Monat: Februar 2016

Media Monday #244

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Da schummelt uns der Februar noch einen weiteren Montag ins Haus. Wie frech, aber da müssen wir uns wohl beugen. Sagt zumindest der Medienjournal.

1. Es ist/war wieder Zeit für die Oscars. Meine Meinung: Ehrlich gesagt gehen die Oscars immer an mir vorbei. Sicherlich, ich werde die Gewinner im Internet nachlesen und mich bestimmt über gewisse Vergaben freuen, doch das wäre es dann auch schon wieder. Ein Film wird schliesslich nicht besser, nur weil er eine goldene Statue gewonnen hat. Schön aber sind die Bilder von den hübschen Schauspielerinnen, verführerisch auf dem roten Teppich.

2. Eine Werkschau der Produktionen von/mit den Coen Brothers wäre doch mal ganz was tolles, besonders da mit „Hail Caesar!“ nun der neuste Film von ihnen in den Kinos gezeigt wird. Dieser reicht leider nicht an die Genialität ihrer älteren Streifen heran, hat mich aber dank den herrlich überzeichneten Figuren und Kostümen sehr unterhalten. Erstaunlich auch, welche grosse Namen sich für sehr kurze Auftritte engagieren liessen.

3. Filme und Serien haben vieles gemein, unterscheiden sich aber auch in mindestens ebenso vielen Punkten. Tendenziell bevorzuge ich momentan moderne Serien. Meist bieten diese genau so viele Schauwerte wie Hollywoodstreifen, verfügen aber über mehr Wagemut und Entwicklung. Besonders dank den Streaming-Anbietern, hat sich die Landschaft im TV stark verändert. Schliesslich ist sogar Marvel bei Netflix mitreissender, als mit ihren eigenen Filmen.

4. Der März steht vor der Tür und da freue ich mich am meisten auf die Vorpremiere von „Batman V Superman“, das wird ein grosser Kinomoment. Und dann geht meine Jobsuche in eine weitere Runde mit dem ersten Vorstellungsgespräch. Läuft.

5. Wenn ich es nicht besser wüsste hätte ich „Close Encounters Of The Third Kind“ niemals so alt eingeschätzt, wie der Film wirklich ist. Die Effekte und Bilder sind bis heute beeindruckend, der Umgang mit dem Thema Aliens und Kommunikation toll gelöst. Und endlich bricht mal kein Krieg zwischen den Welten aus. Damals war Spielberg halt noch gut.

6. Der Sonntag 28.02.16 wird mir immer für den Sieg der Menschlichkeit über den Rassismus im Gedächtnis bleiben, schließlich hat das Stimmvolk den rechten Idioten in der Schweiz endlich gezeigt, dass es langsam reicht mit der Hetze. Die Durchsetzungsinitiative wurde abgelehnt, Faschismus abgewendet. Danke!

7. Zuletzt habe ich Ellie Goulding zum vierten Mal in meinem Leben live gesehen und das war grossartig, weil das Publikum in Zürich unglaublich freudig mitfeierte. Die Stimmung und das Konzert waren besser als der Auftritt der Sängerin in Barcelona. Unglaublich aber wahr! Mehr dazu bald auf ArtNoir und später hier in diesem Theater.

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Hilary Duff – Breathe In. Breathe Out. (2015)

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Hilary Duff – Breathe In. Breathe Out.
Label: RCA, 2015
Format: Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Pop, Dance

Manchmal siegt die Neugier über alles – Vernunft, Vorwissen und auch Vorurteile. Aber dank dem Internet ist es ja möglich, sich über musikalische Grenzen hinwegzusetzen, ohne Verluste zu erleiden. Man darf Alben anhören, beurteilen und genau studieren, ohne viel Geld in die Hand zu nehmen. Somit wagte ich mich an ein Experiment und führte mir „Breathe In. Breathe Out.“ zu Gemüte, das erste Album von Hilary Duff seit acht Jahren. Eine Ewigkeit für einen Popstar, besonders für eine Dame, die ihren Ruhm noch zu Zeiten als Disney-Girl einfuhr.

