Konzert

Live: Tales From A Sonic Darkness, Parterre One Basel, 18-01-25

 

Tales From A Sonic Darkness
Bands: Scott Kelly & John Rudkins / Sarah-Maria Bürgin / Louis Jucker / The Leaving / Marlon McNeill / Anna Erhard
Donnerstag 25. Januar 2018
Parterre One, Basel

Die Bösen trifft man nicht nur im Sägemehl an, auch auf den Bühnen der Welt begegnet man immer wieder lauten und wilden Künstlern. Doch für eine Nacht gab es nun die Möglichkeit, Musikerinnen und Musiker intim und zurückhaltend zu geniessen. Das Basler Label Czar Of Crickets lud zu Stunden voller Tales From A Sonic Darkness – zu Reisen in introvertierte Momente und dunkle Melodien. Im hübschen Parterre One nahm man auf den Stühlen Platz und genoss das Dargebotene mit einem passenden Bier. Schon bald wurde aus dem normalen Donnerstagabend eine neue Erfahrung voller Intensität.

Bereits mit Anna Erhard gab es eine andere Form von Auftritt zu erleben, spielt die Musiker doch sonst mit der Gruppe Serafyn hübsche Songs – nun zeigte sich die Schweizerin alleine mit akustischer Gitarre und sanftem Singer-Songwriter. Ein angenehm langsamer und in sich gekehrter Start, der mit Komponist und Labelführer Marlon McNeill zwar etwas verschrobener wurde, aber immer noch auf einzelnen Gitarrentönen und sanften Aussprachen beruhte. Hier sogar als Huldigung für den kürzlich verstorbenen Mark E. Smith, mit parallel abgespielter Schallplatte.

Meditativ und langsam, so wollte sich der Chef des Abends nicht immer geben. Als The Leaving betrat er die Bühne mit einer elektrischen Gitarre und untermalte seinen feinen Gesang mit lauten und kratzenden Gitarrenriffs. Stärker hätte der Kontrast zwischen Mensch und Instrument nicht sein können, als Resultat funktionierte dies aber perfekt und leicht psychedelisch. Und die sieben Saiten verliehen dem Zar die nötige Gravitas – etwas, mit dem sich Louis Jucker (Coilguns, Autisti) nicht lange abgibt. Von seinem Architekturstudium ist die Liebe zum Entwurf übrig geblieben, den Rest bestimmt nun aber Punk und Noise. Mit eigens gebautem Verstärker wurden die rohen Stücke noch gewaltiger, Geschrei und wildes Klopfen auf den Saiten taten den Rest.

Wie eine Sirene der Nacht sorgte Sarah-Maria Bürgin von Scratches im Anschluss dafür, dass nicht nur das Testosteron wieder von der Bühne gefegt wurde, sondern dass nun endlich auch ein Keyboard die Rhythmik übernahm. Mit wundervoller Stimme, Melodien wie Samtkleider und einer grossen Ausstrahlung verzauberte sie die Anwesenden innert kürzester Zeit. Schade, durften hier alle nur kurz spielen, hier hätte ich gerne weitergeträumt. Als Abschluss kam aber ein richtiger Weltstar: Scott Kelly, mit grossem Bart und akustischer Klampfe, begleitet von John Rudkins an der Slide-Guitar.

Die Amerikaner zückten hier nicht das zerstörerische Schwert von Neurosis, sondern erzählten zerbrechliche Geschichten voller Emotion und Nachdenklichkeit. Passend zum Schluss, zusammenfassend und für den Abend stehend – Tales From A Sonic Darkness war ein wunderschöner Blick in die Seelen und Herzen von Künstlerinnen und Künstler, ein Eintauchen in verwunschene Klangwelten und ein mitreissender Ausgleich zu den sonst lauten und wilden Konzerten. So etwas dürfte es gerne öfters geben.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Sexy und Miss Kryptonite, Oxil Zofingen, 17-12-30

Pippi Langstrumpfs Lieblingssause
Bands: Sexy, Miss Kryptonite
Samstag 30. Dezember 2017
Oxil, Zofingen

Zofingen – diese Stadt wusste schon immer, wie man feiert. Somit werden hier runde Geburtstage nicht im kleinen Rahmen mit Freunden genossen und dann müde lächelnd eine Kerze ausgeblasen – nein, hier werden laute Bands von der Leine gelassen und eine Nacht lang durchgetanzt. Getreu dem Namen „Pippi Langstrumpfs Lieblingssause“ wurde die letzte Konzertnacht des Jahres im Oxil zu einem rauschenden Fest des Rock. Natürlich mit Lokalhelden.

