Monat: August 2016

Beatastic – Staticity (2016)

Beatastic Staticity

Beatastic – Staticity
Label: Eigenveröffentlichung, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: Shoegaze, Rock

Fanfaren, wuchtige Akkorde und Glockengeläut – Beatastic starten nicht zurückhaltend in ihr neustes Album. Was nach „Alpha“ folgt, verdient aber auch einen solchen Empfang, weiss der englische Künstler Nicolas Pierre Wardell schliesslich im Alleingang diverse Stilrichtungen und Spielarten zu einer neuen Form zusammenzufügen. Nach drei mit Ziffernreihen betitelten EPs stellt „Staticity“ wieder ein längeres Klangerlebnis aus seiner Feder dar. Was kompositorisch gleich wieder verzückt, muss leider auf technischer Seite fast zu viele Einbussen erdulden.

„Staticity“ zeigt mit den ersten Liedern aber gleich wieder die vertraut krachenden Gitarren, die begleitenden Synths und das oft wilde Schlagzeug. Wardell nimmt sich aus dem dreckigen Rock die Schludrigkeit, den Stolz des Indies, die Tiefe des Grunge und das dichte Träumen aus dem Shoegaze. Diese Vielfalt hört sich bei Liedern wie „This Hell“ einfach nur faszinierend an – es kratzt und wehrt sich, ist aber trotzdem voller wohlklingender Töne, die man ausgraben kann. Schade allerdings, dass diese tollen Ideen im Songwriting oft in der etwas zu schwachen Produktion untergehen. Manchen Stücken fehlt der nötige Druck, Wände sind eher Leichtbau und das Schlagzeug klingt billig.

Beatastic wirft sich damit leider einen etwas zu grossen Ast ins Getriebe, denn es ist weiterhin beeindruckend, wie schnell und gut Wardell Lieder und Alben raushaut. „Staticity“ bleibt aber leider oft zu stark auf Distanz zum Hörer. Das merkt man auch bei „Hiroshima“, der klanglichen Verarbeitung des Atombombenabwurfs. Zwar spielt der Künstler mit asiatischen Mustern, verliert sich aber dann doch wieder zwischen mässigem Gesang und flachen Klangkurven. Aber trotzdem, Beatastic anzuhören ist immer überraschend und interessant – auch auf Albumlänge. Und via Bandcamp praktisch gratis.

Anspieltipps:
A Secret Order, This Hell, Your Garden Of Deceit

James Blake – The Colour in Anything (2016)

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James Blake – The Colour in Anything
Label: Polydor, 2016
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Dubstep, Pop, Soul

Wenn man drei Jahre auf ein neues Album warten muss, dann freut man sich sehr, wenn die neuste Veröffentlichung nicht nur wenige Stücke enthält. Doch James Blake, der Superstar der tieftraurigen Electronica, schiesst mit „The Colour In Anything“ gleich einen Vogelschwarm ab – sein drittes Werk ist über 70 Minuten lang. Das mag jetzt zu lang und zu massig erscheinen, der Künstler wird seinem Ruf aber gerecht und vermag seine emotionale und sanfte Version von Dubstep über die gesamte Länge zu tragen.

Sicherlich, es gibt einige Lieder bei denen man sich nicht sicher ist, wie man deren Unterschiede jetzt genau formulieren soll. Doch James Blake nimmt mit seiner Stimme und seinem Songwriting sofort wieder gefangen. Es gibt keinen anderen Musiker, der elektronische Lieder so stark von ihrem Ursprung in der tobenden Clubmusik gelöst und mit so viel Atmosphäre und Gefühl aufgefüllt hat. Bereits „Radio Silence“ zeigt gleich zu Beginn, dass das Leben nicht immer strahlend ist und Soul sehr wohl mit Electronica zusammenpasst. Mal greifen die Beats stärker ein, mal beherrscht nur der Gesang das Geschehen – doch immer ist Blake dabei offen und grundehrlich. Eine Entblössung der Seele, das Innerste wird nach aussen gekehrt.

