Monat: September 2015

Roger Waters The Wall (Film, 2015)

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Roger Waters The Wall
Film, 2015
Regie: Roger Waters, Sean Evans

Manche Werke in der Musikgeschichte sind zeitlos und werden für jede Generation neu erfunden. Die erzählte Geschichte verliert keine Aktualität und bleibt auch in der Zukunft wertvoll. „The Wall„, das opulente Doppelalbum von Pink Floyd fällt in diese Kategorie. Nach der ursprünglichen Veröffentlichung als Vinyl, erschien das Konzeptwerk neu interpretiert in den Kinos. Bob Geldof verkörperte Pink in seiner unnachahmlichen Weise und die Regie von Alan Parker formte ein, in seiner Aussage immer wechselndes Stück, Musik und Bild. 2010 brachte das Genie Roger Waters die Show wieder auf die Bühne und füllte die Stadien der ganzen Welt. Fünf Jahre später gibt es nun den Film zu diesen Konzerten, natürlich nicht ohne die Geschichte noch einmal in der Perspektive zu verändern.

Gefilmt wurden die Livesequenzen an mehreren Orten, und zeigen die gesamte Opulenz und den Grössenwahn in seiner voller Ausprägung. Eine unglaublich grosse Mauer wurde teilerbaut, welche als Projektionsfläche für die Videos und Botschaften dient, eine grossartige Band zusammengestellt und die Welt im Sturm erobert. Obschon die eigentliche Geschichte hinter „The Wall“ eine sehr persönliche ist, und gleichzeitig auch den Kampf gegen die eigenen Dämonen darstellt, funktioniert es auch als Gefäss für jeden Zuschauer und dessen Gedanken. Man fühlt sich angesprochen und verstanden, kann seine Wut gegen die Intoleranz und Ungerechtigkeit ablassen und merkt, es gibt Menschen die denken gleich und verstehen mich. „The Wall“ ist eine künstlerische Erschaffung, die bis heute relevant und wichtig ist. Sicherlich wird einigen die Gigantomanie von Waters aktueller Inszenierung sauer aufstossen, doch das wahre Genie steckt hinter dem Blendwerk. Egal wie viele monströse Puppen über die Bühne stapfen, welche Schweinsballone durch das Stadion schwirren und Feuerwerkskörper gezündet werden, in der Tiefe treffen Musik und Texte das Herz. Und dank der veränderten Präsentation bleibt die Botschaft aktuell und wichtig.

Sogar im eher sterilen Kinosaal konnte mich die Geschichte wieder total berühren. Gänsehaut, Tränen und Lacher: Man fühlt, leidet und denkt mit. Obwohl ich zu Beginn Bedenken hatte, stellte sich die Darstellung auf einer Leinwand als passend heraus und war zwar entfernt von den Live-Shows, und trotzdem dasselbe. Auch die Integration von Waters persönlichem Abschied und Reise zu dem Todesort seines Vaters und Grossvaters ergänzte den Film wunderbar. „The Wall“ wurde somit wieder persönlich und als neue Filmversion den perfekten Abschluss des Themas für seinen Erschaffer. Für alle welche Pink Floyd lieben, „The Wall“ live, als Kinofilm oder auf Platte vergöttern, für die ist diese gefilmte Liveperformance eine werksgetreue Fortsetzung der immer wandelnden Betrachtung eines unbeschreiblichen Stück Musik. Nach dem Film fühlte ich mich aufgewühlt aber gut, und würde mehr als gerne die Show noch einmal in echt erleben.

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Live: U2, Mercedes-Benz Arena Berlin, 15-09-24 / 25

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U2
Donnerstag 24.09.2015
Freitag 25.09.2015
Mercedes Benz Arena, Berlin

Ach Berlin, wie habe ich dich vermisst. Deine dreckigen Häuser und versprayten Fassaden, dein Abfall überall auf den Strassen, deine Obdachlosen, deine (Un-)Freundlichkeit, deine unzähligen Baustellen, deine Unmengen an Bars, Clubs und Restaurants, dein unlogisch klares U-Bahnnetz, dein Bier, dein schrecklich günstiges Essen, deine Bewohner und Punks, deine unterschiedlichsten Viertel und deine unfertigen Flughäfen. Endlich nun kehrte ich zurück, besuchte Freunde und lernte eine Bloggerverbündete endlich in echt kennen. Ganz erstaunlich auch, wie sich die Stadt konstant verändert und sich jedes Mal von einer neuen Seite zeigt. Alles fliesst, nichts bleibt wie es nie war.

