Schweiz

David Howald – The Double (2017)

„Melody Shaker“ – hört euch dieses Lied an und sagt mir danach, wieso diese Platte nicht schon lange in eurem Besitz ist! Was der gebürtige Basler Künstler David Howald auf seinem zweiten Soloalbum „The Double“ abliefert, ist nämlich beeindruckende, düstere und seelenstarke Musik. Egal ob er dabei Recoil kanalisiert oder sich wie ein junger Leonard Cohen durch seine Kompositionen schwingt, er ziert sich wunderbar mit der Dunkelheit und findet in jedem Schwarzton eine angenehme Theatralik und deren Reiz.

So pendelt er geschickt zwischen einer tief schürfenden Ein-Mann-Show mit Einblick in die persönlichen Gedanken, und einer avantgardistischen Version des Kammer-Pop mit Streicher und aufbrausendem Drum. Was früher bei Nick Cave zum guten Ton gehörte, das ist auch bei David Howald ein Zeichen für Qualität. Kleine Klaviermomente wie „7black0“ treffen auf Schunkler im Gebiete des Swing, der in Welten zuhause ist, die nur aus Nachtclubs bestehen.

Dank der tatkräftigen Unterstützung von befreundeten Musikern und jahrelanger Arbeit in Studios in Berlin, Basel und Wien ist aus „The Double“ ein wundervolles Album entstanden, das mit mit einer starken Intensität und Geschmackssicherheit überzeugt. David Howald scheint damit am Ende der Bar zu stehen und trinkt gedankenverloren seinen Drink, um ihn kreisen die Grössen der alternativen Musik. Und so poetisch wie diese ist er selbst schon lange.

Anspieltipps:
7black0, Melody Shaker, The Ghost And The Missing Dime

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Them Fleurs – Run (2017)

Die Aussage, Them Fleurs bewegen sich zwischen Szenen und Zeitgeist ist nicht nur eine leere Worthülse um Kundschaft anzulocken, spätestens beim dritten Song „The End (Part One)“ erfährt man dies während zehn abwechslungsreichen und gefühlvollen Minuten. Die Band aus Bern hantiert hier nämlich zwischen nationalem Pop, alternativen Gitarrenmomenten und ausufernden Instrumentalpassagen. Und genau diese Bereitschaft, die Musik nicht immer im gewohnten Ort enden zu lassen macht aus dem neusten Werk „Run“ eine spannende Platte zwischen Radio und Kulturkeller.

Seit 2014 versuchen die Mannen um Sänger Samuel Schnydrig nicht nur bewährte Tugenden der leichteren Musik für sich zu nutzen, sondern dem Stil auch eine neue Färbung zu verpassen. Ob man Them Fleurs nun im Indie oder im Post-Irgendwas verankern will, so richtig passt keine Beschreibung zu diesen Songs. Und genau dies macht aus Ohrwürmern wie „Run“ oder langsam aufgebauten Rockern wie „Casino“ Lieder, die man sich gerne anhört und ohne grosse Anstrengungen geniessen kann. Keyboardtupfer und toll in sich verwobenen Gitarrenspuren geben der Musik einen variantenreichen Teppich und wirken immerzu bunt.

Schnell vergisst man somit auch, dass die englischen Texte manchmal etwas stark mit Akzent gesungen werden, schliesslich haben Them Fleurs auch in die Worte viel Eigenes gepackt. Ob persönlich und mehrfach überdacht oder dann doch aktuell und gesellschaftsbezogen, diese Platte passt sehr gut in dieses Jahrzehnt. Dazu kommen mit viel Raum und Dynamik vollgepackte Szenen wie „All I Need“ welche immer wieder zum gemütlichen Wippen einladen. Die Schweiz kann so entspannt und versiert klingend daherkommen.