Doch mit dieser neuen Scheibe könnte für Frau Duff ein neues Zeitalter beginnen, denn die zwölf Lieder zeugen von Zeitgeist und Mut. Sicherlich, das Album bewegt sich weiterhin im überschaubaren und teilweise sehr generischen Feld des Synth-Pop, angereichert mit Folk oder Dance. Und auch die Stimme von Hilary ist nicht wahnsinnig vielfältig, Kapriolen in hohen oder tiefen Tonlagen gibt es praktisch keine. Aber trotzdem, eine gewisse Faszination geht von ihr aus. Während drei Jahren wurde mit vielen Produzenten und Musikern (unter anderem Ed Sheeran) an den Songs herumgeschraubt, in mehreren Studios und Ländern die melodienreiche und oft fröhliche Musik eingespielt. „Breathe In. Breathe Out.“ merkt man diese Verteilung nicht an, das Album wirkt geschlossen und schafft den Spagat zwischen Clubmusik und älteren Popausschweifungen, die Sternchen wie Duff in den 2000er-Jahren berühmt gemacht haben. Dabei gelingt es der Sängerin immer, stilvoll zu bleiben und gar zu überraschen, denn gewisse Lieder hätte man von ihr nicht erwartet. Die Platte macht Spass, unterhält und lässt sich flott anhören.

Sicherlich, Hilary Duff gewinnt mit ihrem neusten Werk keinen Innovationspreis, auch sind die Stücke oft unter sich tauschbar und die Veröffentlichung unterliegt keiner zwingenden Strategie. Über die Texte verliert man besser nicht zu viele Worte, wie oft im Pop bestehen diese nur aus mittelmässigen Phrasen. Aber der Dame ist es gelungen, ihre musikalische Reise seit „Dignity“ kompetent fortzusetzen und ihren Sexappeal auf die Musik zu übertragen. Wunderbar für leicht angetrunkene Nächte im Club voller Glitzer.

Anspieltipps:
Confetti, Breathe In. Breathe Out., Night Like This

Live: ORK, Royal Baden, 16-02-19

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ORK
Support: Komara
Freitag 19. Februar 2016
Royal, Baden

Zu welchem Zeitpunkt greift der Begriff Supergroup? Müssen nur ein paar bekannte Musiker zusammen eine Band gründen und schon frisst ihnen die gesamte Welt aus der Hand? Doch wer definiert dies eigentlich? Denn was sich an diesem Freitagabend im Royal in Baden abgespielt hat, war nicht nur aussergewöhnlich, sondern auch eine Geburt völlig neuer Gruppierungen. Dabei steht das alternative Kulturlokal sonst nicht im Stern der Progressive Rock. Aber wenn ein extrem sympathischer Schlagzeuger für ein Konzert auffordert, dann sagt so schnell niemand nein.

Pat Mastelotto ist seines Zeichen nicht nur Mitglied der Urformation King Crimson, sondern auch ein lebens- und experimentierfreudiger Musiker, der das Schlagzeug neu definiert. Und wenn er nun mit seiner neuen Band ORK durch Europa tourt und auch kleinere Orte beehrt, dann gibt es kein Halten mehr. Obwohl, das Fixieren seiner Outputs ist ein schwieriges Unterfangen. Sein Geist und sein Schaffen durchkreuzen genau so viel Genres, wie sie auch an Technik und Gefühlen mitwirbeln lassen. Somit war der Auftritt von Komara ein Einlullen in fremde Welten. Klanglich schwierig festzuhalten, griffen die Musiker nicht nur den Geist des Art-Rock, sondern auch des Jazz und der freien Improvisation auf. Muster und Harmonien geisterten durch den alten Kinosaal und formten sich plötzlich zu heftigen Abstürzen mit verzerrten Schreien und wilden Gitarrenriffs. Eher eine Übung in Meditation der musikalischen Form, als klares Konzert. Die Besucher suchten jedoch genau diese Herausforderung, somit war ein früher Jubel und tiefe Begeisterung sofort vorhanden.