Hauptgrund für meine Reise war aber die Fortsetzung meines wahnsinnigen Unterfangens, die irische Band U2 auf ihrer aktuellen Tour sechs Mal anzuschauen. Ob dies noch gesundes Fantum oder bereits irrational ist, das kann ich selber nicht beurteilen. Die kurze Reise nach Berlin bestätigte meine Entscheidung aber spätestens beim zweiten Konzert am Freitagabend. Es wurde mehr als nur eine Show, es wurde zu einer intimen und emotionalen Erfahrung.

Das erste Konzert am Donnerstag war für mich eine Premiere: Nachdem ich in Turin einen Sitzplatz inne hatte und somit die wunderbare Show in ihrer Gesamtheit geniessen durfte, tauchte ich nun in die Menge ab und suchte mir einen Stehplatz in der Nähe des Catwalks. Eine weise Entscheidung und wahrlich der beste Ort, um die Konzerte als einheitliche Erfahrung zu geniessen. Besteht der aktuelle Bühnenaufbau aus einer Hauptbühne am Ende der Halle und einer kleinen, gegenüberliegenden B-Stage, ist das Herzstück interessanterweise aber der Laufsteg, der beide Bühnen verbinden und über dem die gewaltige, doppelseitige LED-Wand hängt. Mit diesem Mittel werden im Verlauf des Konzertes nicht nur die Lieder mit Videos untermalt und die Bandmitglieder darauf projiziert, nein die Musiker können selber in diese Leinwand eintreten und darin herumspazieren und spielen. Zum ersten Mal wird dies bei „Cedarwood Road“ genutzt, Bono scheint wirklich auf der gezeichneten Strasse in Dublin hin und her zu gehen.

Danke diesen Effekten ist die Band stets sehr nahe beim Publikum. Man hat aus dem Gigantismus der 360°-Tour gelernt und wollte wieder zurück in kleinere Hallen und näher an die Fans heran. Da der Innenraum auch nicht zum bersten gefüllt ist und viel Platz zum tanzen und bewegen bietet, kann man locker bis auch etwa 3 Meter an Bono heran und The Edge genau auf die Saiten schauen. Gerade diese zwei Herren wandern konstant auf der Konstruktion umher und bieten somit jedem Zuschauer einen genauen Blick auf ihr Tun. Larry ist umstandsmässig eher statisch, wechselt während der Show aber zwischen drei Drumsets und einer Trommel, und wird meist von Adam begleitet.

Wie sich das Konzert nun nach drei besuchten Shows anfühlt ist fast nicht in Worten zu erklären. Obwohl die Grundstruktur der Konzerte auf einem konstanten Aufbau beruht, und nur wenige Lieder pro Abend gewechselt werden, hat sich bei mir nun eine Tiefe und Bedeutung aufgetan, die ich nach Turin noch nicht erkannte. Ist man zuerst geblendet von den Bildern, den Songs und seiner eigenen Aufregung, konnte ich mich am zweiten Abend in Berlin auf die Botschaft konzentrieren. Innocence + Experience erzählt nicht nur mit seinen multimedialen Aspekten eine Geschichte, sondern verknüpft genial alle Phasen von U2 zu einer Einheit. Dabei erhalten Songtexte plötzlich eine neue Bedeutung und verbinden sich zu einem fliessenden Ablauf, nein auch die wahren Absichten der Musiker erschliessen sich.

So waren U2 schon immer eine politische Gruppe mit wichtigen Aussagen zu aktuellen Themen, dies hat sich auch 2015 nicht geändert. Hauptthema war das Zusammenleben und die Toleranz in der heutigen Welt. Gerade mit der Flüchtlingskrise und den Kriegen im nahen Osten ein wichtiger Punkt, der auch in eine Stadion-Rock Show gehört. Hierfür änderte Bono die Texte von „Pride“ und „Bullet The Blue Sky“, die Band verlieh „Zooropa“ einen gewaltigen Wert und liess diese Aussagen mit wichtigen Filmausschnitten untermalen. Diese Konzerte erzählen somit nicht nur die Herkunft und Jugendjahre der Musiker, sondern auch ihre Ansichten und Meinungen zu aktuellen Themen und dem Zusammenleben. Gerade als U2-Liebhaber, kann man dies eigentlich ohne Probleme nachvollziehen. Schliesslich trifft man bei einem Konzert Menschen aus aller Welt und schliesst neue Bekanntschaften. Am Donnerstagabend zog ich somit mit einer Gruppe aus Dänemark um die Häuser, nur um am zweiten Abend Italiener wieder zu sehen und noch mehr Freunde zu machen. Und dieses Verhalten lässt sich doch auf die gesamte Welt übertragen, den Alltag und jede Situation. Muss.

