Monat: Dezember 2014

Aphex Twin – Syro (2014)

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Aphex Twin – Syro
Label: Warp, 2014
Format: Dreifach Vinyl im Gatefold, mit Downloadcode
Links: Discogs, Künstler
Genre: IDM, Techno, Experimental

13 Jahre ist es her, seit Richard David James unter dem Künstlernamen Aphex Twin ein Album veröffentlichte. In einer solchen Zeitspanne passiert einiges, Musik und politische Landschaften ändern sich, Künstler kommen und gehen und alte Songs, die damals noch revolutionär waren, sind jetzt überholt. Die musikalischen Ergüsse von Aphex Twin waren seit jeher ihrer Zeit voraus und schon früh stellte sich heraus, dass er einer der besten DJs und Produzenten auf dem Feld der IDM und des experimentellen Techno ist. Zwischenzeitlich hat sich daran eigentlich nichts geändert – dies untermalt auch „Syro“, das neue Album mit 12 Tracks aus verschiedenen Abschnitten.

Für die neue Platte hat sich der Künstler aber nicht zwei Monate im Studio eingeschlossen und neues Material produziert, nein: Die Werke sind teilweise sechs Jahre alt. Aphex Twin sass in der vergangenen Zeit nicht untätig auf seinem Ruhm herum, sondern spielte konstant Musik ein. Den Schritt zur Veröffentlichung wagte er aber selten, wieso auch immer. Denn seine Musik ist weiterhin fordernd, packend, grossartig konstruiert und perfekt produziert. Gestaltet sich der Einstieg in das dreifache Vinylalbum zugänglich und simpel, wissen die nachfolgenden Tracks eher zu verwirren. Gerne springen die Takte und Beats krumm durcheinander, schubsen Synthiespuren aus der Bahn und schaffen es trotzdem, gleichzeitig im Ziel zu erscheinen. Oft werden dabei Klangspuren verzerrt und verfremdet, sodass ein ausserirdisches Hörerlebnis entsteht. Zu dieser Musik lässt sich nicht unbedingt tanzen, aber vorzüglich darin verschwinden und mit gespitzten Ohren alle Spuren sezieren. IDM, der nicht immer gleich verstanden, aber mit der Zeit umso logischer wird – elektronische Musik für das Wohnzimmer und die drogenverrückten Freunde mit Geduld.

„Syro“ bleibt in der Gestaltung auf ähnlicher Spur wie bei der Musik: Kein Fettstreifen zu viel. Das Artwork besteht im Grunde genommen nur aus zwei Listen, eine mit allen verwendeten Synthesizers und Geräten, die zweite mit den kompletten Produktionskosten des Albums. Wären die drei Platten aus weissem Vinyl, würde das Album im Schnee sofort verschwinden und erst im Frühling wieder auftauchen. Das wäre sehr schade, denn Aphex Twin hat auch mit seinem sechsten Album bewiesen, dass er immer noch eine der wichtigsten Figuren im Bereich IDM und Techno ist.

Anspieltipps:
Xmas_Evet10 (Thanaton3 Mix), Syro U473t8+e (Piezoluminescence Mix), Aisatsana

Katatonia – Kocytean (2014)

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Katatonia – Kocytean
Label: Peaceville, 2014
Format: Oranges Vinyl, Record Store Day Pressung
Links: Discogs, Band
Genre: Goth Metal, Dark Rock

Der Record Store Day ist eine tolle Angelegenheit, bei der viele Bands spezielle Veröffentlichungen für Vinylliebhaber pressen lassen. So haben dieses Jahr auch Katatonia der fröhlichen Stimmung des Tages mit ihrem tieftraurigen Goth-Rock etwas hinzugefügt. „Kocytean“ ist eine kleine Sammlung von B-Seiten, also Songs, die es nie auf ein Album geschafft haben und nur als Bonusmaterial erhältlich waren. Dabei werden diese Lieder in Fankreisen sehr geschätzt und sind seit Jahren bekannt. Es macht also Sinn, die Auswahl auf oranges Vinyl zu pressen und den Freunden der Band offiziell zugänglich zu machen.

