Monat: August 2017

The Tangent – The Slow Rust Of Forgotten Machinery (2017)

The Tangent – The Slow Rust Of Forgotten Machinery
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock, Canterbury

Wenden wir uns doch wieder einmal einem sicheren Wert zu – die Progressive Rock Gruppe The Tangent aus England veröffentlicht nämlich erneut ein Album auf dem Inside Out Label. Diese Zusammenarbeit hat uns in der Vergangenheit die wunderbaren Alben „The Music That Died Alone“ oder zuletzte „A Spark in the Aether “ gebracht und war immer ein sicherer Wert für geschmacksvolle Musik zwischen klassischem Prog, Canterbury und Fusion. Und genau dies wird auch auf „The Slow Rust Of Forgotten Machinery“ in fünf langen bis sehr langen Liedern wieder geboten – durchmischt mit gewisser wilden Passagen und Elektronik.

Diese Frische zeigt sich auch im eigentlichen Thema der Musik – denn textlich werden The Tangent nun sehr politisch. Bekleidet von Zeichnungen des Marvel-Künstlers Mark Buckingham zeigen sich Andi Tilison und seine Mannen hier nämlich progressiv im Gedankengut. Binäre Entscheidungen, Schwarz-Weiss-Denken, Grenzen und egozentrisches Verhalten wird verurteilt – dazu singen die Gitarren und die Rhythmik gibt sich gerne wandelbar. „Slow Rust“ ist der grösste Brocken und gibt sich als zentraler Punkt kämpferisch und positioniert die Band klar. Gut so, denn Politik und Musik werden immer zusammengehören.

Wenn The Tangent am Ende mit „A Few Steps Down The Wrong Road“ klar in Richtung Brexit, Trump und ähnlich nationalistisch gehaltene Entwicklungen schiessen, dann tut dies nicht nur dem Hörer gut, es gibt auch der Musik neue Wucht. Oft war das Prog-Kollektiv nämlich etwas in seinen eigenen Bahnen gefangen, mit „The Slow Rust Of Forgotten Machinery“ wagt sich die Band aber wieder an neue Verschmelzungen von Jazz, Folk oder hartem Rock. Somit überschreitet die Platte die thematisierte Spaltung und lässt uns als Einheit weiterziehen.

Anspieltipps:
Two Rope Swings, Slow Rust, A Few Steps Down The Wrong Road

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Advertisements

Steven Wilson – To The Bone (2017)

Steven Wilson – To The Bone
Label: Caroline Distribution, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Art-Pop, Rock

Wie, dass „Permanating“ extrem poppig ist und an Electric Light Orchestra erinnert soll ein Schock sein? Steven Wilson verrate hier seine Seele und gibt sich mit dem Wechsel zu einem Majorlabel auch musikalisch auf Ausverkauf? Wer seine Argumentation bei „To The Bone“, dem fünften Soloalbum des Musikers, so anführt, der hat wohl nicht aufgepasst. Ja, Herr Wilson wurde mit Porcupine Tree bekannt und gilt zu Recht als Grossmeister des Progressive Rock – dies bewies er mit seinen Alben wie „The Raven That Refused To Sing“. Doch schon immer war er auch grosser Liebhaber der elektronischen und eingängigen Musikgenres. Als Produzent und Remixer diverser Klassiker zeigte er dies in letzter Zeit immer öfter.

Es ist also nur schlüssig, dass mit dieser Platte seine persönliche Verneigung vor der Stilrichtung Art-Pop folgt – und Steven Wilson somit Künstlern wie Peter Gabriel, Talk Talk oder Prince eine extrem geschmacksvolle Hommage bietet. „To The Bone“ ist nämlich keineswegs ein kompletter Umkehrschluss, sondern eine fantastische Erweiterung des bekannten Klangkosmos. Man trifft alte Bekannte wie Sängerin Ninet Tayeb, welche in dem wunderschönen „Pariah“ zum Gänsehaut-Duett aufgefordert wird, man darf mit der Schweizerin Sophie Hunger in düstere Beat-Gerüste absteigen. Und wenn in „Detonation“ wieder die Gitarren und komplexeren Abläufe regieren, dann ist „Hand.Cannot.Erase“ nicht weit.