Liedertechnisch gab es übrigens für mich ein paar Überraschungen. Am Donnerstag wurde „Zoo Station“ gespielt, ein Lied, das nach Berlin gehört, sowie „Elevation“. Das Ende des Auftritts machte „One“, gesanglich stark unterstützt vom Publikum. Die zweite Nacht war eher konventionell und unterschied sich nicht gross zu Turin, bot aber mit einem, als Macphisto verkleideten Fan ein wahres Highlight. Witzig auch die Livekommentare auf der Streamübertragung während „Desire“ und „Angel Of Harlem“. Da wurde vor allem über Bonos Anzug diskutiert, trägt er doch jeden Abend denselben. Lange Rede kurzer Sinn: Mit ihrer aktuellen Tour haben sich die Iren neu erfunden, auf die wichtigen Werte besinnt und eine Konzertreihe auf die Beine gestellt, die ihresgleichen sucht. Nach anfänglichen Bedenken bin ich nun noch aufgeregter über die Konzerte in Köln und London, und kann es kaum abwarten.

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Media Monday #222

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Und hier ist sie, die Schnappszahl im Media Monday. Mitmachen kann jeder, einfach hier klicken.

1. Das meiste aus Hollywood hätte noch viel dreckiger und düsterer sein können, schließlich werden die meisten Geschichten mit unnötig positiven Enden ausgestattet, die brutalen Faktoren reduziert (das bezieht sich nicht auf körperliche Gewalt) und das Produkt massentauglich gemacht. Aber es wäre an der Zeit, das Profitdenken herunterzuschrauben und mit weniger Geld bessere Filme zu erschaffen. Und dann gerne auch mal etwas Hoffnungsloses und Tragisches zu produzieren.

2. Musicals kann ich in Filmform nicht ausstehen, echt nicht. Aber die Bühnenstücke versprühen doch immer eine gewisse Magie. So hab ich in frühen Jahren Aufführungen wie „Space Dream“ oder „Jesus Christ Superstar“ erleben dürfen, und besuchte vor ein paar Jahren eine Aufführung von „Spamalot“ in London. Die Musical-Version des grossartigen Filmes „Ritter der Kokosnuss“ von Monty Python war echt urkomisch. In einer Woche gibt’s dann endlich noch „The Lion King“ in Basel. Ach ich freu mich.

3. Schlaf / Arbeiten raubt mir gehörig viel Lebenszeit, wenn ich bedenke wie viele Filme / Alben / Bücher ich in dieser Zeit entdecken und verschlingen könnte, aber schließlich muss man wieder Energie tanken / Geld aufhäufen um die anderen Zeitfresser wie Netflix oder Plattensammlung zu finanzieren. First World Problems All Over The Place.

4. „The Returned“ auf Netflix war eine DER Enttäuschungen für mich, schließlich wurde das französische Original „Les Revenants“ als einstellungsgleiche Kopie für den amerikanischen Markt neu aufgelegt. Irgendwo auf dem Weg zur Veröffentlichung ging leider viel von der Atmosphäre und Spannung verloren, die Musik stammt nicht mehr von Mogwai und die Schauspieler überzeugen nicht wirklich. Wieso werden solche Dinge gedreht? Das ist ja total uninspiriert und sinnlos.

5. Neben den einschlägig lang erwarteten Filmen freue ich mich ganz besonders auf „Jessica Jones“, denn Marvel und Netflix stellt eine grossartige Verbindung dar. Aber ehrlich gesagt: Nebst der gewaltig grossen Vorfreude auf „Star Wars – The Force Awakens“ bleibt fast kein Platz mehr für Unbekanntes, Indielieblinge oder weitere Blockbuster. Ich meine STAR WARS, wie geil!!!

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6. Die neue U2 Tour kann ich ja nur jedem ans Herz legen, denn die Iren haben es geschafft, aus ihren alten und brandneuen Songs eine Konzertinszenierung auf die Beine zu stellen, die ihresgleichen sucht. Nicht nur ist man als Zuschauer total nah dran, nicht nur ist die Technik und Präsentation auf höchstem Niveau, nein, auch die Botschaft ist grossartig. Wie es U2 geschafft haben, ihre Lieder und Texte mit aktuellen Geschehnissen und interessanten Botschaften zu verbinden, ist meisterlich. Und obwohl ich die Show nun bereits drei Mal gesehen habe, wird das Erlebnis immer intensiver und berührender. Köln, wo bleibst du?

