Bücher

Robert Forster – Grant & Ich (2017)

 

Robert Forster – Grant & Ich
Verlag: Heyne Encore, 2017
Autor: Robert Forster
Seiten: 368, Hardcover
ISBN: 978-3-453-27133-3
Link: Goodreads

Es war nie einfach für die australische Band The Go-Betweens, ihre Karriere funktionierte wie ihr Name: Irgendwie zwischendurch und nie als aufsteigende Kurve, wie bei so vielen anderen Gruppen. Heute gilt das Duo Robert Forster und Grant McLennan zwar als geschichtlich wichtig und einer der stärksten Exporte Australiens, zu Zeiten ihres Bestandes schwammen die Musiker aber nie in grossen Seen voller Ruhm und Reichtum. Ihre Kreativität und schlichte Art brachte sie aber immer wieder zusammen und trieb die Maschine hinter der Band an. Egal ob zu zweit, im Verbund mit weiteren Musikern oder als Solokünstler – Songs wie „Lee Remick“, „Streets Of Your Town“ oder „Cattle And Cane“ verloren bis heute in keinster Weise ihre Strahlkraft.

Wobei es immer unsicher war, ob diese Kleinode des alternativen Pop-Rock überhaupt das Licht der Welt erblicken können. Nachdem sich die Band 1978 gegründet hatte, folgten Jahre von mühsamer Arbeit zwischen Labelwechsel, Musikerrotationen und kleinen Tourneen. 1989 wurde für The Go-Betweens dann alles etwas zuviel, die Leute gingen getrennte Wege – zumindest bist Forster und McLennan die Band 2000 reaktivierten. Mit vollem Elan und grosser Kreativität starteten die beiden den zweiten Frühling, durch den plötzlichen Tod von Grant McLennan wurde diese Phase aber zu schnell und brutal beendet. Was bleibt sind neun Studioalben voller Musik, die nicht nur Down Under verändert haben und der Beweis, dass Songwriter-Duos immer etwas magisches anhaftet.

Diese unkonventionelle Geschichte darf man aus den Augen von Robert Forster selber erleben, der literarische Songwriter hat mit „Grand & Ich“ seine Memoiren aufgezeichnet. In leichten Worten verfolgt er chronologisch die Begegnungen und Momente, welche aus jugendlichen Träumern wichtige Komponisten machte und lässt den Leser an vielen Geschehnissen teilnehmen. Forsters Art verhindert dabei, dass man zu lange bei den unschönen Punkten hängen bleibt und die Geschichte wirkt immer wieder mystisch. Im eigentlichen Sinne ist dieses Buch auch keine tiefgehende Biografie einer Band, sondern die Erzählung einer Freundschaft.

Und so müssen, im Gegensatz zu vielen anderen Büchern über Bands, hier auch keine Skandale ausgeschlachtet werden, sondern es darf die Kreativität zweier Menschen und deren Blüten genossen werden. Das geschriebene Wort schwingt dabei so locker wie auch viele Songs von The Go-Betweens, manchmal fehlt aber etwas die direkte Hinterfragung und Konfrontation. Das Leben in dieser Band war bestimmt nicht immer einfach, dies spürt man aber wenig bei „Grant & Ich“. Für alle Freunde der etwas andersartigen Popmusik wird hier dennoch viel Unterhaltung geboten – da zeigte sich Nick Cave zu Recht begeistert.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Aubrey Powell – Vinyl. Album. Cover. Art. (2017)

Aubrey Powell – Vinyl. Album. Cover. Art.
Verlag: Thames & Hudson, 2017
Autor: Aubrey Powell
Seiten: 320, Hardcover
ISBN: 978-0500519325
Link: Goodreads

Es gab wohl selten ein Designstudio, das sich innerhalb kürzester Zeit einen solch grossen Namen gemacht hat wie Hipgnosis aus England zwischen 1967 und 1984. Kaum eine bekannte Rockband aus dieser Zeit kann nicht mindestens ein Album- oder Single-Cover dieser Schmiede vorweisen – gewisse verdanken den grafischen Künstlern sogar einen Grossteil ihres Vermächtnisses. So wären die Platten von 10cc, Wishbone Ash oder natürlich Pink Floyd wohl nie so auffällig gewesen, wie sie es auch heute immer noch sind. Und mit „Vinyl. Album. Cover. Art.“ erhält man nun endlich die Gelegenheit, das komplette Schaffen von Hignosis in einem Band zu betrachten.