Seine wahre Faszination versprüht „To The Bone“ aber, wenn es tief in die Genetik des künstlerischen und intelligenten Pop eintaucht. Steven Wilson holt bei „Refuge“ nicht nur das Syrien-Thema zu sich, sondern lässt die Mundharmonika von Mark Feltham singen; „The Same Asylum As Before“ zelebriert die grosse Kunst des Refrains und wie schon Eingangs erwähnt – „Permanating“ scheut sich weder vor Sprechgesang noch lautem Keyboard. Und dass sich all dies perfekt zusammenfügt und immer genau richtig platziert ist, das ist bei Wilson Ehrensache.

„To The Bone“ ist somit eine weitere Evolutionsstufe in Richtung des Homo Wilsonis – ein Schritt, der zeigt, dass auch scheinbar simple Musik komplex und extrem tiefenreich gestaltet werden kann. Die Unterwelt wird etwas aufgebrochen und einzelne Strahlen helles Licht kommen herein – ohne das dies auch nur einen kurzen Moment stören würde. Vielmehr gibt es dazu plötzlich Emotionen und Ideen zu entdecken, die man zuvor niemals hier vermutet hätte. Bravo Steven Wilson, Platte des Jahres?

Anspieltipps:
Pariah, Refuge, Detonation

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Paul Draper – Spooky Action (2017)

Paul Draper – Spooky Action
Label: Kscope, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Art-Rock

Es gibt Alben, die bauen sich langsam zu einem eindringlichen Höhepunkt auf, dann gibt es Platten, die leider nach einem furiosen Start extrem nachlassen – und dann gibt es noch den Englischen Musiker Paul Draper. Der bietet nach zwei EPs, welche unter Mitarbeit von Catherine AD 2016 veröffentlicht wurden, nun mit „Spooky Action“ ein Debütalbum, dass sich lieber gleich von der ersten bis zur letzten Sekunde nur an Spitzen orientiert. Dieser moderne Art-Rock zeigt gleich allen, wer hier der Boss ist – oder „Who’s Wearing The Trousers“.

Paul Draper war früher Frontmann bei Mansun, eine Band die mit einer Prise Prog den Britrock aufmischte. Und auch bei „Spooky Action“ herrscht vor allem eines: Der Wechsel. Was mit psychedelischen Synthie-Rock-Tänzen beginnt, gleitet über schnellen und futuristischen Rock’n’Roll, nur um immer wieder im monströs grossen Pop zu landen. Es ist dem tollen Songwriting zu verdanken, dass man doch immer die Seele der Lieder und nicht deren technischen Aspekte zuerst erfasst. Egal, auf welche Weise diese autobiografischen Momente einem nun entgegen kommen.

Auch wenn „Don’t Poke The Bear“ oder „Things People Want“ gerne Instrumente und Spuren anhäufen, die Seele der Musik bleibt immer erhalten. Paul Draper singt sich wandelbar und ehrlich durch diese Scheibe und zeigt, dass man als Künstler und Mensch auch nebst all dieser Technik und dem Brimborium immer noch verletzlich ist. Und genau dies führt auch die ruhigeren Momente an die höchsten Stellen. Für alle Freunde der wandelbaren Rock-Musik ist „Spooky Action“ somit ein wahres Geschenk – und perfekt bei Kscope aufgehoben. Post-Progressive Musik in reinster Form.

Anspieltipps:
Don’t Poke The Bear, Who’s Wearing The Trousers, Can’t Get Fairer Than That

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Giant Sleep – Länder verbindender Rock

Im Gespräch mit:
Patrick Hagmann (Gitarre) und Thomas Rosenmerkel (Gesang) von Giant Sleep

Mit ihrer Urgewalt verbindet die Musik von Giant Sleep nicht nur Länder, sondern auch diverse Genres. Man findet in den Songs düsteren Doom, fordernden Prog und elegischen Post-Rock – und trotzdem klingt die Band total eigen. Wie erreicht man eine solche Eigenständigkeit? Zeit, mal etwas genauer nachzufragen.

