Monat: März 2015

Steve Jansen – Slope (2007)

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Steve Jansen – Slope
Label: Samadhisound, 2007 / Remastered Edition: Burning Shed, 2013
Format: 3 CDs im Digipak, Booklet
Links: Discogs, Künstler
Genre: Art-Rock, Experimental, Ambient

Feines Klimpern, sanfte Perkussion und eine Stimme im Hintergrund: „Slope“ startet mit „Grip“ zaghaft und umgarnt den Hörer zuerst mit klaren und hohen Tönen, teilweise willkürlich angeordnet. Doch in all dieser losen Gestaltung erfasst das Album den Boden und weisst hohe Haftung auf. Der Songtitel ist also doch mit Hintergrund und passend gewählt. Eine Eigenschaft, die sich über das gesamte Werk feststellen lässt. Slope, englisch für Abhang oder Böschung, ist wahrlich eine etwas gekippte Sache, immer kurz vor der Kante stehend, dabei den festen Stand aber innehaltend. Ein Blick in den Abgrund ist erlaubt, das Verlieren darin ungesund.

Steve Jansen veröffentlichte sein erstes richtiges Soloalbum 2007 auf dem eigenen Label, und zeigte auf der Scheibe eine unglaubliche Breite an Möglichkeiten und Färbungen. Nicht nur die verhaltene Elecotronica darf sich ausleben, auch der Art-Rock und Ambient halten Einzug. Mit „Cancelled Pieces“ findet man Spuren von Jazz und Pop, vermengt in einem Lied, das von seinen Schlägen neben dem Takt und dem tollen und versetzten Gesang von Anja Garbarek lebt. Gerade die Gastteilnehmer machen aus den einzelnen Songs oft Perlen und verleihen „Slope“ die gewünschte Anmut; Thomas Feiner und David Sylvian entzücken. Dabei hält das Album konstant die Balance aus Klangspielerei und Liedprodukt, mal mit Schwerpunkt auf den instrumentalen Experimenten, dann wieder auf konventionellen Strukturen. Steve Jansen versteht es, Digital und Analog als Gesamtheit zu präsentieren, ohne Lücken zu offenbaren. Dank der wunderbar aufgemachten Neuauflage von Burning Shed kann man nun noch tiefer in die Welt von „Slope“ eintauchen. Mit „The Occurrence Of Slope“ erhält man eine Liveversion des Albums aus Tokio, die nicht nur alle Gäste bietet, sondern den Songs mehr Leben und Tiefe verleit. Wie oft bei Livevarianten erhalten die Songs hier mehr Druck und entfernen sich teilweise von ihrem minimalistischen Gewand. Wer sich aber im Ambient zuhause fühlt, darf mit der dritten CD einen Freudentanz aufführen. „Sound For Film“ bietet Jansens ruhige Arbeiten für das Bildmedium und präsentiert viele Stücke in verlängerter Fassung. Gerade das sehr stille und wunderbar lange „Assent“ ist grossartig knapp.

„Slope“ hat mich am Anfang etwas verwirrt, doch ich habe das Album nun lieben gelernt. Die oft mutige Kombination aller oben genannter Stilrichtungen ist nicht immer einfach, aber hat einen grossen Reiz. Die Platte weiss höflich mit ihren Grosseltern Jazz und Pop umzugehen, ist ein gutes Kind von Art-Rock und Ambient, und lebt seine wilden Jahre in der avantgardistischen Electronica aus. Ein Bastard ohne geheime Herkunft.

Anspieltipps:
Cancelled Pieces, Playground Martyrs, Ballad Of A Deadman / Assent (Swimming In Qualia)

Live: Steven Wilson, Z7 Pratteln, 15-03-29

Bilder von den Konzerten in England.

Steven Wilson
Sonntag 29.03.2015
Z7, Pratteln
Setlist

Zuerst gleich mal: Steven Wilson will als Künstler, dass der Zuschauer die Musik und Show geniesst, ohne sich von seinem multimedialen Gerät ablenken zu lassen. Darum bat er darum, dass das Publikum keine Bilder und Videos während des Konzertes macht. Ich hielt mich daran und darum findet ihr hier oben nur den Link zu den offiziellen Bildern, keine eigenen. Aber diese zeigen dafür umso besser, wie gewaltig die Inszenierung war.