„Unfurl“ eröffnet die traurige Platte, in meinen Augen zählt der Song zu den besten der Band. Ruhig und sanft spielen Katatonia hier auf, der Gesang von Jonas Renske bringt auch die glücklichsten Optimisten zum schluchzen. Wie immer regiert bei der Gruppe Melancholie, Tristesse und Verzweiflung. „Unfurl“ trägt in sich noch ein klein wenig Zuversicht, diese verliert sich im Verlauf der EP aber vollends. Obwohl die Musik nie wütend aufbraust und die Lieder gerade im Vergleich zu den neueren Alben sehr poppig gespielt werden, lächelt man nie. „Code Against The Code“ schlägt die Gitarren dann aber auch mal hart an und spielt stärker im Goth-Metal als im düsteren Rock. Die Band streift dabei Artverwandte wie Paradise Lost oder Type O Negative, ohne ihren eigenen Klang zu verleugnen. Über die Jahre haben sich Katatonia einen Mantel aus Musik massgeschneidert, der die Band unverkennbar macht. Gerade die zu Selbstmord anstiftenden Texte und Gesangmelodien von Renske machen einen grossen Teil der Faszination aus. Der Typ kennt wohl nur einen Gemütszustand: Weltuntergang.

Fans der Band müssen hier zugreifen, versammelt das sehr hübsch gestaltete Vinyl doch sechs starke und gelungene Lieder der Band. Dank der kurzen Spieldauer ist es sogar möglich, nach dem Anhören weiterhin positiv den Tag zu gestalten. Bei voller Albumlänge brechen so manche Herzen. Für Leute mit Liebeskummer bleibt die Musik von Katatonia Anlaufstelle Nummer eins.

Anspieltipps:
Unfurl, Sold Heart, The Act Of Darkening

The Pineapple Thief – All The Wars (2012)

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The Pineapple Thief – All The Wars
Label: KScope, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock, Art-Rock

Am Schluss steht das Epos. „Reaching Out“ fügt endlich alle alten Teile und neuen Elemente von The Pineapple Thief zu einem fast zehn Minuten dauernden Ritt durch den New-Prog. „I Adore You“, sanft aber bedrohlich startet das Lied. Unter der Oberfläche brodelt es und nach knappen vier Minuten wird aus dem Popsong plötzlich eine stille Suite, die genüsslich den Hörer auf die Folter spannt, den Refrain mit Geigen und viel Emotion wiederholt, das Orchester immer mehr einbindet und dich plötzlich anspringt und mit einem harten Takt und Chorgesang zum Höhepunkt steuert. Einen solch guten Aufbau fand man bis zu dieser Stelle an keinem Punkt des Albums, und der Schlusspunkt ist grandios gesetzt. The Pineapple Thief erreichen einen neuen Level.

Obwohl – das Spiel mit den Harmonien, die Wechselwirkung von leisen Stellen mit Keyboard und Geige gegen die Ausbrüche mit voller Band im Bereich des Art-Rock und Prog, das beherrscht die Band wahrlich grossartig. Bruce Soord steht als Bandleader nicht nur am Mikrofon, sondern schreibt auch alle Songs der Ananasdiebe. Mit „All The Wars“ führt er dabei die harte und Stakkatogitarre ein, die Riffs kräftig anspielt, aber sogleich auch wieder verstummen lässt. Dieses Element zieht sich durch fast alle Songs, weiss aber genügend variiert zu werden, um nicht zu langweilen. „Burning Pieces“ steht damit am Anfang auch gleich als erstes Highlight. Unglaublich gross wird es meiner Meinung nach dann mit „Last Man Standing“. Eine wabernde Gitarre und der tolle Gesang von Soord leiten das Thema ein, der Refrain wird sanft dargeboten und mit Keyboards untermalt – „Why Did You Leave Me Standing?“ Doch die Verwunderung wird Wut, die Gitarre drücken hart an die Magenwand und wollen Antworten. Der freche Umgang mit Pausen und der Stille verleit dem Song eine unglaubliche Dynamik, so dass der eigentliche Ausbruch brutaler klingt als er eigentlich ist. Dass danach mit dem Titellied bedächtige 3 Minuten folgen, ist komplett richtig und gibt der Dramaturgie des Albums noch mehr Kraft.

