Alternative

Bonosera – Feedback (2018)

Auf der einen Seite haben wir die Bühne, die rohe Energie, die spielerische Lust. Auf der anderen Seite das Album, die genaue Arbeit und die tausend Möglichkeiten einer Produktion. Was passiert, wenn diese beiden Extrem nun aufeinanderprallen, wie geht ein Rock-Duo damit um? Kurz gesagt reicht „Feedback“ aus, länger ausformuliert landen wir beim ersten Album von Bonosera, der Band von Aaron Wegmann und Seraphim von Werra aus Zürich. Die beiden jungen Musiker haben ihre, seit 2015 auf den Bühnen erprobten Songs ohne Schnick-Schnack nun im Studio aufgezeichnet.

Und glücklicherweise ist in dieser einfachen Produktionsweise ohne Overdubs und Tricks die rohe Eigenheit ihrer Musik beibehalten worden. Ob instrumental und mit dreckigen Gitarren wie bei „Northern Lights“ oder gemütlich und leicht romantisch bei „Mary Mary“, die staubige Luft der Wüste ist nie weit entfernt. Desert Trance Blues nennen Bonosera ihre Musik und treffen den Kern ihrer Lieder sehr gut. „Bright Side“ bringt mit viel Verzerrung und Lärm den Stoner Rock zu „Feedback“, „Wreck Me“ zeigt sich wild und ungezähmt. Nicht immer geht die Rechnung gleich gut auf, so zerfällt „How Long“ in seiner Ausführung leider etwas, aber dieses kurze Stolpern fängt das Duo schnell auf.

Spätestens beim langen und abschliessenden „Ain’t Gonna Change“ ist dann klar, hier geht es um authentischen Ausdruck, um raue Gefühle und klangliche Versuche, die nicht immer perfekt aufgehen müssen. Bonosera gehen ganz nach Rick Rubin und spielen genau die Musik, die sie lieben und in ihrem Blut spüren. Das ist genau richtig so und bringt in Liedern wie „Bright Side“ den hart gespielten Blues-Rock auf den Punkt und öffnet sich immer wieder für laute Eruptionen. Vermengung von Bühne und Album geglückt, das kann man mit viel Fuzz sagen.

Anspieltipps:
Wreck Me, Mary Mary, Ain’t Gonna Change

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Kettcar, Bierhübeli Bern, 18-01-23

Kettcar
Support: Fortuna Ehrenfeld
Dienstag 23. Januar 2017
Bierhübeli, Bern

„Wir gelten ja jetzt als Polit-Punk-Band“, sagt Marcus Wiebusch und schaut schelmisch in die Gesichter der Besucher des Bierhübeli. Denn er weiss genau, diese Aussage verliert jede Spur von Selbstüberschätzung mit dem Liebeslied-Hattrick, den Kettcar gleich danach anstimmen. Wobei diese Kombination aus grossen Gefühlen, Poesie und direkten Aussagen zu aktuellen Themen für die Hamburger nichts neues ist. Mit ihrem alternativen Indie-Rock singen sie sich seit 2001 in die Herzen der sozial eingestellten Menschen und versüssten so manche Begegnung oder Nacht. Auch Bern kam nun endlich wieder in den Genuss des Zaubers, voller neuer Zeilen und alten Melodien.

Die Tour von Kettcar dient nämlich nicht nur dazu, ihr neustes und sehr gelungenes Album „Ich vs. Wir“ vorzustellen, es geht auch um denn allgemeinen Zustand unserer Gemüter. Die Band wollte weder predigen noch sinnlos auf den Gitarren herumhantieren, lieber die Stunden mit ihren Freunden und Fans feiern und auskosten. Und das gelang gleich perfekt mit dem Einstieg und dem Song über das Älterwerden („Graceland“) und „Money Left To Burn“ – ein Titel, der kurzerhand dazu gekapert wurde, um den bevorstehende Geburtstag von Bassisten Reimer Bustorff mit der Einkaufstour durch die Migros zu verbinden. Wiebuschs erzählerischen Texte nahmen gefangen, die immer wieder laut aufspielenden Musiker sorgten für die passende Klangkulisse.

