Schweiz

Live: Spencer, Badenfahrt Baden, 17-08-20

Badenfahrt 2017
Bands: Spencer, Mark Kelly
Sonntag 20. August 2017
Website: badenfahrt.ch

Wenn eine Stadt ihr Fest nur alle zehn Jahre steigen lässt, dann wird auch gleich mit grosser Kehle angerührt. Wobei das Ausmass der Badenfahrt schon extrem ist, und man sich als Besucher in dem Überangebot schnell verlieren kann. Denn für etwas mehr als eine Woche wird die Stadt im Aargau zum Schmelztiegel für kunstvoll konstruierte Bars und Restaurants, Konzerte, Partys und Darbietungen jeglicher Art. Da heisst es Programm genau studieren, genügend Zeit für die Wege einberechnen und Entscheidungen treffen. Dafür wird man hier auf jedem Meter überrascht und kulturell verführt.

Gemäss dem diesjährigen Motto „Versus“ durften die Lokalmatadoren Spencer am Sonntag in heissester Sonne ihre düsteren Songs darbieten – und somit gegen den strahlenden Sommer ankämpfen. Für die versierten Musiker war dies aber kein Problem, lockten sie durch ihre sympathische Art und mitreissenden Kompositionen doch schnell ein grossen Publikum vor die Bühne im Graben. Sicherlich, man musste die Augen schliessen um sich ihre Songs in dunklem Licht und kalter Atmosphäre geniessen zu können, aber so war der alternative New Wave ein Genuss.

Spencer nutzten den Auftritt nicht nur um ihr neustes Werk „We Built This Mountain Just to See the Sunrise“ zu verbreiten, sondern auch Gäste auf die Bühne zu bitten. The Bloom aus England sang mit der Band zwei krachende Gitarren-Songs, Chris Rellah kaperte die Musiker für ein paar Stücke. Man kann also auch gemeinsam und die Darbietung wurde somit schnell zu einem Aufstand gegen die schlechte Laune. Und als Frontmann Leo Niessner sich am Ende noch inmitten der Zuschauer zu einem wilden Gitarrensolo hinreissen liess, da waren auch die Leute auf der Hochbrücke aus dem Häuschen.

Etwas gemächlicher ging es ein paar Stunden später auf der wunderschön gestalteten Polygon-Stage neben der Limmat weiter. Der Englische, aber in der Westschweiz lebende Musiker Mark Kelly nahm Bühne und Besucher mit nur seiner Stimme und abgewetzten Gitarre in Beschlag. Auf ehrlich, etwas verrückte aber immer tolle Art sang er über die komplizierten Einfachheiten im Leben und liess uns alle für eine Stunde etwas besser fühlen. Singer-Songwriter mit genügend Emotion und Anspruch, aber auch immer etwas im Schlamm neben der Spur – so muss es sein. Kein Wunder hatten ein paar Leute am Ende nicht genug und liessen sich von Kelly hinter der Bühne noch ein paar private Zugaben spielen.

Was eigentlich perfekt zu der gesamten Badenfahrt passt: Denn obwohl hier sehr vieles und lautes miteinander passiert, die kleinen und menschlichen Momente machen dieses Fest erst so wundervoll wie es ist. Wir freuen uns darum auf viele weitere Konzerte voller Freude und toller Musik – und weitere Entdeckungen neben dem ausgelatschten Pfad. Und wer sich nach so vielen Liedern endlich mal ausruhen möchte, der findet bei der, aus Büchern gebaute UsVers-Bar eine perfekte Gelegenheit.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Revolting Puppets – Live From The Underground (2017)

Revolting Puppets – Live From The Underground
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Cyber Punk, Alternative Rock

Dystopische Szenarien gibt es in der Kulturgeschichte einige, manche haben sich sogar in den Alltag eingeschlichen. Dass sich jedoch eine Band komplett einem solchen Konzept verschreibt, das hört man selten. Doch wer in Bern Musik macht, der spürt die nicht immer sauberen Taten der Obrigkeit natürlich noch stärker. Zeit also, dass die Revolting Puppets mit ihren Liedern die Fesseln der Gesellschaft sprengen und der intellektuelle Austausch wieder zulässig wird. Die Mittel der Band: Cyber Punk, gemischt mit Blues-Rock aus den Schützengräben.