„All The Wars“ wird wohl nicht jedem Begünstiger der Band gefallen, weiss aber Einflüsse wie Porcupine Tree oder Muse gut in den Stil der Band einfliessen zu lassen. Das Album ist mit seinen eher an Rocksongs orientierten Stücken knackig und wuchtig. Obwohl es seine Zeit braucht und sich erst nach und nach erschliesst, gefällt mir das Album nun unglaublich gut. Es macht Spass die Songs zu hören, man kriegt Lust Luftgitarre zu spielen und geniesst den New-Prog der zeigt, dass es nicht immer unzählige Tempiwechsel braucht, um spannend zu bleiben. The Pineapple Thief befinden sich auf dem richtigen Weg.

Anspieltipps:
Last Man Standing, All The Wars, Reaching Out

Das dazu passende Getränk:
Ananassaft, gestohlen, nicht gekauft.

Die besten Alben 2014

Weihnachtszeit ist Listenzeit. Schon als Kind schrib man in süsser Krackelschrift ein Zettel mit all diesen tollen Spielsachen voll, in der Hoffnung, zumindest die Hälfte davon unter dem Baum vorzufinden. Nachdem man diese beschützte Zeit hinter sich gelassen hat, kauft man sich Lego und Playmobil nun einfach selber – schliesslich arbeitet man ja nicht ohne Grund. Aber ohne Listen will ich weiterhin nicht auskommen, gerade als Ordnungsmensch. Naheliegend und für diesen Blog interessant: Die 10 besten Alben 2014, die besten Konzerte, die besten Songs, die besten Musikvideos, die besten Filme. Es gibt viel zu ordnen, aufzuschreiben und zu bewerten, gerne geschieht dies auch unter Freunden zu einem gesunden Glas Hopfensaft.

2014 war musikalisch gesehen ein gutes Jahr, viele Veröffentlichungen waren von hoher Qualität und lohnten sich gegen Goldmünzen in die Wohnung zu schleppen. Was allerdings fehlte, war ein Ausreisser. Keine Platte überstrahlte alle anderen, keine Band erschuf ein Meisterwerk für alle Zeiten. Somit hatte ich echt Probleme, eine Top Ten zu erstellen und die richtige Reihenfolge zu eruieren. Wie immer gilt hier natürlich: Die Wertungen sind komplett subjektiv und werden von keinem zweiten Menschen so gesehen. Sehr wahrscheinlich habe ich auch genau die Platte verpasst, die euch am besten gefällt. Hier seid ihr gefragt, schreibt und diskutiert mit. Denn wie gesagt, 2014 hat so einiges Bermerkenswertes auf die Plattenteller serviert.

Top 10-2014_MBohli

Gewonnen hat dieses Jahr:
Anathema – Distant Satellites
Die wunderschön traurige Mischung aus Art-Rock, sphärischen Klängen und Melancholie blieb bei mir am stärksten haften. Das Songwriting der Band wird auf dieser Platte perfektioniert und führt den Weg der Vorgänger konsequent weiter. Mit neuen Ideen, wie der stärkeren Einbringung von elektronischen Beats, und Besinnung auf alte Tugenden, ist ein träumerisches Werk voller Sehnsucht, Liebe und Leben entstanden.

Auf dem zweiten Platz hat sich in letzter Sekunde noch ein unbekanntes Gesicht eingeschlichen. Das unbetitelte Debüt von Antemasque ist ein spassiges Kind von zwei bekannten Musikern: Omar Rodriguez-Lopez und Cedric Bixler spielen nach „At The Drive-In“ und „The Mars Volta“ wieder zusammen. Songs voller Freude, auf einem festen Fundament voller Gitarren und Gesang.

Die Bronzemedaille holen sich Archive mit ihrem Film-Musik Projekt Axiom. Ihr Konzeptwerk der monochromen Ambient-Electronica funktioniert sowohl mit den utopischen Bildern, als auch ohne. Grandioser Aufbau, wundervolle Wände. Zum träumen und fürchten.

