Monat: Februar 2017

Twinesuns – The Empire Never Ended (2017)

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Twinesuns – The Empire Never Ended
Label: Pelagic Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: Drone, Ambient

Nur weil nicht alles vorhanden ist, muss bei weitem nicht etwas fehlen. Dies dachten sich auch Thor Ohe, C. und Rento Tornado Escpecial – zusammen bildet das Trio die Ursuppe namens Twinesuns und musiziert auf seinem zweiten Album „The Empire Never Ended“ gleich komplett ohne Schlagzeug. Und wenn sich deutsche Künstler eine Eigenart in den Kopf gesetzt haben, dann wird dies auch zu Ende geführt. In den Proberäumen entstanden somit Klangmassen zwischen Drone und Dark Ambient, tiefschwarz und umgarnt mit kilometerweise Kabel der Effektgeräte. Hoffentlich sind die Kutten von Sunn O))) genügend dick, denn hier brummt es mächtig.

„The Empire Never Ended“ beginnt extrem nahe an den bekannten Grössen des Drone und Doom, es herrschen die lauten Gitarrenrückkopplungen vor, welche auch Betonbunker ohne Probleme sprengen. Man spürt, wie der Dreck auf dem Boden durch die Schallwellen in Bewegung gerät und sieht die Musiker förmlich zwischen ihren Instrumenten sitzen und Experimente durchführen. Langsam schleppen sich die Lieder voran, geben spärlich ihr wahres Gesicht preis und fletschen die Zähne. Mit der Ankunft des Moog kommt der Musik die Humanität langsam abhanden und das Album verlässt die Bahnen des rein irdischen Produktes. „Pneuma“ ist die Musik einer vernichteten „Twin Peaks“-Episode, das Titelstück entführt in das Herz des ausserirdischen Mutterschiffs.

Was Twinesuns hier zusammengebraut haben, ist ein schwerer Trunk, der nicht immer gleich sanft den Hals hinabfliesst. Praktisch ohne Stimmen und oft in fast unmerklichen Änderungen wird der Hörer unter viel Feedback begraben. Die Herren arbeiten aber nach den Gegebenheiten des Genres, und Kenner finden sich schnell in tollen Brocken wie „Die Zeit ist da“ zurecht. Dank der elektronischen Erweiterungen lässt sich vieles im Sound entdecken und „The Empire Never Ended“ wird somit bestimmt tausend Jahre bestehen.

Anspieltipps:
Die Zeit ist da, Pneuma, The Empire Never Ended

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Dave Hause – Bury Me In Philly (2017)

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Dave Hause – Bury Me In Philly
Label: Rise Records, 2017
Format: Download
Links: FacebookKünstler
Genre: Folk-Rock, Punk

„With You“ nimmt dich gleich rein: Geschrammte Gitarrenakkorde im Hintergrund, der etwas kratzende und direkte Gesang von Dave Hause vor deinem Gesicht. Hier gibt es endlich wieder diese geliebte Abwandlung des Punk-Rock, mit der Künstler wie Chuck Ragan oder Frank Turner vor einigen Jahren grosse Erfolge feiern konnten. Hause selber spielt eigentlich bei der Gruppe The Loved Ones und wagte 2011 mit „Resolutions“ den Alleingang. Mit „Bury Me In Philly“ gibt es nun das dritte Werk in die heimische Barracke und der Musiker bleibt damit gross, ohne die eigentlich zu bekannte Formel zu verändern. Aber es gibt schliesslich immer einen „Dirty F*cker“, über den man singen muss.

Oder natürlich die grosse Liebe, die verpassten Chancen oder die leider gemachten Fehler. Dave Hause gibt sich nahe der Arbeiterschicht und lässt in seinen Texten Zweifel, Hoffnung und Kampf gleichmässig den Platz einnehmen. Wie bei vielen Künstlern in dieser Art des Folk-Rock hat man auch hier das Gefühl, Hause eigne sich perfekt für eine tolle Nacht im Pub – gewisse hitzige Diskussionen eingeschlossen. Doch spätestens bei einem Refrain des Kalibers „My Mistake“ liegt man sich singend in den Armen und geniesst die Wirkung, die der Rock auch in den Neunzigern hatte. Allgemein ist Dave Hause nie um die Popwirkung verlegen, weiss aber auch, dass man Sorgen immer noch mit Whiskey runterspülen kann.