Die vier Lieder auf der EP „Live From The Underground“ wurden im Januar an zwei Konzerten aufgezeichnet und zeigen wunderbar die rohe Direktheit, die bei Revolting Puppets eine wichtige Rolle spielt. Der verzerrte Synthie-Bass schlägt sich mit der elektrischen Gitarre, Sänger Tetsuo wechselt zwischen atemlosen Aussprachen und gefühlvoller Melodienführung. Nach dem wilden Start bei „Let My Brian Breathe“ steigt man mit den maskierten Musikern in die geheimen Lager und erzählt sich bluesige Geschichte, die von knapp gewonnenen Schlachten oder Verluste handeln. Das fiktive Universum um den „M“-Konzern wird somit lebendig.

Die Revolting Puppets sind keine Band die viel Zeit für komplexe Strukturen, ewige Melodienbögen oder Perfektionismus verwenden. Hier gibt es rohe und direkte Musik, ohne Samples und versteckten Tricks – alles was zählt ist die echte Energie und der Punk. Dank dem dazugehörigen Konzept und der geheimen Identität der Musik hat sich hier erneut etwas in Bern zusammengebraut, dass wieder etwas von diesem falschen Glanz der ersten Welt zerstört. Der perfekte „Brainwash For My Birthday“ also.

Anspieltipps:
Let My Brain Breathe, The Real Thing, Brainwash For My Birthday

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Pabst / Autisti – Split (2017)

Pabst / Autisti – Split
Label: Crazy Sane Records, 2017
Format: Download
Links: Pabst, Autisti
Genre: Noise-Rock, Lo-Fi

Zwei Seiten, zwei Bands, zwei Lieder, zwei Mal lärmiger Lo-Fi – diese Split trifft genau so schnell deine Synapsen, wie sie umgedreht werden muss. Aber das schöne an einer 7inch-Vinyl ist ja, dass dieses Umkehren eigentlich unendlich weitergehen kann, einen wirklichen Schluss gibt es nicht. Und die hier frisch gepressten Songs verdienen es auch, mehrfach angehört zu werden. Crazy Sane Records haben mit Pabst und Autisti schliesslich zwei gleiche Geister zusammengebracht.

Beide Bands existieren erst seit kurzer Zeit und haben sich vor allem mit wilden Konzerten bei der Masse beliebt gemacht, als viele Veröffentlichungen. So ist „Exciter“ ein tolles Aufblitzen neuster Kompositionskunst des Trios aus Deutschland. Pabst haben ihre Saiten tief gestimmt und ihre Musik groovt stark verzerrt durch die knappen drei Minuten. Nahe bei Verdena aus Italien, wird dieser alternative Rock lärmig und dank Gesang von Erik Heise nie zu kaputt. Seine Melodienführung verleiht der Stoik des Songs eine wunderbar attraktive Geste.

Auch bei den Westschweizern Autisti tragen die Stimmen eine grosse Rolle, wobei Emilie Zoé und Louis Jucker weniger auf Gefühl als auf Ausdruck und Ausbruch setzen. So darf auch alles in „Dealbreaker“ übersteuern, davonhetzen und explodieren. Ausgestattet mit zwei kratzenden Gitarren und dem leicht cholerischen Schlagzeugspiel fand das Lied nach diversen Livedarbietungen nun endlich den Weg auf eine Platte. Wobei dieser Noise-Rock immer kurz davorsteht, von alleine von der Plattenrillen zu springen und diese auf 300 Stück limiterte und eingefärbte Pressung dreckig und verbraucht zurück zu lassen. Also gut festhalten und mittoben.

