Monat: Januar 2017

Kate Bush – Before The Dawn (2016)

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Kate Bush – Before The Dawn
Label: Fish People, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Art-Rock, Pop

Wenn eine Künstlerin nach 35 Jahren Bühnenabsenz für eine 22 Konzerte lange Residenz in das Hammersmith Apollo in London zurückkehrt, dann kann dies nicht normal ausfallen. So waren die fulminanten, viel zu schnell ausverkauften und bis heute etwas mysteriösen Auftritte von Kate Bush im Jahre 2014 auch das Gegenteil: Theater, Musical, Kunst- und Wunderwerk. Dank der wunderschönen Veröffentlichung „Before The Dawn“ erhalten nun alle ein Ticket für den Eintritt in diese Traumwelten. Eine der grössten Überraschungen ist aber, dass man die Aufnahme ohne visuelle Begleitung erhält. Kann das Konzert auch ohne das Schauspiel funktionieren?

„Before The Dawn“ eröffnet den Abend mit einem Topf voller Hits, der erste Akt gehört ganz klar den bekannten Liedern Kate Bushs wie „Hounds Of Love“ oder „Running Up That Hill“. Dabei wirkt es nie, dass diese fantastischen Kompositionen zu früh dargeboten werden – viel mehr versinkt man sofort in dem wahrlich grossartigen Spiel der Musiker und Kates mitreissender und perfekter Stimme. Und obwohl die Stücke von diversen Nächten zusammengetragen wurden und das Publikum oft nur schwach zu vernehmen ist, wirkt alles fliessend und emotional. Wirklich spannend wird es aber ab dem zweiten Akt, wenn die Band die komplette „The Ninth Wave“ Suite, sowie das gesamte „A Sky Of Honey“ zelebriert. Art-Rock trifft auf perfekten Pop und E-Musik, vermischt mit Theatralik.

Gerade hier fällt zwar auf, dass man gewisse Szenen oder Dialoge ohne die Schauspieler und Bühnenbilder nicht versteht – aber magisch bleibt „Before The Dawn“ sogar in solchen Missgriffen. Und wenn man plötzlich vor Glück eine Träne über „Hello Earth“, „Aerial“ oder das von Kate Bushs Sohn dargebotene „Tawny Moon“ vergiesst, dann wünscht man sich nichts sehnlicher, als die grosse Dame des intelligenten Kunst-Pop selber einmal auf einer Bühne zu sehen. Dieses Livealbum ist somit ein Muss und gehört in jede gut sortierte Sammlung. Und wie auch andere Künstler wird Kate Bush in ihrer langsamen Kreativität scheinbar mit jedem Jahr noch besser.

Anspieltipps:
Hounds Of Love, King Of The Mountain, Hello Earth, Aerial

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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The Notwist – Superheroes, Ghostvillains + Stuff (2016)

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The Notwist – Superheroes, Ghostvillains + Stuff
Label: Alien Transistor, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Experimental-Rock, Electronica

Verwunderlich, aber zugleich auch nachvollziehbar – die grossartige Band The Notwist aus Deutschland hat in ihrer wechselhaften Karriere noch nie ein Live-Album veröffentlicht. Mit „Superheroes, Ghostvillains + Stuff“ wird dieser Umstand nun endlich geändert und man erhält einen Konzertmitschnitt aus dem Jahre 2015, aufgenommen in Leipzig. Mit dieser Scheibe präsentieren Markus und Micha Acher ihre aktuelle Formation und Bausteine, die Notwist momentan bilden. Und genau so unvorhersehbar wie eines ihrer Konzert selber zu besuchen ist auch das Album.

The Notwist waren live schon immer dafür bekannt, dass keiner ihrer Auftritte einem anderen gleicht. Somit konnte man diese Band immer wieder beim musizieren in echt verfolgen und wurde überrascht – zugleich war es aber auch schwierig, ihre Darbietung auf einer CD repräsentativ abzubilden. Mit der Entscheidung, ihre Mischung aus Art-Rock, Kraut-Experimental und Electronica der letzten drei Album vorzustellen, dient „Superheroes, Ghostvillains + Stuff“ nun als Überblick, Zusammenfassung – aber auch Einstiegspunkt. Hits werden zelebriert, sanfter Pop geht in Techno-Raves über, Melodien und Takte werden elektronisch zerstört.