Wilson entschied sich, sein konzeptuelles Album komplett im Z7 darzubieten. Eine gute Wahl, denn „Hand. Cannot. Erase.“ entfaltet seine komplette Wirkung nur dann, wenn man alle Aspekte mitempfinden kann. Gegenüber der Platte hatte das Konzert aber entscheidende Vorteile: Die Wucht der Musik trifft viel stärker und intensiver in einer lauten und spielfreudigen Livedarbietung. Wie auf seinen vorherigen Touren hatte sich Steven auch hier die besten Musiker um sich gescharrt und zog sich gerne im Bandgefüge zurück. Er brillierte als Sänger und Tonangeber, überliess die Soli und wuchtigen Instrumental-Stellen gerne seinen Mitmusikern wie Marco Minnemann oder Guthrie Govan. Erfrischend aufgeweckt und zugänglich zeigte er sich bei den Ansagen und plauderte munter mit dem Publikum. Scheinbar tut ihm nicht nur die Solokarriere gut, sondern er findet sich auch auf der Bühne immer mehr zurecht. Spielfreude und Spass überwiegen der korrekten Darbietung, gleichzeitig schafft er es aber auch, die Musik perfekt zu transportieren. Denn die gefühlvollen Stellen traffen mitten im Herz, die brutalen Ausbrüche tobten durch den Saal.

Was auch zu den Pluspunkten zählte, war die Untermalung der Lieder durch Bild und Licht. Auf dem grossen Screen hinter den Musikern liefen zu den meisten Liedern wunderschön gefilmte Videos ab. Im Verbund erzählten sie die grobe Geschichte des neuen Albums, wurde von verstörenden Bildern zu „Index“ oder „Lazarus“ ergänzt. Dabei brillierte wieder einmal die Gestaltungsform von Lasse Hoile, der mit seinen schrägen und wuchtigen Bildkompositionen für immer zu der Musik von Steven Wilson gehört. Auch die Lightshow war geschmacksvoll und kam vor allem bei den wilden Instrumentalpassagen zum Einsatz. Und wenn bei „Sleep Together“ die Fripp’schen Klangkonstrukte in blaues Licht getaucht werden, fühlte man sich in die grosse Ära von Porcupine Tree rückversetzt. Toll, dass er die Setlist mit älteren Liedern gemischt hatte und somit das strenge Konzept aufbrach. Als weitere Zugaben erstrahlte „The Watchmaker“ in voller Pracht (wenn auch ohne Theo Travis), und der Rabe machte den emotionalen Abschluss. Somit kamen alle auf ihre Kosten und das Konzert war ein umwerfendes Erlebnis in allen Bereichen. Steven Wilson bleibt der Fixpunkt der aktuellen Progressive Rock Szene und macht alles richtig. Phänomenal.

Avec Le Soleil Sortant De Sa Bouche – Zubberdust! (2014)

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Avec Le Soleil Sortant De Sa Bouche – Zubberdust!
Label: Constellation, 2014
Format: Vinyl mit Inlay und Poster, Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Rock, Avantgarde

Das Label Constellation aus Kanada steht seit jeher für Musik der etwas komplexeren Art. Nebst Noise-Post-Rocker Godspeed You! Black Emperor oder Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra finden sich auch obskure Künstler wie Saxophon-Künstler dort ein. Die Gruppe „Avec Le Soleil Sortant De Sa Bouche“ fand mit Constellation somit eine passende Heimat. Denn was auf „Zubberdust!“ veranstaltet wird, ist echt schwierig in Gedanken zu fassen. Es klingt wie Musik, die zufällig zusammentrifft und dabei strikt nach Plan auseinander fällt. So etwas hat man im Post-Rock noch selten vernommen.

