Umgebung an und formt seine Stücke den Genreregeln passend. Auch „Il Quinto Mondo“ ist ein funkelnder Diamant mit vielen Seiten. In den 14 Liedern packt Jova so viele Einfälle und Geschehnisse rein, dass man auch nach knapp 80 Minuten Laufzeit immer noch nicht genug hat. Wo andere Bands bereits an der Halbstundengrenze scheitern, da lacht sich der Italiener nur ins Fäustchen und wirft dem Hörer vor Albumschluss noch einen fast 15 Minuten langen Rap vor die Füsse. Aber es funktioniert, denn obwohl ich die Sprache praktisch nicht verstehe, versprüht sein Sprechgesang eine Faszination und einen grossen Reiz. Die Texte behandeln wichtige Themen wie Gleichberechtigung, Globalisierung, Menschenrechte und Politik. Natürlich erhält auch die Liebe ihre Plattform, verfällt aber nie in billige Klischees. Es lohnt sich also, Übersetzungen der Texte zu lesen oder gleich die Sprache zu lernen. Jovanotti macht sich viele Gedanken um die Welt und unser Tun darin, genau so viel Energie steckt er auch in die Musik. Was hier alles an Melodie und Verspieltheit zu hören ist sucht Seinesgleichen. Unzählige Instrumente kommen zum Einsatz, die Lieder verfallen immer wieder in Instrumentalpassagen und der Gesang wechselt zu Rap und zurück. Klavierakkorde verdrängen Streicher, Trompeten überfallen Gitarren und das Schlagzeug begleitet das Banjo. Kein Wunder, waren neun weitere Musiker an der Entstehung des Albums beteiligt und liessen die Fantasien von Jova Realität werden.

2002 lernte ich Jovanotti mit „Il Quinto Mondo“ in der Schule kennen, vertiefte meine Liebe zur Platte dank meiner Mutter und traf immer wieder mal auf einzelne Lieder dieses grossartigen Werkes. Und jetzt endlich steht die CD auch in meinem Regal und läuft seit einer Woche praktisch jeden Tag. Abnutzung gleich Null, Genie von Jova unmessbar. Wer sich schon immer mal mit der italienischen Musikszene oder Herr Cherubini beschäftigen wollte, der muss hier zugreifen. Eine perfekte Scheibe für eine nicht so perfekte Welt.

Anspieltipps:
Un Uomo, Albero Di Mele, Date Al Diavoto Un Bimbo Per Cena

Secret Machines – Ten Silver Drops (2006)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Secret Machines – Ten Silver Drops
Label: Reprise Records, 2006
Format: Vinyl mit Inlay
Links: Discogs, Wikipedia
Genre: Art-Rock, Space Rock

Da gibt es manchmal ein Lied, ein kleines einzelnes, das stellt die Hörgewohnheiten und Musikkenntnisse komplett auf den Kopf. Nach diesem Lied wird nichts mehr so sein wie es war, die Welt der Musik und Bands ist für immer gewaltig grösser geworden. Natürlich werden solche Momente mit den Jahren weniger, vor noch nicht allzu langer Zeit dafür umso intensiver. „Lightning Blue Eyes“ von Secret Machines, auf einer „All Areas“ CD des Musikmagazins Visions, Bohli ist platt und entdeckt den modernen Prog. Und bis heute ist das Album in meinem Herz, auch wenn die Band leider so nicht mehr existiert.