Ein Live-Album wie dieses ist keine normale Aufnahme, es ist wie eine Fahrt durch die Geschichte der alternativen Musik, durch einen Rummelplatz voller Talent und Ideen. The Notwist spielen nicht nur fantastisch im Kollektiv, sondern haben auch den Mut, ihre Lieder immer wieder umzubauen und abdriften zu lassen. Somit entsteht ein organisches Gefühl und bekannte Highlights wie „This Room“ erhalten komplett neue Ebenen. Noch besser sind Grosstaten wie „Pilot“ nur, wenn man selber seine Füsse vor einer Bühne bewegt.

Anspieltipps:
Kong, This Room, Run Run Run

Live: Spencer, Oxil Zofingen, 17-01-21

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Spencer
Support: Matto Rules
Samstag 21. Januar 2017
Oxil, Zofingen

Jeder einer kennt die Geschichten von Musikern, welche die Rockstar-Essenz von Beginn an in sich trugen. Egal ob als unbekannte Band vor zehn Nasen oder als alte Götter in riesigen Stadien – sie wussten die Leute immer gleich mitzureissen. Und genau dies lässt sich immer noch beobachten – bestes Beispiel ist die alternative Rock-Gruppe Spencer aus Baden. Obwohl ihre Musik immer noch vor eher kleinerem Publikum erschallt, strampelt sich Leo Niessner grundsympathisch und voller Charisma ab. Somit fielen die Lücken zwischen den Leuten im Oxil plötzlich nicht mehr auf.

Spencer, welche letztes Jahr mit ihrem neuen Album „We Built This Mountain Just To See The Sunrise“ New Wave und Indie mit viel Gitarre zusammenbrachten, zeigten beim Gastspiel in Zofingen, dass die beste Musik teilweise doch aus der Heimat stammt. Seit 2002 ist die Band unterwegs und kann bereits vier Platten vorweisen – immer auch bereit, ihre Musik zu erweitern. So kamen Schritt für Schritt Elemente des Dream Pop oder Shoegaze dazu, gewisse Lieder leben von den Beats und Synthies des Dark Wave. Bereits mit dem eröffnenden „Hidden From The Sun“ hatten die Herren alles im Griff und fesselten mit ihrer direkten Musik.

Gitarrenspuren über spannenden Bassläufen, Schlagzeug mit Backgroundgesang und immer wieder ein passendes Solo – hier wird für den perfekten Song noch gearbeitet, ohne bemüht zu klingen. Niessner lockt mit seiner tollen und tiefen Stimme, Stücke wie „Utopia“ oder „Fireworks“ überzeugen mit Wendungen und alles verbindet die Ungestümheit der Neunziger. Plötzlich steht der Frontmann auf der Bar und reisst an seinen Saiten oder liegt auf der Bühne und lebt die Musik. Und dank der toll durchmischten Setliste kamen alle auf ihre Kosten – egal, ob man verliebt umherschaute oder wild den Kopf schüttelte.

Matto Rules konnte diese Vielfalt in ihrer Musik nicht anbieten, doch die Band existiert auch erst seit einem Album und einer EP. Die Berner Gruppe vermischt Synthie-Hymnen mit viel rauschendem Pop und fuhr im Konzertlokal eine wahre Breitseite an Klang auf. Da hätte auch Friedrich Glauser selber seinen Stift niedergelegt um zu lauschen, bei Liedern wie „Tonight“ lässt es sich schliesslich noch ungeniert träumen. Sicherlich haben Matto Rules noch einen weiteren Weg vor sich als Spencer, aber auch hier wusste Sänger Lorenzo Bonati mit den Räumlichkeiten und den Besuchern zu spielen. Weltformate hängen schliesslich nicht nur an Litfasssäulen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Arctic Sunrise – When Traces End (2016)

Arctic Sunrise - When Traces End

Arctic Sunrise – When Traces End
Label: Echozone, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Synth-Pop, Electronica

Nein, keine Angst, ihr seid nicht beim falschen Sonnenaufgang gelandet – doch dank der Stimme von Torsten Verlinden könnte man meinen, in die falsche Strasse abgebogen zu sein. Arctic Sunrise stammen aber nicht so weit aus dem Norden wie Sunrise Avenue, sondern aus Mönchengladbach. Dies würde man weder ihrer Musik anhören, noch beim Inhalt der Texte denken. Das Duo gibt sich auch bei seinem zweiten Album wieder voll dem guten alten Synth-Pop hin – handgemacht und mit viel Echo.

