Monat: Dezember 2017

Hanreti – Deep Sea Dream (2017)

Band: Hanreti
Album: Deep Sea Dream
Genre: Indie / Folk / Singer-Songwriter

Label/Vertrieb: Little Jig
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: Hanreti auf FB

Den Aufenthalt tief unter der Wasseroberfläche stelle ich mir bei Weitem nicht so entspannt und locker vor, wie es mir die Musik auf “Deep Sea Dream” glauben machen will. Hier lasten nicht Abertonnen von Gewicht über unseren Köpfen, sondern leichte Kompositionen und hübsch verschlafene Begegnungen. Mit dem dritten Album hat sich die Luzerner Band Hanreti vollends zu einer Gruppe gemausert, die aus diversen Stilrichtungen ihr herrlich entspanntes und etwas slackerartiges Ding bastelt. Kalifornien, wir kommen.

Lieder wie “Marie” oder “Songbird” würden perfekt in die TV-Serie “Flaked” passen, in der man das mehr oder weniger einfache Leben einer Gemeinschaft in Venice beobachten darf. Und wie auch die Figuren und Episoden dieses Produktes zeigen sich Hanreti auf ihrem Album immer zurückgelehnt, von der Sonne bestrahlt, aber nicht ohne Kanten. Dank vielen Einflüssen, von Indie über Country bis hin zu Folk oder Funk, dürfen Songs wie “The Paper Age” oder “Poncho” mit ihrer Eingängigkeit locken und dann die Eigenheiten auspacken. Ob sich die Musiker nun eher an Wilco orientieren oder in der Strandrunde von Jack Johnson landen, es darf sich auch mal um schwere Momente und negative Gefühle drehen.

“Deep Sea Dream” ist dabei aber nie bemüht oder zu lasch, viel eher kann man sich die Melodien so umbauen, dass sie zu den eigenen Träumen passen. Aus dem Kopf des Künstlers und Multiinstrumentalisten Timo Keller entstanden, sind Hanreti nun aber soweit geformt, dass sie als Band und Formation zielsicher die typische Herangehensweise an solche Indie-Musik umgekrempelt und geschickt neue Wege der Komposition gefunden haben. Und auch wenn sich der Anfang dieser Scheibe zum Teil etwas zieht, die zweite Hälfte entschädigt für alles.

Anspieltipps:
Green In Green, Poncho, The Paper Age

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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John Maus – Screen Memories (2017)

Band: John Maus
Album: Screen Memories
Genre: Pop / Lo-Fi / Wave

Label/Vertrieb: Ribbon
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: johnma.us

Wie haben wir diese sechs Jahre nur ausgehalten? Nach drei wahnsinnig guten und andersartigen Experimental-Pop-Alben kehrte der amerikanische Musiker John Maus dem Business nämlich den Rücken zu und widmete sich seiner akademischen Karriere. Mit einem Doktortitel in politischer Philosophie ausgestattet ist es nun aber endlich wieder an der Zeit, neue Lieder zu veröffentlichen. Und “Screen Memories” ist genau dieses zauberhafte Ding, das man sich gewünscht hatte. Endlich ist der Meister des Barock-Pop wieder auf dem Thron!

Wie schon beim letzten grossartigen Werk “We Must Become the Pitiless Censors of Ourselves” regieren hier die Synthie-Klänge und Drumcomputer der Achtziger, der hallende Gesang von John Maus und leichte Gitarrenspuren. Dies alles mischt sich unverkennbar zu keck tanzenden Takten, zu romantisch anmutenden Harmonien und verträumten Liebeleien. Man schwebt zwischen bunten Wolken (“Decide Decide”), man schaut neugierig in düstere Abgründe (“Touchdown”) oder erlebt die polyphonen Seiten des Post-Punk wie mit “Edge Of Forever”. Maus versteht es dabei genial, die distanzwahrende Kühlheit der Musik mit Emotionen zu verbinden.

“Screen Memories” ist dank dieser eigenartigen und immer wieder reizvollen Mischung ein Album, auf dem sich jeder Song kurz zum Hit entwickelt. John Maus gönnt seinen Ideen wenige Minuten, aber genügend Spielraum und jongliert mit Stimmungen und einer erhabenen Atmosphäre, die nicht selten an die Renaissance erinnert. Dabei verliert er nie den Überblick und lässt ein passendes Lo-Fi-Wave-Gefühl entstehen, mit dem man sich bequem in die Musik bettet und geniesst. Danke dafür.

