Schweiz

Lyvten – Bausatzkummer (2017)

Band: Lyvten 
Album: Bausatzkummer
Genre: Punk / Rock

Label/Vertrieb: Twisted Chords
VÖ: 6. Oktober 2017
Webseite: lyvten.com

Wer sagt denn, dass Punk mit deutschen Texten immer nach billigen Bierdosen stinken und aus den kleinsten Saukäffer im entferntesten Bundesland stammen muss? Lyvten scheissen auf diese mühsamen Klischees und bringen die direkte, rohe und immerzu etwas entnervte Musik wieder in die Bankenstadt Zürich – mit sattem Rocksound und bekannter Unterstützung. „Bausatzkummer“ trumpft somit nicht nur mit tollen Texten und lauten Gitarren, sondern lädt alle dazu ein, ihre eigenen Probleme und ihren Missmut zu zerlegen.

Ob sich die Gruppe, welche hier mit ihrem zweiten Album eine tolle Stilmischung auftischt, nun politisch zeigt oder eher in den individuellen Zonen wuchert – treffend sind Stücke wie „Nur das Beste“ oder „Nagel und Metall“ immer. Lyvten unterlegen ihre Songzeilen mit der Rastlosigkeit und Entschlacktheit des Punk („Politur und feine Sitten“), gehen in der Atmosphäre aber in anderen Gebieten tauchen. So legt sich die Band die Brutalität des Hardcore an die Leine, schreit um unsere aller Seelen und setzt das Album tief in den Emo. Kein Wunder, lieh Sänger Aydo Abay seine Stimme für „Echo“.

„Bausatzkummer“ ist somit ein wunderbar wildes und direktes Album geworden, das sowohl Irokesenträger wie auch Werktagsrebellen verbindet. Nicht alles bei Lyvten tut weh, Melodien und Songs dürfen auch mal ohne anzuecken vorbeiziehen, aber alles fordert die richtigen Dinge. Mit der richtigen Menge an Aggression, einer einladenden Geste und Sätzen, die man auch vom Balkon hängen würde, findet man also wieder Spass im Widerstand. Und so hüpfbar wie bei „Nur das Beste“ sind wir noch selten auf unseren eigenen, idiotischen Floskeln hingewiesen worden.

Anspieltipps:
Nur das Beste, Echo, Nagel und Metall

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Dirty Purple Turtle – 21 Seconds Of Believing (2017)

Band: Dirty Purple Turtle
Album: 21 Seconds Of Believing
Genre: Alternative Rock / Leftfield / Electro

Label/Vertrieb: Eigenveröffentlichung
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: dirtypurpleturtle.ch

Sie sind wieder da, die zwei Thuner Musikzauberer, die sich vor Genrebezeichnungen genauso sträuben wie vor kurzen Songs nach Schema F – Dirty Purple Turtle haben ein neues Album aufgenommen. “21 Seconds Of Believing” ist glücklicherweise viel länger, als es der Titel andeutet und verlangt weder vom Hörer noch von der Band wirklich viel Glauben, denn das abgelieferte Material überzeugt sofort. Zeit also, Schlagzeug, Sequencer und Synthies wieder heiss laufen zu lassen.

Die experimentell aufgebauten und sehr rhythmusgeprägten Lieder dieses Duos waren schon immer eine abenteuerliche Mischung aus alternativer Rockmusik und elektronischer Effektbastelei, daran ändert sich auf dieser Platte natürlich nichts. Die Musik von Dirty Purple Turtle lädt immer zu verrenkten Tanzbewegungen, zuckenden Pupillen und extremem Kopfnicken ein. Mit Stücken wie “Comfort Zone” erinnert die Gruppe dieses Mal stark an LCD Soundsystem und zielt mit den langsam aufgezogenen Stücken auf eine ähnlich packende Wirkung. Das ist aber keine Kritik, sondern ein Ritterschlag – besonders im Jahr, in dem die Amerikaner selber zurückgekehrt sind.