„When Traces End“ macht gleicht von Beginn an klar: Hier gibt es leckere Portionen aus Keyboard-Melodien, Drumcomputer und gerne raumfüllenden Beats. Dazu immer Gesang, Geschichten über die Gefühle und weitgreifende Refrains. Dabei macht Steve Baltes mit seinen Synths gerne die Verneigung vor den Legenden wie Depeche Mode, streuselt aber überall etwas grösseren Pop-Bezug auf die Songs. Momente wie „Tell The Truth“ steigen sogar ein paar Stufen in den Dark-Wave-Keller hinab, verlieren sich aber nie komplett zwischen Spinnennetzen und Lederkluft. Viel mehr wird hier auch die Unbeschwertheit zugelassen – oder der klangliche Kitsch, wie „Mine Forever“ zeigt.

Arctic Sunrise nehmen sich aus verschiedensten Richtungen ihre Ideen und Zutaten – und wissen es geschickt zu vermengen. Man kann zu ihrer Musik tanzen, düster umherschauen oder schon fast zu fröhlich die Welt betrachten. Somit ist „When Traces End“ ein elektronischer, guter Freund für zwischendurch, weiss aber leider zu wenig zu packen, um für lange Zeit nebenher zu gehen. Wahrscheinlich wendet man sich bald wieder interessanteren und schmutzigeren Alben zu.

Anspieltipps:
Tell The Truth,

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Sunterra – Reborn (2017)

 

Sunterra – Reborn
Label: NRT Records, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Metal, Dubstep, Industrial

Zuerst kratzt man sich schon ein wenig ratlos am Kopf und denkt dabei „wer kam eigentlich auf die Idee, diese Stilrichtungen zu mischen?“ Aber dann vergisst man die Zweifel und stürzt sich in die Party – denn wenn die Wiener Metal-Band Sunterra nach zwölf Jahren seit ihrer letzten Veröffentlichung mit der EP „Reborn“ ihre Wiederkehr feiern, dann ist man dabei. Zwar bietet die Österreichische Band hier nicht mehr ihren bekannten Symphonic Goth-Metal, haben sich von alten Tugenden aber auch noch nicht komplett entfernt.

Sunterra wagen Neues, mischen sie doch ihren harten Metal mit Industrial und ja, Dubstep! Klingt komisch, ist aber so – und macht die sechs Lieder auf „Reborn“ abwechslungsreich. Denn die Band geht jeden Moment von einer anderen Richtung, mischt die Zutaten anders und präsentiert erstaunlich mitreissende Resultate. Wenn die Gitarren breite und schwere Riffs auspacken quietschen dazu die Synths, Growls werden mit hüpfenden Beats untermalt. Was in in „Lord Of Lies“ zu sinfonischem Gesang mit Blastbeats und Gummiball-Goa ausartet, ist in „Shadow In The Dark“ schleppen und aggressiv. Und zum Glück ist bei weitem nicht alles so prollig wie gewisse Teile von „This Is W.A.R“ – meist kriegt die Band die Kurve.

Auf Papier wie auch in den Ohren ist „Reborn“ ein witziges Experiment, nicht ganz ohne Mängel. Sunterra werden mit dieser EP wohl keine Preise gewinnen, dazu wirkt es etwas zu wenig ausgereift, für eine spassige Feier auf der sich Teufelsanbeter und MDMA-Vernichter begegnen ist diese Wiedergeburt allerdings ein unerwarteter, gemeinsamer Nenner. Und wie die Ägyptischen Götter lassen sich mit diesen Songs die Sonne und den Mond gleich gut anbeten – Bodenhaftung aber nicht vergessen.

