Monat: April 2015

Live: Mono, Exil Zürich, 15-04-29

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Mono
Support: Helen Money
Mittwoch 29.04.2015
Exil Club, Zürich

Sind zwei Post-Rock Konzerte innert einer Woche etwa zu viel? Habe ich die Lust an diesem Musikstil verloren? Man könnte es fast meinen, denn der Auftritt von Mono hat mich leider nicht so gepackt, wie es zu wünschen wäre. Obwohl, hier Vergleiche mit Godspeed You! Black Emperor zu ziehen wäre auch unfair.

Der Abend im Exil Club in Zürich startete aber nicht nur vielversprechend, sondern auch angenehm verschroben. Die US-Amerikanerin Helen Money betrat nur mit Cello und einigen Effektgeräten die Bühne. Die Befürchtung, jetzt schwulstige Musik aus dem Umfeld von Apocalyptica hören zu müssen, verflog bereits nach wenigen Sekunden. Helen spielte ihr Instrument nicht, sie bearbeitete es. Tiefdunkle und harsche Klänge, Knarren und Schreie prügelte sie aus den Saiten, stark verzerrt und verfremdet mit viel Hall, Echo und Rauschen. Die Musik folgte nicht Songs, sondern kurzen Momenten und Abschnitten. Ihr Doom zeigte allen Zuschauern, dass auch klassische Instrumente komplett zweckentfremdet werden dürfen. Mit vielen Samples und Loops kreierte Helen ein volles Klangbild, auch mit hartem Schlagzeug ab Konserve. Gewöhnungsbedürftig, aber sehr einvernehmend und beeindruckend. Auch wenn die Zuschauer nicht immer wussten, ob sie nun klatschen sollen, bei mir hinterliess die Frau einen bleibenden Eindruck.

Dies vermochten Mono leider nicht zu erreichen, auch wenn es über die Band eigentlich nichts schlechtes zu schreiben gibt. Die Musiker aus Japan beherrschen ihr Metier sehr gut, und spielen die langen und epischen Post-Rock Lieder in technischer Vollendung. Gerne verlieren sie sich in den Wiederholungen und Steigerungen, um immer wieder mal Stücke in ohrenbetäubenden Noise-Attacken enden zu lassen. Dabei vermischen sich Gitarren, Keyboard oder Bass zu einem Sturm aus Lärm und Schallwellen. Ganz den puristischen Genrevorgaben folgend, findet man in ihrem Auftritt keinen Gesang, wenig Interaktion mit dem Publikum und viele geschlossene Augen. Mit lauten Gong dringt sogar ein wenig asiatisches Flair in die Musik. Und trotzdem hat mich ihre Musik nicht abgeholt. Alles war mir zu generisch, zu Standard. Die gespielten Songs klangen wie Lieder von unzähligen anderen Bands aus diesem Gebiet, besondere Merkmale konnte ich nicht ausmachen. Sicherlich, ich kenne die Band nicht wirklich gut, und kann darum ihre Stücke auch nicht auf Anhieb unterscheiden. Doch wo sind die Eigenheiten? Gerade bei einer Band aus Japan fehlte mir hier das exotische Element. Für Fans war es aber ganz klar ein toller Abend und ein super Konzert, das gerne den gesamten Körper in Schwingung versetzte. Mich selber führte der nachträgliche Gang zum Merchandise-Stand aber zu Helen Money.

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Lonely Robot – Please Come Home (2015)

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Lonely Robot – Please Come Home
Label: Inside Out Music, 2015
Format: Doppel-Vinyl im Gatefold, mit CD
Links: DiscogsMusiker
Genre: Progressive Rock, Art-Rock

Houston, wir haben ein Problem: Unsere Astronauten der Mission US-XC123.6 haben in ihrer Luftschleuse des Shuttles einen Roboter vorgefunden. Dieser scheint von einem alten Raumgang zu stammen und wurde hier vergessen. Wie ist das weitere vorgehen, denn seine Herkunft ist nicht die USA? Kurioserweise scheint sein Verhalten menschliche Züge angenommen zu haben, er spricht. Was haben wir getan? Wie konnte es soweit kommen?

