Allgemein

Giulio Aldinucci – Borders And Ruins (2017)

Giulio Aldinucci – Borders And Ruins
Label: Karlrecords, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Ambient, Electronica

„The border is a real crack in an imaginary dam. / The border used to be an actual place, but now, it is the act of a thousand imaginations.“ Dies schrieb Alberto Ríos, amerkanischer Dichter, in seinem wunderschönen doppelten Sonet „The Border“ und legte damit den perfekten Grundstein für „Borders And Ruins“. Denn der italienische Künstler Giulio Aldinucci behandelt mit seinem neusten Album genau dieses schwierige Thema und sucht in sonischem Chaos die Ordnung zu finden, die wir auf der Welt nicht mehr hochhalten können. 

Als Komponist und Sucher im Bereich der experimentellen Electronica und dem Ambient tätig, lebt auch dieses Album von den Schichten, die sich ineinander verweben, wie Wolken am Himmel aufgetürmt werden – nur um dann wieder in kleine Stücke zu zerfallen und auseinander zu driften. Akustische Aufnahmen mischen sich unter verfremdete Synthie-Spuren, ein Rauschen breitet sich zwischen Frequenzen aus. Nie ist die Ordnung der Musik sicher, alles wirkt immer instabil – Giulio Aldinucci will auch gar nichts anderes. Denn hier geht es nicht um Trost, hier geht es sakralen Zerfall.

„Borders And Ruins“ ist dadurch aber noch lange kein unhörbares Stückwerk, sondern überrascht immer wieder mit tiefer Schönheit in den lärmigen Zwischenteilen. Bereits das erste Stück „Exodus Mandala“ wirkt mit Chorgesang und weiten Keyboardflächen erhaben und diese Stimmung trägt sich durch das gesamte Werk. Giulio Aldinucci beweist sich als Meister der sanften Veränderungen und weiss, wie zärtlich Ambient sein kann.  Das überraschendste an dieser Platte ist aber, wie treffend ein Kommentar zur aktuellen politischen Lage sein kann, ohne ein Wort zu benutzen. Hier liegt die wahre Grösse versteckt.

Anspieltipps:
Exodus Mandala, Venus Of The Bees, The Sunken Horizon

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Fantoche 2017 – Tag 6: Abschluss

Sonntag 10. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Der letzte Tag des Fantoche-Festivals ist angebrochen – und will noch voll ausgekostet werden. Neben weiteren Kurzfilm-Zusammenstellungen und Langfilmen wird zum Abschluss auch ein Best Of der Schweizer und internationalen Wettbewerbe gezeigt, bei dem verschiedene Preise verliehen werden und das immer mit Spannung erwartet wird.

Ebenso darf das Rahmenprogramm ein letztes Mal erlebt werden. Ob man in der Galerie DoK die Kurzfilm-Bibliothek durchstöbern und eine Augmented Reality-Geschichte ausprobieren will oder Susanne Hofers Installation „Archipel“ im Kunstraum Baden bestaunt – man findet immer etwas Spannendes, mit dem die Zeit zwischen den Filmen gefüllt werden kann. Und natürlich wird noch einmal jedes Kino abgegrast, um ja kein Highlight zu verpassen.


Cartoon d’Or
5 preisgekrönte Kurzfilme aus diversen Ländern

Die Vergabe des Cartoon d’Or findet seit 1991 statt und prämiert die besten europäischen Animationskurzfilme. Teilnehmen können nur die meistausgezeichneten Filme. Das Fantoche zeigt fünf Nominationen des letzten Jahres in einem Kurzfilmblock.

Peripheria“ von David Coquard-Dassault zeigt die bedrückende Stimmung einer heruntergekommenen Wohnsiedlung, in der nur noch einige vergessene Bewohner ihr Unwesen treiben. „Machine“ von Sunit Parekh und „Under Your Fingers“ von Marie-Christine Courtès suchen beide einen Weg, mit dem Tod eines geliebten Menschen umzugehen. Stimmungshebend wird es mit der 3D-Animation „Alike“ von Daniel Martinez Lara und Rafa Cano Méndez, die den Wert von Kunst und Freigeist in einem tristen Leistungsalltag aufzeigt. Und mit „Yùl Et Le Serpent“ darf auch die Phantastik noch in den Wettbewerb einfliessen.



Carte Blanche: Peter Lord (Aardman)
12 Kurzfilme aus Grossbritannien

Was hat die Filmszene in Grossbritannien nicht alles den Aardman Studios zu verdanken. Das kreative Wunderkind Peter Lord hat schon im jungen Alter mit seiner Knetfigur „Morph“ für Begeisterung gesorgt und damit den Grundstein für Erfolge wie „Creature Comforts“ oder „Wallace & Gromit“ gelegt. Der Künstler ist also der perfekte Kandidat für die Carte Blanche im Brexit-Block. Denn dank seiner geschickten Auswahl kommt man nicht nur in den Genuss von alten und fast vergessenen Aardman-Clips (wie das als Interview aufgezeichnete „War Story„), sondern auch von drei Werken von weiteren Künstlern. Besonders diese schaffen es, trotz ihres Alters, in der heutigen Zeit eine perfekt bissige Perspektive auf England zu bieten.