Wenn “Kidney Bob” und Kumpels auf der Tanzfläche erscheinen, dann wird man in eine neue Welt transportiert und entdeckt Musik, die in dieser Form wohl noch nie gehört wurde. Schräge Synthiespuren treffen auf lebendiges Drumming, darunter brodeln Bassspuren und Klänge, die sogar den Geist von Yello hervorlocken. Und wem das alles etwas zu viel wird, dem bieten Dirty Purple Turtle mit “Lullaby” in der Mitte des Album auch gleich eine knapp viertelstündige Verschnaufpause. Was will man also noch mehr, “21 Seconds Of Believing” erfüllt alle Wunschträume.

Anspieltipps:
Comfort Zone, Lullaby, Kidney Bob

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Magic & Naked – Human Expression (2017)

Band: Magic & Naked
Album: Human Expression
Genre: Psychedelic Rock / Pop

Label/Vertrieb: Le Pop Club
VÖ: 8. September 2017
Webseite: Magic & Naked auf FB

Es gibt Alben, die passen perfekt zu bestimmten Momenten und Tageszeiten. Während man mit düsterem Techno wohl am liebsten die Nacht durchschreitet, liefern Magic & Naked mit ihrem Album „Human Expression“ die perfekte Musik für ein gemütliches Sonntagsfrühstück, bei dem die Sonne den Raum durchflutet. Denn genau so frei und gelassen wie man sich bei dieser Mahlzeit fühlt, so empfindet man auch den Genuss dieser Scheibe. Die Genfer Band verpackt in zwölf Songs einen entspannten Flug durch leicht psychedelischen Pop.

Magic & Naked lehnen sich dabei weit zurück und verspüren nie die Lust, ihre Instrumente härter zu bearbeiten und wild zu werden. Viel eher bestimmen helle Melodien und klar aufgereihte Spuren das Bild. Beschwingt führen die Herren durch Momente wie „My Green Bird“ und landen dabei mit ihrem Indie-Pop in den Gebieten, in denen sich in letzter Zeit viele frische Schweizer Bands niedergelassen haben. So erinnert „Bring Me The Moon“ an Harvey Rushmore & The Octopus und „Human Expression“ transportiert blitzschnell in die Sechziger.

Im Gegensatz zu stilähnlichen Gruppierungen hat dieser melancholische Folk-Pop hier aber ein kleines Problem. Das Album nimmt etwas zu selten Fahrt auf und kann nicht auf ganzer Länge packen. Magic & Naked arbeiten zwar ehrlich und einfallsreich, oft werden sie aber Gefangene ihrer eigenen Entspannung. Songwriting und Produktion sind bei „Human Expression“ wunderbar gelungen, Stücke wie „In The Morning“ vergisst man leider aber zu schnell wieder. Somit verkommt das Album etwas zu oft zu angenehmer Hintergrundmusik, welche vom Geklapper des Besteckes übertönt wird.

Anspieltipps:
My Green Bird, Bring Me The Moon, Dark Room

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Best Of 2017 – Der Rückblick

Erstaunlich wie ein Musikjahr so viele extrem gute Scheiben in sich tragen kann, aber dann doch wenige Highlights, die alles überstrahlen. Oder bin ich einfach zu gesättigt? Wie auch immer, 2017 war nebst vielen toten Legenden und noch nicht ganz durchgebackenen Neulingen wieder zwölf Monate voller Ereignisse und Melodien.

Während sich die Menschen in vielen Teilen der Erde nicht nur auf die Köpfe hauen, sondern sich immer mehr grundlos hassen, habe ich als Schweizer mich im Wohlstand und grosser Sicherheit wähnen können. Somit war die Mitarbeit bei Artnoir dadurch geprägt, dass ich nicht nur immer tiefer in die Kulissen der Schweizer Szene eintauchen konnte, sondern viele neue Platten und Lieder entdecken durfte. Ob Ambient zwischen Leere und Frequenzstörungen, Rock mit Liebe oder schmutzigen Fingern, Metal mit Popkleid oder Pechbad, Electro mit Glitzerschuhen oder Schattenzeichnungen oder Pop mit arabischem Reiz oder grosser Retroaktivität – dabei war alles.