Anspieltipps:
Run, The End (Part One), Casino

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Zero Zero Baden – Tag der offenen Tür mit Jack Slamer

Tag der offenen Tür
Bands: Jack Slamer, Izamanya
Samstag 09. Dezember 2017
Zero Zero, Baden

Es ist immer wieder ein paradiesisches Gefühl, wenn man über die Schwelle in den grossen Verkaufsraum von Zero Zero in Baden tritt. Regale um Regale voller Vinyl, von brandneu bis alt und rar, als Boxsets, Singles oder schwere Pressungen auf bunten Scheiben – man muss weit reisen, um ein Geschäft zu finden, das mehr bietet. Aber wie auch in den meisten anderen Record Stores läuft es hier im Dachgeschoss des Merker-Areals nicht mehr so rund wie früher. Grund genug, mit einem Tag der offenen Tür alte Freunde, Stammkunden und neugierige Erstbesucher in die heiligen Hallen des gepressten Erdöls zu locken.

Pedro und Emma haben dazu nicht nur die neusten Veröffentlichungen ausgepackt, sondern boten gleich zwei Schweizer Bands zu einem Showcase auf. Und Izamanya nutzten dies gleich, um ihr erstes Album „Second Life“ vorzustellen. Zusammengesetzt aus Iza Loosli (Bluesaholics), Many Maurer (Ex-Krokus) und Chasper Wanner (Poltergeist) spielten die drei ein akustisches Set mit neuen Songs, die zwischen kernigem Rock und doppelten Gitarrenläufen die Leute zum Mitwippen animierten. Hier spürte man, dass diese Musiker viele Erfahrungen mitbringen und sich im Gebiet der langen Haare und kratzenden Stimmen gut auskennen.

Richtig laut und wild wurde es danach mit einem exklusiven kleinen Konzert von Jack Slamer. Die Band aus Winterthur steht sonst meist auf grossen Bühnen und vor vielen Menschen, hier im Zero Zero waren sie aber für einmal wieder auf dem Teppich und auf Augenhöhe mit den begeisterten Zuhörern. Ihr treibender und von den Siebzigern geprägter Rock durchdrang die Dachbalken und liess die Platten von Vorbildern wie Led Zeppelin freudig wackeln. Mit einer abwechslungsreichen Mischung aus Stücken von beiden Alben „Noise From The Neighbourhood“ und „Jack Slamer“ wurden sie ihrem guten Ruf mehr als gerecht und bewiesen, dass der alte Rock auch heute frisch klingen kann.

Mit Häppchen, Getränken, lockeren Unterhaltungen und einer tollen Musikbeschallung durch den DJ genoss man nach den Auftritten noch den restlichen Nachmittag in fröhlicher Stimmung im Zero Zero. Und wieder einmal zeigte sich dabei, dass die Gemeinschaft eines Plattenladens einzigartig und unerreicht ist. Vergesst das digitale Shopping, fallt nicht auf die falschen Versprechen der Social Media rein – das wahre Leben und die echte Leidenschaft zum Vinyl findet man nur beim Händler des Vertrauens. Und Baden ist dafür die erste Adresse.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Fog Town Fest II, Schützi Olten, 17-12-08

Fog Town Fest II
Bands: 1000 Mods / Greenleaf / The Atomic Bitchwax / Steak / No Mute
Freitag 08. Dezember 2017
Schützi, Olten

Es dauerte nicht lange, und aus dem erstaunlich zurückhaltenden Nebel wurden grosse, schwere Flocken. Doch dies trübte weder die Stimmung, noch wurde es wirklich bemerkt – denn in der Schützi in Olten tobte ein wildes Fest, angetrieben durch heftigen Rock. Freunde von überall her und Bands aus aller Welt sorgten dafür, dass man den Winter- und Weihnachtsstress für einen Abend komplett vergass und es allen wieder einmal bewusst wurde: Die Macht der Gitarre wird nie versiegen. Das zweite Fog Town Fest holte sich die Stadt im Bahnzentrum im Sturm.

Auch klar, dass No Mute die Ehre galt, diesen Abend voller langer Haare und dunkler Klamotten zu eröffnen. Die Hard Rock-Gruppe aus Olten ist ein altbekannter Gast und bewies erneut, dass sie auch am frühen Abend bereits für gute Stimmung und lauten Jubel sorgen kann. Mit starkem Drumming und tollen Riffs floss somit schnell mehr als als ein Feierabendbier und die Verzerrungen der Verstärker füllten den Raum. Auch wenn ihre Lieder weniger Preise in Innovation gewinnen, war es doch der perfekte Einstieg in dieses Fest.