Zusammengestellt und kommentiert von Aubrey Powell, dem einzig überlebenden Gründer des Studios, darf man hier tief in das Schaffen der Meister eintauchen und auf 480 Abbildungen alle Kunstprojekte bestaunen. In schlichtem, aber funktionalem Layout werden nicht nur die Cover aufgelistet, sondern auch aufgeklappte Bilder von Gatefolds, Label der Schallplatten oder Inlays gezeigt. Neugierig und voller Heisshunger auf kunstvolle Gestaltung blättert man von einer Ikone zur anderen – man denke nur an das Prisma von „Dark Side Of The Moon“ oder das geschmolzene Gesicht von Peter Gabriel.

Dieser Musiker hat dem wunderbaren Bildband auch gleich ein Vorwort beigesteuert, verdankt er den Herren Powell, Storm Thorgerson und Peter Christopherson nicht nur einen visuellen Leitfaden in seinem Soloschaffen, sondern auch einen Gegenpol zur progressiven Musik. Denn Vorreiter in der Bildbearbeitung und der Komposition war Hipgnosis immer. Toll, dass man bei „Vinyl. Album. Cover. Art.“ auch noch einen Making-Of-Text und einen kurzen geschichtlichen Überblick erhält. Man blickt also nicht nur erneut auf die Äusserlichkeiten von Led Zeppelin, T. Rex oder Genesis, sondern taucht hinter die Schichten aus Fotografie und Malerei.

Das Buch ist somit nicht nur ein Muss für Sammler von Vinyl, sondern auch eine perfekte Ergänzung des Sachbuchregals und Kulturhistoriker. Und auch wenn das Studio Hipgnosis so heute nicht mehr existiert, ihre Erzeugnisse werden für alle Ewigkeit auf dem Olymp des guten Musik-Designs stehen. Und dank „Vinyl. Album. Cover. Art.“ auch endlich chronologisch und komplett.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Nathan Gray – Until The Darkness Takes Us (Buch, 2017)

Nathan Gray – Until The Darkness Takes Us
Verlag: Dark Gospel Transmission, 2017
Autor: Nathan Gray
Seiten: 170, Softcover
ISBN: 978-0692807552
Link: Goodreads

Nathan Gray ist ein weltbekannter Musiker, der vor allem durch seine Band boysetsfire für Furore gesorgt hat. Die bandeigene Mischung aus Hardcore und intimen Texten fand schnell Fans in vielen Ländern – doch gerade gewisse Aussagen von Gray polarisierten auch stark. Er war immer ein Mensch, der sein Innerstes nach aussen kehrte und schon fast missionarisch seine Meinungen kundtat. Als Mitglied der Church Of Satan ist dies natürlich besonders brisant, da es schnell mit religiösem Eifer verglichen wird.

Trotzdem, sein künstlerisches Output mit weiteren Bands wie I AM HERESY oder, ganz neu, dem Nathan Gray Collective, konnte sich immer etwas von diesen Bindungen lösen. Die harten Gitarren und auch die stampfenden Beats übertönten so mache eher peinlichen Textzeilen oder Aussagen. Bei seinem neusten Album „Until The Darkness Takes Us“ liessen sich beim Hören auch viele Sätze in einen anderen Kontext setzen. Doch mit dem begleitend und zeitgleich erschienenen Buch gelingt dies nicht mehr.

„Until The Darkness Takes Us“ ist seine erste Autobiografie, in der er all die genannten Punkte anschneidet – aber auch gleich wieder fallen lässt. Denn das geschriebene Wort zum gleichnamigen Album ist mehr ein Manifest und wirre Gedankensammlung als kohärente Lebensrückschau. Nathan Gray wechselt ziellos zwischen persönlichen Erinnerungen, fundamentalen Überlegungen, Poesie und Zitaten. Das Buch wirkt dabei in keinem Moment wirklich schlüssig oder tiefgründig, vielmehr hatte ich das Empfinden, hier einen schlechten Selbsthilfe-Ratgeber vor mir zu haben. Besonders, wenn man zum hundertsten Mal lesen darf, wie man an sich selber glauben muss und die dunklen Dämonen überwinden soll.