Britannia“ zeigt die „glorreiche“ Geschichte des Staates mit einer Bulldoge im Fokus, „Deadsy“ lässt auf verstörende Weise ein Skelett zur Schönheitskönigin werden. Da tut es gut, sind Lords Filme oft etwas leichter im Ton, wenn auch nicht ohne Gedankenanstoss. Es ist aber immer herrlich, diese wunderbaren Knet- oder Puppen-Animationen zu betrachten – wie das hübsche „Wat’s Pig“ oder das bedrückende „Down And Out„.


Hors Concours 2
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Das Hors Concours-Programm ist eine Ergänzung zu den Wettbewerben, das dieses Jahr zum zweiten Mal durchgeführt wird. Hier sind ebenfalls europäische Einreichungen stark vertreten, aber es gibt auch einige Perlen aus ganz anderen Kulturkreisen zu sehen.

So spielt die Knetanimation „The Basket“ in Indien, wo ein Mädchen aus Versehen die Uhr seines Vaters kaputtmacht und sie unbedingt wieder reparieren möchte. „If I Am Not I Cannot Be“ ist ein berührender Stop Motion-Film, der im Rahmen eines Workshops mit Kindern in einem griechischen Flüchtlingslager entstand. Auch der Humor kommt in dieser Zusammenstellung nicht zu kurz: In „Jubilee“ verliert die Queen von England ihren Hut und in „Full House“ ist eine Kleinstadt plötzlich wie leergefegt, da alle Bewohner in den neuen, stetig weiterwachsenden Wolkenkratzer gezogen sind.

Der Hors Concours besticht somit – wie auch die Wettbewerbe – mit hoher Qualität. Ein Besuch ist auf jeden Fall lohnenswert.



Louise en Hiver
Land / Jahr: Frankreich, Kanada / 2016
Regie: Jean-François Laguionie
Musik: Pierre Kellner, Pascal Le Pennec
Website: jplfilms.com

Was würde sich besser für den letzten Langfilmgenuss eignen als diese ruhig erzählte und emotional berührende Geschichte um Louise, die durch eine kaputte Uhr den letzten Zug aus einem Sommerferienort verpasst? Alleine zurückgelassen muss sie sich nicht nur mit dem Alltag herumschlagen, sondern auch mit ihrem Alter, der Einsamkeit und ihren Erinnerungen. In wunderschön gezeichnete Bildern gebettet, ist „Louise en Hiver“ schon fast eine Meditationsübung und wagt sich an einen Film mit nur einer Person – in den meisten Szenen zumindest.

Mit viel Herz und einigen interessanten Ideen ist diese Produktion aus Frankreich nicht nur für alle Altersschichten geeignet, sondern lässt die Zuschauer auch über wichtige Fragen nachdenken. Vielleicht sollten wir alle das Leben doch etwas langsamer, dafür intensiver angehen.



Best of Fantoche 2017
Auswahl der Gewinner des Festivals

Hier sind sie also, die grossen Gewinner der diesjährigen Preise des Fantoche-Festivals – eine kleine Auswahl zumindest. Besonders schön ist es natürlich, die Schweizer Preisträger „Living Like Heta“ und „Airport“ noch einmal auf der grossen Leinwand erleben zu können. Doch auch bei den internationalen Preisen gibt es nichts zu meckern: „The Burden“ zeigt in wunderschöner Puppen-Animation die sinnlosen Tätigkeiten der eher „einfachen“ Jobs, „Negative Space“ wagt sich an schwierige Familienbeziehungen.

Aber auch durchgeknallte Filme wie „Ugly“ von Nikita Diakur oder der genial gemachte „In a Nutshell“ von Kilian Vilim (welcher von Samen zu Krieg, von Hunger zur Apokalypse führt) stiessen am Festival auf grosse Begeisterung. Kein Wunder, werden in diesen Werken doch Innovation und progressives Denken gleichsam gefördert. Und genau darum geht es am Fantoche schliesslich.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 5: Politik und Zombies

Samstag 09. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Am Fantoche gibt es selten eine Vorstellung, welche die Besucher vor Angst zitternd aus dem Saal entlässt. Wer aber für einmal richtig schaurige Unterhaltung erleben möchte, für den ist der „Caravan Of Horror“ genau das Richtige. Ein unscheinbarer, aber etwas dreckiger Wohnwagen steht nämlich seit Samstagnachmittag neben dem Festivalzentrum beim Merker-Areal und lädt furchtlose Besucher dazu ein, für eine Viertelstunde einem nervenzerfetzenden Puppentheater beizuwohnen. Präsentiert von der Compagnie Bakélite und mit Unterstützung des Figura Theaterfestivals gibt es hier grossartige Einfälle und tolle Schockmomente.

Und natürlich ist das Rahmenprogramm auch sonst weiterhin vielfältig und voller Entdeckungsreisen. Wir nutzten das eher triste Wetter am Samstag aber vor allem dazu, möglichst viele Wunder in den Kinosälen zu erleben.



Der wahre Oktober
Land / Jahr: Deutschland / 2016
Regie: Katrin Rothe
Musik: Thomas Mävers
Website: 1917-derfilm.de

Die deutsche Regisseurin Katrin Rothe versetzt uns mit „Der wahre Oktober“ hundert Jahre in die Vergangenheit zurück, und zwar in das heutige St. Petersburg. Die Geschehnisse zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution werden durch die Augen von fünf Künstlern betrachtet: Die Lyrikerin Sinaida Hippius versteht sich als Chronistin der Ereignisse und sieht von ihrem Wohnungsfenster aus direkt auf das Gebäude der Duma. Alexander Benois ist Maler und Kunstkritiker; er und der Schriftsteller Maxim Gorki fürchten um den Fortbestand der Kunst. Kasimir Malewitsch, Begründer der Suprematismus, veröffentlicht diesbezügliche Manifeste und der junge Dichter Wladimir Majakowski stürzt sich immer mitten ins revolutionäre Geschehen.