Seit Jahrhunderten spielt der Mensch mit dem Dasein, seinem Planeten und der Wissenschaft. Unglaubliche Leistungen wurden vollbracht, Entwicklungen voran getrieben und das Leben wurde immer angenehmer und vielfältiger. Doch zu welchem Preis? Wie viel Leiden und Wahnsinn steckt hinter all den Errungenschaften? Und woher stammen wir eigentlich? All diese Punkte (und mehr) versucht John Mitchell mit seinem neuen Projekt Lonely Robot zu erkunden. Eine monumentale Aufgabe, auch für den talentierten Musiker, der zuvor vor allem als Mitglied und treibende Kraft hinter Frost* und Kino auftrat. Zusammen mit hochkarätigen Gästen wie Steve Hogarth, Peter Cox, Nick Beggs oder Heather Findlay untersucht er die Fragen in grossformatigem Progressive Rock mit modernem Anstrich. Wie von Mitchell gewohnt, besticht jedes Lied durch wunderbare Gitarrenmelodien, durchdachten Aufbau, emotionalen Gesang und wunderschöne Harmonien. Seine Musik ist auch auf „Please Come Home“ immer extrovertiert, erklingt voller Volumen und will laut gehört werden. Es gelingt dem Künstler, die Eingängigkeit mit komplexen Abläufen zu kombinieren und dabei Hits zu produzieren. Denn nach dem instrumentalen Einstieg mit „Airlock“ rocken gleich zwei tolle Songs die Bude: „God Vs. Man“ und „The Boy In The Radio“. Mit so viel Elan und Energie wird über die gesamte Laufzeit aufgespielt, bei „Lonely Robot“ sogar hübsch verkopft. Wer so viel nachdenkt und kommuniziert, der braucht auch Momente zum Innehalten. „Why Do We Stay“ oder „Human Beings“ sind nicht nur Balladen, sondern auch die beste Gelegenheit für die Gäste zu strahlen, unterstützt durch viel Keyboard und Ausdruck.

„Please Come Home“ ist wahrlich kein subtiles Werk, aber ein grossartiges Album des modernen Art-Prog, das John Mitchell von seiner besten Seite zeigt. Auch wenn die Fragen nicht tief philosophisch beantwortet werden, ist es voller interessanter Gedanken, Anstösse und Rückbesinnungen. Eine Reflektion über unser Leben, unsere Taten und das grosse Wieso wird schliesslich immer wichtiger. Je nach Stimmung lässt einem die Musik melancholisch oder hoffnungsvoll fühlen, berührend ist sie immer. Hitverdächtig sowieso.

Anspieltipps:
God Vs. Man, Lonely Robot, Construct/Obstruct

Godspeed You! Black Emperor – Asunder, Sweet And Other Distress (2015)

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Godspeed You! Black Emperor – Asunder, Sweet And Other Distress
Label: Constellation Records, 2015
Format: Vinyl im Gatefold, mit Poster und Download
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Rock, Noise, Drone

Schleppende Drums, ein Takt wie ein dahinschlurfender Riese, dann Gitarren und Streicher in einer grotesk verwobenen Erscheinung, schräge Klänge, Lärm und Dissonanz. Das neuste Album von GY!BE startet gleich mit voller Energie in den zehn Minuten langen Track „Peasantry or ‚Light! Inside of Light!“. Wie von der kanadischen Band gewohnt, klingt alles leicht verstimmt, nach Noise und wird mit viel Rückkopplung dargeboten. Dabei überrascht aber vor allem die Tatsache, dass „Asunder, Sweet..“ überhaupt erschienen ist.

