Monat: August 2017

Jóhann Jóhannsson – Arrival OST (2017)

Jóhann Jóhannsson – Arrival OST
Label: Deutsche Grammophon, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Klassik, Soundtrack, Electronica

Spätestens wenn man am Ende des Albums und bei „Kangaru“ angelangt ist, wird einem bewusst, dass niemand anderes als Jóhann Jóhannsson die Filmmusik zu dem Sci-Fi-Streifen „Arrival“ von Dennis Villeneuve hätte schreiben können. Denn der isländische Komponist hat mit diesem Soundtrack nicht nur etwas Neuartiges erschaffen, sondern vermag es auch, die zentralen Themen des Films kongenial aufzugreifen. „Arrival OST“ ist eine klangliche Überlegung zum Thema Kommunikation und Begegnung – und auch sieben Monate nach Erscheinung immer noch faszinierend.

Es macht also Sinn, sich zur DVD-Veröffentlichung dieses ruhigen und meisterhaften Filmes über den Erstkontakt zwischen Menschen und Ausserirdischen durch die Augen einer Linguistin die Musik noch einmal genauer anzuhören. Jóhann Jóhannsson geht mit diesen Stücken nämlich nicht den typischen Weg eines Filmkomponisten und verzichtet auf orchestralen Bombast – vielmehr setzt er einzelne Instrumente und Stimmen fremdartig ein. Tracks wie „Heptapod B“, „First Encounter“ oder eben der faszinierende Schluss sind somit experimentelle Klangreisen.

Klassik vermengt sich mit Elektronik, perkussive Muster verweben sich mit Kanongesängen, man fühlt sich sehr bald selber in einem dieser Raumschiffe eingeschlossen. Dem Ideenreichtum und Talent von Jóhann Jóhannsson ist es aber zu verdanken, dass die Versuche nie in Unhörbares ausarten, sondern sich die angepasste und mysteriöse Grundstimmung durch das gesamte Album zieht. Da passt es auch wunderbar, dass man oft die Tonursprünge nicht mehr ausmachen kann. „Arrival OST“ ist also auch ohne die faszinierenden Bilder eine mitreissende Erfahrung.

Anspieltipps:
Heptapod B, First Encounter, Kangaru

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Silverstein – Dead Reflection (2017)

Silverstein – Dead Reflection
Label: Rise Records, 2017
Format: CD in Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Hardcore, Metalcore

Stetig und in Abständen von wenigen Jahren veröffentlicht die kanadische Band Silverstein seit 2000 ihre Alben – doch zur wirklichen Weltberühmtheit wollte es einfach nie ganz reichen. Vielmehr waren die Musiker vor etwas mehr als zehn Jahren die heimlichen Helden in den Schlafzimmern der Emo-Jünger – und schafften es mit einigen Hits in die Herzen vieler Jugendlichen. Nun steht nach einigen Besetzungswechsel und Stilveränderungen mit „Dead Reflection“ der neuste Wurf bereit – und tot ist hier nichts.

Vom ersten Lied über der Single „Retrograde“ bis hin zu „Whiplash“ kennen Silverstein – welche sich nach dem Kinderbuch-Autor Shel Silverstein benannt haben – keine Zurückhaltung. Ihre Gitarrenriffs peitschen durch die Gegend, der emotionale Hardcore wird mit Chorgesängen aus dem College-Punk ergänzt und das Schlagzeug wirbelt sich durch die Songs. Auffällig ist dabei aber, wie weit sich die Band in den Metalcore hineinwagt. Hier gibt es wuchtige Breaks und laute Blasts, Screams und eingängiges Spiel.

„Dead Reflection“ ist somit ein Werk, dass immer wunderbar reinknallt und sich selten eine Pause erlaubt. Natürlich, Silverstein präsentieren auch hier balladeske Momente und zeigen kurz die Zerbrechlichkeit von Brand New und Konsorten, der Grundstein sind aber die groovenden Angriffe. Um vollends damit neue Fans zu gewinnen bleibt die Mischung hier aber etwas zu durchschnittlich – doch immerhin bleibt die Band auf hohem Niveau. Und erhält damit vielleicht nun endlich eine grössere Bekanntheitsstufe.