„Bury Me In Philly“ wird nie so stark überraschen wie damals „The First Three Years“ oder Verwandte, doch das spielt auch keine Rolle. Was uns Dave Hause hier vorlegt, ist ein Rock-Werk mit viel Herz, der perfekten Menge an Dreck und Staub und dem wunderbar ansteckenden Stolz der Arbeiterschicht. Spätestens beim dritten Durchgang schliesst man Lieder wie „The Ride“ ins Herz und vergibt auch eher schwachen Stellen wie „Shaky Jesus“. Handgemacht und auch in unserem Alltag nicht falsch, ohne Welten zu verändern – sondern einfach nur gute Musik. Und darum auch Balsam für die Seele.

Anspieltipps:
My Mistake, Dirty F*cker, Wild Love

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: The XX, St. Jakobshalle Basel, 17-02-18

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The XX
Support: Kelela
Samstag 18. Februar 2017
St. Jakobshalle, Basel

„Last night I came to a realization. And I hope you can take it.“ Wie ein Gebot schwebt diese Textzeile heute über meinem Kopf – und die richtigen Worte zu finden, ist nicht einfach. Manchmal ist es halt doch nicht so grossartig, wie es die Masse zu sagen pflegt. Sicher, man fühlt es und immer schwingt mit dem Bass alles mit – aber dann steht man doch alleine da. Die St. Jakobshalle in Basel war beim Auftritt von The XX zwar fast komplett gefüllt, doch die Musik wollte mich nicht erreichen.

Seit ihrem Debütalbum, welches 2009 erschien, ist das Trio aus London in aller Munde. Mit ihrer sehr minimalistischen und verhallten Version des modernen Indie-Dream Pop konnten sie die Massen begeistern und gehören in jede gute Plattensammlung. Mit dem Erscheinen ihres dritten Albums „I See You“ gab es nach längerer Pause nun endlich wieder die Gelegenheit, Jamie XX, Romy Croft und Oliver Sim live zu erleben. Ihr Halt in der Schweiz fand leider in der klanglich eher schwachen St. Jakobshalle statt, doch die Musik überlebte die Umgebung.

Allen voran begeisterte natürlich Klangtüftler und Knöpfchendreher Jamie XX, der mit seinem tausend Gerätschaften über allem thronte und dank dem Spiegeldesign der Bühne auch genau beim Musizieren beobachtet werden konnte. Typisch für The XX lebt ihre Musik von diesen einzelnen Gitarren- und Bassspuren, die mit Elektronik und Beats untermalt werden. In Basel wurde das Set aber oft von den langsamen und sanften Songs beherrscht, die Ausflüge in den Techno fehlten fast gänzlich. Und somit war auch „Loud Places“ der wuchtige Stern gegen Ende des Konzertes.

Trotz diesem Umstand war das Publikum begeistert und viele wurden mitgerissen – was ich auch nachvollziehen kann. Aber diese minimalistische Weise, Gefühle zu zeigen, berührt mich persönlich zu wenig. The XX sind bei weitem keine schlechte Band – aber mir fehlt bei ihnen der Druck, die Wucht, die Intensität. Ich will Echtheit und nicht diese gekünstelt wirkende Zurückhaltung, hinter der sich die heutige Generation versteckt und dadurch keine Konfrontation mehr zulässt. Sonst bleiben wir alle so flach wie die schummrigen Bilder auf den Instagram-Accounts.

Kelela als Support traf mit ihrer tollen Stimme und dem R&B schon eher die Wahrheit, überzeugte mich die Sängerin aus den USA mit ihrem kurzen Auftritt. Zwar nur von einem DJ begleitet, fühlte man sich doch freundlich begrüsst und aufgenommen – was die Zuschauer auch gleich mit einem grossen Applaus retournierten. Ein euphorischer Start in einen etwas zu nüchternen Abend.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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IQ – Scrape Across The Sky (2017)

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IQ – Scrape Across The Sky
Label: Giant Electric Pea, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Neoprog

Der Schritt ist geschafft, die neuste Technologie wird genutzt. Obwohl es sich bei IQ um eine Band handelt, die Progressive Rock spielt, dauerte es bis 2017 für ihre erste Liveaufnahme als Bluray. Allerdings muss auch gesagt werden, dass ihr Neoprog an Konzerten weniger wegen fulminanten Showeffekten überzeugt, sondern dank dem tollen Songwriting und den Darbietungen der talentierten Musiker. Somit erwarten den Fan auf „Scrape Across The Sky“ ein visuell eher reduziertes Bild, dafür starke Lieder und auch Humor.

