post-rock

Live: Mogwai, Kaserne Basel, 17-10-26

Mogwai
Support: Sacred Paws
Donnerstag 26. Oktober 2017
Kaserne, Basel

Heilige Pfoten und Dämonen mit Fell – was nach einem flauschigen Abend im verzauberten Zoo klingt, war der normale Rock-Wahnsinn am Donnerstagabend in der Kaserne in Basel. Glasgow besuchte die Schweiz und zeigte, dass die lokale Musikszene Schottlands mit extrem unterschiedlichen Bands aufwarten kann. Kein Wunder also, war die Halle stark mit Neugierigen befüllt und schon fast mit tropischem Klima ausgestattet. Doch bevor die Helden des Abends, die Post-Rock-Grösse Mogwai, die Bühne für sich behaupten konnten, gab es einige Überraschungen zu erleben.

Das Duo, zeitweise Trio, Sacred Paws aus Glasgow und London gibt nicht nur in ihrer Biografie an, sich immer mit viel Inbrunst zu bemühen – sie zeigten diesen Willen auch live. Der Stilkontrast zwischen Vorband und Hauptact hätte zwar nicht grösser sein können, die Frauen stürzten sich aber mit so viel Spielfreude und Ausgelassenheit in ihren Jangle Pop, dass man nach wenigen Takten automatisch mit Kopf und Körper wackelte. Schon fast hyperaktive Schlagzeugrhythmen und Gitarrenfiguren wurden von quierligem Gesang begleitet und zeigten, dass nicht alles aus dem Norden instrumental und schwer sein muss.

Aber auch Mogwai selber haben nicht zuletzt mit ihrem neusten Album „Every Country’s Sun“ bewiesen, dass Humor immer einen grossen Platz in ihrer Musik einnehmen wird. Was früher in merkwürdigen Album- und Songnamen ausgelebt, dann von Synthies und Sprachsamples weitergeführt wurde, darf jetzt in „Disco-Stücken“ münden. „Party In The Dark“ wurde auch gleich als zweites Lied in der Kaserne dargeboten und liess den Post-Rock mit lautem Shoegaze und Gesang in neue Gebiete eintreten. Für Puristen wohl ein Moment der Überwindung, in der Bandgeschichte aber eine logische Weiterentwicklung.

Denn wenn Lieder wie „Remurderd“ mit Synthiespuren das Basler Publikum erquicken können und sich das knackige Songformat bei Mogwai bereits seit Jahren bewährt hat, dann liegen die Intuitionen der Musiker bestimmt nicht falsch. Auch wenn ich mir teilweise ein längeres Ausharren auf gewissen Riffs oder Melodien gewünscht hätte, diese konzentrierte Form ihrer Lieder machte viel vom Reiz aus. Wirklich gross wurde dies natürlich mit den sehr lauten, von bis zu drei Gitarren dargebotenen Stücken wie „2 Rights Make 1 Wrong“ oder die Zugabe „We’re No Here“. Ob nun die Erde bebte oder der Gleichgewichtssinn von den Schallwellen verwirrt wurde, die Schotten strahlten nicht nur dank ihrer eindrucksvollen Lichtshow.

Mit zwei neuen Tourmitgliedern Cat Myers (Schlagzeug) und Alex Mackay (Gitarre), vielen frischen Songs wie dem dunklen „Old Posions“ und einer grossen Spielfreude, bewegten sich die Mitglieder von Mogwai zwischen Scheinwerfern, Strobo und raumfüllenden Lichtinstallationen und zeigten, dass sie live zu einer unglaublichen Wucht aufspielen – und dies nach mehr als 20 Jahren Bandgeschichte! Post-Rock klang selten so lebendig und liess die Leute zu einigen Tanzbewegungen hinreissen. Da sollte auch das Füttern nach Mitternacht kein Problem darstellen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Nordic Giants – Amplify Human Vibration (2017)

Band: Nordic Giants
Album: Amplify Human Vibration
Genre: Post-Rock

Label/Vertrieb: Aloud
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: nordicgiants.co.uk