„The Colour In Anything“ wirkt zwar eher grau und neblig, weiss aber doch zu scheinen. Die tief wummernden Frequenzen fehlen gegenüber früheren Veröffentlichungen von James Blake zwar etwas, seine Erzählungen und Klavierstücke suchen aber immer noch ihresgleichen. Somit ist auch diese Scheibe wieder wunderbar traurig, wenn auch sich der Genuss besser in mehrere Gänge unterteilen lässt. Aber so bleibt uns genügend Nahrung bis zur nächsten Grosstat und die dunkeln Jahreszeiten werden mit viel Melodie gefüllt.

Anspieltipps:
Radio Silence, I Hope My Life (1-800 Mix), I Need A Forest Fire

Live: Zürich Open Air – Tag 4, Rümlang, 16-08-27

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Zürich Open Air
Tag 4: Samstag 27. August 2016
Rümlang, Zürich

Als dann plötzlich die Regentropfen vom Himmel fallen, will es die tanzende Masse nicht wahrhaben. Nach vier Tagen voller Hitze, Schweissausbrüchen und lauwarmen Bieren erbarmt sich die Natur und gibt allen eine Abkühlung. Perfekt abgestimmt auf das letzte Konzert am diesjährigen ZOA fand man durch den Regen wieder neue Kraft und liess den Auftritt von Underworld zu einem bunten und durchgeknallten Fest werden. Auch für die Seele war dies Balsam, denn ich hatte nach dem Hoch am Freitag meinen Glauben an das Open Air schon fast wieder verloren.

Der Samstag begann für uns am Nachmittag nämlich mit einem Ausblick auf ein schier leeres Festival-Gelände. Trotz allen Voraussetzungen wie Wochenende, bestes Wetter und Stadtnähe traten wenige Leute die Reise nach Rümlang an. Coasts aus Bristol lieferten ihren sehr zuckrigen Pop-Rock somit zuerst vor fast leerer Wiese ab. Die Band liess sich davon nicht gross aus der Ruhe bringen, ihre Musik mich hingegen auch nicht. Zu lieblich, zu bekannt im Indie-Land. Auch Oscar And The Wolf hörten wir uns aus der Distanz an und erkundeten noch einmal das Areal. Was sagt es eigentlich über eine Veranstaltung aus, wenn sie die meiste Liebe in den Markt- und Konsumbereich steckt, hingegen Dinge wie Ernährung und Stimmungsförderer vernachlässigt?

Somit musste man sich nicht wundern, dass die Zuschauer bei Bilderbuch weniger mitsangen, tanzten und jubelten als es die Österreicher gewohnt sind. Trotzdem, ihre schräge Mischung aus Rock, elektronischen Remineszenzen der schlimmen Zeiten und etwas durchgeknallten Texten machte sehr viel Spass. Aus Wien kommen schliesslich nicht nur Wanda, und hier regierte für einmal der verbrecherische Gigolo. Diesen kleinen Aufstand benötigten The Strumbellas nicht, ihr lieblicher Folk-Pop spazierte durch das Land der Glücksbärchis und sorgte für keinerlei Überraschungen. Das war schon bei Mumford And Sons langweilig – doch leider immer noch besser als die Katastrophe die darauf folgte.

Die Kaiser Chiefs, damals in meiner Indie-Phase eine meiner liebsten Bands, sorgten nicht nur für Ohrenbluten, sondern auch schlechte Laune. Die Gruppe zerstörte ihre eigenen Hits und versuchte ihre neue Musik als gut zu verkaufen. Diesen Kirmeskrawall können sie aber gerne behalten, wie auch die schlechten Covers. Was für Debakel, wobei immerhin der Abschluss des Tages mit den ohrenbetäubenden Bässen von Dillon und der Techno-Herrschaft von Underworld zufrieden stellte. Die zwei Herren aus England liessen die Leute aus der Starre erwachen und lieferten mit Liedern wie „I Exhale“, „King Of Snake“, „Rez“, „Two Months Off“ und natürlich „Born Slippy“ eine wahnsinnig gute Show ab. Wie betäubt verliess ich den Ort und war nicht unglücklich, dass diese oft zähe Veranstaltung nun ihr Ende fand.