Miss Kryptonite bewiesen zu Beginn gleich, dass die Reaktivierung der ehemaligen Kriegsschlaufe ein genialer Schachzug war. Bern und Zofingen sind sich dadurch nicht nur näher gekommen, es entstehen auch frische und energetische Kombos in Proberäumen. Die Gruppe um Frontfrau Désirée Graber spielt erst seit einem halben Jahr Konzerte und zeigte auch an diesem Abend, dass ausufernder Rock, Grunge und Falsettgesang sehr wohl noch explosiv wirken. Mit dynamischen Songs, die sich besonders gerne in instrumentalen Teilen suhlten, steigerte sich der Auftritt mit jedem Takt und endete in sehr starken Kompositionen wie „Whoo“.

Das Geburtstagskind Flo Hugener liess sich die Chance dann auch nicht entgehen, zusammen mit der Band noch den Kracher „Cherry Bomb“ zu singen und die Besucher zum ersten Mal richtig ausflippen lassen. Auch Sexy boten der ehemaligen Sängerin von DustInEyes das Mikrofon in der Mitte ihres Auftrittes an und liessen somit die männliche Erotik für ein paar Minuten von Östrogen gesättigt werden. Aber sonst war es klar: Purer Rock’n’Roll mit blossem Oberkörper, krachenden Riffs und verschwitzten Haarsträhnen. Die Jungs spielten sich und den Saal zurück in die glorreiche Zeit der Gitarrenmusik und machten alles besser als ihre Vorbilder.

Ob klassisch direkt oder technisch verspielt, erneut wurde mit Bass, Schlagzeug und Gitarre die Welt ein Stück runder gemacht. Geburtstage sollen schliesslich weit zu hören sein und noch lange nachhallen. Sei es nun wegen der vielen Biere, die man irgendwo zwischen Kopf und Füssen verloren hat, oder wegen der starken Songs. Und wer nach den Darbietungen der heimischen Liedermacher noch nicht genug hatte, dem wurde durch DJ Rockette noch stundenlang beste Kost auf dem Plattenteller serviert. Ab jetzt jedes Jahr genau so, oder?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Stahlberger, Royal Baden, 17-12-22

Stahlberger
Support: Lord Kesseli & The Drums / Bit-Tuner
Freitag 22. Dezember 2017
Royal, Baden

Lord Stahlberger And The Drums, Lord Kesseli And The Guitar, Stahlberger And The Bass, Bit-Tuner And The Guitars, Stahlberger And The Cover-Band – was wie ein irrwitziger Versuch klingt, einen neuen Bandnamen zu finden, war der normale Wahnsinn eines Freitagabends in Baden. Die St. Galler High Society nahm das Royal in Beschlag und machte aus den vorweihnachtlichen Bandproben einen Konzertreigen, der nicht nur für urkomische Momente, sondern auch Liebeserklärungen an die Musik sorgte.

Stahlberger und seine Freunde fanden sich im Aargau ein, um dem Konzertlokal einen gebührenden Schlusspunkt zu bieten – doch „leider“ muss dieses nun gar nicht schliessen. Die Künstler aus der Ostschweiz nutzten die Nacht aber trotzdem für eine Darbietung, die alle Rahmen sprengte. Mundart-Dichter und lakonischer Songpoet Stahlberger startete alleine mit bissigen Texten und akustischer Gitarre und zeigte dem Aargau, dass Humor, Kritik und Wortspielerei sehr wohl zusammen in ein Lied passen.