Michael: Monumental – so simpel lässt sich euer zweites Album „Move A Mountain“ beschreiben. Natürlich wird dieses Destillat der Musik nicht gerecht. Wie würdet ihr es nennen?
Patrick: Ich würde es zeitlos nennen – ein bunte Achterbahnfahrt von den 70ern bis heute, haha.
Thomas: In der Tat monumental, deshalb auch der monumentale Albumtitel und das Artwork.

Die Platte ist erst die zweite, die ihr als Giant Sleep aufgenommen habt. Wie kann man als Band so früh bereits eine solche Dichte im Klang erreichen?
Patrick: Ich denke, ein wichtiger Grund ist, dass wir insgesamt schon sehr lange in verschiedenen Bands und Stilrichtungen unterwegs sind. Mit Markus (Gitarre) habe ich viele Jahre bei bei Fear My Thoughts gespielt, leider ist er neulich ausgestiegen. Unser neuer Gitarrist ist übrigens Ex-Zatokrev-Gitarrist Tobi Glanzmann. Somit ist die Band selber zwar relativ jung, wir machen das aber schon seit Ewigkeiten. Thomas singt sicher schon seit 35 Jahren in Bands.

Eure Musik zehrt von Post-Rock, Stoner, Doom und vielen anderen Unterarten der harten Gattungen. Woher kommen diese Inspirationen?
Patrick: Wirklich jeder von uns hat einen sehr breit gefächerten Musikgeschmack. Ich stehe auf 70er Prog, Black- und Death Metal, Avantgarde-Zeugs, 80er Metal. All diese Einflüsse lassen wir zu, soweit sie von den anderen Mitgliedern auch mitgetragen werden können. Unser Drummer ist z.B. kein Metalfan, da haben meine Black Metal-Riffs eher keine Chance. Wir sind eine sehr demokratische Band, wir achten darauf, dass jeder mit dem Komponierten einverstanden ist.
Thomas: 1977 fand ich im Rinnstein eine Schlagermusikkassette, die jedoch überspielt war mit Musik von Black Sabbath und Golden Earing – seither bin ich Fan.

Ist es ein Einfaches, all diese Einflüsse unter einen Hut zu bekommen, oder baut ihr die Lieder bis zur Aufnahme viele Male um?
Patrick: Die Songs entstehen zum Grossteil sehr natürlich, wir folgen dem Flow und setzen uns wenig Grenzen. Es ist tatsächlich nicht schwer, unsere Einflüsse zu verbinden. Beim ersten Album war es noch so, dass wir vieles umgebaut hatten. Aber mit dem neuen Album waren wir schon so gut aufeinander eingespielt, dass das meiste so auf der Platte gelandet ist, wie es als erste „Rohfassung“ entstanden war.
Thomas: Mal so, mal so. Wir glauben eher an Gewürze als an Rezepte.

Wie geht ihr beim Songwriting denn vor? Ist es eine Klangfindung im Bandraum beim Jam, oder werden gesamte Passagen von einzelnen Mitgliedern erarbeitet und dann zusammengefügt?
Patrick: Ersteres. Wobei es schon vorkommt, dass jemand mit einem oder zwei Grundriffs von Zuhause ankommt. Damit wird dann herumgejammt, bis sich neue Ideen ergeben. Traditionellerweise beginnen wir jede Probe mit einem Aufwärmjam. Aus diesen Jams heraus haben sich schon einige Songs entwickelt. Ich geniesse diese Arbeitsweise sehr, da es in meinen anderen Projekten eher so aussieht, dass ich komplett alles arrangiere, aufnehme, produziere, programmiere und die Musiker, mit denen ich zusammenarbeite, dann das fertige Produkt vorgesetzt bekommen. Ich mag beide Herangehensweisen. Aber das gemeinsame Jammen hat natürlich etwas Organischeres.

Text und Melodie halten sich bei euch gut die Waage – besteht oft die Gefahr, dass etwas zu viel Gewicht erhält und die Lieder somit anders wirken?
Thomas: Da die Texte und Gesangsmelodien alle von mir sind, muss ich wohl mit dieser Gefahr leben. Aber ein bisschen Gefahr ist ja auch spannend.