Die Gruppe aus Southampton arbeitet sich seit 1981 durch die Welt und verkauft Klangkonstruktionen, die vor allem aus Keyboardspuren und marschierenden Takten bestehen. Ihr melodischer Neoprog setzt auf Emotionen und düstere Atmosphäre – über allem der stilsichere und ausdrucksstarke Sänger Peter Nicholls. Seine Texte verleihen Momenten wie „The Road Of Bones“ eine eindringliche Note, und die Sichtung des Konzertes aus Holland ist dank seinen Einlagen auch in der Stube unterhaltsam. IQ setzen bei „Scrape Across The Sky“ auf eine Mischung aus neuen Liedern wie dem Kracher „Without Walls“, alten Epen wie „Awake And Nervous“ oder Lieblingen wie „Leap Of Faith“.

Die Livekonserve richtet sich darum nicht nur an Fans der ersten Stunde, sondern auch neue Freunde, die sich einen Überblick von IQ verschaffen wollen. Die Band zeigt hier nicht nur, wie sauber und genau sie spielen kann, sondern dass ihre Musik unverkennbar und unkaputtbar bleibt. Wer den typischen Kitsch des Neoprog mit Achtziger-Schräglage mag, der findet mit „Scrape Across The Sky“ eine wunderbare Beschäftigung für die langen Nächte vor dem TV. Nur schade, lässt der Schnitt zu wenige Blicke auf die Leinwände und Visuals erhaschen. Dafür erhält man bei „Ten Million Demons“ die Möglichkeit, Gitarrist Mike Holmes mit Engelsflügeln zu sehen. Ist doch auch was, oder?

Anspieltipps:
The Road Of Bones, Frequency, Without Walls

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Phil Hayes & The Trees – Blame Everyone (2016)

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Phil Hayes & The Trees – Blame Everyone
Label: DALA Produkte, 2016
Format: Download
Links: DiscogsKünstler
Genre: Alternative Rock

Gewisse Künstler sind rastlos und vielbeschäftigt, die neuen Ideen müssen gleich verarbeitet werden. Denn im Hinterkopf fügen sich bereits im Schaffensprozess neue Visionen zusammen, die man nicht einfach verenden lassen kann. Phil Hayes ist nicht nur Schauspieler, Regisseur und kreativer Freigeist, sondern auch Musiker. Seit 2015 macht er zusammen mit Schlagzeugerin Sarah Palin und Bassist Martin Prader unter dem Namen Phil Hayes & The Trees wunderbar kargen Alternative Rock – schnell aufgenommen und wunderbar ergiebig.

„Blame Everyone“ lebt nicht nur von den reduzierten Songs und der klassischen Trio-Besetzung – sondern strahlt in seinen Live-Aufnahmen die perfekte Imperfektion von Rockmusik aus. Von Phil Hayes & The Trees innert vier Tagen in Winterthur aufgenommen, sind die Stücke nie glatt poliert und dürfen auch vieles offen lassen. Wie bei einem reizvollen Roman mit mehr Fragen als Antworten, sind Momente wie „Money Don’t Lie“ so aufgebaut, dass man sich in die Lieder vernarrt, aber am Ende der Platte immer noch durstig dasteht. Leichte Gitarrenmelodien, eine schnittige Rhythmusfraktion und die Kombination aller Stimmen sorgen für frische Luft im Proberaum.

Man merkt der Musik die Herkunft an, allerdings setzen Phil Hayes & The Trees auf die richtigen Werte der Heimat.  Hier wird es nie zu wild, „Blame Everyone“ fühlt sich wie eine Autofahrt in der Sonne an – mit Vorfreude auf einen tollen Konzertabend. Pop-Appeal und Rock, alternativ gemischt und immer mit leichter Schräglage – diese Scheibe ist einfach perfekt für zwischendurch. Und man wird immer wieder gerne darauf zurückkommen und interessiert hören, ob die Songs in der Zwischenzeit noch weiter gewachsen sind.