GY!BE aus Montreal erschienen in den 90er aus dem Nichts, revolutionierten den Post-Rock und verschwanden auch so plötzlich wieder. Als nach zehn Jahren Stille dann 2012 das Album „‚Allelujah! Don’t Bend Ascend“ erschien, geschah dies ohne Vorzeichen und grossen Informationsfluss. Die Musiker versteckten sich komplett hinter der Platte, gaben keine Interviews und waren nur für ein paar Konzerte in den USA und Europa unterwegs. Und jetzt ebenso plötzlich, nur drei Jahre später, liegt uns bereits die nächste Scheibe vor. Das fünfte Album überrascht zuerst mit der kurzen Laufzeit. Nur vier Lieder, davon zwei Drone / Geräusch Eruptionen, alles in kompakten 40 Minuten. Untereinandern greifen die Stücke fast unmerklich ineinander über, wer den Überfall im Einstieg überlebt hat, befindet sich mit „Lambs‘ Breath“ nun im Auge des Sturms. Trügerische Ruhe kehrt ein, nur einzelne Frequenzen jaulen auf. Unheimlich schwirren die Klänge um den Kopf, der Wirbelsturm dreht sich immerzu weiter. Als man dann fast komplett von der Stille eingelullt wird, kommen immer mehr Schichten zurück. Die Geigen spielen langanhaltende Akkorde, klingen wie verletzte Tiere; Orgel und Keyboard mischen sich ein. Immer mehr steigert sich das Toben, bis der Abschluss in „Piss Crowns Are Trebled“ wieder den kompletten Wahnsinn von der Leine lässt, mit einem laut knarzenden Bass.

Mit viel Verzerrung, Drone und Krach ist die neuste Platte von GY!BE eine wilde und laute, bietet aber auch vorzügliche Momente der Ruhe. Die Band spielt dabei immer sehr düster und schwermütig, Hoffnung findet man auf diesem verkohlten Getreidefeld keine mehr. „Asunder, Sweet…“ ist ein grossartiges Album des kreischenden Post-Rock, schnell zugänglich und lang sättigend. Wie nicht anders zu erwarten, übertreffen sich die Musiker zum wiederholten Male.

Anspieltipps:
Peasantry or ‚Light! Inside of Light!; Asunder, Sweet; Piss Crowns Are Trebled

RSD 15 – Teil 1: Florence & The Machine, Noel Gallagher’s High Flying Birds, Banks

Gerne möchte ich euch all meine Einkäufe vom diesjährigen Record Store Day kurz vorstellen.
Teil 1 mit folgenden Scheiben:

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Florence & The Machine – What Kind Of Man
Label: Island Records Group, 2015
Format: 12inch Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Pop

Als Vorbote zum neuen Album von Florence And The Machine, erschien zum RSD die Single „What Kind Of Man“. Darauf findet man zwei Lieder, die auf der dritten Platte enthalten sein werden. Das Titelgebende Lied zeigt Florence von der hübsch, rockenden Seite. Mit Trommeln, Gitarren und wunderbarem Gesang zieht das Lied gleich an, und betört uns mit einer tollen Melodie. „As Far As I Could Get“ auf der B-Seite schlägt dann etwas ruhigere Töne an, aber in gewohnter Instrumentierung. Gitarren, Synths, Harfe und was weiss ich alles hört man raus, Bombast-Pop mit viel Gefühl.
Wenn das Album hält, was dieser Appetithappen verspricht, dann wird auch die dritte Platte der extrovertierten Dame ein voller Erfolg. Ich bin sehr gespannt und geniesse diese zwei Lieder schon mal in vollen Zügen.

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Noel Gallagher’s High Flying Birds – In The Heat Of The Moment Remixes
Label: Sour Mash, 2015
Format: 12inch Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: House, Rock

Beliebt ist die Tradition, am RSD Remix-Platten zu veröffentlichen. Auch Noel Gallagher und seine fliegenden Vögel bieten mit „In The Heat of The Moment – Remixes“ eine hübsche Single, die aus dem handgemachten Rock pochende Clubmusik macht. Das Lied wurde dazu von Andrew Weatherhall und Toydrum bearbeitet. Dabei haben beide den Gesang entfernt, aber charakteristische Elemente beibehalten. So durfen weiterhin die Glocken klingen, die Hauptmelodie schält sich aus dem Hintergrund, und ein Schlagzeug wird gespielt. Aber sonst entfernen sich die Variationen ziemlich weit von der Vorlage. Gerade Weatherhall macht aus dem hübschen Britrock, ein träger Hit für die dunkle Disco.

Toydrum bringt das Lied in die Gewässer des Dub, viel Getrommel und tiefe Klänge. Die perkussionslastige Version klingt dabei noch weniger nach dem Original, gefällt mir selber auch etwas weniger gut. Dafür schaut Noel hier auf ein paar Zeilen vorbei. Für Fans von Herr Gallagher ist diese 12inch eine nette Ergänzung ihrer Sammlung, besonders als Vorbereitung für lange Nächte in der Stadt.