Wer sich etwas länger und tiefer mit Post-Rock beschäftigt hat, dem sollte klar sein: Vielfach lebt diese Musikrichtung zu einem gewissen Teil von ihren Sprachsamples. Da sich die Musik auf die Instrumente beschränkt, müssen direkte Botschaften durch Archivaufnahmen von bekannten oder noch nie gehörten Menschen ergänzt werden. Ihr drittes Album haben die Musiker Rôka und Löki aus England darum gleich mit Konzept und Erzählung ausgestattet und präsentieren bei „Amplify Human Vibration“ zugleich den ersten Film von Nordic Giants. Her mit den positiven Menschheitserfahrungen!

Konkret fröhlich wird das Album aber nie, viel eher wird man sofort bei „Taxonomy Of Illusions“ mit einer langen Ansprache über die menschlichen Emotionen konfrontiert. Es geht darum, dass Menschen sich gegenseitig mit Gefühlen und Ausdruck extrem stark beeinflussen und unterstützen können  – und wir somit über die Beschwerlichkeit des Daseins hinwegsehen. Dass sich die Musik von Nordic Giants dabei oft im Hintergrund hält, ist zuerst etwas verwirrend, denn die Stimmen erhalten extremes Gewicht. Doch schon bald merkt man, dass diese Abmischung wunderbar funktioniert. Melodientragendes Klavier, Gitarrenriffs und das polyrhythmische Schlagzeug legen den Boden für die interessanten Aussagen – oder das Duo nähert sich gleich dem Ambient, wie bei „First Light Of Dawn“.

Nordic Giants wussten bisher nie so genau, wie sie ihren wilden und dynamischen Post-Rock auf CD bannen können – mit „Amplify Human Vibration“ ist ihnen dies nun ziemlich gut gelungen. Stücke wie „Spirit“ oder „Reawake“ haben einen extremen Ausdruck und verbinden klassische Genre-Mittel mit neuen Einfällen. Und dass man trotz des schwierigen Themas am Ende der Scheibe positiv durch den Tag schreitet, das ist die grösste Errungenschaft dieses Werkes. Plötzlich stören auch die gesprochenen Vorträge nicht mehr und alle Teile ergeben das gewünschte Ganze.

Anspieltipps:
Taxonomy Of Illusions, Spirit, Immortal Elements

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Glaston, Exil Zürich, 17-10-07

Glaston
Exil, Zürich
Samstag 07. Oktober 2017

Während am Zürich Film Festival anhand von Flaschen die Kernfusion erklärt wurde, zeigten im Exil junge Musikerinnen und Musiker, wie man Glas zum Schwingen bringt. Dies geschah aber nicht mit schwer nachvollziehbaren Experimenten, sondern mit elegischen und instrumentalen Songs. Glaston waren endlich wieder zurück auf der Bühne des Zürcher Clubs und liessen Erinnerungen gross werden. Vor drei Jahren bestieg die Band bereits diese Bretter und taufte feierlich ihre erste EP. An diesem Samstagabend aber ging es nun um etwas Grösseres: „Inhale / Exhale“, das erste Album, wurde geboren.

Ohne grosse Reden begannen Glaston ihr Set und zeigten, dass sich die lange Wartezeit auf dieses Debüt wahrlich gelohnt hat. Denn sie sind als Musiker nicht nur versierter geworden und treffen Takt- und Melodienwechsel ohne grosse Anstrengung, sondern wagen in ihren Tracks auch neue Richtungen und Einflüsse einzubauen. Was sich auf Platte oft sehr filigran und sanft anhört, das wurde live zu einer lauten Wucht. David Preissel am Schlagzeug liess sich zu wilden Figuren und dramatischer Doublebass hinreissen, die Gitarre von Jack Gutzwiller riss den Nebel immer wieder auseinander.