Die fünf Kunstschaffenden bewegen sich als Legetrickfiguren durch Petrograd, wobei alle von ihnen ein wenig anders animiert sind. Die Darstellungen werden laufend durch Archivmaterial ergänzt. Aufnahmen aus dem Schaffungsprozess, die nahtlos in die Handlung einfliessen, geben dem Film ausserdem eine weitere Ebene, die wunderbar spannend zu beobachten ist. Auch wenn wohl nie ganz klar sein wird, wo nun die Wahrheit genau liegt – „Der wahre Oktober“ bietet einen frischen Blick auf eine Zeit voller Wirrungen.



Coming Soon „The Tower“
Land / Jahr: Norwegen, Frankreich / 2018
Regie: Mats Grorud
Website: tenk.tv

Toll an diesem spezifischen Festival ist ja die Tatsache, dass man nicht nur einen oberflächlichen Blick auf die Welt des Animationskinos wirft, sondern auch als Laie tief hineintauchen kann. So zum Beispiel in die Produktion des Filmes „The Tower„, eine Geschichte über wahre Begebenheiten in den Palästinenser-Siedlungen um Israel. Regisseur Mats Grorud stellte im Kino Sterk seine Produktion vor und führte die Besucher hinter die Kulissen der Mischung aus Puppenanimation und 2D-Zeichnungstechniken.

The Tower“ porträtiert die Geschichte von mehreren Personen eines Siedlungsturmes, erzählt aus der Perspektive eines jungen Mädchens. Während sich die Gegenwart in detaillierten Sets mit Stop-Motion abspielt, führen gezeichnete und reduzierte Sequenzen durch die Erinnerungen der Figuren. Die beiden Handlungsebenen wurden zunächst sogar in zwei verschiedenen Ländern – Polen und Frankreich – produziert. Dieser Umstand machte es aber dem Team extrem schwer, alle Elemente stimmig zu designen. Durch die komplette, fördergelderbestimmte Verlegung nach Frankreich konnten aber schnell Verbindungspunkte wie beispielsweise die speziellen Augenformen gefunden werden und der Prozess wurde einiges leichter.

Der Film verspricht somit nicht nur visuell einige Überraschungen, sondern eine immer wieder leichte Geschichte voller Herz. 2018 darf man sich dann vom Endprodukt überzeugen.



Zombillenium
Land / Jahr: Frankreich, Belgien / 2017
Regie: Arthur de Pins, Alexis Ducord
Musik: Eric Neveux, Mat Bastard
Website: zombillenium.com

Was für ein Spass! „Zombillenium“ ist meine wohl grösste Überraschung am diesjährigen Fantoche. Denn obwohl der Film mit 3D-Computertechnik gemacht wurde und die Geschichte eher den gängigen Klischees folgt, macht es einfach nur Laune, den Horror-Gestalten zuzuschauen. Entstanden als Animations-Traummärchen (ein einzelnes Cover-Bild generierte den Auftrag zur Comic-Serie, und diese wiederum generierte den Auftrag zum Kinofilm) erzählt der Film aus Frankreich die Geschichte eines Vergnügungsparks, in dem echte Vampire und Zombies arbeiten. Doch leider ist Satan mit den Verkaufszahlen nicht zufrieden und stellt die Kreaturen vor ein Ultimatum.

Mit perfektem Charakterdesign (man denke nur an die zum Verlieben coole Hexe Gretchen mit ihrem Skateboard-Besen und Nine Inch Nails-Shirt), packender Musik (beste Filmszene: das Konzert im Park) und perfekt passender optischer Gestaltung ist „Zombillenium“ ein grossartiges Vergnügen für alle ab dem Teenager-Alter. Und danach fühlt man sich einfach nur beschwingt.


Animal Farm
Land / Jahr: GB, USA / 1954
Regie: John Halas und Joy Batchelor
Musik: Mátyás Seiber

Fast jeder hat ihn gelesen: Den Klassiker „Animal Farm“ von George Orwell. Auf einer amerikanischen Farm fühlen sich die Tiere von ihrem Bauern, der allabendlich sturzbetrunken aus dem Wirtshaus heimkehrt, benachteiligt. Unter Aufsicht der klugen Schweine starten sie eine Revolution, vertreiben den alten Jones und führen den Hof fortan selbst. Die Zeichentrickadaption von Joy Batchelor und John Halas aus dem Jahr 1954 wurde von der CIA als antikommunistischer Propagandafilm finanziert. Die Handlung hält sich weitgehend an die Buchvorlage, allerdings unterscheidet sich das Ende deutlich – beziehungsweise geht über das von Orwell angedachte Ende hinaus.

Vor dem Film wird, wie damals in Schweizer Kinos üblich, ein kurzer Nachrichtenüberblick – die sogenannte „Wochenschau“ – aus dem Erscheinungsjahr gezeigt. Thema war unter anderem eine Abstimmung in Basel, bei der sich die Frauen für oder gegen das Frauenstimmrecht aussprechen durften (wobei das natürlich nur als Empfehlung zu verstehen war – wirklich abstimmen durften darüber nur die Männer). Ein amüsantes Zeitdokument.