Und als sich alle in diesem klanglichen Bett eingenistet hatten, wurde bereits zum ersten Mal alles anders. Stahlberger setzte sich hinter das Schlagzeug, proklamierte den Aufstand gegen die Wirtschaft und holte danach seine Mitmusiker auf die Bühne, welche sonst unter dem Banner Lord Kesseli And The Drums für Tanznächte sorgen. Auch in Baden boten ihre Gitarrenriffs, Schlagzeugdonner und Lichtkaskaden nun ein Abdriften in psychedelische Songs, die The Flaming Lips grüssten und stärker wirkten als gewisse Substanzen.

Erstaunlich, dass dieses Sonderprogramm nur innert weniger Tage erdacht worden war und im Zusammenschluss mit Bit-Tuner nicht nur für exzentrische Bassläufe, sondern auch düstere Techno-Beats stand. Bekannte und brandneue Lieder wurden umgebaut, erweitert, seziert und zu einem immerzu überraschenden Ereignis moduliert. Die Zeit verging wie im Flug und das prall gefüllte Royal feierte seine Gäste und die Musik. Kein Wunder also, wurde die abschliessende Party mit lauten Bässen und verführerischen Synthies plötzlich wieder von Stahlberger gekapert, um noch einmal mit kompletter Band Lieder anzustimmen.

Somit versank man endgültig in der Genialität des Schweizer Rock-Pop-Dance und wanderte mit Körper und Geist durch die Nebelschwaden im Kulturlokal. Viel zu selten darf man solche spontane und abwechslungsreiche Abende erleben, in denen sich Künstler an offene Experimente wagen und damit brillieren. Danke Stahlberger für dieses wunderbare Weihnachtsgeschenk, besser kann es nicht mehr werden.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Sounds From The Heart Festival, Werk21 Zürich, 17-12-16

Sounds From The Heart Festival
Bands: Hanté, Salvation AMP, Sons Of Sounds, Patricia Scheurer
Samstag 16. Dezember 2017
Werk21, Zürich

Gegensätze, Abwechslung, Erbe – das erste Sounds From The Heart Festival bot für eine Nacht im Werk21 in Zürich einen interessanten Querschnitt durch die dunkle Szene. Mit direkt gegenübergestellten Vergleichen und einem intensiven Verbund aus Vergangenheit und Moderne wurde der kalte Samstag im Dezember zu einem eleganten Treffen für Freunde und Neugierige. Und dieses Spiel mit den Zeiten war bereits in der Dekoration sichtbar, wurde der Kellerraum des Dynamos doch von elektrischen Kerzen erhellt und Fledermäusen bewohnt, denen nicht nur Ozzy den Kopf abbeisst – waren sie schliesslich leckere Kekse.

Patricia Scheurer, Autorin aus Zürich und seit langem ein bekanntes Gesicht in der Szene, spannte mit der Lesung aus ihrem Roman „Schwarzes Erbe“ den Bogen dann auch gleich vom heutigen Zürich in das tiefe Mittelalter. Ihr Buch handelt von Sinnsuche, Themen des Gothik-Stils, Musik und viel Romantik. Eine Kombination, die für mich selber eher schwierig ist, in der heutigen Zeit aber gut funktioniert und unter den anwesenden Besuchern viel Anklang fand.

Umso interessanter war es, dass als erste Band dann Sons Of Sound aus Karlsruhe das Banner des Heavy Metal hochhielten und auf diese Burg-Fantasien pfiffen. Die drei Brüder liessen sich von der ungewöhnlich tiefen, weil gesundheitlich angeschlagenen Stimme des Bassisten und Sängers Roman Beselt nicht beirren und lotsten ihre Musik geschickt durch harte Instrumentalpassagen und melodische Refrains. Für diesen Abend näher bei Type O Negative als üblich, dafür weiterhin eine packende Mischung aus Achtziger-Anleihen, Art-Rock und komplexen Rhythmuswechseln. Schade, wollte das Publikum die Energie des Trios nicht ganz willentlich aufnehmen.

