Monat: Januar 2015

Wolfman – Unified (2013)

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Wolfman – Unified
Label: Eigenveröffentlichung, 2013
Format: CD
Links: CEDE, Band
Genre: Alternative, Electronic, Pop

Langsamkeit ist das neue Tempo, Minimalismus die neue Wucht. Was internationale Acts wie James Blake oder The XX vorgemacht haben, können Wolfman aus Zürich schon lange. Einige Zeit haben sie sich mit vielen Konzerten und Single-Veröffentlichungen einen Namen gemacht und 2013 das Debüt „Unified“ veröffentlicht. Die Band mit der Sängerin Katerina Stoykova feierte darauf Erfolg um Erfolg und durfte nicht nur viele Festivals bespielen, sondern gewann schnell eine grosse Fangemeinschaft. Verdient, wie ich meine.

Über die gesamte Spielzeit bleibt das Duo locker und düster entspannt. Ihre Lieder bestechen mit einer faszinierenden Mischung aus Pop, Electro und tanzbaren Rhythmen. Dissonanzen und Harmonien werden munter gemischt, oft wissen Wolfman Zuckerguss und scharfe Kanten geschickt zu kombinieren. Die Lieder laden so zum Träumen ein, ohne eine falsche Sicherheit vorzutäuschen. Die lakonische und düstere Art, welche bei Liedern wie „All is Random“ stark zur Geltung kommt, erinnert mich interessanterweise oft an Moscow Mule. Oder umgekehrt, je nachdem, was man zuerst kannte. Eine interessante Entwicklung der Schweizer Musikszene, diese Bekenntnis zur düsteren Seite – wobei „Unified“ kein trostloses Erlebnis geworden ist, wartet doch jeder Track mit einer hübschen Melodie oder freudig wippenden Beats auf. Gitarre und Synthesizer geben meist den Ton an und gehen Hand in Hand mit dem Gesang. Darunter bilden sich Teppiche aus Klang und Rausch, im Hintergrund spielen die Effekte Verstecken.

„Unified“ ist ein sehr starkes Lebenszeichen einer frischen und innovativen Band. Es ist immer erfreulich zu sehen, dass die nationale Szene nicht stehen bleibt und Musiker versuchen, aktuelle Strömungen und Stile zu mischen. Wolfman schaffen es auch zusätzlich, ihre Musik live als vierköpfige Band druckvoll und ideenreich darzubieten. Dichte Stimmung und graufröhliche Atmosphäre – ich bin auf weitere Musik von Wolfman mehr als gespannt, und werde mich auch gerne wieder live von ihnen in andere Welten transportieren lassen.

Anspieltipps:
All Is Random, Won’t Be Tamed, Ice King

Crippled Black Phoenix – White Light Generator (2014)

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Crippled Black Phoenix – White Light Generator
Label: Cool Green Recordings, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold, Bonus 7inch
Links: Discogs, Band
Genre: Prog, Post-Rock, Art-Rock

Der Phoenix steigt als neu geborener Vogel aus der Asche und erhebt sich leuchtend in die Höhe. Oder auch nicht, denn hier ist er ein verkrüppeltes und schwarzes Opfer – doch der Bandname gilt nicht für das gesamte Album. Wieder einmal hat sich die Truppe aus England neu orientiert und präsentiert mit „White Light Generator“ ein leichteres Album mit viel Rock, Folk und ruhigen Songs. Die Musik der Vorgänger mit ihrem Krawall und Doomeinfluss ist beiseite geschoben, das Licht regiert.