Beim Gesang werden oft prägnante Sätze mehrmals wiederholt – etwas, das man mit Gitarren für die emotionale Steigerung ebenso einsetzt. Ist die Stimme also ein weiteres Instrument?
Patrick: Diese Wiederholungen haben für mich etwas archaisches, rituelles – ohne jetzt in die okkulte Ecke abdriften zu wollen. Sie versetzen mich und vielleicht auch den Hörer tatsächlich manchmal in Trance-ähnliche Zustände. Der Thomas ist fast schon ein Schamane.
Thomas: Wiederholungen von Phrasen sind halt ein alter Blues-Trick, aber auch schon die Wikinger haben Stab-Reime benutzt. Die Stimme ist das archaischste aller Instrumente. Gesungen wurde schon, bevor das erste Tier getötet wurde. Das Material für Trommeln, Pfeifen und Saiteninstrumente gab es erst danach.

Ihr spielt gerne mit der Verbindung zwischen der Schweiz und Deutschland, auch da ihr Musiker aus beiden Ländern dabeihabt. Doch was hat es sich mit dem „Last Exit Aargau“ denn genau auf sich?
Thomas: Ja, wenn ich am strahlend blauen Himmel das Leibstadtwölkchen sehe, dann weiss ich, im Helvetiapark ist alles in Ordnung, der Reaktor kühlt noch. Ich bin sehr schweizophil. Wir wollten schon mal einen Tunnel unterm Rhein graben und abhauen. Die Polizei hat uns aber gestoppt. „The Last Exit Aargau“ ist ein Heimatlied und sollte ein bisschen Werbung für die Sterbe-Hilfe-Klinik sein, um einige Leute dazu zu bewegen, sich dort anzumelden, z.B. Herrn Trumputin.
Patrick: Thomas, Markus und ich sind direkt an der Schweizer Grenze aufgewachsen. Mein Vater, mein Onkel, meine Frau, viele Freunde, alles Grenzgänger. Das prägt die ganze Region hier schon etwas. Also nicht wirklich tiefgreifend, aber die Konstellationen, Chancen, Begegnungen und Annäherungen, die sich durch diese Lage im Dreiländereck ergeben, sind einfach spannend. Wir spielen gerne etwas mit der Tatsache, dass wir aus verschiedenen Kulturkreisen kommen. Alleine dass wir zum Proben in ein anderes Land müssen und unsere Gitarren oder Amps eigentlich deklarieren müssten, ist doch schon etwas Besonderes (lacht). Bis vor kurzem war die Bandkonstellation: Drei Deutsche in Deutschland, ein Deutscher in der Schweiz und ein echter Schweizer. Jetzt sind es zwei Schweizer, zwei Deutsche und einer 50/50. Das ist doch eine schöne Balance.

Mit „12 Monkeys“, „Love Your Damnation“ oder „Forever Under Ground“ werden nicht unbedingt sehr positive Bilder gezeichnet. Ist die Melancholie der heutigen Zeit einfach zu verlockend?
Thomas: Wie gesagt, ich liebe Doom und düstere Musik. Doch in der heutigen Zeit meine ich eher Dummheit als Melancholie zu erkennen.
Patrick: (lacht) Ich glaube, der Thomas schreibt schon seit den 80ern in diesem Stil. Ist die heutige Zeit melancholisch? Ich weiss es nicht. Die 80er im Schatten des Kalten Krieges, Tschernobyl etc. war sicher auch sehr von Angst, Pessimismus und  Melancholie geprägt. Gab es überhaupt mal eine Epoche der Menschheitsgeschichte, die frei von Krieg und Leid war? Wahrscheinlich nicht, das ist einfach die menschliche Seele.