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Live: Zürich Open Air – Tag 3, Rümlang, 16-08-26

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Zürich Open Air
Tag 3: Freitag 26. August 2016
Rümlang, Zürich

Und plötzlich funktioniert es. Die Leute haben für diese Woche genügend gearbeitet, das Bier fliesst die entspannten Kehlen herunter, die Besucherzahlen steigen. Was für zwei Tage eher ein kleines Dorffest war, wird nun zu einem Festival, wie man es kennt. Ausser dem Umstand, dass die Zuschauer weiterhin lieber frisch gestylt herumstehen anstatt mit den Bands zu feiern. Eigentlich unverständlich, denn was am Freitagabend des ZOA gezündet wurde, war musikalische Sonderklasse.

Sicherlich machten es nicht alle Acts dem Publikum einfach – besonders hervorheben muss man hier Róisín Murphy mit ihrem Theater-Electro-Pop. Avantgardistisch und komplex winden sich ihre Lieder zwischen den Bierständen, eine simple Refrain-Zelebration ist nur beim Moloko-Klassiker „Bring It Back“ möglich. Aber was die Frau an Kompositionen und Kostümwechseln zeigt, ist atemberaubend. Vielleicht nicht die richtige Band für einen solchen Abend, aber eindeutig die interessanteste. Wobei auch Soulwax zuvor aufzeigten, dass man nach 20 Jahren immer noch zu überraschen weiss.

Die Belgier zeigten sich mit drei Schlagzeugern, wuchtigen Beats und mitreissenden Rhythmen – eine schier tribalistische Messe für alle Tanzverrückten. Nachdenken konnte man schliesslich später, denn der Headliner des Abends war mit Massive Attack nicht nur klangtechnisch gross, sondern verband erneut aktuelles Weltgeschehen mit genialem Trip-Hop. Auf der Leinwand erschienen soziale Fragen, politische Botschaften und ein Aufruf, die Welt gemeinsam toleranter zu gestalten. Bei „Eurochild“ wurde die Bühne in blau-gelb getaucht, „Angel“ riss uns alle mit erschütternden Bässen in den Untergrund. Danach war alles plötzlich unwichtig.

Nicht ganz so bedeutsam, aber dafür mit einer wunderbaren Setliste zeigten sich die Hamburger Tocotronic am Nachmittag im heissen Zelt. Ihr poetischer Rock verband kryptische Texte, Liebesbotschaften und Gitarrenangriffe. Auch Editors wussten mit ihrer Mischung aus tiefmelancholischen Melodien, Beats und dem grossartigen Gesang von Tom Smith zu überzeugen. Ihre neusten Alben sind zwar eher durchschnittlich, gemischt mit alten Hits konnte die Gruppe aber die Nacht verzaubern. Mehr als Miike Snow, der vor allem gegen die Hitze und den leeren Platz ankämpfte. Alles in allem war der Freitag somit der bisher beste und musikalisch überzeugenste Tag – so kann es weitergehen.

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Live: Zürich Open Air – Tag 2, Rümlang, 16-08-25

Bild von Kathrin Hirzel

Bild von Kathrin Hirzel

Zürich Open Air
Tag 2: Donnerstag 25. August 2016
Rümlang, Zürich

Irgendwie ist der Wurm drin – denn auch am zweiten Festivaltag will das ZOA (wie man es heute so modisch abkürzt) nicht greifen. Im Vornherein jubelte ich aber über die Liste mit all den Bands, jeder Tag schien nur aus Highlights zu bestehen. Doch dann ist man vor Ort, versucht sich in Stimmung zu bringen und merkt: Hier klappt gar nichts. Weder die Organisation, die Stimmung noch die Musik. Man kämpft sich zwischen gelangweilten Menschen über den Rasen, findet keine Sitzplätze und bezahlt einen Reichtum für Ernährung. Und wenn dann endlich eine dieser gross angekündigten Bands die Bühne betritt, dann bleibt die Menge stoisch und bricht höchstens bei den Hits aus.