Anspieltipps:
Touchdown, Decide Decide, The People Are Missing

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Nordic Giants – Amplify Human Vibration (2017)

Band: Nordic Giants
Album: Amplify Human Vibration
Genre: Post-Rock

Label/Vertrieb: Aloud
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: nordicgiants.co.uk

Wer sich etwas länger und tiefer mit Post-Rock beschäftigt hat, dem sollte klar sein: Vielfach lebt diese Musikrichtung zu einem gewissen Teil von ihren Sprachsamples. Da sich die Musik auf die Instrumente beschränkt, müssen direkte Botschaften durch Archivaufnahmen von bekannten oder noch nie gehörten Menschen ergänzt werden. Ihr drittes Album haben die Musiker Rôka und Löki aus England darum gleich mit Konzept und Erzählung ausgestattet und präsentieren bei „Amplify Human Vibration“ zugleich den ersten Film von Nordic Giants. Her mit den positiven Menschheitserfahrungen!

Konkret fröhlich wird das Album aber nie, viel eher wird man sofort bei „Taxonomy Of Illusions“ mit einer langen Ansprache über die menschlichen Emotionen konfrontiert. Es geht darum, dass Menschen sich gegenseitig mit Gefühlen und Ausdruck extrem stark beeinflussen und unterstützen können  – und wir somit über die Beschwerlichkeit des Daseins hinwegsehen. Dass sich die Musik von Nordic Giants dabei oft im Hintergrund hält, ist zuerst etwas verwirrend, denn die Stimmen erhalten extremes Gewicht. Doch schon bald merkt man, dass diese Abmischung wunderbar funktioniert. Melodientragendes Klavier, Gitarrenriffs und das polyrhythmische Schlagzeug legen den Boden für die interessanten Aussagen – oder das Duo nähert sich gleich dem Ambient, wie bei „First Light Of Dawn“.

Nordic Giants wussten bisher nie so genau, wie sie ihren wilden und dynamischen Post-Rock auf CD bannen können – mit „Amplify Human Vibration“ ist ihnen dies nun ziemlich gut gelungen. Stücke wie „Spirit“ oder „Reawake“ haben einen extremen Ausdruck und verbinden klassische Genre-Mittel mit neuen Einfällen. Und dass man trotz des schwierigen Themas am Ende der Scheibe positiv durch den Tag schreitet, das ist die grösste Errungenschaft dieses Werkes. Plötzlich stören auch die gesprochenen Vorträge nicht mehr und alle Teile ergeben das gewünschte Ganze.

Anspieltipps:
Taxonomy Of Illusions, Spirit, Immortal Elements

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Marilyn Manson – Heaven Upside Down (2017)

Band: Marilyn Manson
Album: Heaven Upside Down
Genre: Industrial / Rock / Alternative Metal

Label/Vertrieb: Loma Visa / Caroline
VÖ: 6. Oktober 2017
Webseite: marilynmanson.com

Er trägt wieder die Linsen in den Augen, er singt wieder über den Typen, der für irgendwelche, aber nicht meine Sünden gestorben ist, und er lässt sich wieder laute Musik von Tyler Bates auf den Leib schneidern – Marilyn Manson ist zurück. Es sollte somit auch klar sein, dass „Heaven Upside Down“ kein bisschen zurückhaltend und angenehm daherkommt. Viel eher setzt der amerikanische Künstler und Provokateur weiterhin auf krachende Industrials-Beats, verzerrte Gitarren und seine übersteuerte Stimme. Vorhang auf für einen weiteren Akt in der Horrorshow also? Ja, aber es werden hier auch Groove und Gefühle zugelassen.

So blass wie sein Gesicht war Brian Hugh Warner, wie Marilyn Manson damals bei seiner Geburt benannt wurde, in seiner Musik ja nie, dies beweist auch sein zehntes Album voller Musik zwischen modernem Metal, alternativem Rock und Industrial, der von Stromschlägen lebt. Von all diesen Seiten holt der Einstieg „Revelation #12“ gleich die schrillsten Zutaten und schraubt die Lautstärke in die Höhe. Moderner wird es dann mit „Tattooed In Reverse“, das auf eindringliche Beats und halb gesprochenen Gesang setzt. Das erste Anzeichen dafür, dass Manson auf diesem Werk seine Einfälle konzentriert präsentiert und auf unnötige Wiederholungen verzichtet, tut seiner Musik mehr als gut.