Giant Sleep haben ein sehr eigenes Klangbild, eure Musik lässt sich selten mit anderen Bands direkt vergleichen. Gibt es denn auch Pläne, euer restliches Auftreten (Design, Bühnen-Outfit etc.) als durchdachtes Paket zu gestalten?
Patrick: Da gibt es durchaus Überlegungen. Aber irgendwie sind wir nebenher auch so sehr mit unserem Tagesgeschäft beschäftigt, dass wir all unsere freie Zeit lieber in das Proben und Schreiben investieren. Zudem hat sich auch herausgestellt, dass jeder komplett andere Vorstellungen von „coolem Bühnenoutfit“ hat. Wir sind schon froh, dass Markus immer das Design übernommen hat, er macht dies hauptberuflich.

Ihr habt alle bereits in anderen Bands gespielt. Wie fühlt es sich denn an, mit Giant Sleep noch einmal „neu“ zu starten?
Patrick: Es fühlt sich sehr gut an. Wir haben mit unseren alten Bands viele Erfahrungen gemacht und wissen heutzutage ganz genau, was wir wollen. Das bringt eine gewisse Gelassenheit mit sich, die sich sehr positiv auf die ganze Band-Atmosphäre auswirkt. Wir sind uns auch alle bewusst, dass wir ein Haufen alter Säcke sind, die sicher nicht der nächste heisse Scheiss werden. Diese Gewissheit nimmt uns Druck. Wir wollen einfach eine gute Zeit zusammen haben, ob im Proberaum oder auf der Bühne. Wenn das ein paar Leute geil finden, super!
Übrigens: Wir suchen Konzerte! Booker, meldet euch!
Thomas: Es macht mich froh und dankbar, mit so fähigen Musikern und grossartigen Charakteren Musik machen zu dürfen.

Welcher Berg müsste eurer Meinung nach bewegt werden?
Thomas: Das ist, glaube ich, individuell verschieden und jeder muss wahrscheinlich selbst wissen, wann und wo die Revolution beginnt.

Wann holen sich die Musiker von Giant Sleep denn den grossen Schlaf?
Patrick: Vier Fünftel der Band haben Kinder. Der grosse Schlaf ist das utopische Ziel, das unglaublich grosse Verlangen, mal wieder anständig schlafen zu können. Ich glaube, Thomas hat noch eine andere Theorie. Die klingt mysteriöser.
Thomas: Giant Sleep ist eine Metapher für den Tod und „bedenke du bist sterblich“ – irgendwann ist halt Sense.

Besten Dank für eure Zeit und weiterhin viel Erfolg.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

thisquietarmy – Democracy of Dust (2017)

thisquietarmy – Democracy of Dust
Label: Midira Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Ambient, Drone

Neues auszuprobieren macht als Musiker Sinn – schliesslich will man mit seinen Liedern auch nicht ewig auf der Stelle treten. Oder zumindest tut man sich damit selber und seinen Hörern keine Freude. Grund genug für Künstler Eric Quach, seine elektronische Musik auf „Democracy Of Dust“ neu aufzubauen und damit neue Welten aus mehr als nur Staub zu erschaffen. Kenner seines Schaffens unter dem namen thisquietarmy werden merken, hier wurden neue Synthies verwendet und dazu mit Gitarren hantiert. Doch eignen sich die neuen Liedern noch zum Abschalten und über Wolkenkratzer fliegen?

Wenn das Album mit „Welcome To Mendacity“ eröffnet ist schnell klar: Dieser Ambient ist nie ganz angenehm, immer scheinen gewisse Frequenzen zu tief in das Ohr einzudringen und gewissen Töne zu stark verzerrt. thisquietarmy arbeitet immer mehrschichtig und baut in seinen Liedern somit Strukturen hinter den vorgründen Klangwänden auf. Ob man sich nun auf die klar daliegenden Flächen konzentriert oder den eher versteckten Schwinungen lauscht – Tracks wie „The Harbinger“ sind auf ihre eigene Weise aufwühlend und dröhnend. Der Künstler hütete sich auch davor, die Musik zu sauber klingen zu lassen.

Mit zusätzlich sanften Beats versehen, werden aus diesen flirrenden Momente immer grösser werdende Konstruktionen. Ob man sich bei „Post-Truth“ in einer Maschine wähnt oder bei „New Home Of Mind“ im Verstärker einer überdrehten Gitarre – thisquietarmy weiss, wie man aus Fantasien schier fassbare Musik formt. Die neue Herangehensweise an Instrumente und Kompositionen haben sich also bewährt und „Democracy Of Dust“ gefällt. Wäre der Film „Valerian“ ein Ambient-Album, er würde wohl gerne so klingen.