Nathan Gray schafft es auf den knappen 170 Seiten auch nicht, klare Aussagen zu seiner Abkehr vom christlichen Glauben und zu seiner Position bei der „Nicht-Religion“ Church Of Satan zu machen. Einzig die Predigt, schlechte Energie in gute zu verwandeln, füllt hier die Zeilen. Es ist ja toll, wenn sich ein Mensch aus der Dunkelheit lösen und die positiven Seiten im Leben finden kann – aber dies garantiert noch keine gute und spannende Lektüre.

Was in der Musik für mich super funktioniert – wohl auch, weil es da eher metaphorisch und sprachlich zweitrangig geschieht – ist als geschriebenes Wort leider zu platt und aufdringlich. Dazu kommt, dass die Aspekte seiner musikalischen Karriere eher halbherzig eingewebt und abgetan werden und man hier scheinbar immer wieder zu einem Gebet genötigt wird. Da hatte ich mir mehr erhofft, für knallharte Fans wird aber auch diese Veröffentlichung des Mannes eine Offenbarung sein.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bruce Springsteen – Born To Run (2016)

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Bruce Springsteen – Born To Run
Verlag: Simon & Schuster, 2016
Autor: Bruce Springsteen
Seiten: 528, Softcover
ISBN: 9781501141515
Link: Goodreads

„Oh-oh, Baby this town rips the bones from your back / It’s a death trap, it’s a suicide rap / We gotta get out while we’re young / `Cause tramps like us, baby we were born to run“
Für viele ist Bruce Springsteen nicht nur ein Musiker, er ist der Boss und steht über allen anderen im Bereich Rock. Aber für genauso viele ist er auch ein klischeebehafteter Stadion-Kitsch-Zampano, der in seiner Musik immer nur von den einfachen Seiten des amerikanischen Traumes singt. Doch wie so üblich, das Extrem wird der Wahrheit nie gerecht. Springsteen, aus einer ärmlichen Familie stammend und in seinem Leben immer wieder mit psychischen Komplikationen konfrontiert, ist vor allem eines: Bodenständig, ehrlich und zurückhaltend. Seine Autobiographie „Born To Run“ ist somit ein Zeugnis eines Lebens, das viel Kraft in ständiger Betrachtung des eigenen und gemeinsamen Lebens findet.

„You sit around getting older / there’s a joke here somewhere and it’s on me“
In den chronologisch angeordneten Erzählungen findet man nicht nur tiefe Einblicke in seine zwischenmenschlichen Beziehungen, seine Liebe zur Musik und seine eigenen Bühnenerfahrungen – sondern auch immer wieder Selbstzweifel und eine Auseinandersetzung mit den Grundsätzen des Daseins. Bei der Lektüre erstaunt dabei immer wieder, wie sich der Roman eher wie einen Bericht eines Arbeiters als eines millionenschweren Rockstars anfühlt.

„41 shots, cut through the night / You’re kneeling over his body in the vestibule / Praying for his life“
Und gerade deshalb war Bruce Springsteen auch immer so wichtig für die Musikwelt – er stellte sich nie über andere und liess in seinen Liedern die unterdrückten und vergessenen Stimmen der Staaten aufleben. Er bezog dabei immer klar Position gegen Ungerechtigkeit, verurteilte aber niemanden direkt. Genau darum versteht man bis heute viele seiner Songtexte falsch, und genau darum ist „Born To Run“ immer wieder ein Augenöffner.