Salvation AMP aus Detmold hatten mit ihrem Gothic Rock etwas mehr Glück, forderten ihre Wave-Gitarren, tiefen Gesänge und schweren Takte doch förmlich zum Ausdruckstanz auf. Seit 2010 wiedererstarkt, war dieses, in der Szene schon seit den Neunzigern bekannte Trio eine kraftvolle Aussprache für die Vielfältigkeit an solchen Anlässen. Gerne elegisch, immerzu mysteriös und doch durchdringend liess ihre Musik das Publikum zu einem geschlossenen Ganzen werden. Da störte es auch nicht, dass die Scheinwerfer frech bunte Lichtschwaden über die dunklen Klänge ergossen.

Hélène de Thoury umging diese Beleuchtung zum Teil, liess sie ihre Lieder schliesslich von passenden Projektionen begleiten. Die französische Künstlerin nutzte des Festival für ihren ersten Auftritt in der Deutschschweiz unter dem Namen Hanté und beendete diesen Konzertreigen mit ihren pochenden Beats und synthetischen Tanzbefehlen des Cold Wave. Alleine vor einer schieren Armada aus Geräten und Knöpfen behauptete sie sich mit ihrer Stimme gegen eine Armee aus dröhnenden Tönen, tiefen Bässen und düster gefärbten Emotionen.

Wem das Sounds From The Heart Festival bisher zu analog war, der kam hier endgültig auf seine Snythie-Kosten und liess Kleid und Haar durch die Luft gleiten. Und auch mit der After-Party setzten die Verantwortlichen dieses kleinen Fests ein weiteres Ausrufezeichen hinter die Vielfältigkeit und Offenheit der Geister. Ob Gothic, Wave, Metal oder einfach nur romantisch verklärt, das schwarze Vermächtnis hat viele Formen und Körper – der Verbund machte diese Vielseitigkeit noch schöner.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Fog Town Fest II, Schützi Olten, 17-12-08

Fog Town Fest II
Bands: 1000 Mods / Greenleaf / The Atomic Bitchwax / Steak / No Mute
Freitag 08. Dezember 2017
Schützi, Olten

Es dauerte nicht lange, und aus dem erstaunlich zurückhaltenden Nebel wurden grosse, schwere Flocken. Doch dies trübte weder die Stimmung, noch wurde es wirklich bemerkt – denn in der Schützi in Olten tobte ein wildes Fest, angetrieben durch heftigen Rock. Freunde von überall her und Bands aus aller Welt sorgten dafür, dass man den Winter- und Weihnachtsstress für einen Abend komplett vergass und es allen wieder einmal bewusst wurde: Die Macht der Gitarre wird nie versiegen. Das zweite Fog Town Fest holte sich die Stadt im Bahnzentrum im Sturm.

Auch klar, dass No Mute die Ehre galt, diesen Abend voller langer Haare und dunkler Klamotten zu eröffnen. Die Hard Rock-Gruppe aus Olten ist ein altbekannter Gast und bewies erneut, dass sie auch am frühen Abend bereits für gute Stimmung und lauten Jubel sorgen kann. Mit starkem Drumming und tollen Riffs floss somit schnell mehr als als ein Feierabendbier und die Verzerrungen der Verstärker füllten den Raum. Auch wenn ihre Lieder weniger Preise in Innovation gewinnen, war es doch der perfekte Einstieg in dieses Fest.

Das Steak wurde heiss und blutig serviert – fast noch roh. Die vier Herren aus London präsentierten fadengeraden Stoner ohne Schnickschnack – ein Hoch auf den die Erfindung des Drop-D-Tunings – tief und wummrig. Sie prügelten los und heizten der Schützi so richtig ein, die Köpfe des Publikums wippten im Gleichtakt. Das erste Bier wurde verschüttet, kein Stein blieb auf dem anderen und das Fest nahm Fahrt auf. Dieser harte und schnörkellose Sound war zu diesem Zeitpunkt des Abends genau richtig. Vielleicht etwas gar kritisch, und wahrscheinlich auch ihrem Setup mit nur einer Gitarre geschuldet: Ich hätte mir etwas mehr Überraschungen in ihren Songs gewünscht. Feinheiten, Harmonien, ein wenig mehr der Abdrifterei. Dass die Jungs dies durchaus können, zeigen sie auf ihren Platten. Trotz alldem: Das Steak hat sehr gut geschmeckt!