Anspieltipps:
Welcome To Mendacity, The Harbinger, A World Without Power

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: The Afghan Whigs, Mascotte Zürich, 17-08-06

The Afghan Whigs
Support: Ed Harcourt
Sonntag 06. August 2017
Mascotte, Zürich

Es war nicht nur der Nähe zu der Bühne zu verschulden, dass man die Musik mit dem gesamten Körper spüren konnte – der Auftritt der legendären Alternative Rock Truppe aus Amerika war von der ersten bis zur letzten Sekunde eine extreme Wucht. Kein Wunder, standen The Afghan Whigs teilweise mit gleich fünf Gitarren auf einmal im Scheinwerferlicht des Mascotte Clubs in Zürich und drehten die Lautstärke voll auf. Doch die Songs der Band müssen durch Mark und Bein gehen, ihre elegante aber düstere Mischung aus Rock, Grunge und Blues verlangt danach. Im Gegenzug waren die Besucher des Auftrittes am Sonntagabend bereit, voller Inbrust mitzumachen.

Schon beim Konzertbeginn mit neuen Klangperlen des aktuellen Albums „In Spades“ sah man glückliche Gesichter, wogende Körper und erhörte laute Jubelschreie. Dies brachte die Band nicht davon ab, gleich einen langen Songreigen ohne Pause auf die Leute loszulassen – Luft holen ist für Anfänger. „Arabian Heights“ übernahm von „Birdlands“, welches Frontmann Greg Dulli noch alleine präsentierte – danach wurde aber aus allen Instrumenten gnadenlos gefeuert. Geschickt verwoben The Afghan Whigs Neues und bekannte Hits, „Let Me Lie to You“ sorgte für erste Freudentränen, gegen Ende des Abends brachten Songs wie „John the Baptist“ auch die letzten Zögerer nahe an den euphorischen Zusammenbruch.

Aber genau diese emotionale Tiefe und das bedrückende Gefühl haben die Musik von The Afghan Whigs schon immer so unwiderstehlich gemacht. Als sich die Band 2001 auflöste war es ein Grund zur Trauer, die Rückkehr geriet 2012 umso fulminanter. Dies zeigte sich auch wieder in Zürich – die Band ist heute noch eine grosse Kraft, welche sich nicht stoppen lässt. Dass nun vor wenigen Wochen Gitarrist Dave Rosser an Krebs verstorben ist, ist sehr traurig – doch die Reise geht weiter. Mit kräftiger Unterstützung von Ed Harcourt wurde dem Musiker nicht nur gedacht, sondern der schwarz gekleidete Rock auch erneut ein wenig transformiert.

Passenderweise fielen während des Konzertes immer wieder einzelne Goldkonfetti einer vergangenen Party auf die Musiker, Erhabenheit wo sie hingehört. Dies zeigte sich schon beim Support von Ed Harcourt, der alleine auf der Bühne mit Gitarre, Trommeln, Klavier und Loop-Geräte intensive Lieder aufbaute. Ein vielseitiges Talent, geerdet und extrem sympathisch. Seine Musik landete irgendwo zwischen düsterer Bar, Crooner und herzzerreissenden Gitarren – und eröffnete einen Abend voller ehrlicher und berührender Musik.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Ekin Fil – Ghosts Inside (2017)

Ekin Fil – Ghosts Inside
Label: Helen Scarsdale Agency, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Electronica, Shoegaze

Dass „Ghosts Inside“ aus einzelnen Stücken besteht, das würde man beim genüsslichen Anhören nicht sofort vermuten. Das Album weisst zwar zwischen den Liedern kurze Pausen auf, allerdings wirken diese Stellen der Stille eher wie ein Aufatmen als ein Unterbruch. Ekin Fil lässt ihre Musik auf diesem Album nämlich wie ein Geist umhergleiten und bricht somit den Shoegaze auf komplett eigene Weise auf. Diese Scheibe ist somit eine Dekonstruktion in Ambient-Form, getragen von tiefen Klaviertönen.