„Ten Silver Drops“ mit seinem wunderbaren, knallgrünen Cover und den Tropfen war das zweite Album der Texaner und führte ihre Musik weg vom Krautrock-Retro-Gestampfe, das noch auf „Now Here Is Nowhere“ vorherrschte. Alleine „Daddy’s In The Doldrums“ wählte wieder diesen Pfad und walzt während acht Minuten alles platt. Led Zeppelin ist nie fern, wird aber mit Keyboard und psychedelisch angehauchten Gitarren umgarnt. Die erwünschte Sogwirkung wird erreicht, der Gesang veredelt das Stück. Wenn sich dann alle Tore öffnen und die Flut über den Hörer hereinbricht, dann gewinnt nicht nur der Lärm sondern auch die Stimmung. Wuchtig und intensiv, genauso wie der Rest der LP. Erstaunlich, auf welch konstant hohem Level das Trio agiert, ausser dem etwas lahmen „All At Once (It’s Not Important)“ sind alle Stücke mitreissend und durchdacht. Stilistisch kann man die Truppe aber selten genau einordnen, denn nebst oben erwähnten Einflüssen spielen die Musiker mit dem Prog-Rock, Stadion Rock und Shoegaze. Schicht um Schicht türmen sich die Tracks in die Höhe, stolpern nie über die Effektteppiche oder Synthflächen und finden dabei genügend Zeit, um die Gitarren- und Bassspuren zum kochen zu bringen. Dank der doch eher feinen Stimme von Brandon Curtis findet man sich im Überfluss zurecht, singt Refrains lauthals mit und spielt dazu Luftgitarre. Wenn er dann bei „I Hate Pretending“ laut wird und fast schreit, funktioniert das im Verbund mit dem düsteren Text grossartig. Allgemein: Die Aussagen, welche die Band macht, sind nicht immer klar durchschaubar, ihre Wortketten aber eingängig und lockend. Im Verbund werden all diese Teile zu einem noch grösseren Ganzen, man legt „Ten Silver Drops“ immer wieder auf und die Abnutzungserscheinungen lassen auf sich warten. Sicherlich, Puristen mag alles zu lautmalerisch, zu verspielt und zu effektvoll sein, aber was hier im Feld des New Prog geleistet wird ist beachtlich.

Egal ob das erste, das mittlere, das letzte oder ein Lied zwischendrin – „Ten Silver Drops“ ist ein umwerfendes Werk von Secret Machines. Doch leider begann hier das schleichende Ende, Benjamin Curtis stieg aus, starb 2013 an Krebs. Die Band veröffentlichte 2008 ihr drittes Album (welches wieder den Stil wechselte) und ist seither praktisch in der Versenkung verschwunden. Unglaublich schade, aber immerhin strahlt das grüne Quadrat für alle Ewigkeiten. „I need love, that don’t mean I need you / It started with that song / It was a thousand seconds long / It didn’t end ‚cause we never got through“.

Anspieltipps:
Lightning Blue Eyes, Daddy’s In The Doldrums, I Hate Pretending

Roger Waters – Amused To Death (1992)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Roger Waters – Amused To Death
Label: Columbia, 1992 / Remaster: Legacy Recordings, 2015
Format: CD und Bluray in Digipak
Links: Discogs, Künstler
Genre: Alternative Rock, Art-Rock

Pink Floyd war mir schon seit vielen Jahren ein Begriff, wirklich verfallen war ich aber vor allem der Musik von Bassist Roger Waters. Mit der Entdeckung seiner Soloalben musste ich zugeben: „The Wall“, „Animals“ und Konsorten gefallen mir besonders dank dem düsteren Unterton von Waters führender Hand. Mit „Amused To Death“ übertrumpfte er diese Alben in gewisser Weise sogar und erschuf eines der wichtigsten und intensivsten Konzeptalben der letzten Jahrzehnte. Das Thema des Konsums, Kapitalismus und Umgang mit Umwelt / Mitmenschen ist nicht nur gross, sondern auch -artig bewältigt. Bis heute spiele ich das Album voller Faszination ab und lasse mich in die düsteren Gedanken und zynischen Aussagen von Herrn Waters entführen.