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7. Zuletzt habe ich die wundervolle Stadt Berlin besucht und das war wieder einmal nur grossartig, weil Konzerte, dreckige Strassen, spontane Gespräche mit Fremden, lange Partynächte und das festigen von tollen Freundschaften ein perfektes Wochenende ergeben. Natürlich ging alles viel zu schnell vorbei, das Geld immer knapp und erholsam war die Reise nie. Aber schlafen kann man in der Schweiz und zurückkehren werde ich sehr bald. Mehr dazu morgen.

30 Day Song Challenge – Woche 2

30 Tage sind noch lange nicht erreicht, darum hier die Fortsetzung zum ersten Teil.

Day 08 – A song you liked when you were younger
Alabama 3 – Woke Up This Morning


Ich weiss noch genau, dieses Lied war eines der ersten, das ich damals auf dem PC hatte. Geschickt via MSN von einem Freund. Und lustigerweise befindet sich der Song immer noch auf meinem iPod.

Day 09 – A song that makes you want to dance
Underworld – Always Loved A Film


Das erste Album, das ich von Underworld gekauft habe. Und dann gleich mit diesem grossartigen Lied drauf, wundervoll!

Day 10 – A song that makes you cry
Anathema – Dreaming Light


Eigentlich ist „Dreaming Light“ kein tragisches Stück, aber diese unverkennbare und extrem melancholische Art von Anathema, machen es zu einem sehr berührenden Moment.

Day 11 – Best Intro to a song
U2 – Zooropa (Live 360° Tour)


„Zooropa“ von der gleichnamigen Platte ist schon als Albumversion supertoll, wurde auf der 360° Tour aber mit diesem fantastischen Intro ausgestattet. Wer entdeckt alle Querverweise auf andere Bands?

Day 12 – A song that reminds you of your best friend
Nina Hagen – Du hast den Farbfilm vergessen


Das erste Mal in Berlin, und die ganze Woche Songs geträllert. Und der kam immer wieder auf. Wieso auch nicht?

Day 13 – A song you sing to in the shower
Luciano Pavarotti – O Sole Mio


Also eigentlich nur die drei Wörter plus sinnlose Laute. Oder halt diese unsäglichen Textzeile und Melodien, die immer so kleben bleiben.

Day 14 – A song you like hearing live
Marillion – Neverland


Schon als Live-Aufnahme hat „Neverland“ eine unglaubliche Wucht. Wenn man die Band dann aber selber erlebt und als Zugabe dieses Stück erklingt, dann ist man hin und weg.

Bis in einer Woche.

Sexy – Shout For Sexy (2015)

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Sexy – Shout For Sexy
Label: Ambulance Recordings, 2015
Format: Vinyl im Gatefold, mit Download
Links: Band, CEDE.ch
Genre: Rock mit Sexappeal

Ja ich weiss, eigentlich müsste man den Umstand mit dem Bandnamen nicht mehr erwähnen. Doch es muss raus: Der Bandname Sexy ist nicht gelungen, passt aber doch zur Musik. Leider geil? Wie auch immer, mit „Shout For Sexy“ erschien diesen August das erste Album der wild rockenden Truppe aus der Region Zofingen. Dabei ist kein Mitglied ein Unbekannter, in dieser feurigen Kombination gab es die Jungs bisher aber nicht zu hören.

Das Zusammenspiel funktioniert aber prächtig, klingen die Lieder doch wie aus einem Guss und verfügen über unglaublich viel Druck. Gleich wenn man die Scheibe zum ersten Mal auflegt, brechen die Riffs und Breaks wie alte Freunde in das Wohnzimmer ein und veranstalten eine grosse Party. Auf dem Tisch stehen Dosenbier und Tequila, das Sofa wurde schon lange rausgetragen. Wo ein Ort des Rückzugs war, herrscht jetzt ausgelassene Stimmung und attraktive Frauen in Lederklamotten tanzen mit hübschen Männern mit langen Haaren. Dabei heisst es bei jedem Lied: Verstärker auf die Stufe 11 und Verzerrung aufgedreht. Die Gitarren dröhnen in jedem Track, finden zwischen dem Riffgewitter auch immer noch Zeit für ein songdienliches Solo. Die Rhythmusfraktion hält sich zwar einen Schritt hinter dem Gesang und den Saiten auf, ist aber kaum zu bänden. Der Bass rollt und groovt, das Schlagzeugt prescht unaufhaltbar nach vorne. „Pamela“ bietet plötzlich Chorgesang und einen Takt, der auch den Jungs in der Indie-Disco gut stehen würde. Aber keine Angst, die weiteren acht Lieder atmen den Geist von Kiss, Danko Jones oder Wolfmother. Grosse Namen und Vorbilder, Sexy erreichen mit ihrem Debüt aber eine wunderbare Mischung aus allen Einflüssen, ohne alte Klischees auszubaden.