Ekin Fil aus Istanbul ist schon lange als Künstlerin im Gebiet der schwermütigen Electronica tätig und beweisst auch mit „Ghosts Inside“ erneut, dass Musik komplett introvertiert funktionieren kann. Lieder wie „Like A Child“ oder „Silent Alive“ umgeben sich mit sanften Beats und Klangmustern aus dem Synthie, verzerren einzelne Melodien mit viel Hall und lassen die Musik von weit entfernt her erklingen. Dadurch wirken die Konfrontationen mit der inneren Zerrissenheit besser aushaltbar.

Denn Ekin Fil lässt mit ihrer Musik nicht nur die Welt verschwinden, sondern bettet alle in ein angenehmes Klangkleid. Depressionen oder Herzschmerzen werden zu einem Allgemeingut, der Trost folgt in Form des sanften Drones im Hintergrund. Und bereits nach wenigen Minuten fühlt man sich durch Lieder wie „Used To Be“ verstanden und geläutert.

Anspieltipps:
Like A Child, Used To be, Silent Alive

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

U2 – Red Hill Mining Town 2017 Mix (2017)

U2 – Red Hill Mining Town 2017 Mix
Label: Island, 2017
Format: 12inch Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Rock

Ein wenig verwundert war ich schon, als U2 zum diesjährigen Record Store Day angekündigt haben, „Red Hill Mining Town“ mit neuem Mix als Picture-Disc zu veröffentlichen. Dieses Lied wurde von der Band jahrzehntelang eher missachtet, viel mehr wurden auf die klassischen Hits von „The Joshua Tree“ gesetzt. Im Zeichen der 30-jährigen Jubiläumstournee wurde dem Album aber eine Frischzellenkur verpasst und auch „Red Hill Mining Town“ in die Gegenwart transportiert.

Und nachdem die „The Joshua Tree Tour“ nun in Europa beendet ist, erscheint auch diese Neuaufnahme in neuem Licht. Denn um dieses Stück live zu spielen, haben U2 nicht nur die Arrangements verändert, Bono hat seinen Gesang auch etwas angepasst. Die hohen Lagen waren nicht mehr ganz einfach zu erreichen – doch diese geerdete Stimmung tut dem Stück gut. Die neuen Bläser bieten die nötige Breite und im Refrain brechen alle Dämme.

Natürlich muss man hier noch anmerken, dass – wie für den RSD typisch – diese Veröffentlichung etwas zu teuer ist. Auf dem Vinyl ist nur zweimal derselbe Song enthalten, die Bilder auf der Platte gewinnen keinen Schönheitswettbewerb. Trotzdem, als Erweiterung zur Album-Neuauflage und auch als Erinnerungsstück an die Tour funktioniert die Scheibe bei uns Fans natürlich perfekt.

Anspieltipps:
Red Hill Mining Town 2017 Mix

Live: Oltenair, Schützi Olten, 17-08-04

Oltenair
Bands: My Sleeping Karma, Jeans For Jesus, Giobia, One Sentence. Supervisor, Alois, Saint Tangerine Convention
Freitag 04. August 2017
Schützi, Olten

Es war echt an der Zeit, dass diese Kleinstadt an der Aare endlich ihr eigenes Festival erhielt. Alleine wegen der schweizerischen Bezeichnung für diese Art von Musikveranstaltungen – „das Open Air“ – war es nur logisch: Willkommen am ersten Oltenair beim Kulturzentrum Schützi. Aufgeteilt in einen rockigen Start am Freitag und einen Hip-Hop-lastigen Samstag wurde hier weise überlegt und grossartige Acts gebucht. Wir mischten uns also noch so gerne unter die Besucher und Künstler.