Und dann das erste, doch wieder eindringlich kritische Highlight: Die neue Single „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“, eine intelligente Betrachtung der Flüchtlingskrise mit Sprechgesang und herrlich grossem Refrain. Hier wird klar, dass gewisse Medien mit der neuen Stilrichtung bei Kettcar nicht falsch lagen. „Mannschaftsaufstellung“, „Ankunftshalle“ oder „Landungsbrücken raus“ – die Mischung zwischen nachdenklichen Passagen und lauten Ausbrüchen passt perfekt in die heutige Zeit und formt dieses Konzert zu einem Rausch. Dank der grossen Sympathie, vielen tollen Sprüchen zwischen den Songs und guter Laune der Band kam das Ende in Bern fast etwas zu schnell.

Aber auch der Beginn mit Fortuna Ehrenfeld aus Köln traf genau in diese Mischmenge. Das Trio versuchte sich an gerne schrägen Strassengedichten, umgarnt von Keyboardspuren und Gitarrenriffs. Multitalent Martin Bechler liess es sich nicht nehmen, den Konzertsaal zu bestaunen und genüsslich seine Weinflasche zu den Songs zu kredenzen. Unterstützt von Jenny Thiele an den Tasten und  Paul Weissert am Schlagzeug wurden seine beschmutzten Perlen des Singer-Songwriter zu elektronisch brummenden Popsongs und hallten lange nach. Ob Nord oder Süd, Deutschland brachte an diesem Dienstag seine besten Erzeugnisse in die Schweiz und gewann auf ganzer Linie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Car Seat Headrest – Twin Fantasy (2018)

Für Will Toledo hat sich der Kreis endlich geschlossen, das Leiden wurde endlich gemildert. Denn als „Twin Fantasy“ 2011 veröffentlicht wurde, war das bedeutungsschwere Album eine Einmann-Show, technisch bedürftig aufgenommen und irgendwie nicht komplett. Seit Car Seat Headrest nun aber eine komplette Band sind, fiel dieses fantastische Werk des Alternative Rock und Emo immer wieder in die Hände der Musiker und wurde nun komplett neu eingespielt und aufgenommen! Das bedeutet nicht nur, dass die Lieder endlich so klingen, wie es sich Frontmann Toledo immer vorgestellt hatte, sondern er auch die Last nicht mehr alleine tragen muss.

Das Monstrum „Beach Life-In-Death“ ist aber auch in dieser Neuauflage das wahre Kernstück. In einer Viertelstunde wechseln Car Sead Headrest nicht nur Stimmungen und Takte, sondern bringen die lyrische Erzählung um Depressionen und Homosexualität gleich zu einem mitreissenden und extrem emotionalen Höhepunkt. Toledo singt, schreit und flüstert, die Gitarren fallen laut krachend auf das Songgerüst hernieder und am Schluss wird daraus ein treibendes Stück Indie-Rock. Talent, Ausdruck und Direktheit – „Twin Fantasy“ ist ein grossartiges Album und schlägt mit jedem Lied eine neue, fesselnde Seite in der Geschichte auf.

Ob betrübt lamentierend in „Stop Smoking (We Love You)“, elektronisch unterstützt bei „Nervous Young Inhumans“ oder riesengross und erlösend bei „Famous Prophets (Stars)“ – Car Seat Headrest machen diese musikalische Reise zu einem Kraftakt, der aber niemals überfordert sondern immer unterstützt. Dieses Album geht zwar immer wieder schwierige Themen an, holt aber aus den dunklen Stunden viel Kraft und zeigt, dass man gemeinsam halt doch weiter kommt. Schön, darf „Twin Fantasy“ nun endlich so strahlen, wie es immer gedacht war. Schön, können wir Will Toledo mit dieser Erzählung erneut in unsere Arme schliessen.

Anspieltipps:
Beach Life-In-Death, Nervous Young Inhumans, Famous Prophets (Stars)

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Starcrawler – Starcrawler (2018)

Arrow de Wilde hat es erfasst: Wenn eine junge Frau eine Rockband leitet, dann geschieht dies am besten mit wildem Ausdruck und sich überschlagender Stimme. Kein Wunder also, unterliegen seit 2015 alle dem Zauber von Starcrawler – der neusten, jungen Hard-Rock-Hoffnung aus Los Angeles. Verehrt in bekanntesten Musikerkreisen, gelobt von vielen Kritikern und Aufgenommen von Ryan Adams – hier ist das erste Album „Starcrawler“ und erfüllt alle Hoffnungen.