Wobei die Meditation leider nach etwas mehr als einer Stunde ihr Ende fand. Was in der Zeit für Welten und Täler durchschritten wurden, lässt sich ein Tag danach nicht mehr in Worte fassen. Adam Jones hatte schon den richtigen Riecher, als er seine Hauptband Tool hinterging, um Komara grafisch zu unterstützen. ORK als Hauptband fanden diese malerische Gestaltung in ihren Liedern mit Klängen. Im Gegensatz zu der sehr sphärisch schwelgerischen Vorband suchte die aus vier Ländern abstammende Gruppierung eine neue Art der Musik zu formen. Krasse Anfälle des Math-Rock kreuzten sich mit viel Electronica, nur um sich dann in den melodiösen Art-Rock mit heftig groovenden Rhythmen zu verlieren. Colin Edwin brachte den Geist von Porcupine Tree zum König, Lorenzo Esposito Fornasari sang Italien in den Saal und Gitarrist Carmelo Pipitone tobte sich mehrmals nah am Bühnenrand aus.

All diese Einflüsse vermengten sich zu einer eindringlichen und mitreissenden Version von zeitgenössischer und ideenreicher Musik. Egal ob man sich lieber auf Melodien, Effekte oder Takte stützt, diese Inkarnation aus mehreren bekannten Gruppierungen weiss der Musikwelt frischen Wind einzuhauchen. Dabei verwunderte nicht nur das Können der einzelnen Musiker, sondern auch ihre Spielfreude und die Offenheit. Ein reizvoller Abend für alle offenen Geister.

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Den Sorte Skole – Indians & Cowboys (2015)

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Den Sorte Skole – Indians & Cowboys
Label: Eigenveröffentlichung, 2016
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit Booklet
Links: Discogs, Band
Genre: Remix, Electronica, Jazz, Funk, Hip-Hop

Wisst ihr noch damals, als ihr zusammen mit den Nachbarskindern um die Sandkasten und Sträucher herumgerannt seid, mit den Ästen in den Händen und den Knalllauten aus dem Mund? Die Schwarz-Weiss-Sicht der Welt war doch so einfach, und so gerecht. Die bösen Indianer wurden vertrieben, die guten Cowboys und Verteidiger der Länder siegten. Und all dies, kurz bevor die Mütter zum Abendessen gerufen haben. Den Sorte Skole aus Kopenhagen räumen jedoch mit diesen geschönten Erinnerungen auf und zeigen der Musikwelt, dass eben nicht immer alles in den klar geregelten Bahnen verläuft.

Zuerst wird gleich bei der Deutung des Titels damit aufgeräumt, dass Indianer aus Amerika stammen. Denn wie es die Bezeichnung schon sagt, begeben wir uns hier klanglich und stimmungsmässig in den Osten. Das Duo der schwarzen Schule bringt uns auf ihrem neusten Album die fremden Klänge der indischen Szene näher. Ob man sich da an Klischees aus Bollywood oder den letzten Urlaub erinnert fühlt, fern und ungewohnt bleibt es über weite Strecken. Doch dies ist wunderbar, denn die Musik von Den Sorte Skole will nicht einfach sein, sie will Fragen aufwerfen, fordern und zum genauen Hinhören zwingen. Die DJs versuchen sich bereits zum vierten Mal in Albumlänge an dem Kunststück, eine gesamte Platte nur mit genial kombinierten Samples zu bestreiten. Im Gegensatz zu „Lektion III“ entfernen sich die Künstler aber etwas vom Hip-Hop und Funk, und tauchen tiefer in die Welten des Jazz und elektronischen Remix ein. Dabei bleibt aber immer alles organisch, zusammengemischt aus unzähligen Platten und unbekannten Werken. Dem Vinyl liegt ein dickes Heft bei, in dem nicht nur jede benutzte Quelle aufgelistet wird, sondern auch Hintergrundinfos zur Verfügung stehen. Dies macht es zwar nicht immer einfacher, die abenteuerliche Mischung aus unzähligen Genres zu verstehen, man taucht aber umso tiefer in das Mysterium der Gruppe ein.