Wobei der Einstieg mit „Sweeter Than You“ misslingt. Das süssliche Schunkellied ist ein Cover von Ricky Nelson und klingt eher wie der versöhnliche Abschluss, als der geeignete Opener. Mit dem nachfolgenden „No!“ – welches in zwei Teile zerschnitten wurde – zeigt die Band besser, was sie alles zu bieten hat. Gitarrenwände, Pianoklänge, akzentuierter Gesang und nette Solis. Alles wird begleitet von einer starken und wandelbaren Rhythmusgruppe: Hier greifen Rock, Prog und Post ineinander und nehmen sich in den Arm. Fortwährend im doch ziemlich lange andauernden Album nimmt mal die eine, mal die andere Richtung überhand. Ergänzt mit elektronischen Spielereien, Einspielungen und einem Variantenreichtum an Instrumenten bleiben die Lieder spannend. Erinnerungen an Bands wie RPWL oder Get Well Soon kamen mir bei den folkigen und spacigen Stücken auf, die Stimme von Daniel Änghede erinnert ebenfalls an Konstantin Gropper. Ansonsten wandelt das Album meist auf düsteren Pfaden und erscheint sogar verzweifelt, Anleihen bei diversen Bands nimmt man wahr. Trotz allem bleibt die eigene Identität immer erhalten und Crippled Black Phoenix wissen wie wenige andere Truppen, spannende Musik im Bereich des Post-Art-Prog (bitte um eigene Adjektive ergänzen) zu schreiben und spielen.

Wieso in Gottes Namen aber dieser ver*****te Kleber auf dem Cover angebracht wurde und sich fast nicht entfernen lässt, das wissen wohl nur die findigsten Marketing-Experten. Klar, Bandname und Albumtitel sind nicht im Artwork zu finden, aber dann belässt man dies auch so! Ansonsten überzeugt die Vinyl-Ausgabe durch tolle Verarbeitung und schöne Gestaltung, passend zu einem überzeugenden Album.

Anspieltipps:
No! Part 1+2, Parasites, Nothern Comfort

Das dazu passende Getränk:
Ein dunkles Bier und ein Schluck Etikettenlöser.

Tim Bowness / Peter Chilvers – California Norfolk (2002)

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Tim Bowness / Peter Chilvers – California, Norfolk
Label: Burning Shed, 2002 / Remaster 2013
Format: Doppel-CD im Mediabook
Links: Discogs, Tim Bowness, Peter Chilvers
Genre: Electronica, Ambient

Immer wieder gibt es den Moment, in dem alles zusammenfliesst, alles passt. In den kalten Wintermonaten wende ich mich gerne sanfter und ruhiger Musik zu. Verträumt kann man dabei durch die Landschaften wandern und das Herz an schönen Melodien wärmen. Sehr toll ist es, wenn ich dabei ältere Alben entdecke, die immer noch ihre volle Strahlkraft besitzen. In diese Kategorie fällt ganz klar die Kollaboration von Tim Bowness und Peter Chilvers; „California, Norfolk“.

2002 haben die beiden Künstler sich für ein Album zusammengetan und auf dem Burning Shed Label ein Kleinod an gefühlvollen Liedern veröffentlicht. Verhuschte Electronica trifft auf schwebenden Ambient, langsamer Pop auf Klangstrukturen. Dabei stehen die Stimmen immer stark im Vordergrund, passend zu Tim Bowness‘ warmem und fast flüsterndem Gesang. Bei vielen Liedern hat man das Gefühl, er sitzt gleich nebenan und spricht die Texte direkt in unser Ohr. Die Musik wird dabei zurückhaltend inszeniert und einzelne Töne stärker betont als eine gesamte Melodie. Piano, Gitarre, Glockenspiel, synthetisches Orchester und viel Flächen. Einzelne Melodien wirbeln wie Schneeflocken durch die Luft, kratzende Effekte und Sequenzerspuren lassen die Stücke in den fokussierten Ambient fliessen. All dies kumuliert sich im epischen Höhepunkt „Winter With You“. In über zehn Minuten schwelgen Bowness und Chilvers im melancholischen Schlummer und begleiten den Hörer durch die Nacht und den Winter – immer in Vorahnung zu „Truenorth“ von No-Man.

Die Remaster-Neuauflage aus dem Jahr 2013 bietet nebst dem grossartigen Hauptalbum eine zweite CD mit Bonusmaterial. Viele alternative Versionen der Lieder, B-Seiten und Liveaufnahmen runden das Erlebnis wunderbar ab. Man kann noch tiefer in die Welt und das Werk eintauchen, sich verzaubern lassen und erforschen, wie die Lieder entstanden sind. Mit „California Norfolk“ (übrigens ein Strandgebiet in England) haben Tim Bowness und Peter Chilvers ein entzückendes Kleinod an leiser Musik erschaffen. Ein Album, dass die Zeit wie im Flug vergehen lässt, das mitnimmt und sich perfekt für die kalten und weissen Tage eignet.

