post-rock

Interview mit Giant Sleep – Länder verbindender Rock

Im Gespräch mit:
Patrick Hagmann (Gitarre) und Thomas Rosenmerkel (Gesang) von Giant Sleep

Mit ihrer Urgewalt verbindet die Musik von Giant Sleep nicht nur Länder, sondern auch diverse Genres. Man findet in den Songs düsteren Doom, fordernden Prog und elegischen Post-Rock – und trotzdem klingt die Band total eigen. Wie erreicht man eine solche Eigenständigkeit? Zeit, mal etwas genauer nachzufragen.

Michael: Monumental – so simpel lässt sich euer zweites Album „Move A Mountain“ beschreiben. Natürlich wird dieses Destillat der Musik nicht gerecht. Wie würdet ihr es nennen?
Patrick: Ich würde es zeitlos nennen – ein bunte Achterbahnfahrt von den 70ern bis heute, haha.
Thomas: In der Tat monumental, deshalb auch der monumentale Albumtitel und das Artwork.

Die Platte ist erst die zweite, die ihr als Giant Sleep aufgenommen habt. Wie kann man als Band so früh bereits eine solche Dichte im Klang erreichen?
Patrick: Ich denke, ein wichtiger Grund ist, dass wir insgesamt schon sehr lange in verschiedenen Bands und Stilrichtungen unterwegs sind. Mit Markus (Gitarre) habe ich viele Jahre bei bei Fear My Thoughts gespielt, leider ist er neulich ausgestiegen. Unser neuer Gitarrist ist übrigens Ex-Zatokrev-Gitarrist Tobi Glanzmann. Somit ist die Band selber zwar relativ jung, wir machen das aber schon seit Ewigkeiten. Thomas singt sicher schon seit 35 Jahren in Bands.

Eure Musik zehrt von Post-Rock, Stoner, Doom und vielen anderen Unterarten der harten Gattungen. Woher kommen diese Inspirationen?
Patrick: Wirklich jeder von uns hat einen sehr breit gefächerten Musikgeschmack. Ich stehe auf 70er Prog, Black- und Death Metal, Avantgarde-Zeugs, 80er Metal. All diese Einflüsse lassen wir zu, soweit sie von den anderen Mitgliedern auch mitgetragen werden können. Unser Drummer ist z.B. kein Metalfan, da haben meine Black Metal-Riffs eher keine Chance. Wir sind eine sehr demokratische Band, wir achten darauf, dass jeder mit dem Komponierten einverstanden ist.
Thomas: 1977 fand ich im Rinnstein eine Schlagermusikkassette, die jedoch überspielt war mit Musik von Black Sabbath und Golden Earing – seither bin ich Fan.

Ist es ein Einfaches, all diese Einflüsse unter einen Hut zu bekommen, oder baut ihr die Lieder bis zur Aufnahme viele Male um?
Patrick: Die Songs entstehen zum Grossteil sehr natürlich, wir folgen dem Flow und setzen uns wenig Grenzen. Es ist tatsächlich nicht schwer, unsere Einflüsse zu verbinden. Beim ersten Album war es noch so, dass wir vieles umgebaut hatten. Aber mit dem neuen Album waren wir schon so gut aufeinander eingespielt, dass das meiste so auf der Platte gelandet ist, wie es als erste „Rohfassung“ entstanden war.
Thomas: Mal so, mal so. Wir glauben eher an Gewürze als an Rezepte.

Wie geht ihr beim Songwriting denn vor? Ist es eine Klangfindung im Bandraum beim Jam, oder werden gesamte Passagen von einzelnen Mitgliedern erarbeitet und dann zusammengefügt?
Patrick: Ersteres. Wobei es schon vorkommt, dass jemand mit einem oder zwei Grundriffs von Zuhause ankommt. Damit wird dann herumgejammt, bis sich neue Ideen ergeben. Traditionellerweise beginnen wir jede Probe mit einem Aufwärmjam. Aus diesen Jams heraus haben sich schon einige Songs entwickelt. Ich geniesse diese Arbeitsweise sehr, da es in meinen anderen Projekten eher so aussieht, dass ich komplett alles arrangiere, aufnehme, produziere, programmiere und die Musiker, mit denen ich zusammenarbeite, dann das fertige Produkt vorgesetzt bekommen. Ich mag beide Herangehensweisen. Aber das gemeinsame Jammen hat natürlich etwas Organischeres.