Anspieltipps:
Retrograde, Aquamarine, Whiplash

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Marillion, Z7 Pratteln, 17-07-28

Marillion
Freitag 28. Juli 2017
Z7, Pratteln

„Living in f e a r / Year after year after year / Can we really afford it? / We have decided to start melting our guns as a show of strength“ – es birgt eine gewisse Ironie, wenn diese Zeilen laut durch das Z7 in Pratteln schallen. Die Schweiz ist schliesslich nicht bekannt dafür, sich offen gegen Waffenexporte aufzustellen und versteckt sich lieber hinter der Angst vor Job- und Wohlstandsverlust. Es tat den Besuchern also mehr als gut, mit Marillion für einen Abend neue Denkweisen aufgezeigt zu bekommen. Und genau dies macht das neuste Album „F E A R“ schliesslich – es hält der Welt und unseren Gedanken einen Spiegel vor.

Dass die englischen Art-Rocker ihren Auftritt in der Konzertfabrik also mit der gesamten Darbietung ihrer neusten Scheibe begannen, machte mehr als Sinn. Ihr neustes Werk, welches ausgeschrieben auf den Namen „F*ck Everyone And Run“ hört, ist nämlich nicht nur meisterlich komponiert und endlich wieder sehr progressiv, sondern eine melodische und klangliche Reise durch alle Eckpfeiler des Marillion-Universums. Obwohl die Band nun bereits über ein Jahr damit unterwegs ist, werden weder Musiker noch Besucher müde. Warum auch, zeigten sich die Musiker um Sänger Steve Hogarth doch weiterhin spielfreudig und frisch.

Es war vielleicht der grossen Hitze in der Halle zu verschulden, dass die Künstler ein paar Mal über ihre eigenen Songs stolperten – doch die immer schillernde Persönlichkeit von Hogarth überspielte dies mit Witz und Charme. So durften die Gitarren bei „The New Kings“ laut werden, die Keyboards bauten Schlösser bei „Sounds That Can’t Be Made“ und die Rhythmus-Fraktion trotzte jeder Falle. Marillion live zu erleben, ist und bleibt ein sicherer Wert. Nur schade, verliess sich die Band nach „F E A R“ etwas zu stark auf ihre neueren Hits. „Beyond You“ war zwar hübsch, aber zu wenig bissig; „King“ immer eindrücklich mit der Videountermalung, aber etwas zu oft gehört.

Auch bei den Zugaben mit „Easter“ und „Neverland“ gab es eigentlich keine Überraschungen und die angenehme Süsse blieb erhalten. Aber na gut, wer die Besucher emotional und körperlich so stark mit seiner Musik mitzureissen vermag, der darf sich auch für einmal mit der sicheren Seite begnügen. Schön war auch zu sehen, dass das Z7 aus allen Nähten platzte – endlich, und nach 38 Jahren Zusammenhalt und Kreativität bei Marillion auch mehr als verdient!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Claude Speeed – Infinity Ultra (2017)

Claude Speeed – Infinity Ultra
Label: Planet Mu Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Soundcloud
Genre: IDM, Electronica

Wenn man die Tracktitel wie „Windows 95“ liest, dann ist auch ohne Anhören klar: Claude Speeed sucht auf seinem zweiten Album die Inspiration und Quellen in der Vergangenheit. Die elektronischen Skizzen und Versuche wandern auf „Infinity Ultra“ somit in altbackenen Spuren, der schottische Künstler versinkt dabei aber nie in langweiliger Nostalgie. Vielmehr versucht er, die Electronica und IDM auf eine neue Weise anzugehen, wie er damals mit seiner Band American Men den Post-Rock umkrempeln wollte.

Es ist also schon korrekt, wenn beim Einstieg mit „BCCCC“ gleich mal die Synthie-Fanfaren aufsteigen und man flächendeckend empfangen wird. Diese Wärme macht die kommenden Angriffe der komischen Rhythmen und Drones umso verdaulicher. Denn was Claude Speeed auf „Infinity Ultra“ keinesfalls ist, das ist zugängliche Simplizität oder kohärente Bauweise. Nicht nur kann man zwischen den Songs und deren kargen Bass- und Melodienspuren abstürzen, auch weisen einzelne Tracks selber immer wieder Lücken und Sollbruchstellen auf. Das Tanzen kann man sowieso gleich vergessen.