„Down at the court house they’re ringin‘ the flag down / Long black line of cars snakin‘ slow through town“
Egal ob ein Konzert vor 100’000 Menschen, ein Auftritt in einer spärlich besuchten Bar oder Konversationen mit seinem kranken Vater – Springsteen geht alles stark emotional an. Dies packt Hörer wie Leser gleichermassen und wirkt auch in Buchform zeitlos. Man versteht den Erfolg seiner Alben besser, spürt die harte Arbeit dahinter und fragt sich auch: Was passiert, wenn der Boss keine Musik mehr machen kann? Wer gibt uns dann so selbstlos die Kraft zum Weitermachen? „Born To Run“ ist somit ein fantastisches Buch für alle, die Bruce Springsteen lieben, kennen lernen möchten oder endlich verstehen wollen. Und immerzu eine sehr unterhaltsame Lektüre.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Book Challenge 2017 – Alles

Es ist wieder einmal so weit, ein neues Jahr beginnt und somit auch die neuen Vorsätze (Danke an Franzi für die Erinnerung). Im Gegensatz zu 2016 nehme ich mir für meine Lesegewohnheiten aber nicht nur fünf einzelne Bücher vor, sondern wagen ein Experiment:

Jeder kennt den Umstand, den man als Liebhaber des geschriebenen Wortes hat – es liegen immer Unmengen an Romane herum die man seit Jahren lesen sollte. Doch leider gibt es immer noch mehr Schriften, die dazwischen kommen und in dem Moment interessanter erscheinen. Aber damit soll jetzt Schluss sein! Im Jahre 2017 werde ich alle Bücher lesen, die seit Jahren darauf stehen und verstauben, ohne von mir genossen zu werden. Und ja, es sind viele.

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Wie viele es genau sind, möchte ich eigentlich gar nicht wissen – 50 erreicht man bestimmt. Ebenso fehlen auf diesem Bild noch gewisse Sachbücher, die sich in einem anderen Regal zwischen Vinyl und CD verbergen. Doch ich lasse mich nicht bereits im Januar entmutigen, das Jahr ist lange und die Zeit massenhaft vorhanden. Was auch immer passiert, ich versuche nun all diese Bücher zu verschlingen und geniessen, bevor ich mir neue kaufe oder ausleihe.

Besonders zu erwähnen wären vielleicht „2666“ von Roberto Bolano – sein letzter Roman und ein über 1000 Seiten langes Monster. Dann hätten wir die ersten Bände des Scheibenwelten-Zyklus von Terry Pratchett, endlich die komplette Anhalter-Saga von Douglas Adams oder diverse Sachbücher zur Musik und deren Wirkung. Das Lesejahr 2017 wird also weder langweilig noch einseitig – nur muss ich mir wohl verbieten, vor dem Sommer jemals eine Buchhandlung zu betreten. Leider wird dies bereits im März fehlschlagen, da bei einem Aufenthalt in London das Geschäft „Foyles“ einfach besucht werden muss!

Wie auch immer, geniesst eure Bücher, eure Stunden mit vielen Buchstaben und das Durchforsten eurer Regale nach alten „Leichen“.

Und folgt mir doch auf Goodreads.

Patti Smith – Just Kids (2010)

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Patti Smith – Just Kids
Verlag: Bloomsbury, 2010
Autorin: Patti Smith
Seiten: 306, Softcover
ISBN: 9780747568766
Link: Goodreads

Romantik – ein Zustand und eine Vorstellung, die so manche Erlebnisse, Wünsche und Jahre schöner erscheinen lässt als sie wirklich waren / sind. Trotzdem, wenn Patti Smith in „Just Kids“ von ihrer Jugend, ihren künstlerischen Gehversuchen und ihrer nicht immer einfachen Beziehung zu Robert Mapplethorpe schreibt, dann wünscht man sich mehrmals in das New York City der vergangenen Jahrzehnte zurück. Man möchte die Poesie der Armut spüren – wie man sich mit wenigen Cents und Dollars über Wasser hält, man möchte von der Abenteuerlust gepackt werden und mit wenigen Mitteln Kunst erschaffen. Man möchte Patti als beste Freundin in der Gruppe halten und die Welt umgestalten.