Dass viele Lieder aber auch live von Selina Maischs Klavier getragen werden, positioniert Glaston wunderbar neben der unübersichtlichen Menge an Post-Rock-Bands. Ihre Harmonien verzauberten nicht nur die Zuschauer, sondern hinterliessen einen nachhaltigen Eindruck. Unterstrichen wurde dies von Timo Beeler, der mit seinem Bass die perfekten Akzente setzte. Egal ob alt oder neu, Lieder wie „Sunnar“, „Ritou“ oder EP-Material ergänzten sich im Set herrlich und bewiesen: Diese Band ist in den letzten Jahren extrem gewachsen.

Und wer so voller Energie ist wie Glaston, der steht auch an einer Albumtaufe nicht still. Man wurde im Exil Zeuge von einem brandneuen Lied, elektronisch getragen mit Synthies und Drumcomputer, bassreich und fesselnd. Dass es um diese Basel-Zürich-Kombo in nächster Zeit ruhig und langweilig werden könnte – diese Angst muss man auf keinen Fall haben. Viel eher darf man sich mit diesem Quartett neugierig und erfreut in die Zukunft stürzen. Einatmen, ausatmen, los geht’s.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Glaston – Inhale / Exhale (2017)

Glaston – Inhale / Exhale
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Post-Rock

Erst kurz durchatmen: Ist dies wirklich das Debüt von Glaston? Die Post-Rock-Truppe aus Zürich und Basel begleitet mich schon seit längerer Zeit und ihre Auftritte waren immer eine Wucht an voluminöser Musik. Aber ja, nach der Veröffentlichung der EP „Sailing Stormy Waters“ im Jahre 2014 hiess es ausharren und sich mit einzelnen Vorboten zufrieden zu geben. Doch jetzt ist es da, „Inhale / Exhale“ – Kummulation jahrelanger Arbeit und Bühnenpräsenz. Und es ist nicht nur ein abwechslungsreiches, sondern auch ein packendes und tiefgängiges Album des instrumentalen Post-Rock geworden.

Bereits mit dem episch grossen „Game Of Thones“ laden uns Glaston dazu ein, tief in ihre Welt aus traumwandlerischen Melodien und dynamischen Soundwänden einzutauchen. Dank der gemeinsamen Leitung von Klavier und Gitarre schafft es das junge Quartett locker, sich mit ihrer Musik von Szenengrössen wie Explosions In The SKy oder God Is An Astronaut abzuheben. Denn obwohl der Post-Rock hier klassisch angegangen wird, findet man in Liedern wie „Sunnar“ oder „Mariana Trench Skyscraper“ genügend Frechheit und Wagnis. Es blitzt der Doublebass auf, Gitarrenriffs bekehren leise Songs zu ungezähmten Monstern, der Bass lädt zum Tanze ein.

Glaston zelebrieren auf ihrem ersten Werk die Erzählweise ohne Worte und fallen nie in einen Graben der langwierigen Repetition. Viel eher wissen sie zwischen Longtracks und kurzen Songs abzuwechseln, lassen den einzelnen Instrumenten Raum und gehen Lieder wie „Levitating“ verspielt an. Das führt sogar zu Reminiszenzen an Künstler wie Francesco Tristano, das Klavierspiel bei „Ritou“ könnte aus seinen Händen gepurzelt sein. Doch hier gibt es mehr als Vergleiche, hier gibt es wildes wie „Implosions And Her“, hier gibt es Rockmusik erster Güte. Hier gibt es Glaston.

Anspieltipps:
Sunnar, Implosions And Her, Ritou

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Godspeed You! Black Emperor – Luciferian Towers (2017)

 

Godspeed You! Black Emperor – Luciferian Towers
Label: Constellation Records, 2017
Format: Vinyl im Gatefold
Links: Discogs, Bandcamp
Genre: Post-Rock, Noise

Leise und angenehm war das kanadische Kollektive mit dem klingenden Namen Godspeed You! Black Emperor noch nie anzuhören. Viel eher steht die Band seit ihrer Gründung 1994 für eine extreme Kraft im lärmenden Post-Rock. Ihre Lieder waren schon immer lang, laut, kryptisch – und natürlich instrumental gehalten. An dieser Formel ändert sich auch beim neusten Werk „Luciferian Towers“ nichts, es ist aber doch erstaunlich, wie wütend das Album teilweise erklingt. Efrim Manuel Menuck und seine Leute haben hier einiges rauszulassen.