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Banks – The Remixes Part 2
Label: Harvest, 2015
Format: 12inch Vinyl
Links: DiscogsKünstlerin
Genre: Electro, Pop

Frau Banks liess sich ebenfalls durch die Mangeln drehen, der zweite Teil ihrer Remix- Reihe auf 12inch erscheint als RSD Special. „Beggin For Thread“ durfte umgestaltet werden, es meldeten sich Aeroplane und KiNK. Von ihren Bearbeitungen gibts es sogar noch die Instrumental-Version obendrauf, wobei sich diese oft nicht sonderlich vom eigentlichen Remix Unterscheidet, ist der Gesang allgemein eher Nebensache.

Aeroplane lässt die Puppen tanzen und den Beat pochen, der Gesang wurde digital verändert und zusammengeschnitten. Die Struktur des Liedes bleibt aber stark beim Original, allerdings wurde die Zurückhaltung mit vielen Zutaten des Electro-Pop überschüttet. KiNK holt den Techno zurück und schneidet die hübsche Sängerin gleich komplett raus. Für meinen Geschmack ist dieser Remix zu weit vom Original weg, und dient eher als Track für die Strandbar.

Alles in allem angenehme Bearbeitungen, allerdings etwas enttäuschend als teures RSD-Release. Eine Remix-EP mit mehreren Liedern wäre spannender gewesen.

Live: Godspeed You! Black Emperor, Salzhaus Winterthur, 15-04-25

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Godspeed You! Black Emperor
Support: Xylouris White
Samstag 25.04.2015
Salzhaus, Winterthur

Eine Legende kehrte an diesem Wochenende nach Winterthur zurück. Die Band Godspeed You! Black Emperor aus Kanada gilt als eine der wichtigsten Gruppen im Bereich Post-Rock, ihre Musik ist eine Urgewalt an instrumentalem Können. Seit den 90er veröffentlichen sie kryptische und faszinieren Alben, geben sich mysteriös und verschwinden als Band hinter ihrem Schaffen. Nach einer längeren Pause kehrten sie 2012 ohne Warnung zurück und blieben ihrem Stil treu. Auch das neuste Werk, „Asunder, Sweet And Other Distress“ ist eine Meisterleistung in instrumentaler Musik, immer nahe an der Grenze zum Untergang und Wahnsinn. Live auf der Bühne werden aus den Stücken Wesen, die alle Zuschauer in die Mangel nehmen, sie hin und her und wiegen und in Trance versetzen. Durch stete Repetition von Riffs, Abschnitten und Melodien entsteht ein Sog, der alles in sich vermengt. Ob hinter den Soundwänden nun die Erlösung, die Auslöschung oder die Hölle lauert, man gibt sich bereitwillig hin und verschliesst die Augen. Klangwellen und Lärm wird eines, im Ohr dröhnt die Musik und der Körper löst sich auf.

Wer trotzdem ab und zu einen Blick in den Raum wagt, sieht wie die Dunkelheit durch helle Projektionen auf der Bühne durchschnitten wird. Mit alten Filmprojektoren werden Bilder und Botschaften auf die Instrumente gelegt, der ewige Kampf zwischen Licht und deren Abkehr tobt zwischen Musiker und Zuschauer. Diese bleiben dabei alle ruhig, auch zwischen den epischen Liedern wird nicht gesprochen, man saugt jede Sekunde in sich rein und geniesst das intensive Erlebnis. Und wenn nach zwei Stunden die Band mit Ambient-Noise sanft verschwindet, ist man erschöpft aber glücklich. GY!BE live zu hören ist bereichernd, aber auch nicht ungefährlich. Besser und wuchtiger wird Post-Rock von niemand anderen dargeboten.

Dass zuvor Xylouris White die Leute aufwärmten, ist schon fast vergessen. Doch das Duo bot interessante und komplexe Musik, weit vom Mainstream entfernt. Nur mit Schlagzeug und Laute bewaffnet, spielten sie sich durch vielfältige Kompositionen und Lieder, die oft auf alten Traditionen zu beruhen scheinen. Es erinnert an Tanz- und Festmusik aus den östlichen Ländern, streift den Post-Rock und gibt sich auch gerne wilden Ausbrüchen hin. Keine einfache Angelegenheit, aber ein würdiger Support für die Kanadier.