Es ist viel dem grossen Talent von Patti Smith zu verdanken, dass diese Biographie nicht zu einer Selbstlobhudelei und verklärten Sichtweise auf alte Zeiten verkommt. Die Künstlerin nimmt eine neue Position als Schriftstellerin ein und betrachtet ihre Beziehung zu Robert aus einer Perspektive, die man so sonst nur bei Romanen antrifft. „Just Kids“ ist keine lose Kette aus Erinnerungen, es ist ein wunderschönes Buch über die menschliche Sehnsucht nach kreativer Befreiung, Loslösung von den Zwängen und dem schwierigsten Zustand der Welt – gegenseitiges Vertrauen und Liebe. Mit genialer Sprache, perfekt gezeichneten Momenten und vielen alten Fotografien lebt die Vergangenheit neu auf.

Primär geht es bei „Just Kids“ nicht darum, wie Patti Smith eine weltbekannte und prägende Musikerin wurde. Es geht um ihre tief reichende Beziehung zum Fotografen Robert Mapplethorpe, um ihre Ängste und Probleme, um das Leben wie es früher war. Man kommt mit diesem Buch Patti extrem nahe und fühlt sich stark mit ihr verbunden. „Just Kids“ ist ein wunderschönes, mitreissendes und perfekt geschriebenes Buch. Romantik hin oder her, hier verschmelzen alle Lebenspunkte zu einem wichtigen und wunderbaren Erlebnis. Auch Schmerz und Tod sind wichtige Bestandteile, doch alles ist aushaltbar, da Patti am Ende die Versöhnung findet. Hoffentlich geht es uns allen auch so.

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Great Lost Albums – Billingham, Quantick, Waites, Sherez (2014)

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Mark Billingham, David Quantick, Martyn Waites, Stav Sherez – Great Lost Albums
Verlag: Sphere, 2014
Autoren: Mark Billingham, David Quantick, Martyn Waites, Stav Sherez
Seiten: 288, Hardcover
ISBN: 9780751557060
Link: Goodreads

50 Jahre Rock und Pop, wer erinnert sich da nicht an die vielen grossen Künstler und ihre legendäre Alben? Hoffentlich stehen auch alle davon bei euch im Plattenregal. Viel spannender wird es aber, wenn man die bekannten Pfade verlässt und sich auf die Suche nach vergessenen Liedern und Kreationen macht, die nie die Geschäfte erreicht haben. Mark Billingham und seine Kollegen haben in minutiöser Arbeit und während vieler Jahre Kuriositäten und verschollene Platten ausgegraben, die man in dieser Form nie kaufen können wird. Darunter befindet sich unter anderem die Kollaboration von Michael Jackson und Madonna, das IKEA-Album von Coldplay oder das Weihnachtsalbum von Kraftwerk.

Wer jetzt bereits verwundert den Kopf schüttelt liegt richtig: Alle Alben, die in „Great Lost Albums“ vorgestellt und beschrieben werden, sind erfunden. Versteckt hinter Falschaussagen und erdichteten Plattenkritiken darf man mit diesem Buch in Parallelwelten abtauchen, in denen scheinbar alle bekannten Musiker und Bands völlig den Verstand verloren haben. Denn warum sonst sollten U2 ein Lied von Kim Jong-Un singen lassen, Rod Stewart seinen langweiligen Alltag vertonen, Rick Rubin die Atemgeräusche von Johnny Cash als Musik deklarieren oder Queen ein Konzeptalbum über Optiker veropern?

Und genau da ist auch die Kritik anzusetzen. Denn obwohl diese Sammlung von kuriosen Hirngespinsten Spass macht und sich besonders als kurze Lektüre zwischendurch eignet, verlieren sich die Autoren mit der Zeit doch etwas im Absurden. Sicherlich, viele Marotten und Eigenheiten von Künstlern und Stilrichtungen werden sarkastisch entlarvt und auf die Spitze getrieben, mehr als Klamauk ist es aber oft nicht. Gewinner sind besonders die Leser, welche sich mit den Biografien der beschriebenen Musikern und Bands auskennen und somit auch kleine Seitenhiebe sofort erkennen. Für Gelegenheitshörer erschliessen sich wohl zu wenige Pointen. Somit ist „Great Lost Albums“ also genau was es ausstrahlt: Ein netter Humormoment zwischen zu ernsten Alben uns Liedern.

