Schweiz

KØDE – Random Zero (2017)

KØDE – Random Zero
Label: Cold Smoke, 2017
Format: Download
Links: Facebook
Genre: Alternative Rock, Noise

Die französisch sprechende Schweiz wusste schon immer gut, wie man wunderbar hörbaren Krach macht. Dies brachte uns nicht nur tolle Bands wie The Young Gods oder Monkey3, sondern auch viel frischen Wind in die Musikszene. Besonders Lausanne weiss zur Zeit, wie man die Gitarren knirschend zum Schwingen bringt und den Rock auf tosende Art durch die Gegend peitscht. Denn nach der neuen Formation Autisti stehen auch endlich KØDE mit ihrer ersten EP „Random Zero“ auf der Bildfläche und benötigen nicht mehr als vier Lieder für den Urknall.

Drei Leute, Noise-Rock mit Keyboard und einer starken Frontfrau – so einfach ist die Rechnung bei KØDE. Die Gruppe zaubert aber daraus Epen, die auch in wenigen Minuten komplette Welten in eine dystopische Zukunft stürzen können. Bereits der Opener „Five Billion Years“ macht sich mit schleppendem Drumming, beschwörendem Gesang und schneidenden Gitarren breit. Und danach wird es erst richtig gross, denn mit „Eyes On My Aim“ dürfen die Synthies übersteuern, sich gnadenlos in die Melodien schneiden und Saskia Fuertes Stimme in tiefe Schluchten stürzen.

KØDE liefern in dieser kurzen Spielzeit ein Highlight nach dem anderen, auch „Failure In The System“ mit seinem herrlichen Groove und dem vereinnehmenden Refrain oder das abschliessende „-L-“ – diese EP macht alles platt. Den Einstand mit „Random Zero“ ist also geglückt und das Trio erinnert gerne an andere frische Bands wie Mama Jefferson, traut sich aber etwas weiter weg vom Schönklang und tiefer in die Welt der unkontrollierten Töne.

Anspieltipps:
Eyes On My Aim, Failure In The System, -L-

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Advertisements

Cellar Darling – This Is The Sound (2017)

Cellar Darling – This Is The Sound
Label: Nuclear Blast, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Metal, Folk

Metal mit Folk zu mischen und die Gitarren von altertümlichen Instrumenten begleiten zu lassen ist eigentlich nichts neues. Trotzdem hat es die junge Band aus Luzern und Winterthur geschafft, mit ihren ersten Album „This is the Sound“ frisch zu klingen. Ein Umstand, der weiter nicht verwundert, wenn man bei Cellar Darling auf die Besetzung schaut: Das Trio formierte sich 2016 aus den Ex-Eluveitie-Leuten Anna Murphy, Ivo Henzi und Merlin Sutter. Eine geballte Ladung an harter Klangerfahrung und viel Ausdruck ist also sicher. Und genau so wird man von den Songs auch empfangen.

Besonders auffällig ist, wie eingängig und griffig die Refrains gelungen sind. Ob beim eröffnenden „Avalanche“, „Fire, Wind & Earth“ oder dem dramatisch aufgebauten „Rebels“, sofort will man mitsingen und kann sich Cellar Darling gleich bei einem kraftvollen Auftritt vorstellen. Die Musik auf „This Is The Sound“ besitzt nämlich eine extreme Energie und preschen immer nach vorne. Das liegt zum einen an den tollen Gitarrenriffs, dem voluminösen Drumming, aber vor allem auch an dem emotionalen und variablen Gesang von Anna Murphy. Die Frontfrau erzählt nicht nur Geschichten in den Liedern, sie lebt sie gleich mit – dazu bedient sie mit viel Elan die Drehleier.