Anspieltipps:
Post-It’s, Rocks On The Green, Winter With You

Das dazu passende Getränk:
Ein Gläschen Glühwein.

Hans Zimmer – Interstellar OST (2014)

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Hans Zimmer – Interstellar OST
Label: WaterTower Music, 2014
Format: Download, Deluxe Version
Links: Discogs, Komponist
Genre: Soundtrack, Klassik

Interstellar katapultierte die Kinogänger im letzten Jahr mit viel Wucht, Gefühl und Intelligenz in das weite All. Regisseur Christopher Nolan brillierte einmal mehr auf ganzer Linie und verband Science Fiction mit viel Emotion und realistischen Szenarien. Alles im Film war sehr stimmig und fügte sich zu einem grossen Werk zusammen, das auf der ganzen Welt die Leute begeisterte. Einen grossen Anteil daran leistete auch die von Hans Zimmer komponierte Filmmusik. Und obwohl ich von den Bildern losgelöste Musik selber nicht immer fesselnd empfinde, musste ich mir diesen Soundtrack zulegen.

Hans Zimmer ist einer der grössten zeitgenössischen Komponisten in Hollywood und bekannt für seine Mitwirkung bei Gladiator, Inception oder der Batman-Trilogie. Sein Stil verbindet das Epische mit sanften Leitmelodien und leisen Momenten. Dabei erschafft er mehr Stimmungen als erkennbare Lieder. Leider empfinde ich bei seiner Musik aber oft das Gefühl, dieselben Klänge schon anderweitig vernommen zu haben. Gerne wiederholt er sich und fabriziert eher Standardware. Mit „Interstellar“ aber schrieb er endlich wieder ein komplett neues Werk. Der Hauptfokus liegt dabei auf der Vertonung der Physik, der Unendlichkeit, der Bindung des Menschen an das Leben und der Interaktion von Empfindung und Fakt. Wie der Film, so ist auch die Musik dichterisch und grossformatig. Während dem Film wurde die Musik oft so stark in den Vordergrund gemischt, dass Dialoge und Geräusche dahinter verschwanden. Emotion und Empfindung werden verstärkt und als Leitmotiv verwendet. Erfrischt wird die Filmmusik durch die starke Verwendung der Orgel, aufgenommen in einer Kirche. Ihre anschwellenden und sehr lauten Klänge faszinieren und geben der Musik einen komplett eigenen Charakter, der sich im Kopf für immer mit den gesehenen Bildern verschmilzt, und auch eigenständig vorzüglich funktioniert.

Herr Zimmer lässt das Orchester oft leise aufspielen, erschafft gefühlvolle Melodien und Stücke und mischt diese mit wiederholenden Themen und der eben erwähnten Orgel. Gerne wird die Musik – passend zum technischen Aspekt – mit digitalen Klangveränderungen verfremdet, und keine Minute ist überflüssig. Ein echt starkes Stück Filmmusik, das mitnimmt und beschäftigt.

Leider hat es Warner Bros. nicht auf die Reihe gebracht, die Musik ebenbürtig zu veröffentlichen. Die physisch erhältliche CD enthält nur die gekürzte Version. Wer den kompletten Soundtrack mit allen wichtigen Stücken (wie die intensive Musik der Docking-Sequenz) zu Hause geniessen will, muss auf den digitalen iTunes-Download zurückgreifen. Eine Frechheit und eine Kundenverarsche. Bleibt nur zu hoffen, dass irgendwann eine Vinylversion aller Stücke gepresst wird. Denn die wunderschöne Musik hätte einen besseren Umgang mehr als verdient.

Anspieltipps:
Stay, Detach, Imperfect Lock

Live: Uncle Bard & Dirty Bastards, Musigburg Aarburg, 15-01-23

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Uncle Bard & Dirty Bastards
Freitag 23.01.2015
Musigburg Aarburg

Irish Folk, Irish Punk, Irish Rock. Eine Zeit lang verging kein Monat, in dem ich nicht eine wilde und durchgetanzte Nacht voller Musik von der grünen Insel erlebt habe. Dabei gehört eine Liveband genauso dazu wie das obligate Pint Guinness. Interessant ist, dass mich die Musik in den heimischen vier Wänden aber nie fasziniert hat. Live in einem Pub oder Konzertsaal macht es dafür umso mehr Spass. Durch eine Bekanntschaft kam ich in Kontakt mit der italienischen Band Uncle Bard & Dirty Bastards und ihr Konzert im Nachbardorf von Zofingen.