Schön auch zu sehen, dass die heimische Szene immer weiter erstarkt und dank gewissen Personen und Labels (Czar Of Cricket in Basel, Radicalis in Basel, Irascible in Zürich, AuGeil in Frauenfeld etc.) wahrlich aufblüht. Es macht schliesslich immer noch mehr Freude zu sehen, dass auch wenige Kilometer neben dem eigenen Wohnort fantastische Kompositionen erzaubert werden. Da vergisst man schnell, dass nicht weit von uns Flüchtlinge an geschlossenen Grenzen sterben, Länder sich selbst immer weiter in den Abgrund befördern und die Gerechtigkeit immer mehr am Reichtum zerbricht.

Vielleicht war es genau darum wichtig, dass uns Nick Cave mit seinem kolossalen Auftritt in Zürich im November wieder vor Augen hielt, wie klein, unwichtig und zerbrechlich wir Menschen alleine doch sind. Warum also sollten wir uns gegenseitig nichts gönnen, alles was wir nicht kennen gefährlich finden und Probleme nicht mehr lösen wollen? NO RACISM, NO HOMOPHOBIA, NO SEXISM, NO VIOLENCE, NO CLOSED MINDS, NO BAD VIBES, NO EXCUSES; SPEAK UP, STAND UP!

Und hier noch die Listen, für Leute, die nicht länger als einen Blick pro Abend Zeit finden.

Top 10 – Alben International
1. Blanck Mass – World Eater
Harter Techno, laute Tracks, zerstörende Ambientwelten – eine extreme Wucht!
2. Steven Wilson – To The Bone
Der Meister des Prog kann halt auch Art-Pop in Perfektion, dies zeigt sein neuster Streich.
3. The Hirsch Effekt – Eskapist
Dieses Trio aus Deutschland hat mich noch nie enttäuscht, das bleibt auch mit diesem Monster aus Math-Core-Metal-Wahnsinn so.
4. John Maus – Screen Memories
Endlich ist er wieder da und zelebriert den Barock-Pop auf beste Weise. Anders als alle.
5. Noga Erez – Off The Radar
Sie ist jung, mutig, frech und politisch – genau wie ihre Songs in mitreissendem Electronica-Dance-Pop.
6. Brand New – Science Fiction
Eine letzte Rückkehr der fantastischen Post-Hardcore-Recken, mit viel Emotion und Diversität.
7. Heat – Overnight
New Wave und Post-Punk aus Australien, diese Band erinnert an Midnight Oil und übertrumpft alle Vorbilder.
8. Melanie De Biasio – Lilies
Singer-Songwriter trifft auf Jazz, Stimmenkünstlerin auf geniale Kompositionen. Zum Träumen.
9. Perfume Genius – No Shape
So abwechslungsreich und tiefgründig ist selten ein Musiker, „No Shape“ für Perfume Genius aber sogar noch eine Steigerung.
10. Ulver – The Assassination Of Julius Caesar
Und wieder klingen sie komplett anders, jetzt mit viel Beats und treibenden Songs. Yeah!