Musikalisch gesehen ist das Album, etwas böse gesagt, nicht wirklich aufregend oder weltbewegend. Der kunstvolle Rock schmeisst zwar mit viel Effekt und Pathos um sich, wagt aber selten Sprünge in wirklich unbekannte Gewässer. Sicherlich, die Musik ist immer druckvoll und auch gerne mal temporeich, so pocht „What God Wants Part I“ freudig dahin, oder träumerisch sanft (wie „It’s A Miracle“). Wirkliche Intensität erhält sie aber erst mit den Einspielungen, dem Gesang und den Texten. „Amused To Death“ ist ein Album, das an seiner Gesamtwirkung gemessen wird und da nur gewinnt. Waters Texte pendeln zwischen Hasstiraden über unmenschliche Handlungen, Gewalt und Rassismus und geschickt verpacktem Sarkasmus. Bestes Beispiel hierzu ist das zweiteilige „Perfect Sense“: eine Meisterleistung in direkter Textdichtung und intensivem Sounddesign. Mit bildlichen Anleihen an „2001: A Space Odyssey“ und der Kritik am Wettrüsten schrieb Waters hier eine grossartige Zeile nach der anderen. „Can’t you see / It all makes perfect sense / Expressed in dollars and cents / Pounds shillings and pence“. Dazu werden Soundeffekte, Chorgesang und Orchester eingespielt. Es entsteht der Eindruck eines hymnischen Abgesangs auf unser Wirtschaftssystem. Auch bei „The Bravery Of Being Out Of Range“ geht es in dieser Art weiter, hier handelt der Text von der heutigen Weise, Krieg zu führen – weit weg und feige. Dazu passt es wunderbar, dass Schlagzeug und Gitarre lauter werden. Gegen Ende des Albums darf man sich wieder erholen und den interessanten Gedanken mit leiser Musikbegleitung lauschen. Die Platte ist nicht nur ein Auf und Ab der Emotionen, sondern auch der Lautstärke und Instrumentierung. Alle Register werden gezogen und schlussendlich gewinnt der Hörer.

Mit dem Abschluss „It’s A Miracle“ und „Amused To Death“ holt Waters noch einmal zu zwei Geniestreichen aus und walzt die Lieder in über acht Minuten platt. Allgemein, das Werk trägt mit über 70 Minuten dick auf, teilt die Lieder in mehrere Teile und nimmt immer wieder vorangegangene Themen auf. Dabei wird es aber nie langweilig oder überdrüssig, die Spannung kann gehalten werden. Somit ist diese Scheibe dank der kongenialen Verbindung aus Botschaft, Gefäss und Form eine Meisterleistung und wird für immer in meinem Herzen bleiben.

Die Neuauflage bietet nebst der tollen Neugestaltung des Covers und Booklets eine neue Abmischung. Und bevor jetzt alle Puristen aufschreien: Das Remaster / Mix lohnt sich. Die Spuren sind nicht nur klarer, sondern in gewissen Stellen besser aufgeteilt, entschlackt und voluminöser. Überflüssiger Backgroundgesang wurde entfernt, Samples ausgetauscht. Sehr positiv fällt die Verwendung des HAL-Samples in „Perfect Sense“ auf. Dieses war ursprünglich geplant, wurde aber von Kubrick nicht frei gegeben. Alles in allem somit eine gelungene und notwendige Wiederveröffentlichung, die dem Album hoffentlich endlich die verdiente Aufmerksamkeit bringt.

Anspieltipps:
Perfect Sense Part I + II, The Bravery Of Being Out Of Range, It’s A Miracle

 

John Maus – We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves (2011)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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John Maus – We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves
Label: Upset! The Rhythm, 2011
Format: Vinyl im Gatefold
Links: Discogs, Künstler
Genre: New Wave, Lo-Fi

Ich bin ein sehr visueller Mensch und finde den Umgang mit Bildern und ähnlichen Medien sehr interessant. So achte ich oft auch auf Werbung, Logos, Typografie etc. Bei der Musik hat dies zur Folge, dass mich auch Platten ansprechen, von denen ich nichts weiss, aber das Cover verlockend aus dem Regal blitzt. So auch bei „We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves“: Ich kannte John Maus überhaupt nicht, wusste aber, dass ich von diesem Album in einem Magazin eine Kritik gesehen hatte und mir das Cover im Gedächtnis eingebrannt blieb. Kurz abgewogen, Kauf getätigt – so findet man neue Lieblingsplatten.