Revengeance
Land / Jahr: USA / 2016
Regie: Bill Plympton, Jim Lujan
Musik: Jim Lujan
Website: revengeancemovie.blogspot.com

Regisseure wie Quentin Tarantino und Robert Rodriguez haben bis heute einen grossen Einfluss in das Genre des brutalen und dreckigen Action-Films – auch im Bereich der Animation. So ist „Revengeance“ nicht nur das, schier im Alleingang von Bill Plympton und Jim Lujan hergestellte bitterböse Vergnügen, sondern auch eine Verbeugung vor den Grindhouse- und B-Movies. Gezeichnet in 2D und als Hommage an die amerikanischen Underground-Comics verfolgt man hier skurrile Figuren durch eine noch merkwürdigere Geschichte.

Wenn Kopfgeldjäger auf eine Bikergang, einen Senator der Ex-Wrestler ist und eine durchgeknallte Sekte in der Wüste treffen, dann kann dies nur eines heissen: Hier kommt praktisch niemand lebend heraus. Da passt es perfekt, ist die Musik genau so treffend wie die abgefeuerten Schüsse und Gitarrenriffs begleiten wilde Verfolgungsjagden. Der Film ist somit nicht alltäglich, aber ein perfekter Begleiter zu Bier und langer Filmnacht.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 4: Global

Freitag 08. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Wer während des gesamten Tages von einem Kinosaal zum andern wandert, für den kommt die Nacht schnell. Das Fantoche-Festival hält aber auch für späte Forscher und Leute ohne Sättigungsgefühl viele Möglichkeiten bereit. Besonders der Kulturraum Royal lockt mit seinen „Royal Fish„-Partys, und der Freitagabend lohnte sich hier besonders. Die „F*ck Up Night“ bot Einblicke in die schlimmsten Missgeschicke von Filmprojekten und liess die Macher gleich selbst zu Wort kommen. Danach gab es denkwürdige Musikvideos mit Clips, die wohl auf Drogen noch besser funktionieren. Ein wahres Vergnügen nach all der ernsten Unterhaltung.

Das Gesicht wurde einem dann bei dem Auftritt von Heidi Hörsturz aber gleich wieder weggeschmolzen, denn die Mischung aus Noise-Electro, extremen Visuals und Body-Art sucht ihresgleichen. Hier war jedem verziehen, der sich einem etwas stärkeren Drink zuwandte. Doch der Ausklang des Abends folgte angenehmer mit dem Konzert von KnoR und einem weiteren DJ-Set.



Making-Of „Nothing Happens (Trial Run)“
Land / Jahr: Dänemark / 2016
Regie: Michelle und Uri Kranot
Website: nothinghappens.tindrum.dk

Wer kennt es nicht: Das Verlangen, einem Ereignis beizuwohnen und einfach zuzuschauen. Überall trifft man die Gaffer, doch wie sieht es mit der persönlichen Verantwortung in einer solchen Situation und passiven Rolle aus? Der Kurzfilm „Nothing Happens“ aus Dänemark spielt mit genau diesen Fragen und dem Wechselspiel aus Sehen und Gesehen werden. Übermalte Filmaufnahmen bieten hierbei einen gewissen Realismus, wirklich in die Tiefe geht es aber beim VR-Projekt. Da wechselt die Perspektive und man ist plötzlich der Beobachete. Selber kann man dies in der Stanzerei erleben.

Michelle und Uri Kranot haben hierfür ein Kunstwerk geschaffen, dass mit Film, VR und Ausstellung gleich drei Ebenen bietet, um die Animation einen Schritt weiter vom starren Medium weg zu bringen. Beim Making-of im Kino Sterk gab es dazu Einblicke in die Produktion, die Gedanken der Macher und Aufnahmen des Prozesses. Dabei war klar: Virtual Reality hat in der Animation grosse Zukunft, doch das Handwerk muss hierfür komplett neu gelernt werden. Man darf gespannt sein, was alles kommt.



Unique Animation Techniques
19 Kurzfilme aus aller Welt

Um alle Grenzen zu sprengen und für einmal extreme Experimente und narrative Wagnisse zu kombinieren, bietet das Fantoche die Kurzfilm-Sammlung „Unique Animation Techniques“. Wie es der Name schon sagt, wird hier nicht das Augenmerk auf Inhalt oder Aussage gelegt, sondern auf merkwürdige Arbeitstechniken. Es trifft alt auf ganz modern, wild auf ruhig und superkurz auf lang – und im Kopf fügt sich alles zu einer wahren Explosion zusammen.

Filme wie „Ora“ (Wärmebild-Aufnahme) oder „Métronome“ (Gravur auf Klebepapier) haben Tanz und Musik im Fokus, „Rippled (All India Radio)“ ist mit seinen Lichtmalereien wie ein Musikvideo. Es gibt Bewegungstests zum Film „Ugly„, ein Wiedersehen mit den Regisseuren Kranot („Black Tape„) oder Kreidezeichnungen auf einer Wandtafel („Animation Hotline„). Es schwirrt einem der Kopf danach, doch ein besseres Beispiel für die unendliche Vielfalt des Animationsfilmes gibt es sonst nirgends.


Brexit: True Brit
10 Kurzfilme aus Grossbritanien

Very british – das Fantoche wagt sich an die aktuelle politische Lage. Wobei Animationsfilm ja dies schon immer war, aktuell und direkt – manchmal auch erst Jahrzehnte später passend. Und genau darum gibt es mit dem „True Brit“-Programm zehn Kurzfilme, die zwar schon etwas älter sind, aber das britische Gefühl perfekt ausstrahlen. Ob der böse und schwarze Humor nun etwas doofe Piraten bei „Jolly Roger“ in den Untergang führt oder eine bissige Sozialkritik zu den Unterschichten in Liverpool darstellt („Dad’s Dead“) – Erfolg und Understatement sind immer nahe beisammen.