Höhepunkt und schon fast unbändige Explosion stellt dabei das zweite Lied „Bosses Hang“ dar. Während einer Viertelstunde treffen hier Gitarren, Violine und Klavier aufeinander um sich gegenseitig zu zerfleischen und einen Strudel aus kratzender Bissigkeit zu generieren. Dieser sonische Angriff zermürbt die Statik der modernen Skylines und lässt Wolkenkratzer in sich zerfallen. Und genau gegen diese Symbole der kapitalistischen Verrohungen kämpfen Godspeed You! Black Emperor mit diesem Album an. Nieder mit dem ausbeuterischen Wohlstand von Wenigen, weg mit all dieser Ungerechtigkeit.

Um sich für diesen Kampf zu sammeln und die Schlachten ausdauernd schlagen zu können, bietet „Luciferian Towers“ aber auch etwas weniger brutale Stücke. „Anthem For No State“ ist das Paradebeispiel für die Musik von Godspeed You! Black Emperor – von stillen Takten zu erdbebenähnlichen Ergüssen. Orgel und Bass legen die Drones, eine halbe Garnison an Musikern erbaut darauf die Apokalypse. Bei „Fam_Famine“ regieren hingegen die wehleidigen Noten und melancholischen Noise-Momente. Überraschend schnell nach „Asunder, Sweet and Other Distress“ zementieren GY!BE somit den Beweis, dass man nebst dieser Band keine andere aus dem Post-Rock hören muss. Ein Klangereignis wie dieses hier zu verpassen ist aber strafbar!

Anspieltipps:
Undoing A Luciferian Towers, Bosses Hang, Anthem For No State

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Giant Sleep – Länder verbindender Rock

Im Gespräch mit:
Patrick Hagmann (Gitarre) und Thomas Rosenmerkel (Gesang) von Giant Sleep

Mit ihrer Urgewalt verbindet die Musik von Giant Sleep nicht nur Länder, sondern auch diverse Genres. Man findet in den Songs düsteren Doom, fordernden Prog und elegischen Post-Rock – und trotzdem klingt die Band total eigen. Wie erreicht man eine solche Eigenständigkeit? Zeit, mal etwas genauer nachzufragen.

Michael: Monumental – so simpel lässt sich euer zweites Album „Move A Mountain“ beschreiben. Natürlich wird dieses Destillat der Musik nicht gerecht. Wie würdet ihr es nennen?
Patrick: Ich würde es zeitlos nennen – ein bunte Achterbahnfahrt von den 70ern bis heute, haha.
Thomas: In der Tat monumental, deshalb auch der monumentale Albumtitel und das Artwork.

Die Platte ist erst die zweite, die ihr als Giant Sleep aufgenommen habt. Wie kann man als Band so früh bereits eine solche Dichte im Klang erreichen?
Patrick: Ich denke, ein wichtiger Grund ist, dass wir insgesamt schon sehr lange in verschiedenen Bands und Stilrichtungen unterwegs sind. Mit Markus (Gitarre) habe ich viele Jahre bei bei Fear My Thoughts gespielt, leider ist er neulich ausgestiegen. Unser neuer Gitarrist ist übrigens Ex-Zatokrev-Gitarrist Tobi Glanzmann. Somit ist die Band selber zwar relativ jung, wir machen das aber schon seit Ewigkeiten. Thomas singt sicher schon seit 35 Jahren in Bands.

Eure Musik zehrt von Post-Rock, Stoner, Doom und vielen anderen Unterarten der harten Gattungen. Woher kommen diese Inspirationen?
Patrick: Wirklich jeder von uns hat einen sehr breit gefächerten Musikgeschmack. Ich stehe auf 70er Prog, Black- und Death Metal, Avantgarde-Zeugs, 80er Metal. All diese Einflüsse lassen wir zu, soweit sie von den anderen Mitgliedern auch mitgetragen werden können. Unser Drummer ist z.B. kein Metalfan, da haben meine Black Metal-Riffs eher keine Chance. Wir sind eine sehr demokratische Band, wir achten darauf, dass jeder mit dem Komponierten einverstanden ist.
Thomas: 1977 fand ich im Rinnstein eine Schlagermusikkassette, die jedoch überspielt war mit Musik von Black Sabbath und Golden Earing – seither bin ich Fan.