Das Steak wurde heiss und blutig serviert – fast noch roh. Die vier Herren aus London präsentierten fadengeraden Stoner ohne Schnickschnack – ein Hoch auf den die Erfindung des Drop-D-Tunings – tief und wummrig. Sie prügelten los und heizten der Schützi so richtig ein, die Köpfe des Publikums wippten im Gleichtakt. Das erste Bier wurde verschüttet, kein Stein blieb auf dem anderen und das Fest nahm Fahrt auf. Dieser harte und schnörkellose Sound war zu diesem Zeitpunkt des Abends genau richtig. Vielleicht etwas gar kritisch, und wahrscheinlich auch ihrem Setup mit nur einer Gitarre geschuldet: Ich hätte mir etwas mehr Überraschungen in ihren Songs gewünscht. Feinheiten, Harmonien, ein wenig mehr der Abdrifterei. Dass die Jungs dies durchaus können, zeigen sie auf ihren Platten. Trotz alldem: Das Steak hat sehr gut geschmeckt!

Wer sich einen Namen wie The Atomic Bitchwax zulegt, der schürt zu Recht die Erwartungen. Angereist aus Amerika sorgte das Trio dafür, dass Stoner Rock neu erfunden wurde. Mit weniger Musikern als die vorangegangenen Bands, aber dafür extremen Geschwindigkeiten, perfekter Härte und sogar zweistimmigem Gesang mischten die Künstler eine gehörige Portion Retro-Gefühl in die Instrumente. Irgendwo zwischen verschwitzten Haaren, herumgetragenen Konzertbesuchern und heftig vibrierenden Lautsprechern landete die Gruppe punktgenau mit Liedern von ihrem neuen Album „Force Field“. Unglaublich wie energetisch diese Mannen auch 25 Jahre nach ihrer Gründung noch unterwegs sind.

Vom ersten Takt weg zündete bei Greenleaf der Funke und sprang von der Bühne direkt ins in der Zwischenzeit schon gut angeheiterte Publikum. Nur schon die Band zu sehen, ihr Auftreten, ihre Freude auf der Bühne und ihr Lachen unterschied die vier Bären aus Schweden von dem sonst dem Musikstil des Abends geschuldeten eher grimmigen und düsteren Auftreten der anderen Bands. Damit gewannen sie definitiv den Sympathiepreis. Obwohl die Songs von Greenleaf stark vom Stoner Rock beeinflusst sind, stellte ihre Musik an diesem Fest etwas eigenständiges und weniger plakatives in diesem Genre dar. Ihr fuzziger Sound war in Feinheiten abgestimmt, detailliert, verspielt, ausschweifend, mit metallischen, progressiven und bluesigen Einflüssen, ohne an Wucht und Härte zu verlieren. Genau in der richtigen Dosis!

Was konnte nach all diesen Highlights noch folgen? Wie wäre es denn mit einer Stoner-Truppe aus Griechenland? 1000Mods beglücken die Welt seit etwas mehr als zehn Jahren mit ihrem schweren und voluminösen Rock, der sich auch in der Psychedelica gewisse Zutaten geklaut hat. Und somit sorgten sie auch in der Schützi für glückliche Gesichter, wilde Tanzeinlagen und viele Crowdsurfer. Gleich mit zwei Gitarren wurden die Licks und Riffs zu monstermässigen Wänden, die Lieder zu unberechenbaren Elementen und das Konzert zu einem hitzigen Ereignis. Das betörte nicht nur die „Desert Side Of Your Mind“, sondern war der verdient fulminante Schlusspunkt zu diesem grandiosen zweiten Fog Town Fest.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Monoglot – Wrong Turns and Dead Ends (2017)

Ihr sucht noch einen Weckton, ein Lied, das euch am Morgen garantiert aus den Träumen reisst? Dann würde sich der „Wake Up Song“ von Monoglot bestens anbieten, dürfen hier Saxophone und Gitarren in wunderbaren Sätzen die geraden Rhythmen für immer verknoten und alle Gehirnzellen in Alarmbereitschaft bringen. Mathrock mit einer grossen Prise Jazz, das zweite Album dieser multilateralen Band macht keine Gefangenen.