Wegen der unterschiedlichen Materialien und Zustände der Filme sagt das Programm zugleich auch noch etwas über die Förderpolitik aus, viele Filmemacher haben nämlich zu wenig Geld, um ihre Werke für die Zukunft sicherzustellen. So ist „Next“ zwar ein geniales Shakespeare-Medley mit Puppen, aber leider bildtechnisch im Zerfall. Die Mischtechnik bei „Little Things“ sieht da schon besser aus und führt durch ein Feuerwerk an Gags und skurrilen Momente. Und wenn der Brexit dann so sorgfältig verarbeitet wird wie die Materialen bei „The Eagleman Stag“, dann bietet er vielleicht doch eine Chance. Vielleicht.



Have A Nice Day (Hao ji le)
Land / Jahr: China / 2017
Regie: Liu Jian
Musik: The Shanghai Restoration Project Presents
Website: Berlinale.de

Eine meditative Gangsterkomödie, eine Kritik an den zubetonierten Vororten Chinas, ein detailverliebter Alleingang des Regisseurs Liu Jian – „Have A Nice Day“ ist als chinesischer Indie-Movie vieles. In oft statischen Bildern wird hier eine Geschichte erzählt, die sich nicht nur an viele bekannte Filme aus dem Westen anlehnt, sondern eine Hommage an die Achtziger ist. Ein wahres Highlight für das Fantoche und immer noch ein grosses Politikum im Herkunftsland – dieser Film zeigt perfekt auf, dass gezeichnete Bilder eben sehr wohl für Erwachsene sind. Denn hier gibt es Blut, böse Witze und wenig Dialog. Und dank verrückten Zufällen verlässt man das Kino doch beschwingt – ein Tipp!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 3: Anders artig

Donnerstag 07. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Der dritte Fantoche-Tag wartete nicht nur mit vielen weiteren Wettbewerben, Kurz- und Langfilmen auf, sondern ach diversen Attraktionen, bei denen man selber Hand anlegen konnte.

Wer einen Schritt in den dunklen Container am Theaterplatz wagt, wird mit dem Projection Mapping-Spiel „Space Game: Demonz“ belohnt. Hier versuchen kleine Figuren, nicht von den Bällen der Besucher getroffen zu werden. Doch bewerfen kann man auch alles andere auf dieser Wand – und damit Gewitter auslösen, Mäuse aus ihrem Versteck jagen und Scheiben zum Zerspringen bringen. Hier fühlt sich jeder wieder wie ein Kind.

Alternative Realitäten bietet dieses Mal auch wieder die Stanzerei: Wo vor wenigen Jahren noch Computerspiele vorherrschend waren, halten mittlerweile vor allem spannende und wunderbar gestaltete VR-Spiele Einzug. Ob man in der Luft Kunstwerke malen will oder durch einen luftleeren Raum ohne Boden schweben – ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.



Haarig
Land / Jahr: Schweiz / 2017
Regie: Anka Schmid
Musik: Feed the Monkey, Roman Lerch, Thomi Christ, Dominik Blumer
Website: ankaschmid.ch

Auch das gibt es am Fantoche, Filme die inszenierte Aufnahmen mit Dokumentationsmaterial und Animation mischen. So bei der Weltpremiere von „Haarig„, dem neusten Werk von Anka Schmid. Die Schweizer Regisseurin realisiert schon seit über 30 Jahren verschiedenste Filme; vergangenes Jahr spielten unter anderem Sophie Taeuber-Arps Marionetten aus „König Hirsch“ eine Hauptrolle. Für ihren neusten, eigenen Streifen, hat sich die Künstlerin aber nicht nur am allgemeinen Thema Haare orientiert, sondern gleich drei Ebenen verbunden. Anhand erzählter Erinnerungen und Fotografien wird die private Geschichte erzählt und mit 41 Animationssequenzen an die biologische Geschichte des Menschen und sozialpolitische Rückschau der letzten Jahrzehnte geknüpft.

Dabei zeigt Schmid auf, dass sich Haare (egal wo am Körper) schon immer extrem in unsere Wahrnehmung eingeschlichen haben und nicht nur in der Hippie-Zeit als zentrales Motiv fungierten. „Haarig“ spielt frech und neugierig mit der Wechselwirkung zwischen Haarwuchs und Bedeutung und lässt im Zuschauer einige Fragen wachsen. Somit ist das beste an dieser eigenwilligen Dokumentation der Umstand, dass aus einer sehr persönlichen Geschichte so schnell etwas Universales werden kann – und vielleicht auch sollte.



Animated Musicvideo Darlings
21 Musikvideos aus aller Welt

Einen besonderen Ausklang des Abends bietet auch jedes Jahr die Sammlung „Animated Musicvideo Darlings„. Hier gibt mehr als 80 Minuten Musik aus allen Sparten – mit den schönsten, aufwendigsten und abgefahrensten Clips. Zusammengestellt wurden diese Kurzfilme vom Team des Fantoche-Festivals selber und zeigen wunderbar auf, dass sich abseits der millionenschweren Mainstream-Szene nicht nur klanglich, sondern auch optisch extrem spannendes in der Musikwelt abspielt. Vergesst also die Hochglanz-Clips der Superstars, hier gibt es Witziges und Verstörendes – mit wunderbar aufregender Musik.

