Monat: August 2014

Esben And The Witch – A New Nature (2014)

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Esben And The Witch – A New Nature
Label: Eigenveröffentlichung, 2014
Format: MP3, Vorabdownload
Links: Discogs, Band
Genre: Indie-Rock, Alternative, Dark Rock

Horrormusik, das Wort kommt mir immer in den Sinn wenn ich Esben And The Witch höre. Die Musik welche die Jungs und Frontfrau Rachel Davies fabrizieren war immer geprägt von knurrenden Gitarren, grollenden Drums und kratzendem Bass. Dazu ein Gesang der oft nicht nur sonderbare Melodien aufweist, sondern auch als Geschrei und verrauschtes Hauchen in die Gehörgänge dringt. Nebelbedeckte Felder, heulende Wölfe und zerfallene Ruinen voller sich bewegender Schatten, all das war nie weit vom Klangbild entfernt.

Das dritte Album welches per Crowdfunding vorfinanziert wurde (und für die Unterstützer jetzt schon als MP3 erhältlich ist) weicht größtenteils nicht von diesem Zustand ab, geht aber ein Schritt in die Richtung Low-Fi und Reduktion. Gestartet wird mit einem zehn Minuten langen Koloss der sich von Takt zu Takt entfaltet, dabei aber seinen Jam-Charakter halten kann. Postrock könnte man auch sagen aber ohne grossen Schlusspunkt oder ungestümes Aufbäumen. Allgemein weiss die Band manchmal nicht so genau wo sie hin möchte. Auf der einen Seite bietet das Album ruhige Songs welche als Seelenbeschau funktionieren und auch von rauen Indietruppen stammen könnten, dann wieder fast hingekotzte Ausbrüche voller Gewalt und dich verletztenden Tönen. Den Leuten war im Studio wohl noch oft die Unsicherheit ins Gesicht gschrieben, denn gewisse Entscheidungen würden sie in wenigen Jahren wohl anders fällen.

Trotzdem überzeugt das Werk, gerade weil dadurch eine Stimmung entsteht die beide Gesichter zum Vorschein bringt und im Kopf eine Mischung formt, die ein komplettes Werk gestaltet. Die Wahrheit liegt auch im Universum von Esben And The Witch aber zwischen den Extremen, an dieser Randzone die hier immer wieder gestreift wird. Man kann sich mit diesem Album also fürchten und dann gleich wieder selbst beruhigen. Und die schlechten Momente sind auf A New Nature immer noch sehr gut hörbar. Beim nächsten Mal wünsche ich mir aber wieder mehr Fokus, auch wenn dies bedeutet, dass es keine 15 Minüter mehr gibt.

Anspieltipps:
Press Heavenwards!, The Jungle, Wooden Star

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Live: Elbow / Nada Surf, Winterthurer Musikfestwochen 14-08-24

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39. Winterthurer Musikfestwochen: Elbow, Nada Surf, James Walsh
Steinberggasse Winterthur
Sonntag 24.08.2014

Ist es nicht wunderschön? Obwohl ich in meinem Leben schon sehr viele Konzerte besuchte und dabei mehr als einmal emotional stark mitgenommen wurde, kann dies immer wieder aufs neue passieren. 2014 ist von da her ein unglaubliches Jahr, nach Motorpsycho, Massive Attack, Marillion oder NIN folgen nun auch noch Elbow. Ihre Musik mag ich seit manchen Jahren und bewundere die Talente der Engländer. Eine echte Darbietung bliebt mir davon bis jetzt aber verwehrt. Die 39. Winterthurer Musikfestwochen haben nun aber auch diese Lücke geschlossen, und wie!