Ist es ein Einfaches, all diese Einflüsse unter einen Hut zu bekommen, oder baut ihr die Lieder bis zur Aufnahme viele Male um?
Patrick: Die Songs entstehen zum Grossteil sehr natürlich, wir folgen dem Flow und setzen uns wenig Grenzen. Es ist tatsächlich nicht schwer, unsere Einflüsse zu verbinden. Beim ersten Album war es noch so, dass wir vieles umgebaut hatten. Aber mit dem neuen Album waren wir schon so gut aufeinander eingespielt, dass das meiste so auf der Platte gelandet ist, wie es als erste „Rohfassung“ entstanden war.
Thomas: Mal so, mal so. Wir glauben eher an Gewürze als an Rezepte.

Wie geht ihr beim Songwriting denn vor? Ist es eine Klangfindung im Bandraum beim Jam, oder werden gesamte Passagen von einzelnen Mitgliedern erarbeitet und dann zusammengefügt?
Patrick: Ersteres. Wobei es schon vorkommt, dass jemand mit einem oder zwei Grundriffs von Zuhause ankommt. Damit wird dann herumgejammt, bis sich neue Ideen ergeben. Traditionellerweise beginnen wir jede Probe mit einem Aufwärmjam. Aus diesen Jams heraus haben sich schon einige Songs entwickelt. Ich geniesse diese Arbeitsweise sehr, da es in meinen anderen Projekten eher so aussieht, dass ich komplett alles arrangiere, aufnehme, produziere, programmiere und die Musiker, mit denen ich zusammenarbeite, dann das fertige Produkt vorgesetzt bekommen. Ich mag beide Herangehensweisen. Aber das gemeinsame Jammen hat natürlich etwas Organischeres.

Text und Melodie halten sich bei euch gut die Waage – besteht oft die Gefahr, dass etwas zu viel Gewicht erhält und die Lieder somit anders wirken?
Thomas: Da die Texte und Gesangsmelodien alle von mir sind, muss ich wohl mit dieser Gefahr leben. Aber ein bisschen Gefahr ist ja auch spannend.

Beim Gesang werden oft prägnante Sätze mehrmals wiederholt – etwas, das man mit Gitarren für die emotionale Steigerung ebenso einsetzt. Ist die Stimme also ein weiteres Instrument?
Patrick: Diese Wiederholungen haben für mich etwas archaisches, rituelles – ohne jetzt in die okkulte Ecke abdriften zu wollen. Sie versetzen mich und vielleicht auch den Hörer tatsächlich manchmal in Trance-ähnliche Zustände. Der Thomas ist fast schon ein Schamane.
Thomas: Wiederholungen von Phrasen sind halt ein alter Blues-Trick, aber auch schon die Wikinger haben Stab-Reime benutzt. Die Stimme ist das archaischste aller Instrumente. Gesungen wurde schon, bevor das erste Tier getötet wurde. Das Material für Trommeln, Pfeifen und Saiteninstrumente gab es erst danach.