Ob man nun durch das unheimlich anschwillende und mit knuffigen Holzfiguren animierte „Burn The Witch“ von Radiohead gleitet, bei „Flight Attendant“ von XXX langsam im Wahnsinn der Computergrafik versinkt oder dank One Sentence. Supervisor und ihrem treibenden „Scope Explosion (Shifting Baseline)“ dem Stil von Moebius huldigt – alles ist möglich. Es wird politisch korrekt bei Sookee („Queere Tiere“) und wavig vertraut bei Grauzone („Eisbär“), aber eines ganz sicher nie: Langweilig. Und vielleicht entdeckt man ja hier noch seine neue Lieblingsband.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 2: Wettbewerbe

Mittwoch 06. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Der zweite Fantoche-Tag stand für ARTNOIR ganz im Zeichen der animierten Kurzfilme. Gleich zwei Schweizer und zwei internationale Wettbewerbe füllten den Abend; insgesamt machte das nicht weniger als 40 wunderschöne, verstörende, einfühlsame und aufwühlende Geschichten. Dabei zeigte sich, dass derzeit das Handgemachte stark auf dem Vormarsch ist. Typische CGI-Erzeugnisse sah man praktisch keine, dafür wieder vermehrt Filme in Stop-Motion.

Ebenso sind diese Wettbewerbe der perfekte Tummelplatz, um bei den Inhalten und den Präsentationsformen Grenzen zu sprengen. Hier können sich Produzenten aktueller Kino- und TV-Erzeugnisse noch viele Scheiben von diesen jungen Künstlern abschneiden.



International Competition 1
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Wer sich international mit einem Kurzfilm behaupten will, der setzt vor allem auf Geschichten, die ohne Sprache erzählt werden können. Bei Animationsfilmen sind Sounddesign und Musik extrem wichtig, um Stimmungen zu erschaffen. Perfekt gelingt dies „Sore Eyes For Infinity“ – hier wandelt sich der Score von experimentellem Electro zu Techno und lärmigem Ambient. Da darf sich auch die echte Welt plötzlich in einen Film schleichen, wie bei dem wundervoll mit Malerei und Stop-Motion kombinierten „The Full Story„. 3D-Animation sieht man nur einmal („Ugly„), dafür eine wunderschöne und mysteriöse Puppengeschichte („Nachtstück„), oder eine kritische Aussage gegen den Landraub an der Natur („Lupus„) mit tollen Modellen.

International Competition 2
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Der Internationale Wettbewerb 2 wartet unter anderem mit dem längsten der ausgewählten Kurzfilme auf: „Toutes Les Poupées Ne Pleurent Pas“ ist ein Puppenanimationsfilm über die Schaffung eines Puppenanimationsfilms. Eindringlich wird es mit „Vilaine Fille„, der eine patriarchalische Welt durch native Kinderaugen betrachtet. Doch auch der Humor darf nicht fehlen: „La Table“ und sein widerspenstiger Holzspan, der sich partout nicht entfernen lassen will, ist genauso unterhaltsam wie der knackige, auf einer Schreibmaschine (jawohl, richtig gelesen) produzierte Film „G-AAAH„.



Swiss Competition 1
12 Kurzfilme aus der Schweiz

Der Schweizer Wettbewerb 1 zeigt vor allem Handgemachtes. Da gibt es ein Beziehungsdrama im Gemäldestil („A L’Horizon„) oder den wahnsinnig aufwendig gemachten Stop-Motion-Film „Transient„, der von einer herzerwärmenden Begegnung mit kühlem Ende erzählt. Auf der gesellschaftskritischen Seite bewegen wir uns mit einer fast unaushaltbar schnellen Assoziationskette aus Alltagsdingen („In A Nutshell„). Und mit „Die Teufelsbrücke von Uri“ findet sogar eine alte Schweizer Sage vom Pakt mit dem Teufel den Weg auf die Leinwand.

Swiss Competition 2
12 Kurzfilme aus der Schweiz

Ob kritische Beiträge gegen gesellschaftliche Zwänge, verwunderlich angewandte Animationstechniken oder unterschiedlichste Präsentationsformen – der zweite Wettbewerb der Schweizer Kurzfilme bietet eine grosse Vielfalt. Mit „Scottish Muslim Voices“ wird der versteckte Rassismus in kurzer Dokuform angeprangert, „Féroce“ transportiert die Zuschauer für 15 Minuten in einen blutigen Thriller oder man schaut dem Treiben auf dem Flughafen bei „Airport“ zu, gezeichnet auf Glas. Auch wenn nicht alles immer gleich gut funktioniert, Collagen-Satire gegen idiotischen Tourismus („Swiss Made„) oder Vergangenheitsbewältigung des Jobs als Liftboy („Ooze„) lässt staunen und strahlen. Wahnsinn, diese Vielfalt in unserem Land.



Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 1: Loving Vincent

Dienstag 05. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Jedes Jahr im September verwandelt sich die Kleinstadt Baden an der Limmat für sechs Tage in das Mekka der Animationsfilm-Interessierten – und auch dieses Jahr öffnete das Fantoche wieder seine Tore. Was am Dienstag noch eher ruhig und überschaubar vonstatten ging, wird die restlichen Tage der Woche nicht nur die Kinosäle, sondern auch Kunstorte, Kulturzentren und die halbe Innenstadt in seinen Bann ziehen.