Startete der Abend noch gemächlich und für meinen Geschmack etwas zu wohlklingend mit James Walsh (Frontmann von Starsailor), fand schnell eine Steigerung statt. Klar, seine Musik als Solokünstler ist gelungen, er macht auch als Singer-Songwriter keine schlechte Figur. Doch bei praktisch jedem Song wurde ich das Gefühl nicht los, das Lied könnte sich im Bandgewand besser entfalten. Nada Surf zeigten zu viert dann eher, was Indie-Pop-Rock alles kann. Die Band ist seit mehr als zwei Jahrzehnten im Geschäft tätig und hat so manche Hymne geschrieben. Besonders unterhaltsam war dabei der Bassist Daniel Lorca, denn er schien als Einziger nicht erwachsen geworden zu sein. Die Musik der Band klingt in meinen Ohren sowieso wie Lieder, gespielt vom knapp 20 jährigen Jungs. Die Herren wurden aber älter und sind etwas ergraut, ausser eben Lorca. Seine blonden Dreads blieben wie die Zigarette im Mundwinkel und das Rockgepose. Aber Fuck it, wir machen jetzt Party.

Die Jüngsten sind Elbow auch nicht mehr, aber Alter, Herkunft oder Gesinnung spielt jetzt keine Rolle mehr. Die englische Band rund um den fantastischen Sänger Guy Garvey hat so viel Ausstrahlung, Wucht und Erfahrung, es reisst jeden mit. Spätestens seit dem Singleerfolg „One Day Like This“ spielt die Truppe in der obersten Liga mit und wirft mit grandiosen Hymnen um sich. Was mich am meisten erstaunte, war wie gut sich die opulent geschriebenen Songs auf die Bühne übertragen lassen. Die Band hatte sich mit zwei Frauen an Streichinstrumenten begleiten lassen und dank Instrumentenwechsel und viel Einsatz von Synthies die Dichheit der Lieder erreicht. Leise Werke wie „Build A Rocket Boys!“ oder laute Eruptionen wie das Ende von „The Birds“, beides wurde ohne Probleme dargeboten. Strahlender Mittelpunkt war aber (nebst der Discokugel bei „Mirrorball“) Guy Garvey. Oft wird er mit Peter Gabriel verglichen, dies in meinen Augen zu Recht. Nicht nur gleichen sich die Stimmen der beiden, nein auch die Präsenz, Gestik und Kommunikationsfähigkeit mit dem Publikum beherrschen beide wie aus dem Lehrbuch. Das Publikum in Winterthur wurde vom ersten Lied an gefesselt und unterhalten, zwischen den Songs gab es witzige Bemerkungen und Spielereien und immer wieder gute Gefühle.

Obwohl nur knapp 90 Minuten gespielt wurde, verbreitete die Band dabei so viel gute Laune und Sicherheit, dass man danach freudig lachend in die Welt entlassen wurde. Das Konzert hatte alles: Grosse Gefühle, Volumen, Melancholie und Glück und viele Lieder vom neuen Album. Perfekt? So ziemlich.

La Dispute – Rooms Of The House (2014)

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La Dispute – Rooms Of The House
Label: Better Living, 2014
Format: Vinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Post Hardcore, Alternative, Spoken Word

Post-Hardcore? The Wave? La Dispute haben sich selbst nie zu diesen neuen Strömungen gezählt und ihre Musik immer so gestaltet wie sie wollten. „Wildlife“ wurde dabei zu einem Meisterwerk und bot mit harter, abwechslungsreicher Musik und tollem Sprechgesang eine eindrückliche Mischung, wobei besonders die Texte von Jordan Dreyer etwas darstellten, das ich bisher aus der Musik nicht kannte. Das sind Geschichten, nicht Lyrics.