Anspieltipps:
Reign Supreme, Lord Of Lies, Shut Up!!!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Pixies – Head Carrier (2016)

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Pixies – Head Carrier 
Label: Pixies Music, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock

„Head Carrier“ – so selbstbewusst und stramm wie das neuste Album von den Pixies beginnt, keimt die Hoffnung auf, dass die Alternative Rock-Helden hier an ihre Glanzzeiten anschliessen können. Das Comeback-Album „Indie Cindy“ konnte mich 2014 nämlich überhaupt nicht glücklich stimmen – aber Black Francis und seine Musiker geben zum Glück nicht so schnell auf. Somit erhalten wir hier erneut zwölf rumplige und frech klingende Songs zwischen Pub und Wüstensand.

Was aber gleich jetzt schon zu sagen ist: An die ehemaligen Höhenflüge der Pixies reicht auch „Head Carrier“ um einige Meter nicht heran. Irgendwie versucht die Band zu krampfhaft, neue Ideen aus den Instrumenten zu schütteln und versucht sich dabei sogar an extrem frechen Selbstzitaten. Der Beginn von „All I Think About Now“ kopiert nämlich das weltbekannte Riff von „Where Is My Mind“ eins zu eins – das wäre doch nicht nötig gewesen. Denn obwohl man hier nicht an die Genialität von früher herankommt, schafft es das Album auch einige Male aus diesen bedrohlichen Schatten.

Das Titellied, „Oona“ oder „Um Chagga Lagga“ sind sehr gelungen und kratzen wunderbar dreckig an der Spielernadel. Man denkt an die wilden Zeiten von Pearl Jam, an die Mittelphase von Neil Young und an die gute Zeiten des Grunge. Die Pixies haben ihre Daseinsberechtigung somit eingereicht und dürfen in dieser Inkarnation gerne weitermachen, doch Ausfälle wie „Bel Esprit“ in Zukunft doch bitte noch ein zweites Mal überarbeiten. Es trübt den Spass schon sehr.

Anspieltipps:
Head Carrier, Might As Well Be Gone, Um Chagga Lagga

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Crystal Palace – Dawn Of Eternity (2016)

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Crystal Palace – Dawn Of Eternity
Label: Gentle Art Of Music, 2016
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock

Es war ein kleiner Kampf, oder zumindest ein Hadern, denn „Dawn Of Eternity“ wollte nicht auf Anhieb gefallen. Das achte Studioalbum der deutschen Progressive Rock-Band Crystal Palace ist nämlich irgendwie ein typisches Produkt seiner Abstammung. Prog wird in unseren Breitengraden schliesslich gerne mit viel Melodie und Emotion verbunden – somit denkt man bei gewissen Stücken oder Momenten schnell an Schokofrüchte, oder sonst etwas sehr süsses. Aber eine Band, die sich 1994 gegründet hat, weiss damit umzugehen.

Obwohl von der Urbesetzung nur noch Sänger Jens Uwe Strutz übrig geblieben ist, sind Crystal Palace auf ihrer ersten Veröffentlichung bei Gentle Art Of Musik eine klare Einheit. Ihr melodischer Art-Rock nimmt sich Facetten des Neoprog und der Rockballaden an und zaubert somit Stücke hervor, die auch im Radio nicht wirklich auffallen würden. Klar dürfen die Gitarren dröhnen und die Takte komplexe Rutenläufe bestreiten, aber der Abakus bleibt hier im Schrank.

Dabei erinnert „Dawn Of Eternity“ gerne an die Alben der Neunziger, als Prog noch nicht konstant im Metal sich betrank. Wenn man sich an diese Art von Musik gewöhnt, öffnet sich das neuste Werk von Crystal Palace plötzlich und die Musik beginnt Spass zu machen. Sicherlich gewinnt das Album keine Preise für Innovation oder Waghalsigkeit, ist aber dank der Produktion von Herrn Lang ausgewogen und klanglich immer druckvoll. Wer sich also gerne viel Zucker in den Kaffee schmeisst, der hört auch hier gerne zu.