„Indians & Cowboys“ nennt sich nicht nur wie ein abenteuerlicher Nachmittag in der Sonne, es bietet auch Musik die sich perfekt für alle Möglichkeiten eignet. Mal abstrakt und verschwörerisch, dann wieder tanzbar und fröhlich. Den Sorte Skole beweisen ein weiteres Mal, dass sie unmögliches wahr machen und aus dem schier unendlichen Fundus an Musik aus der globalen Welt etwas komplett neues zaubern können. Man muss kein Vinylsammler sein, um diese Lust zu verstehen – alleine ein kleines Interesse an Musik und Experimentiergeist löst bei diesem Album unzählige Gefühle aus. Ein handwerkliches und stimmungsvolles Meisterwerk.

Anspieltipps:
Kalaidon, No More, Artifacts

Marillion – Colours And Sound (2006)

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Marillion – Colours And Sound
Label: Racket Records, 2006
Format: Doppel-DVD mit Booklet
Links: Discogs, Band
Genre: Dokumentation

Fannah, sympathisch und menschlich – gewisse Bands zeichnen sich während ihrer gesamten Karriere damit aus, dass sie nie den Kontakt zu ihren Freunden verlieren. Man kann gross werden, Hallen füllen und tausende von Alben verkaufen, und trotzdem immer noch das Auge für jeden einzelnen Unterstützer behalten. Marillion gehören in diese Gattung von Musikgruppe und wissen seit Jahrzehnten ihre Liebhaber zu schätzen. Nicht nur stellen sie ihre Platten mit dieser Liebe auf die Beine, ihre gesamte Karriere ist eine einzige Aussage zur Nähe von Konsument und Künstler. Und genau da kommt „Colours And Sound“ ins Spiel.

Obwohl die Dokumentation bereits zehn Jahre auf dem Buckel hat, spielt sie immer noch eine wichtige Rolle im Gesamtspektrum der englischen Gruppe. Begleitete der Film damals die Entstehung und Bespielung des Albums „Marbles“, steht er auch heute noch für ein Dokument der Ehrlichkeit. Zwar beleuchtet der Hauptfilm nicht unbedingt die klassischen Themen der Entstehung eines neuen Werkes, liefert aber ehrliche und tiefe Eindrücke in das Wirken und Touren von Marillion zu diesem Zeitpunkt. Die Platte war nämlich ein weiterer Versuch der Musiker, nicht im Stillstand zu verharren. Man wagte sich wieder an grössere Medienpräsenz, veröffentlichte Single-Auskopplungen und gab vor jedem Konzert mehrere Interviews und begrüsste die Fans. All diese Einblicke erhält man mit der DVD und bleibt dabei immer auf dem herzlichen Niveau des Fehlbaren. Denn der Film ist weder in Bild noch Ton perfekt, oft sind die Aufnahmen grobkörnig und amateurhaft. Aber genau dies gewährt den originalen Einblick in das Leben auf der Strasse, als Mitglied der Band oder der Crew. Interviews mit ehrlichen Kommentaren zu Aufnahme, Auftritten und Reisen wechseln sich mit Klamauk und Stileindrücken ab. Daraus ergibt sich ein wunderbar unpolierter und nie geschönigter Eindruck der Firma Marillion. Man fühlt sich aufgenommen, verstanden und mitgerissen.

Das DVD-Set ergänzt den Film sogar um weitere sechs Stunden an Material, im Verlaufe der Spielzeit kommen wirklich alle Mitwirkenden zu Worte. Seien es die Designer, Roadies, Manager oder Besucher – wer genügend Zeit aufbringt, erhält ein stimmiges Komplettbild einer Albumreise. „Marbles“ hat bis heute eine Ausnahmestellung im Katalog der Band, mit „Colours And Sound“ wird so manchem klar, warum. Denn auch wenn die Art-Rocker damals den Schritt zum Grösseren gewagt haben, im Herzen sind sie immer noch da, wo sie begonnen haben: Als Musikfanatiker und Freunde der Klänge. Und die DVD gibt es bei Racket Records momentan zum Spottpreis.

Then They Flew – Stable As The Earth Stops Spinning (2015)

Then They Flew Cover

Then They Flew – Stable As The Earth Stops Spinning
Label: No Label, 2015
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: Post-Rock

German below.

Does Post-Rock always sound the same regardless of its origin? Mostly, but Then They Flew from Portugal know how to give their music its own identity. To achieve this the band does not have to lay hands on traditional sounds of their homeland but proves a fresh mind and soft handling of the conventions. It does not matter who flies away, with this album we all end stable on our feet again. Rotation or not.