Trotzdem macht es Freude, sich mit der Musik auf diesem Album zu beschäftigen. Claude Speeed reiht hier dreckigen Noise, Retrowave, wilde Feedbackorgien und unentspannten Ambient an eine Schnur – nur um diese im Verlauf der Spielzeit immer wieder neu zu verknüpfen und durchzuschütteln. Die Platte bleibt somit gerne etwas undurchsichtig und wird wohl vor allem bei Klangtüftlern für Jubelschreie sorgen – für alle anderen sind genau diese merkwürdigen Eigenschaften der Lieder wohl der Stolperstein.

Anspieltipps:
BCCCC, Moonchord Supermagic, Contact

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: U2, ArenA Amsterdam, 17-07-29 & 30

Foto von Juliana Kaldowski

U2
Support: Noel Gallagher’s High Flying Birds
Samstag 29. Juli 2017 + Sonntag 30. Juli 2017
Amsterdam ArenA, Amsterdam

Suchen wir das Glück zum Schluss doch in Amsterdam – und wenn schon ein Doppelkonzert stattfindet, dann werden auch gleich beide Karten gekauft. Mit diesem Vorsatz machte ich mich also nach Holland auf, um meine diesjährige U2-Reise durch Europa mit alten und neuen Freunden abzuschliessen. Und wie schon in Dublin war auch in dieser Stadt schnell klar: Die meisten Touristen sind für die irische Rockband angereist. In der Stadt sah man immer wieder Band-Shirts, in den Hostels teilte man sich mit anderen Freaks die Zimmer. Doch war mein Ende der Jubiläumstour zu „The Joshua Tree“ auch musikalisch ein Erfolg?

Wie zu erwarten, gab es auch in der Amsterdam ArenA beim ersten Konzert keine grossen Überraschungen. U2 spielten ihre Setliste ohne Änderungen und zeigten sich allgemein eher zurückhaltend – der Kontakt mit dem Publikum war beschränkt. Das tat der Stimmung aber keinen Abbruch, auch wenn sich das Konzert wegen des geschlossenen Hallendachs etwas zu laut anhörte. Aber weiterhin war es wunderschön, Bonos stimmliche Gewalt bei „Red Hill Mining Town“ zu fühlen, von „Exit“ durchgeschüttelt zu werden und bei „Ultraviolet“ die illuminierten Ikonen, welche von den schneidenden Gitarren begleitet wurden, zu betrachten. Die Songzusammenstellung zeigte einmal mehr, dass die Iren hier wahrlich Hit an Hit reihten.

Dass ich aber nach diesem Abend zweifelte, ob es eine gute Entscheidung war, beide Konzerte zu kaufen, war unnötig. Denn wie durch eine glückliche Fügung des Universums war das Konzert am Sonntagabend nicht nur wilder, sondern bot auch den perfekten Abschluss. Endlich wurde im ersten Teil „Bad“ durch „A Sort Of Homecoming“ abgelöst, ein wunderbares Lied von „The Unforgettable Fire“, welches ich auf dieser Tour noch nicht erleben durfte. Und nach einem schweisstreibenden und extrem energetischen Auftritt liessen U2 den Abend nicht wunderbar melancholisch mit „One“ ausklingen, sondern legten einen krachenden Rocksong nach. „I Will Follow“ liess nicht nur die Arena erzittern, auch die Leute drehten noch ein letztes Mal kollektiv durch.

Kein Wunder, war ich danach wie hin und weg und musste zugeben, dass sich U2 einfach immer lohnen. Klar, als Fan zehrt man natürlich von den filigranen Unterschieden an den Konzerten – doch genau zu wissen was passiert, dies sorgte auch bei „The Joshua Tree Tour“ 2017 wieder für wunderbar kribbelnde Momente. Besser und grösser gibt es keinen Stadionrock, tiefer und intensiver bringt mich keine Band an die Emotionen. Und auch wenn vier Konzerte derselben Tour für manche wohl eher wahnsinnig erscheinen, für mich ist es ein wichtiges Lebenselixier.