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Underworld – Baby Wants To Ride (2015)

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Underworld – Baby Wants To Ride
Label: Junior Boy’s Own, 2015
Format: 12inch Vinyl
Links: Discogs, Band, Website
Genre: House

Frankie Knuckles war eine Legende und der fast alleinige Verwalter des House. Sein Einfluss ist bis heute unglaublich gross und die elektronische Musik hätte sich ohne sein Zutun komplett anders entwickelt. Doch leider verstarb der grossartige DJ und Produzent im März 2014, seine Musik lebt aber für immer weiter.

Underworld, das Duo aus England, hat sich nun mit befreundeten Künstlern daran gemacht, Knuckles Tribut zu zollen. Der tolle Dance-Track „Baby Wants To Ride“ wurde von ihnen genau betrachtet und neu verpackt. Dem Original hört man natürlich in allen Klängen die Herkunft aus den 80er Jahre an, doch bei der Neuauflage wurde dies geschickt umgangen. Die Synths klingen böse und knarzen wie alte Stahlträger, wie man es sich von Underworld gewohnt ist. Karl Hyde übernimmt die Rolle des Sprechers und ändert den Text bei gewissen Zeilen sanft ab. Auf der ersten Seite durften Heller und Farley gegen das Duo antreten, das Resultat ist ein pochender Track für die Tanzfläche. Auf fast zehn Minuten wird geclapt und gepiept.

Die zweite Seite – oder AA – teilen sich Underworld mit The Misterons. Hier wird aus „Baby Wants To Ride“ ein eher filigranes Gewachs, mit weniger konstanter Beschallung, sondern mehr Raum für die einzelnen Spuren. Modern und zeitgemäss erklingt das Lied auch hier, es drängt sich aber weniger in den Vordergrund. Auf die Tanzfläche lockt auch diese Homage, mir selber ist es aber zu freundlich. Beide Varianten ergeben zusammen aber eine hervorragende und gelungene Neuauflage eines Klassikers. Frankie hätte seine wahre Freude.

Hier das Original:

 

Recoil – Unsound Methods (1997)

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Recoil – Unsound Methods
Label: Mute, 1997
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Trip-Hop, Downtempo, Experimental

Unsere Welt ist voller Dunkelheit, kranker Menschen und schlimmer Gedanken. Oft wird diese Tatsache übersehen, denn es gibt genau so viele positive Aspekte in unserem Leben. Doch die Hingabe in diese Unterwelt, in diese Abartigkeiten kann genau so interessant und bereichernd sein, solange man dem Wahnsinn entweichen kann. Alan Wilder, Gründungsmitglied von Depeche Mode, hat seine Musik schon seit eh und je den dunklen Schattierungen gewidmet. Mit „Unsound Methods“ seiner Inkarnation als Recoil wohl aber perfektioniert.

Bereits ab der zweiten Minute bei „Incubus“ weiss der Hörer, Gänseblümchen und Honigschnitten findet man hier nicht. Wie der namensgebende Dämon schleicht sich das Lied an, legt sich auf deinen Körper und saugt dich aus. Die Musik klingt bedrohlich, die Stimmen schreien und murmeln verschwörerisch. Gottloser Gospel trifft auf teuflische Elektronik, Hörspielcharakter mischt sich mit sakralen Harmonien. Immer weiter baut sich das Lied auf und überwältigt dann mit einer Wucht, die nicht von Menschenhand geschaffen scheint. Alan Wilder weiss haargenau, wie Klang und Ton aller Arten zu kombinieren sind. Seine Lieder muten teilweise wie Hörspiele an, die Texte erzählen die passenden Geschichten, oft mehrstimmig dargeboten. Wie bei „Luscious Apparatus“, der verstörenden Story über den wilden und blutigen Sex zweier Arbeitskollegen einer Mayonnaisefabrik. Unterwerfung, Sex und Psychospiele, „Unsound Methods“ nimmt dich gefangen in einer Katakombe voller unangenehmer Momente. Ob dies mit Trip-Hop geschieht („Drifting“), oder mit Musik, die wie der verstossene Bruder von Depeche Mode klingt, alles ist perfekt produziert. Oft fällt auf, wie weit sich die Lieder von ihrem eigentlichen Körper entfernen und mit Schichten von Klangexperimenten zugedeckt werden. Dass sich alles in Balance hält, ist dem Schreibtalent von Wilder zuzurechnen. Die Stücke sind sehr eingängig und besitzen viel Hitpotential, das sie zugleich mit ihrem Inhalt und ihrer Gestalt zerstören. Aber diese Musik sucht sich auch nicht die willige Masse, sie zwingt die Untertanen zum dreckbeschmierten Glück.