So darf man reisserische, aber unterhaltsame Songs wie „Say10“ (laut aussprechen, dann macht der Titel plötzlich Sinn) oder „JE$U$ CRI$I$“ geniessen und sich leicht verrückt in krummen Bewegungen durch die dunkle Wohnung bewegen. Die Themen Gewalt, verstörende Romantik und fetischartiger Sex sind dabei bekannte und ständige Begleiter, trotzdem driftet Marilyn Manson hier nicht in die langweilige Provokation ab. Stücke wie „WE KNOW WHERE YOU FUCKING LIVE“ machen viel Spass, gewisse platte Textzeilen versinken zum Glück im Krach. Es ist also wieder an der Zeit, sich mit diesem andersartigen Musiker zu befassen und ein wenig Blut zu trinken. 

Anspieltipps:
Tattooed In Reverse, SAY10, JE$U$ CRI$I$

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Gong, Oxil Zofingen, 17-10-16

Gong
Montag 16. Oktober 2017
Oxil, Zofingen

Es tat gut, sich für einmal am Montagabend in das lokale Kulturhaus zu begeben um mit alten Freunden, neuen Gästen und weit angereisten Fans eine Legende der psychedelischen Musik zu erleben. Wie oft erhält man schon eine solch bequeme Gelegenheit, Teil der immer fortlaufenden Musikgeschichte zu werden? Angst vor fliegenden Teekannen und unter Schwarzlicht aufleuchtenden Shirts durfte man im Oxil aber keine haben, denn Gong zückten alle Register der bewusstseinserweiternden Kunst. Auf ihrer langen Tour zum aktuellen Album „Rejoice! I’m Dead!“ machten sie nun auch in der Aargauer Kleinstadt halt und bewiesen, dass ihre Songs nie sterben werden.

Klar, eine Band wie Gong war schon immer mehr ein flüssiges Kollektiv und experimenteller Gedanke als durchdachte Stuktur und Gefüge – so fand man auch an diesem Abend auf der Bühne vor allem die jungen Mitglieder der Truppe an den Instrumenten. Nach dem Tod von Gründer Daevid Allen wäre es auch langsam schwierig, in die Anfänge der Siebziger zurückzugreifen. Unter der Leitung von Fabio Golfetti stürzten sich die Mannen aber dann zu Beginn mit „You Can’t Kill Me“ vom zweiten Studioalbum „Camembert Electrique“ trotzdem in die alten Zeiten und die Fans liessen wild ihre Haare schwingen.

Die folgenden, neuen Stücke wie „Kapital“ oder „You Never Blow Yr Trip Forever“ sorgten im Saal für Jubel, wilde Bewegungen und lachende Gesichter. Gong haben ihre Musik, welche schon immer eine einflussreiche Mischung aus Canterbury, Jazz und Psychedelic Rock war, in das neue Jahrtausend transportiert und bewahrt. Dank wahren Zauberern an Bass, Gitarre und Saxophon wurde der Auftritt zu einem abenteuerlichen Ritt über Takt, Harmonie und Melodie. Wilde Riffs steigerten sich mit tosenden Schlagzeugwirbeln bis zur Stratosphäre, lange und wabernde Passagen liessen die kosmische Strahlung durch Projektionen und Lasermuster in die Köpfe der Gäste eintreten.

Auch wenn man sich mit der Zeit nicht immer in den eigenen Gedankengängen und zwischen den abgefahrenen Klangmuster zurechtfand, Gong spielten sich und das Oxil in ferne Welten. Manchmal überraschend hart, dann wieder sphärisch breit, aber immer unberechenbar und anders – dieses Konzert bewies, dass diese Legende des Space-Rock nie sterben und nie überflüssig sein wird. Vielmehr steht die Band auch heute noch für Erfahrungen, die sonst nirgendwo gemacht werden können und bot mit diesem Abend den perfekten Start in eine mögliche Reihe der „Psychedelic Mondays“. Na Oxil, das wäre doch was?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Monophona – Girls On Bikes Boys Who Sing (2017)