Anspieltipps:
Money Don’t Lie, Heavy Load, Undone

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Esben And The Witch, Bogen F Zürich, 17-02-15

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Esben And The Witch
Support: Sum Of R
Mittwoch 15. Februar 2017
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Noch selten war der Bogen F in Zürich-Hardbrücke so klein und so riesig zugleich – denn das Kulturlokal wurde noch vor Beginn der Konzerte mit Unmengen an Trockennebel gefüllt. Man fühlte sich somit in einer grossen Gruft gefangen, ohne die Grenzen wahrzunehmen. Und auch bei der alsbald erklingenden Musik war es schwer, klare Formen und Konturen zu erkennen. Sum Of R, ein dunkles Duo und Band von Reto Mäder, lässt die Schweiz seit 2008 ein Stück unbehaglicher werden. Ihre instrumentalen Ergüsse wabern zwischen Doom, Drone und Post-Metal. Auch an diesem Mittwoch liessen sie die Zuschauer in eine Welt voller sonischer Wände und Schattenzeichnungen eintauchen.

Allgemein war bei diesem und dem nachfolgenden Auftritt von Esben And The Witch gut zu sehen, wie stark eine Lichtuntermalung das Konzerterlebnis verstärken und verändern kann. Die ritualmässigen Kompositionen von Sum Of R wurden in heftiges Strobogewitter getaucht, die Musiker meist nur indirekt beleuchtet. Als Besucher tauchte man somit in eine Zwischenwelt ab, in der man ohne jeglichen Besitz oder Verlangen existierte. Und dieses Gefühl wurde auch bei dem diesjährig einzigen Schweizer Auftritt der Gruppe aus England beibehalten. Das Trio startete im Bogen F seine aktuelle Tour und liess die Besucher die neuste Platte „Older Terrors“ live erfassen.

Obwohl Esben And The Witch sich eigentlich nie greifbar machen, wirkten sich doch wie ein tonnenschwerer Fels, der auf deinen Kopf fiel – sich zugleich aber auch wie Nebel wieder verflüchtige. Ihre Lieder werden live zu langen und in sich verzahnende Urwesen, mit bedrohlichen Tieftönen und Explosionen. Egal ob die Gruppe nun bekanntere Stücke wie „Marching Song“, lange Albträume wie „The Jungle“ oder komplett neue Stücke präsentierte – hier vermischte sich alles zu einer Trance. Man wankt in der Dunkelheit umher, versucht sich am Gesang von Bassistin Rachel Davies festzuhalten und wird doch von Gitarrenmelodien zerfetzt. Irgendwo zwischen Gothic Rock, Post-Doom und Alternative setzte das Konzert auf den Boden auf. Musik als Erlebnis, hier zwischen Horror und herrlichstem Rausch.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Tim Bowness – Lost In The Ghost Light (2017)

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Tim Bowness – Lost In The Ghost Light
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: FacebookKünstler
Genre: Art-Rock

Konzeptalben sind im Progressive Rock keine Seltenheit, viel mehr gilt diese zusammenhängende Kunstform als Kür. Tim Bowness, vormals Partner von Steven Wilson bei No-Man, steigt mit „Lost In The Ghost Light“ aber als Neuling in dieses Gebiet ein. Sein neustes Soloalbum erzählt in wunderbarem Art-Rock die Geschichte eines erfundenen Helden des Classic Rock – einem Musiker, der langsam verblasst und seinen Platz in der Welt verloren hat. Darf Bowness bleiben?

Mit dem zweiten Lied „Moonshot Manchild“ zeigen sich zuerst vor allem die Schwierigkeiten bei „Lost In The Ghost Light“ – man erhält erneut typische Kost von Tim Bowness. Lieder, die mit hellen Klavier-Akkorden und seinem sanften Gesang niemanden verletzen, unaufgeregt für immer in deinem Herzen bleiben – allerdings auch viele eher anbiedern könnten. Doch dank des spannenden Songwritings dreht sich spätestens bei „Nowhere Good To Go“ alles zum Besseren. Plötzlich vernimmt man wunderschöne Popmusik, gehaucht und träumerisch in der Romantik. „You’ll Be Silenced“ haut einen famosen Prog-Schluss heraus und verleiht der Geschichte Zweifel und emotionale Unsicherheit.