Zu allen weiteren Alben in der Bestenliste finden sich die Reviews ebenfalls auf diesem Blog, gesammelt im Review-Index. Viel Spass beim nachlesen, nachhören und beurteilen. Dass fast alle Cover vor allem Schwarz in den Vordergrund stellen, sagt übrigens nichts über mein Jahr aus. 😉

Und hier noch mehr tolle Musik, die es aber knapp nicht auf das obere Bild geschafft hat. Auch hier gilt: Alle Platten wurden auf diesem Blog vorgestellt und besprochen.
Das beste Werk aus der Schweiz war für mich die EP von Moscow Mule.

Weitere Alben-2014_Mbohli

Sunn 0))) & Ulver – Terrestrials (2014)

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Sunn 0))) & Ulver – Terrestrials
Label: Southern Lord, 2014
Format: Vinyl
Links: Discogs, Ulver, Sunn 0)))
Genre: Drone, Ambient, Experimental

Erde, Himmel und Unterwelt vereinen sich unter der roten Sonne. Der Wind dröhnt in den Ohren und Staub zerkratzt deine Augäpfel. Du kämpfst dich weiter durch die Einöde voller Dreck, Schrott und Schutt. Das Rauschen in der Luft und die Tänze der Partikel bilden eine hypnotische Wirkung, die dich magisch weitertreibt. Ist das wirklich eine Melodie? Spielt da jemand Musik? Oder bist du nun endgültig verrückt geworden?

Wenn Sunn 0))) – die sich nach dem gleichnamigen Verstärkerhersteller benannt haben – erscheinen, ist das nie weniger als eine Urgewalt. Ihr ohrenbetäubender Saft aus Drone, Doom und Ambient stösst sich mich brachialer Wucht in die Gehörgange und weiss besonders Live den Körper genau so zu schänden wie den Geist. Ulver (unter der Leitung von Kristoffer Rygg) können mit solchen Ereignissen umgehen und wissen ihre Musik auch immer wieder ins Extrem abdriften zu lassen, sei es leise oder laut. Gemeinsam entstand nun eine Platte mit drei improvisierten Klangepen, die in ihrer abgrundtief düsteren Schönheit so manch anderes Album in diesem Jahr überstrahlten. Wie ein Monolith steht „Terrestrials“ am Horizont und kann weder umgangen noch aus den Augen verloren werden.

Alle Musiker haben es auf diesem Album geschafft, ihre eigenen Stärken so zu mischen, dass ein neues und in sich geschlossenes Erlebnis entsteht. Der Drone von Sunn 0))), mit seiner schwarzen Seele und alles vernichtenden Wall Of Sound, trifft auf das ulversche Talent der Dynamik und dramaturgischen Inszenierung. Dabei ist die Platte nicht nur die Summe ihrer Teile, sondern mehr; mehr Dramatik, mehr Sinn, mehr Klang. Rauschen und laute Verzerrung mischen sich mit fern erklingenden Bläsern oder Streichern, Gesang fügt sich wie ein Instrument zwischen die lauten Tonspuren. Dabei ist die Musik mehr Klangästhetik als Lied, mehr organische Struktur als Album. Egal ob ein Stück 9 oder 14 Minuten dauert, Zeit und Raum verlieren ihre Bedeutung. Da mit „Terrestrials“ die Extremen des Metals eher ausgelassen werden, bietet sich das Album auch für Hörer von Ambient und experimentellen Klangspielen an. Mächtig.

Anspieltipps:
Let There Be Light, Eternal Return

Das dazu passende Getränk:
Ein Glas Staub aus der Wüste.

Opeth – Pale Communion (2014)

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Opeth – Pale Communion
Label: Roadrunner Records, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Prog-Rock, Folk

Das kam jetzt sehr unerwartet, besonders nachdem Opeth mit ihrem Vorgänger „Heritage“ ihren düsteren Prog-Metal gegen 70er Retrorock eingetauscht hatten. Damit haben sie nicht nur viele Altfans verloren, sondern auch ein wenig ihre Herkunft verleugnet. Aber Mikael Åkerfeldt ist nicht auf den Kopf gefallen, denn mit „Pale Communion“ ist diese Entscheidung rückblickend logisch und führt das neue Album perfekt ein. Die Musik wendet sich wieder stärker der Prog zu und umgarnt dabei Jahrzehnte voller Musikgeschichte. Dass die Band damit ins gleiche Becken wie Steven Wilson mit seinem letztjährigen Meisterwerk „The Raven That Refused To Sing“ springt, zeugt nur noch mehr von der starken Freundschaft zwischen den Frontmännern.