Anspieltipps:
Confess Your Crime, Any Colour You Need, All Of This

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bruce Springsteen – Born To Run (2016)

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Bruce Springsteen – Born To Run
Verlag: Simon & Schuster, 2016
Autor: Bruce Springsteen
Seiten: 528, Softcover
ISBN: 9781501141515
Link: Goodreads

„Oh-oh, Baby this town rips the bones from your back / It’s a death trap, it’s a suicide rap / We gotta get out while we’re young / `Cause tramps like us, baby we were born to run“
Für viele ist Bruce Springsteen nicht nur ein Musiker, er ist der Boss und steht über allen anderen im Bereich Rock. Aber für genauso viele ist er auch ein klischeebehafteter Stadion-Kitsch-Zampano, der in seiner Musik immer nur von den einfachen Seiten des amerikanischen Traumes singt. Doch wie so üblich, das Extrem wird der Wahrheit nie gerecht. Springsteen, aus einer ärmlichen Familie stammend und in seinem Leben immer wieder mit psychischen Komplikationen konfrontiert, ist vor allem eines: Bodenständig, ehrlich und zurückhaltend. Seine Autobiographie „Born To Run“ ist somit ein Zeugnis eines Lebens, das viel Kraft in ständiger Betrachtung des eigenen und gemeinsamen Lebens findet.

„You sit around getting older / there’s a joke here somewhere and it’s on me“
In den chronologisch angeordneten Erzählungen findet man nicht nur tiefe Einblicke in seine zwischenmenschlichen Beziehungen, seine Liebe zur Musik und seine eigenen Bühnenerfahrungen – sondern auch immer wieder Selbstzweifel und eine Auseinandersetzung mit den Grundsätzen des Daseins. Bei der Lektüre erstaunt dabei immer wieder, wie sich der Roman eher wie einen Bericht eines Arbeiters als eines millionenschweren Rockstars anfühlt.

„41 shots, cut through the night / You’re kneeling over his body in the vestibule / Praying for his life“
Und gerade deshalb war Bruce Springsteen auch immer so wichtig für die Musikwelt – er stellte sich nie über andere und liess in seinen Liedern die unterdrückten und vergessenen Stimmen der Staaten aufleben. Er bezog dabei immer klar Position gegen Ungerechtigkeit, verurteilte aber niemanden direkt. Genau darum versteht man bis heute viele seiner Songtexte falsch, und genau darum ist „Born To Run“ immer wieder ein Augenöffner.

„Down at the court house they’re ringin‘ the flag down / Long black line of cars snakin‘ slow through town“
Egal ob ein Konzert vor 100’000 Menschen, ein Auftritt in einer spärlich besuchten Bar oder Konversationen mit seinem kranken Vater – Springsteen geht alles stark emotional an. Dies packt Hörer wie Leser gleichermassen und wirkt auch in Buchform zeitlos. Man versteht den Erfolg seiner Alben besser, spürt die harte Arbeit dahinter und fragt sich auch: Was passiert, wenn der Boss keine Musik mehr machen kann? Wer gibt uns dann so selbstlos die Kraft zum Weitermachen? „Born To Run“ ist somit ein fantastisches Buch für alle, die Bruce Springsteen lieben, kennen lernen möchten oder endlich verstehen wollen. Und immerzu eine sehr unterhaltsame Lektüre.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Architects – All Our Gods Have Abandoned Us (2016)

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Architects – All Our Gods Have Abandoned Us
Label: Epitaph, 2016
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Hardcore, Metalcore

Diese Fähigkeit, extrem harter und lauter Musik eine solche Ohrwurmqualität zu verleihen, bewundere ich immer wieder. So kann eine Band wie Architects noch so wild und laut auf mein Trommelfell einprügeln, die Musik wirkt lockend und packend. Um so bemerkenswerter ist dieser Umstand, wenn Musiker auch nach mehreren Jahren dieses Talent immer noch besitzen. „All Our Gods Have Abandoned Us“ ist bereits das siebte Studioalbum der britischen Metalcore-Gruppe und überzeugt nicht nur äusserlich mit dem kunstvollen Cover, sondern auch mit den inneren Werten.