Zu behaupten, Cellar Darling werden ihren Erfolgt vor allem dadurch ernten, weil sie im Fahrwasser von Eluveitie treiben, ist somit mehr als falsch. Mit dieser neuen Band erhält man nämlich nicht nur Musik für Genre-Fetischisten, sondern eine abenteuerliche Metal-Portion, die nie knüppelhart aber auch nie zu mittelalterlich daherkommt. Ob Stakkato-Riffs in „Starcrusher“, wundervoller Gesang in „Under The Oak Tree“ oder eine extreme Klangerotik wie bei „Hullaballoo“, diese Band sprüht vor Abwechslung und Ideen (und wagt sogar den Mundart-Gesang bei „Hedonia“). Verpackt in toller Produktion, geschmückt mit viel Sympathie – hier wächst grosses.

Anspieltipps:
Black Moon, Hullaballoo, Under The Oak Tree

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 6: Abschluss

Sonntag 10. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Der letzte Tag des Fantoche-Festivals ist angebrochen – und will noch voll ausgekostet werden. Neben weiteren Kurzfilm-Zusammenstellungen und Langfilmen wird zum Abschluss auch ein Best Of der Schweizer und internationalen Wettbewerbe gezeigt, bei dem verschiedene Preise verliehen werden und das immer mit Spannung erwartet wird.

Ebenso darf das Rahmenprogramm ein letztes Mal erlebt werden. Ob man in der Galerie DoK die Kurzfilm-Bibliothek durchstöbern und eine Augmented Reality-Geschichte ausprobieren will oder Susanne Hofers Installation „Archipel“ im Kunstraum Baden bestaunt – man findet immer etwas Spannendes, mit dem die Zeit zwischen den Filmen gefüllt werden kann. Und natürlich wird noch einmal jedes Kino abgegrast, um ja kein Highlight zu verpassen.


Cartoon d’Or
5 preisgekrönte Kurzfilme aus diversen Ländern

Die Vergabe des Cartoon d’Or findet seit 1991 statt und prämiert die besten europäischen Animationskurzfilme. Teilnehmen können nur die meistausgezeichneten Filme. Das Fantoche zeigt fünf Nominationen des letzten Jahres in einem Kurzfilmblock.

Peripheria“ von David Coquard-Dassault zeigt die bedrückende Stimmung einer heruntergekommenen Wohnsiedlung, in der nur noch einige vergessene Bewohner ihr Unwesen treiben. „Machine“ von Sunit Parekh und „Under Your Fingers“ von Marie-Christine Courtès suchen beide einen Weg, mit dem Tod eines geliebten Menschen umzugehen. Stimmungshebend wird es mit der 3D-Animation „Alike“ von Daniel Martinez Lara und Rafa Cano Méndez, die den Wert von Kunst und Freigeist in einem tristen Leistungsalltag aufzeigt. Und mit „Yùl Et Le Serpent“ darf auch die Phantastik noch in den Wettbewerb einfliessen.



Carte Blanche: Peter Lord (Aardman)
12 Kurzfilme aus Grossbritannien

Was hat die Filmszene in Grossbritannien nicht alles den Aardman Studios zu verdanken. Das kreative Wunderkind Peter Lord hat schon im jungen Alter mit seiner Knetfigur „Morph“ für Begeisterung gesorgt und damit den Grundstein für Erfolge wie „Creature Comforts“ oder „Wallace & Gromit“ gelegt. Der Künstler ist also der perfekte Kandidat für die Carte Blanche im Brexit-Block. Denn dank seiner geschickten Auswahl kommt man nicht nur in den Genuss von alten und fast vergessenen Aardman-Clips (wie das als Interview aufgezeichnete „War Story„), sondern auch von drei Werken von weiteren Künstlern. Besonders diese schaffen es, trotz ihres Alters, in der heutigen Zeit eine perfekt bissige Perspektive auf England zu bieten.

Britannia“ zeigt die „glorreiche“ Geschichte des Staates mit einer Bulldoge im Fokus, „Deadsy“ lässt auf verstörende Weise ein Skelett zur Schönheitskönigin werden. Da tut es gut, sind Lords Filme oft etwas leichter im Ton, wenn auch nicht ohne Gedankenanstoss. Es ist aber immer herrlich, diese wunderbaren Knet- oder Puppen-Animationen zu betrachten – wie das hübsche „Wat’s Pig“ oder das bedrückende „Down And Out„.