Text und Melodie halten sich bei euch gut die Waage – besteht oft die Gefahr, dass etwas zu viel Gewicht erhält und die Lieder somit anders wirken?
Thomas: Da die Texte und Gesangsmelodien alle von mir sind, muss ich wohl mit dieser Gefahr leben. Aber ein bisschen Gefahr ist ja auch spannend.

Beim Gesang werden oft prägnante Sätze mehrmals wiederholt – etwas, das man mit Gitarren für die emotionale Steigerung ebenso einsetzt. Ist die Stimme also ein weiteres Instrument?
Patrick: Diese Wiederholungen haben für mich etwas archaisches, rituelles – ohne jetzt in die okkulte Ecke abdriften zu wollen. Sie versetzen mich und vielleicht auch den Hörer tatsächlich manchmal in Trance-ähnliche Zustände. Der Thomas ist fast schon ein Schamane.
Thomas: Wiederholungen von Phrasen sind halt ein alter Blues-Trick, aber auch schon die Wikinger haben Stab-Reime benutzt. Die Stimme ist das archaischste aller Instrumente. Gesungen wurde schon, bevor das erste Tier getötet wurde. Das Material für Trommeln, Pfeifen und Saiteninstrumente gab es erst danach.

Ihr spielt gerne mit der Verbindung zwischen der Schweiz und Deutschland, auch da ihr Musiker aus beiden Ländern dabeihabt. Doch was hat es sich mit dem „Last Exit Aargau“ denn genau auf sich?
Thomas: Ja, wenn ich am strahlend blauen Himmel das Leibstadtwölkchen sehe, dann weiss ich, im Helvetiapark ist alles in Ordnung, der Reaktor kühlt noch. Ich bin sehr schweizophil. Wir wollten schon mal einen Tunnel unterm Rhein graben und abhauen. Die Polizei hat uns aber gestoppt. „The Last Exit Aargau“ ist ein Heimatlied und sollte ein bisschen Werbung für die Sterbe-Hilfe-Klinik sein, um einige Leute dazu zu bewegen, sich dort anzumelden, z.B. Herrn Trumputin.
Patrick: Thomas, Markus und ich sind direkt an der Schweizer Grenze aufgewachsen. Mein Vater, mein Onkel, meine Frau, viele Freunde, alles Grenzgänger. Das prägt die ganze Region hier schon etwas. Also nicht wirklich tiefgreifend, aber die Konstellationen, Chancen, Begegnungen und Annäherungen, die sich durch diese Lage im Dreiländereck ergeben, sind einfach spannend. Wir spielen gerne etwas mit der Tatsache, dass wir aus verschiedenen Kulturkreisen kommen. Alleine dass wir zum Proben in ein anderes Land müssen und unsere Gitarren oder Amps eigentlich deklarieren müssten, ist doch schon etwas Besonderes (lacht). Bis vor kurzem war die Bandkonstellation: Drei Deutsche in Deutschland, ein Deutscher in der Schweiz und ein echter Schweizer. Jetzt sind es zwei Schweizer, zwei Deutsche und einer 50/50. Das ist doch eine schöne Balance.

Mit „12 Monkeys“, „Love Your Damnation“ oder „Forever Under Ground“ werden nicht unbedingt sehr positive Bilder gezeichnet. Ist die Melancholie der heutigen Zeit einfach zu verlockend?
Thomas: Wie gesagt, ich liebe Doom und düstere Musik. Doch in der heutigen Zeit meine ich eher Dummheit als Melancholie zu erkennen.
Patrick: (lacht) Ich glaube, der Thomas schreibt schon seit den 80ern in diesem Stil. Ist die heutige Zeit melancholisch? Ich weiss es nicht. Die 80er im Schatten des Kalten Krieges, Tschernobyl etc. war sicher auch sehr von Angst, Pessimismus und  Melancholie geprägt. Gab es überhaupt mal eine Epoche der Menschheitsgeschichte, die frei von Krieg und Leid war? Wahrscheinlich nicht, das ist einfach die menschliche Seele.