Wobei man bei Stücken wie „N192“ schon gefesselt dasteht und mit grossen Augen, Ohren und offenem Mund den Musikern aus Deutschland, Island und der Schweiz zuhört. Was früher bei King Crimson brutal und düster erspielt wurde, das darf hier mit Sonnenlicht und Schwung passieren. Monoglot haben für ihr zweites Album nicht nur extrem viel geübt, sondern auch unzählige Einfälle zu packenden Kompositionen zusammengewoben. Die Lieder auf „Wrong Turns And Dead Ends“ wirken dabei aber immer schlüssig und pendeln wunderbar zwischen Avantgarde, hochkomplexem Rock und eindringlichen Melodien.

Ohne Gesang, dafür mit gleich zwei Tenorsaxophonen positionieren sich Monoglot neben vielen anderen Bands und zeigen der verkappten Jazz-Gesellschaft, dass man alte Tugenden sehr wohl mit modernen und rockigen Zutaten erweitern kann. Das darf auch mal sanft schunkelnd erklingen („Swing“) oder in den Fusionhimmel aufsteigen („Mess“), experimentier- und entdeckerfreudig ist es immer. Alle, die beim Konsum also gerne gefordert werden und viel verdauen können, denen ist „Wrong Turns And Dead Ends“ stark ans Herz – oder den Magen – gelegt.

Anspieltipps:
N192, Swing, Suna Rosa

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Granular, Schüür Luzern, 17-12-01

Granular
Support: Visions In Clouds
Freitag 01. Dezember 2017
Schüür, Luzern

Wenn es etwas zu feiern gibt, dann lädt man am besten seine Freunde ein. Und wenn diese auch gleich noch einen Grund zur Freude mitbringen, dann ist der Abend doch komplett. Dies dachte sich auch die Luzerner Band Granular, die am Freitagabend in der Schüür ihr erstes Album „XI“ taufte – und dazu Visions In Clouds mit auf die Bühne holte, die ebenfalls aus der Stadt mit dem Touristenüberfluss stammen und vor kurzen eine neue EP veröffentlicht haben. Kein Wunder also, standen bereits vor Showbeginn leere Champagnerflaschen im Saal.

Die Musik von Granular eignet sich sowieso perfekt, um von bitteren Stoffen zu auflockernden und bunt schmeckenden Getränken zu wechseln. Ihre Lieder hat die Band, welche früher unter dem Namen Augustine’s Suspenders die Leute zum Tanz animierte, nämlich im Bereich des modernen Pop angesiedelt. Ob bereit für die Radiowellen, soulig angehaucht oder dann doch lieber mit Indie-Gitarren versehen, eingängig ist die Musik der jungen Männer immer. Alsbald bewegten sich die Zuschauer dann auch zu „Something In Between“ oder „I Need You“ und genossen die Emotionalität zwischen farbigem Licht und bestrahlten Schlagzeugbecken.

Sicher, es fehlte vielleicht manchmal etwas die dunkle Seite des Klangs – doch vielseitigen Pop zu vernehmen, kann ja auch ganz gut ins Wochenende führen. Schön auch zu sehen, dass nicht nur viele Freunde von Granular anreisten, sondern die Band spielfreudig über den Leuten thronte und fleissig ihre Instrumente wechselte. Endlich wurde auch geklärt, wie man das Album nun aussprechen darf: Eleven. Das passt ja schlussendlich auch perfekt zum weltoffenen Klangbild dieser Scheibe.

Eher introvertiert und nachdenklich gaben sich die Lieder bei Visions In Clouds. Locker zwischen New Wave-Zitaten, Post-Punk-Gebrummel und Indie-Höhengefühl wechselnd, versanken nicht nur Musiker und Besucher in tiefen Schatten und blauem Licht. Die ganze Welt wurde für einen Moment kühler, polyphone Synthies und stringente Schlagzeugwirbel zur Familie. Und da die Luzerner seit neustem auf dem Pariser Label Manic Depression zuhause sind, nutzten sie diesen Anlass, um einen Song von Crying Vessel zu covern. Man ist in dieser kleinen Szene halt schnell eine Gemeinschaft.