Hors Concours 2
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Das Hors Concours-Programm ist eine Ergänzung zu den Wettbewerben, das dieses Jahr zum zweiten Mal durchgeführt wird. Hier sind ebenfalls europäische Einreichungen stark vertreten, aber es gibt auch einige Perlen aus ganz anderen Kulturkreisen zu sehen.

So spielt die Knetanimation „The Basket“ in Indien, wo ein Mädchen aus Versehen die Uhr seines Vaters kaputtmacht und sie unbedingt wieder reparieren möchte. „If I Am Not I Cannot Be“ ist ein berührender Stop Motion-Film, der im Rahmen eines Workshops mit Kindern in einem griechischen Flüchtlingslager entstand. Auch der Humor kommt in dieser Zusammenstellung nicht zu kurz: In „Jubilee“ verliert die Queen von England ihren Hut und in „Full House“ ist eine Kleinstadt plötzlich wie leergefegt, da alle Bewohner in den neuen, stetig weiterwachsenden Wolkenkratzer gezogen sind.

Der Hors Concours besticht somit – wie auch die Wettbewerbe – mit hoher Qualität. Ein Besuch ist auf jeden Fall lohnenswert.



Louise en Hiver
Land / Jahr: Frankreich, Kanada / 2016
Regie: Jean-François Laguionie
Musik: Pierre Kellner, Pascal Le Pennec
Website: jplfilms.com

Was würde sich besser für den letzten Langfilmgenuss eignen als diese ruhig erzählte und emotional berührende Geschichte um Louise, die durch eine kaputte Uhr den letzten Zug aus einem Sommerferienort verpasst? Alleine zurückgelassen muss sie sich nicht nur mit dem Alltag herumschlagen, sondern auch mit ihrem Alter, der Einsamkeit und ihren Erinnerungen. In wunderschön gezeichnete Bildern gebettet, ist „Louise en Hiver“ schon fast eine Meditationsübung und wagt sich an einen Film mit nur einer Person – in den meisten Szenen zumindest.

Mit viel Herz und einigen interessanten Ideen ist diese Produktion aus Frankreich nicht nur für alle Altersschichten geeignet, sondern lässt die Zuschauer auch über wichtige Fragen nachdenken. Vielleicht sollten wir alle das Leben doch etwas langsamer, dafür intensiver angehen.



Best of Fantoche 2017
Auswahl der Gewinner des Festivals

Hier sind sie also, die grossen Gewinner der diesjährigen Preise des Fantoche-Festivals – eine kleine Auswahl zumindest. Besonders schön ist es natürlich, die Schweizer Preisträger „Living Like Heta“ und „Airport“ noch einmal auf der grossen Leinwand erleben zu können. Doch auch bei den internationalen Preisen gibt es nichts zu meckern: „The Burden“ zeigt in wunderschöner Puppen-Animation die sinnlosen Tätigkeiten der eher „einfachen“ Jobs, „Negative Space“ wagt sich an schwierige Familienbeziehungen.

Aber auch durchgeknallte Filme wie „Ugly“ von Nikita Diakur oder der genial gemachte „In a Nutshell“ von Kilian Vilim (welcher von Samen zu Krieg, von Hunger zur Apokalypse führt) stiessen am Festival auf grosse Begeisterung. Kein Wunder, werden in diesen Werken doch Innovation und progressives Denken gleichsam gefördert. Und genau darum geht es am Fantoche schliesslich.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Groombridge – Der Specht (2017)

Groombridge – Der Specht
Label: Prolog Music, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Art-Rock, Alternative

Groombridge ist wohl eines der best gehüteten Geheimnisse der Schweizer Musikszene. Die fünf Herren aus Burgdorf machen zwar seit 2001 zusammen Musik und ertüfteln dabei immer wieder erstaunlich andersartige Rock-Songs, die grosse Masse wird ihren Namen aber noch nie vernommen haben. Schade, aber mit ihrem fünften Studioalbum wird dies nun hoffentlich korrigiert. Denn egal ob auf Raumschiffen, in Städten mit goldenen Jungen oder im Wald neben Tier und Zerstörung – die Musik der Band ist immer unglaublich dicht, packend und anders. Und dies gibt „Der Specht“ bereits mit seinem Namen vor.