Mit diesem dritten Album unter dem Namen Recoil wurde von Wilder eine Platte aufgenommen, die als Mensch schon lange im Gefängnis stecken würde. Mit dem Fokus auf den Abgründen der Menschen wird die Musik ein ungemütlicher Trip, ohne je ihren Reiz zu verlieren. Wer gerne auch mal etwas Makaberes hört: Hier wird man bedient.

Björk – Vulnicura (2015)

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Björk – Vulnicura
Label: One Little Indian, 2015
Format: CD im Digipak, mit Booklet
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Experimental, Avantgarde

Die zierliche Frau aus Island sollte so langsam jedem ein Begriff sein. Seit mehreren Jahrzehnten hält sie die Kunst- und Musikwelt in Atem und sorgt immer wieder für Überraschungen. Auch mit ihrem – bereits neunten – Album namens „Vulnicura“ hat es Björk wieder mal geschafft, sie stösst vor den Kopf und macht es niemandem einfach. Auch Fans haben aufgestöhnt, als sie die fordernde Scheibe zum ersten Mal aufgelegt haben. Dabei ist alles doch ganz logisch, oder?

Auf „Vulnicura“ geht es primär um das verbindende, aber oft auch trennende Gefühl der Liebe. Alle Menschen finden sich regelmässig in Situationen gefangen, die durch diese Emotion hervorgerufen werden. Die Isländerin selber musste in letzter Zeit einen besonders harten Schlag verarbeiten, die Trennung von ihrem Ehemann. Dies floss in die Musik ein, gerade textlich zeigt sich die Künstlerin als betroffene und teilweise auch verletzte Frau. Im beiliegenden Booklet findet man bei den meisten Liedern Zeitangaben, unterteilt in „davor“ und „danach“. Das Album dient also in der ersten Hälfte auch als Chronik und Zeitstrahl. Björk selber leidet aber nicht nur, denn ihr Gesang begeistert wieder einmal durch ein sehr umfangreiches Spektrum. Ob sie leise und tief Verse dichtet oder ausdrucksstark und in hohen Stimmlage die Musik übertrifft – selten findet man eine Sängerin, die alle Variationen so gut beherrscht. Ihr ureigener Akzent fehlt natürlich genau so wenig wie die gern gehörte Verschrobenheit und trifft damit ins Herz. Musikalisch ist das Werk etwas voller gestaltet als der direkte Vorgänger. Neo-Klassik mischt sich mit Electronica, Avantgarde trifft auf Minimalismus. Die Streicher dürfen ihre Partituren spielen, ohne vom sanften Beat vom Sockel gestoßen zu werden. Auch wenn in der Mitte dann die verkappten Drums und Synths übernehmen, von Dauer ist dies nicht. Wer aber denkt, die Musik sei mit dem Volumen wieder zugänglicher geworden, den muss ich ein wenig enttäuschen. Björk verweigert sich weiterhin der klaren Liedstruktur und gestaltet ihre Stücke mehr wie kleine Geschichten. Selten findet man beim ersten Kontakt die wichtigen Eckpunkte, und man driftet etwas ziellos umher. In seiner gesamten Wirkung nimmt aber auch „Vulnicura“ sofort gefangen. Wer sich stärker mit den Songs beschäftigt, verfällt schnell deren fragiler Schönheit und Versuchung.

Die neunte Scheibe der Ausnahmekünstlerin gefällt mir sehr, wobei auch weiterhin der Grundsatz gilt: Erklärung und Mitteilung ist schwierig, stiller Genuss um so erfüllender. Die Musik von Björk ist nicht gemacht, um sich faul berieseln zu lassen. Der Hörer muss sich die schrägen und verworrenen Klänge erarbeiten und das Ziel selber suchen. Wenn dies aber geschafft ist, fühlt man sich sehr erfüllt und bereichert. Es bleibt spannend, ein weiterer Schritt in Richtung Konzeptkunst ist geschafft.