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Kim Gordon – Girl In A Band (2015)

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Kim Gordon – Girl In A Band
Verlag: Dey Street Books, 2015
Autor: Kim Gordon
Seiten: 273, Hardcover
ISBN: 9780062295897
Link: Goodreads

“The only really good performance is the one where you make yourself vulnerable, while pushing beyond your familiar comfort zone.”

Tja, eigentlich hat Kim Gordon damit ja sehr wohl Recht – doch leider nahm sie sich die Worte für ihre Biografie zu wenig zu Herzen. Denn „Girl In A Band“ ist kein „Just Kids“ oder „Porcelain“, sondern eher eine etwas wirre Kette aus einzelnen Situationen und Gedanken. Die ehemalige Bassistin von Sonic Youth nimmt mit diesem Buch die Gelegenheit wahr, ihre Geschichte und ihre Sicht der Dinge in der Band, als Frau von Thurston Moore und Künstlerin in Amerika aufzuzeigen. Zu Beginn gelingt dies ganz gut, doch leider verliert das Buch immer mehr die Kohärenz und somit die Berechtigung.

Denn obwohl Kim Gordon viele Worte über ihre Kindheit, ihr Umfeld und ihre ersten Versuche als Musikerin verliert, weiss sie der späteren Phasen in ihrem Leben um so weniger beizufügen. Sicherlich wurde schon mehr als genug Papier mit Texten über die Noise-Rocker Sonic Youth bedruckt, doch eine direkte Einsicht ist immer spannender als der Blick von aussen. Kim beschränkt sich aber darauf, einzelne Lieder und Momente anzuschneiden. Was dabei etwas sauer aufstösst, sind die konstanten Angriffe und Hiebe gegen Kolleginnen und Kollegen, ihren Ex-Mann und alle Personen, die ihr vor das Gesicht laufen. Wenn ich missmutige Sprüche über andere Menschen hören will, dann lästere ich selber. So etwas brauche ich nicht in einem Buch.

Dieser Umstand wirft leider etwas viel Schatten auf die Seiten von „Girl In A Band“, somit legt man das Buch am Ende mit stark gemischten Gefühlen zur Seite. Irgendwie wäre die Lust da, noch mehr zu dieser vielseitigen und talentierten Person zu erfahren – leider hegt man nun aber auch eine gewisse Abneigung gegen Kim Gordon. Immerhin ist die Frau ehrlich und verstellt sich nicht, doch eine runde Biografie ist dies auf keinen Fall geworden. Das Ende ist zu schnell da, die Lücken zwischen den Kapiteln zu gross. Man lässt hier besser die Musik sprechen, und davon gibt es ja genügend unter der Mitwirkung von Frau Gordon.

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Moby – Porcelain A Memoir (2016)

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Moby – Porcelain  A Memoir
Verlag: Faber & Faber, 2016
Autor: Moby
Seiten: 416, Paperback
ISBN: 9780571321483
Link: Goodreads

Moby liebt unsere Welt, und ich liebe Moby. Schon seit Jahren begleitet mich seine Musik in meinem Leben, durch schwierige und einfache Zeiten. Aber nicht nur klanglich begeistert mich der Mann, nein – auch seine Einstellungen zu komplexen Themen und die Ehrlichkeit seines Auftretens sind wunderbar sympathisch und erstrebenswert. Er schafft es, sperrige Dinge wie Religion, Ernährung, Politik und Ruhm unter einen Hut zu bringen – ohne sich dabei selber aus den Augen zu verlieren.

Doch nicht immer gelang ihm dies so perfekt, wie es heute den Anschein macht. In den 90er-Jahren war sein Leben ein schwieriger Spiessrutenlauf zwischen Raves, bröckelnden Beziehungen und dem Wunsch, endlich bekannt zu werden. Mit „Porcelain“ lädt uns Moby nun ein, in die Anfänge seiner wundersamen Karriere einzutauchen. Der Musiker bleibt als Autor immer unglaublich ehrlich, selbstironisch und direkt. Er betrachtet seine wilden und auch schlimmen Jahre mit gesundem Abstand und einem herrlichen Humor. Sicherlich schocken gewisse Erkenntnisse – so verlor sich der Künstler nach der Veröffentlichung seines Debüts leider im Alkoholrausch, seine Mutter starb früh an Krebs, die Liebe lässt immer auf sich warten – alles in allem ist das Buch aber eine wunderbar vergnügliche Angelegenheit. Die Wortwahl und Art der Beschreibungen lässt einen schmunzeln oder sogar laut herauslachen, Moby offenbart hier ungeahnte Qualitäten als Wortdichter. Seine Ahnen hätten die wohlige Freude.