„Stable As The Earth Stops Spinning“ is the first publication by the group and celebratesthe instrumental music in five songs. Of course are the guitars in the foreground and present multiple interlocking riffs and melodies for the best. The tones often change multiple times during a song and Post-Rock poses as a wolf in sheep’s clothing. Noise, Hardcore and Hard-Rock are trying to smuggle into the party and luckily are tolerated after their discovery. Already with the first song „La Lys“ ignite Then They Flew an explosion of ideas and have no hesitation. Every element is immediately introduced and alluded, the song can drift in all directions without nervousness. „Rooftop“ starts more or less classic but then lifts the hard vibes constantly higher and is getting wilder. Behind the crashing facade one may discover wonderful organ and bass lines, the band proves their skills especially in such violent places. It is worthwhile to dig into the pieces and remove the obvious harmonies and layers. In the embodiment Then They Flew remind of Leech – the Swiss group, which take Post-Rock from a completely different direction.

Although Then They Flew blast out with three guitars,on their debut release can enough subtleties and playroom be found. Strings are permitted as well as tons of effect and voice samples. Without being overwhelmed with all these resources the band avoids the traps and annoying representations of Post-Rock. Each passage reveals new ideas, the production and songwriting convincing from the first time on. The album is on Bandcamp – and you can pay what you want. So, what are you waiting for?


Klingt Post-Rock unabhängig von seiner Herkunft immer gleich? Meistens, doch Then They Flew aus Portugal vermögen es, ihrer Musik eine eigene Identität zu verleihen. Hierzu muss sich die Band nicht an traditionellen Klängen ihrer Heimat vergreifen, sondern beweist frischen Geist und einen lockeren Umgang mit den Konventionen. Egal wer nun alles davonfliegt, mit diesem Album landen wir alle wieder stabil auf unseren Füssen. Da kann sich drehen was will.

„Stable As The Earth Stops Spinning“ ist die erste Veröffentlichung der Gruppe und zelebriert in fünf Liedern die instrumentale Musik. Natürlich stehen die Gitarren im Vordergrund und dürfen gleich mehrfach und ineinander greifend Riffs und Melodien zum Besten geben. Die Klangfarben wechseln dabei oft mehrfach während einem Lied, und der Post-Rock gibt sich als Wolf im Schafspelz. Noise, Hardcore und wilder Rock versuchen sich an die Party zu schmuggeln und werden glücklicherweise nach ihrer Entdeckung geduldet. Bereits bei ersten Song „La Lys“ zünden Then They Flew ein Feuerwerk an Ideen und zögern keinen Moment zu lange heraus. Alles wird sofort eingebracht und angespielt, das Lied kann ohne Nervosität in alle Richtungen driften. „Rooftop“ startet wieder etwas klassischer, schraubt dann aber die Härte unablässig hoch und wird immer wilder. Hinter der krachenden Fassade darf man wundervolle Orgel- und Bassläufe entdecken, die Band beweist gerade bei solchen heftigen Stellen ihr Können. Es lohnt sich, in den Stücken zu graben und die offensichtlichen Harmonien und Ebenen zu entfernen. In der Ausführung erinnert somit gerade dieses Stück an Leech – die Schweizer, welche den Post-Rock auch aus völlig anderer Richtung angehen.

Auch wenn Then They Flew mit drei Gitarren ordentlich austeilen, findet man auf ihrem Erstwerk genügend Feinheiten und Raum für Spielerei. Streicher sind ebenso erlaubt wie Effektgewitter und Sprachsamples. Ohne mit all diesen Mitteln überfordert zu sein, umgeht die Band die Fallen und ausgelutschten Darstellungen von Post-Rock. Jeder Durchgang offenbart Neues, die Produktion und das Songwriting überzeugen auf Anhieb. Und dann gibt es das Album erst noch zu einem selber wählbaren Preis auf Bandcamp. Worauf also noch warten?