Giant Sleep haben ein sehr eigenes Klangbild, eure Musik lässt sich selten mit anderen Bands direkt vergleichen. Gibt es denn auch Pläne, euer restliches Auftreten (Design, Bühnen-Outfit etc.) als durchdachtes Paket zu gestalten?
Patrick: Da gibt es durchaus Überlegungen. Aber irgendwie sind wir nebenher auch so sehr mit unserem Tagesgeschäft beschäftigt, dass wir all unsere freie Zeit lieber in das Proben und Schreiben investieren. Zudem hat sich auch herausgestellt, dass jeder komplett andere Vorstellungen von „coolem Bühnenoutfit“ hat. Wir sind schon froh, dass Markus immer das Design übernommen hat, er macht dies hauptberuflich.

Ihr habt alle bereits in anderen Bands gespielt. Wie fühlt es sich denn an, mit Giant Sleep noch einmal „neu“ zu starten?
Patrick: Es fühlt sich sehr gut an. Wir haben mit unseren alten Bands viele Erfahrungen gemacht und wissen heutzutage ganz genau, was wir wollen. Das bringt eine gewisse Gelassenheit mit sich, die sich sehr positiv auf die ganze Band-Atmosphäre auswirkt. Wir sind uns auch alle bewusst, dass wir ein Haufen alter Säcke sind, die sicher nicht der nächste heisse Scheiss werden. Diese Gewissheit nimmt uns Druck. Wir wollen einfach eine gute Zeit zusammen haben, ob im Proberaum oder auf der Bühne. Wenn das ein paar Leute geil finden, super!
Übrigens: Wir suchen Konzerte! Booker, meldet euch!
Thomas: Es macht mich froh und dankbar, mit so fähigen Musikern und grossartigen Charakteren Musik machen zu dürfen.

Welcher Berg müsste eurer Meinung nach bewegt werden?
Thomas: Das ist, glaube ich, individuell verschieden und jeder muss wahrscheinlich selbst wissen, wann und wo die Revolution beginnt.

Wann holen sich die Musiker von Giant Sleep denn den grossen Schlaf?
Patrick: Vier Fünftel der Band haben Kinder. Der grosse Schlaf ist das utopische Ziel, das unglaublich grosse Verlangen, mal wieder anständig schlafen zu können. Ich glaube, Thomas hat noch eine andere Theorie. Die klingt mysteriöser.
Thomas: Giant Sleep ist eine Metapher für den Tod und „bedenke du bist sterblich“ – irgendwann ist halt Sense.

Besten Dank für eure Zeit und weiterhin viel Erfolg.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Giant Sleep – Move A Mountain (2017)

Giant Sleep – Move A Mountain
Label: Eucalypdisc, 2017
Format: Download
Links: Bandcamp, Band
Genre: Prog, Stoner Rock, Post-Rock

Merkwürdig, die Alpen stehen doch gar nicht zwischen Südwest-Deutschland und der Nordwest-Schweiz, trotzdem erwartet einem bei der Musik von Giant Sleep eine wahre Kette an Bergen zum erklimmen. Die fünf Herren stellen uns aber nicht nur Steigeisen zur Verfügung, sie zeigen mit ihrem zweiten Album „Move A Mountain“ auch gleich, dass solche Felsen nicht nur beweglich sind, sondern man diese auch nach eigenem Gutdünken formen kann. Schliesslich geschieht dies hier auch mit den Stilrichtungen – und etwas völlig eigenes und fesselndes entsteht.

Bereits bei „12 Monkeys“ ist schnell klar, Giant Sleep sind keine übergrosse Eintagsfliege – viel mehr ist ihr innovatives Gebräu aus hartem Stoner Rock, den wechselnden Ideenbögen des Prog und den Ausschweifungen des Post-Rock auch auf „Move A Mountain“ fordern und extrem mitreissend. Dies ist dem grossartigen Songwriting zu verdanken, dass aus schweren Riffs, ungeraden Takten und dem leidenschaftlichen Gesang von Thomas Rosenmerkel ein extrem mitreissendes Album formt. Alles hält sich perfekt in Waage, Blues und Metal schleichen sich zwischen die Strophen.