Eigentlich besteht das Album aus nur zwei Liedern, „Face À L’Instant“ und „Super Pastiche Fantastique / New Sun“. Die beiden Songs spielen sich je in über 15 Minuten in Rage und brauchen die gesamte Energie, die man für die Platte aufwendet. Nach jedem der beiden Monster darf man sich mit einem Ambient / Geräuschmoment erholen. Doch wer will Entspannung, wenn man instrumentalen Übermut erfahren kann? Schon der Einstieg ins Album gestaltet sich sperrig, mit den harten Gitarrenriffs und aggressiver Einstellung. „Face À L’Instant“ zeigt von der ersten Sekunde an keine Zurückhaltung und wirft dem Hörer immer weitere Schichten und Ebenen zu. Beim ersten Durchlauf wird man dabei schnell von Klängen und Geräuschen begraben. Zwischen all den Gitarrenspuren, Bassläufen und Schlagzeugwirbel findet man Keyboards, Geschrei und Chorgesang – und einen kleinen Kobold, der schelmisch grinsend alle Notenblätter durcheinanderwirbelt. Wagt man sich ein zweites Mal an dieses „Lied“ heran, merkt man, wie logisch und durchdacht der Aufbau und die Harmonien eigentlich sind. Jede neue Spur fügt sich in die Lücken der vorherigen ein, jede Melodie hat ihren ergänzenden Gegenpart. Wie ein Held klopft man sich siegessicher auf die Brust und steht stolz vor den Synthwänden, während im Hintergrund die Gitarre wie ein Mantra ihre Licks wiederholt.

Wer aber nun glaubt, das Album bereits durchschaut zu haben, der irrt. Denn mit dem zweiten Unding fügt die Gruppe der Musik nicht nur komplette neue Ansichten hinzu, sondern auch starke Einflüsse aus der afrikanischen Kultur. Polyrhythmik und hüpfende Klangtupfer lassen die Beine zappeln und das Hirn wackeln. Erstaunlich, wie komplex einfach diese Band all ihre Ideen und Instrumente aufreihen kann, ohne sich dabei selber zu verlieren. Denn was anderen Gruppierungen an Einfällen fehlt, das bieten „Avec Le Soleil…“ hier im Überfluss. „Zubberdust!“ ist ein umwerfendes Album, das lange Freude macht und immer wieder zu Entdeckungstouren einlädt. Post-Rock für Verrückte und wahnsinnige Erfinder.

Anspieltipps:
Face À L’Instant, Super Pastiche Fantastique / New Sun

Sufjan Stevens – Come On Feel The Illinoise (2005)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Sufjan Stevens – Come On Feel The Illinoise
Label: Asthmatic Kitty Records, 2005
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Folk, Rock, Indie

Vor ein paar Jahren war ich in Musik noch nicht so bewandert und konnte schneller überrascht werden, schliesslich lösten viele Namen nur Fragezeichen aus. Der Empfehlung, „Illinoise“ von Sufjan Stevens zu kaufen und dann in der warmen Stube anzuhören, ging ich gerne nach. Natürlich stand eine Tasse dampfender Tee daneben und das Booklet wurde aufgeklappt, um die doch längeren Texte mitlesen zu können. Was mir dann aber aus den Lautsprechern entgegen kam, traf mich total unvorbereitet und löst bis heute immer noch dieselbe Begeisterung und Freude wie damals aus. Der moderne Folk erreichte den Bohli und Sufjan Stevens nistete sich für immer in meinem Herzen ein.

Obwohl das damalige Gerücht, Stevens schreibe zu jedem Staat in den USA ein Album, sich nicht bewahrheitete, ist die Leistung auf dem Konzeptalbum über Illinois mehr als beachtlich. In 22 Liedern (mit Codas und Intros) zeichnet er ein farbenfrohes und vielschichtiges Portrait, das nicht nur den geschichtlichen Hintergrund, sondern auch viele persönliche Gedanken und Erinnerungen zulässt. Kuriositäten wie UFO-Sichtungen, den Besuch von Superman oder die auferstandenen Toten, wechseln sich mit tragischen oder zumindest wahren Erzählungen ab. „Casimir Pulaski Day“ ist eine berührende und hoch emotionale Geschichte um den Verlust eines geliebten Mitmenschen an Krebs. Trauer wurde in der Musik selten so treffend beschrieben, Tränen fliessen beim Zuhören automatisch. Hier zeigt sich das Genie von Sufjan Stevens, seine pointierten und prägnanten Texte mit wunderbaren Melodien zu verbinden. In Casimir und „John Wayne Gacy, Jr.“ stehen sich fröhliche Melodien und melancholische Texte gegenüber, in „Chicago“ entsteht mit wenigen Noten eine traurige Euphorie. Dieser letztgenannte Song wurde übrigens auch präsent im tollen Film „Little Miss Sunshine“ eingesetzt. Aber nicht nur das, denn auch die Instrumentierung ist umwerfend grossartig. Gitarre trifft auf Triangel, Oboe auf Vibraphon und Streicher auf einen Chor. Sufjan Steven zeigt sich verantwortlich, praktisch alle Instrumente eingespielt und arrangiert zu haben. Eine beachtliche Leistung, denn das Album sprüht nur so vor musikalischen Höhenflügen und platzt fast aus allen Nähten. Wie auch die Liedertitel, die zu lesen oft mehr Zeit benötigen als das Lied andauert.