Wer sich einen Namen wie The Atomic Bitchwax zulegt, der schürt zu Recht die Erwartungen. Angereist aus Amerika sorgte das Trio dafür, dass Stoner Rock neu erfunden wurde. Mit weniger Musikern als die vorangegangenen Bands, aber dafür extremen Geschwindigkeiten, perfekter Härte und sogar zweistimmigem Gesang mischten die Künstler eine gehörige Portion Retro-Gefühl in die Instrumente. Irgendwo zwischen verschwitzten Haaren, herumgetragenen Konzertbesuchern und heftig vibrierenden Lautsprechern landete die Gruppe punktgenau mit Liedern von ihrem neuen Album „Force Field“. Unglaublich wie energetisch diese Mannen auch 25 Jahre nach ihrer Gründung noch unterwegs sind.

Vom ersten Takt weg zündete bei Greenleaf der Funke und sprang von der Bühne direkt ins in der Zwischenzeit schon gut angeheiterte Publikum. Nur schon die Band zu sehen, ihr Auftreten, ihre Freude auf der Bühne und ihr Lachen unterschied die vier Bären aus Schweden von dem sonst dem Musikstil des Abends geschuldeten eher grimmigen und düsteren Auftreten der anderen Bands. Damit gewannen sie definitiv den Sympathiepreis. Obwohl die Songs von Greenleaf stark vom Stoner Rock beeinflusst sind, stellte ihre Musik an diesem Fest etwas eigenständiges und weniger plakatives in diesem Genre dar. Ihr fuzziger Sound war in Feinheiten abgestimmt, detailliert, verspielt, ausschweifend, mit metallischen, progressiven und bluesigen Einflüssen, ohne an Wucht und Härte zu verlieren. Genau in der richtigen Dosis!

Was konnte nach all diesen Highlights noch folgen? Wie wäre es denn mit einer Stoner-Truppe aus Griechenland? 1000Mods beglücken die Welt seit etwas mehr als zehn Jahren mit ihrem schweren und voluminösen Rock, der sich auch in der Psychedelica gewisse Zutaten geklaut hat. Und somit sorgten sie auch in der Schützi für glückliche Gesichter, wilde Tanzeinlagen und viele Crowdsurfer. Gleich mit zwei Gitarren wurden die Licks und Riffs zu monstermässigen Wänden, die Lieder zu unberechenbaren Elementen und das Konzert zu einem hitzigen Ereignis. Das betörte nicht nur die „Desert Side Of Your Mind“, sondern war der verdient fulminante Schlusspunkt zu diesem grandiosen zweiten Fog Town Fest.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Noga Erez, Papiersaal Zürich, 17-12-04

Noga Erez
Support: Pamela Mendez
Montag 04. Dezember 2017
Papiersaal, Zürich

Beruhigend – das ist es, wenn junge Künstlerinnen und Künstler live auf der Bühne genauso packend und gut sind, wie auf ihrem Album. So wurden meinen kleinen Zweifel, ob den Noga Erez ihre packenden Tanzsongs von ihrem Debüt „Off The Radar“ auch live so mitreissend darbieten kann, bereits nach wenigen Sekunden weggefegt. Denn die Frau aus Israel wirbelte nicht nur wie ein revolutionärer Umsturz über die Bühne, sie zeigte sich geschmacks- und stimmsicher und holte das Maximum aus ihren Songs heraus. Montags im Papiersaal, so wird eine Woche gestartet.

Der Einstieg war aber noch weit weg von ausgeflippten Partys zwischen Betonruinen und Aufstände mit Beats – die Berner Singer-Singwriterin Pamela Mèndez liess das Publikum ihrer Stimme, Gitarre und neuen Songs von der EP „World Of Nothing“ lauschen. Kleinode, zerbrechlich aber erstarkt dargeboten, passend zum Inhalt über die Gedankengänge des Seins in unserer Welt. Und natürlich ein weiterer unumstösslicher Beweis, dass die Frauen unsere Welt schon bald zu etwas Besserem führen werden. Dies zog sich als Thema durch den gesamten Konzertabend in Zürich.