„Eternal Rains Will Come“ legt gleich die Karten auf den Tisch: Opeth spielen nun Progressive-Rock mit kleinem Metaleinschlag. Dabei erinnert die Musik dank viel Mellotron oft an Bands aus vergangenen Tagen. King Crimson stehen nickend im Raum und klopfen dabei auch noch Genesis auf die Schulter. Dass Åkerfeldt nur noch klar stingt und keine Growls mehr in die Texte einbringt, passt hier sehr gut. Die Musik hat eine gewisse Beschwingtheit und weiss trotz ihrem Gewicht federleicht zu tanzen. Besonders beim ersten Highlight „Cusp Of Eternity“ fügt sich alles perfekt zueinander, wie bei einem vollendeten Puzzle. Da hämmern die Gitarren mit der Orgel den Rhythmus auf den Tisch, das Schlagzeug treibt die Gruppe unermüdlich vorwärts und Mikael singt melodisch wie nie. Solche Lieder gefallen bereits beim ersten Mal, entfalten ihre Stärken aber weiterhin Stunden später. Immer wieder lösen sich klare Gitarren aus der Meute und bieten sanft gezupfte Melodien wie bei Steve Hackett. Alles ist wie eine moderne und innovative Hommage.

Mit „Pale Communion“ hat Opeth die Kurve gekriegt und eines der besten Alben in diesem Jahr abgeliefert. Die Musik ist spannend, abwechslungsreich und faszinierend in Produktion und Ausführung. Wie sich die Songs harmonisch verbinden, ergänzen und zusammen den grossen Prog zelebrieren ist eine wahre Freude. Ein Werk voller düsterer Hoffnung, melancholischer Freude und melodischer Härte.

Anspieltipps:
Cusp Of Eternity, Goblin, Faith in Others

Das dazu passende Getränk:
Pale Ale

Abraham / Coilguns – Split (2014)

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Abraham / Coilguns – Split
Label: Hummus Records, 2014
Format: 12inch, mit CD, Dankeskarte und Bild
Links: Discogs, Abraham, Coilguns
Genre: Sludge-Metal, Doom, Hardcore

Crowdfunding-Seiten im Internet sind schon eine tolle Sache. Da kann man stundenlang rumstöbern, kreative Projekte begutachten und sein Geld an viele liebe Menschen verteilen. Oft entdeckt man dabei auch gute und bisher unbekannte Musik, so geschehen auch bei der neuen Split-Single von Abraham und Coilguns. Die beiden Schweizer Metalbands haben sich für eine Platte zusammengetan und diese, dank der zahlreichen Unterstützung von Fans, in Mexiko aufgenommene Musik auf Hummus Records veröffentlicht. Das Endprodukt wurde sehr liebevoll gestaltet und beinhaltet in meiner Variante nicht nur das Vinyl, sondern auch noch die Split als handgefertigte CD, eine Dankeskarte und ein sehr schön gezeichnetes Bild. So sehen Belohnungen aus.

Abraham legen auf der ersten Seite mit weniger hübschem, aber sehr intensivem und schleppendem Sludge Metal los. Der 16 Minuten lange Track kriecht wie ein Zombie ohne Beine dem Boden entlang, immer weiter in deine Richtung. Egal wie schnell du davonrennst, bei der nächsten Wegbiegung ist das Monster wieder vor dir. Kurze Stellen zum Luft holen nützen auch nichts, die depressive und rabenschwarze Musik vernichtet alle Hoffnung und verschliesst jeden Ausweg. „Chasing Dragons, Chasing Light“ ist sehr intensiv und episch, eine gewisse Nähe zu ISIS lässt sich nicht verleugnen. Besonders bei wiederholtem Hören entfaltet sich die ganze Wucht des Songs.