Anspieltipps:
Exciter, Dealbreaker

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Oltenair, Schützi Olten, 17-08-04

Oltenair
Bands: My Sleeping Karma, Jeans For Jesus, Giobia, One Sentence. Supervisor, Alois, Saint Tangerine Convention
Freitag 04. August 2017
Schützi, Olten

Es war echt an der Zeit, dass diese Kleinstadt an der Aare endlich ihr eigenes Festival erhielt. Alleine wegen der schweizerischen Bezeichnung für diese Art von Musikveranstaltungen – „das Open Air“ – war es nur logisch: Willkommen am ersten Oltenair beim Kulturzentrum Schützi. Aufgeteilt in einen rockigen Start am Freitag und einen Hip-Hop-lastigen Samstag wurde hier weise überlegt und grossartige Acts gebucht. Wir mischten uns also noch so gerne unter die Besucher und Künstler.

Die Ehre, als allererste Band überhaupt auf der Bühne vor der Schützi auftreten zu dürfen, fiel Saint Tangerine Convention aus Zürich zu. Mit vielen neuen Bandmitgliedern und etwas zickigen Verstärkern breitete die Truppe ihren  Vintage Rock auf dem Platz aus und liess ihre mehrstimmigen Gitarrenmelodien im Nebel verschwinden. Und wie es sich heute für die Rockszene gehört, wurde die Musik auch hier mit psychedelischem Anteil aufgelockert. Alois aus Luzern versuchten sich danach als erste Band im Saal eher am Gegenteil – reduzierter Indie-Pop mit Hipster-Einschlag. Sanft plätscherten die Songs dahin, leicht elektronisch geschminkt und nie ohne innere Ruhe.

Irgendwo zwischen hypnotischer Stille und wilden Ausbrüchen hantierten auch die Badener One Sentence. Supervisor. Ihre mitreissende Neuauflage des Krautrock, kombiniert mit schon fast heroischen Melodien und einem unglaublich perfekt spielenden Schlagzeuger, war auch in Olten wieder ein Gewinn für die Szene und die Leute. Perfekt, dass mit dieser internationalen Musik auch die Überleitung zu Giöbia aus Italien perfekt funktionierte – zeigte das Quartett doch eine wuchtige und laute Version von spannendem Psychedelic Rock.

War dieser Abend allgemein stark diesem Genre zugeneigt, wurde es ab jetzt auch lauter und träumerischer. Wobei Jeans For Jesus aus Bern die Blaupausen der standardisierten Musik mit ihrem Anti-Pop auf komplett andere Weise zerlegten. Mit grosser Lichtshow und einer gelungenen Mischung aus Liedern ihrer beider Alben hiess es ab jetzt: Ausgelassen tanzen. So wuchs „Kapitalismus Kolleg“ zu einem kontemporären Medley an, die Band spielte das Publikum in einen Rausch.

Genau der Zustand, den man für den Abschluss mit My Sleeping Karma aus Deutschland brauchte. Denn hier gab es wuchtige Breitseiten zwischen Space, Psychedelic und Stoner – manchmal keck an Monkey3 erinnernd. Mit einem Gitarristen wie ein Fels und wunderbaren Synthie-Klängen liess man die Schützi noch ein letztes Mal davonfliegen. Somit war dies nicht nur der perfekte Abschluss, sondern der Zenit eines meisterlichen Startes für das Oltenair. So kann es noch viele Jahre und Nächte weitergehen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Marillion, Z7 Pratteln, 17-07-28

Marillion
Freitag 28. Juli 2017
Z7, Pratteln

„Living in f e a r / Year after year after year / Can we really afford it? / We have decided to start melting our guns as a show of strength“ – es birgt eine gewisse Ironie, wenn diese Zeilen laut durch das Z7 in Pratteln schallen. Die Schweiz ist schliesslich nicht bekannt dafür, sich offen gegen Waffenexporte aufzustellen und versteckt sich lieber hinter der Angst vor Job- und Wohlstandsverlust. Es tat den Besuchern also mehr als gut, mit Marillion für einen Abend neue Denkweisen aufgezeigt zu bekommen. Und genau dies macht das neuste Album „F E A R“ schliesslich – es hält der Welt und unseren Gedanken einen Spiegel vor.