Nebst den jährlich stattfindenden Wettbewerben für Kurzfilme gibt es auch dieses Jahr Langfilm-Premieren, interessante Themenblöcke (unter anderem zum Thema Brexit), Ausstellungen, Workshops, Dikussionsrunden und Partys. Ob man sich nun das Bier spätabends mit GIFs bunter gestaltet, am Morgen zwischen Kaffee und Gipfeli den Künstlern zuhört oder den gesamten Nachmittag von Saal zu Saal hetzt, um die besten Plätze im Kino zu ergattern – langweilig wird es auch bei der 15. Ausgabe des Fantoche nie. Und genau darum werden wir versuchen, jeden Tag über neue Aspekte zu berichten – denn Animation heisst bei Weitem nicht nur Film und Zeichnung.


Die Ehre der Festivaleröffnung hatte dieses Jahr eine ganz besondere Produktion:

Loving Vincent
Land / Jahr: England, Polen / 2017
Regie: Dorota Kobiela und Hugh Welchman
Musik: Clint Mansell
Website: lovingvincent.com

Die 15. Ausgabe des Fantoche-Festivals wurde mit dem Film „Loving Vincent“ eröffnet. Die britisch-polnische Co-Produktion erweckt verschiedenste Werke Vincent van Goghs zum Leben, farbrauschende Szenen und schwarz-weiss gehaltene Rückblenden beleuchten ein tragisches Künstlerleben und insbesondere die Wochen kurz vor seinem Tod.

Bemerkenswert ist vor allem die Technik, mit der „Loving Vincent“ geschaffen wurde. Die Regisseure Dorota Kobiela und Hugh Welchman entwickelten aus van Goghs Kunstwerken 377 Referenzbilder für die Handlung, alle in seinem typischen Stil gehalten. Auf diesen Bildern basierend wurde der Film zunächst mit Schauspielern aufgenommen – darunter auch einige bekannte Namen wie Saoirse Ronan (Brooklyn), Aidan Turner (The Hobbit) oder Jerome Flynn (Game of Thrones). Schliesslich malten über 120 Künstler aus ganz Europa die Aufnahmen mittels eines Rotoskopie-Verfahrens in Ölfarbe nach und digitalisierten jedes der rund 65’000 so entstandenen Einzelbilder. Dieser wahnsinnig aufwendige Prozess hat sich gelohnt: „Loving Vincent“ sieht nicht nur fantastisch aus, sondern ist auch durchweg spannend, einfühlsam und berührend.

„Loving Vincent“ läuft in der Deutschschweiz im Dezember an. Für interessierte Fantoche-Besucher wird am Donnerstag, 7. September 2017, in Anwesenheit von Hugh Welchman ein Making-of dieses aussergewöhnlichen Films gezeigt.



Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Swans – The Great Annihilator (1995)

Swans – The Great Annihilator 
Label: Young God Records, Remaster 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Noise-Rock, Alternative

Es war schon fast das letzte Aufbäumen vor der Auflösung und genau darum auch ein fantastischer Ritt durch alle bandbestimmenden Qualitäten. Der grosse Vernichter stellt sich allem entgegen und ist eines dieser wilden Alben, die nur Swans kreieren können. Ursprünglich 1995 veröffentlicht, erscheint nun eine klanglich aufpolierte Version von „The Great Annihilator“ mit zusätzlichem Live-Song und dem kompletten „Drainland“-Album von Michael Gira. Aber eigentlich bietet schon das ursprüngliche Werk mehr als genug Material zum Lärmen und Staunen, oder Sich-am-Kopf-kratzen.

Denn mit dieser Platte wagten Swans einen Seiltanz zwischen zugänglichem Material wie „Warm“, welches schon fast angenehm anzuhören ist – nur um dann gleich wieder in die kaputten Gebiete des alternativen und lärmenden Rock abzustürzen. Mit vielen Gitarrenspuren, hypnotischen Wiederholungen, einer rumpligen Rhythmusfraktion und mehreren Stimmen wandelt man in den Gängen eines Irrenhauses und findet plötzlich den sonnigen Innenhof. „Mind/Body/Light/Sound“ steht als Kumulation aller Zutaten in perfekter Form auf dem Platz.

Was hier aus gewalttätiger Rock-Musik, verwirrenden Klängen und angriffigen Ausformulierungen zu einem fantastischen Ritt wird, das verbarg sich im tiefen Inneren von Swans-Frontmann Gira. Trotz schwieriger Entstehungsgeschichte wirkt das Album vollendet und lockt mit seinen kurzen Liedern. Zwar fehlt hier noch etwas die erlösende Wirkung der neueren Scheiben, mitreissend ist „The Great Annihilator“ aber immer. Und wer dann komplett in die Dunkelheit abstürzen will, der hört mit „Drainland“ die seelischen Abgründe der Menschheit und die obskure musikalische Aufarbeitung des Alkoholismus.

Anspieltipps:
I Am The Sun, Mind/Body/Light/Sound, The Great Annihilator

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Besichtigung X-Tra Zürich

X-Tra-Besichtigung_MBohli

Interessanterweise war es anhand der Bilder, welche vorab der Presse zugestellt wurden, schwierig, grosse Veränderungen festzustellen. Allerdings waren die meisten Kontakte mit dem Gebäude an der Limmatstrasse in Zürich auch eher nächtlich und mit eingeschränkten Lichtverhältnissen. Für einmal aber besuchte ich das Kulturlokal X-Tra auf direkte Einladung der Betreiber, es wurde zur Besichtigung der Räumlichkeiten nach dem Umbau geladen. Und bereits vor dem Eintreten in das Foyer fiel auf, wie hell und aufgeräumt das Gebäude nun wirkt.