Der Nachfolger „Rooms Of The House“ hat es da nicht einfach, das Erbe ist fast untragbar. Aber die Band fand den Weg in der Lösung mit stärker strukturierter Musik und einer anderen Produktion. Wurde beim Vorgänger der Sound klar den Texten angepasst, stand hier die Musik schon fest als die tragischen Geschichten geschrieben wurden. Somit findet sich der Anhaltspunkt nun eher im Genre Alternative Rock als Hardcore, obwohl die Gitarren immer noch hart angeschlagen werden und sich alle gerne Mal in einen Rausch hinein steigern. Aber trotzdem, die Ausbrüch sind seltener, die Mannen ruhiger als auch schon. Dazu trägt auch die zurückhaltende Produktion bei. Kein Schnick-Schnack, keine unnötigen Klangspielereien oder Spuren. Es soll geerdet und bodenständig klingen. Für Fans kann dies etwas gewöhnungsbedürftig sein, in meinen Augen ist dies aber keine Schmälerung der Qualität.

Das Wichtigste bei La Dispute ist meiner Meinung nach eh die lyrische Seite. Erneut bietet die Band Geschichten und Momentaufnahmen aus dem alltäglichen und oft sehr tragischen Leben in den Vororten und Suburbs der USA. Genauer gesagt geht es hier um die Geschehnisse in den Räumen eines Hauses. Über Jahre gesehen spielt sich in Gebäuden so viel ab, dass nicht einmal die Wände schweigen können. Wer hat sich nicht selbst schon mal überlegt, was ist in meiner Wohnung schon alles passiert? Wer hat hier geweint, sich gefreut und geliebt? Eine tiefe Beobachtung im emotionellen Leben. Vorgetragen werden diese in Dreyers unvergleicherer Art, eine kratzige und sich oft überschlagende Stimme voller Verzweiflung und Mitgefühl.

Die Musik vermag es dabei, die Gefühle zu transportieren; Wut, Verzweiflung, Trauer, Liebe, Hass. Alles können die Musiker ohne Probleme auf Töne übertragen und erschaffen dabei zum wiederholten Male ein unglaublich mitreißendes Gesamtwerk. La Dispute bleiben auch mit kleineren Hardcore-Anteil wichtig und nötig.

Anspieltipps:
Woman (In Mirror), 35, Objects In Space

Live: Heitere Open Air, Zofingen 14-08-08 / 09 / 10

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Heitere Open Air Zofingen 2014

Heitere, Zofingen

Freitag 08.08. bis Sonntag 10.08.2014

Freitag

Alle Jahre wieder, dies gilt auch für das Open Air auf dem Zofinger Hausberg. Für mich als lokal Ansässiger ist der Besuch seit Jahren Pflicht, auch wenn nicht unbedingt wegen dem musikalischen Programm. Auf dem Heitere trifft man Freunde und Bekannte, hört sich zusammen Musik an und feiert bis tief in die Nacht. Sehr angenehm, denn man schläft im eigenen Bett und kann nebst dem Frühstück auch gleich noch eine Dusche über sich ergehen lassen, bevor man wieder ins Gelände tanzt / torkelt.

Trotzdem spielen natürlich auch Bands und Künstler, gemäss dem Motto vom Heitere: Kunterbunt und ohne Logik zusammen gemischt. Am ersten Abend habe ich als erste Band „Triggerfinger“ beim abrocken zugeschaut. Wer die Truppe nur durch das Lykke Ly Cover kennt wird hier überrascht: wild und heftig pressen die drei Typen alles aus ihren Instrumenten und wirbeln über die Bühne. Klasse!

Das wärs dann auch schon mit den Highlights, denn obwohl Birdy niedlich war (leider sehr schlecht abgemischt) und Die Antwoord verstörend (billige Beats mit schrecklichen Stimmen und Horror-Zutaten), wusste man beim betreten der After Party Zelte vor allem was unter aller Sau war: Sean Paul, das wohl übelste Konzert das je hier stattgefunden hat. Das Publikum zeigte zu keiner Minute Begeisterung und feierte fast nicht mit. Bligg konnte da eher überzeugen, ist aber nicht meine Baustelle. Genauso der Sky von Open Season. Aber wozu gibt es schliesslich Bier?