Mit dem Epos „Forever Under Ground“ und dem leidensfähigen Highlight „Love Your Damnation“ zeigen Giant Sleep nicht nur, dass man die Rockmusik immer noch komplett neu gestalten kann, sondern dass Leidenschaft und Intensität immer am besten funktioniert, wenn Musik und Texte komplett ehrlich daherkommen. „Move A Mountain“ ist somit eine dieser Platten, die man zwar stilmässig nirgends richtig einordnen, dafür für alle ihre Facetten inbrünstig liebt. Dieser Heavy Rock wird unser aller neuer Gott.

Anspieltipps:
12 Monkeys, Forever Under Ground, Love Your Damnation

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

sleepmakeswaves – Made Of Breath Only (2017)

sleepmakeswaves – Made Of Breath Only
Label: Pelagic Records, 2017
Format: Dowload
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Rock

Immer wieder dieser Post-Rock, manchmal überrasche ich mich selber, dass ich doch gerne zu diesem Genre zurückkehre. Denn zu vieles, was unter diesem Label verbrochen wird, wirkt einfach nur gleich. sleepmakeswaves aus Australien klopfen mir aber mit jedem neuen Album wieder auf den Rücken und sagen: Es gibt auch positive Ausnahmen. „Made Of Breath Only“, ihr drittes Studioalbum, beweist genau dies mit Wucht, Ideenreichtum und passend eisigem Cover.

Denn die vier Musiker hantieren auf dieser Scheibe nicht nur mit glasklaren und kalten Kristallen, sondern musikalischen Ideen, die einem immer wieder freudig erschaudern lassen. Instrumental und selbstbewusst dargeboten, bietet der Rock von sleepmakeswaves seit 2006 Möglichkeiten um Emotionen zu erleben, schmerzhaften Situationen durchzustehen und zu träumen. Auch mit Stücken wie „Worlds Away“ oder „Into The Arms Of Ghosts“ passiert genau dies – danke harten Riffs, schwerem Drumming und elegischen Melodien.

 

sleepmakeswaves fangen sich hier nicht selber in der ewigen Spirale der Lautstärkensteigerungen oder mäandernden Gitarrenmotive, sondern lassen die Härte das Album kapern, nur um im richtigen Moment wieder alle Tore für die wunderschönen Klangwände zu öffnen. In knackig gehaltenen Stücken bleibt somit alles frisch wie auch in der „Tundra“, und das Werk trifft immer wieder mit voller Wucht. „Made Of Breath Only“ ist somit also nicht nur für Liebhaber eine wundervolle Scheibe, sondern auch Leute, die den Post-Rock schon länger vergessen wollten. Hier kehrt die wilde Leidenschaft zurück.

Anspieltipps:
Worlds Away, Tundra, Into The Arms Of Ghosts

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: arms and sleepers, Dynamo Zürich, 17-06-01

arms and sleepers
Support: Silentbass
Donnerstag 01. Juni 2017
Werk21, Zürich

Du erreichst die Schweiz und was ist das erste was du tust? Endlich in den Burger King etwas essen gehen – eine logische Schlussfolgerung für Mirza Ramic, Verfechter des eher fettigen Essens. Aber trozt all diesen Ablenkungen und den hohen Temperaturen im Saal des Werk21 in Zürich war der Künstler mehr als bereit, ein treibendes Konzert mit arms and sleepers zu spielen – und bot zugleich eine der seltenen Chancen, seine Musik mit Band zu erleben. Denn oft zeigt sich Ramic mit Gerätschaften und Keyboards alleine, diesen Donnerstag wurde die packende Mischung aus Post-Rock und instrumentalem Trip-Hop aber mit Schlagzeuger und Organist dargeboten.