Top 10 – Alben National
1. I Made You A Tape – Proud And Young
Bern ist immer wieder für Überraschungen gut, wie auch mit dieser Band und Platte. Emotional und intensiv.
2. Hermann – Hermann
Wer braucht schon Menschen, wenn er einen Computer haben kann? Obwohl, ohne Musiker würden die genialen Texten fehlen.
3. Egopusher – Blood Red
Geige und Schlagzeug, dazu eine Prise Techno und viel Erfindergeist. Egopusher brillieren mit ihrem ersten Album.
4. Autisti – Autisti
Lauter, härter, schneller! Die “Supergruppe” aus Emilie Zoé und Louis Jucker detoniert wie eine Bombe.
5. Neo Noire – Element
Der Grunge ist zurück und lebt nun in Basel, inklusive der alten Intensität und Spielfreude.
6. We Invented Paris – Catastrophe
Keine Katastrophe, sondern ein Kaleidoskop an Pop. Jeder Song ein Hit, jeder Refrain die pure Lust.
7. Null + Void – Cryosleep
Zuerst nach NYC auswandern, dann mit Grössen der Musikszene ein perfektes Wave / Techno-Album schreiben – hat geklappt.
8. Groombridge – Der Specht
Mal verkopft, mal laut, mal direkt und immer mit tausenden von Ideen. Dieser Specht darf gerne klopfen.
9. Mama Jefferson – Best Of 
Die erste EP gleich als „Best Of“ betiteln? Ja, diese energetische und junge Band darf das. Rock’n’geil!
10. When Icarus Falls – Resilience
Ihr Post-Rock bringt mit Metal-Einflüsse alle Köpfe zum Schmelzen – ob aus Wachs oder nicht.

Top 10 – Konzerte
1. Nick Cave & The Bad Seeds – Hallenstadion Zürich, 12.11.2017
Wir sterben alle alleine, doch mit Herrn Cave leiden wir zumindest wunderschön gemeinsam.
2. Underworld – Alexandra Palace London, 17.03.2017
Das legendäre Duo in seiner Heimat, mit gewaltiger Show und noch besserem Konzert.
3. Anna Von Hausswolff – Bad Bonn Düdingen, 25.04.2017
Eine kleine Frau mit einer extremen Soundwucht! Perfekt, um diese Erde zu verlassen.
4. The Flaming Lips – Volkshaus Zürich, 31.01.2017
Verrückter geht es kaum an einem “Rock”-Konzert – aber hinter Konfetti, Einhörnern und Glitzer steckt viel Seele.
5. Swans – Salzhaus Winterthur, 19.10.2017
Der grosse Abschluss einer grossen Band, mit extremer Lautstärke und brachialer Darbietung.
6. U2 – Arena Amsterdam, 30.07.2017

Die Geburtstagsfeier zu „The Joshua Tree“ wird dank Überraschungen und genialer Stimmung zu einer perfekten Party.
7. Max Richter / Nicolas Jaar – Montreux Jazz Festival, 30.06.2017
Wunderschön, leise und dann doch extrem treibend. Zwei Musiker, zwei Welten, eine grandiose Nacht.
8. Yasmine Hamdan – Moods Zürich, 13.10.2017
Ihr Arabic-Pop ist nicht nur modern und voller Erzählungen, sondern auch live betörend.
9. Xiu Xiu – Dachstock Bern, 09.05.2017
Egal wie fest du dich selbst hasst, nach diesem Konzert war die Welt doch wieder angenehmer. Wenn auch total kaputt.
10. Schnellertollermeier – Match & Fuse Zürich, 29.09.2017
Jazz auf harten Drogen? Dieses Trio spielte alle anderen Bands an diesem Festival an die Wand und liess mich nur staunen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Hanreti – Deep Sea Dream (2017)

Band: Hanreti
Album: Deep Sea Dream
Genre: Indie / Folk / Singer-Songwriter

Label/Vertrieb: Little Jig
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: Hanreti auf FB

Den Aufenthalt tief unter der Wasseroberfläche stelle ich mir bei Weitem nicht so entspannt und locker vor, wie es mir die Musik auf “Deep Sea Dream” glauben machen will. Hier lasten nicht Abertonnen von Gewicht über unseren Köpfen, sondern leichte Kompositionen und hübsch verschlafene Begegnungen. Mit dem dritten Album hat sich die Luzerner Band Hanreti vollends zu einer Gruppe gemausert, die aus diversen Stilrichtungen ihr herrlich entspanntes und etwas slackerartiges Ding bastelt. Kalifornien, wir kommen.