Zuerst aber ist an der Musik von John Maus mal alles ein wenig verrückt und verschoben. Der Amerikaner produziert eigentlich Pop, lässt diesen aber im New Wave und Lo-Fi gross werden. Die Lieder werden dabei immer wieder neu geformt und auch mal in unpassende Behälter gesteckt, bevor sie ausgewachsen und vollendet sind. Somit hat die Musik immer eine verwirrende, aber positiv faszinierende Wirkung auf den Hörer. Schräge Synths und verfremdete Stimmen treffen hier auf merkwürdige Harmonien und krumme Gangarten des Schlagzeugs. Vieles ist elektronischer Herkunft, will aber organisch und real sein. Dass die Genres dabei ihre Glaubwürdigkeit verlieren macht nichts, denn mit seinem Hang zu Atmosphären aus dem Mittelalter zeugt der Künstler von viel Talent und einem offenen Geist. Die Stimmung auf dem mit „We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves“ wunderbar betitelten Album ist eine ureigene und ausserhalb des Kosmos von John Maus mir noch nie aufgefallene. Oft verschwinden Tonfolgen oder Gesangszeilen im Hall, tauchen wie im Nebel ab und gucken schelmisch hinter den Instrumenten hervor. Die Keyboards drehen durch, spielen Melodien zwischen Kirmes und Barock und mit seiner oft sehr tiefen Stimme verziert Maus die Lieder mit Dunkelheit. Solche Musik ist nicht nur sehr schwer zu beschreiben, sie gefällt auch nicht jedem. Es wird mit Konventionen gebrochen, gleichzeitig aber die Relevanz berührt und meisterhaft an der Schöpfung getätigt. Kein Wunder, war das Werk 2011 eines der wichtigsten Alben, obwohl die Musik sich eigentlich eher weg von der Gegenwart in Richtung tiefe Vergangenheit bewegt. Da können die Sterne noch so funkeln, Strom wird gegen Feuer getauscht.

John Maus ist ein seltenes Talent, das Musik auf eine neue und ungeahnte Ebene befördern kann. Mit seinem dritten Album hat er nicht nur Kritiker auf der ganzen Welt begeistert, sondern sich auch bei mir viel Bewunderung eingeholt. Die Platte ist unvergleichlich und trotzdem wie schon immer da gewesen. Ich kann allen nur empfehlen, vertieft in das Schaffen des Musikers einzuhören und dann einen Kauf zu tätigen. Lieder wie „Cop Killer“ oder „Streetlight“ sind zwar versteckte Hits, benötigen aber Mut und einen Geist den man überraschen darf – ansonsten funktioniert die Musik nicht. Wenn es aber „Klick“ macht, dann ist „We Must Become…“ ein unendliches Sammelsurium an perfekten Liedern und Einfällen; man will diese Welt nicht verlassen.

Anspieltipps:
Streetlight, Head For The Country, Cop Killer

Ellie Goulding ‎– Halcyon Days (2013)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Ellie Goulding ‎– Halcyon Days
Label: Polydor, 2013
Format: 2 CDs im Digipak mit Booklet
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Synth-Pop, Electro

Pop kann ein wunderbares Genre sein, voller blühender Ideen und Experimente. Seit einigen Jahren wird die Musikrichtung immer mehr von ihrer elektronischen Schwester in Befang genommen und vermengt. Eine Entwicklung die mir eigentlich gut gefällt, solange alles mit Stil gemacht wird und nicht ab der Stange kommt. Die britische Künstlerin Ellie Goulding weiss dies seit ihrem zweiten Album „Halcyon“ sehr gut herzurichten und beweist ihr Talent. Dabei half wohl auch ihre Partnerschaft mit Skrillex, wobei sein Einfluss hier eindeutig positiv zu werten ist. War auf dem Debüt die Musik noch eher im zurückhaltenden Stil, öffneten sich bei „Halcyon“ alle Tore und die Gehörgänge wurden geflutet. 2013 wurde das Album dann mit einer Bonus-CD wiederveröffentlicht, zehn weitere Lieder die das Grundgerüst wunderbar ausbauen und ergänzen.