Und gleich nach wenigen Minuten war klar: Dieser klangliche Druck tut den neuen Lieder vom Album „Life Is Everywhere“ mehr als gut. Die Beats wurden zu wilden Anfeuerungen, die elektronischen Spielmittel zu umfassenden Wänden und sogar Gitarrenmelodien mischten sich unter die Basis. Schnell versank man in den Songs und bewegte sich im Takt wie ein Grashalm vor dem Subwoofer. Begleitet von tollen Animationsfilmen hüpften arms and sleepers von Stück zu Stück und zeigten, dass auch Liebhaber der Gitarrenmusik nicht vor Hip-Hop Angst haben müssen.

Einander die Furcht zu nehmen war allgemein ein grosses Thema an diesem Konzert – geht es fur Ramic doch nicht nur darum Musik zu spielen, sondern sich dem Publikum anzunähern. Als Solokünstler steht er inmitten der Besucher, mit seiner Band zwar auf der Bühne, aber doch immer zu einem Schwatz bereit. So durfte man auch in Zürich vor den Zugaben, welche auch den Post-Rock wieder in das Dynamo brachten, dem Künstler Fragen stellen und viel Witziges erfahren. arms and sleepers beweisen somit erneut, dass diese Gruppe zu den wohl sympathischsten Musikern überhaupt gehört – und weiss dies auch mit ihren Darbietungen zu unterstreichen.

Silentbass war da eher das pure Gegenteil, was aber kein Nachteil bedeutete. Denn gemäss seinem Namen gab es bei diesem Supporting-Auftritt keine grossen Reden, sondern effektvoll veränderte Bassläufe, modulierte Klänge und mit Loopgeräten geschichtete Lieder. Die Lieder flossen schier übergangslos ineinander und liessen bei vielen die Gedanken in die Ferne schweifen. Auch hier gab es wunderbare Animationsfilme, welche den Post-Rock des Duos perfekt untermalte und das Spiel an den Instrumenten war genau so träumerisch wie die Bilder. Normal war an diesen Konzerten wenig – und das muss auch nicht sein.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Nihiling – Batteri (2017)

Nihiling – Batteri 
Label: Kapitän Platte, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Post-Rock

Als 2014 das selbstbetitelte Werk der Hamburger Band Nihiling erschien, war ich selber nicht komplett überzeugt. Zwar zeigten die Musikerinnen und Musiker, dass sie kreativ mit dem Post-Rock umzugehen wissen, manche Ideen konnten aber nicht formvollendet ausgeführt werden. Mit dem Nachfolger „Batteri“ steht uns nun aber endlich ein Album bevor, das die Band bestens von ihren beiden Seiten zeigt. Denn hier erhält man nicht nur neue und abenteuerliche Instrumental-Songs, sondern Grenzerfahrungen.

Die erste Seite von „Batteri“ lässt Nihiling mit mehrstimmigem Gesang, surrenden Synthies und effektvollen Melodien die unbekannten Gewässer erforschen. Klassischer Post-Rock kann man hier endlich komplett vergessen, vielmehr wagt die Gruppe ihre eigene Interpretation des Genres. Das wird sogar soweit getrieben, dass man bei Stücken wie „Lungs“ kratzenden Pop erhält. Und das ist wundervoll anzuhören, wie die klangliche Version einer sinnefordernden Bergwanderung. Sobald man „Batteri“ aber wendet, werden auch die bisher Abgestossenen wieder umgarnt.

Denn Nihiling brechen nicht komplett mit den ausufernden und stimmenlos gestalteten Gitarrenliedern – nein, Epen wie „Idiot“ holen den Post-Rock klirrend und vibrierend zurück. Cello und Klavier mischen sich unter die Muster und schnell werden damit nicht nur die Tapeten hinter dem Plattenspieler lebendig. Denn das vierte Studioalbum der Hamburger ist endlich der gewünschte Ausbruch, die Veränderung mit Kanten und die dröhnende Verpuppung. Mit einem wunderbaren DIY-Flair und perfekt für die nächtlichen Raubzüge im Kopf.