Aus diesen Gründen wollte bei mir dann auch selten die Begeisterung den Körper verlassen. Sicherlich, der Abschluss mit dem sicheren Wert aus Island war wie immer wunderschön und intensiv. Da vergass man fast, dass Sigur Ros den Konzertbeginn komplett verhaut haben. Reduziert auf elektronische Samples glichen sie ihre Musik als Trio dem Festival-Grundton an – und setzten es in den Sand. Glücklicherweise wurden dann doch noch Saiten und Felle ausgepackt und man schwebte nach Hause. Bei den anderen Künstlern schwebte aber vor allem die Enttäuschung über den Basswellen. So musste man erneut feststellen, dass The Chemical Brothers ihre Zeit schon lange verlassen haben. Was in den 90ern noch der Wahnsinn war, ist heute eine statische und langweilige Synth-Messe.

Da macht es schon mehr her, wenn ein Musiker alleine auf der Bühne seine Lieder bestreitet. Star der Stunde, Jack Garratt, versuchte es an Keyboard, Drum-Computer, Schlagzeug, Gitarre und Gesang – alles vermengt in modernem R’n’B-Pop. Eigentlich sehr spannend und immer wieder mal beeindruckend, doch alles ein wenig zu beherrschen reicht nicht aus. Andere Loop-Künstler geben da mehr her, das Cover von „The Fresh Prince“ war aber perfekt. Einen Zustand, den Amy McDonald mit ihrer offenen und sympathischen Art auch zu erreichen versuchte, die Besucher liessen sich aber selten zu wirklichem Jubel hinreissen. Da halfen auch Konfettikanonen und Welthits nichts. Trotzdem, angenehmer Country-Pop von einer starken Dame – nur leider etwas zu eintönig.

Mit der Monotonität musste auch Dua Lipa kämpfen, die junge Sängerin zeigte viel Potential, die Lieder wussten dies aber nicht auszuschöpfen. Etwas merkwürdig in Nachthemd und Springerstiefel gekleidet, eröffnete sie meinen Donnerstag. Solch elektronischen Pop gibt es aber leider schon zu oft, das machen andere besser. Wie auch Festivals organisieren – aber vielleicht können ja die wahren Wochenend-Tage den Anlass noch retten. Wir werden sehen.

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Live: Zürich Open Air – Tag 1, Rümlang, 16-08-24

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Zürich Open Air
Tag 1: Mittwoch 24. August 2016
Rümlang, Zürich

„It feels weird to play a festival on a wednesday. Do you guys have jobs?“ Lauren Mayberry von Chvrches fasst das vorherrschende Gefühl beim Auftakt des diesjährigen Zürich Open Airs gut zusammen. Denn der Gang über das noch sehr leere Gelände hat mehr von einem Feierabendspaziergang als vom Beginn der viertägigen Party. Arbeitstechnisch bedingt startete für mich das Festival auch erst am Abend, das britische Electro-Pop-Trio wusste den Beginn aber feierlich zu gestalten. Ihre Musik lauerte in den 80er-Jahren, nahm aber die Synths mit der Methodik der Neuzeit auseinander und reizte die Soundanlage der Tent Stage gleich aus. Sicherlich wurde es manchem zu bunt und der Gesang von Lauren zu extrem, für Barbie-Fans aber ein Gewinn.

Mehr Stil und Ruhe brachten danach die hübsch gekleideten Herren von The Last Shadow Puppets nach Rümlang. Ausgestattet mit Streicher-Quartett und verführerischem Akzent wurden die letzten Sonnenstrahlen schunkelnd entgegen genommen. Auch wenn das musikalische Talent von Alex Turner immer wieder für Überraschungen sorgt, wollte die Begeisterung nicht so richtig auf das gesamte Publikum übergehen. Vielleicht vermisste so mancher hier bereits die harten Beats. Foals hatten mit ihrer spannenden Mischung aus Pop, Hardcore-Attacken und ausufernden Gitarrenriffs eher den Jubel auf ihrer Seite. Die Zeltbühne war gut gefüllt und die Nacht liess so manchen Besucher entspannter geniessen. Nur schade, driftete die Band etwas zu oft in die sanfte und hübsche Jungenmusik ab.