Die Musigburg in Aarburg betrat ich an diesem Abend zum ersten Mal. Das Lokal bietet mit Bar im Vorraum und grossem Saal mit geräumiger Bühne einen netten Ort für kleinere Konzerte. Die sechs Männer der Dirty Bastards fanden somit gut Platz auf den Brettern und legten gleich ab Konzertbeginn mit viel Elan und Energie los. Ihr Irish Folk Rock kommt in klassischer Band-Besetzung mit Elektrogitarre, Bass und Schlagzeug und wird mit Flöten, Tin Whistle und Banjo ergänzt. Somit rocken die Jungs nicht nur richtig nett, sondern lassen das irische Gefühl gut aufkommen. Stimmungsvoll und mit viel Spielfreude mischt die Band nicht nur alte Traditionals und weit bekannte Songs, sondern auch ihre eigenen Kompositionen, welche auf der neusten CD „Get The Folk Out“ anzuhören sind. Dabei war ich vor allem fasziniert, wie wenig man der Band ihre Herkunft anhörte. Iren? Italiener? Spielt keine Rolle, denn die Musik war authentisch und super gespielt. Das Publikum fand am Anfang den Mut zum Beinschwingen nicht, danke genügend Guinness und aufmunternden Sprüchen der Band füllte sich der Bereich vor der Bühne aber immer mehr. Bei den letzten Liedern wurde sogar gepogt.

Der Abend war für mich eine witzige Angelegenheit, die mich öfters mal an vergangene Jahre erinnert hat. Uncle Bard & Dirty Bastards ist eine tolle und versierte Band, deren Konzerte sich echt lohnen. Schade war die Musigburg eher spärlich gefüllt, in einem ausverkauften Saal steigt mit den Jungs bestimmt eine fette Party. Etwas gewundert hat mich aber dann, dass „Whiskey In The Jar“ als Metallica Song angekündigt wurde. Obwohl, bei dem Aarburger Publikum weiss man nie.

Nihiling – Nihiling (2014)

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Nihiling – Nihiling
Label: Kapitän Platte, 2014
Format: Vinyl mit Inlay, Postkarte und Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Rock, Kraut, Art-Rock

Die Hamburger Band Nihiling veröffentlichte Ende letzten Jahres auf Kapitän Platte ihr drittes Album, ein Werk, das mit Crowdfunding vorfinanziert wurde und wieder unter dem Banner Post-Rock segelt – wobei dieser Begriff dehnbar ist, wie jede andere Spielrichtung in der Musik auch. Die jungen Leute mischen somit auf dem neuen und nach der Band benannten Album Krautiges und Alternatives in den Sound; ein Album entsteht, das sowohl fasziniert, aber auch die Stirn runzeln lässt.

„verylargetelescope“ beginnt mit Piano und sanfter Gitarre, das Schlagzeug gesellt sich dazu und das Stück erhält einen langsamen und stetigen Aufbau. So weit so Post, aber das Lied schafft es leider nicht, in die Gänge zu kommen und dient dem Album eher als Intro. „Plot“ bietet dann wesentlich mehr. Melodien und gespielte Töne werden mit vielen Effekten verzerrt, geändert und bearbeitet. Der Wechselgesang von weiblicher zu männlicher Stimme erhöht die Spannung, welche sich gegen Ende des Songs wuchtig und mit harten Riffs entlädt. Nihiling zeigen ab hier ihr Können, viele Schichten und Spuren aufeinander zu stapeln und den Songs eine enorme Tiefe zu verleihen. Dass dies leider nicht immer so gut gelingt ist schade, manchmal verzettelt sich die Gruppe etwas in den Möglichkeiten. In anderen Momenten gelingt aber die Kombination aus härterem Rock mit verträumt dahintänzelnden Melodien und verwunschenem Gesang wunderbar. Das Album bleibt unvorhersehbar, pflückt sich aus Rock, Pop und Prog Stilmittel heraus und ergänzt diese mit den Talenten von Nihiling (gutes Beispiel „Hips“).