Anspieltipps:
Stonemilker, History Of Touches, Family

The Knife – Shaking The Habitual (2013)

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The Knife – Shaking The Habitual
Label: Brille Records, 2013
Format: 3 x Vinyl im Gatefold, 2 CDs und 2 Poster
Links: Discogs, Band
Genre: Electronica, Ambient, Noise

Musik in Anti-Haltung. Eigentlich würden diese knappen Worte ausreichen, um das Doppelalbum „Shaking The Habitual“ von The Knife aus Schweden zu umschreiben. Das Duo gibt sich nicht nur in der echten Welt unantastbar und mysteriös, auch ihre Musik ist schwierig zu erfassen und verarbeiten. Seit 2001 begeistern sie damit eine eingeschworene Fangemeinde, erschliessen sich aber mit jeder Tour ein größeres Publikum. Konzerte werden zu wilden Partys, zugleich die Alben immer sperriger.

„Shaking The Habitual“ fordert schon in der Menge an Klang und Lieder. Auf drei Platten und zwei CDs breitet sich das Album wie Pilzwuchs aus, wuchert dabei in Songlängen von bis zu zwanzig Minuten. Dazu gesellen sich zwei Poster mit den Credits und einem antikapitalistischen Comic. Verpackt in grellbunten Farben ist das Album eine Abwehrhaltung aus Erdöl und Papier, ein Gegenpol zum einfachen Konsum. Mit diesem Werk greift die Gruppe nicht nur die Synapsen und Hirnleistungen der Hörer an, sie fordern ein Umdenken in unserer Handlungsweise und Kaufverhalten. The Knife wollen nicht gefallen, sie wollen anecken und verstören. Liebliche Electro-Songs überlassen sie den anderen, ihre Musik ist ein krankes Wesen ohne definierten Schluss oder Beginn. Viele Tracks wabern ohne Ziel minutenlang umher, bestehen nur aus grotesk veränderten Klangbausteinen und verweigern sich gar komplett Melodien oder Handlungen. Eine Mischung aus Dark-Noise und schmerzendem Ambient, weniger Musik als Lärm der gesellschaftlichen Kehrseite. Das stösst vor den Kopf, denn verspricht das Album zuerst doch tanzbare, elektronische Musik. Man weiss zwar nie richtig mit was für Instrumenten hier musiziert wird, oder ob das wirklich Klänge sind und nicht Schreie, aber das herumhüpfen mit den angeknacksten Beats und den schön-schrägen Stimmen macht Freude. Doch dann tun sich bald die Abgründe auf und alles fällt in den strudelförmigen Wahnsinn. Diese Musik dient nicht dazu den Menschen glücklich zu machen, oder ihn zu unterhalten. „Shaking The Habitual“ ist ein Brocken mit dem man sich stark auseinandersetzen muss, der schockiert und verwirrt, aber am Ende mit all seinen verwunderlichen Einfällen auch belohnt. Wie der korrekte Umgang mit dem Umfeld, der Erde und dem System auch.

The Knife beweisen nicht nur viel Mut, sondern auch ein sehr starkes Songwriting, das auch in den langen und dahinschleichenden Stücken nie aus den Augen verloren geht. Ihre Musik, die Darbietung und Darstellung davon ist ein Gesamtkunstwerk mit dem man stunden verbringen kann, und auch muss. Das Album ist kein Rückzug in eine heile Welt, sondern ein wichtiger Moment der Konzentrationsübung.

Anspieltipps:
Full Of Fire, Raging Lung, Stay Out Here

Record Store Day 2015

Alle Jahre wieder im April luden die Plattenläden zum intensiven Besuch ein. Was für andere Leute die Jadg nach den Osternästchen ist, bleibt bei uns Vinyl-Freaks die Suche nach limitierten Pressungen und Sonderauflagen am Record Store Day. Um die unabhängigen Geschäfte zu zelebrieren, und den Musikfans wieder mal zu zeigen, dass lokale Geschäfter den anonymen Onlinestores überlegen ist, wurde der „Record Store Day“ ins Leben gerufen. Nebst vielen Vinylschätzen, welche nur an diesem einen Samstag erhätlich sind, gibt es hier die Möglichkeit endlich mal tiefer mit den Besitzern, Sammlern und Stammkunden ins Gespräch zu kommen, ein Getränk im Laden zu verzehren und gemeinsam mit DJs über spezielle Single fachzusimpeln. Das Gefühl, die Vinylszene sei eine grosse Familie, wird nicht nur verstärkt, sondern auch klar gefördert. Plötzlich ist die Sucht und das Sammelfieber ein normaler Zustand und nichts zum schämen.