Ihr spielt gerne mit der Verbindung zwischen der Schweiz und Deutschland, auch da ihr Musiker aus beiden Ländern dabeihabt. Doch was hat es sich mit dem „Last Exit Aargau“ denn genau auf sich?
Thomas: Ja, wenn ich am strahlend blauen Himmel das Leibstadtwölkchen sehe, dann weiss ich, im Helvetiapark ist alles in Ordnung, der Reaktor kühlt noch. Ich bin sehr schweizophil. Wir wollten schon mal einen Tunnel unterm Rhein graben und abhauen. Die Polizei hat uns aber gestoppt. „The Last Exit Aargau“ ist ein Heimatlied und sollte ein bisschen Werbung für die Sterbe-Hilfe-Klinik sein, um einige Leute dazu zu bewegen, sich dort anzumelden, z.B. Herrn Trumputin.
Patrick: Thomas, Markus und ich sind direkt an der Schweizer Grenze aufgewachsen. Mein Vater, mein Onkel, meine Frau, viele Freunde, alles Grenzgänger. Das prägt die ganze Region hier schon etwas. Also nicht wirklich tiefgreifend, aber die Konstellationen, Chancen, Begegnungen und Annäherungen, die sich durch diese Lage im Dreiländereck ergeben, sind einfach spannend. Wir spielen gerne etwas mit der Tatsache, dass wir aus verschiedenen Kulturkreisen kommen. Alleine dass wir zum Proben in ein anderes Land müssen und unsere Gitarren oder Amps eigentlich deklarieren müssten, ist doch schon etwas Besonderes (lacht). Bis vor kurzem war die Bandkonstellation: Drei Deutsche in Deutschland, ein Deutscher in der Schweiz und ein echter Schweizer. Jetzt sind es zwei Schweizer, zwei Deutsche und einer 50/50. Das ist doch eine schöne Balance.

Mit „12 Monkeys“, „Love Your Damnation“ oder „Forever Under Ground“ werden nicht unbedingt sehr positive Bilder gezeichnet. Ist die Melancholie der heutigen Zeit einfach zu verlockend?
Thomas: Wie gesagt, ich liebe Doom und düstere Musik. Doch in der heutigen Zeit meine ich eher Dummheit als Melancholie zu erkennen.
Patrick: (lacht) Ich glaube, der Thomas schreibt schon seit den 80ern in diesem Stil. Ist die heutige Zeit melancholisch? Ich weiss es nicht. Die 80er im Schatten des Kalten Krieges, Tschernobyl etc. war sicher auch sehr von Angst, Pessimismus und  Melancholie geprägt. Gab es überhaupt mal eine Epoche der Menschheitsgeschichte, die frei von Krieg und Leid war? Wahrscheinlich nicht, das ist einfach die menschliche Seele.

Giant Sleep haben ein sehr eigenes Klangbild, eure Musik lässt sich selten mit anderen Bands direkt vergleichen. Gibt es denn auch Pläne, euer restliches Auftreten (Design, Bühnen-Outfit etc.) als durchdachtes Paket zu gestalten?
Patrick: Da gibt es durchaus Überlegungen. Aber irgendwie sind wir nebenher auch so sehr mit unserem Tagesgeschäft beschäftigt, dass wir all unsere freie Zeit lieber in das Proben und Schreiben investieren. Zudem hat sich auch herausgestellt, dass jeder komplett andere Vorstellungen von „coolem Bühnenoutfit“ hat. Wir sind schon froh, dass Markus immer das Design übernommen hat, er macht dies hauptberuflich.

Ihr habt alle bereits in anderen Bands gespielt. Wie fühlt es sich denn an, mit Giant Sleep noch einmal „neu“ zu starten?
Patrick: Es fühlt sich sehr gut an. Wir haben mit unseren alten Bands viele Erfahrungen gemacht und wissen heutzutage ganz genau, was wir wollen. Das bringt eine gewisse Gelassenheit mit sich, die sich sehr positiv auf die ganze Band-Atmosphäre auswirkt. Wir sind uns auch alle bewusst, dass wir ein Haufen alter Säcke sind, die sicher nicht der nächste heisse Scheiss werden. Diese Gewissheit nimmt uns Druck. Wir wollen einfach eine gute Zeit zusammen haben, ob im Proberaum oder auf der Bühne. Wenn das ein paar Leute geil finden, super!
Übrigens: Wir suchen Konzerte! Booker, meldet euch!
Thomas: Es macht mich froh und dankbar, mit so fähigen Musikern und grossartigen Charakteren Musik machen zu dürfen.