Mit zehn Liedern, welche sich zwischen Hochtemporock und destruktiver Lust bewegen und innert wenigen Minuten gleich viele Herzen einfangen wie brechen, lassen Starcrawler alle wissen: Die Zukunft gehört nicht den alten Säcken, es werden die jungen Rebellen herrschen. Ob mit klassischen Riffs und viel Groove („Love’s Gone Again“) oder frechen Texten und unbändiger Wucht („Pussy Tower“), so effektiv war die klassische Bandbesetzung schon lange nicht mehr. Und Gitarre, Bass und Schlagzeug haben schon lange nicht mehr so erfrischend gerumpelt.

Am tollsten sind Starcrawler aber immer dann, wenn sie sich einen Dreck um ihr Aussehen scheren (es heisst schliesslich nicht umsonst Klangbild) und alles aus dem Ruder laufen lassen. „Different Angles“ ist ein solch wilder und treibender Kandidat, das abschliessende „What I Want“ reisst alle aus dem Alltagsschlaf heraus. Hier wird gekreischt, die Riffs werden extrem verzerrt und der Takt verklopft. Erstaunlich, wie lebensfreudig so altbekannte Elemente klingen können und sofort Freunde fürs Leben machen.

Anspieltipps:
I Love LA, Pussy Tower, What I Want

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Obacht Obacht – Some Ghosts (2017)

Sich im eigenen Schlafzimmer gemütlich einkuscheln und entspannen, wer macht dies schon nicht gerne. Bei Tobias Rüetschi Zuhause in Frauenfeld wird aber fleissig gebastelt, gelärmt und aufgenommen. Unter dem Namen Obacht Obacht sorgt er alleine dafür, dass extrem entschlackter Alternative Rock tief in die Welten des Lo-Fi getaucht wird und minimalistisch an deinen Synapsen kratzt. Und um die Wartezeit zum zweiten Album zu überbrücken, gibt es mit „Some Ghosts“ nun eine introvertierte EP.

Die Musik wagt im Gegensatz zu den oft schwierig wahrnehmbaren und verhuschten Texten gerne mal den Schritt nach draussen und Obacht Obacht lässt seine Gitarre laut knurren und schwingen. „Monsoon Song“ gibt sich gar heissblütig mit Bluesriffs, meist bleibt es auf „Some Ghosts“ aber kühl und nahe am Krawall. So gibt „I Haunt This Place“ den zuerst unscheinbaren, dann aber tosenden Einstieg, „You’re My God, Man“ kapert die Psychedelica der Sechziger und stülpt ihr ein zerzaustes Kleid und lallende Rhythmen über.

Wenn sich Obacht Obacht also etwas aus seiner schützenden Höhle wagt, dann erreicht er fast das Kostüm, welches die Künstler des Garage-Trash gerne tragen. Die Lieder auf „Some Ghosts“ bleiben aber gerne da, wo Alleinesein und Stille ebenso viel bedeuten dürfen. Dass alle fünf Tracks dabei gleich übersteuert und verrauscht klingen, das ist schon fast Ehrensache.

Anspieltipps:
I Haunt This Place, Monsoon Song, You’re My God Man

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

EMA – Outtakes From Exile (2018)

Kaum haben wir uns von der lärmigen Depro-Wucht „Exile In The Outer Ring“ erholt, lässt uns EMA erneut in ihre grauen Welten des alternativen Noise-Rock eintauchen. Mit der EP „Outtakes From Exile“ gibt es nun eine kleine Schwester zum Album, eine EP mit vier neuen Liedern und einer ziemlich bedrückenden Langversion von „Breathalyzer“ – ohne Gesang, aber mit 20 Minuten lang wabernden Synthies und Depressionen. Alles beim Alten bei der amerikanischen Künstlerin also? Fast zumindest, fast.

„MopTops (Twist While The World Stops)“ wagt sich nämlich sehr weit von der Stimmung des vorangegangenen Albums weg und präsentiert ein paar Minuten Art-Pop, welcher dank der ätherischen Stimme von EMA gleich an Kate Bush erinnert. „Outtakes From Exile“ ist somit etwas bunter als die letzte Scheibe und bietet Platz für Songs, die zwar kompositorisch mehr als überzeugen, aber zuvor nirgends richtig hingepasst haben. Die Musikerin driftet hier durch leichte Arrangements, zu ihren Wurzeln und überall dazwischen.