Tim Bowness geht mit „Lost In The Ghost Light“ weiter als auf seinen letzten beiden Scheiben – gut so, gelingen ihm die Songs hier doch kompositorisch stärker. Er greift in die Kisten des Symphonic Prog, Newprog und Melodic Art-Rock und arbeitet Momente wie „You Wanted To Be Seen“ zu breiten Flächen aus, mit Verneigung vor den Genre-Grössen. Mit vielen bekannten Gästen wie Colin Edwin, Bruce Soord oder sogar Ian Anderson (Jethro Tull) ist die Musik grossartig gespielt und das Ohr wird immer wieder überrascht. Und wenn sich in „Distant Summers“ der Künstler selber zitiert, schliesst sich der Kreis mit neuen Erfahrungen und Erkenntnissen. Die Geister verneigen sich.

Anspieltipps:
Nowhere Good To Go, You’ll Be Silenced, You Wanted To Be Seen

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Old Crow Medicine Show – Best Of (2017)

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Old Crow Medicine Show – Best Of
Label: Nettwerk, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Country, Folk

Machmal tut es ja auch gut, sich wieder mit einem Stil zu beschäftigen, der für einen selten wirklich funktioniert. Darum heute ein paar Worte zur neuen Best Of von Old Crow Medicine Show – eine geballte Ladung Country für Medizinmänner und Grashalmkauer. Die String Band aus Nashville benötigt nicht mehr als Saiten und Stimmbänder für ihre Lieder und geht damit durch Städte und Wüsten. Seit 1998 entstehen dabei Songs, die sich für europäische Ohren fast zu traditionell staubig anhören.

Old Crow Medicine Show werfen in ihren Liedern Gitarre, Kontrabass, Geige und natürlich das Banjo in die Runde und kombinieren dies mit mehrstimmigem Gesang – der lustigerweise oft etwas angetrunken oder verzweifelt klingt. Natürlich liegt dies zuweilen am Akzent, aber auch an den Texten, welche Humor und ernste Botschaften verbinden. „Big Time In The Jungle“ ist ein interessanter Song gegen den Vietnamkrieg, „Tell It To Me“ lässt sich über Drogen aus und in „Black-Haired Québécoise“ begegnen die Musiker hübschen Personen in Kanada. „Best Of“ verdient seinen Namen schnell, haben doch alle Stücke einen Reiz.

Die Werkschau von Old Crow Medicine Show ist somit gelungen und zeigt aus all ihren Phasen ein paar wunderbare Beispiele – für mich persönlich ist diese Musik zwischen Country-Folk und Bluegrass doch etwas zu gleichförmig. Freunde und Verfechter dieser Stilrichtung finden aber auf „Best Of“ mehr als 14 Gründe, um einen Hengst zu zähmen und die Zigarette am Brandeisen anzuzünden. Und schliesslich kann man auch am Handwerk der Band überhaupt nichts aussetzen.

Anspieltipps:
Tell It To Me, Bit Time In The Jungle, Black-Haired Québécoise

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Panda Lux – Versailles (2017)

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Panda Lux – Versailles
Label: Phonag Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Pop, Indie

„Versailles“ beginnt fast zu normal – denn bis zum vierten Lied „Jung 1“ denkt man hier noch über ein modernes Indie-Pop-Album nach, das wohl niemanden wirklich überraschen will. Doch dann zeigen Panda Lux, dass man nicht nur mit Vorzeichen herumspielt. „Jung 2“ nimmt den vorangegangen Song noch einmal auf, verzerrt ihn aber immer mehr zu einem wunderbar elegischen Stück zwischen Post-Rock und sanftem Alternative Rock. Gitarrenspuren gleiten über die Wolkenkratzer, die Band bricht aus und der Gesang wird Nebensache – nur um am Ende des Liedes in träumerische Shoegaze-Watte zu fallen. Schnell wird einem klar, die zehn Jahre Arbeit haben diesem Debütwerk sehr gut getan.

Panda Lux hiessen nicht immer so, hatten unterschiedliche Formationen und fanden in verschiedensten Stilrichtungen Inspiration. Mit dem ersten vollen Album ist nun aber klar, dass vor allem der eloquente Popsong als Ziel gesteckt wurde. Stücke wie „Rollschuhe“ oder „Oben“ leben von spritzigen Melodien und dem erzählfreudigem Gesang auf Deutsch. Schnell findet man sich in der Welt der Band zurecht, frech zwischen Niedergang der Aristokratie und Prunk-Hochkultur angesiedelt. Das deutet man schon mit dem Cover an; so blau wie dieser Hintergrund ist die Musik auf „Versailles“ aber nie. Viel eher gibt es hier freundliche Klänge, treibende Rhythmen und dann eben die Ausreisser.