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Samstag

Den Samstag starteten wir gemächlich zu We Invented Paris und Halunken, beides eher langweilige Live-Bands. Brody Dale kam da gerade richtig. In der brütenden Hitze spielte sie sich wie eine Furie durch ein Distillers Best Of und zeigte, dass nicht nur ihr Ehemann rocken kann. Scheinbar war aber vor allem Hip Hop Publikum anwesend, denn wild wurde das Publikum nicht.

Dafür kamen die Cap-Träger mit dem Dreigespann One Track Live, Dendemann und Jan Delay nun auf ihre Kosten. Das Allstaraufgebot von One Track Live war grossartig, Dendemann ebenso, nur die rockige Seite von Herr Delay erschloss sich mir nicht ganz. Trotzdem, ein sehr spassiger Nachmittag.

Mein Tageshighlight folgte nun aber sehr überraschend mit Stromae. Bisher dachte ich immer, das sei so ein langweiliger Mainstream Dance-Pop Typ, doch weit gefehlt. Seine elektronische Musik kombiniert er mit traurigen und nachdenklichen Texten, untermalt das Konzert mit einer grossartigen Show und bewegt sich dazu wie ein Ausserirdischer.

Queens Of The Stone Age waren danach fast belanglos, trotz super Songwahl und toller Show. Aber auch hier war das Publikum sehr unengagiert Den abschliessenden Act QL habe ich mir gleich gespart, wie kann man nur eine solche Band an einem solchen Abend zu einer solchen Zeit buchen! Unfassbar, ab in die Rock-Bar.

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Sonntag

Der letzte Tag der Woche ist ein Ruhetag, aber nicht am Heitere-Sonntag. Hier wird wild weiter gefeiert, der Montag ist ja noch viiieeele Stunden entfernt. Versüsst hat mir diesen Tag Skor, der Sprechsänger aus Zürich mit seinen umwerfenden Texten, seiner extrem sympathischen Art und der toller Live Band. Hört rein, unterstützt ihn. Alex Hepburn und Cro waren dagegen zu brav, zu eintönig. Obwohl Cro den jungen Mädchen schon zu gefallen wusste, viele verloren dabei sogar ihre Kleider und tanzten in BH und Pandamaske vor der Bühne.

Shantel wusste auch wie man die Tanzbeine anstösst, aber mir war es zu besoff.. heiss am Nachmittag und ich genoss die Show aus dem sicheren Schatten. Balkansound macht aber immer Stimmung. Gute, nein beste Stimmung verbreitete dann zum Abschluss auch die Französin Zas. Ihr aufgeweckte und frische Art passt perfekt zu der lebensbejaenden Musik und ihrem Gehüpfe. Musikalisch zwischen Folk, Pop und Chanson angesiedelt, überzeugte sie das Publikum restlos und machte den Abschied vom Festival etwas erträglicher.

Denn trotz programmtechnischen schwarzen Löcher war auch das Heitere 2014 wieder eine tolle Party, ein ausgelassenes Fest und eine wunderbare Gelegenheit mit Freunden ein Wochenende zu Musik und Sonne zu verbringen. Alkohol? Nein gab es nicht..

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Live: Magic Night Of Rock, Heitere Zofingen 14-08-06

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Magic Night Of Rock 2014
Heitereplatz, Zofingen
Mittwoch 06.08.2014

„Looking back, over my shoulder..“ Eine Woche später und das Lied ist immer noch wie ein frischer Ohrwurm im Kopf. Dabei habe ich im Vornherein gedacht, dass Mike + The Mechanics die schlimmste Band an diesem Abend werden sollte, doch weit gefehlt. Die Pop-Band rund um den Ex-Gitarristen von Genesis zeigte sich von der besten Seite. Das Konzert begann eher etwas zaghaft, die Lieder waren allesamt bekannt und manch einer sang lauthals mit, aber es wurde ein Einheitsbrei von 80er Pop direkt vom Fliessband. Doch dann die Wende, ab der Mitte des Sets begann die Band zu rocken und drückte auf den Stempel. Mike liess sich sogar zu einem Genesis Song hinreissen und zeigte an der Gitarre sein wahres Können, Soli inklusive. Es wurde ein Abschluss voller Spass, guter Laune und Freude. Ich war total überrascht.