Live: U2, Croke Park Dublin, 17-07-22

U2
Support: Noel Gallagher’s High Flying Birds
Samstag 22. Juli 2017
Croke Park, Dublin

„The Boys Are Back In Town“ – dies schallt es nicht nur passend beim Einlass durch das riesige Stadion, es war seit Tagen das Motto der gesamten Stadt. Wenn der musikalisch grösste Export Irlands endlich wieder ein Konzert in der Heimatstadt Dublin spielt, dann spielen die Leute und Geschäfte verrückt. Besonders, wenn es sich um ein historisches Konzert wie das 30-jährige Jubiläum des „Joshua Tree“-Konzertes aus dem Juni 1987 handelt. Eine perfekte Gelegenheit also, U2 zu besuchen und ihre grossen Hits mit 80’000 Leuten zusammen zu singen. Doch ist dies für alle ein Grund zur euphorischen Freude?

Die Band

Michael: Es ist schon erstaunlich, dass die vier Herren von U2 seit 1976 unverändert zusammen auf der Bühne stehen und immer noch voller Kraft Konzerte bestreiten. Sicherlich, in diesen Jahrzehnten hat sich vieles verändert und nicht immer alles zum Besten – doch was diese Musiker live abliefern, das ist immer noch beachtlich. Ihr Stadion-Rock verliert auch 2017 nichts von seiner Wucht und man spürte in Dublin ganz klar die Lust am Spiel. Zwar war Sänger Bono zu Beginn etwas unkonzentriert und verlor sich etwas in den Texten, umso geschlossener beendeten die Mannen aber die Show. Natürlich war es auch für sie belebend, unter Familien und Freunden die alten Stücke zu präsentieren.

Conny: Von der Band war im Croke Park-Stadion unter 80’000 Leuten natürlich nicht viel zu sehen. Was man hörte, war aber eine energievolle Show und grosse Spielfreude. Die Band zeigte sich auch immer sehr dankbar ihrem Team gegenüber, inklusive Happy Birthday-Ständchen mit dem Publikum für drei Crewmitglieder. So nette Jungs!

Das Konzept

Michael: Dass sich U2 30 Jahre nach der Veröffentlichung ihres wohl wichtigsten Albums noch einmal auf eine „The Joshua Tree“-Tour aufmachen würden, das hätte die Band selber wohl am wenigsten geglaubt. Aber diese Rückbesinnung auf alte Taten ist klar aufgegangen, sind die Konzerte doch eine wunderbare Zeitreise durch die Höhepunkte der Bandgeschichte. Schon alleine der Start mit „Sunday Bloody Sunday“, „Bad“ und „Pride (In The Name Of Love)“ ist intensiver als mancher Zugabenblock älterer Shows. Und da „The Joshua Tree“ nicht nur Welthits wie „Where The Streets Have No Name“ oder „With Or Without You“ beinhaltet, sondern auch dramaturgisch toll funktioniert, war auch die Show in Dublin extrem mitreissend. Bis auf den Zugabenblock, da wechselten sich nachdenkliche Momente wie „Miss Sarajevo“ immer noch etwas zu willkürlich mit der Party bei „Elevation“ und „Vertigo“ ab.

Conny: Das Album „The Joshua Tree“ hat einen Aufbau, der sich auch gut für ein Konzert eignet. Das würde wohl nicht mit jedem Album funktionieren. Davor und danach gabs ein paar bekannte Kracher und Schnulzen. Hier fand ich die Songauswahl respektive -reihenfolge nicht immer geglückt. So folgte auf das bedrückende, mit Aufnahmen aus dem Syrien-Krieg untermalte „Miss Sarajevo“ direkt die Partynummer „Beautiful Day“ – na ja. Ansonsten wurde hier sicher eine tolle Show abgeliefert, aber die Musik bleibt mir trotzdem zu wenig interessant. Wirklich mitgerissen haben mich schlussendlich nur „Sunday Blooday Sunday“, „Bullet The Blue Sky“ und „Exit“ – hart, mit treibendem Schlagzeug und einer guten Ladung Gitarre. So muss Rock klingen!

Die Show

Michael: U2 klotzen gewaltig – und auch im Croke Park Stadion war die riesige Bühne mit dem Baum, der B-Stage im Zuschauerraum und dem unwirklichen Screen Garant für Augen- und Ohrenschmaus. Dass sich die Musiker aber nicht zwischen Technik und Show verlieren, ist ihnen hoch anzurechnen. Die Videountermalungen der Songs sind geschmackvoll, unterstützend und nie das Ziel, es gibt kein Feuerwerk und keine Clown-Eskapaden. Somit blieb aber auch das Konzert in Dublin ohne grosse Überraschungen – alleine der Moment, als vier Kampfjets über das Stadion flogen und die irische Flagge an den Himmel zeichneten, war surreal.