„Mehr sein“ packt nicht nur mit der versteckten kritischen Botschaft, sondern auch mit dem schier unendlichen, instrumentalen Ausklang – was perfekt in das neun Minuten lange „Fallen lassen“ übergeht. Hier vermischt sich Euphorie mit Melancholie, Bläser mit Synthies und Gitarren. Ein Krawall, der jugendlich und frisch erscheint – ein Lied, das den Zustand und die Wirkung von „Versailles“ perfekt zusammenfasst. Panda Lux wagen sich somit in Sphären, in die sich zu wenige Künstler der deutschsprachigen Szene trauen – und niemals schmelzen dabei ihre Wachsflügel. Dieser Pop ist eindeutig mehr.

Anspieltipps:
Jung 2, Rollschuhe, Mehr sein

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Touché Amoré, Dynamo Zürich, 17-02-11

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Touché Amoré
Support: Angel Du$t, Swain
Samstag 11. Februar 2017
Dynamo / Werk21, Zürich

„You often find yourself putting off everyone while finding comfort in other songs / To distract the fact that you’re actually disappearing“ – Sänger Jeremy Bolm trifft mit seinen lauten und knappen Sätzen die Hörer und Besucher mitten im Herz. Die restlichen Musiker von Touché Amoré treffen mit ihren Instrumenten alle anderen Körperteile – ihre Mischung aus Screamo und Post-Hardcore ist brutal und direkt. Und somit war auch das Konzert im Werk21 in Zürich eine heisse, kontaktfreudige und vor allem grossartige Angelegenheit. Selten erlebt man wohl einen Anlass mit einer solch intensiven Kombination aus Glück und Trauer.

Mit ihrem vierten Album „Stage Four“ im Gepäck machte sich die Band aus den USA ein erneutes Mal daran, Europa mit ihren emotionalen und oft herzzerreissenden Songs zu erobern. Touché Amoré geben sich nämlich nicht damit zufrieden, harte und schnelle Musik zu spielen. Seit ihrem Debütalbum „… To the Beat of a Dead Horse“, welches 2009 erschien, kombinieren sie kurze Stücke voller Wut und musikalischen Fausthieben – geschmückt und vollendet mit nachdenklichen und oft zu realen Texten über Verluste, soziale Ungerechtigkeit und Daseinszweifel. Auch im Kellerraum des Dynamo brachen schon nach wenigen Sekunden alle Dämme und das Publikum moshte, schrie und nahm die energetische Band in jubelnden Empfang.

„If actions speak louder than words / I’m the most deafening noise you’ve heard / I’ll be that ringing in your ears / That will stick around for years“ – und der Eindruck, den Touché Amoré an diesem Samstag in mir hinterlassen haben, wird wohl für immer bleiben. Denn auch live zeigte sich das Talent der Band, in ihre heftigen Ausbrüche immer wieder wunderschöne Melodien einzuweben und dabei humanistisch und tolerant zu sein. Sogar die „sanften“ Stellen wie „Benediction“ fügten sich perfekt in das Geschehen ein, Frauen und Männer schnappten sich das Publikum von Bolm oder liessen sich auf Händen durch den Raum tragen.

Voran gingen zwei weitere Gruppen aus den amerikanischen Staaten, welche genau so sympathisch und weltoffen die Bühne betraten. Angel Du$t mischten den Hardcore mit viel Punk, auch hier schrie das Publikum selber viele Zeilen in die Mikrofone und sprang zwischen den Musikern von der Bühne. Noch roher und direkter als Touché Amoré, aber nicht weniger lockend und fesselnd. Swain hingegen gaben sich als zahmste Truppe von diesem Dreiergespann, zeigten sich aber von ihrer besten Seite und liessen ihren alternativen Hardcore-Rock schmutzig, unperfekt und wild tanzend den Abend anfeuern. Ausverkauft zu gutem Recht, hier erhielt man drei Mal aktuelle und wichtige Musik aus dem harten Sektor.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Angel Dust, Dynamo 17 MBohli