Bei Noga Erez hat dies noch viel härtere und schmerzvollere Hintergründe, stammt die Musikerin doch aus Tel Aviv und kennt Krieg und Unterdrückung nicht nur aus den Abendnachrichten. Doch anstelle daran zu zerbrechen, hat sie ihre Gedanken, Wut und Energie dazu gebraucht, um der Welt treibende und moderne Popmusik zu schenken. Schön zu sehen, dass Songs wie „Balkada“ oder „Noisy“ weltweit auf Gegenliebe stossen und Erez eine erfolgreiche Konzerttour feiern kann. Und so war auch die Darbietung im Papiersaal nach „Radarmix“, dem instrumentalen Intro ihrer sehr talentierten Begleiter, schnell eine ausgelassene Feier voller Tanzschritte und Lichtblitzen.

Irgendwo zwischen Trap, Dance-Pop und rhythmisch vertrackter Electronica angesiedelt, waren Lieder wie „Toy“ oder das bisher unbekannte „Sunshine“ Gewehrkugeln, die in die Geister und Glieder der Besucher eindrangen, und ihnen einen lauten Spiegel vorhielten. Noga Erez sang, sprach und schrie dazu beeindruckend und trieb sich und ihre zwei Mitmusiker an den elektronischen Drums und Synthies zu Höchstleistungen an. Mit Krachern wie „Off The Radar“ und natürlich „Dance While You Shoot“ wurden grosse Probleme plötzlich greifbar, die Zukunft bekam eine neue Perspektive. Und wer Noga dabei beobachten konnte, wie glücklich und begeistert sie auf der Bühne umhertanzte, der hatte sich gleich ein doppelt so langes Set gewünscht. 1, 2, 3 – I’m Peaking!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Granular, Schüür Luzern, 17-12-01

Granular
Support: Visions In Clouds
Freitag 01. Dezember 2017
Schüür, Luzern

Wenn es etwas zu feiern gibt, dann lädt man am besten seine Freunde ein. Und wenn diese auch gleich noch einen Grund zur Freude mitbringen, dann ist der Abend doch komplett. Dies dachte sich auch die Luzerner Band Granular, die am Freitagabend in der Schüür ihr erstes Album „XI“ taufte – und dazu Visions In Clouds mit auf die Bühne holte, die ebenfalls aus der Stadt mit dem Touristenüberfluss stammen und vor kurzen eine neue EP veröffentlicht haben. Kein Wunder also, standen bereits vor Showbeginn leere Champagnerflaschen im Saal.

Die Musik von Granular eignet sich sowieso perfekt, um von bitteren Stoffen zu auflockernden und bunt schmeckenden Getränken zu wechseln. Ihre Lieder hat die Band, welche früher unter dem Namen Augustine’s Suspenders die Leute zum Tanz animierte, nämlich im Bereich des modernen Pop angesiedelt. Ob bereit für die Radiowellen, soulig angehaucht oder dann doch lieber mit Indie-Gitarren versehen, eingängig ist die Musik der jungen Männer immer. Alsbald bewegten sich die Zuschauer dann auch zu „Something In Between“ oder „I Need You“ und genossen die Emotionalität zwischen farbigem Licht und bestrahlten Schlagzeugbecken.

Sicher, es fehlte vielleicht manchmal etwas die dunkle Seite des Klangs – doch vielseitigen Pop zu vernehmen, kann ja auch ganz gut ins Wochenende führen. Schön auch zu sehen, dass nicht nur viele Freunde von Granular anreisten, sondern die Band spielfreudig über den Leuten thronte und fleissig ihre Instrumente wechselte. Endlich wurde auch geklärt, wie man das Album nun aussprechen darf: Eleven. Das passt ja schlussendlich auch perfekt zum weltoffenen Klangbild dieser Scheibe.