Besonders wenn man bedenkt, dass der eigentliche Lieferant für denn Sonnenschein eher mit Jimmy Cliff gebucht wurde. Doch seine Darbietung von verweichlichtem Reggae traf meinen Geschmack gar nicht. Zu durchmischt das Set am Anfang, es wechselte zwischen Pop, schwachem Rock und Fast-Reggae. Sicherlich, seine Lieder machen Spass und man kennt diese seit Jahren und auch die Band spielte gut auf. Aber der Funke wollte bei mir nicht überspringen.

Les Sauterelles wussten da besser zu gefallen, denn die über siebzig Jährigen Schweizer liessen sich nichts von ihrem Alter anmerken und rockten voll ab. Eigene Hits wurden munter mit Songs von den Beatles oder den Kinks gemischt, dazwischen munter geplaudert und Anekdoten erzählt und als Abschluss natürlich „Heavenly Club“ dargeboten, mit der B-Seite. Das jetzt nach 45 Jahren ein neues Album erscheint verwundert nicht, die Mannen haben noch neues zu erzählen und sind genügend Fit.

Auch der Held des Abends (oder der Gott, wie er auch schon bezeichnet wurde) zeigte keine Anzeichen von Müdigkeit. Mit seinen 69 Jahren sieht Bryan Ferry zwar aus wie eine Mischung aus alter Dandy und Iggy Pop, weiss aber immer noch genau wie das Publikum zu begeistern ist. Jede Bewegung, jede Geste und jedes Wort sitzt perfekt, alles fliesst. Seine Hits und Lieder kamen in rascher Abfolge und liessen kaum Raum zum atmen, einen Mordsanteil leistete dabei seine grandiose Band. Mit hohem Frauenanteil besetzt spielten sie gross auf und es gab nicht nur die klassische Rockbesetzung sondern auf Saxofon oder Fagot. Liebe, Friede und Tanz. Der Schlusspunkt der diesjährigen Magic Night Of Rock war grossartig und hat mich begeistert. Ab jetzt werde ich mir wohl jedes Jahr diesen Vorabend des Heitere Open Air gönnen. Es ist ein familiärer und gemütlicher Einstieg in die Festlichkeiten.

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Long Distance Calling – Nighthawk (2014)

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Label: Aviod The Light Records, 2014
Format: Vinyl im Gatefold, mit Download
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Rock, Instrumental, Jam

Eine Jamsession ist nicht meine bevorzugte Art Musik zu hören. Oft gestaltet sich der Ablauf solcher Stücke zäh, zu langsam wandelnd oder uninspiriert. Es macht schon Sinn, das die daraus resultierenden Lieder dann neu zusammengestellt und somit den Bandsound erreicht werden kann, den man anstrebt. Long Distance Calling haben mich mit Nighthawk nun aber sehr positiv überrascht.

Auf die Platte aufmerksam wurde ich durch das Crowdfunding-Portal Startmusik, denn die Jam-EP wurde so vorfinanziert und ist nun auch via der Bandhomepage käuflich zu erwerben. Auf dem hübsch verpackten Vinyl mit retro B-Movie Cover befinden sich sieben ziemlich kurze und knackige Stücke die an einem Studiotag entstanden sind. Das „Intro“ eröffnet mit verzerrter Stimme und Synthies, ein gemähchlicher Start der mit den neuen Klangelementen von LDC spielt. Seit einigen Alben haben die harten Gitarren auch vermehrt den Keyboards Platz gemacht, eine willkommene Bereicherung. Ab dem zweiten Stück wird es typischer mit tollen Schlagzeugwirbel, Gitarrenriffs und Bassläufen aus der Ursuppe des instrumentalen Postrock.