Dass „Illinoise“ dabei trotzdem nicht überladen oder zu lang daher kommt, zeugt auch von der grandiosen Schreibe des Künstlers. Man kriegt nicht genug von den Erzählungen und instrumentalen Kapriolen. Auch noch so kleine Nachreichungen, wie eine Herauslösung der Streicher aus einem vorhergehenden Lied, werden gefeiert. Man lacht, weint, lauscht und denkt mit. Praktisch jedes Lied hätte seinen eigenen Blogeintrag verdient, aber selber anhören nützt mehr als darüber zu lesen. Darum bitte ich euch: Setzt euch hin, trinkt ein warmes Getränk, kuschelt euch ein und geniesst „Come On Feel The Illinoise“ ununterbrochen in seiner voller Blüte. So wunderschöne und intelligente Musik hört man selten. Eine Platte für die Ewigkeit, mit oder ohne Superman auf dem Cover.

Anspieltipps:
John Wayne Gacy, Jr. / Chicago / They Are Night Zombies!! They Are Neighbors!! They Have Come Back From The Dead!! Ahhhh!

Das dazu passende Getränk:
Schwarztee mit Zitrone, serviert auf kuscheligem Sofa.

Steffi – Power Of Anonymity (2014)

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Steffi – Power Of Anonymity
Label: Ostgut Ton, 2014
Format: Doppelvinyl
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Techno, IDM, Electro

Bei elektronischer Musik stellt sich nicht nur beim Käufer, sondern oft auch beim Produzenten die Frage: Wo und wann soll dieses Album denn gespielt werden? Soll es die Tänzerinnen und Tänzer im Club zum schwitzen bringen, oder eher eine Gesprächsrunde in der heimischen Stube zum Leben erwecken? Steffi, seit knapp 20 Jahren DJane und auf dem Berghain-Label Ostgut Ton zu Hause, wollte mit „Power Of Anonymity“ etwas Drittes: Musik kreieren, die sie selber gerne in den dunklen Tanzräumen hören mag.

Ihr zweites Album folgt dabei ihren Pfaden zurück in die Anfangszeit ihrer Karriere. Damals war die Musik in den Clubs noch nicht so düster und dunkel wie heute, und nicht alles ballerte mit übelsten Bässen den Boden weg. Synth und Sequenzer durften Melodien und Hooklines kreieren, die eher psychedelisch fesseln und in ihrer Repetition eigene Reize spriessen lassen. Auch Steffi lässt die Töne hüpfen und aufeinander prallen, ohne die Läufe zu früh zu beenden oder zu schichten. Die Tracks entfalten sich zaghaft aber stetig. Der Beginn des Albums ist mit „PIP“ locker und zielt nicht direkt auf die minimalistische Bauweise dieser Musik ab. Je länger die Reise mit „Power Of Anonymity“ aber andauert, desto weiter wagen wir uns auf die Tanzfläche. Bei „Selfhood“ beispielsweise drücken die Keyboards auf die Tube und die Geschwindigkeit zieht an, oder „Bang For Your Buck“ trumpft mit starker Perkussion. Steffi gestaltet ihre Arrangements dabei nie überhastet oder zu voll, sondern lässt den Klängen Raum zum Atmen. Das Album behält somit seine lockere Grundstimmung und ist erstaunlich positiv für den Ostgut Ton-Katalog, denn dort regiert oft die Unterwelt. Wenn gegen Schluss dann noch Dexter und Virginia auf „Treasure Seaking“ einen gesanglichen Beitrag leisten, will man die Beine schwingen und grinsend in die Nacht hopsen.