Dass die englischen Art-Rocker ihren Auftritt in der Konzertfabrik also mit der gesamten Darbietung ihrer neusten Scheibe begannen, machte mehr als Sinn. Ihr neustes Werk, welches ausgeschrieben auf den Namen „F*ck Everyone And Run“ hört, ist nämlich nicht nur meisterlich komponiert und endlich wieder sehr progressiv, sondern eine melodische und klangliche Reise durch alle Eckpfeiler des Marillion-Universums. Obwohl die Band nun bereits über ein Jahr damit unterwegs ist, werden weder Musiker noch Besucher müde. Warum auch, zeigten sich die Musiker um Sänger Steve Hogarth doch weiterhin spielfreudig und frisch.

Es war vielleicht der grossen Hitze in der Halle zu verschulden, dass die Künstler ein paar Mal über ihre eigenen Songs stolperten – doch die immer schillernde Persönlichkeit von Hogarth überspielte dies mit Witz und Charme. So durften die Gitarren bei „The New Kings“ laut werden, die Keyboards bauten Schlösser bei „Sounds That Can’t Be Made“ und die Rhythmus-Fraktion trotzte jeder Falle. Marillion live zu erleben, ist und bleibt ein sicherer Wert. Nur schade, verliess sich die Band nach „F E A R“ etwas zu stark auf ihre neueren Hits. „Beyond You“ war zwar hübsch, aber zu wenig bissig; „King“ immer eindrücklich mit der Videountermalung, aber etwas zu oft gehört.

Auch bei den Zugaben mit „Easter“ und „Neverland“ gab es eigentlich keine Überraschungen und die angenehme Süsse blieb erhalten. Aber na gut, wer die Besucher emotional und körperlich so stark mit seiner Musik mitzureissen vermag, der darf sich auch für einmal mit der sicheren Seite begnügen. Schön war auch zu sehen, dass das Z7 aus allen Nähten platzte – endlich, und nach 38 Jahren Zusammenhalt und Kreativität bei Marillion auch mehr als verdient!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Giant Sleep – Move A Mountain (2017)

Giant Sleep – Move A Mountain
Label: Eucalypdisc, 2017
Format: Download
Links: Bandcamp, Band
Genre: Prog, Stoner Rock, Post-Rock

Merkwürdig, die Alpen stehen doch gar nicht zwischen Südwest-Deutschland und der Nordwest-Schweiz, trotzdem erwartet einem bei der Musik von Giant Sleep eine wahre Kette an Bergen zum erklimmen. Die fünf Herren stellen uns aber nicht nur Steigeisen zur Verfügung, sie zeigen mit ihrem zweiten Album „Move A Mountain“ auch gleich, dass solche Felsen nicht nur beweglich sind, sondern man diese auch nach eigenem Gutdünken formen kann. Schliesslich geschieht dies hier auch mit den Stilrichtungen – und etwas völlig eigenes und fesselndes entsteht.

Bereits bei „12 Monkeys“ ist schnell klar, Giant Sleep sind keine übergrosse Eintagsfliege – viel mehr ist ihr innovatives Gebräu aus hartem Stoner Rock, den wechselnden Ideenbögen des Prog und den Ausschweifungen des Post-Rock auch auf „Move A Mountain“ fordern und extrem mitreissend. Dies ist dem grossartigen Songwriting zu verdanken, dass aus schweren Riffs, ungeraden Takten und dem leidenschaftlichen Gesang von Thomas Rosenmerkel ein extrem mitreissendes Album formt. Alles hält sich perfekt in Waage, Blues und Metal schleichen sich zwischen die Strophen.