Erstaunlich dabei, die Jam erscheinen oft wie vorgeplant und einstudiert. Als ob die Musiker das Ganze unter falschem Namen verkaufen und heimlich die Lieder komponiert haben. Klar, hier werden Songs nicht als mehrstufige Werke präsentiert und weisen oft auf keine Breaks auf, man spürt die Herkunft schon. Aber das Niveau ist beachtlich, Long Distance Calling haben somit die erste Jam-Scheibe aufgenommen, die ich mir gerne immer wieder mal anhöre.

Anspieltipps:
NH 0223, NH1100, NH0318

Marillion – A Sunday Night Above The Rain (2014)

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Marillion – A Sunday Night Above The Rain
Label: earMusic, 2014
Format: 5 CDs, 2 Blurays, Doppel-Vinyl, Booklet und USB-Stick
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock

Marillion sind in meinen Augen eine wahre Liveband, das zeigt sich auch an ihrem Output. Über das bandeigene Label Racket Records werden pro Jahr durchschnittlich 6 neue Liveaufnahmen veröffentlicht. Das ist auch gut so, denn die Liveversionen sind den Studioaufnahmen meist weit überlegen und verfügen über mehr Emotionen und Tiefe.

A Sunday Above The Rain bietet als Deluxe Boxset nun die endgültige Aussage zum letzten Album Sounds That Can’t Be Made. Nebst dem Vinyl mit den Studioaufnahmen und dem USB-Stick mit diversen Soundvarianten, ist das Herzstück der Kiste die Aufnahmen von den Marillion Wochenenden 2013: In Holland und Kanada wurde jeweils am dritten Tag das komplette Sounds-Album live dargeboten und ist hier als Tondokument auf vier CDs und als Bildmaterial auf 2 Blurays vorliegend. Für jeden Fan ein Traum!

Die Band spielte an diesen Abenden wie immer sehr locker und vergnügt, man merkt das die Musiker sich auch nach den vielen Jahr gut verstehen und gerne zusammen auf der Bühne stehen. Das Album wurde diesmal nicht stur der Reihe nach gespielt sondern mit Klassiker wie „This Strange Engine“ oder „King Of Sunset Town“ aufgemischt. Das sorgt für Spannung und Abwechslung, gerade weil neue Songs wie „Pour My Love“ oder „Montreal“ (mich) nicht auf ganzer Linie überzeugen, „Sounds That..“ oder „The Sky Above The Rain“ dafür umso mehr. Braucht man dabei aber jede Sekunde von beiden Konzerten, besonders da es sich zwei Mal um dieselbe Setlist handelt? Eine Frage die jeder Fan für sich selber beantworten muss, kann man sich doch die besten Versionen der Lieder rauspicken und das ultimative Konzert zusammenstellen. Grosse Unterschiede in den Darbietungen sind aber nicht auszumachen, das Konzert aus Holland gefällt mir aber ein wenig besser. Grosse Gefühle (wie Beispielsweise der herzzerreissende zweite Teil von Neverland oder die Wut und Trauer in Gaza), instrumentale Ausbrüche, wunderbare Solostellen, tolle Kommunikation mit dem Publikum und eine Band auf ihrem Höhepunkt gibt es bei beiden Konzerten. Die Show beschränkt sich typischerweise auf gelungene Lichteffekte und kleine Projektionen. Mehr braucht es nicht, die Musik spricht für sich. Der Art-Rock von Marillion bleibt somit unvergleichlich, weicht aber nicht vom Bekanntem ab. Wer die Band bisher nicht mochte, wird wohl auch hier kein Fan. Mich begleiten ihre Melodiebögen. der unglaublich ausdrucksstarke Gesang von h und die heftigen Ausbrüche in den langen Songs immer wieder in einen Zustand von Glück und Ehrfurcht.