Die kompakte Produktionsweise des Albums lässt sich am Klang erhören, denn alle Lieder verfügen über denselben Vibe und ergänzen sich zu einem gesamten Körper. Einzelne Tracks stechen dabei zwar nie gross aus der Menge heraus, in ihrer Gesamtheit fliesst aber alles wunderbar zusammen. Der Zweitling von Steffi hat somit beide eingangs erwähnte Situationen gemeistert, denn das Album besteht nicht nur im Club, sondern auch zu Hause mit Freunden. Intelligente Tanzmusik mit ein wenig Retroflair, so macht es Spass.

Anspieltipps:
Selfhood, Bang For Your Buck, Treasure Seeking

Yasmine Hamdan – Ya Nass (2013)

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Yasmine Hamdan – Ya Nass
Label: Crammed Disc, 2013
Format: CD im Digipak, mit Booklet
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Downtempo, World, Pop

Trip-Hop aus Libanon? Wenn man ein solches Album hört weiss man, die Globalisierung hat so langsam jeden Ecken der Welt erfasst – oder besser gesagt, die Modernisierung. Denn Yasmine Hamdan kehrt mancher Tradition den Rücken zu und umarmt die zeitgenössische Welt. In Beirut geboren, sorgte die sehr hübsche Künstlerin schon früh für Aufsehen und war Mitglied der Band „Soap Kills“, die erste Independent-Gruppe im nahen Osten. Dank Kollaborationen mit bekannten Produzenten wurde ihre Musik bald auch in Europa und den USA gehört. 2012 veröffentlichte sie ihr erstes Soloalbum, das ein Jahr später überarbeitet noch einmal neu das Licht der Welt erblickte.

„Ya Nass“ empfängt den Hörer mit der lieblichen und wandlungsfähigen Stimme von Yasmine, sanfter Instrumentierung und beschaulichen Melodien. Obwohl alle Texte in Arabisch vorgetragen werden, fühlt man sich der Sängerin gleich nahe und vertraut. Der magische Moment, wenn sich Inhalte auch ohne sprachliche Verständigung erschliessen, tritt hier ein. Mit „Enta Fen, Again“ beginnen die Synths und Keyboards zu brummeln und die Musik bewegt sich mehr in Richtung des Trip-Hop und Downtempo. Hier fällt gleich auf, wie genial Frau Hamdan traditionelle Aspekte mit moderner Produktion verbindet. Nebst dem Gesang, den sie von der arabischen Strenge wegführt, dürfen die Instrumente oft orientalisch anmutende Melodienläufe spielen und dabei angenehm fremd klingen. Für mich ist es immer eine willkommene Abwechslung, wenn sich Musiker nicht an die Konventionen der im Westen bekannten Klangwelt halten. „Ya Nass“ wurde zwar zu einem grossen Teil in Frankreich aufgenommen, driftet aber weit weg von Europa und Kommerz. So manchen Hörern erschliessen sich die Songs vielleicht nicht beim ersten Durchlauf, belohnen aber umso mehr mit tief greifenden Strukturen und verschachtelten Ebenen. Im Hintergrund lässt sich vieles entdecken ohne vom Wesentlichen abzulenken.

Lied für Lied baut sich das Album so zu einem wunderbaren Kaleidoskop an Ton und Klang auf, immer den elektronisch fremden Pop im Auge. Yasmine Hamdan weiss, wie man Perkussion und alte Instrumente wie das Guembri mit modernem Programming und Beats mischt, ohne die Seele zu verlieren oder sich in Experimenten zu verschachteln. „Ya Nass“ bleibt meist sparsam, wirkt aber genau deswegen grösser als so manch anderes Album. Gerne verliert man sich zwischen den Zeilen und dem betörenden Gesang, reitet auf den Takten davon und fischt glitzernde Sequenzer aus dunklen Tiefen. Eine echte Empfehlung, auch live.

Anspieltipps:
Shouei, Enta Fen; Again, Aleb

Maybeshewill – Fair Youth (2014)

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Maybeshewill – Fair Youth
Label: Superball Music, 2014
Format: Vinyl im Gatefold, CD
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Rock, Instrumental

Verträumt, in Gedanken versunken, farblich melancholisch. Wie die Gestaltung des Albums präsentiert sich auch die stimmenlose Musik von Maybeshewill auf ihrem vierten Album. Durch einen Glitzerregen betrachten wir die Welt, die langsam in den Schatten versinkt und den Wesen Platz macht, die auch blind die Richtung auf dem Hoffnungspfad finden. Was als Post-Rock eingeordnet wird, ist mehr. Die fünf Mannen aus Leicester gehen dabei mit ihren Songs nicht immer zimperlich um, aber genau diese Herangehensweise macht aus „Fair Youth“ ein Album im Genre, das sich anzuhören lohnt.