Hinter diesem eher ungewohnten Namen für eine experimentelle Rockplatte steckt der Anspruch, sich endlich von dem Einheitsbrei in der Szene zu distanzieren. Die Musik von Groombridge ist nämlich bei Weitem nicht nur eine nächste Episode in der unendlichen Geschichte der Gitarrenlieder, sondern ein Ungestüm, das sich selten so richtig festmachen lässt. Ob die Band bei „Through The Gates Of Death“ zuerst so klingt wie es sich Pearl Jam heute nur noch erträumen, oder beim letzten Song „WUG“ in die Gebiete von Radiohead waten, immer wieder werden die Songs in die hauseigene Welt geführt und alles wird mit lauten Riffs und wuchtigem Sound umschlossen. Die Künstler jonglieren nicht nur mit einer Vielzahl von Ideen, sondern auch mit den Instrumenten und Strukturen. „The Reverser“ ist mit seinen exzentrischen Teilen und dem quer verlaufenden Bass das beste Beispiel.

„Der Specht“ wirkt zuerst vielleicht etwas vollgepackt, doch schon bald merkt man, hier ist kein Ton und kein Takt zuviel. Der Art-Rock von Groombridge ist nämlich immer extrem spannend, perfekt ausformuliert und mit der richtigen Menge an elektronischen Mittel verziert. Auch inhaltlich haben sich die Herren um Frontmann Dyle nicht auf Nummer Sicher verlassen, sondern wollen anecken. Man einer wird mit Stücken wie „Drop The Name“ zuerst überfordert sein, das gehört sich aber so. Dieses Werk ist eines der besten und voluminösesten Alben in diesem Jahr, weltweit – und man spürt jede Sekunde und jeden Atemzug, der darin investiert wurde.

Anspieltipps:
Drop That Name, The Reverser, WUG

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit We Invented Paris – Kollektivkunst aus Basel

5. September 2017
Im Gespräch mit: Flavian Graber, Sänger und Gitarrist von We Invented Paris

Mit ihrem neusten Werk „Catastrophe“ hat das Kollektiv um We Invented Paris nicht nur ein wunderbares Album voller Synthie Pop vorgelegt, sondern spricht in den Hymnen auch wichtige und aktuelle Themen an. Dabei wird ihre Musik weit über die Stadtgrenzen von Basel hinaus getragen und sorgt für viele tanzende Füsse. Wir haben die Gunst der Stunde genutzt, um mit dem Frontmann der Band zu sprechen.

Michael: „Catastrophe“, so heisst das neue Album von We Invented Paris, ist aber das Gegenteil. Warum wurde genau dieser Songtitel als Name für das Album gewählt? „Kaleidoscope“ träfe den vielfältigen Stil doch eher.
Flavian: „Catastrophe“ trifft inhaltlich die Kernbotschaft des Albums für uns am besten. Wir sind alle Teil der momentanen Katastrophe und doch spielt jeder in seinem Leben eine zentrale Rolle – und hat somit auch die Möglichkeit etwas zu bewegen.

Hinter den neuen und packenden Synthie-Pop-Songs stecken grosse Botschaften. Ist die Welt mit Musik noch zu retten (oder zumindest zum Nachdenken zu bringen), oder ist dies eher der persönliche Hilfeschrei?
Ich glaube nicht, dass Musik die Welt verändern kann. Aber ich glaube, dass Musik Menschen zum Nachdenken und Fragen stellen bewegen kann, welche dann die Welt, oder zumindest ihre direkte Umwelt verändern.

Hast du denn einen Geheimtipp, wie man solch grossartige Hits wie „Fuss“ schreiben kann? Dir scheint dies ja sehr einfach zu fallen.
Danke fürs Kompliment! Wir hatten über 70 Songs geschrieben für dieses Album, so viel wie noch nie zuvor. Und es hat da einige darunter, die du nicht hören willst. Gleichzeitig hatten wir so viel Spass wie noch nie zuvor beim Schreiben und im Studio, was sich für mich in solchen Songs wie „Fuss“ auch wiederspiegelt.