Dieser beizutreten legten Visions In Clouds allen Anwesenden ans Herz und boten den besten Grund mit der kompletten Darbietung ihrer neusten EP „Levée En Masse„, deren Stücke sich zwischen schnell und treibend und melancholisch-verträumt bewegen. Musik für den Winteranfang, die zwar den Schnee nicht so schmelzen lässt wie bei Granular, aber die Hoffnung an Geborgenheit auch niemals aufgeben würde.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Zirka – Wir sterben leise (2017)

Der edle Herr mit Anzug und Hut ist weiterhin im Logo von ZiRKA klar positioniert, doch die restlichen Anteile der Ska-Musik sind praktisch komplett aus „Wir sterben leise“ verschwunden. Nach über zwölf Jahren Bestand hat sich die Berner Truppe nämlich dazu entschieden, ein reines Punk-Album aufzunehmen. Weg mit Streichern und karierten Hemden, nur noch wenige Male lässt es sich gemütlich zur Musik schaukeln und hüpfen wie beim abschliessenden „Genau das wollen wir“. Ansonsten hält der Dreck Einzug.

Aber das tut auch gut, nehmen sich die Herren von ZiRKA mit Liedern wie „Freiheit minus Sicherheit“ oder „Wir schauen zu“ aktuelle und politische Themen zur Brust. Wie gehen wir mit unseren Mitmenschen um und wie zeigen wir uns in Krisen? Schnell lassen uns solche Fragen wütend werden und verzweifelnd umherschauen, da ist es nötig, dass die Musik ehrlich und ohne Schmuck daherkommt. Die Instrumente scheppern, die Aufnahmen scheinen in Bochum in einem Keller entstanden zu sein – aber alles wirkt schmissig und treibt nach vorne.

Ein Stil wie Punk war schon immer direkt und einfach, ZiRKA verlieren sich aber trotzdem nicht in hirnlosen Repetitionen bereits bekannter Stilmittel. Natürlich, die Riffs sind knackig und ohne Schnörkel, das Schlagzeug zielt konstant in den Magen und die Gesänge verleiten zu einem Mitgröhlchor. „Wir sterben leise“ lässt die Hörer aber spüren, dass es sich hier um eine Herzensangelegenheit handelt und Bern wieder mal aus der Lethargie holt. Vielleicht sterben wir leise, mit diesem Album leben wir zumindest kurz laut.

Anspieltipps:
Helden, Wir schauen zu, Wir sterben leise

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Yello, Hallenstadion Zürich, 2017-11-30

Yello
Donnerstag 30. November 2017
Hallenstadion, Zürich

Das gab es wohl noch nie: Eine legendäre Band spielt im Hallenstadion in Zürich und fast alle Besucher sehen die Künstler zum ersten Mal live! Wenn man die Geschichte der Electro-Pioniere Yello aber kennt oder genauer betrachtet, dann ist dies nur eine weitere Merkwürdigkeit in ihrer fast 40 jährigen Bandhistorie. Es war schliesslich für lange Zeit nicht mehr realistisch gewesen zu hoffen, Dieter Meier und Boris Blank einmal überlebensgross auf einer Bühne zu bestaunen. Nach ausverkauften Konzerten in Berlin haben die Herren aber daran Gefallen gefunden und sich nun auf eine kleine Tour durch die deutschsprachigen Gebieten gewagt – und natürlich auch in Zürich angehalten. Aber nicht alles Gelbe ist Gold.