Architekt Urs Baumann wurde beauftragt, das 1931 von Karl Egender erbaute Limmathaus neu glänzen zu lassen – ohne die Vielfältigkeit der Events zu beeinträchtigen. Die Auffrischung beschränkt sich zwar nur auf das Innenleben, doch mit einigen geschickten Anpassungen wurde hier vieles erreicht. Verschwunden sind die bunt angestrichenen Wände, die Plattenböden und die massigen Deckenkonstruktionen – neu herrscht im X-Tra wieder der Geist des Bauhaus-Stils. Graue und schwarze Wände wechseln sich mit Holzverkleidungen und weissen Flächen, Wände und Brüstungen können auf unterschiedliche Arten beleuchtet und angestrahlt werden.

Somit ist es weiterhin möglich, in dem Gebäude eine Plattform für dunkle Konzerte, heitere Discos und förmliche Tagungen zu bieten. Auch sind dank sechs Räumen mit unterschiedlichen Kapazitäten alle Möglichkeiten einer Veranstaltungsgrösse möglich – ob Meeting mit 80 Teilnehmern oder ein Auftritt eines Musikers mit 700 Fans, hier passt alles rein. Und dank dieser Ausgangslage tat die architektonische Auffrischung Wunder, auch wenn man gewisse Details oder Bauteile im alten Zustand liess. Doch wer will schon einen Gothic-Event besuchen, wenn alles blitzt und neu aussieht?

Genau dieser Umstand, verbunden mit den guten Einfällen von Urs Baumann, lässt mich abschliessend sagen, dass die Renovation wahrlich geglückt ist. Das X-Tra zeigt sich nun wieder seinem Entstehungsjahr angemessen und in passender Kleidung. Der Besuch lohnt sich somit nicht nur für Musikliebhaber, sondern auch Hochbauzeichner und Konsorten.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Foyer & Garderobe

Fête des Lumières 2016 in Lyon

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Fête des Lumières
Lichterfest in Lyon
Samstag 08. Dezember 2016

Jedes Jahr im kalten Dezember macht man in Lyon die Nächte zum Tag und feiert ein ganzes Wochenende lang das Licht. Das „Fête des Lumières“ lockt seit vielen Jahren nicht nur alle Bewohner der Stadt aus ihren Häusern, sondern auch viele Touristen aus der Nachbarschaft und dem Ausland in die Gassen. Im Gegensatz zu anderen Paraden und Aktivitäten stellt dieses Fest aber nicht eine billige Darbietung mit Kerzen unter Statuen dar, sondern ist eine moderne Reise zwischen Kunst und Wirkung.

Aufgrund der aktuellen Situation wurde das Fête des Lumières in diesem Jahr zwar etwas verkleinert, doch für den neugierigen Besucher der französischen Stadt boten sich weiterhin fast 40 Installationen und Experimente zur genauen Betrachtung an. Eine kluge Planung im Vorfeld war nötig, um die nächtlichen und kalten Stunden ohne zu grosse Hektik geniessen zu können. Durch die Menschenmassen war das Vorankommen an gewissen Stellen in der Altstadt schliesslich fast unmöglich, hier musste man sich mit dem Strom treiben lassen. Aber auch so fand man den Weg zu sehr unterschiedlichen und faszinierenden Präsentationen.

So wuchsen vor den Augen der Menschen künstliche Wälder aus den Pflastersteinen, farbig pulsierend zu treibendem Ambient. Weiter vorne am Place Bellecour wurde man optisch und akustisch in die Zeiten der Jahrmärkte und Gaukler entführt und behielt auf dem Riesenrad die Übersicht, nur um am anderen Ende des Platzes von LED-Stäben in die kalte Sci-Fi entführt zu werden. Flackernde Lichter, untermalt von befremdlichen Klängen – Vangelis hatte es bei „Blade Runner“ nicht anders gelöst. Das passte auch zu den tiefen Temperaturen, welche aber in den Massen und zwischen Glühweinbechern nicht so stark zu spüren waren.

Um sich komplett gegen kalte Glieder zu bewahren, gab es aber eine perfekte Möglichkeit: Versteckt neben einer Baustelle wurde ein Betonmischer mit Spiegelstückchen beklebt und somit zu einer riesigen Disco-Kugel umfunktioniert. Dazu liefen über Lautsprecher die passenden Hits und viele Leute liessen sich zu spontanen Tänzchen hinreissen. Allgemein sah man überall in der Stadt lachende Personen, fleissige Fotografen und gut gelaunte Entdecker. Das Lichterfest ist seinen guten Ruf nicht nur wert, auch zeigt es die fantastischen Möglichkeiten der Verbindung von Sound und Licht.

Farben und Helligkeit entfalten mit der Musik ihre grosse Wirkung, dank gespenstischen Klangkompositionen werden bekannte Gassen zu fremdartigen Gebieten. Egal ob man sich nun in einer Asia-Techno-Disco unter freiem Himmel befindet oder zwischen Laserstrahlen die Verwandlungen von Electronica begutachtet – Klangforscher kommen hier auf ihre Kosten. Und wer die Reise nach Lyon mit einem Konzertbesuch verbindet, gewinnt somit gleich doppelt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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