Somit würde man ihre Herkunft auch nie im Aargau, Schweiz vermuten, sondern sie im internationalen Markt positionieren. Beste Voraussetzungen also für eine tolle Karriere. „Shout For Sexy“ bietet alles, was man als Hard-Rocker möchte: Krawall, attraktive Melodien und breite Beine. Die Band klingt unverschämt gut und zeigt frech, was sie alles kann. Sexy müssen sich mit ihrer ersten Platte auf keinen Fall verstecken, sondern können gleich aus den Vollen schöpfen. Also ab an ein Konzert, Platte kaufen und das Leben mit Luftgitarrespielen verzieren.

Anspieltipps:
Supernova Queen, Pamela, Fortunate Son

Jovanotti – Il Quinto Mondo (2002)

“Musik für die Ewigkeit”; unter diesem Label veröffentliche ich Reviews zu Platten und Alben, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben, und mir für immer ans Herz gewachsen sind. Meine persönlichen Platten für die einsame Insel.

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Jovanotti – Lorenzo 2002* Il Quinto Mondo
Label: Soleluna, Mercury, Universal, 2002
Format: CD in Schuber
Links: Discogs, Künstler
Genre: Pop, Rock, Funk, Rap

Alles beginnt mit Flöten und einer handvoll Streicher. Man fühlt sich wie beim Betreten einer Märchenwelt, doch dann eine Gitarre, ein Rhythmus und der Gesang von Jovanotti: Willkommen in der fünften Welt und einem Album voller Erinnerungen, unzähligen Glücksmomenten und einer schier unendlichen Laufzeit. „Il Quinto Mondo“ begleitet mich seit der Schulzeit und ist bis heute eines meiner liebsten Alben. Interessant, dass ich es erst 13 Jahre nach dem Erstkontakt meiner Sammlung hinzugefügt habe. Aber für was sind Reisen nach Italien sonst da?

Der Musiker und Künstler Lorenzo Cherubini besitzt in Italien Kultstatus und veröffentlich seit 1988 Musik in diversen Formen. Egal ob wilder Rock, eingängiger Pop, funkiger Rap oder Singer-Songwriter, kein Stil ist dem Mann fremd. Wie ein Chamäleon passt er sich der Umgebung an und formt seine Stücke den Genreregeln passend. Auch „Il Quinto Mondo“ ist ein funkelnder Diamant mit vielen Seiten. In den 14 Liedern packt Jova so viele Einfälle und Geschehnisse rein, dass man auch nach knapp 80 Minuten Laufzeit immer noch nicht genug hat. Wo andere Bands bereits an der Halbstundengrenze scheitern, da lacht sich der Italiener nur ins Fäustchen und wirft dem Hörer vor Albumschluss noch einen fast 15 Minuten langen Rap vor die Füsse. Aber es funktioniert, denn obwohl ich die Sprache praktisch nicht verstehe, versprüht sein Sprechgesang eine Faszination und einen grossen Reiz. Die Texte behandeln wichtige Themen wie Gleichberechtigung, Globalisierung, Menschenrechte und Politik. Natürlich erhält auch die Liebe ihre Plattform, verfällt aber nie in billige Klischees. Es lohnt sich also, Übersetzungen der Texte zu lesen oder gleich die Sprache zu lernen. Jovanotti macht sich viele Gedanken um die Welt und unser Tun darin, genau so viel Energie steckt er auch in die Musik. Was hier alles an Melodie und Verspieltheit zu hören ist sucht Seinesgleichen. Unzählige Instrumente kommen zum Einsatz, die Lieder verfallen immer wieder in Instrumentalpassagen und der Gesang wechselt zu Rap und zurück. Klavierakkorde verdrängen Streicher, Trompeten überfallen Gitarren und das Schlagzeug begleitet das Banjo. Kein Wunder, waren neun weitere Musiker an der Entstehung des Albums beteiligt und liessen die Fantasien von Jova Realität werden.

2002 lernte ich Jovanotti mit „Il Quinto Mondo“ in der Schule kennen, vertiefte meine Liebe zur Platte dank meiner Mutter und traf immer wieder mal auf einzelne Lieder dieses grossartigen Werkes. Und jetzt endlich steht die CD auch in meinem Regal und läuft seit einer Woche praktisch jeden Tag. Abnutzung gleich Null, Genie von Jova unmessbar. Wer sich schon immer mal mit der italienischen Musikszene oder Herr Cherubini beschäftigen wollte, der muss hier zugreifen. Eine perfekte Scheibe für eine nicht so perfekte Welt.