Anspieltipps:
Power Rangers, Lungs, Idiot

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Anna Von Hausswolff, Bad Bonn Düdingen, 17-04-25

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Anna Von Hausswolff
Dienstag 25. April 2017
Bad Bonn, Düdingen

Die Auftritte der zierlichen Schwedin sind für mich fast immer unerreichbar. Nachdem mein Körper kurz vor ihrem Support bei Swans aufgab und ich nur in Träumen das Konzert geniessen konnte, war diesen Dienstag die Entfernung schier ein Problem. Denn wie es Anna Von Hausswolff während dem Spielen gleich selber sagte, der Musikclub Bad Bonn liegt in der Mitte des Nirgendwo. Doch genau dies war mitunter ein grosser Grund, um aus dem Konzert einen wahren magischen Abend zu gestalten. Denn wer sich hierhin aufgemacht hatte, der war bereit, mit Körper und Seele in die Musik einzutauchen.

Anna Von Hausswolff setzt auch genau darauf, sind ihre Kompositionen doch mäandernde Brocken aus lauten Klangwellen und aufreibendem Gesang. Die Musik, die man in Düdingen hören durfte, ist genauso schwer zu umschreiben wie eine läuternde Erfahrung. Dystopisch-sakraler Doomsday-Noise, mit einer Prise Folk und der über allem thronenden Kirchenorgel. Was zuerst etwas verhalten begann und alle Besucher sich noch in der Sicherheit ihrer schwarzen Kleidung wähnen liess, wurde mit jedem Lied mehr zu einer ohrenbetäubenden Orgie der Dunkelheit. Die Gitarren rissen mit ihren Riffs Berge nieder, der Bass wurde mit einem Bogen gespielt und das Schlagzeug verbündete sich mit den Synthies zu einem Raubzug. Selten erlebt man eine solche Wucht in solch kleinem Raum.

Wenn die Musikerin ihre Band durch lange Stücke wie „Discovery“ führte, dann fiel sie genauso in Trance wie die Zuschauer. Dies wirkte so effektvoll wie eine gemeinsame Truppe aus Godspeed You! Black Emperor und der aktuellen, harten Phase von Sigur Rós, wurde hier dank der klassischen Ebene aber noch viel bedrückender. Kein Wunder torkelten die Besucher schier aus dem Club, als uns Anna Von Hausswolff aus ihrem Griff entliess. Es war einer dieser intimen Auftritte, der noch sehr lange in allen Köpfen herumgeistern wird und Musik wieder einmal neu erfunden hat. Und auch wenn es das allerletzte Konzert sein sollte, das ich erleben durfte, schönere Musik gibt es für die dunkle Seele nicht.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Exquirla – Die Kreation neuer Welten

Das Herz mit dem Kopf zusammenzubringen, Musik leidenschaftlich und technisch zu perfektionieren – Eigenschaften, die Toundra – eine Post-Rock Gruppe aus Madrid – auszeichnen. Zusammen mit dem Flamenco-Sänger Niño de Elche haben die Musiker unter dem Namen Exquirla aber etwas völlig neues kreiert. Grund genug um nach dem Studium ihres ersten Albums „Para Quienes Aun Viven“ bei der Band direkt noch ein paar Wahrheiten zu suchen.

First: Congratulation. You have created an intense and exciting piece of music with your album „Para Quienes Aún Viven“.
Esteban: Thanks a lot! It’s very exciting to hear this from you!

As Toundra you have been making music since 2007 and have achieved quite a lot in the scene of post-rock. Instead of a sixth album you decided to work with Niño de Elche. Where does this idea come from? 
We got to know each other at the Monkey Week Festival. It’s a Festival that’s a kind of professional music business feria. Niño de Elche an I did a conference and we discovered that we had a lot of background on common. So after some beers late at night I told to him to record anything together. And this is the result.

Was this collaboration easy or did the connection of the flamenco and the instrumental rock turn out to be more complicated than expected?
No, it was easier than we expected. We knew that Flamenco music and post rock had a lot of common tools as Mantra parts, ambients, and Forte – Allegro connections. So we always knew that it would be „easy“. The connection was easy. The difficult thing was to make good songs together for first time in just a few weeks.

Post-rock lives from the expression of the played instruments, flamenco from the passionate songs. How can you mix these two ways of music and thinking?
Well, I think post rock is so passionate music. If it would not be passionate I could not ever do a post rock song. On the other hand if you listen to Paco de Lucía or Camarón de la Isla that had a lot of expression on their instruments. So back to the previous answer: flamenco and post rock are closer than we think.