Das Album ist nicht nur nachdenklich und düster, sondern auch treibend und eingängig. Woher holst du dir die Inspiration für solch unterschiedliche Songs?
Nichts finde ich langweiliger, als wenn man nach drei Songs das ganze Album gehört hat. Ich mag die Abwechslung und suche diese immer wieder bewusst. Oft versetze ich mich auch in Situationen oder Erlebnisse von Freunden oder beobachte meine Umgebung, wenn ich unterwegs bin.

Apropos Stilmix: „Looking Back“ erinnert stark an Retrowave. Liegt die Zukunft des elektronischen Pop in der Vergangenheit?
Ich glaube, wenn man sich musikalisch weiterentwickeln will, holt man automatisch etwas aus der Vergangenheit und der Musikgeschichte und macht es sich zu eigen. Damit versucht man, etwas Neues zu kreieren. Oft sind diese Instrumente oder Stilmittel auch solche, welche in der kürzeren Vergangenheit völlige Tabus waren. Genau das ist das Aufregende, Herausfordernde und somit Frische an diesen Elementen.

Ist es etwas Einfaches, die vielschichtig produzierte Musik auf die simplere Ebene von Konzerten herunterzubrechen?
Wir versuchen die Songs live so zu reduzieren, dass wir sie wirklich spielen können, der Charakter des Songs aber trotzdem voll rüberkommt. Live erleben wir Musik oft anders als ab Konserve, aber genau das macht ein Livekonzert schliesslich zum einmaligen Erlebnis: Wenn die Lieder nicht exakt gleich klingen wie die Aufnahmen.

Gitarre oder Synthie – wer hat mehr Macht?
Jeder hat seine Zeit und seinen Moment. Momentan ist die Keytar an der Macht.

Nicht nur im Video zu „Kaleidoscope“, sondern auch bei den Live-Auftritten dient ein alter Röhrenfernseher als Kopfbedeckung. Welche Bedeutung trägt dieser Gegenstand bei euch?
Einerseits symbolisiert er den Retro-Sound und andererseits steht er auch für die Katastrophe. Oder eben dafür, wie wir Katastrophen durch die Medien erleben, ihnen begegnen und dabei immer die Distanz des – unmöglich neutralen – Beobachters innerhalten.

Andere Kunst-Kollektive oder Bands treten live gerne in Uniformen auf – von Devo bis hin zu Archive. Wäre das auch etwas für euch, als Ergänzung zum Kopfschmuck?
Bis jetzt mochten wir es eigentlich, die Vielfalt und Individualität im Kollektiv zu zeigen, in dem jeder seinen eigenen Stil trägt.

Wenn wir schon von Konzerten sprechen: Am Open Air Basel hattet ihr ein zusätzliches Bandmitglied am Start, den Barkeeper. Sind solche Gimmicks bald nötig, um die Menschen überhaupt noch dazu zu bringen, für Live-Musik Geld auszugeben?
Nein, die Cocktail-Bar war einfach Teil der Show und des Disko-Bling Blings. Aber ich denke schon, dass viele Menschen die Qualität von Live-Musik gar nicht mehr kennen und schätzen. Viele gehen zum Beispiel auf Open Airs, um Party zu machen, nicht um wirklich Bands zu hören.

Basel liegt am Dreiländereck, hilft euch das? Ein Kunstkollektiv wie We Invented Paris braucht ja eher viel Platz.
Ich mag die für Schweizer Verhältnisse relative grosse Weltoffenheit in Basel. Auch, dass Leute wie Ernst Beyeler sich getraut hatten, in Basel zu bleiben und etwas von internationaler Bedeutung aufzubauen.

Hast du schon Pläne, wie du die Zeit nach der WIP Catastrophe-Disco-Bar-Box-Tour verbringen wirst?
Jetzt kommt erstmal die „Tour de Catastrophe“. Wieder ein komplizierter, Name ich weiss. Diese startet im Oktober und wir werden mit der gesamten Band touren. Und dann werde ich schauen, wohin die Reise geht, was sich aufregend anfühlt.