Ellie Goulding strahlt bei ihrem Gesang immer viel Charisma aus, ihre Stimme hebt sich angenehm von all den anderen Popstars ab. Mit ihrer eher tiefen Stimmlage ertönen die Texte gerne mal nachdenklich und bleiben am Boden, Ausbrüche in den Refrains driften dann freudig in hohe Lagen. Das Sampling kommt oft zum Zug und die Sängerin vervielfacht ihre Stimme und nimmt den Gesang auseinander. Das unterstützt den elektronisch gehaltenen Klang des Albums in bester Form und fügt sich in die Melodien der Synths und Beats ein. Ob ein Lied nun davonstapft wie „Anything Could Happen“, oder sich langsam am Boden windet wie „Explosions“, die Gefühle sind die wichtigste Komponente der Musik und werden von Ellie offen hingelegt. Auf den zwei CDs gibt es in dieser Deluxe-Fassung so viele Highlights, dass ich gar nicht weiss, welche nun die stärksten sind. Frau Goulding weiss, wie sie mich um den Finger wickeln muss, da reicht die Musik auch ohne tolle Bilder. „Figure 8“ – mein wohl immer noch liebster Track von Halcyon – soll hier mal als Paradebeispiel stehen. Der Aufbau unterscheidet sich nicht stark von vielen anderen Songs im Bereich des Pop, weiss aber mit dem Dubstep-Einfluss und stark wummernden Bass die Musik in den Club zu tragen. Die Stimmung kippt aber nie ins Lächerliche, da Gesang und Melodie eher nachdenklich bleiben und den Hörer dazu auffordern, sein Inneres nach aussen zu kehren und den Ausdruckstanz zu üben. Eine reine Wucht, eine Urgewalt, ein Zustand den Ellie oft erreicht: In „Hanging On“ mit dem späten Einstieg und extrem hohen Gesang, in „Goodness Gracious“ mit der Fröhlichkeit und in „You My Everything“ mit Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit.

„Halcyon Days“, als Gesamtwerk über zwei Scheiben, ist ein schier unendlicher Schatz an glitzernden Perlen und kleinen Schmuckstücken. Synth-Pop war bisher fast nie so modern und eigenständig, und wird viel zu selten von einer so sympathischen Person wie Ellie aufgeführt. Ohne sich den eigentlichen Gesetzen des Genres zu verweigern, erschuf sie ein Album und eine EP mit Seele, Pop für den Tänzer, Electro für die Liebenden. Und obwohl nicht alles komplett überzeugt, meine herzförmigen Hände und meine freudige Erwartung auf weitere Alben hat sich Ellie bei mir für immer gesichert.

Anspieltipps:
Figure 8, Hanging On, You My Everything, Stay Awake

Sufjan Stevens – Come On Feel The Illinoise (2005)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Sufjan Stevens – Come On Feel The Illinoise
Label: Asthmatic Kitty Records, 2005
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Folk, Rock, Indie

Vor ein paar Jahren war ich in Musik noch nicht so bewandert und konnte schneller überrascht werden, schliesslich lösten viele Namen nur Fragezeichen aus. Der Empfehlung, „Illinoise“ von Sufjan Stevens zu kaufen und dann in der warmen Stube anzuhören, ging ich gerne nach. Natürlich stand eine Tasse dampfender Tee daneben und das Booklet wurde aufgeklappt, um die doch längeren Texte mitlesen zu können. Was mir dann aber aus den Lautsprechern entgegen kam, traf mich total unvorbereitet und löst bis heute immer noch dieselbe Begeisterung und Freude wie damals aus. Der moderne Folk erreichte den Bohli und Sufjan Stevens nistete sich für immer in meinem Herzen ein.