Ich will nicht immer über die Probleme von Post-Rock schreiben, darum geniessen wir besser die Habenseite von der vorliegenden Platte. Denn Maybeshewill wollen nicht nur, sie fertigen ihre Musik anders als viele ihrer Kollegen. Ihre Lieder bleiben durchweg knackig und kurz, Spielzeiten über fünf Minuten kommen auf „Fair Youth“ praktisch nicht vor. Das bedeutet für die Ideen und Songs, dass alles frisch daher kommt. Wieso sollte man ein Riff während eines ewig langen Aufbaus zu Tode spielen, wenn auch paar kurze Erwähnungen genügen? Gerne spielt man die Platte dadurch mehrmals ab, einzelne Passage gehen rasch ins Ohr und verleiden nicht. Ihre Musik wird dazu noch mit weiteren Aspekten bereichert. Maybeshewill untermalten ihre Ausbrüche schon immer gerne mit elektronischer Spielerei, auch auf dem neusten Werk dürfen die Synths piepen und dazwischen fallen. Teppiche werden ausgelegt und der Sound erhält einen vollen Körper. Das fällt gleich mit dem Intro und „In Amber“ positiv auf, wird im Verlauf der Spielzeit aber nie zu bemüht oder überdrüssig. Oft habe ich mir sogar gewünscht, die Band würde ihre Musik noch weiter verfremden oder zukleistern. Aber auch die zusätzlichen Instrumente wie Bläser oder Streicher verleihen „Fair Youth“ eine tolle Note. All dies vermengt sich in den knappen Songs zu einer positiven Botschaft. Maybeshewill gehen nicht den ausgelatschten Weg der melancholischen Endzeitstimmung, sondern lassen den Zuschauer angenehm glücklich durch die Welt gehen.

Wäre „Fair Youth“ ein Rezept, müsste man es für die gelungene Mischung bekannter Zutaten loben, die als Endresultat doch eine Frische an den Tag legt, den manche Gruppierungen missen lassen. Instrumentale Musik eignet sich immer super, um gedankenverhangen den Tag wegzuträumen. Auch diese Platte bietet sich dafür an, und begleitet durch Blumenwiesen.

Anspieltipps:
In Amber, Sanctuary, Permanence

Archive – Live At The Zenith (2007)

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Archive – Live At The Zenith
Label: Warner Music France, 2007
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Trip-Hop, Electronica, Rock

Archive waren schon immer eine faszinierende Liveband, dies zeigte sich auch wieder am diesjährigen Konzert in Zürich. Falls manche Besucher dort aber gewisse Lieder aus den früheren Phasen der Gruppe vermisst haben, bietet sich der Genuss des 2007 erschienenen Albums „Live At The Zenith“ an. Aufgenommen in Paris, zeigten sich die Engländer von ihrer Schokoladenseite und boten eine Setliste zum Niederknien und Davonschweben. Schade nur, ist die Variante mit zusätzlicher DVD praktisch unmöglich zu finden. Aber die Musik spricht eigentlich für sich.

Denn wenn eine Band ihr Konzert (oder jedenfalls den Mitschnitt dieses Auftritts) mit einem epischen Longtrack beginnt, dann zeugt es nicht nur von Selbstbewusstsein, sondern auch Empathie. „Lights“ ist seit der Veröffentlichung auf dem gleichnamigen Album ein Klassiker und Favorit im Repertoire der Band geworden. Kein Wunder, besticht das Lied mit einem grossartigen Aufbau, Synth-Wänden und flehendem Gesang – das lässt niemanden kalt. Die Mannen zeigen sich von ihrer besten Seite und bieten die Lieder mit viel Elan und Wucht dar, das lässt sich bereits bei „Noise“ erkennen. Der Song reisst an seiner Hülle und sprengt diese beim ersten Refrain. Die Musiker spielen sich wild und lassen Songs immer wieder ausbrechen, wie der zweite Teil von „Bridge Scene“ oder „Fuck U“. Was bei vielen Bands nur auf Live-Alben geschieht, weil der Abend dann für die Nachwelt festgehalten wird, ist bei Archive immer der Fall. Ihre Konzerte sind Erlebnisse und Eruptionen in Lautstärke und Ton. Trotzdem ist „Live At The Zenith“ etwas besonderes, bietet es doch eine vorzügliche Auswahl von Liedern, die jeder Fan immer wieder hören kann und will. So schlägt einem „You Make Me Feel“ mit seinen harten Stellen mitten ins Gesicht, nur um dann wieder sanft die Hand über die Wangen gleiten zu lassen. Oder „Again“ darf in der vollen Länge in den Wahnsinn treiben.