Wer nun immer noch nicht genug hat, kann sich mit den Outtakes und Demos vom Sounds That Can’t Be Made Album beschäftigen und somit auf Spurensuche gehen. Wie arbeitet die Band, wie entstehen Songs? Das Set bietet also mehr als genug Unterhaltung für viele Stunden und gehört in das Regal der wahren Fans. Allerdings sind alle 300 Stück restlos ausverkauft, das Holland-Konzert lässt sich aber auch separat auf CD, DVD, Vinyl oder Bluray kaufen.

Anspieltipps:
Gaza, Sounds That Can’t Be Made, The Sky Above The Rain

Little Boots – Nocturnes (2013)

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Little Boots – Nocturnes
Label: On Repeat Records, 2013
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Electropop, Disco, House

Wann unterscheidet sich ein modernes Popalbum von der unterdurchschnittlichen Masse und hebt sich vom Kommerz ab? Sicherlich muss die Musik ehrlich sein und nicht nur wie am Computer berechnet daher kommen. Schön ist auch immer, wenn der Interpret oder die Interpretin selber am Songwriting beteiligt ist und nicht nur die vom Marketing hingestellte Marionette spielt. Aber in welche Sparte fällt nun Little Boots mit dem zweiten Album Nocturnes?

Rein ist der Pop auf jeden Fall den Victoria Christina Hesketh mit ihrem zweiten Werk bietet. Die Lieder sind eingängig und die Melodien bleiben im Ohr haften. Ihre Stimme erinnert zuweilen an Kylie, biete somit perfekte Tonlagen für süsse und ernste Momente. Was aber spannend ist: Am Album schrieb nicht nur Hesketh sondern liess sich von Grössen wie Andrew Butler (Hercules And Love Affair), James Ford (Simian Mobile Disco) oder Tim Goldsworthy von DFA unter die Arme greifen. Das garantiert kreativen Prozess und vielfältige Einflüsse. Somit bietet Nocturnes, das ein Album für die Stunden in der Nacht darstellt, nicht nur Electropop, sondern Anleihen an 70er Disco, House und neuartige Klänge.

Klar sind dabei nicht alle Songs gleich gelungen oder wertvoll, aber Little Boots hat ein Werk veröffentlicht das unterhält und sich im Popkosmos behaupten kann. Da die Künstlerin auch als DJane unterwegs ist und somit immer neue Kontakte knüpft, erwarte ich gespannt neue Musik von ihr. Die Vinyl Pressung von Nocturnes besticht durch edle Verarbeitung und saustarkem Klang, auch dank der tollen Produktion der Musik.

Anspieltipps:
Confusion, Crescendo, Satellites

Some day surely someone must help us… – Playlist 7//14

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Part 7//14 – Some day surely someone must help us…
Juli 2014

1. Marillion – Gaza // Live
(A Sunday Night Above The Rain – Holland, 2014)

Der schreckliche Konflikt im Gazastreifen hört nicht auf, er wird immer schlimmer. Dass Marillion dazu ein Lied veröffentlichten und sich klar gegen die Gewalt und für keine Seite positionieren ist nahvollziehbar. Dass es ein fast 20 minütiges Epos mit unterschiedlichen Teilen und spannender Struktur wird konnte aber keiner ahnen. Die Band zeigt sich hier agressiv und laut, sanft und melodisch, tieftraurig und doch hoffnungsvoll. Dazu der unter die Haut gehende Text von h der alles aus den Augen von unschuldigen Jugendlichen im Gazastreifen zeigt. Ein Meisterwerk, wichtig, grandios und zum weiter verbreiten.
Bitte, stoppt diesen Krieg!

2. Marillion – Sounds That Can’t Be Made // Live
(A Sunday Night Above The Rain – Holland, 2014)

Dieses Lied ist ein unerklärlicher Fall: Bietet es doch eher bekannte Klänge und ein unspektakulärer Ablauf im Marillion-Kosmos, trotzdem hat es mich vom ersten Moment her total berührt und gepackt. Vom gleichnamigen Album stammend verführen mich die tollen Synthies, Gitarren und der wunderbare Schluss immer wieder in neue Welten. Die Live-Version aus Holland ist noch besser als die Studiovariante.