Mit dem selbstbenannten Werk versucht die Band ihren Klangkosmos zu erweitern und die Konventionen zu zerschlagen. In den Passagen, in denen es gelingt, musizieren sie auf höchstem Niveau. Doch leider bleiben sie manchmal hinter den Möglichkeiten zurück und landen wieder im „normalen“ Post-Rock des Repetitiven. „Nihiling“ ist ein Album das mir gefällt, aber teilweise auch etwas ratlos da stehen lässt. Wenn die Gruppe – welche ich sehr mag – beim Nachfolger ihre Ideen noch besser bündeln und ausformulieren kann, wird es ein Meisterwerk.

Anspieltipps:
Plot, Hips, Tragic

Zinnschauer – Hunger . Stille (2014)

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Zinnschauer – Hunger . Stille
Label: Kapitän Platte, 2014
Format: Vinyl mit Inlay, Postkarte und Download
Links: Discogs, Musiker
Genre: Akkustik, Experimental, Screamo

Achtung: Hören Sie sich dieses Album auf keinen Fall in einem labilen Zustand an. Das Gehörte könnte Sie erschüttern und verzweifeln lassen. Ein Warnhinweis, der so auf dem ersten vollwertigen Album von Zinnschauer stehen könnte. Denn „Hunger.Stille“ ist eine Urgewalt, ein Ausbruch an Ausdruck und Gefühlen. Was die bisherigen Veröffentlichungen des Künstlers angekündigt haben, wird mit dieser Platte mehr als eingelöst.

Jakob Amr spielt Lieder über eine Trennung, eine missglückte Beziehung und die verfluchte Liebe. Das Album folgt dabei weder einer chronologischen, noch korrekten Reihenfolge. Der Hörer bestimmt selber, wo das Drama beginnt und wie es endet. Dazwischen stehen Wut, Trauer, Verzweiflung, Resignation und Hoffnung, dargestellt mit Stimme und Akkustikgitarre. Die sehr poetischen Texte mit vielen Wortspielereien und Buchstabenbildern werden geschrien, gesungen, geflüstert oder gesprochen. Wort um Wort dringen sie nicht nur ins Ohr, sondern zerpflücken die eigenen Gedanken und schneiden ins Herz. Alte Narben beginnen wieder zu bluten und Zweifel erscheinen. Teilweise wird Amr von weiteren Sängern unterstützt, gerne auch spricht er Worte weit vom Mikrofon weg. Die Gitarre unterstreicht die Aussagen und pendelt zwischen sanft gezupften Melodien und hart geschrammelten Akkorden. Singer-Songwriter Screamo, eine Explosion mit verzauberndem Funkenflug. Und kleine Farbtupfer wie Violine und Xylophon gestalten das Gespielte fast orchestral.

Wie immer bei der Liebe (oder der Unliebe) gibt es weder richtig noch falsch, keine Einseitigkeit und keine absolute Position. Auch auf diesem Albumdebüt muss man sich selber zurechtfinden, Energie und Konzentration aufwenden und sich im Strudel der Gefühle und Aussprüche einen Weg bahnen. Zinnschauer schrieb kein leichtes Werk für zwischendurch, sondern einen harten Brocken Wahrheit. Am Ende – oder Anfang, oder in der Mitte – ist man als Begleiter erschlagen, erdrückt und fasziniert. Seit „Holon: Anamnesis“ von The Hirsch Effekt hat mich kein Album über Liebe so stark berührt und mitgerissen wie „Hunger.Stille“. Dass beide Platten den Heimathafen von Kapitän Platte im Pass stehen haben, ist dabei kein Zufall.

Anspieltipps:
Das Zahnen Allein, Stille Ist Nur Das Warten Auf

Swans – To Be Kind (2014)

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Swans – To Be Kind
Label: Young God Records, 2014
Format: 3-fach Vinyl im Gatefold, mit Poster und Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Experimental, Noise, Art-Rock

„Love, child, reach, rise / Sight, blind, steal, light / Mind, scar, clear, fire / Clean, right, pure, kind“. Repetitiv und zurückhaltend starten die Swans unter der Leitung von Michael Gira in ihr neustes Album. Ach was, Album, Fels, Berg, Massiv. Verteilt auf sechs Seiten Vinyl und breit gewalzt auf über zwei Stunden Spielzeit bietet „To Be Kind“ vor allem eines: Mehr von gitarrenüberhäufter Experimentalmusik, voller Lärm, Verzerrung und sperrigem Gesang. Freunde der Gruppe sollten sich also gleich zu Hause fühlen und lustvoll eintauchen.