Conny: Aus diesem Screen könnte man ein Haus bauen! Die darauf gezeigten Videos haben immer gut zu den Songs gepasst, und immerhin hier konnte man ab und zu einen Blick auf die Band werfen. Die Jets mit ihren grün-weiss-orangen „Farb-Abwürfen“ waren vielleicht etwas übertrieben, aber für so ein Jubiläum in der Heimatstadt auch irgendwie cool.

Stimmung und Support

Michael: Klar, wie nicht anders zu erwarten war das Publikum im Croke Park von der ersten Sekunde an laut mit dabei. Bereits die Songs von Supporting-Act Noel Gallagher’s High Flying Birds wurden lauthals mitgesungen, und die Stimmen wurden auch bis zur letzten, noch unveröffentlichten Zugabe „The Little Things That Give You Away“ nicht leiser. Man tanzte, feierte U2 und ihre Lieder und war für einen Abend lang eine geschlossene Welt – „One“. Bei dieser ausgelassenen Stimmung war es auch nicht schlimm, dass sich Bono für einmal mit seinen Reden etwas zurück hielt. Viel mehr genoss man so die fantastische Gitarre von The Edge und das immer sichere und drückende Spiel von Adam und Larry umso mehr. U2 in ihrer Heimat zu sehen – das war für mich als Fan eindeutig sehr speziell und wunderschön. Ihr seid die Besten!

Conny: Was Stimmung und Support angeht, kann man den Fans wirklich nichts vormachen. Schon bei Noel Gallagher’s High Flying Birds war die Stimmung ausgelassen und fröhlich, bei U2 wurde schliesslich textsicher Zeile um Zeile mitgesungen, mitgejohlt und mitgetanzt. Die Leute gingen ab wie Zäpfchen. Beim Anblick vieler individuell bedruckter Shirts mit der persönlichen U2-Konzert-Historie wundert das auch nicht. Sowieso schien ganz Dublin voll von U2-Shirts. Lieber Bono, du und deine Band habt wirklich Fans, wie man sie sich nur wünschen kann.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Mammút – Kinder Versions (2017)

Mammút – Kinder Versions
Label: Bella Union, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock, Indie

Es gibt wenige Künstler und Bands aus Island, die ohne die Englische Sprache weltweit Erfolge feiern können. Dies haben auch Mammút erkannt und darum auf ihrem vierten Album „Kinder Versions“ nun von Isländisch zur Weltsprache gewechselt. Dass die Truppe damit aber extrem stark an Björk und die Sugarcubes erinnert, war so wohl nicht zu verhindern. Eine Hürde ist dieser Vergleich nicht, wissen die Leute hinter den Instrumenten doch, wie man frische Ideen einbringt.

Wenn Mammút ihre eigene Variante des alternativen Rocks spielen, dann werden munter kräftige Momente voller Trieb und sinnliche Pop-Träume zu ungeraden Indie-Songs zusammengebaut. Bereits mit den zwei ersten langen Liedern auf „Kinder Versions“ wird klar: Hier nimmt ein Song nie den einfachsten Weg. Depressive Gitarren wandeln sich zu elektronisch angemalten Tanzmomenten, Stücke versinken in Post-Rock-artigen Feedbacks. Solche netten Wechsel halten die Spannung hoch – trotzdem fehlt manchmal etwas.

Und zwar die Verrücktheit, Mammúts Öffnung für den Weltmarkt wirkt teilweise etwas zu glatt geschliffen. Gerade die kürzeren Songs vermissen ein wenig den Abenteuergeist. Mit hochemotionalem und gerne auch quietschigem Gesang, Chor und epischen Gitarrenwänden fangen die fünf Mitglieder die Platte aber immer wieder vor dem Aufschlag auf. Die vier Jahre Wartezeit auf neues Material waren also nicht umsonst, hier darf wieder zwischen den Arrangements geträumt werden.