Eher introvertiert und nachdenklich gaben sich die Lieder bei Visions In Clouds. Locker zwischen New Wave-Zitaten, Post-Punk-Gebrummel und Indie-Höhengefühl wechselnd, versanken nicht nur Musiker und Besucher in tiefen Schatten und blauem Licht. Die ganze Welt wurde für einen Moment kühler, polyphone Synthies und stringente Schlagzeugwirbel zur Familie. Und da die Luzerner seit neustem auf dem Pariser Label Manic Depression zuhause sind, nutzten sie diesen Anlass, um einen Song von Crying Vessel zu covern. Man ist in dieser kleinen Szene halt schnell eine Gemeinschaft.

Dieser beizutreten legten Visions In Clouds allen Anwesenden ans Herz und boten den besten Grund mit der kompletten Darbietung ihrer neusten EP „Levée En Masse„, deren Stücke sich zwischen schnell und treibend und melancholisch-verträumt bewegen. Musik für den Winteranfang, die zwar den Schnee nicht so schmelzen lässt wie bei Granular, aber die Hoffnung an Geborgenheit auch niemals aufgeben würde.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Yello, Hallenstadion Zürich, 2017-11-30

Yello
Donnerstag 30. November 2017
Hallenstadion, Zürich

Das gab es wohl noch nie: Eine legendäre Band spielt im Hallenstadion in Zürich und fast alle Besucher sehen die Künstler zum ersten Mal live! Wenn man die Geschichte der Electro-Pioniere Yello aber kennt oder genauer betrachtet, dann ist dies nur eine weitere Merkwürdigkeit in ihrer fast 40 jährigen Bandhistorie. Es war schliesslich für lange Zeit nicht mehr realistisch gewesen zu hoffen, Dieter Meier und Boris Blank einmal überlebensgross auf einer Bühne zu bestaunen. Nach ausverkauften Konzerten in Berlin haben die Herren aber daran Gefallen gefunden und sich nun auf eine kleine Tour durch die deutschsprachigen Gebieten gewagt – und natürlich auch in Zürich angehalten. Aber nicht alles Gelbe ist Gold.

Wer seine Musik nie wirklich live darbot und somit auch nicht mit einem Publikum kommunizieren musste, der wirkt automatisch etwas verkrampft. Dies wurde auch Yello schnell zum Verhängnis, wussten sie die meiste Zeit nicht so wirklich, wie auf der Bühne zu stehen und was zu sagen. Das führte zu unfreiwillig komischen Ansagen und Kommentaren, geplant aber nicht geübt. Allerdings war der Dadaismus schon immer ein tonangebendes Element bei der Musik dieser Band, sei es nun in Silbenfolgen, Effekten oder Videoproduktionen. Auch die Show, welche vor allem das neue Album „Toy“ vorstellte, nutzte immer wieder Elemente daraus. Auf einem riesigen Screen fügten sich alte und neue Aufnahmen zu einer geschmacksvollen Präsentation zusammen, Blank versah alte Tracks mit neuem Klangvolumen.

Schön aber, dass auch Klassiker wie „Bostich“ oder „The Evening’s Young“ nicht komplett überarbeitet wurden. Mit einer Liveband versehen, welche sich vor allem durch die Bläsersektion bemerkbar machte, wurde das digitale zwar fassbarer, die Synthies knarrten und piepsten aber wie früher. Basswelle um Basswelle wurde aus dem Datenverkehr eine menschliche Darbietung – und die Stimme von Dieter Meier ist eh immer ein Highlight. Als Gegenpol zu seiner männlichen Erotik erschienen mehrmals die britisch-malawische Sängerin Malia und die Chinesin Fifi Rong im Scheinwerferlicht und machten aus „The Rhythm Divine“ oder „Lost In Motion“ anschmiegende Popstücke. Genau diese klinische Performance liess aber gewisse Risse im Mythos von Yello sichtbar werden.