Wer seine Musik nie wirklich live darbot und somit auch nicht mit einem Publikum kommunizieren musste, der wirkt automatisch etwas verkrampft. Dies wurde auch Yello schnell zum Verhängnis, wussten sie die meiste Zeit nicht so wirklich, wie auf der Bühne zu stehen und was zu sagen. Das führte zu unfreiwillig komischen Ansagen und Kommentaren, geplant aber nicht geübt. Allerdings war der Dadaismus schon immer ein tonangebendes Element bei der Musik dieser Band, sei es nun in Silbenfolgen, Effekten oder Videoproduktionen. Auch die Show, welche vor allem das neue Album „Toy“ vorstellte, nutzte immer wieder Elemente daraus. Auf einem riesigen Screen fügten sich alte und neue Aufnahmen zu einer geschmacksvollen Präsentation zusammen, Blank versah alte Tracks mit neuem Klangvolumen.

Schön aber, dass auch Klassiker wie „Bostich“ oder „The Evening’s Young“ nicht komplett überarbeitet wurden. Mit einer Liveband versehen, welche sich vor allem durch die Bläsersektion bemerkbar machte, wurde das digitale zwar fassbarer, die Synthies knarrten und piepsten aber wie früher. Basswelle um Basswelle wurde aus dem Datenverkehr eine menschliche Darbietung – und die Stimme von Dieter Meier ist eh immer ein Highlight. Als Gegenpol zu seiner männlichen Erotik erschienen mehrmals die britisch-malawische Sängerin Malia und die Chinesin Fifi Rong im Scheinwerferlicht und machten aus „The Rhythm Divine“ oder „Lost In Motion“ anschmiegende Popstücke. Genau diese klinische Performance liess aber gewisse Risse im Mythos von Yello sichtbar werden.

Klar, ihre letzten Alben waren eher Werke, die sich im Gebiet des alternativen Pop mit Jazz-Anleihen sesshaft machten. So war auch im Hallenstadion meist die Gemächlichkeit der grosse Gewinner, wirklich wild wurden Yello nur mit „Do It“ oder „Si Senor The Hairy Grill“ – aber trotzdem hinterliess dies einen etwas hohles Gefühl. Über die Jahrzehnte haben Meier und Blank mit ihren Kompositionen unzählige Stilrichtungen und Bands beeinflusst, das war auch in Zürich immer wieder zu spüren. Nur leider ging bei diesem Auftritt etwas die Abenteuerlust und verruchte Stimmung verloren. „Vicious Games“ oder „Oh Yeah“ mal in einem Konzert erleben zu dürfen, herrlich. Doch die Erwartungen und Vorstellungen hat das Duo leider an diesem Donnerstagabend nicht komplett erfüllen können. Den Enkelkinder wird man es trotzdem erzählen.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Oxytronix – Darkness (2017)

Band: Oxytronix
Album: Darkness
Genre: Electronica / Downtempo

Label/Vertrieb: Kanakland
VÖ: 26. Oktober 2017
Webseite: Oxytronix auf FB

Man sollte sich nicht zu fest vorschreiben und einreden lassen, was man alles tun muss und kann – viel besser geht man seinen eigenen Weg. Dies musste auch der Schweizer Musiker oxytronix früh in seinem Leben erfahren, sei es in der Familie oder dem weiteren Umfeld. Doch die elektronischen Klänge boten dem Tüftler Oguz Sagra immer wieder eine Rückzugsmöglichkeit, und nach vielen Jahren Bastelei und Produktion gibt es nun endlich für uns alle die Ergebnisse. Gleich drei Alben voller Downtempo und Electronica sind entstanden, hier das angenehm düstere „Darkness“.

Einflüsse holte sich oxyrtonix an allen Ecken und Enden, dies merkt man schnell, wenn man in Stücke wie „Lornsome“ oder „Aether Cathedral“ eintaucht. Mal wabern die Beats bedrohlich über der Oberfläche wie bei Massive Attack, dann bauen sich die Synthies wie bei Vangelis breit vor dem Horizont auf. „Darkness“ ist aber kein Abklatsch bekannter Markenzeichen, sondern ein Stück Electro, das sich gemächlich, aber zielstrebig durch deine Wohnung in deinen Kopf schleicht – wie damals die ersten Scheiben von Boards Of Canada.