Nach „The Seer“ erschien 2014 bereits wieder ein monumentales Werk der New Yorker Art-Noise Band. Obwohl man nicht so recht wusste, was nach ihrem Opus Magnum überhaupt noch folgen soll, bringen die Musiker eine einfache Gleichung an den Tisch: Dasselbe noch einmal, wieder in grandios und wieder zum verlieren / verzücken komplex. Denn die Songs von den Swans machen es dem Hörer nicht leicht. Minutenlang werden instrumentale Passagen wiederholt, ohne Abwechslung in die Lieder zu bringen – dazu schreien, flüstern und sprechen die Sänger ihre Mantra-mässigen Texte in die rauschenden Mikrofone und die Grundstimmung scheint aus einem verzweifelten David Lynch-Film zu stammen. Teilweise driftet die Musik so weit in die Horrorstimmung, dass nur noch das Blut fehlt, das aus den Lautsprechern fliesst. Aber wer die Band kennt, der erwartet auch nichts Simples oder rasch Greifbares. Der Albumtitel „To Be Kind“ dient mehr dazu, Unwissende auf die falsche Fährte zu locken, und dann schelmisch hinter dem Vorhang zu sitzen und vor sich hin zu grinsen.

Manchmal erlaubt sich die Gruppe aber, ihre Musik mit mehr Struktur und Rhythmus zu versehen, wie beim doch kurzen „A Little God In My Hands“. Denn viele Lieder auf diesem Album durchbrechen die Grenze von zehn Minuten und wachsen auf über eine halbe Stunde an. Kakophonie, Disharmonie und ein fliessender Strom an vielschichtiger Musik. Was nicht immer einfach zu verarbeiten ist, lohnt sich umso mehr. Die Gruppe ist auf der Höhe ihrer Kreativität und schafft es, noch so lange und verstörende Lieder interessant zu gestalten. „To Be Kind“ ist nie langweilig oder unnötig, sondern immer direkt im Ohr, unbarmherzig und grossartig.

Anspieltipps:
Just A Little Boy, She Loves Us, Nathalie Neal

Das dazu passende Getränk:
Kaffee, zur Konzentration.

Pallas – wearewhoweare (2014)

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Pallas – wearewhoweare
Label: Eigenveröffentlichung, 2014
Format: CD im Digibook
Links: Discogs, Band
Genre: Neoprog, Alternative

Pallas mischen seit den 80ern im Feld der progressiven Musik mit. Und wer das Genre kennt weiss genau, dass die Bezeichnung oft irreführend ist. Prog Rock ist bei vielen Bands das Gegenteil von fortschrittlich und wagemutig. Alte Schemen und Muster werden konstant wiederholt, erfolgsbringende Ideen auf tausend Arten rezykliert. Auch die Engländer waren vor diesen Gefahren nicht geschützt und tappten oft in die Falle, ihre Erfolge repetieren zu wollen. Nach Grosswerken wie „The Dreams Of Man“ wurde es eher still um die Truppe, 2011 erfolgte mit „XXV“ dann der Richtungswechsel. Die Trennung von Sänger Alan Reed brachte mehr Härte in den Sound und neue Klangvariationen. „wearewhoweare“ folgt nun diesem Trend.

Der Albumtitel spielt dabei gelungen auf die aktuelle Position der Band an. Sicherlich, ihre Musik hat sich ein wenig gewandelt, doch Pallas bleiben auch auf der neusten Platte wer sie sind. Neoprog mit sinfonischen Momenten und viel Rock, es darf grooven und auch verkopft sein. Schön, dass auf der neusten Scheibe nie die Ideen ausgehen. Jedes Lied besteht aus genügend Einfällen und Abwechslung, um auch als ganzes Album spannend zu bleiben. „Shadow Of The Sun“ bietet den härteren Einstieg mit viel Gitarre, „New Life“ gleich im Anschluss den ersten ruhigen Moment. Balladenmässig meistern Pallas diese Momente, ohne zu viel Kitsch in den Neoprog zu werfen. Allgemein mischen sie in die Grundformel viele Einflüsse, so driften die Songs mal eher Richtung orchestralem Pomp, sakraler Stimmung (welche die Band auch früher gerne einsetzte) oder dröhnendem Hardrock. Jedes Instrument wird vielseitig eingesetzt und auch der Gesang variiert, oft sogar im einzelnen Stück selber. Was mir aber dabei manchmal etwas missfällt, ist die eher flache Stimme von Paul Mackie. Er weiss zwar sein Organ gut einzusetzen, doch das Volumen bleibt etwas auf der Strecke.