Mit dem Epos „Forever Under Ground“ und dem leidensfähigen Highlight „Love Your Damnation“ zeigen Giant Sleep nicht nur, dass man die Rockmusik immer noch komplett neu gestalten kann, sondern dass Leidenschaft und Intensität immer am besten funktioniert, wenn Musik und Texte komplett ehrlich daherkommen. „Move A Mountain“ ist somit eine dieser Platten, die man zwar stilmässig nirgends richtig einordnen, dafür für alle ihre Facetten inbrünstig liebt. Dieser Heavy Rock wird unser aller neuer Gott.

Anspieltipps:
12 Monkeys, Forever Under Ground, Love Your Damnation

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Czar Shop – Plattenladen in der digitalen Welt

Das Label Czar Of Crickets Productions wird nicht nur bei Artnoir zu einer regelmässig besuchten Anlaufstelle für neue und harte Musik aus der Schweiz, auch die umliegenden Länder und diverse Szenengrössen schauen mit ihren Ohren und Augen in Richtung Basel. Frederyk Rotter, Musiker bei Zatokrev und Neo Noire, will hier aber nicht stoppen. Mit dem Czar Shop steht ein weiterer Baustein bereit, der es ermöglichen soll, Musiker, Fans und Kritiker auf andere Weise zusammenzubringen – und vor allem die Schweizer Szene der harten Musikarten endlich bekannter zu machen. Zeit, um etwas genauer nachzufragen.

Michael: War es schon immer geplant, das Label mit einem Shop zu verbinden?
Fredy: Ich plante ursprünglich, den Shop als Plattform für Labelbands zu nutzen, wo diese mit dem Verkauf von Tonträgern mehr verdienen konnten als über die gängigen Vertriebe. Uns gefiel aber die Idee, den Shop auch anderen Bands und Schweizer Labels anzubieten und somit eine Plattform mit den besten Schweizer Künstlern zu schaffen.

Verwaltest du alle Aufgaben selber, oder ist die Menge an Arbeit so gross geworden, dass sich fleissige Gehilfen in Lager und Büro tummeln?
Mein Kumpel Marko Thümmler verwaltet in Zürich den Czar Shop. Ich kümmere mich um die Warenanlieferung, Werbung und um die Kommunikation mit Bands und Labels. Auch mein super Praktikant übernimmt hier und da eine Aufgabe bezüglich dem Czar Shop.

Und reicht denn diese Arbeit aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten? Oder musst auch du weiterhin einem Brotjob nachgehen?
Mein Kerngeschäft ist das Label, davon lebe ich. Von verkauften Tonträgern über den Czar Shop kann das bisher aber noch keiner. Der Shop war jetzt lange Zeit im Aufbau und hat nun ein beeindruckendes Sortiment vorzuweisen. Neben Top Acts wie Triptykon, Celtic Frost, Darkspace, Bölzer, Mumakil, Rorcal, Young Gods, Zeal & Ardor, Navel oder Schammasch wird der eine oder andere auch auf Perlen aus dem tiefen Underground stossen. Der Shop läuft stetig etwas besser, aber du weisst ja wie es heutzutage ist mit dem Tonträgerverkauf – auf keinen Fall einfach. Wir versuchen auf verschiedene Arten, auf den Czar Shop aufmerksam zu machen – es braucht aber Zeit, bis es bei den richtigen Feinschmeckern angekommen ist.

Nach welchen Kriterien werden Bands und deren Produkte ausgewählt? Entdeckst und hörst du die Musik selber, oder vertraust du auf die Meinung anderer Musiker oder von Freunden?
Ich kenne oder entdecke sie oft selber. Es ist mein täglich Brot, Leute, Musiker und Bands zu kennen oder kennenzulernen. Ich bin an vielen kleinen oder mittelgrossen Events anzutreffen, da entdeckt man immer wieder einmal etwas Neues. Ich nehme natürlich auch immer gerne Empfehlungen entgegen.