Band: Monophona
Album: Girls On Bikes Boys Who Sing
Genre: Trip Hop / Alternative Rock

Label/Vertrieb: Kapitän Platte
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: monophona.com

Nein, der Titel steht hier nicht für verklärte Popmusik aus den Achtzigern, er steht für Empörung und Protest. Als Zeile im Song “Hospitals For Freedom” ist er, zusammen mit den restlichen Sätzen, eine erstaunlich direkte und zielgerichtete Aussage gegen den Krieg in Syrien. Wovor sich andere Bands wohl eher fürchten würden und die Wut in Metaphern verallgemeinern, dient beim Luxemburger Trio Monophona für Musikverstärkung und politische Neupositionierung. Zurück mit dem dritten Album “Girls On Bikes, Boys Who Sing” ist die Band nämlich düsterer und wütender als je zuvor.

Sängerin Claudine Muno bringt bei vielen Songs ihre Stimme an die Grenzen, schreit und verliert sich in der Verständnislosigkeit. Monophona weiten auf ihrem dritten Studioalbum den Klangkosmos zwar nicht direkt aus, stellen sich aber aktuellen politischen und humanitären Fragen und verlegen ihre Melodien noch weiter in die Dunkelheit. Schwere Beats, tiefe Bässe und einzelne Westerngitarren findet man immer noch zuhauf, auch legt das Trio seinen gewichtigen Trip Hop bei Stücken wie dem herzlichen “Lada” beiseite. Trotzdem, die grosse Wucht erfährt man bei Krachern wie “Tick Of A Clock” oder dem tanzbaren “I Will Be Wrong”. Und dieser starke Ausdruck steht der Band extrem gut.

Ob sich Monophona mit “Folsom Prison Blues” bei Johnny Cash bedienen und auch damit in den Untergrund steigen oder bei “Hospitals For Freedom”, wie eingangs erwähnt, die Brutalität der aktuellen Kriege verurteilen – eindringlich und treffend sind ihre Melodien und Hooks immer. Da tut es fast mehr als gut, wurde der letzte Song mit “We’ll Be Alright” betitelt, ist die Musik auf  “Girls On Bikes, Boys Who Sing” nämlich gerne tonnenschwer, aber nie ohne Schönheit. Zusammen mit solch talentierten und toleranten Künstlern gehen wir gerne weiter, auch wenn die Zeiten teilweise etwas ausweglos erscheinen.

Anspieltipps:
Tick Of A Clock, Lada, Hospitals For Freedom

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The National – Sleep Well Beast (2017)

Band: The National
Album: Sleep Well Beast
Genre: Indie / Alternative Rock

Label/Vertrieb: 4AD
VÖ: 8. September 2017
Webseite: americanmary.com

Kurzer Zweifel und Verdacht auf Langeweile – diesen Eindruck und Moment gab es wohl bereits bei jedem Album von The National. Auch beim siebten Studiowerk „Sleep Well Beast“ überlegte ich mir beim ersten Durchgang kurz, ob diese Band ihren Status unter Kritikern und Fans wirklich verdient hat. „Nobody Else Will Be There“ startet nämlich extrem zaghaft und viele Melodien und Songs wollen sich zuerst nicht wirklich voneinander abheben. Aber dann plötzlich wird der Schalter umgelegt, bei jedem Lied schält sich eine weitere Komponente heraus und die Band zieht mit ihren unaufdringlichen, aber immer formvollendeten Liedern in ihren Bann.

Laut und wild werden The National auch auf dieser Platte sehr selten, so gibt es ein songtragendes Riff bei „Day I Die“ oder herrliches Chaos und den extrovertierten Refrain bei „Turtleneck“, die Amerikaner lassen ihren Alternative Rock aber lieber nachdenklich auftreten. Doch diese Ernsthaftigkeit passt perfekt zur Band und ihrem Album, wenn auch böse Zungen behaupten, hier handle es sich um Musik von Männern in ihrer Lebenskrise. Unerträglich und bemitleidenswert ist hier aber kein Song, „I’ll Still Destroy You“ oder „Walk It Back“ spielen viel eher mit tollen Ideen und deren hübschem Schmuck – allen voran das vielseitige Schlagzeugspiel von Bryan Devendorf.