Anspieltipps:
Un Uomo, Albero Di Mele, Date Al Diavoto Un Bimbo Per Cena

A Liquid Landscape – The Largest Fire Known To Man (2014)

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A Liquid Landscape – The Largest Fire Known To Man
Label: GlassVille Records, 2014
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, New-Prog

Die flüssige Landschaft aus Holland ist eine relativ neue Band im Bereich des modernen Art-Prog und stellt mit „The Largest Fire Known To Man“ ihr zweites Album vor. Dank vielen Auftritten als Vorgruppe von bekannten Acts wie Riverside, Anathema oder Karnivool konnten die Musiker viel Erfahrung sammeln und hören sich sehr erfahren an. Das zweite Album wurde nun unter dem führenden Zepter von Bruce Soord (The Pineapple Thief) aufgenommen und garantiert somit einen klaren Klang.

Ein Schelm, wer bereits beim zweiten Song „Open Wounds“ den Ananasdieb heraushört, aber gänzlich von der Hand zu weisen ist dieser Vergleich nicht. Wie bei der Vorbildsband bieten auch „A Liquid Landscape“ klar strukturierte Musik mit viel Emotion. Die Lieder bieten hochmelodiösen Gesang, verspielte Gitarrenläufe und eine druckvolle Rhythmusabteilung. Der Reiz liegt dabei nicht in hochkomplexen Konstruktionen, sondern Harmonien und eingängigen Wechseln. Jeder Song wirkt zerbrechlich und verletzlich, man wagt es zuerst gar nicht, die Lautstärke aufzudrehen. Doch spätestens wenn sich die Band steigert und auch mal einen Ausbruch wagt, versinkt man im Wohlklang und den wunderbaren Figuren, welche die Instrumente zeichnen. Wirklich aggressiv erscheint die Musik von „The Largest Fire…“ aber nie zu sein, somit eignet sich das Album vorzüglich für Leute, die auch ruhigeren Art-Rock bevorzugen. Sogar der toll groovende Bass in „Hurled Into The Sun“ erschreckt niemanden. Aufgepasst aber bei der Phase des Kennenlernens: Mir hat sich die Platte zuerst sperrig gezeigt und wollte nicht in meinen Kopf, erst nach mehrmaligem Hören ergaben die Lieder Sinn. Eine Scheibe, die man sich erarbeiten muss, wobei danach die Belohnung umso grösser ausfällt.

A Liquid Landscape erschaffen zu viert tolle Klangwelten, verziert mit hohem und gefälligem Gesang. Wer viel mit oben erwähnten Bands anfangen kann und sich gerne im Gewässer des neuen Art-Rock rum treibt, der dürfte auch mit „The Largest Fire Known To Man“ viel Freude haben. Vorausgesetzt, komplexe Wohlklänge gehören zu den eigenen Freunden.

Anspieltipps:
Open Wounds, The Largest Fire, Paige

Florence + The Machine ‎– MTV Unplugged (2012)

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Florence + The Machine ‎– MTV Unplugged
Label: Universal Music Group, 2012
Format: CD
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Pop, Indie, Akustik

Die Musik von Frau Welch steht und fällt mit ihrer Stimme, dies sollte allen klar sein, die schon mal mehrere Lieder von Florence + The Machine hintereinander gehört haben. Wer ihre eigene Art des Gesangs nicht mag, der wird mit diesem Livealbum „MTV Unplugged“ auf keinen Fall warm. Für alle Anderen stellt diese CD aber eine essentielle Erweiterung ihrer Florence-Sammlung dar, denn hier kommt man bei den Songs endlich an ihre Grundsubstanz. Abtauchen ist angesagt.

Die Unplugged-Reihe von MTV hat so manchen Klassiker hervorgebracht und vielen wichtigen, popkulturellen Künstler eine Plattform geboten. Da verwundert es nicht, dass auch Florence + The Machine die Gelegenheit erhielten, ihre Lieder auf der hübsch gestalteten Bühne zu präsentieren. Wie es der Name dieser Konzertserie schon verrät, wird die Musik akustisch dargeboten und die Band muss sich ohne elektrische Verstärkung durch die Songs spielen. Dies ist eine ziemliche Abkehr der normalen Alben der Gruppe, sind die Lieder von Florence doch oft eine sinfonisch vollgestopfte Sache voller Pathos, Klangwänden und Emotion. Dass sich dahinter aber meisterlich geschriebene Lieder verbergen, sollte klar sein. Und ein gutes Stück Musik zeigt immer dann seine wahren Stärken, wenn man es von allem Ballast befreit. Ob „Cosmic Love“, „No Light, No Light“ oder „Shake It Out“, alles wird andächtiger und introvertierter, aber vor allem intensiver. Die sanfte Begleitung aus Gitarre, Klavier, Harfe und Streicher umschmiegt den Gesang und glänzt auch mit leeren Stellen. Florence selber kann dank diesem Hintergrund ihren vollen Stimmumfang zeigen. Ob sie flüstert oder fast schreit, in jedem Song durchlebt die Künstlerin eine Achterbahnfahrt der Gefühle und nimmt uns Hörer komplett in ihren Bann. Bei „Jackson“ lässt sich sogar Josh Homme auf der Bühne blicken und singt mit Florence ein tolles Duett. Und wenn man dann mit dem tollen „Shake It Out“ in den Alltag entlassen wird, fühlt man sich glücklich und sicher, die Sängerin erscheint nun wie eine gute Freundin und nicht wie eine ferne Musikerin.