Umso härter wurde allen danach von Yo-Landi und Ninja die Fresse eingeschlagen – nicht mit Fäusten, aber krummen Beats und schamlosen Raps. Die Antwoord enterten das gelassene Fest und brachten das ZOA in den vordersten Besucherreihen endlich zum ausrasten. Ihr Zef (was in etwa „hinterwändlerisch“ bedeutet) nutzte ein hirnschmelzendes Gebräu aus Rave, Rap und allen kruden elektronischen Stilrichtungen. Dazu die ohrenschlitzende Stimme von Yo-Landi, welche sogar von ihrem knapp bekleideten und durchtrainierten Körper ablenkte. Ninja zeigte zwischen den Wortschwallen seine Tattoos und Unterhosen, DJ Hi-Tek stampfte zwischen den Tänzerinnen und Videoscreens umher. I Fink U Freeky – und nach einem solch durchgeknallten Auftritt musste man sich zuerst einmal sammeln.

Da war es mehr als passend, dass die französischen Träumer von M83 alle aufgescheuchten Gäste sanft in die Nacht wiegten: Mit ihrer grossartig gespielten Mischung aus Psychedelic Rock, Chanson und Pop voller liebevollen Umarmungen. Die Leute liessen sich wie im Sternenlicht baden und genossen Gitarrenteppiche, rhythmische Herausforderungen und schönen Gesang. Ein gelungener Abschluss für den musikalischen Start ins Zürich Open Air – bei dem sich aber erneut zeigte, dass hier weder Festivalstimmung aufkommen kann, noch die Leute ihre Bands wirklich unterstützen. Oder ein Start am Mittwoch war einfach zu früh.

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Periphery – III: Select Difficulty (2016)

Periphery III - Select Difficulty

Periphery – III: Select Difficulty
Label: Century Media, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Prog Metal, Metal Core, Melodic

Einen schier grössenwahnsinnigen Rundumschlag wagten Periphery 2015 mit dem Doppelalbum „Juggernaut“ – und kehren bereits jetzt mit einem Nachfolger zurück. Und anstatt das letztjährige Erfolgsrezept einfach zu kopieren, haben die Musiker die Köpfe zusammengesteckt und all ihre Merkmale auf kleinerer Spielfläche zusammengebracht. „III: Select Difficulty“ bietet somit Prog Metal, Metalcore und Melodic College Fights in minutenschnellen Wechseln – und Periphery zeigen, wieso ihre Musik seit jeher bei vielen Hörern polarisiert.

Wobei das Album mit „The Price Is Wrong“ gleich so heftig beginnt, dass man vor lauter Djent die Kaffeetasse an die Decke wirft. Unbarmherzig und voller beissender Riffs, so wild waren Periphery selten. Hier benötigen sie aber doch Zeit bis zum dritten Song, um ihre hochmelodischen Anfälle aus dem Sack zu lassen. Und ab da könnte für manchen Hörer der Gesang von Spencer Sotelo wieder zum Stolperstein werden – denn seine Melodien kratzen oft an der Grenze zum Schmachten und zuckrigem Geschrei. Doch genau dies passt perfekt zur stilistischen Tour de Force von Periphery. Was „Marigold“ vormacht, wird dann absolut krank bei „Remain Indoors“: Gamesounds, epische Drachentötergesten, markerschütterndes Geschrei, instrumentales Prog-Gewichse und Gesang aus dem College-Radio.

Alleine einen solchen Satz zu lesen kann Schwindelgefühle auslösen – es ist aber dem Talent von Periphery zu verdanken, dass „Select Difficulty“ trotz all dieser Extreme zu einem grossartigen und homogenen Album wurde. Man schmachtet mit den Melodien und singt laut mit, nur um gleich vom Gewitter des ultraharten und polyphonen Prog Metal überrascht zu werden. Die Nummer drei ist eines dieser Werke, bei denen man vor Freude und Überraschung übermütig umherspringt, Gegenstände verprügelt und Wände anschreit. Und Periphery sind echt nicht aufzuhalten, denn auch in dieser komprimierten Form scheinen sie nicht zu bändigen und ohne Fehler.