Die Ehre, als allererste Band überhaupt auf der Bühne vor der Schützi auftreten zu dürfen, fiel Saint Tangerine Convention aus Zürich zu. Mit vielen neuen Bandmitgliedern und etwas zickigen Verstärkern breitete die Truppe ihren  Vintage Rock auf dem Platz aus und liess ihre mehrstimmigen Gitarrenmelodien im Nebel verschwinden. Und wie es sich heute für die Rockszene gehört, wurde die Musik auch hier mit psychedelischem Anteil aufgelockert. Alois aus Luzern versuchten sich danach als erste Band im Saal eher am Gegenteil – reduzierter Indie-Pop mit Hipster-Einschlag. Sanft plätscherten die Songs dahin, leicht elektronisch geschminkt und nie ohne innere Ruhe.

Irgendwo zwischen hypnotischer Stille und wilden Ausbrüchen hantierten auch die Badener One Sentence. Supervisor. Ihre mitreissende Neuauflage des Krautrock, kombiniert mit schon fast heroischen Melodien und einem unglaublich perfekt spielenden Schlagzeuger, war auch in Olten wieder ein Gewinn für die Szene und die Leute. Perfekt, dass mit dieser internationalen Musik auch die Überleitung zu Giöbia aus Italien perfekt funktionierte – zeigte das Quartett doch eine wuchtige und laute Version von spannendem Psychedelic Rock.

War dieser Abend allgemein stark diesem Genre zugeneigt, wurde es ab jetzt auch lauter und träumerischer. Wobei Jeans For Jesus aus Bern die Blaupausen der standardisierten Musik mit ihrem Anti-Pop auf komplett andere Weise zerlegten. Mit grosser Lichtshow und einer gelungenen Mischung aus Liedern ihrer beider Alben hiess es ab jetzt: Ausgelassen tanzen. So wuchs „Kapitalismus Kolleg“ zu einem kontemporären Medley an, die Band spielte das Publikum in einen Rausch.

Genau der Zustand, den man für den Abschluss mit My Sleeping Karma aus Deutschland brauchte. Denn hier gab es wuchtige Breitseiten zwischen Space, Psychedelic und Stoner – manchmal keck an Monkey3 erinnernd. Mit einem Gitarristen wie ein Fels und wunderbaren Synthie-Klängen liess man die Schützi noch ein letztes Mal davonfliegen. Somit war dies nicht nur der perfekte Abschluss, sondern der Zenit eines meisterlichen Startes für das Oltenair. So kann es noch viele Jahre und Nächte weitergehen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Husten – Husten (2017)

Husten – Husten
Label: Kapitän Platte, 2017
Format: Vinyl
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock, Indie

Wenn der Kapitän sein Horn rufen lässt, dann kommen nicht nur Neugierige, sondern auch alte Bekannte. Gisbert zu Knyphausen war nämlich bereits auf einer Veröffentlichung des Bielefelder Vinyl-Labels Kapitän Platte vertreten, warum also nicht mit seinem neuen Projekt wieder da anlegen? Zusammen mit Moses Schneider schrieb er nämlich rumpelige und angenehme Lo-Fi-Stücke für einen Film, den es bis heute doch nicht gibt. Dafür Husten und ihre erste EP – ein Mittelweg, da man weder live auftreten noch ein gesamtes Album veröffentlichen wollte.

„Husten“ bietet somit fünf knackige Songs mit deutschen und wunderbar frechen Texten, gerne etwas krumm gespielte Gitarren und eine Attitüde, die irgendwo zwischen Indie, Alternative Punk oder Grunge-Rock fällt. „Liebe kaputt“ ist das auf keinen Fall, eher der Beginn einer neuen Romanze. Denn bereits mit „Bis einer heult“ starten die Musiker so unbefangen und frisch in die Scheibe, dass man die Lieder sofort für immer auf seiner neusten Freunde-Playlist festhält. Da passt auch wunderbar das tiefrote Vinyl dazu.

Und da nicht nur das Zuhören sondern auch das Musizieren selber so spassig ist, werden Husten im Mai 2018 bereits die zweite, und noch ein Jahr weiter dann die dritte EP veröffentlichen. Bis dahin singen wir ungehalten mit und halten uns in den Armen – denn selten waren Lieder unter drei Minuten so viel grösser als ihre Sekundenzahl.

Anspieltipps:
Bis einer heult, Diediediedie, Liebe kaputt

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.