Obwohl das damalige Gerücht, Stevens schreibe zu jedem Staat in den USA ein Album, sich nicht bewahrheitete, ist die Leistung auf dem Konzeptalbum über Illinois mehr als beachtlich. In 22 Liedern (mit Codas und Intros) zeichnet er ein farbenfrohes und vielschichtiges Portrait, das nicht nur den geschichtlichen Hintergrund, sondern auch viele persönliche Gedanken und Erinnerungen zulässt. Kuriositäten wie UFO-Sichtungen, den Besuch von Superman oder die auferstandenen Toten, wechseln sich mit tragischen oder zumindest wahren Erzählungen ab. „Casimir Pulaski Day“ ist eine berührende und hoch emotionale Geschichte um den Verlust eines geliebten Mitmenschen an Krebs. Trauer wurde in der Musik selten so treffend beschrieben, Tränen fliessen beim Zuhören automatisch. Hier zeigt sich das Genie von Sufjan Stevens, seine pointierten und prägnanten Texte mit wunderbaren Melodien zu verbinden. In Casimir und „John Wayne Gacy, Jr.“ stehen sich fröhliche Melodien und melancholische Texte gegenüber, in „Chicago“ entsteht mit wenigen Noten eine traurige Euphorie. Dieser letztgenannte Song wurde übrigens auch präsent im tollen Film „Little Miss Sunshine“ eingesetzt. Aber nicht nur das, denn auch die Instrumentierung ist umwerfend grossartig. Gitarre trifft auf Triangel, Oboe auf Vibraphon und Streicher auf einen Chor. Sufjan Steven zeigt sich verantwortlich, praktisch alle Instrumente eingespielt und arrangiert zu haben. Eine beachtliche Leistung, denn das Album sprüht nur so vor musikalischen Höhenflügen und platzt fast aus allen Nähten. Wie auch die Liedertitel, die zu lesen oft mehr Zeit benötigen als das Lied andauert.

Dass „Illinoise“ dabei trotzdem nicht überladen oder zu lang daher kommt, zeugt auch von der grandiosen Schreibe des Künstlers. Man kriegt nicht genug von den Erzählungen und instrumentalen Kapriolen. Auch noch so kleine Nachreichungen, wie eine Herauslösung der Streicher aus einem vorhergehenden Lied, werden gefeiert. Man lacht, weint, lauscht und denkt mit. Praktisch jedes Lied hätte seinen eigenen Blogeintrag verdient, aber selber anhören nützt mehr als darüber zu lesen. Darum bitte ich euch: Setzt euch hin, trinkt ein warmes Getränk, kuschelt euch ein und geniesst „Come On Feel The Illinoise“ ununterbrochen in seiner voller Blüte. So wunderschöne und intelligente Musik hört man selten. Eine Platte für die Ewigkeit, mit oder ohne Superman auf dem Cover.

Anspieltipps:
John Wayne Gacy, Jr. / Chicago / They Are Night Zombies!! They Are Neighbors!! They Have Come Back From The Dead!! Ahhhh!

Das dazu passende Getränk:
Schwarztee mit Zitrone, serviert auf kuscheligem Sofa.

Editors – In This Light And On This Evening (2009)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Editors – In This Light And On This Evening
Label: PIAS, 2009
Format: Doppel-CD im Digipak, Inlay
Links: Discogs, Band
Genre: Synthie-Pop, Indie-Rock

„Ok Leute, unsere Band feiert seit zwei Alben kräftigen Erfolg mit unserer Mischung aus düsterem Rock, Indie und dem Geist von Joy Division. Aber immer nur gleichförmige Songs zu schreiben wird langweilig. Wollen wir nicht etwas Neues wagen? Vielleicht mit mehr elektronischem Anteil oder vielen Synths?“ Was als kurzer Einwand im Bandraum von den Editors begonnen haben könnte, wuchs zur dritten Platte der englischen Band an und überzeugte am Ende genau so viele Leute, wie es vor den Kopf stiess.