Anspieltipps:
Marigold, Remain Indoors, Lune

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Pineapple Thief – Your Wilderness (2016)

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The Pineapple Thief – Your Wilderness
Label: Kscope, 2016
Format: 2 CDs + DVD in Mediabook
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, New Prog

Willkommen zurück – denn auch wenn ihr unersättlichen Diebe aller schönen Ananasfrüchte nie ganz weg wart, mit diesem Werk erreicht ihr wieder die Spitze und bietet Vergessenes wie auch Neues. Natürlich bleibt ihr dabei unscheinbar und gebt euch auch von aussen in bekannten Gewändern – denn das bereits elfte Studioalbum wurde mit Bildern von Carl Glover geschmückt. Und damit ist man bei Kscope nie alleine; mit grossartiger Musik im Umfeld des New Prog und Art-Rock aber auch nicht. The Pineapple Thief spielen mit „Your Wilderness“ wieder ganz weit oben mit.

Gleich mit „In Exile“ steigt man in die Vollen. Das wunderschöne und melancholische Stück bietet den wandelbaren Gesang von Bruce Soord, harte Riffs und fliegende Synthflächen. Dahinter lauert neu das treibende Schlagzeugspiel von Gavin Harrison – und genau dies bringt den progressiven Rock wieder zurück zu The Pineapple Thief. Wie damals bei Porcupine Tree trommelt der Mann mit seinen spannenden Mustern und Techniken in einer anderen Welt. Dies stachelte nicht nur Soord an, seine Musik noch einfallsreicher zu gestalten, sondern verleiht dem Album eine neue Ebene voller Druck und Kraft. Dagegen stellen sich gefühlvolle und perfekt ausgearbeitete Spielereien der Elektronik, eine fantastische Produktion und die neu lieben gelernte Sanftheit. Bereits auf seinem Soloalbum fand Bruce Soord die Ruhe und Nachdenklichkeit, dies fliesst nun direkt in „Your Wilderness“ ein.

Ob sich The Pineapple Thief nun also in Eskapaden wie „The Final Thing On My Mind“ stürzen oder sanft sinnieren wie bei „No Man’s Land“ – alles fügt sich zu einem schier unfassbar ergiebigen und fesselnden Werk zusammen. Die Musiker sind auf der Höhe ihres Schaffens, die Lieder sind kurze Reisen und Geschichten, die mit jedem Kontakt noch vielfältiger werden. Hier findet man kein Lieblingslied, hier kann man sich nicht entscheiden. „Your Wilderness“ ist wie eine Reise mit seinen besten Freunden, wie frisch Verliebtsein, wie ein emotional mitreissender Film – es ist ein perfektes Art-Rock-Album für das 21. Jahrhundert. Und mit der Buch-Edition erhält man sogar noch 40 weitere Minuten Musik zwischen Rock und Ambient!

Anspieltipps:
In Exile, That Shore, The Final Thing On My Mind

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SummerMay – The Mexican (2016)

SummerMay - The Mexican

SummerMay – The Mexican
Label: Fictional Island, 2016
Format: Download
Links: Band, Facebook
Genre: Alternative, Indie

Dieser Mexikaner – da kommt er einfach so frisch pfeifend daher und wirbelt den Sommer schnell durcheinander. Denn die gefestigte Band SummerMay aus Zürich mussten sich für ihre neuste EP „The Mexican“ nicht nur klanglich neu ordnen – zwei der fünf Mitglieder verliessen die Gruppe vor den Aufnahmen. Doch eine solche Situation lohnt sich ja immer, um alles genau zu betrachten und frisch auszulegen. SummerMay nutzten diese Umstände, um ihre Musik etwas dunkler und wilder klingen zu lassen. Sechs Lieder und ein Western-Intro laden nun zur Spurensuche ein.