Seit 1999 sind The National auf der ganzen Welt unterwegs und haben mit jedem Album mehr Freunde gefunden – das sollte sich auch mit „Sleep Well Beast“ nicht ändern. Mit der Zeit wachsen einem die Stücke wunderbar ans Herz und man verbringt wieder gerne viel Zeit mit Frontmann Matt Berninger und seinen Leuten. Denn bei diesem Indie-Rock klingen sogar Drohungen wie Freundschaftsanfragen und die Streicher schaffen es nie, die Songs mit zu viel Zucker zu überziehen. Durchdacht und erwachsen, und zum Glück ohne Anzugspflicht.

Anspieltipps:
Day I Die, Turtleneck, I’ll Still Destroy You

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Mixtaped Monk – Tales From A Distant Galaxy (2017)

Band: Mixtaped Monk
Album: Tales From A Distant Galaxy
Genre: Electronica / Experimental

Label/Vertrieb: Eigenveröffentlichung
VÖ: 21. September 2017
Webseite: Mixtaped Monk auf FB

Als wir den weltallbereisenden Mönch zum letzten Mal antrafen, da war er mit Cousin Silas auf Wanderschaft, liess uns alle in elektronische Wohlklängen baden und lieferte den „Soundtrack To Your Own Fantasy„. Für das vierte, wieder instrumentale Album „Tales From A Distant Galaxy“ von Mixtaped Monk darf man nun in die Geschichte einer Figur eintauchen, die sich Lichtjahre von uns entfernt so abgespielt haben könnte oder noch abspielen wird. Erneut werden diverse Stilrichtungen zu einem gelungenen Album zusammengefügt, bereit, um von unseren Gedanken belebt zu werden.

Mixtaped Monk weiss genau, wie man die Reize der menschlichen Fantasie auslöst und wie dazu Keyboardflächen und sanfte Gitarren der Geschichte ihre Dienste erweisen. Ob sich das Album in Richtung Ambient mit Synthiereizen ausdehnt – wie beim passend betitelten „Before Genesis“ – oder sich doch eher auf experimentellen und leichten Post-Rock stützt: „Tales From A Distant Galaxy“ wirkt immer organisch und in allen Kulturen unserer Welt verankert. Selber aus Indien stammend, lässt der Multiinstrumentalist wie bei „A New Dawn“ gerne fernöstliche Harmonien in die Lieder einfliessen und macht die Musik für Europäer somit schnell exotisch-interessant.

Sanfte Beats treiben Stücke wie „Quest For Nebula“ voran und lassen das Album immer wieder in die gute Art von Chillout kippen. Mixtaped Monk fällt bei seiner Musik nie in die Falle der mühsamen Klischees und vermengt leichte Melodien mit Anspruch. Ob man zu diesen Liedern nun träumen, reisen oder verweilen möchte, „Tales From A Distant Galaxy“ passt zu allen Aktivitäten und beweist, dass es auch ein sinnvolles Leben nach der plätschernden Zeit von Mike Oldfield gibt.

Anspieltipps:
Quest For Nebula, Warped Reality, A New Dawn

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: GusGus, Kaserne Basel, 17-10-14

 

GusGus
Support: Timnah Sommerfeldt, Cephei
Samstag 14. Oktober 2017
Kaserne, Basel

Ach, die Freuden der späten Nachstunden, wenn sich die Zeit ausdehnt und alle Aspekte des Alltages hinter Nebel und einzelnen Scheinwerfern verschwinden. Es macht auf jeden Fall Sinn, eine Gruppe, welche den düsteren Techno zelebriert, in näherer Umgebung der Geisterstunde auftreten zu lassen. Schade nur, dass manche deswegen nicht das komplette Konzert geniessen konnten – die Züge halten sich noch nicht an die Partylaunen. Trotzdem, das Konzert der Isländer GusGus in der Kaserne Basel war eine prächtige Feier.

Die Gruppe, welche seit Mitte Neunziger dafür steht, dunkle Beats und schwere Basslinien mit mitreissenden Melodien und tollem Gesang zu verbinden, stand bereits zum vierten Mal im Kasernenareal im Mittelpunkt. Zu zweit bestiegen sie nach der zurückhaltenden aber eindrücklichen Einstimmung von Timnah Sommerfeldt und Cephei die Bühne und wischten den Dark Ambient mit ihren Liedern schnell beiseite. GusGus liessen es sich nicht nehmen, den gross bejubelten und betanzten Auftritt mit ihrer neuen Single „Featherlight“ zu starten – ein Vorbote des kommenden Albums und herrliche Mischung aus empathischem Pop und Clubeuphorie.