Ich kann die Aufregung und den Protest gewissermassen nachvollziehen. Denn „In This Light And…“ wird mit einem Instrument eröffnet, dass in dieser Art gespielt wohl niemand von der Gruppe erwartet hätte: Ein heftiges Keyboard im Stile der 80er. Synthetisch klingende Melodien, Kitsch und viel Hall. Oft erinnert die Musik dabei an „The Terminator“ oder ähnliche Filmmusik aus dieser Dekade. Editors finden aber einen Weg, dieses neue Element in ihre Musik einzufügen, ohne in die Fallen zu tappen. Weiterhin geben Bass und Schlagzeug das Gerüst vor, teilweise darf sich sogar eine Gitarre zum Soundbild dazugesellen. Und über allem thront weiterhin die tiefe und wundervolle Stimme von Tom Smith. Diese Mischung garantiert den Wert der Heimat, man wird nicht komplett mit Innovation überrollt. Trotzdem wagte sich die Band hier weit hinaus und erweitert ihre Musik in unbekannte Sphären. Ob dies nun in Richtung eines Disco-Stampfer geht wie bei „Papillon“ oder doch lieber beschwörend wie beim Titelsong – die Musiker hatten so viele Einfälle, dass jedes Lied auf dieser Platte nur so glüht. Melodien werden gleich bergeweise geschichtet, Chöre erklingen im Hintergrund, Lieder erfahren plötzliche Stimmungswechsel. So auch in meinem liebsten Track, „You Don’t Know Love“. Er beginnt verschworen und lässt in Erinnerungen schwelgen, nur um dann in der Mitte plötzlich aufzuschreien und den Rest der Laufzeit mit einem sägenden Synthlauf zu beenden.

Auf dem gesamten Album bewies die Band, dass der Umgang mit den elektronischen Klängen für sie keine Angst bedeutet. Versiert und kontrolliert bauen sie sich neue Hütten und lassen sich für die volle Spielzeit darin nieder. Die Lieder, die in dieser Phase geschrieben wurden, sind bis heute bestechend und verleiden nie. „In This Light And…“ ist ein Musterbeispiel für eine geglückte Abkehr des Markenklangs einer Band. Solche Wechsel können schnell schief gehen, die Editors haben aber alles richtig gemacht. Schade dafür, dass sie seither ihrem eigenen Schatten hinterherrennen.

Anspieltipps:
In This Light And On This Evening, You Don’t Know Love, Eat Raw Meat = Blood Drool

Crosby, Stills, Nash & Young ‎– Déjà Vu (1970)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Crosby, Stills, Nash & Young ‎– Déjà Vu
Label: Atlantic, 1970
Format: Vinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Folk, Rock

Mein Musikgeschmack ist seit jeher sehr breit gefächert, fleissigen Lesern dieses Blogs wird das bestimmt aufgefallen sein. Was aber eher selten passiert ist, dass ich Platten, die in der Zeit vor den 90ern aufgenommen wurden, abspiele. Das heisst nicht, dass ich diese Musik nicht schätze (schliesslich fundiert sie als Grundstein aller heutigen Bands), aber das aktuelle Geschehen der Szene fasziniert mich zu sehr. Trotzdem hat sich mit der Zeit das Album „Déjà Vu“ von CSN&Y in meine ewige Bestenliste eingeschlichen. Ein Hippiefolkrock Album aus dem Jahre 1970, entspannend wie ein sommerlicher Tag in der Sonne, damals schon ein Hit und grosser Erfolg.

Denn hiermit legten die Herren David Crosby, Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young ihre erste gemeinsame Kollaboration zu viert vor und stiessen überall nur auf Begeisterung. Verwundern dürfte dies niemanden, denn das Album startet mit „Carry On“ bereits mit einem klassischen Lied der Hippiezeit. Mehrstimmiger Gesang, flirrende Gitarren und viel Gefühl der Freiheit und des Friedens. In der Mitte wechselt das Lied dann plötzlich die Stimmung und groovt mit lockerem Takt weiter, ohne die Blumenstimmung zu verlieren. Diese Wechsel finden im weiteren Verlauf immer wieder statt, aber nun nur noch zwischen den einzelnen Liedern. Jedes Stück auf „Déjà Vu“ hat seine komplett eigene Atmosphäre und weicht manchmal mehr in Richtung Country (Teach Your Children) oder starkem Rock (Almost Cut My Hair). Zusammen ergeben sie auch heute noch eine bunte Mischung der damals aktuellen Strömungen im Folk-Rock, fast ein Überblick zur abflauenden Hippiebewegung mit grossartiger, musikalischer Untermalung. Jeder der vier Herren darf als Songwriter brillieren und täuscht mit der Qualität der Lieder über die schwierige Zeit bei der Aufnahme hinweg. Scheinbar waren CSN&Y keine harmonische Gruppe, sondern verstrickten sich in mühsame Diskussionen und Uneinigkeiten. Das ist schwer zu glauben, denn das Album ist ein perfekt balanciertes und ausformuliertes Werk der damaligen Zeit. Viel Folk, noch mehr Rock, etwas Country und die Harmlosigkeit der Weltverbesserer.