Klar, ihre letzten Alben waren eher Werke, die sich im Gebiet des alternativen Pop mit Jazz-Anleihen sesshaft machten. So war auch im Hallenstadion meist die Gemächlichkeit der grosse Gewinner, wirklich wild wurden Yello nur mit „Do It“ oder „Si Senor The Hairy Grill“ – aber trotzdem hinterliess dies einen etwas hohles Gefühl. Über die Jahrzehnte haben Meier und Blank mit ihren Kompositionen unzählige Stilrichtungen und Bands beeinflusst, das war auch in Zürich immer wieder zu spüren. Nur leider ging bei diesem Auftritt etwas die Abenteuerlust und verruchte Stimmung verloren. „Vicious Games“ oder „Oh Yeah“ mal in einem Konzert erleben zu dürfen, herrlich. Doch die Erwartungen und Vorstellungen hat das Duo leider an diesem Donnerstagabend nicht komplett erfüllen können. Den Enkelkinder wird man es trotzdem erzählen.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: The Beauty Of Gemina, Moods Zürich, 17-11-24

The Beauty Of Gemina
Freitag 24. November 2017
Moods, Zürich

Man spürte es bereits vor dem Betreten des Moods: Dieses Konzert würde etwas Spezielles sein. Draussen im Foyer sammelten sich alte Freunde und Bekannte, liessen die neugierigen Blicke zwischen Merchandise-Stand und Kordeln umhergleiten, Schilder wiesen daraufhin, dass dieses Konzert live übertragen wird. The Beauty Of Gemina waren zurück in Zürich und hatten keine Mühe gescheut, um ihr Album „Minor Sun“ auch als akustische Reise durch die dunklen Musikkünste formvollendet darbieten zu können. Dass die Band um Michael Sele dafür tief in sich gekehrt war, überraschte nicht.

Denn im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern wurden hier bekannte Lieder nicht nur in einer reduzierten und leiseren Version gespielt, The Beauty Of Gemina schrieben ihre Stücke um und ermöglichten somit allen Besuchern ein fesselndes und neuartiges Programm. Was auch nötig war, denn Wave-Brocken wie „Hunters“ oder „Suicide Landscape“ leben eigentlich von ihren harten Beats und brodelnden Keyboardflächen – wieso also das nicht eifach einmal mit Saxophon, Cello und Violine austauschen?

Was auf den ersten Gedanken vielleicht etwas fremd klingt, funktionierte im Moods perfekt. Lieder und Geschichten wurden in eine neue Welt transportiert, Sele wechselte zwischen Flügel und Gitarren und führte seine sechs Musikerinnen und Musiker geschickt durch eine Reise über alle Alben und Jahre. „Down By The Horses“ entführte in einen Saloon im Wilden Westen, bei „Mariannah“ lebte Violinistin Eva Wey ihre schottische Herkunft aus und das Depeche Mode-Cover „Personal Jesus“ fügte sich genial in den Kosmos von The Beauty Of Gemina ein.

Dass diese neuen Songgewänder und umgebauten Strukturen so wunderschön funktionierten, war natürlich auch den fantastischen Musikern zu verdanken – Michael Sele hat sich hier wahrlich eine extrem talentierte Besetzung zusammengestellt. Nebst den langjährigen Begleitern Andreas Zubler (Bass) und Mac Vinzens (Schlagzeug) liess der virtuose Saitenzauberer Ariel Rossi die Melodien auf der Gitarre riesengross werden, Raphael J. Zweifel legte herrliche Fundamente mit seinem Cello. Und als liedführende Weisungen dann plötzlich aus dem Saxophon von Ejyolfur Porleifsson kamen – wie bei dem immer herrlichen „The Lonesome Death Of A Goth DJ“ – da war die Verwandlung perfekt.

Kein Wunder also, schlossen The Beauty Of Gemina nach vielen Zugaben und noch mehr verdientem Beifall ihr Konzert mit dem Talking Heads-Cover „Listening Wind“. Dieses Lied wurde im Zuge seiner eigenen Musikwandlungen auch von Peter Gabriel für die orchestrale Tour gecovert. Und was der Art-Rocker aus England kann, das können die Gothic-Meister aus der Schweiz schon lange! The Beauty Of Gemina haben mit ihrer diesjährigen Akustik-Tour erneut bewiesen, dass ihre Musik tiefgründig, wunderschön und voller Reiz ist. Michael Seles Gesang war so eindringlich wie nie, die schwarze Ästhetik auf ihrem Höhepunkt. Dies ist die „Dark Revolution“ – mit oder ohne Bier!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.