Mit „Dark Shadows“ gibt es auch einen typischen EMA-Song, mit „Anything Good“ ein kaputter Lo-Fi-Blues ohne grosse Verstärkung. Über all diesen Tracks lauert aber weiterhin eine gewisse Bedrohlichkeit, ein Gefühl, das sonst nur nahende Stürme verbreiten. Und was auch nach diesem Nachschub klar ist: EMA ist und bleibt eine der besten ihres Fachs – egal ob kurz wie mit den hier präsentierten Neuheiten oder lang und zäh wie mit dem zermürbenden Abschluss.

Anspieltipps:
Dark Shadows, MopTops, Breathalyzer Instrumental

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Mudhoney – LiE (2018)

Grün ist Fluss schon lange nicht mehr, denn seit 1988 sorgen Mudhoney dafür, dass Grunge nie zu glatt wird und sich auch immer gerne im Dreck wälzt. Die Band um Frontmann Mark Arm feiert in diesem Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum und beginnt die Feierlichkeiten mit einem Live-Album, das Aufnahmen diverser Europakonzerte der Tour von 2016 präsentiert. „LiE“, also „Live in Europe“, bietet elf laute Songs, die nicht nur durch die gesamte Geschichte der Gruppe reisen, sondern die Welt auch auf das neue Studioalbum vorbereiten sollen. Und mit dem Roxy Music Cover „Editions Of You“ wird auch die Romantik nicht ganz vergessen.

Denn im eigentlichen Sound von Mudhoney sind es vor allem der rohe Gitarrenklang, der Lärm und der Punk, welche das Bild bestimmen und Lieder wie „Get Into Yours“ oder „Poisoned Water“ so rumpelig angehen, dass die Musik immer wieder schier auseinander zu fallen scheint. Das passt aber zur direkten und reduzierten Art, mit der die Amerikaner ihre Lieder angehen – die Nähe zu Bands wie Ramones oder The Stooges lässt sich dabei nicht leugnen. Mit energetischen Momenten wie „I’m Now“ erhält das Album aber immer wieder etwas Luft zu atmen, bevor die Band sich komplett in den Noise stürzt („Judgement Rage Retribution and Thyme“).

Dass Mudhoney an ihren Songs und Konzerten immer noch Spass haben, das spürt man auf „LiE“. Die Mannen geben sich nicht mit einer Sparflamme zufrieden, sondern prügeln aus dem alternativen Rock die harten Seiten heraus. Schön also, ist diese Scheibe nicht nur ein neues Lebenszeichen, sondern auch gleich das erste, reguläre Livealbum dieser Legende. Es wird Zeit, die Haare wieder wachsen zu lassen und sie wild zu schwingen.

Anspieltipps:
Poisoned Water, Judgement Rage Retribution and Thyme, Broken Hands

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS? – Jazzbelle 1984 / 1988 (2018)

Normal ist an dieser Scheibe praktisch Nichts – der Wahnsinn beginnt schon beim Bandnamen. Denn das leicht übergeschnappte Garage-Punk-Trio aus Finnland hat sich zungenbrecherisch Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS? betitelt und zielt damit bereits auf die erste Absurdität ab. Wobei heute noch einiges aus den Achtzigern unverständlich ist, „Jazzbelle 1984 / 1988“ lässt sich davon aber weder irritieren noch stören. Und nach diesen energetischen Songs ist man sowieso fitter als nach einem Training via Kassette.

Denn was Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS? seit 2014 auf die Beine stellen, ist genau so süss wie kaputt, suhlt sich in trashiger Kunst und sprengt gerne jede versnobte Party. Dieses zweite Album gewinnt bereits Punkte mit der Instrumentierung. Ekku Lintunen singt nicht nur, sie hat auch die Gitarre eingemottet und lässt ihre Melodien nur noch von den Keyboards und dem Akkordeon ertönen. Das verleiht Songs wie „The Herman Song“ oder „Hanky Panky“ eine bunt schillernde Ebene und ist immer herrlich laut.

Dass sich die Musik auf „Jazzbelle 1984 / 1988“ überhaupt anhören lässt, ist schon erstaunlich, klingt doch vieles wie Kinderlieder aus der Hölle – mit gewissem Indie- und Alternative-Anspruch. Aber Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS? mögen diese irrwitzigen Mixturen und trumpfen mit einem wirklich runden und fesselnden Songwriting auf. Wer also passende Musik für den Besuch in Pee-Wee’s Playhouse sucht: Hier ist sie. Und keine Angst, die Messer sind aus Gummi.