Abwechslung bietet auch der Gesang, der je nach Song von anderen Musikern stammt, und sogar Neil Young klingt hier noch jung (auch wenn er schon damals kein guter Sänger war, im eigentlichen Sinn). Somit ist die erste Scheibe der neu formierten Crosby, Stills, Nash And Young ein Triumphzug, und fast jedes Lied wurde ein Klassiker. Abstriche sind nur bei wenigen Momenten zu machen, wie beim etwas trägen „Our House“. Glanzstücke wie das mehrteilige „Country Girl“ machen dies aber immer wett. Mit „Déjà Vu“ wurde von vier grossartigen Musikern ein ihnen ebenbürtiges Werk geschrieben, das bis heute nichts von seiner Faszination oder Wirkung verloren hat.

Anspieltipps:
Carry On, Almost Cut My Hair, Country Girl

La Dispute – Wildlife (2011)

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La Dispute – Wildlife
Label: No Sleep Records, 2011
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit Text-Booklet
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Hardcore

„Said, „There is always a chance to rectify what you’ve taken, make your peace in the world.“
I thought to slip through the door, I could’ve entered the room,
I felt the burden of murder, it shook the earth to the core.
Felt like the world was collapsing. Then we heard him speak,
Can I still get into heaven if I kill myself?
Can I ever be forgiven ‚cause I killed that kid?
It was an accident I swear it wasn’t meant for him!
And if I turn it on me, if I even it out, can I still get in or will they send me to hell?
Can I still get into heaven if I kill myself?“
I left the hotel behind, don’t want to know how it ends.“

„Wildlife“, das zweite Album der Band La Dispute aus Michigan USA, besticht vor allem durch eines: Die unglaublich berührenden, bewegenden und mitreissenden Texte von Sänger Jordan Dreyer. Seine Geschichten aus den hoffnungslosen und düsteren Städchen in den USA bestechen durch ihren Realismus, der grossartigen Beobachtungsgabe und Fülle. Noch nie habe ich zuvor ein Album gehört, in dem die Texte so mächtig und wichtig waren. Die Musik der Band windet sich dabei um die Geschichten und untermalt sie mit grossartigem Post-Hardcore. Die Lieder folgen dabei nicht den gewohnten Strukturen, sondern fügen sich den Zeilenlängen und der Sprachgeschwindigkeit. Emotionen und Lautstärke mischen sich zu einem extremen Ausdruck dem Keiner entkommen kann. Wut, Trauer, Verzweiflung, Resignation, Hoffnung.

Es wäre ungerecht zu sagen, die Band spielt nur die zweite Geige hinter dem Sänger. Aber für mich ist ganz klar Dreyer der Mittelpunkt. Seine sehr spezielle Stimme ragt aus den wilden Klängen heraus und führt die Gruppe zu Höchstleistungen. Dabei steigert sich das Album immer mehr bis zum unausweichlichen Klimax mit dem bestürzenden „King Park“. Danach hat man nicht nur Tränen in den Augen, sondern will die Ungerechtheit auf der Welt verdrängen, sich verkriechen und alleine sein. So stark nimmt „Wildlife“ gefangen.

Mehr kann und will ich zu diesem Meisterwerk der modernen und harten Musik gar nicht mehr schreiben. Ich empfehle allen, die sich mit Hardcore, Post-Hardcore und dergleichen Genres befassen, dieses Album intensiv anzuhören und die Texte mitzulesen. Ein stärker fesselndes Erlebnis gab es in den letzten Jahren nicht.

„I leave the memory up atop the balcony.
I tear this flower from the back of the dress.
It’s best this time, I bet, to just forget and let go.
Paint it the shade of where the lip bleeds and blur it out.
I blur out everything else, just blur out everything else.
And let go, and let go, and let go.“

Anspieltipps:
A Letter, King Park, You And I In Unison