Anspieltipps:
We Tried Love, Kinder Versions, Breathe Into Me

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

A Shape – Inlands (2017)

A Shape – Inlands
Label: Atypeek Music, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Punk, Noise

Obwohl der Rechtsextremismus bei den Wahlen in Frankreich nicht gewonnen hat, ist es noch lange nicht an der Zeit, ruhig zu bleiben und still das Leben zu geniessen. Viel mehr braucht es auch jetzt laute Aufschreie und Krach, der zeigt, gut haben es noch lange nicht alle. Das Quartett A Shape will dem Debüt „Inlands“ also aufrütteln und lässt die Instrumente unangenehm schräg und laut klingen. Dank dem Mix von Ex-Sonic Youth Mitglied Lee Ranaldo bleibt aber alles am richtigen Platz.

A Shape pendeln somit zwischen leisen Passagen, in denen Sängerin Sasha Andrès sanft gegen atonale Gitarren singt, nur um wenigen Sekunden später im nächsten Lied wieder die Mikrofone zu überfordern und das Schlagzeug laut poltern zu lassen. Lieder wie „Furtive Spirals“ oder „Magnetic Sun“ sind in ihrer Rohheit und Scheiss-Drauf-Attitüde eine perfekte Fortsetzung des brodelnden Post-Punk der Achtziger. Hier geht es weder darum, korrekte Tonleitern zu spielen oder das Instrumente überhaupt richtig in der Hand zu halten – hier ist Ausdruck Trumpf.

„Inlands“ lässt sich gerne von Noise und Feedback begraben, die Musiker von A Shape haben aber immer eine spitze Idee bereit, um sich wieder krumm aus dem Haufen zu schaufeln. Somit ist diese Platte perfekt für eine kaputte Party, im verlassenen Bürogebäude im düsteren Stadtgebiet. Und dabei lässt es die Musik nicht nur zu, dass man ausrastet, sondern man fühlt sich auch verstanden. Gut also, dass diese Krach-Orgien gerne sechs abwechslungsreiche Minuten andauern – tanzen, wüten, lieben.

Anspieltipps:
Love Mantra, Furtive Spirals, Decade

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: U2, Olympiastadion Berlin, 17-07-12

U2
Support: Noel Gallagher’s High Flying Birds
Mittwoch 12. Juli 2017
Olympiastadion, Berlin

Gibt es einen Super-Superlativ für die explodierende Gigantomanie? Denn obwohl man sich von der wohl grössten Rockband der Welt schon einiges gewohnt ist, wird jede neue Tour von U2 wieder zu einer Steigerung. Für das 30-jährige Jubiläum des immer noch hell strahlenden Albums „The Joshua Tree“ fuhren die Iren darum nicht nur den grössten Screen der Welt auf, sondern auch eine Setliste, die alle Rahmen und Emotionen sprengte. Vorhang auf, für die nasse Reise in die Vergangenheit, inmitten des Olympiastadions in Berlin.

Dass dieser Abend speziell werden würde, das spürten die 70’000 Zuschauer, welche aus vielen Ländern angereist waren, bereits beim Auftakt mit „Sunday Bloody Sunday“. Es gibt wohl praktisch keine andere Band, die ihre Show mit einem solchen Gassenhauer beginnen kann, und das Publikum sogleich auch alles gibt. Obwohl die Sicht auf die vier Musiker von U2 für den ersten Teil noch sehr beschränkt war, spielten die Herren doch inmitten der Leute auf der B-Stage, wurde bereits jetzt ausgelassen getanzt, gesungen und gejubelt. Kein Wunder, Stücke wie „New Years Day“, „Bad“ oder „Pride“ sind weltbekannte Hits und U2 haben damit den Stadion-Rock neu begründet.

Dass es bereits jetzt wieder ohne Unterbruch regnete, das störte weder die Besucher noch die Band. Man steckte seine Energie lieber in das gemeinsame Erlebnis und Bono liess Hommagen an „Singing In The Rain“ und diverse Zitate von David Bowie in die Songs einfliessen. Somit verstärkten U2 ihre Verbindung zu Berlin mit kulturellen Hinweisen und einer grossen Spiellust. Und als die Band dann auf die grosse Bühne wechselte und der Screen in roten Farben erwachte war klar, der Ritt hat erst begonnen. Denn nun startete das wahre Herzstück, die komplette und chronologische Darbietung des Werkes „The Joshua Tree“.