Did you compose the music together or did the lyrics follow the final structures of the songs?
Yeah, we did together in 5 weeks along 2016. Everyone of us came to the practice room with some ideas and we finally did everyone.

Flamenco is an important tradition in Spain and belongs to the world cultural heritage since 2010. How open are people to changes in these musical styles and values?
We do not think about this. WE did what we wanted to do. Obviously when you have an audience and you play in festivals and you do interviews you are responsible of your career but if you do art thinking of what the people is going to think about, you, as an artist, are dead.

Protection of one’s unity and the separation from other countries and morals is the new (and frightening) development of many movements. Can a new creation in music – such as post-flamenco rock – fight against this and be a way to bring our countries and people together again? Can such a music stand for tolerance? 
Life is wide, limitless. There’s is no border, no frontier.

The Spanish language lives from great emotions and a strong expression. Do you think the meaning of the songs and lyrics is also transported if you not able to understand Spanish? 
Of course, We are a country of warm hearts and not a lot of common sense, hahaha., but I prefer this. I would like to translate the lyrics and upload it to the internet but I haven’t had enough time yet.

And something easier: Are you planning to record more albums like this?
Our next step is record the new Niño de Elche and Toundra albums. After that, who knows. I prefer not think a lot about the future. 🙂

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Exquirla – Para Quienes Aún Viven (2017)

Exquirla – Para Quienes Aún Viven
Label: Superball Music, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Rock, Flamenco

Ja, wie jetzt? Die spanische Post-Rock-Band Toundra hat sich mit einem der bekanntesten Flamenco-Sänger, Niño de Elche, zusammengetan, um als Exquirla eine neue Art des Rock zu finden. Was für Menschen ausserhalb der iberischen Halbinsel wohl zuerst etwas merkwürdig klingt, entpuppt sich nach wenigen Hördurchgängen als fesselnde und absolut perfekte Fusion zweier gewichtiger Stilrichtungen. Und es ist unglaublich erfrischend, endlich wieder ein Werk des Post-Rock zu vernehmen, in dem die Stimmen genauso wichtig sind wie die Gitarren.

Exquirla setzen auch gleich mit dem ersten Song „Canción De E“ Saiteneskapaden und stimmliche Lautmalereien gegenüber und finden somit eine Vermengung von purer Emotion. Die Songstrukturen bieten de Elche eine perfekte Basis, um seine vielfältigen und wortgewandten Texte auszubreiten. Poesie trifft auf herzzerreissende Melodien, melancholischer Gesang auf eine laut ausbrechende Band. Obwohl sich „Para Quienes Aún Viven“ („Für die noch Lebenden“) zuerst etwas sperrig in seiner ungewohnten Form gibt, wachsen Lieder wie „Un Hombre“ immer weiter und können nicht mehr vergessen werden.

Für Menschen, die in der Musik starke Gefühle und eine intensive Ausdrucksform suchen, finden mit der ersten Scheibe von Exquirla ein wahres Wunderwerk. Man durchlebt mit den Musikern und Sänger Niño de Elche Krisen und Erlösungen, stürzt sich waghalsig in Entdeckungsfahrten und schwelgt in Erinnerungen. Alles wird immer von druckvollem Post-Rock begleitet, der vor Einfällen nur so strotzt. Ein Album, das unangekündigt hereinplatzt und mit seinem reinen Herzen die ganze Welt im Sturm erobert. Wie auch der Flamenco dies seit Jahrzehnten tut.

Anspieltipps:
Destruidnos Juntos, Interrogatorio, Un Hombre

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Lights & Motion – Dear Avalanche (2017)

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Lights & Motion – Dear Avalanche
Label: Deep Elm Records, 2017
Format: Download
Links: FacebookSoundcloud
Genre: Post-Rock

Selten gab es wohl Bandnamen und Albumtitel, die beide so perfekt zur Musik passten. „Dear Avalanche“ deutet auf wilde Eruptionen mit vielen Emotionen hin, Lights & Motion auf Klangwände, lichte Momente und Musik, die von sanft bis wild sein kann. Und wo landen wir damit? Natürlich beim Post-Rock, der instrumentalen Version von verträumten Rockgedanken und Landschaftsgärtnerei mit Instrumenten. Hier wachsen aber keine Rosenbüsche, sondern einzelne Gräser und Blumen zwischen Frost und hartem Boden. Das vierte Album des Schweden Christoffer Franzen entführt uns in kühle, aber herzliche Welten.