3. Anathema – Closer // Live
(Universal, 2013)

Vor Marillion spielten Anathema am diesjährigen Night Of The Prog Festival auf der Loreley und boten nebst vielen Songs vom aktuellen Album Distant Satellites auch ein paar alte Klassiker. Closer (hier als Live-Aufnahme von der letzten Tour mit Orchester) ist ein eher kryptischer Song mit verwobenem Gesang und viel Elektronik. Aber dann der unglaubliche Ausbruch!

4. IQ – Frequenzy
(Frequenzy, 2009)

Auch am NotP live bestaunt boten die Neoprog-Könige auf dem Album Frequenzy wieder echte Brecher. Das Titellied haben sie auf der Loreley live dargeboten, aber auch als Studioaufnahme überzeugt dieser Longtrack mit marschierenden Drums / Gitarren, viel Keyboards und dem unvergleichlichen Gesang von Nicholls. So muss dieses Subgenre klingen, so müssen Progsongs aufgebaut sein.

5. Tim Bowness – Songs Of Distant Summers
(Abandoned Dancehall Dreams, 2014)

Werden wir nun etwas ruhiger, der diesjährige Sommer war schliesslich eher ein stiller mit vielen nachdenklichen, grauen Tagen. Dazu liefert Tim Bowness mit seinem neuen Soloalbum den perfekten Soundtrack. Songs Of Distant Summers ist voller Melancholie, traurigem Gesang, wunderschönen Klavierakkorden und sphärischen Synthieflächen. Alleine geniessen und Tränen vergiessen oder zusammen auf dem Balkon stehen und die Regentropfen zählen.

6. Massive Attack – Girl I Love You
(Heligoland, 2010)

Manchmal braucht man eben doch ein Konzert um missachtete Lieder lieben zu lernen. Mit dem Auftritt am diesjährigen Montreux Jazz Festival konnte mich die Band verzaubern, dabei spielten sie auch Songs vom „aktuellen“ Album Heligoland. Girl I Love You hat mich dabei umgehauen. Der rollende Bass, die trippigen Schlagzeugbeats, verzerrte Gitarren und trauriger Gesang: Eigentlich ein moderner Klassiker der Band. Endlich weiss ich das Lied auch zu schätzen.

7. The Brian Jonestown Massacre – Vad Hände Med Dem?
(Revelation, 2014)

Das Kollektiv mit dem witzigen (?) Bandnamen bietet seit jahren eine eigene Mischung aus Rock, Folk, Psychedelic und weiteren Unterarten der aktuellen und vergangenen Musikgeschichte. Das neue Album weiss zu überzeugen, besonders der in schwedisch gesungene Opener ist mitreissend. Lässt sich auch gut dazu tanzen.

8. Jeans For Jesus – Toucher // Cover
(Jenas For Jesus, 2013)
Leider leider finde ich das Lied nicht als Link im Netz, aber kauft euch einfach das komplette Album der jungen Berner Band. Ihre neuartige Musik in Kombination mit Gesang in Mundart ist erfrischend und weckt wie eine Zitrone am Morgen. Das Züri West Cover Toucher zeigt auch, wie gut es die Jungs verstehen Musik zu verändern ohne die Eigenheiten zu verlieren. Das tolle Lied wird nach ihrer Dubstep-Electronica-Core Behandlung noch besser!

9. Ben Klock – Gold Rush
(One, 2009)

Der Abschluss führt diesen Monat in den Club (und nein, ich war nicht an der Street Parade), und zwar in einen düsteren und etwas gruseligen. Ben Klock vom Berghain-Label Ostgut Ton bietet Dark Minimal-Techno und brennt mit tiefen Bässen, knisternden Synthies und harten Beats deine Trommelfelle an. Was du willst nicht tanzen? Na gut, breche ich dir halt die Beine.