Mit dem unverstärkten Livealbum von MTV haben Florence + The Machine ihrem Katalog eine wunderbare Erweiterung hinzugefügt, die so manchen Zuhörer begeistern wird. Die Lieder wirken ehrlicher und direkter, der Gesang ist eine Wucht. Die Scheibe ist somit allen Menschen uneingeschränkt zu empfehlen, die Florence auch nur ein klein wenig mögen. So intim erlebt man ihre Musik leider zu selten.

Anspieltipps:
Only If For A NightNo Light, No LightJackson

Live: Steven Wilson, Komplex 457 Zürich, 15-09-20

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(Es herrschte wieder einmal absolutes Fotoverbot, zum Glück.)

Steven Wilson
Sonntag 20.09.2015
Komplex 457, Zürich

Interessanter Zufall: Auf dem Fussweg vom Bahnhof Zürich Altstetten zum Komplex 457 viel mir ein Plakat für eine Weihnachtsshow auf, viel zu früh für meinen Geschmack. Doch wer konnte schon ahnen, dass Steven Wilson mit seinem Auftritt einen Abend abliefert, der wie Weihnachten und Geburtstag zusammen war? Da war ich im Nachhinein doppelt so glücklich, die Tour zum neusten Album „Hand. Cannot. Erase“ ein zweites Mal besucht zu haben. Anfängliche Bedenken, die gleiche Show noch ein zweites Mal zu sehen, wurden gleich mit dem Konzerteinstieg weggeblasen.

Steven Wilson und seine hypertalentierten Musiker starteten den Abend mit einem kräftig gespielten „No Twilight In The Court Of The Sun“. Somit war es klar, die konzeptuelle Inszenierung der neusten Platte wird heute nicht befolgt, alles ist möglich. Wilson selber zeigte sich sehr gesprächig und offen. Es wurde gewitzelt, erklärt und erzählt – vom scheuen und zurückhaltenden Tüftler, der sich hinter seinen langen Haaren versteckt, ist praktisch nichts mehr übrig. Wie ein Zeremonienmeister führt er Musiker und Publikum durch die Lieder, unterstreicht seinen Gesang mit exzentrischen Gesten und harten Gitarrenriffs. Die Solokarriere hat den Mann ganz klar beflügelt und nicht nur seine Musik auf ein neues Niveau gehoben. Ton, Licht und Bild waren wie immer in perfekter Harmonie, die künstlerisch anspruchsvollen Videos untermalten die Lieder perfekt. Songs wie „Hand. Cannot. Erase.“, „Routine“ oder „Index“ erhielten somit mehr Kraft und die Texte waren verständlicher. Gerade „Index“ in seiner neuen, noch beklemmenderen Version ist immer wieder ein Erlebnis und die gruseligen Bilder von Lasse Hoile faszinieren mit ihrem unheimlichen Grundton.

Dass Zürich ein spezielles Vergnügen bevorstehe, erklärte Wilson gleich mit der Ankündigung, den Auftritt als inoffizielle Probe für die angekündigten Konzerte in der Royal Albert Hall zu missbrauchen. Da in London karriereübergreifend Lieder gespielt werden nutzte die Band den Sonntag, um alte Klassiker und unveröffentlichtes Material vorzustellen. Wer hätte es in den kühnsten Träumen für möglich gehalten, an diesem Abend „Don’t Hate Me“ und „Shesmovedon“ von Porcupine Tree zu vernehmen? Lieder, die seit Ewigkeiten nicht mehr live gespielt wurden und viele Besucher wohl noch nie an einem Konzert geniessen konnten. Ein magischer Moment, Gänsehaut und Freudetränen inklusive. Um die Überraschung perfekt zu machen, stimmte der Prog-Gott danach „My Book Of Regrets“ an, ein Lied, das bisher auf keinem Album zu finden ist. Ein langer und komplexer Song, voller Breaks und krummer Rhythmen, New-Prog vom Feinsten. Das Stück wird wohl im Januar auf einer neuen EP zu erwerben sein, genaueres wurde aber nicht verraten.