Sicherlich, die Band steigt ultraheftig mit „Nihilist“ in das neue Werk und nimmt selten die Gangart zurück. Wer sich zwischen trockenen Breaks, emotionalem Geschrei und shreddernden Gitarren wohl fühlt, dem bieten Architects erneut ein gefundenes Fressen. Die Gruppe weiss aber dem doch oft ausgelutschten Genre des Metalcore viele tolle Momente hinzuzufügen. Sie zeigen sich variabel und gerade dank Frontmann Sam Carter sind die Lieder sehr emotional. Auch wenn die Gitarren etwas im Riff-Brei zwischen Hardcore und Djent untergehen, retten die Gesangsmelodien und -schreie viele Stücke. Gemischt mit den perfekt platzierten Breaks strahlen Lieder wie „Deathwish“.

Architects sind keine Frohgeister, dass merkt man auch auf „All Our Gods Have Abandoned Us“ an jedem Satz und jeder Stimmung. Ob politische oder existenzielle Ängste, zwischen den musikalischen Hieben werden auch unsere Gewissen an den Pranger gestellt. Diese Verletzungen führen zu einem intensiven Erlebnis und kumulieren sich in Liedern wie „A Match Made In Heaven“. Es entsteht ein Suchtgefühl, und bereits nach wenigen Hördurchgängen kehrt man immer wieder zurück. Metalcore, der abhängig macht und immer wieder aufs Neue betört? Danke Architects für diese Leistung, so dürft ihr gerne viele weitere Werke aufnehmen.

Anspieltipps:
Deathwish, Gone With The Wind, All Love Is Lost

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: One Sentence. Supervisor, KiFF Aarau, 17-01-13

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One Sentence. Supervisor
Support: Visions In Clouds
Freitag 13. Januar 2017
KiFF, Aarau

Manchmal stelle ich mir die Frage, woher eigentlich diese grossartige Musik kommt, die man tagtäglich hört. Und im Kopf formt sich dann meist ein Bild eines älteren Menschen, der mit viel Erfahrung seine Lieder zusammenzimmert. Ja, das ist weder fair noch realistisch – trotzdem war ich wieder einmal sehr positiv überrascht, als am Freitagabend vier junge Herren die Bühne des Foyer im KiFF betraten. One Sentence. Supervisor, eine extrem kreative Band aus Baden (AG), präsentierte ihr neustes Werk „Temporär Musik 1-13“ hinter Nebel und unter einem Sonnenschirm.

Mit ihrem zweiten Album hat sich die Gruppe im letzten Jahr nicht nur bei mir in die Bestenliste gespielt, die Platte wurde ein voller Erfolg. Somit war ich sehr gespannt, grossartige Lieder wie „Yélena“ oder „Hedera Helix“ endlich live zu hören. Mit wenig Beleuchtung, kleiner Distanz zum Publikum und einer Klangwand aus vielen Effekten und Gitarren wurde das Konzert von Beginn an zur Superlative. Psychedelic Pop trifft auf die hypnotischen Wiederholungen des Krautrock – Indie-Hosen treffen auf sitzende Bassisten. One Sentence. Supervisor mischen in ihrer Musik so viele Einflüsse miteinander, dass man beim Hören fast nicht nachkommt.

Doch das muss man auch nicht, denn besonders live eignet sich das Ganze perfekt zum Eintauchen, Tanzen und Träumen. Die Band genoss es, ihre Lieder laut und lange zu zelebrieren, doch der Auftritt war viel zu schnell wieder vorbei. Die kalte Winterwahrheit musste akzeptiert werden, aber im Herzen glühte die Wärme des Konzertes noch lange weiter. Auch die der begleitenden Band, obwohl ihre Musik eher im unterkühlten und lakonischen Bereich des New Wave zu Hause ist. Visions in Clouds aus Luzern traten die Nachfolge von Joy Division an und liessen viele Leute begeistert die Augen aufreissen.

Zwar gab es von den Musikern auf der Bühne nicht viel zu sehen, doch die oft blaue und zurückhaltende Beleuchtung passte perfekt. Die Band präsentierte ihr Debütalbum „Masquerade“ und zeigte, das Post-Punk und depressive Gitarrenwände noch lange nicht veraltet sind. Mit massenhaft Effektgeräten, dem polyphonen Synthie und treibenden Bassmelodien schraubte sich ein Song nach dem anderen durch die Decke des KiFFs, hinaus in die Schneewehen. Es war eine Wohltat zu sehen, dass in der Schweiz erneut eine frische Generation an talentierten Musikern heranwächst.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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