Archive sind eine meiner liebsten Bands und festigen diesen Status nicht nur mit jedem Album, sondern auch mit ihren Auftritten und Aufzeichnungen vergangener Konzerte. „Live At The Zenith“ zeigt die Gruppe in Höchstform, mit viel Spielfreude und Energie. Die Songs springen wahrlich von der CD ins Wohnzimmer und füllen die gesamte Wohnung aus. Man will die Scheibe laut hören und voll Eintauchen. Dann wird das Erlebnis fast so intensiv wie ein Besuch einer echten Vorstellung.

Anspieltipps:
Lights, You Make Me Feel, Sit Back Down

David Bowie Is.. Paris und die Musik

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Ein Städtetrip lässt sich immer gut mit vielen Aspekten der Musik verbinden. Konzertbesuche, stöbern in Plattenläden und Tanznächte in Diskotheken. Die drei Tage in Paris boten aber noch mehr. Unser Hauptgrund für die kurze und bequeme Anreise per TGV war das grossartige Konzert von Underworld. Ihre Show am Donnerstagabend bot Freude, Glück und Beats. Um das aufgewendete Reisegeld sinnvoller einzusetzen, vergnügten wir uns insgesamt drei Tag in der französischen Hauptstadt. Zu wenig Zeit um alle Sehenswürdigkeiten zu besuchen, aber genügend, um einen anhaltenden Eindruck der Stadt zu erhaschen.

Natürlich besticht der Ort vor allem durch seine unzähligen Prachtbauten und Denkmäler, sowie den Museen. Alleine der Besuch von Versailles und den dazugehörigen Gärten verschlingt mindestens einen halben Tag. Wer dazu noch ins Louvre rein, oder den Eiffelturm besteigen will, der plant wohl besser eine Woche ein. Gerne haben wir uns nach den ermüdenden, aber sehr interessanten Spaziergängen durch die Stadt in den Pubs die späten Stunden um die Ohren gehauen. Eine witzige Idee war das Interpreten Ratespiel mit Shots als Gewinn. Wenn da bloss nicht die Allwissenden an der Bar gewesen wären, die auch noch so tieffranzösische Chansons bereits am ersten Ton erkannt haben.. Na egal, dieses Spiel war eine tolle und Besucher verbindende Idee. Wieso gibt es das nicht öfters?

Spontan durch ein Plakataushang in einer Buchhandlung entdeckten wir, dass die viel gelobte Retrospektive „David Bowie Is..“ momentan in der Philharmonie de Paris gastiert. Das liessen wir uns natürlich nicht entgehen, und drängten uns am Samstagmorgen mit vielen anderen Interessierten in die Ausstellungsräume des architektonisch sehr interessanten Gebäudes – und wurden nicht enttäuscht. Die multimediale Schau zeigt das Leben und Schaffen des faszinierenden Künstlers Bowie auf, und zwar in vielfältiger Form. Via Funkempfänger und Kopfhörer werden je nach Raum und Filmprojektion die passenden Songs und Interviews vertont, an den Wänden hängen Bilder, Texte und Memorabilien. Kostüme teilen sich den Platz mit riesigen Installationen, Bild und Ton mischen sich zu einem Wirbel voller Kreativität. Oft ist man ein wenig überfordert, alle Reize gleichzeitig verarbeiten zu können, aber die Ausstellung bietet in ihrer Gestaltung viel Freiheit und Raum, um den Besuchern ihre eigenen Regeln zu lassen. Das Entdecken des Menschen David Bowie ist eine sehr individuelle Angelegenheit, und wie auch der Künstler selber, ist er in seiner Wirkung sehr divers. Es gibt somit keine abschliessende Endung für den Ausstellungstitel „David Bowie Is..“, sondern nur eine eigene Vervollständigung. Für jeden der sich auch nur am Rande mit der Musik und kreativem Schaffen von Herr Jones interessiert, lohnt sich der Besuch auf jeden Fall. FriedlvonGrimm war übrigens in Berlin dabei.