Lights & Motion steht seit dem Debüt 2013 für Post-Rock, der mit vielen Gitarrenspuren, Streicher-Arrangements und voluminösem Schlagzeug unterschiedlichste Emotionen transportiert. Auch „Dear Avalanche“ lässt den Hörer melancholisch träumen, gespannt lauschen und wild mit den Beinen zappeln. Egal ob sich der Künstler – welcher nicht nur alle Instrumente spielt, sondern auch die Harmonien singt und das Orchester dirigiert – im klassischen Gebiet der Laut-Leise-Thematik bewegt („Feathers“) oder gewissen Isländern zuwinkt, die Songs sind wunderbar kurz. Immer zwischen drei und fünf Minuten gehalten, bietet „Dear Avalanche“ eine Vielzahl an Eindrücken und Ideen. Mir gefällt dieses kurze Ausharren und die stete Suche nach neuer Aufregung.

Was bei Genre-Grössen wie Explosions In Sky oder eben Sigur Ros oft halbe Ewigkeiten benötigt, bringt Lights & Motion mit geschickten Kniffen auf den Punkt. Hier erhält man Astrales, Magisches, Sanftes und Tröstendes. Dabei sind Lieder wie „All The Way“ immer majestätisch – oder auch elektronisch und schnell wie bei „Pandora“. „Dear Avalanche“ bietet somit nie dieselbe wässerige Suppe in einer neuen Schale, sondern lässt den Post-Rock wieder frisch und knackig erscheinen. Toll, dass es einem Musiker alleine gelingt, diesem Stil neuen Wind zu verleihen.

Anspieltipps:
Feathers, Pandora, All The Way

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Immanu El – Hibernation (2016)

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Immanu El – Hibernation
Label: Glitterhouse Records, 2016
Format: CD im Digipak
Links: Facebook, Band
Genre: Post-Rock, Ambient

Es sind mehrere Jahre vergangen, seit die liebliche Band des nordischen Post-Rocks ihr letztes Album veröffentlichte. Und obwohl man es beim Anhören der Musik vermuten könnte, waren die Herren keinesfalls langsam im Kreativprozess – viel mehr mussten Immanu El gegen einige Probleme und Wirrungen ankämpfen. Mit „Hibernation“ präsentiert die Gruppe aber nun endlich ihr viertes Album, stimmungsmässig genau zur richtigen Zeit. Empfangen wir also die langen und klaren Nächte mit Liedern voller Schönheit.

Immanu El haben sich seit Karrierebeginn immer stärker von ihrer ursprünglichen Musik entfernt und zeigen auch mit „Hibernation“, dass den ehemals ausufernden Post-Rock ab jetzt andere Musiker bearbeiten dürfen. Die Schweden haben sich mit Liedern wie „Winter Solstice“ ganz klar der sanften Elektronik hingegeben und zehren von deren Atmosphäre. Nicht immer driften sie so weit in den Ambient wie bei „Dvala“, doch dieser zentrale Ruhepol passt grossartig in das Album. Die träumerische und zurückhaltende Art der Band ergibt sich vor allem mit dem zärtlichen und schier gehauchten Gesang – ein Markenzeichen, dass hier hochgehalten wird.

Mitreissend auch ohne Krach sind Immanu El immer und zeigen sich gerne verletzlich. Dies mag für manche wohl zu wenig Action bieten, ich persönlich mag aber diese klangliche Umarmung ohne Schaden. Besonders in den kalten Jahreszeiten hilft „Hibernation“, bietet das Werk doch auch plötzliche Lichtmomente wie „Mt.“ mit seinen schneller werdenden Gitarren, oder erinnert an Sigur Ros. Musik, die sich wie die ersten Schneeflocken im Gesicht und die heisse Schokolade danach anfühlt.

Anspieltipps:
Winter Solstice, Omega, Hours

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.