Dann viel Erfolg und besten Dank für deine Zeit.
Danke dir!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Cold Reading – Sojourner (2017)

Cold Reading – Sojourner
Label: KROD Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Emo, Indie

In Luzern zu leben ist eigentlich kein Grund zu grosser Traurigkeit, aber eine schöne Stadt vor den Alpen macht schliesslich noch keinen Sommer. Wenn die ersten Klänge von „Books & Comfort“ erklingen, könnte man trotzdem kurz denken, im Popprogramm des lokalen Radios gelandet zu sein. Denn Cold Reading starten ihre neuste EP „Sojourner“ mit hellen Gitarren und lockerer Melodien, driften aber bald in die kratzenden Riffs und Schreie ab.

Wer sich nach dem Fachbegriff für Informationserschwindelung im Gebiet der Magier und Mentalisten benannt hat, dem geht es schliesslich um alle noch so kleinen menschlichen Regungen. Cold Reading halten somit die oft schwarze Flagge des Emo-Rock hoch und zeigen spätestens beim Titelsong alle wichtig Eigenheiten dieses Genres. Mehrschichtige Gitarrenmelodien, Ausbrüche und eindringlicher Gesang – sanft unterlegt von Beats und einem kleinen Lichtschimmer am Horizont. Ein definitives Ende will hier niemand.

Das lädt auch gerne dazu ein, diese neue EP mehrmals anzuhören, was die gelungen komponierten Lieder sehr wohl zulassen. Cold Reading klingen nämlich nicht nur viel grösser als ihre Heimatstadt Luzern, sie sind auch seit 2014 mit ihrer Musik dabei, das Gebiet des Indie umzugestalten. Eine EP die wie ein Album klingt und den Raum zu den internationalen grossen zusammenschrumpfen lässt? Hier die leichteste Übung und ein Glücksfall für alle Fans der emotionalen Rockmusik.

Anspieltipps:
Books & Comfort, Sojourner, Scratches

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Steven Eli, Oxil Zofingen, 17-09-01

Steven Eli
Freitag 01. September 2017
Oxil, Zofingen

Wer hat behauptet, während der Sommerpause darf in einem Kulturlokal nichts stattfinden? Schliesslich findet man sich auch ausserhalb der eigentlichen Saison gerne im Oxil ein und trinkt zusammen ein Bier, diskutiert über die immer kleiner werdende Kulturförderung und lauscht tollen Musikern. Da an diesem Freitag das Wetter den Abend zwar gemütlich, aber auch nass gestaltet hatte, wurde der letzte Anlass der Sommerbar in Zofingen in den Saal verlegt – auch kein Problem.

In kleiner Runde, gemütlich am Tisch sitzend und von alten Ständerlampen illuminiert schaute man etwas verträumt und doch gebannt auf die Bühne, denn dort entfaltete sich der uralte, aber nie langweilige Zauber des Singer-Songwriters. Ein Mann, eine Gitarre – Steven Eli brachte die weite Welt des Folk-Pop in den Aargau. Der junge Künstler aus Irland wohnt zur Zeit in Zürich und feilt dort an seinem ersten Album, im Oxil liess er die Besucher an seiner grossen Leidenschaft teilhaben. Denn für Eli gibt es nichts schöneres auf der Welt, als Lieder zu schreiben und diese zu spielen.

Er führte mit seiner Fender Stratocaster durch toll gezupfte Melodien, präzise angeschlagene Akkorde und mitreissende Texte. Ob schon fast schmachtend schön bei „Lady Lay“, druckvoll bei „Run Mary Jane“, weltenbummlerisch bei „Goodbye California“ oder herzlich plaudernd zwischen den Stücken – Steven Eli wickelte alle um seine fähigen Finger. Mit diesem Auftritt näherte man sich mit dem Künstler dem eigentlichen Kern der Musik und wurde wieder einmal überzeugt, dass die besten Momente kein Brimborium brauchen. Wenn sein Album dann auch nur halb so gut wird wie dieser Auftritt, steht uns eine echte Perle bevor.