Kann man mit einem unabhängigen Shop Grenzen überwinden und Brücken bauen? Ein Grundsatz, den du dir für den Czar Shop auf die Fahne geschrieben hast – auch, um die Schweizer Szene endlich bekannter zu machen.
Ich denke nicht, dass dies alleine mit einem Shop geht – dieser ist aber ein Teil des grossen Ganzen. Bei meiner Arbeit als Labelmanager versuche ich z.B. Bands aus der deutschsprachigen Schweiz in die französischsprachige Schweiz zu bringen und umgekehrt, sei es mit Promo oder Konzervermittlungen. Fakt ist, dass hier kaum jemand die Szene in der Westschweiz kennt, obwohl die nächste französischsprachige Schweizer Ortschaft nur etwa eine Autostunde entfernt liegt. Den Welschen geht’s umgekehrt genauso. Es wird zwar stetig besser, es sind aber immer noch nur einzelne Künstler, die es über den „Röstigraben“ schaffen. Der Shop bietet eine Übersicht über grossartige Künstler beider Seiten und deren verschiedene Szenen. Ziel ist es aber auch, den Shop ausserhalb der Landesgrenze zu promoten. Wir wollen weltweit Freaks ansprechen, die entdeckungsfreudig sind und gerade auch mit der Entdeckung von grossartigen unbekannten Schweizer Bands ihre Erfüllung finden.

Entsteht bei einem Online-Shop überhaupt eine Gemeinschaft oder ein Gefühl des Zusammenhaltes, wie man es (vor allem früher) in den Plattenläden erlebt?
Vielleicht nicht genau so wie bei richtigen Plattenläden, aber in gewisser Weise und unter gewissen Umständen kann es sein, dass es ein Gemeinschaftsgefühl unter den Künstlern auslösen kann. Der Czar Shop an sich labelt ja auch. Wir nehmen nicht wahllos Produkte von Schweizer Bands auf, wir suchen sie uns aus nach ihrer Qualität und einer Ästhetik, die zu unserem Shop passt. Das heisst schonmal, dass die Künstler eine Gemeinsamkeit haben und vereint unter einem feinschemeckerischen Deckmantel ihre Produkte der Welt anbieten – das kann durchaus ein Gefühl von Zusammenhalt auslösen.
Schön wäre es, wenn ein ähnliches Gemeinschaftsgefühl eines Tages auch bei einer breiteren Kundschaft der Fall wäre. Online ist es aber halt nicht ganz dasselbe wie in einem richtigen Plattenladen, in den man reinstiefelt, immer dieselben Leute antrifft und bis zum Ladenschluss über Musik debattiert. Wir sind aber immer wieder an kleinen Shows, Partys und Festivals anzutreffen. Man könnte sagen, dass die Leute nicht zu uns in den Laden kommen, sondern wir kommen dahin, wo die Leute an Konzerte oder Partys gehen. Sollte dies in Zukunft regelmässiger der Fall sein, kann ich mir vorstellen, dass sich daraus eine Eigendynamik entwickelt und wir bei unseren Ständen immer wieder bekannte Gesichter antreffen werden. Unterm Strich ist die Schweizer Rock- und Metalszene in allen Bereichen ja immer noch relativ überschaubar.

Gibt es bei dir denn auch so etwas wie Stammkunden? Leute, die alle Czar Of Crickets Productions-Veröffentlichungen als Abo beziehen oder blind vieles einkaufen?
Darüber habe ich leider keinen Überblick, da ich selber den Shop nicht verwalte, sondern nur beliefere. Czar Of Crickets hat aber allgemein eine sehr charmante Anhängerschaft. Das merkt man, wenn wir z.B. an den Events immer wieder dieselben Leute antreffen, die wir unterdessen kennen.

Kassetten, CD-R, Vinyl etc. – schnell sammelt sich eine grosse Menge an Material an. Wird Basel bald im Schatten einer grossen Czar-Lagerhalle verschwinden?
Ha, wer weiss, aber ich denke nicht. Wie gesagt, bei uns zählt immer noch Qualität und nicht Quantität. Wir verkaufen in der Regel auch keine Bestseller, sondern eher etwas Besonderes für den Musikliebhaber. Wir beschäftigen uns mit jeder einzelnen Band, die dazukommt. Sicher wird der Shop aber in nächster Zeit noch stark im Sortiment ausgebaut. Um den Charme zu erhalten, werden wir den Rahmen aber nicht sprengen.