Anspieltipps:
Rooftop, Evergreen / Aftermath, Owls

Rihanna – ANTI (2016)

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Rihanna – ANTI
Label: Westbury Road Entertainment, 2016
Format: CD im Digipak, mit Booklet und Poster
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: R’n’B, Electronica, Hip-Hop

Es gab diesen Moment, in dem alles Sinn machte. Plötzlich fügten sich die Teile in das Gesamtbild ein, die Verbindungen schlossen sich und das Staunen machte sich breit. Denn eigentlich erwartete ich nicht viel – sicherlich mochte ich einige Lieder und Momente der Sängerin. In meiner Sammlung befand sich jedoch nur ein Album, und ihre Karriere verfolgte ich nicht wirklich. Doch wenn in „Goodnight Gotham“ plötzlich das Sample von Florence + The Machine erklingt, die Nacht düster wird und bedrohlich elektronische Klänge das Album kapern, waren jegliche Bedenken wie weggeblasen.

„ANTI“ ist ein Album, dass nicht nur lange in Arbeit war, sondern auch viele Leben sah. Über mehrere Jahre wurden einzelne Songs veröffentlicht, die Sängerin aus Barbados hielt die Öffentlichkeit an der langen Leine. Und dann plötzlich ist die neuste Scheibe da, gratis und für jeden zugänglich im Internet. Schon das Cover mit seiner verschobenen Darstellung eines Mädchens mit Krone sagt den Wandel voraus. Wo Rihanna zuvor doch oft für schmalzige Balladen und überproduzierte R’n’B-Ausgeburten stand, ist „ANTI“ nun genau sein Titel. Die Musik dreht der Vergangenheit den Rücken zu und erlaubt der Sängerin endlich, ihre Stimme auch in fremdlicher Umgebung auszubreiten. Die Lieder auf ihrem achten Studioalbum sind oft karg, gefährlich und weit entfernt von fröhlicher Club-Musik. Einzelne Gitarrenriffs schneiden sich durch düster gestimmte Synths, die Beats sind wackelnd und stolpern über die Texte, Opulenz hat sich schon lange verabschiedet. Was zuerst abstossend sein will, wächst mit der Zeit zu einer faszinierenden Kollaboration aus unzähligen Produzenten und Künstlern. Denn auch hier liess sich Rihanna die Lieder von einer gewaltigen Liste von kreativen Köpfen massschneidern. Dabei driftet sie mit „Kiss It Better“ in den Gitarren-Pop ab, besucht bei „Needed Me“ Jamie XX und Co. und lässt sich dann blutend aber zufrieden nach Hause tragen.

„ANTI“ ist ein Kaleidoskop aus falscher Erwartungshaltung, Gegenstimme und Eigenständigkeit. Rihanna hat sich endlich von ihren Fesseln losgelöst und ein Album unter ihrem Namen veröffentlicht, das weite Kreise anspricht. Schon immer stand die Sängerin für interessant geschriebene Lieder und gut produzierte Musik, doch erst jetzt kamen der Dreck, die Unvernunft und die Schnittwunden dazu. Die neuste Platte ist voller Überraschungen und Abgründe. Und bietet endlich allen Menschen die Gelegenheit, sich mit dieser Welt anzufreunden und melancholisch mitzutanzen. Wenn auch krumm.

Anspieltipps:
Kiss It Better, Needed Me, Same Ol‘ Mistakes, Goodnight Gotham

Media Monday #243

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Hier erfahrt ihr alles! Schonungslos! Na wenigstens zu meinen Sehgewohnheiten, dank dem Medienjournal.

1. Von den zahlreichen Streaming-Anbietern nutze ich „nur“ Netflix, da die meisten in der Schweiz noch nicht Fuss gefasst haben. Allerdings bin ich da ganz glücklich darüber, verbraucht dies schon genügend Zeit. Und weisst grossartige Eigenproduktionen auf.

2. Die zweite Staffel von „Bloodline“ erwarte ich ja sehnsüchtig, denn der Thriller aus dem Hause Netflix überzeugt nicht nur mit grossartiger Produktion, wunderbaren Aufnahmen, einer verwobenen Geschichte, sondern durch die genialen Schauspieler. Allen voran Ben Mendelsohn.