Lieder wie “Marie” oder “Songbird” würden perfekt in die TV-Serie “Flaked” passen, in der man das mehr oder weniger einfache Leben einer Gemeinschaft in Venice beobachten darf. Und wie auch die Figuren und Episoden dieses Produktes zeigen sich Hanreti auf ihrem Album immer zurückgelehnt, von der Sonne bestrahlt, aber nicht ohne Kanten. Dank vielen Einflüssen, von Indie über Country bis hin zu Folk oder Funk, dürfen Songs wie “The Paper Age” oder “Poncho” mit ihrer Eingängigkeit locken und dann die Eigenheiten auspacken. Ob sich die Musiker nun eher an Wilco orientieren oder in der Strandrunde von Jack Johnson landen, es darf sich auch mal um schwere Momente und negative Gefühle drehen.

“Deep Sea Dream” ist dabei aber nie bemüht oder zu lasch, viel eher kann man sich die Melodien so umbauen, dass sie zu den eigenen Träumen passen. Aus dem Kopf des Künstlers und Multiinstrumentalisten Timo Keller entstanden, sind Hanreti nun aber soweit geformt, dass sie als Band und Formation zielsicher die typische Herangehensweise an solche Indie-Musik umgekrempelt und geschickt neue Wege der Komposition gefunden haben. Und auch wenn sich der Anfang dieser Scheibe zum Teil etwas zieht, die zweite Hälfte entschädigt für alles.

Anspieltipps:
Green In Green, Poncho, The Paper Age

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Romain Iannone – Nocturne Works (2017)

Band: Romain Iannone
Album: Nocturne Works
Genre: Electronica / Ambient

Label/Vertrieb: oqko
VÖ: 30. Mai 2017
Webseite: atelierfuzilli.ch

Wenn die gekaufte Musik auf einer Kassette im Briefkasten landet und sich daneben noch Samen der Prunkwinde Ipomoea alba befinden, dann kann man der Musik auf keinen Fall alles Organische absprechen. Und so verhält es sich auch mit „Nocturne Works“ des Schweizer Künstlers Romain Iannone – sanfte, elektronische Musik als Kommunikationsebene zwischen Organismus und digitaler Kreation. Man soll sich darum nicht von der Menge der 22 Tracks verunsichern lassen, hier herrschen die Fragmente.

Zusammen ergeben die Tracks von „Mouman“ bis hin zu „FEV_24“ knappe 50 Minuten Musik, selten gelangt ein Track über die Grenze von drei – aber das ist auch in Ordnung so. Romain Iannone sucht in seinen sanften und reduzierten Kompositionen nämlich nicht die Reize der Tanzfläche oder den grossen Erfolg, sondern will mit einzelnen Synthiespuren, leichten Melodien und Bruchstücken das Künstliche an die Natur heranführen. „Nocturne Works“ ist somit zerbrechlich und ätherisch, wie eine einzelne Blüte im gefrorenen Boden.

Wie die meiste Schönheit im Leben sind auch Momente wie „Lake“ oder „Cha“ viel zu schnell wieder vorbei, legen aber den Boden für noch kommende Kreationen und Erlebnisse. Romain Iannone lässt seine Ambient-Electronica somit fein verästelt gedeihen und benötigt dazu weder Beats noch Bässe, viel eher wagen die Töne krumme Wege und erinnern an vergessene Samples und Gerätschaften. Und wenn sich dann auch die Bezeichnungen der Tracks immer mehr zwischen Poesie und Technik vermengen, dann spürt man die langsam aufgehende Sonne.

Anspieltipps:
Lake, Cha, MARS_20

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Klain Karoo – Lights Down Low (2017)

Band: Klain Karoo
Album: Lights Down Low
Genre: Electro / Pop

Label/Vertrieb: One Take
VÖ: 13. Oktober 2017
Webseite: klainkaroo.com

Man könnte zuerst ja etwas Angst haben und denken: “Na, eine weitere moderne Pop-Gruppe, die elektronische Klänge mit dem Gesang einer hübschen und jungen Dame kombiniert. Da heisst es tschüss Anspruch und hallo Radio.” Aber weit gefehlt bei “Lights Down Low”: Denn diese erste EP der Schweizer, welche sich zwischen Winterthur und Baden bewegen, ist eine wunderbare Diskussionsrunde mit Eingängigkeit und Experiment. So wollen Klain Karoo hier nicht nur gefallen und umgarnen, sondern auch laut werden und gleichzeitig effektvoll die Sonne untergehen lassen.