Mit The Young Gods, Navel, Bölzer, Celtic Frost oder Zeal & Ardor tummeln sich bereits grosse Namen im Shop. Was darf man in Zukunft denn noch an Highlights erwarten?
Da gibt es noch so einige. Ich habe eine lange Liste, die ich am abarbeiten bin. Ich fürchte, dass sie aber tendenziell länger statt kürzer wird, da mir immer wieder neue Bands einfallen, oder ich auf neues stosse! In nächster Zeit kann man sicher weitere Tonträger z.B. von Kruger und Leech erwarten.

Und zuletzt: Wie muss man sich denn die alltägliche Arbeit bei einem Onlineshop vorstellen?
Es gibt den, der neue Ware einliest, in den Shop aufnimmt, Bestellungen entgegennimmt und abschickt und den, der den Shop bewirbt (über Inserate, Newsletter, Artikel etc.) und Ware besorgt. Wir wechseln uns ab mit Newsposts. Oft habe ich in verschiedenen Teilen der Schweiz zu tun, z.B. in Lausanne. Dazu überlege ich mir, welche tollen Bands es in Lausanne gibt, kontaktiere diese und treffe mich mit ihnen, um ihre Tonträger entgegenzunehmen. Dabei sparen die Bands Porto – das kann für viele ganz praktisch sein, da ich ja oft unterwegs bin. Das Label ist mein Kerngeschäft, den Aufbau des Czar Shops habe ich immer nebenher betrieben. So langsam aber sicher wird der Shop immer wichtiger für uns und ist definitiv zu einer wichtigen Ergänzung in unserem allgemeinen Schaffen geworden – und zu einer Einnahmequelle, die sich bald für alle Beteiligten als lohnenswert erweisen könnte.

Hoffen wir es doch! Besten Dank für deine Zeit.
Wie immer danke für dein Interesse und deinen Support. Es war mir eine Ehre.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Julian Sartorius – Hidden Tracks: Basel – Genève (2017)

Julian Sartorius – Hidden Tracks: Basel – Genève
Label: Everest Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Experimental, Field Recordings

Wandern – eine Freizeitbeschäftigung, die sich immer wieder gegen alle Faulheiten durchsetzen kann und auch junge Menschen durch Täler und über Berge lockt. Die Schweiz bietet mit ihrer abwechslungsreichen Natur aber auch genügend Schönheit, um solche Strapazen zu rechtfertigen. Julian Sartorius wollte aber bei seinen Spaziergängen von Basel bis Genf aber tiefer greifen und nahm Geräusche, Laute und Lärm unterwegs auf. Auf „Hidden Tracks: Basel – Genève“ präsentiert uns der Schlagzeuger aus Bern nun diese Field Recordings – von ganz neuer Seite.

Denn obwohl das Album auch mit begleitender Wanderkarte erscheint, Julian Sartorius will hiermit nicht einfach die Natur normal abbilden, sondern suchte die versteckten Beats unter den Wiesen und Steinen. Und gefunden hat er einiges, ertönen in den zehn Tracks doch nicht nur Kuhglocken, sondern auch Elektrozäune, Züge, Metallstangen und Tiere. „Hidden Tracks: Basel – Genève“ lädt diese Spuren aber nicht einfach frech und einzeln vor der Haustüre ab, sondern wird zu einem experimentellen Album voller ungeahnter Strukturen.

Natürlich muss man dieser Musik mit Offenheit und Erfindergeist entgegen treten, denn alltäglich und selbsterklärend sind diese Kompositionen auf keinen Fall. Julian Sartorius hat sich Muster und Rhythmen zusammengetrommelt, die aber auch die Landschaft und Erlebnisse einer solchen Wanderung gut wiedergeben. Man versinkt so stark in dieser versteckten Welt, dass der vorbeirauschende Zug am Ende von „Hidden Tracks: Basel – Genève“ schon fast als zu modern ertönt. Hier regiert ganz klar die Schwingung der Natur.