Natürlich gab es auch viele Lieder, die auf der Tour dazugehören – „Ancestral“, „Home Invasion“ und „Regret 9“. Die neuste Platte, welche Art-Rock, Prog und elektronische Spielereien vorzüglich kombiniert, muss schliesslich gehuldigt werden. Aber wirklich gross wurde es dann mit den Zugaben. Auf „Secretarian“ folgte mit „Sleep Together“ ein weiterer Kracher von Procupine Tree. Und was Wilson zuvor schon kurz angesprochen hatte, wurde Realität: Ein Lied vom Klassiker „In Absentia“ schallte durch das Komplex. „Sound Of Muzak“ verzückte alle und liess den Applaus noch einmal lauter werden. Um die Leute wieder auf den Boden zu holen, wurde der Auftritt mit „The Raven That Refused To Sing“ beendet, ein melancholisches und mitreissendes Lied mit vielen Streichern und wildem Mittelteil. Danach hiess es für die Band: den verdienten Jubel einsammeln und sich endgültig verabschieden. Wer dachte, Steven Wilson sei mit seinen Konzerten an der Spitze angekommen, der wurde hier eines Besseren belehrt. Es geht immer noch mehr!

Media Monday #221

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Immer diese Lücken, welche zu füllen sind. Aber man verbringt ja genügend Zeit mit diversen Medien, um die Fragen des Medienjournal zu beantworten.

1. Als ich am Samstag den Flohmarkt in Zofingen besuchte, war ich doch sehr negativ über die angebotene Waren überrascht. Viele Leute haben ihre halbkaputten Restbestände eines Kellerlochs verkaufen wollen und dabei auch die Preise viel zu hoch angesetzt. Immerhin fand ich eine supergünstige CD von Jovanotti und ein Album von Neurosis. War also doch nicht vergebens.

2. Sollte es jemals eine länderübergreifende Toleranz ohne Rassismus geben, werde ich nie mehr jammern oder Leute verfluchen. Aber ja, wird leider so schnell nicht passieren.

3. Bei Steven Wilson bleibt zumindest alles beim Alten, schließlich konnte er am gestrigen Konzert in Zürich wieder mal nur eines: Begeistern. Der Mann ist ein Genie und hat sogar vier Lieder von Porcupine Tree gespielt. Wilson ist ein Garant für Qualität, seit Jahrzehnten.

4. Die Dokumentation „Cowspiracy“ war eine unglaubliche Erfahrung, einfach weil der Film endlich einen Aspekt unserer Ernährung und aktuellen Lage auf der Erde anspricht, der praktisch immer verschwiegen wird. Da ich eine aktive Greenpeace-Vergangenheit habe, war es für mich doppelt spannend. Gerade weil auch bei Greenpeace Schweiz der Fleischkonsum und die Auswirkungen auf die Umwelt fast nie ein Thema waren.

5. Obwohl viele über Lady Gaga fluchen, bin ich ja der Meinung, dass ihre Musik super toll ist und die Dame über viel künstlerisches Talent verfügt. Besonders wer sie einmal live erlebt hat, weiss wie gut Gaga singen und auftreten kann. Schade nur, werden viele ihrer Songs über mit einer fetten Produktion zugestopft. Seit dem dritten Album „Art Pop“ wäre sie meiner Meinung nach aber von dem Erfolgsdruck befreit, da diese Platte die Erwartungen der Vertriebe nicht erfüllen konnte. Wieso also nicht den Weg von Miley Cyrus einschlagen und als viertes Werk etwas völlig anderes Versuchen?

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6. Alles in allem war das Bordun- und Folkmusikfestival in Zofingen ein toller Nachmittag, denn immerhin traf man dort viele Bekannte und Freunde, die Sonne zeigte sich und wärmte uns alle, und von der Bühne schalte wunderbare Musik. Bands aus der Schweiz wechselten sich mit Gruppierungen aus Schottland ab. Besonders Jim Hunter gefiel mir sehr, die Dudelsackspieler aber weniger.

7. Zuletzt habe ich meine allererste Folge von „Doctor Who“ geschaut und das war zu gleichen Teilen wunderbar wie mühsam, weil ich mich noch an diese englische Art der Sci-Fi gewöhnen muss. Die Figuren und Handlungen sind ja sehr überzeichnet und theatralisch, aber auch erfrischend anders. Die Folge „Vincent und der Doctor“ aus der fünften Staffel stellte aber eine nette Einführung in den Kosmos dar, und Karen Gillan ist ja wohl zum träumen.