Sich wieder einmal ohne Vorwissen über den angekündigten Künstler in den regionalen Kulturbetrieb treiben zu lassen, war die beste Entscheidung. Schade nur, wagen genau das immer weniger Leute – dabei verpasst man so viel Schönheit. Mein Appell: Vergesst all die modernen Mittel wie Streaming und Youtube, nehmt die paar Franken in die Hand für einen Konzertabend im Schuppen eures Wohnortes und wagt euch einfach an den nächsten Anlass. Wer weiss, vielleicht entdeckt ihr eure nächste Lieblingsband oder findet neue Freunde fürs Leben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Gran Noir – Electronic Eyes (2017)

Gran Noir – Electronic Eyes
Label: Ambulance Recordings, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Alternative Rock

Der von Kurt Ebelhäuser geformte Klang schwingt bei Gran Noir noch immer mit – denn auch ihr drittes Album „Electronic Eyes“ eröffnet gleich mit Breitwand-Gitarren und einem satten Rock-Sound. Da ist es nicht verwunderlich, erinnert die Musik gerne an die Deutsche Truppe Blackmail. Doch die Schweizer Alternative-Rocker aus Zürich haben seit ihrer Gründung 2011 schon immer ihre eigene Identität in die Musik eingebracht und wissen auch dieses Jahr wieder mit einer intensiven Atmosphäre zu überzeugen – dieses Mal sogar mit einem globalen Blick.

Gran Noir haben sich für ihre neuste Platte nämlich die Ketten abgestreift und behandeln in den Texten schwierige Themen wie Einsamkeit und Gemeinschaftsverlust im digitalen Zeitalter. Unterstrichen werden diese Aussagen und Gedanken durch eindringliche und immer wuchtige Gitarrenriffs – also der analoge und mitreissende Gegenpol zu den kalten und digitalen Welten, in denen wir uns zu gerne verstecken. Im Schatten müssen die fünf Musiker mit Liedern wie „Innocent“ oder „Bad Dream“ aber auf keinen Fall bleiben. Ihre alternative Gitarrenmusik ist nie um Grösse und Gestik verlegen, lockt mit eingängigen Melodien und drückt wuchtig auf die Saiten.

Wenn „Electronic Eyes“ dann zurückhaltend mit „Oaxaca“ schliesst, glaubt man kurz bei Calexico gelandet zu sein. Diese staubigen und doch läuternden Schlussworte sind aber perfekt platziert, muss man nach den vorangegangenen, neun voluminösen Stücken erst einmal durchatmen. Gran Noir beweisen damit aber nur, dass sich ihre Musik von sehr vielen anderen Kombos der rockigen Schweiz abhebt und die hiesige Szene mehr als nur aufwerten. Nach diesem Hörgenuss will man in die offene Welt treten und allen positiv begegnen – und landet so hoffentlich auf einem Konzert dieser Herren.

Anspieltipps:
Lost At Home, Innocent, Oaxaca

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

HUGOwho – Another (2017)

HUGOwho – Another
Label: Irascible, 2017
Format: Download
Links: Bandcamp, Künstler
Genre: Synthie-Pop, Indie

Ein Mann, eine Mission – HUGOwho ist nicht nur mit einer neuen EP zurück, sondern hat dieses Mal auch gleich die komplette visuelle Gestaltung übernommen. Der in der Schweiz auf gewachsene Musiker präsentiert mit „Another“ nämlich ein Paket, in dem er Cover und Videos mit seiner Musik und persönliche Erlebnissen zu einem Gesamtbild vermengt. Schön ist, dass darunter kein einzelnes Bauteil leiden musste und auch die Lieder für sich alleine stehend mehr als überzeugen.

HUGOwho bewegt sich seit 2012 im Gebiet der elektronischen Popmusik und vermischt diese mit modernen Anteilen und einem verhuschten Indie-Gefühl. Auch die vier neuen Stücke auf „Another“ lassen sich vereinfacht gesagt darauf herunterbrechen. Klanglich wandert der Künstler irgendwo zwischen der Hitdichte von SOHN, der melancholischen Reduktion eines James Blake und den krummen Synthie-Spuren von Rangleklods – aber weiss um die Bedeutung einer eigenen Identität. Aufgenommen in London und Berlin sind Lieder wie „Heartless Beat“ persönliche und reale Überlegungen.