3. Das Beste für einen verregneten Sonntagnachmittag ist Zeit mit meiner Freundin zu verbringen. Ob wir dazu einen Ausflug unternehmen, ins Kino gehen, Musik hören oder mit tollen Menschen den Tag verbringen, alles ist besser als alleine zu sein. So, genügend Kitsch für heute.

4. Die zweite Staffel von „Der Tatortreiniger“ begann nicht gerade vielversprechend, aber wusste immerhin zu unterhalten. Mit der dritten ist die Serie aber wieder zu ihrer wahren Grösse auferstanden bietet mit der Folge über den Veganismus ein Highlight.

5. Der Februar beginnt sich dem Ende zu neigen, doch vorher gibt es noch einmal ein Date mit Ellie Goulding. Wenn man den Monat schon mit einem Konzert von ihr beginnt, dann kann man den auch so abschliessen. Dieses Mal beehrt sie die Schweiz und tanzt und singt im Hallenstadion in Zürich. Kommt doch auch.

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6. Am liebsten lese ich Bücher, die mich überraschen können und mich zum nachdenken anregen. Das muss kein Sachbuch sein, sondern ein Roman mit Anspruch. Dieses Jahr hat mich zum Beispiel „Steppenwolf“ von Hermann Hesse stark beeindruckt, im Bereich des Sachbuches verdrehte mir zuletzt „Gibt es alles oder nichts?“ von Jim Holt den Kopf. Solche Bücher sind wundervoll.

7. Zuletzt habe ich „The Hitchhiker’s Guide To The Galaxy“ (Neuverfilmung) angeschaut und das war erstaunlich durchschnittlich und unlustig, weil die Verrücktheit der Bücher nicht wirklich in eine Hochglanzproduktion einfügen lassen. Die Schauspieler wirkten in ihren Rollen eher unwohl, ausser Bill Nighy der wie immer nur perfekt ist – und der depressive Roboter Marvin. Am besten waren die Animationssequenzen aus dem Ratgeber, gerne hätte der Film rein daraus bestehen können.

Daughter – 4AD Session (2014)

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Daughter – 4AD Session
Label: 4AD, 2014
Format: Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Indie, Pop

Erfolg zu haben kann schon nervend sein, denn damit folgen viele Erwartungshaltungen und Ungeduld. Das grossartige Debüt „If You Leave“ von Daughter war 2013 einer der grössten Hits, bei Kritikern und Hörern gleichauf. Doch leider hiess es dann: Warten und auf neues Material hoffen. Um die Fans nicht ganz im Trockenen sitzen zu lassen, nahm die Band 2014 für 4AD eine Live-EP auf und bewies auch da Talent und Können.

Mit nur fünf Liedern ist der Auftritt leider sehr knapp ausgefallen, lässt aber durch die grossartige Präsentation und Produktion alle entzückt seufzen. Die Band liess sich durch klassische Instrumente begleiten und erschuf damit eine grössere und voluminösere Variante von Daughter. Epischer und eleganter als gewohnt, steckten die Musiker ihre Zurückhaltung nach hinten und liessen Wärme und Völle regieren. Da in diesem Schritt die elektronischen Elemente der Stücke entfernt wurden, sind lieder wie „Youth“ oder „Amsterdam“ nun erdiger und ehrlicher. Elena Tonra wirkt als Sängerin in dieser Umgebung noch etwas verletzlicher, strahlt im gleichen Atemzug aber viel Selbstbewusstsein aus. Und obwohl alle Stücke live aufgenommen wurden, herrscht auf „4AD Session“ ein wunderbares Zusammenspiel der Band und ihrer Gäste. Die Lieder tragen Melancholie und Glück in sich und schmiegen sich an alle Hörer.

Eine Band wie Daughter begeisterte schon immer mit ihrer Intelligenz und dem geschickten Umgang mit Indie und Pop. Dieser Studioauftritt fügte den Stilrichtungen noch eine Extraportion Klasse bei und liess die Formation aus London etwas unsterblicher werden. Für Liebhaber ist auch diese Veröffentlichung ein Muss, sie stellt eine der gelungensten Neuaufarbeitungen von bekannten Stücken der letzten Jahre dar.

Anspieltipps:
Tomorrow, Amsterdam, Shallows