Anspieltipps:
Kleinlützel – La Caquerelle, Noiraigue – Ste-Croix, Le Pont – Vich

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Hermann – Hermann (2017)

Hermann – Hermann
Label: Eigenveröffentlichung
Format: Kassette mit Download
Links: Facebook, Band
Genre: Pop, Mundart

Ein Album auf Kassette – was oft einen etwas biederen Retro-Geschmack mit sich trägt, das funktioniert beim ersten Album von Hermann perfekt. Denn nicht nur die Verpackung, auch der Inhalt scheint direkt aus einer anderen Zeit transportiert, aus den Jahren, in denen die Musik noch etwas schepperte und unsauber klang. Das Trio aus Luzern hat sich darum auch ganz dem minimalistischen Mundart-Pop mit viel Synthie-Musik verschrieben und lockt zusammen mit wunderbaren Erzählungen in abenteuerliche Welten.

Heimlicher Star des Albums ist ganz klar der Rhythm Ace Fr-1, ein Drumcomputer aus den Sechzigern, der hier Grundgerüste und einfache Takte zum mitklopfen liefert. Hermann lassen das Gerät tanzen und legen darüber Gitarren- und Bassspuren, die so manche New Wave-Gruppe neidisch machen könnte. Einzelne Töne werden hier geschickt verknüpft und kämpfen gegen die Kälte der Simplizität. Dazu kommen die neugierig machenden Texte von Jonathan Winkler, welche geschickt Aussagen zum sozialpolitischen Geschehen in der Schweiz und märchenhafte Szenerien verbinden.

Hermann wissen über die Gefahren einer solch, oft sehr technisch reduzierten Musik, und tappen in keine Falle. Lieder wie „Plakat“ oder „Diktatur“ tragen sogar das Parfüm der Hitparadenstürmer, „Gebore i de USA“ wagt sich eher in die dunklen Ecken zwischen Stammtisch und Proletentum. Man stampft, klatscht und tanzt mit, man legt sich auf die Synthie-Flächen und denkt sich dabei, wie wundervoll es doch ist, dass einem die Schweizer Musikszene immer wieder mit solchen andersartigen Bands überraschen kann. Und „Hermann“ ist eindeutig anders – und immer rüdig gut.

Anspieltipps:
Plakat, Gebore i de USA, Diktatur

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Dick Laurent – Hello (2017)

Dick Laurent – Hello
Label: Sixteentimes, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Blues, Instrumental Rock

Ich kenne eine coole, frische Band aus Basel – diesen Satz konnte man in letzter Zeit sehr oft anwenden, und der Nachschub scheint nicht weniger zu werden. „Hello“ sagen Dick Laurent und knallen uns auf ihrer neuen Scheibe fünf instrumentale Rock-Songs vor den Latz – da hilft zur Abkühlung nur noch der Sprung in den Rhein. Doch Achtung: Die drei Herren verfolgen dich weiter.

Lieder wie „Oiled“ oder „Short Story“ sind eigentlich oft kein Grund, dass man vor Freude die Hände verwirft. Was aber Dick Laurent mit den knackigen Stücken machen, das hat grossen Reiz. Seit 2013 haben sich die Musiker nämlich darauf getrimmt, hart hervor preschende Beats und träumerische Melodien zu verbinden. Gekonnt werden hier beide Komponenten mit Gitarre, Bass und Schlagzeug verknüpft und die Langeweile hat zu keiner Sekunde auch nur eine Chance, um vorbeizuschauen.

Vielmehr reist man hier durch den klassischen Blues-Rock, atmet kurz Wüstenstaub ein und ertappt sich beim Stolpern über die schier progressiven Taktwechsel. Und kaum hat man sich so richtig warm gerockt, endet „Hello“ leider auch schon wieder. Doch das Wenden der Platte benötigt schliesslich nicht viel Zeit, und schon bald geht das Fest mit Dick Laurent weiter.

Anspieltipps:
Oiled, Hello

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.