Es ist sicherlich dankbar, ein Werk mit Liedern wie „Where The Streets Have No Name“ oder „With Or Without You“ zu spielen – doch auch selten gespielte und noch nie zuvor erlebbare Momente wie das elegische „Red Hill Mining Town“ oder das brutal wuchtige „Exit“ rührten tief. Die Gitarren von The Edge jaulten laut auf, Larry Mullen Jr. und Adam Clayton lieferten das druckvolle Gerüst. Da spielte es auch keine Rolle, dass Bono immer wieder etwas vom Drehbuch abwich und mit Snippets und spontanen Ansprachen die Lieder verlängerte. Aber genau dies gehört auch zu einer U2-Show, wie die wunderbaren Begleitbilder auf dem Screen und den politischen Bezügen.

So wurde im Zugabenteil die Aufmerksamkeit der Leute auf Syrien gewandt, mit eindrücklichen Videos und einer grossen Flagge, die über die Zuschauer getragen wurde. Und als bei „Ultravoilet“ dann mutige und wichtige Frauen auf dem Bildschirm platz einnahmen, da konnte man nur ehrfürchtig schauen und tief verbunden sein. Somit war auch das Konzert in Berlin wieder die U2-typische Mischung aus Politik, Gefühl, Spass und Grössenwahn – doch dank wunderbarer Setlist (welche nur im Zugabenteil etwas Momentum verlor), fantastischer Produktion und einer wunderbar gut aufgelegten Band wurde auch dieser Abend zu einem grossen Triumphzug.

Und das spürte man bereits, als Noel Gallagher’s High Flying Birds die Bühne bestiegen und den Abend einleiteten. Denn der ehemalige Musik von Oasis zeigte mit dem Konzert nicht nur, dass seine Musik einfach in solche Orte gehört, sondern dass auch sein Solomaterial wunderschön ist. „A.K.A What A Life“, „Everybody’s On The Run“ oder „In The Heat Of The Moment“ – das Publikum wurde fantastisch angeheizt und als „Wonderwall“ erklang, explodierte das Stadion zum ersten Mal. Und sollte sich bis tief in die Nacht nicht mehr beruhigen!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

  

Atonalist feat. Gavin Friday – Atonalism (2017)

Atonalist feat. Gavin Friday – Atonalism
Label: Audiotrauma, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Experimental, Industrial

Schwer hämmernde Maschinen, schrill pfeifende Hörner, aus dem Ruder laufende Handlungsketten – wäre „Atonalism“ eine Fabrik, dann könnten man für den nächsten Tag gleich einen Totalschaden und somit Konkurs anmelden. Hier sorgen sich nämlich weder Rhythmik, Melodie noch Harmonie um einen schönen Gleichklang oder klare Stukturen. Aber genau darum ist das erste Album von Multiinstrumentalisten Renaud-Gabriel Pion und Arnaud Fournier als Atonalist so wunderbar aufregend. Und damit nicht alles in den theoretischen Abgründe der Atonalität versinkt, sorgt der irische Sänger Gavin Friday für eine gewisse Wärme.

Eigentlich lässt „Different To Others“ als erstes Lied auf „Atonalism“ von diesem wunderbar fordernden Chaos gar nichts erahnen – denn mit leichtem Klavier, gemächlichem Aufbau und der attraktiv, tiefen Stimme Fridays glaubt man auf einem sicher wiegenden Meer zu sein. Atonalist lassen aber bereits hier am Ende die Gitarren laut werden um im folgenden Stück Saxophon und Beats gegeneinander ringen zu lassen. Doch erst mit „Spin 2.0“ wird die Scheibe vollends in den Wahnsinn geführt. Free Jazz, Industrial-Noise und kontemporäre E-Musik werden ins Feld geführt um immer wieder in langsamen Momenten der Electronica zu vergehen.

Atonalist feat. Gavin Friday lassen auf ihrem ersten Album nichts unversucht – und werden doch Meister über diese Flut an Ideen und Klangexperimenten. Dank geschickter Abfolge auf „Atonalism“ und viel Gespür für Notwendigkeit von einzelnen Klängen taucht man in Kunstwelten ab, die auch Bowie in seinen härtesten Zeiten und Peter Gabriel auf Kokain nicht gescheut hätten. Diese Platte ist somit auf keinen Fall einem unerfahrenen Musikhörer zu empfehlen – wer aber langsam von allem zu viel vernommen hat, der findet hier eine perfekt fordernde Neuheit.

Anspieltipps:
Spin 2.0, Gottesanbeterin, Realistic Answer

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.