„wearewhoweare“ ist trotz kleiner Mängel ein sehr abwechslungsreich und farbenfroh blühendes Werk. Die Band fixiert sich nicht mehr stur auf alte Mechanismen und tauscht den Neoprog gerne für Alternative Rock oder andere Prog-Unterarten aus, ohne sich selber zu verleugnen. Schön, dass die Platte dank Crowdfunding möglich gemacht wurde, denn die Gruppe wagt so einen weiteren Schritt in die Zukunft. Beim nächsten Album wirds dann perfekt.

Anspieltipps:
Shadow Of The Sun, And I Wonder Why, Wake Up Call

Alright The Captain – Contact Fix (2015)

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Alright The Captain – Contact Fix
Label: Eigenveröffentlichung, 2015
Format: Vinyl mit Download
Links: Bandcamp, Band
Genre: Instrumental, Math-Rock, Post-Rock

Wie es sich für eine Band gehört, die mit dem Banner Math-Rock unterwegs ist, werden gleich ab der ersten Sekunde die Melodien und Klänge wild durcheinandergewirbelt. Das Keyboard brummt und reisst immer wieder aus, die Gitarren schlagen Haken und verwirren das zappelnde Schlagzeug. Alright The Captain wissen genau, wie man solche Musik spielen und präsentieren muss. Ihr zweites Album „Contact Fix“ wurde dank Kickstarter-Kampagne nun endlich veröffentlicht und macht Spass.

Geglückt ist der Band dabei nicht nur die Musik, sondern auch die Präsentation. In klarer Qualität und guter Produktion lassen sich die technisch anspruchsvollen Lieder gut analysieren. Dass solche Musik viel Aufmerksamkeit erfordert, liegt auf der Hand. Mit einer Spielzeit von einer knappen halben Stunde wurde dem hier auch Rechnung getragen. Das Album bleibt konstant interessant, überrascht mit Wendungen und tollen Einfällen, und lässt sich gut regelmässig und mehrmals anhören. So ist je nach Song ein anderes Instrument vorherrschend, mal das Keyboard, dann wieder die Gitarren oder gleich der Bass. Chaotische Momente mit wirren Klangspielereien und atemlosen Passagen mischen sich gerne mit Abschnitten, die auch dem Post-Rock zugeteilt werden können. „Eagle Hands“ bietet dabei den ersten Aussichtspunkt nach dem steilen Aufstieg, aber nicht ohne Geröll und wackeligen Steinen unter den Füssen.

Schön, dass die Band bereits auf ihrem zweiten Album so erfahren und durchdacht daherkommt. Hinter der offensichtlich abgefahrenen Fassade von Math-Rock, stecken nämlich viel Überlegungen und Abwägungen. Dass alle Melodien und Läufe zu einem einheitlichen Körper zusammenfinden, ist keine simple Aufgabe. Doch bei Alright The Captain ergeben die Lieder Sinn, es wird nicht die Technik über die Musik und das Album gestellt. Effekte und Sprachsampels finden ihren Platz, genauso wie Metal-artige Ausbrüche in „Ben And Barbara“. Für Fans der komplexen und eher härteren Rockmusik ist das Album „Contact Fix“ ein netter Happen zwischendurch. Und eine Band, die Songtitel wie „I’m Not Smart I Don’t Have All That Book Learning Stuff“ verwendet, kann nur sympathisch sein.

Anspieltipps:
Baltirific, Eagle Hands, I’m Not Smart I Don’t Have All That Book Learning Stuff

Das dazu passende Getränk:
Long Island Ice Tea – alles drin und gut abgestimmt.