Allgemein wissen die Herren genau, wie man die Musik für dunkle Räume in unscheinbaren Gebäude mit dem Glitzer und der Epik von modernem Pop verbinden kann. So blieben die Synthiespuren selten alleine, Samples und mehrstimmiger Gesang mischte sich dazwischen und liess nicht nur die Hände der Besucher in die Höhe steigen. Das machte zwar manche harte Momente etwas zu weich, ist aber auch dafür verantwortlich, dass sich ihre Songs abheben und in viele Gefässe passen. Dank perfekt konstruierter Lichtshow wurde man schnell auf eine neue Ebene transportiert und vergass die Hitze in der Halle.

GusGus stehen als auch viele Jahre nach ihrer Gründung zu Recht für treibende und wunderbare Musik, die so manche Nächte verkürzen können. Und man darf sehr gespannt sein, ob das nächste Werk „Lies Are More Flexible“ diese Erfolgsgeschichte fortsetzen kann – der Auftritt in Basel lässt aber nichts anderes vermuten.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: Yasmine Hamdan, Moods Zürich, 17-10-13

Yasmine Hamdan
Freitag 13. Oktober 2017
Moods, Zürich

Es sollte nicht verwundern, dass an diesem Freitagabend der Saal im Moods bis zur Türe packend gefüllt war. Wir leben in Zeiten, in denen sich Kulturen und Länder immer mehr vermengen, zu neuen Schöpfungen und Perspektiven. Während wir im Kino eine israelische Schauspielerin anhimmeln, die eine Amazone in einer amerikanischen Produktion spielt, ist es nur logisch, vor Yasmine Hamdan in die Knie zu gehen. Die Sängerin aus dem Libanon beweist in ihrer Musik nämlich, dass West und Ost perfekt zusammenpassen.

Geschmackvoll beleuchtet mit einzelnen Glühbirnen und projizierten Mustern im Hintergrund führte die schöne und starke Frau ihre drei Musiker (Cedric Le Roux – Gitarre, Minh Pham – Synthie, Loïc Maurin – Schlagzeug) durch ein Set, dass alle verzauberte und mitriss. Um ihr aktuelles Album „Al Jamilat“ aufgebaut, versank man nach wenigen Takten in einer Welt, in der leise Klagegesänge zu elektronisch pochenden Stücken wurden oder sich in lauten Gitarrenwänden auflösten. Yasmine Hamdan vollführt mit ihrer Band live das Kunststück, ihre kleinen Schhöpfungen zu neuem Leben zu führen, Aussagen in Ausbrüchen zerfliessen zu lassen.

Sie zelebrierte in glitzerndem Oberteil, mit verführerischen Blicken zwischen ihrem wallenden Haar und extrovertierten Tanzbewegungen ihre Ausnahmestellung im arabischen Pop. Denn innert kurzer Zeit hat sie mit – auch an diesem Abend wuchtigen – Liedern wie „Assi“ oder „Ya Nass“ den Trip Hop und Electropop in arabischer Musik einverleibt und mit Akzenten der Sahelzone oder des Bouzouki garniert. Begleitet wurden die Klänge von extrem emotionalem Gesang, der Spieltrieb und Ausführung zugleich ist. Denn ob hier nun Dramaqueens oder politische Entscheidungen die Hauptrolle spielen, Hamdan lebte diese Schicksale.

Das Sprach- und Kreativtalent Yasmine Hamdan spielte somit nicht nur mit ihrer Band und liess Stücke härter, männlicher oder lauter werden, sondern auch mit dem Publikum und liess uns träumen und schwitzen. Zwischen langen Tanzmomenten und Kaskaden purer Schönheit gab es den Song vom Film „Only Lovers Left Alive“ und mehrsprachige Ansagen. Und als der Auftritt in Zürich dann mit der herzlichen Betrachtung und Liebeserklärung an Beirut endete, war endgültig klar: All diese vermischten Welten unterscheiden sich im Herzen gar nicht. Frau Hamdan spricht mit ihrer Musik aus, was allen schon lange bewusst sein sollte, und das auf schönste Weise.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.