Gleich mit dem Titelsong stellen die Zürcher klar, dass ihre Musik ein Ergebnis aus vielen Einflüssen darstellt. Man findet Gitarrenspuren aus Südamerika, tiefen Gesang aus nächtlichen Abenteuern, melancholischen Rock’n’Roll und munteren Post-Punk. SummerMay machen keine falschen Versprechungen und geben sich nicht der technischen Perfektion, sondern der emotionalen Wirkung hin. Schön gelingt dies in Momenten, in denen sich die Lieder aus nachdenklichen Soundflächen langsam zum Krawall steigern. Damit hat „The Mexican“ eine Energie, die man auch bei Nordstan oder Gonzo fand – um wieder einmal den Aargau mit Zürich zu vergleichen.

Leider haben SummerMay bei der Produktion vor allem die Lo-Fi-Hebel gedrückt, somit klingen die Lieder teilweise etwas verrauscht und das Schlagzeug scheppert. Eigentlich kein schlechter Umstand, doch auch den Kompositionen fehlt leider zum Teil etwas die Puste auf der Zielgerade. Es missfällt auf „The Mexican“ nichts, wirklich hängen bleibt die EP aber leider auch nicht. Vielleicht waren SummerMay doch etwas zu verwirrt, um ihre Ideen scharf und brennend auf eine CD zu bringen. Für Freunde des rauchigen und kratzenden Alternative aber sicher ein Ohr wert.

Anspieltipps:
The Mexican, Calibrate My Heart, Ember

Magnetfisch – If you were a dinosaur, what kind of dinosaur would you be? (2016)

Magnetfisch - If You Were

Magnetfisch – If you were a dinosaur, what kind of dinosaur would you be?
Label: Eigenveröffentlichung, 2016
Format: Download
Links: Band, Facebook
Genre: Pop, Electro

Wohl praktisch jeder hat damals im Sandkasten ein paar Dinosaurier verbuddelt und dazu laute Schreie von sich gegeben – oder zumindest einer der „Jurassic Parc“-Filme im Kino gesehen. Somit stellen Magnetfisch auf jeden Fall die richtige Frage, denn jeder hat wohl nebst seinem Lieblingstier oder -Pokemon noch einen Lieblingssaurier. Im Gegensatz zu langweiligen Rockopas zeigt die Band aus Bern aber, dass man ihre Musik sofort aus dem Bernstein befreien müsste, wenn es nicht so frei zugänglich wäre. „If you were a dinosaur, what kind of dinosaur would you be?“ ist zwar kurz, lohnt sich aber auf jeden Fall.

Magnetfisch suchen sich nämlich einen eigenen Weg zwischen Farn und Elektronik – denn nicht nur ihr Name wirkt fremd. Einfach gesagt bewegen sich die Musiker auf ihrer neuen EP zwischen Electro-Pop, Synth-Urwäldern und verträumten Rhythmen des Post-Rock. Man findet die merkwürdig schwingenden Klänge des Indietronic mit synthetischen Takten und Quietschern – daneben schwebt der Respekt vor Kraftwerk und deren Erfindergeist. Wie ein Fisch schlängelt sich der Opener „Petit-Peur“ in unseren Gehörgang und lebt von Schichten und Farben. Magnetfisch zeigen mit jeder Komposition, dass sie nicht zum ersten Mal in diesem Gebiet tätig sind.

Sicherlich sind drei Lieder und nicht einmal 15 Minuten Spielzeit sehr wenig, allerdings ist „If you were a dinosaur, what kind of dinosaur would you be?“ ein netter Einstieg in die instrumentale Welt von Magnetfisch. Mal fröhlich, mal düster und verwirrend wie bei „Cadroquopter“ – aber immer anders und quer in der Landschaft stehend. Berner Musik muss nicht immer Mundart und Gitarre bedeuten, sondern lässt hier auch tief in die Kellergewölbe der Stadt absteigen. Zwischen nassen Steinmauern und grossen Echsen – zum Glück uns gut gesinnte.

Anspieltipps:
Petit-Peur, Cadroquopter