Biografien von Musikern gibt es unzählige, doch mit „Porcelain“ hat Moby etwas vorgelegt, das man nur selten antrifft. Ein direktes und offenes Abbild einer Zeit, die viele andere Musiker wohl beschönigt vergessen würden. Aber nicht hier, denn Fehler und Fehlentscheidungen formen einen Menschen schliesslich zu dem, was er heute ist. Bei Moby ist es ganz klar eine faszinierende und starke Persönlichkeit voller interessanter Ansichten und Gedanken. Nicht immer ohne Widerspruch, nicht immer ganz korrekt – darin aber umso menschlicher und identifizierbar. Schade endet das Buch kurz vor der Fertigstellung seines dritten Albums „Play“ – vielleicht aber folgt ja einmal eine Fortsetzung. Jetzt aber auf zum nächsten Rave!

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Blackstage – Fotografie von Roman Gaigg

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Blackstage
Verlag: Eigenveröffentlichung
Seiten: 200, Softcover
Link: Roman Gaigg

Bildbände über Musiker und Konzerte gibt es viele, doch „Blackstage“ von Roman Gaigg hebt sich auf mehrere Arten von dieser Flut ab. Es handelt sich um ein Projekt voller Herz und zeigt das Kulturlokal KiFF in Aarau aus einer neuen Perspektive. Veröffentlicht via Crowdfunding zum 25. Jubiläum und am grossen Fest offiziell eingeweiht, besticht der Fotoband durch seine wunderbare Verarbeitung und Präsentation. Gerne nimmt man das Buch in die Hände und lässt sich nach Aarau transportieren – in eine Welt voller Leidenschaft und Energie.

„Blackstage“ gönnt sich zwei Teile und konzentriert sich zuerst auf die Nebensächlichkeiten – nämlich was rund um ein Konzert hinter den Türen des KiFF passiert. Durch Gaiggs Linse dürfen wir die Backstageräume betreten und wie ein geheimer Gast herumschleichen. Mit verschobenem Fokus und einer heimlich wirkenden Betrachtungsweise weicht man dem wilden Treiben auf den Bühnen aus. Man will nicht entdeckt werden, dem Schaffen aber doch beiwohnen. Interessant, wie atmosphärisch anders die Bilder wirken. Keine Spur von der rohen Energie der Konzerte, mehr Ernsthaftigkeit und Konzentration – und trotzdem fesselnd und voller Geheimnisse.

Wer seinen Spaziergang durch das KiFF beendet, der landet im zweiten Teil von „Blackstage“ und darf nun die Musiker ganz aus der Nähe betrachten. Roman Gaigg hat viele Künstler vor ihren Auftritten im Portrait festgehalten und in schwarz-weissen Bildern eine tolle Rückschau erschaffen. Die Gedanken und Anspannungen der Musiker werden fast greifbar, die Vorfreude tröpfelt vom Papier. Erstaunlich ist nur, wie wenig Frauen sich auf den Seiten tummeln – die Musikszene wird leider immer noch stark von männlichen Künstlern bestimmt. Umso mehr Spass macht es aber, die Bilder durchzuschauen und daraus ein Quiz zu machen. Wie viele Leute erkennt man, welche Gruppen hat man selber im KiFF erlebt?

Mit kurzer Einleitung, einem Index und dem hübsch schwarzen Einband ist „Blackstage“ ein formvollendetes und hübsches Buch für den Platz neben dem Plattenregal. Ein Aarauer Produkt für die ganze Schweiz, eine wunderbare Ergänzung der Festaktivitäten und ein Zeugnis von Gaiggs Talent. Mit diesem Fotobuch macht kein Liebhaber der Musikszene etwas falsch.

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