Welcher Berg müsste eurer Meinung nach bewegt werden?
Thomas: Das ist, glaube ich, individuell verschieden und jeder muss wahrscheinlich selbst wissen, wann und wo die Revolution beginnt.

Wann holen sich die Musiker von Giant Sleep denn den grossen Schlaf?
Patrick: Vier Fünftel der Band haben Kinder. Der grosse Schlaf ist das utopische Ziel, das unglaublich grosse Verlangen, mal wieder anständig schlafen zu können. Ich glaube, Thomas hat noch eine andere Theorie. Die klingt mysteriöser.
Thomas: Giant Sleep ist eine Metapher für den Tod und „bedenke du bist sterblich“ – irgendwann ist halt Sense.

Besten Dank für eure Zeit und weiterhin viel Erfolg.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Giant Sleep – Move A Mountain (2017)

Giant Sleep – Move A Mountain
Label: Eucalypdisc, 2017
Format: Download
Links: Bandcamp, Band
Genre: Prog, Stoner Rock, Post-Rock

Merkwürdig, die Alpen stehen doch gar nicht zwischen Südwest-Deutschland und der Nordwest-Schweiz, trotzdem erwartet einem bei der Musik von Giant Sleep eine wahre Kette an Bergen zum erklimmen. Die fünf Herren stellen uns aber nicht nur Steigeisen zur Verfügung, sie zeigen mit ihrem zweiten Album „Move A Mountain“ auch gleich, dass solche Felsen nicht nur beweglich sind, sondern man diese auch nach eigenem Gutdünken formen kann. Schliesslich geschieht dies hier auch mit den Stilrichtungen – und etwas völlig eigenes und fesselndes entsteht.

Bereits bei „12 Monkeys“ ist schnell klar, Giant Sleep sind keine übergrosse Eintagsfliege – viel mehr ist ihr innovatives Gebräu aus hartem Stoner Rock, den wechselnden Ideenbögen des Prog und den Ausschweifungen des Post-Rock auch auf „Move A Mountain“ fordern und extrem mitreissend. Dies ist dem grossartigen Songwriting zu verdanken, dass aus schweren Riffs, ungeraden Takten und dem leidenschaftlichen Gesang von Thomas Rosenmerkel ein extrem mitreissendes Album formt. Alles hält sich perfekt in Waage, Blues und Metal schleichen sich zwischen die Strophen.

Mit dem Epos „Forever Under Ground“ und dem leidensfähigen Highlight „Love Your Damnation“ zeigen Giant Sleep nicht nur, dass man die Rockmusik immer noch komplett neu gestalten kann, sondern dass Leidenschaft und Intensität immer am besten funktioniert, wenn Musik und Texte komplett ehrlich daherkommen. „Move A Mountain“ ist somit eine dieser Platten, die man zwar stilmässig nirgends richtig einordnen, dafür für alle ihre Facetten inbrünstig liebt. Dieser Heavy Rock wird unser aller neuer Gott.

Anspieltipps:
12 Monkeys, Forever Under Ground, Love Your Damnation

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

sleepmakeswaves – Made Of Breath Only (2017)

sleepmakeswaves – Made Of Breath Only
Label: Pelagic Records, 2017
Format: Dowload
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Rock

Immer wieder dieser Post-Rock, manchmal überrasche ich mich selber, dass ich doch gerne zu diesem Genre zurückkehre. Denn zu vieles, was unter diesem Label verbrochen wird, wirkt einfach nur gleich. sleepmakeswaves aus Australien klopfen mir aber mit jedem neuen Album wieder auf den Rücken und sagen: Es gibt auch positive Ausnahmen. „Made Of Breath Only“, ihr drittes Studioalbum, beweist genau dies mit Wucht, Ideenreichtum und passend eisigem Cover.

Denn die vier Musiker hantieren auf dieser Scheibe nicht nur mit glasklaren und kalten Kristallen, sondern musikalischen Ideen, die einem immer wieder freudig erschaudern lassen. Instrumental und selbstbewusst dargeboten, bietet der Rock von sleepmakeswaves seit 2006 Möglichkeiten um Emotionen zu erleben, schmerzhaften Situationen durchzustehen und zu träumen. Auch mit Stücken wie „Worlds Away“ oder „Into The Arms Of Ghosts“ passiert genau dies – danke harten Riffs, schwerem Drumming und elegischen Melodien.