Anspieltipps:
Magic Swimming Pants, Corazone, Hanky Panky

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Donots – Lauter als Bomben (2018)

Ein Zufall wird es bestimmt nicht sein, dass „Lauter als Bomben“ am gleichen Tag erscheint wie „Sturm & Dreck„. Im Gegensatz zum Album von Feine Sahne Fischfilet legen die Donots aber Wert auf eine musikalisch vielfältige Präsentation der politischen Texte. Vom anfänglichen Punk der Gruppe ist nicht mehr so viel übrig, wohl aber noch von der stark aktivistischen Einstellung, die mit „Karacho“ zu grossem Echo und grosser Beliebtheit geführt hat. Somit gibt es auch hier wieder direkte Texte in deutscher Sprache, grosse Gitarren und viel Tempo – aber auch passende Melodien für das Stadion.

Donots waren schon immer für Grösseres bestimmt als die normale Hau-Drauf-Nummer  – darum gibt es mit „Lauter als Bomben“ nun Liedern, die sich neben den Foo Fighters positionieren, Stimmungen der vergangenen Jahrzehnte und verbale Ohrfeigen gegen rechte Idioten. Kein Wunder also heissen Lieder „Apollo Creed“ und verteilen Riffs wie harte Schläge, „Keiner kommt hier lebend raus“. Doch so böse sind die Mannen dann doch nicht, heroische Refrains und Textzeilen mit Ohrwurmqualitäten begleiten das gesamte Album. Wer bei Stücken wie „Rauschen (Auf jeder Frequenz)“ nicht sofort mittanzen und -singen will, dem ist nicht mehr zu helfen.

Bei den Donots ist man also auch in diesem Jahr wieder ein Mitglied einer grossen Rock-Familie und erhält nette Gesten und Denkfutter. Auch wenn sich „Lauter als Bomben“ zu Beginn noch etwas einfach oder glatt anhört, bereits nach kurzer Zeit erkennt man die Reize hinter der Eingängigkeit und die Hits schälen sich heraus. Wobei, ein schlechtes Lied gibt es auf dieser Platte eigentlich nicht und bei „Whatever Forever“ darf es schliesslich auch wieder kratzig, laut und wild werden. Somit kommen bestimmt alle auf ihre Kosten.

Anspieltipps:
Keiner kommt hier lebend raus, Eine letzte letzte Runde, Apollo Creed

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bombers – M\W (2018)

Man sollte sich nicht von „M\W“ auf die falsche Fährte locken lassen, denn hinter dem gleichnamigen Album verbirgt sich bei weitem keine sanfte Platte voller Indie-Pop. Nein, das erste Werk der Bombers aus Lausanne ist ein experimentelles, abwechslungsreiches und wagemutiges Stück Musik zwischen Krautrock, Disco, Rock und Pop.  Irgendwo zwischen Zukunft und Vergangenheit gelandet, doch weiter als die Gegenwart und voller Ideen mit Ansteckungsgefahr.

Ob nun die Synthies laut blubbern, die Gitarren den Ton angeben oder das Schlagzeug unerbittlich die Songs vorantreibt, Bombers suchen nie den leichten Ansatz sondern folgen ihren Gefühlen und geben der Musik viel Raum. Das kann wie bei „Good Colors, Bad Shape“ in einer Richtung enden, die auch LCD Soundsystem so gross gemacht hat, oder sie landen eben doch wieder gesanglich veredelt mit dem Raumschiff im Wohnzimmer („Overblowing“). Wunderbar auch, wie sich diese Gegensätze perfekt ergänzen und gegenseitig vollenden.

„M\W“ ist also zugleich eine organische Technoparty, die bereits in den Siebzigern für lachende Gesichter gesorgt hat, Art-Rock mit perkussiver Wucht, Tanzmusik für Abenteurlustige und Entspannungsmusik für Schatzsucher. Nur zu dritt haben Bombers hier eine Platte zusammengestellt, die bereits jetzt ganz hell am Firmament leuchtet und wohl noch viele Jahre kein bisschen an Strahlkraft verlieren wird – und mit jedem Durchgang noch viel mehr Freude bereitet.

Anspieltipps:
L’Hippocampe, Good Colors Bad Shape, Overblowing

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.