Jedes der sechs Lieder auf “Lights Down Low” wirkt wie eine Kurzgeschichte, ein stilistisch verändertes Kapitel einer grösseren Erzählung. Mit der Single “Don’t Talk” stellen sich Klain Karoo auf die Seite der Synthie- und Club-Hits von modernen Sternchen wie Ellie Goulding, am anderen Ende der Veröffentlichung wird mit “Die Alone” die aktuelle Mischung aus Electropop und R’n’B beschworen. Nicht weit von Künstlerinnen wie Banks entfernt, aber am Songende doch auflehnend und verzerrend. So ist diese EP nicht nur eine Collage aus aktuellen Produktionskniffen, sondern auch immer wieder ein Versuchsgang in die etwas abgehobene Electronica.

Düster kommt “Cut The Rope” daher und nimmt kurz die weissen Westen aus dem Kleiderschrank von Klain Karoo, Claps und sanfte Beats schmuggeln diese aber bald wieder zurück. Und wenn sich Sängerin Carla selbstsicher zwischen ihre Jungs stellt, dann vermengt sich alles wieder zu einer kohärenten Veröffentlichung und perfektem Sprungbrett für diese frische Truppe. Jamie XX wäre stolz, tanzt momentan aber noch verträumt zu “Runaway Kid”.

Anspieltipps:
Don’t Talk, Cut The Rope, Runaway Kid

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Carvel‘ – Polarity (2017)

Band: Carvel’
Album: Polarity
Genre: Electro / Pop

Label/Vertrieb: Radicalis
VÖ: 29. September 2017
Webseite: Carvel auf FB

Die Synthies klingen schwer und druckvoll, darüber legt sich der Gesang mit dem genau richtigen Anteil an Rauschen und Verzerrung. Kein Wunder klingt dieser Song nach grossen Weltstars und Stadionbands, hantierte schliesslich der Produzent Gareth Jones (Depeche Mode, Nick Cave) hier mit Knöpfen und Reglern. Ein weiterer Sprung Richtung Weltruhm für Carvel’ also, welche seit 2012 von der Schweiz aus die Radiowellen mit ihrem mitreissenden Synthie-Pop überlagern. Und bevor ein erstes Album alle Lobgesänge einheimst, bietet das Quartett mit “Polarity” noch eine zweite EP.

Die vier Tracks, die man auf diesem Minialbum findet, zeigen die Basler Band mit vielseitigem Gesicht. Carvel’ stürmen mit “Five Four” die Tanzfläche, reduzieren ihr Klanggewand bei “Baby Behold” für die textliche Botschaft und werden, wie bereits erwähnt, wuchtig bei “Fall For Me”. Mit einfältiger Tanzmusik muss sich hier niemand zufriedengeben, vielmehr erhält man einen modernen, zeitgemässen und im Electro-Pop überfälligen Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen. Natürlich nicht zu offensichtlich, da man teilweise die Schönheiten der Tracks erst hinter den lautesten Melodien findet.

Von Basel nach Berlin, gegen den Strom nach Nürnberg und wieder zurück in die Clubs der Schweiz – der Weg von “Polarity” ist lang, aber nie mühselig. Carvel’ legen nach “Eins” hier eine gehörige Portion Einfallsreichtum und Zielklarheit drauf, lassen sich nicht von den ideologischen Idiotien Europas blenden und beweisen: Auch organisch gespielter Pop eignet sich für die Nacht und den Morgen danach. Gitarren, Keyboard, Schlagzeug, Bass, Gesang, Hits, alternative Heilung – eine logische Reihe.

Anspieltipps:
Baby Behold, Fall For Me, Five Four

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.