Um vor der Abreise die Stadt nicht mehr leeren Händen zu verlassen, erstand ich im Fnac noch das Live Album von Archive, aufgenommen im Zenith in Paris. Obwohl die Band aus England stammt, erschien mir der Kauf doch gerechtfertigt. Besonders, da die Gruppe das Album bei Warner Bros. France herausbrachte, und in Frankreich eine sehr grosse Fangemeinde besitzt. Ebenfalls in der Tasche landete das neue Soloalbum von Björk, inspiriert durch das überlebensgrosse Plakat in einer Strasse im Viertel Montmartre. Somit bot Paris viel für den Kultur- und Musikfanatiker, und ist immer wieder eine Reise wert. Schon alleine darum, weil man keine lange Zeitdauer ohne Éclair auskommt. Muss! Essen!

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Live: Underworld, Casino de Paris, 15-03-19

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Underworld
Donnerstag, 19.03.2015
Casino de Paris, Paris

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, nach jahrelangem Warten, ungeduldigen Besuche der Website und Däumchendrehen eine heiss geliebte Band endlich wieder live erleben zu können. Underworld aus England reisen selten um die Welt, noch weniger oft besuchen sie die Schweiz. Seit ich das Duo also kennen gelernt habe, konnte ich sie nicht mehr in echt bestaunen. Als die Ankündigung der Jubeltour, zum Geburtstag vom grossartigen Album „Dubnobasswithmyheadman“, meine Sphäre erreichte, war ich hin und weg und entschied mich, wieder einmal eine weitere Reise auf mich zu nehmen. Paris, Stadt der Liebe und Ort des Konzertes erschien reizvoll. Und war eine vorzügliche Wahl.

Für den Auftritt wurde das Casino de Paris gewählt, ein altes Theater mit roter Samtpolsterung, grossem Balkon und stolzen Getränkepreisen. Glücklicherweise wurden die Sesselreihen im Parterre entfernt, und das grosszügig erschienene Publikum konnte tanzend dem Konzert entgegen fiebert. Ein DJ legte dazu stimmige Ambient- und Technotracks auf, bis dann um halb Neun die Lichter ausgingen und Karl Hyde mit Darren Price auf der Bühne erschien. Rick Smith beschränkte sich auf die Arbeiten im Hintergrund und am Mischpult. Dem Gesetz des Albums folgend, begann die Show mit „Dark & Long“. Die Show wurde dabei von Lied zu Lied vergrössert, und aus wenigen Scheinwerfern entwuchs ein Spektakel mit unzähligen Lichtern, riesigem LED-Screen und Stroboblitzen. Das heizte die Zuschauer noch mehr an, und spätestens ab „Spoonman“ wurde gefeiert und getanzt. Diese Euphorie steigerte sich immer mehr und explodierte förmlich bei den Knallern „Cowgirl“, „REZ“ und „Spikee“.

Underworld beschränkten sich auf Lieder aus ihren Anfangstagen, getreu dem Tourmotto. Dies tat dem Spass aber keinen Abbruch, wissen die alten Stücke doch genau so zu gefallen wie ihre neueren Werke. Karl Hyde zeigte sich wie immer sympathisch und offenherzig, und plauderte mit den Leuten. Dazu schrammte er auf der Gitarre, zupfte am Bass oder konzentrierte sich auf den Gesang. Darren sorgte mit den Beats und Keyboardflächen für viel Druck und Gepolter. Gegen Ende kochte nicht nur die Stimmung, auch die Luft im Casino de Paris war heiss und feucht. Als die Band dann noch für „Born Slippy.NUXX“ auf die Bühne zurückkehrte, und während dem Song im ganzen Gebäude die Lichter anschaltete, war Paris ein Herz und eine Seele und feierte ohne Zurückhaltung. Fantastisch und umwerfend. Für alle die Techno mögen, führt weiterhin kein Weg an Underworld vorbei.

Und obwohl ich solche Videos nicht mag, das hier zeigt die Stimmung doch ganz gut.

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