Meist geschieht dies mit wirkungsvollen, aber klein gehaltenen Kompositionen, so laut wie das Titelstück ist die Scheibe selten. Oxytronix benötigt sowieso keine schreierischen Melodien und pochenden Rhythmen, vielmehr lässt sich die Musik auf „Darkness“ von einer betörenden Melancholie leiten, die gar in die Felder der Meditation greift. Somit ist dieses Werk ein Moment, um sich vom Alltag abzukapseln und in sonischen Schichten zu verschwinden – aber bloss nicht an der rauen Produktion schneiden.

Anspieltipps:
Darkness, Lornsome, Dirty Flare

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Live: Musigstöckli Eröffnung, Lützelflüh, 17-11-25

Musigstöckli Eröffnung
Bands: I Made You A Tape, Tomazobi, Das Reum
Samstag 25. November 2017
Musigstöckli, Lützelflüh

Neun Monate voller Planung, Baustaub, Kabelgewirr und Herausforderungen fanden im November 2017 endlich ein Ende – das Musigstöckli wurde geboren. Als langjähriger Traum schon lange als Skizze in den Köpfen von Nicole Imhof und Micha Loosli vorhanden, jetzt endlich Realität: Ein Ort, an dem sich Künstler und Techniker treffen, Tage und Nächte zusammen verbringen und neue Musik kreieren. Mit Musikraum, Ton- und Produktionsregie können alle Bedürfnisse abgedeckt und dazu gleich noch das schöne Emmental genossen werden. Logisch also, dass auch die Eröffnung und erste Feier im Stöckli ein voller Erfolg wurde.

Und wie würde sich ein solcher Ort der Liebe zur Musik besser taufen lassen, als mit Auftritten von befreundeten KünstlerInnen und Bands? Gleich drei Mal durfte man in dieser Samstagnacht somit in das untere Geschoss steigen und sich an grossen Talenten erfreuen. Der Anfang mit Das Reum aus Biel war aber vor allem eines: Anders. Langsam schälte die Künstlerin Rea Dubach aus einzeln geloopten und veränderten Geräuschen Konstrukte, die an organische Musik aus dem Wald erinnerten. Synthieklänge zirpten, ihre Gesänge wurden mit Flächen untermalt und je länger das Set dauerte, desto intensiver wurden die Kreationen.

Nicht selten erinnerte ihre Musik dabei an die Experimente von Björk und wähnte sich einer Welt zwischen klarer Ausformulierung und Schwebezustand. Ein spannender Beginn, der mit leisen Stellen und einzelnen Geräuschen die Feinheiten der Räumlichkeiten gleich austestete. Normal ging es allerdings auch danach nicht weiter, denn mit Tomazobi aus Bern nahm der multikulturelle Mundart-Affenkasten seinen Platz ein. Hier blieb kein Auge trocken und die Tanzbeine wurden mit raffinierten Songs angetrieben. Egal ob die Herren vorzeigten, wie einfach es ist, italienische Popmusik darzubieten oder ihre neue Farbentheorie erklärten, so viel Humor gibt es selten in der Schweizer Szene.

Der Abschluss mit dem bombastischen Queen-Cover „Böhmische Rapsfelder“ liess dann auch die Instrumente laut werden und das Konzert in einem riesigen Jubel enden. Gut, konnte man sich danach etwas an der kühlen Luft erfrischen und Kraft für den Live-Abschluss tanken. Denn I Made You A Tape, ebenfalls aus der Bundeshauptstadt, forderten noch einmal alles mit ihrer wuchtigen, nachdenklichen und immer treibenden Darbietung. Irgendwo zwischen alternativem Post-Punk, Keyboard-Überlegungen und Sturm und Drang präsentierte die Band ihr neustes Werk „Proud And Young“ und liess so manche Besucher mit geschlossenen Augen tanzen.

Und wie auch die Schweizer Szene hat das Musigstöckli mit dieser Eröffnung bewiesen, dass jede Art von Klang und Spiel in dieses Haus passt. Es ist somit zu hoffen, dass hier noch viele weitere fesselnde Anlässe passieren werden und sich das Haus zu einem Markenzeichen für gute Musik aus der Heimat positionieren kann. Wir wünschen den beiden Betreibern auf jeden Fall nur das Beste.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.