 

sleepmakeswaves fangen sich hier nicht selber in der ewigen Spirale der Lautstärkensteigerungen oder mäandernden Gitarrenmotive, sondern lassen die Härte das Album kapern, nur um im richtigen Moment wieder alle Tore für die wunderschönen Klangwände zu öffnen. In knackig gehaltenen Stücken bleibt somit alles frisch wie auch in der „Tundra“, und das Werk trifft immer wieder mit voller Wucht. „Made Of Breath Only“ ist somit also nicht nur für Liebhaber eine wundervolle Scheibe, sondern auch Leute, die den Post-Rock schon länger vergessen wollten. Hier kehrt die wilde Leidenschaft zurück.

Anspieltipps:
Worlds Away, Tundra, Into The Arms Of Ghosts

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: arms and sleepers, Dynamo Zürich, 17-06-01

arms and sleepers
Support: Silentbass
Donnerstag 01. Juni 2017
Werk21, Zürich

Du erreichst die Schweiz und was ist das erste was du tust? Endlich in den Burger King etwas essen gehen – eine logische Schlussfolgerung für Mirza Ramic, Verfechter des eher fettigen Essens. Aber trozt all diesen Ablenkungen und den hohen Temperaturen im Saal des Werk21 in Zürich war der Künstler mehr als bereit, ein treibendes Konzert mit arms and sleepers zu spielen – und bot zugleich eine der seltenen Chancen, seine Musik mit Band zu erleben. Denn oft zeigt sich Ramic mit Gerätschaften und Keyboards alleine, diesen Donnerstag wurde die packende Mischung aus Post-Rock und instrumentalem Trip-Hop aber mit Schlagzeuger und Organist dargeboten.

Und gleich nach wenigen Minuten war klar: Dieser klangliche Druck tut den neuen Lieder vom Album „Life Is Everywhere“ mehr als gut. Die Beats wurden zu wilden Anfeuerungen, die elektronischen Spielmittel zu umfassenden Wänden und sogar Gitarrenmelodien mischten sich unter die Basis. Schnell versank man in den Songs und bewegte sich im Takt wie ein Grashalm vor dem Subwoofer. Begleitet von tollen Animationsfilmen hüpften arms and sleepers von Stück zu Stück und zeigten, dass auch Liebhaber der Gitarrenmusik nicht vor Hip-Hop Angst haben müssen.

Einander die Furcht zu nehmen war allgemein ein grosses Thema an diesem Konzert – geht es fur Ramic doch nicht nur darum Musik zu spielen, sondern sich dem Publikum anzunähern. Als Solokünstler steht er inmitten der Besucher, mit seiner Band zwar auf der Bühne, aber doch immer zu einem Schwatz bereit. So durfte man auch in Zürich vor den Zugaben, welche auch den Post-Rock wieder in das Dynamo brachten, dem Künstler Fragen stellen und viel Witziges erfahren. arms and sleepers beweisen somit erneut, dass diese Gruppe zu den wohl sympathischsten Musikern überhaupt gehört – und weiss dies auch mit ihren Darbietungen zu unterstreichen.

Silentbass war da eher das pure Gegenteil, was aber kein Nachteil bedeutete. Denn gemäss seinem Namen gab es bei diesem Supporting-Auftritt keine grossen Reden, sondern effektvoll veränderte Bassläufe, modulierte Klänge und mit Loopgeräten geschichtete Lieder. Die Lieder flossen schier übergangslos ineinander und liessen bei vielen die Gedanken in die Ferne schweifen. Auch hier gab es wunderbare Animationsfilme, welche den Post-Rock des Duos perfekt untermalte und das Spiel an den Instrumenten war genau so träumerisch wie die Bilder. Normal war an diesen Konzerten wenig – und das muss auch nicht sein.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.