Man tritt mit dieser EP zwar nie komplett die Stufen des Clubs hinunter, „Paradise“ oder den titelgebenden Song „Another“ lassen die Füsse mit ihren angenehmen Beats aber auf jeden Fall zucken. Darüber legt HUGOwho vielschichtige Synthie-Melodien und garniert das Resultat mit einer gehörigen Portion Soul – denn seine Stimme lässt uns mitfühlen und bringt die nötige Empathie. Diese vier Tracks passen somit perfekt in das heutige Umfeld der intelligenten Popmusik und lassen uns hoffen, dass der Künstler einmal ein komplettes Album veröffentlichen wird.

Anspieltipps:
Heartless Beat, Another, Paradise

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Egopusher, Badenfahrt Baden, 17-08-26

Badenfahrt 2017
Bands: Egopusher, Traktorkestar
Samstag 26. August 2017
Website: badenfahrt.ch

Es war also soweit, die letzte wilde Partynacht an der Badenfahrt 2017 wurde eingeläutet. Erstaunlich, wie schnell ein solches, doch zehn Tage andauerndes Fest vorbeigehen kann. Doch dies war noch lange kein Grund, um Müdigkeit aufkommen zu lassen – denn noch einmal wurde eine Nacht lang „Versus“ so richtig ausgelebt. Ob moderne, elektronische Schwelgereien oder Breitwand-Balkan-Zeremonien, die Vielfalt war erneut so gross wie das Festgebiet.

Früh da sein war aber bei allen Veranstaltungen das Credo, spielten die Bands doch in eher kleinen Lokalitäten. Das Zürcher Duo Egopusher baute seine Instrumente und Geräte in der Parzelle 5554 auf, einer goldenen Bar mit fantastischer Aussicht auf die Aargauer Stadt. Tobias Preisig und Alessandro Gianelli liessen sich aber nicht von den funkelnden Lichtern des Festes ablenken, sondern entlockten Effektgeräten, Schlagzeug und Violine Songs, die extrem packend Techno mit etwas Jazz und cinematischem Volumen mischen.

Umhüllt von Nebelschwaden und Stroboblitzen liessen sie die Besucher des Gerüstbaus zwischen versunkenen Tänzen und frenetischem Jubel oszillieren und liessen alle kurz die Hitze vergessen. Nach diesem Auftritt freute man sich gleich noch mehr auf das kommende Debütalbum der Gruppe. Und fand mit Traktorkestar den perfekten Gegenpol für ein weiteres Konzert. Denn die Berner sind nicht nur viele Mitgleider stärker, sondern auch klanglich komplett woanders zu verorten.

Sich auf die eher knappe Bühne im Beetli Schmied quetschend, zeigte die Blaskapelle den Badnern, dass grossartig mitreissende Balkan-Brass-Musik auch aus der Schweiz stammen kann. Mit wilder Perkussion, immer abwechselnd gespielten Solos und einer Wagenladung voller heisser Rhythmen liessen Traktorkestar dieses kleine Quartier geschlossen hüpfen und feiern. Und war für viele der perfekte Abschluss für einen weiteren, wundervollen Badenfahrts-Tag.

Nicht minder interessant: Auf der Polygon-Bühne wurde einige Stunden zuvor die Miss Badenfahrt gekürt. Doch ganz im Sinn der alternativen Kultur ging es hier nicht darum, die schönste Bikinifigur und die längsten Beine zu bejubeln, sondern Künstler jeglichen Alters und Geschlechtes bei Darbietungen zu bewerten. Mit ihren witzigen, immer eloquenten und tiefreichenden Slam-Texten konnte sich die Trimbacherin Lisa Christ dann am Ende durchsetzen und nimmt die wunderbare Stadtturm-Krone somit in den Kanton Solothurn nach Hause. Die Badenfahrt ist schliesslich schweizweit zu feiern.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.