Coilguns wüten auf der zweiten Seite da schon um einiges brachialer. Das ehemalige Spassprojekt, welches aus Luc Hess und Jona Nido besteht, experimentiert gerne mit verschiedenen Stilen und Musikern. Nebst Metalausbrüchen finden sich in den drei Liedern auch die wilden Seiten des Hardcore, ruhiger Rock aus vergangenen Jahrzehnten und leise Momente. „Drainers“ prügelt sofort auf dich ein, und obwohl du deine Hände erhebst und wimmerst, dass du unschuldig bist, zeigen Coilguns keine Gnade. Mit ihrem langen „The Archivist“ wischen sie sich die blutigen Knöchel an der alten Backsteinwand ab und schleicht weiter durch die düsteren Strassen. Mit viel Geräusch und Einspielungen erinnert der Anfang dabei an Ambient, um dann wieder mit tollen Gitarrenriffs deine Fresse zu zerschneiden und gegen Schluss kopfschüttelnd abzurocken.

Hummus Records haben mit dieser Split eine starke Veröffentlichung in ihr Programm aufgenommen und viel Herzblut bei der Verarbeitung bewiesen. Beide Bands lohnen sich, genauer betrachtet zu werden und ich konnte im düsteren Verlies des Metal wieder weitere Türen öffnen.

Anspieltipps:
Chasing Dragons, Chasing Light (Abraham), The Archivist (Coilguns)

Das dazu passende Getränk:
Bier! (Bei Coilguns mit einem Schuss Tabasco)

https://hummusrecords.bandcamp.com/track/drainers

Marillion ‎– A Collection Of Recycled Gifts (2014)

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Marillion ‎– A Collection Of Recycled Gifts
Label: Racket Records, 2014
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Cover, Weihnachten, Pop

Weihnachtslieder und ich, nicht gerade eine Liebesbeziehung. Allgemein kann ich mit der Zeit der Besinnlichkeit und grossen Geschenke nicht viel anfangen, darum fand man in meinem Regal bisher nur eine Weihnachtsliedersammlung: Die erste EP-Box von Sufjan Stevens mit all seinen witzigen, verrückten und nerdigen Folksongs. Der Kaufgrund war hier aber nicht das Thema, sondern das musikalische Talent von Stevens – denn er schafft es, aus nervigen Tannenbaumliedern entrückte Kleinode zu zimmern. Marillion fanden aus ähnlichen Gründen mit „A Collection Of Recycled Gifts“ ihren Weg in meine Sammlung. Hier war vor allem der Sammlerdrang das ausschlaggebende Argument.

Die von mir immer begeistert angehörten Art-Rocker haben eine langjährige Tradition, in der sie für ihren Fanclub jedes Jahr im Dezember eine Weihnachtssingle aufnehmen. Dahinter steckt weniger eine bitterernste Angelegenheit, sondern mehr der Spassgedanke und die Freude, altbekannte Songs einzuverleiben. All diese Lieder gibt es nun als Kompilation in ihrem Shop zu kaufen. Grundsätzlich ist es immer interessant, bekannte Lieder im eigenen Stil einer Lieblingsband zu hören. Doch leider verändern Marillion die Festtagsklassiker hier zu wenig, um daraus neue Welten zu erschaffen. „Happy XMas (War Is Over)“ bleibt beispielsweise so nahe am Original, dass nur die Stimme von h ein Hinweis auf die Band gibt. Schade, denn gerade bei solchen zu Tode gespielten Stücken wäre es interessant gewesen, alles komplett auseinander zu reissen und mit neuen Melodien, Instrumenten und Stimmungen zusammen zu kleben.

Erst ab der Hälfte dieser Sammlung wagt sich die Band, ihre Klangmerkmale wie das sphärische Gitarrenspiel von Rothery oder die wuchtigen Keyboardflächen von Kelly einzubauen und aus Liedern wie „The Carol Of The Bells“ eine echte Marillion Geschichte zu gestalten. Für mich bleibt unter dem Strich aber zu wenig übrig, um diese CD regelmässig (wenn auch nur in der Weihnachtszeit) aus der Marillion Sammlung zu holen. Weihnachtssongs lösen bei mir weiterhin eher den Drang aus, die Stereoanlage aus dem Fenster zu werfen, als mit Elfenmütze durch das Wohnzimmer zu tanzen. Daran können auch Marillion mit ihrer eigenen Art von Humor nichts ändern. Immerhin fliesst pro verkauftes Album ein Pfund in den „Teenage Cancer Trust„. Freunde von Weihnachtsalben werden damit eine doppelte Freude beim Anhören verspüren.