Ob der Tag für die Industrie und Gemeinde nun ein Fluch oder Segen darstellt ist schwierig zu beurteilen. Wie letztes Jahr beschrieben, bietet ein solcher Anlass Vor- und Nachteile, ich möchte mich hier aber nicht wiederholen. Im Grossen und Ganzen macht es halt doch Spass, an diesem speziellen Samstag die Läden abzuklappern, mit der Hoffnung, endlich doch die gewünschten Editionen zu finden, oder gar unerhoffte Glücksgriffe zu landen. Wobei dies nicht immer so einfach ist, geschieht der Verteilung der Platten doch ziemlich willkürlich. Trotzdem hab ich viel gewünschtes Gefunden, und meine Geldbörse geleert.

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Die erste Anlaufstelle im Why Not in Zofingen brachte die gewünschten Singles von hübschen Frauen und verrückten Amerikanern in meine Hände. The Flaming Lips feiern die angekündigte Neuauflage von „Clouds Taste Metallic“ mit drei 10inch-Singles voller Outtakes, alternativen Versionen und Albumtracks. Drei mal Farbe und drei Mal viel Psychedelic. Etwas zaghafter gehen da Florence + The Machine vor, bieten sie doch „nur“ zwei Lieder vom kommenden Album, dafür auf einer hübschen, golden verpackten 12inch. Banks lässt sich lieber gleich komplett durch den Wolf drehen, mit Remixe zu „Beggin For Thread“.

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Viel los war im Dezibelle in Aarau, fanden sich auch dieses Jahr hier wieder Plattenfreunde und Szenengänger ein, um ihre eigenen Musikwünsche vom DJ abspielen zu lassen, mit Dimi etwas zu trinken und natürlich Vinyl einzukaufen. Eine ausgelassene und tolle Stimmung, untermalt mit vielen guten Songs. Dies animierte mich, nicht nur die technoiden Remixe von Noel Gallagher, sondern auch unveröffentliche Songs von Lamb einzupacken. Die Single von Nick Cave stammt zwar vom letztjährigen Black Friday, fügt sich aber gut ein. Und „Jubilee Street“ als Live-Version muss einfach gehört werden. Gratis gab es obendrauf noch einen Sampler mit elektronischer Musik aus Finland.

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Als letzte Haltestelle beehrte ich den Zero Zero in Baden. Wie auch das reguläre Angebot, war die Auswahl an RSD-Titeln ziemlich gewaltig. Für meinen Geschmack tummelte sich zwar etwas viel im Bereich der wiederveröffentlichten Klassiker, aber dies wird sowieso immer ein Problem des Record Store Day bleiben. Die hübsche Picture Disc zum Jubiläum von „The Holy Bible“ der Waliser Manic Street Preachers hab ich aber auch eingepackt. Mit dem Cover lockend, haben mich dann Daughter und Warpaint rumgekriegt, die sich hier gleich mal gegenseitig neu abmischen. Das Highlight blieb aber eine Kartonschachtel, in der sich ein weisses Rad verbarg. Amon Tobin veröffentlichte seine neue EP in kunstvollerweise, und ich habe erst zu Hause begriffen wie man dieses Ding anhören kann. Mehr dazu aber an anderer Stelle.

Der RSD 2015 war für mich als Sammler und Plattenjäger wieder eine spassige Angelegenheit, für mich als Besucher von Plattenläden ein toller Tag um bekannte Gesichter zu treffen, und für mich als nun armer Mann mein Geld in Erdöl umzutauschen. Auch wenn ich gerne über die Politik und Praktiken dieses Tages fluche, es übt weiterhin grossen Reiz aus, gewisse Pressungen aufzusuchen und mitzunehmen. Nur schade, findet man die Auflagen aus den USA hier nicht. Oder besser so?