Anspieltipps:
The Christmas Song, The Erin Marbles, The Carol Of The Bells

Das dazu passende Getränk:
Glühwein, was sonst.

Kejnu – Centillion (2014)

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Kejnu – Centillion
Label: Eigenveröffentlichung, 2014
Format: Doppel-CD im Klappcover
Links: Shop, Band
Genre: Indie-Pop, Alternative, Electornica

Kejnu – oder besser gesagt Nuél Schoch und seine Musiker – veröffentlichen seit 2006 wunderbare Alben im Stil des experimentierfreudigen Indie-Pop. Dabei haben sich die Band und ihre Musik über die Jahre teilweise stark gewandelt. War es früher ein Singer-Songwriter-ähnliches Projekt mit melancholischen und alternativen Popsongs, ist es heute ein spannendes Bandgefüge mit Einflüssen und Ausdrücken aus allen Ecken der modernen Popmusik. Dass die Zentillion eine Eins mit 600 Nullen ist, spiegelt die  Vielfalt ihrer Musik schon im Albumtitel. Kann sich die Qualität aber auch über zwei CDs und 20 Lieder behaupten?

Auf ihrer Homepage spricht die Gruppe davon, auf „Centillion“ Alternative, Lo-Fi, Electronica, Pop und Rock zu mischen. Das klingt auf Papier zuerst sehr abenteuerlich und überheblich, stellt sich aber als wirklich gelungene Mixtur heraus, ohne zu viel zu versprechen. Gleich beim ersten Lied „Egocentrix“ ist man sich nie ganz sicher, ob nun ein echtes Schlagzeug oder ein Computer den Takt angibt. Intelligent werden programmierte und eingespielte Spuren vermischt und übereinander geschichtet. Gitarre und Keyboard arbeiten weniger mit Melodien und einzelnen Tönen, sondern geben sich oft den Flächen hin und vermischen sich mit dem Gesang. Nuél wird dabei vom Tastenmann Ramon Ziegler unterstützt, die doppelte Stimmen begeben sich gerne in den Hintergrund und kuscheln sich neben die Klangwände. Die Unart vieler Schweizer Musiker, ihre Stimme und Texte immer extrem präsent in den Vordergrund zu stellen, weiss hier umgangen zu werden. Die Gesangsführung ist vielleicht nicht jedermanns Sache, werden die Texte (welche ich ehrlich gesagt nicht immer erfassen kann) in einer eher hohen Kopfstimme gesungen und erinnern dabei auch mal an Thom Yorke.

Mit 20 Songs muss man einiges zu erzählen wissen, Kejnu stehen hier gottlob nicht an. Sicherlich, ein Album mit fast 100 Minuten Spielzeit weist ab und zu Ermüdungsmomente oder kleine Längen auf. Die Band experimentiert aber gerne mit Rhythmen, Taktspielereien und verschiedenen Genres. So dürfen Post-Rock Gitarren und Space-Rock-artige Synthies auf Besuch kommen, Beats und Keyboards abzappeln oder der Herzschmerz mit Gitarre und Gefühl auf der Treppe sitzen. Einspielungen und viele Effekte verzieren die Stücke wie eine Girlande ein tolles Geburtstagsfest. Gerade Alessandro Giannelli am Schlagzeug und James Varghese am Bass wagen gerne mal Ausbrüche und lassen die Konventionen links liegen. Wunderbar und eigentlich auch erstaunlich, dass mit dieser Masse ein klar wiedererkennbares Klangbild erschaffen wird, und Kejnu klingt wie, nun ja, Kejnu. Immer meint man Anleihen von internationalen Bands zu erhaschen, aber am Schluss steht die Erkenntnis klar da: Die vier Männer haben ihre eigene Welt geformt. Nuél Schoch bleibt dabei der kreative Leiter, schreibt und spielt die Musik nicht nur grösstenteils ein, sondern gestaltet auch die CD und das Artwork. Somit ist „Centillion“ ein Koloss grossartiger Indie-Alternative-Experimental-Pop Musik, oder besser gesagt: Post-Pop, und eines der besten Alben 2014 aus der Schweiz.

Anspieltipps:
Egocentrix, Candelabra, The Droning, Mountaineers, Silhouettes, Handyman