Allgemein

Fantoche 2017 – Tag 2: Wettbewerbe

Mittwoch 06. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Der zweite Fantoche-Tag stand für ARTNOIR ganz im Zeichen der animierten Kurzfilme. Gleich zwei Schweizer und zwei internationale Wettbewerbe füllten den Abend; insgesamt machte das nicht weniger als 40 wunderschöne, verstörende, einfühlsame und aufwühlende Geschichten. Dabei zeigte sich, dass derzeit das Handgemachte stark auf dem Vormarsch ist. Typische CGI-Erzeugnisse sah man praktisch keine, dafür wieder vermehrt Filme in Stop-Motion.

Ebenso sind diese Wettbewerbe der perfekte Tummelplatz, um bei den Inhalten und den Präsentationsformen Grenzen zu sprengen. Hier können sich Produzenten aktueller Kino- und TV-Erzeugnisse noch viele Scheiben von diesen jungen Künstlern abschneiden.



International Competition 1
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Wer sich international mit einem Kurzfilm behaupten will, der setzt vor allem auf Geschichten, die ohne Sprache erzählt werden können. Bei Animationsfilmen sind Sounddesign und Musik extrem wichtig, um Stimmungen zu erschaffen. Perfekt gelingt dies „Sore Eyes For Infinity“ – hier wandelt sich der Score von experimentellem Electro zu Techno und lärmigem Ambient. Da darf sich auch die echte Welt plötzlich in einen Film schleichen, wie bei dem wundervoll mit Malerei und Stop-Motion kombinierten „The Full Story„. 3D-Animation sieht man nur einmal („Ugly„), dafür eine wunderschöne und mysteriöse Puppengeschichte („Nachtstück„), oder eine kritische Aussage gegen den Landraub an der Natur („Lupus„) mit tollen Modellen.

International Competition 2
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Der Internationale Wettbewerb 2 wartet unter anderem mit dem längsten der ausgewählten Kurzfilme auf: „Toutes Les Poupées Ne Pleurent Pas“ ist ein Puppenanimationsfilm über die Schaffung eines Puppenanimationsfilms. Eindringlich wird es mit „Vilaine Fille„, der eine patriarchalische Welt durch native Kinderaugen betrachtet. Doch auch der Humor darf nicht fehlen: „La Table“ und sein widerspenstiger Holzspan, der sich partout nicht entfernen lassen will, ist genauso unterhaltsam wie der knackige, auf einer Schreibmaschine (jawohl, richtig gelesen) produzierte Film „G-AAAH„.



Swiss Competition 1
12 Kurzfilme aus der Schweiz

Der Schweizer Wettbewerb 1 zeigt vor allem Handgemachtes. Da gibt es ein Beziehungsdrama im Gemäldestil („A L’Horizon„) oder den wahnsinnig aufwendig gemachten Stop-Motion-Film „Transient„, der von einer herzerwärmenden Begegnung mit kühlem Ende erzählt. Auf der gesellschaftskritischen Seite bewegen wir uns mit einer fast unaushaltbar schnellen Assoziationskette aus Alltagsdingen („In A Nutshell„). Und mit „Die Teufelsbrücke von Uri“ findet sogar eine alte Schweizer Sage vom Pakt mit dem Teufel den Weg auf die Leinwand.

Swiss Competition 2
12 Kurzfilme aus der Schweiz

Ob kritische Beiträge gegen gesellschaftliche Zwänge, verwunderlich angewandte Animationstechniken oder unterschiedlichste Präsentationsformen – der zweite Wettbewerb der Schweizer Kurzfilme bietet eine grosse Vielfalt. Mit „Scottish Muslim Voices“ wird der versteckte Rassismus in kurzer Dokuform angeprangert, „Féroce“ transportiert die Zuschauer für 15 Minuten in einen blutigen Thriller oder man schaut dem Treiben auf dem Flughafen bei „Airport“ zu, gezeichnet auf Glas. Auch wenn nicht alles immer gleich gut funktioniert, Collagen-Satire gegen idiotischen Tourismus („Swiss Made„) oder Vergangenheitsbewältigung des Jobs als Liftboy („Ooze„) lässt staunen und strahlen. Wahnsinn, diese Vielfalt in unserem Land.



Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Fantoche 2017 – Tag 1: Loving Vincent

Dienstag 05. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Jedes Jahr im September verwandelt sich die Kleinstadt Baden an der Limmat für sechs Tage in das Mekka der Animationsfilm-Interessierten – und auch dieses Jahr öffnete das Fantoche wieder seine Tore. Was am Dienstag noch eher ruhig und überschaubar vonstatten ging, wird die restlichen Tage der Woche nicht nur die Kinosäle, sondern auch Kunstorte, Kulturzentren und die halbe Innenstadt in seinen Bann ziehen.

Nebst den jährlich stattfindenden Wettbewerben für Kurzfilme gibt es auch dieses Jahr Langfilm-Premieren, interessante Themenblöcke (unter anderem zum Thema Brexit), Ausstellungen, Workshops, Dikussionsrunden und Partys. Ob man sich nun das Bier spätabends mit GIFs bunter gestaltet, am Morgen zwischen Kaffee und Gipfeli den Künstlern zuhört oder den gesamten Nachmittag von Saal zu Saal hetzt, um die besten Plätze im Kino zu ergattern – langweilig wird es auch bei der 15. Ausgabe des Fantoche nie. Und genau darum werden wir versuchen, jeden Tag über neue Aspekte zu berichten – denn Animation heisst bei Weitem nicht nur Film und Zeichnung.


Die Ehre der Festivaleröffnung hatte dieses Jahr eine ganz besondere Produktion:

Loving Vincent
Land / Jahr: England, Polen / 2017
Regie: Dorota Kobiela und Hugh Welchman
Musik: Clint Mansell
Website: lovingvincent.com

Die 15. Ausgabe des Fantoche-Festivals wurde mit dem Film „Loving Vincent“ eröffnet. Die britisch-polnische Co-Produktion erweckt verschiedenste Werke Vincent van Goghs zum Leben, farbrauschende Szenen und schwarz-weiss gehaltene Rückblenden beleuchten ein tragisches Künstlerleben und insbesondere die Wochen kurz vor seinem Tod.

Bemerkenswert ist vor allem die Technik, mit der „Loving Vincent“ geschaffen wurde. Die Regisseure Dorota Kobiela und Hugh Welchman entwickelten aus van Goghs Kunstwerken 377 Referenzbilder für die Handlung, alle in seinem typischen Stil gehalten. Auf diesen Bildern basierend wurde der Film zunächst mit Schauspielern aufgenommen – darunter auch einige bekannte Namen wie Saoirse Ronan (Brooklyn), Aidan Turner (The Hobbit) oder Jerome Flynn (Game of Thrones). Schliesslich malten über 120 Künstler aus ganz Europa die Aufnahmen mittels eines Rotoskopie-Verfahrens in Ölfarbe nach und digitalisierten jedes der rund 65’000 so entstandenen Einzelbilder. Dieser wahnsinnig aufwendige Prozess hat sich gelohnt: „Loving Vincent“ sieht nicht nur fantastisch aus, sondern ist auch durchweg spannend, einfühlsam und berührend.

„Loving Vincent“ läuft in der Deutschschweiz im Dezember an. Für interessierte Fantoche-Besucher wird am Donnerstag, 7. September 2017, in Anwesenheit von Hugh Welchman ein Making-of dieses aussergewöhnlichen Films gezeigt.



Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Swans – The Great Annihilator (1995)

Swans – The Great Annihilator 
Label: Young God Records, Remaster 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Noise-Rock, Alternative

Es war schon fast das letzte Aufbäumen vor der Auflösung und genau darum auch ein fantastischer Ritt durch alle bandbestimmenden Qualitäten. Der grosse Vernichter stellt sich allem entgegen und ist eines dieser wilden Alben, die nur Swans kreieren können. Ursprünglich 1995 veröffentlicht, erscheint nun eine klanglich aufpolierte Version von „The Great Annihilator“ mit zusätzlichem Live-Song und dem kompletten „Drainland“-Album von Michael Gira. Aber eigentlich bietet schon das ursprüngliche Werk mehr als genug Material zum Lärmen und Staunen, oder Sich-am-Kopf-kratzen.

Denn mit dieser Platte wagten Swans einen Seiltanz zwischen zugänglichem Material wie „Warm“, welches schon fast angenehm anzuhören ist – nur um dann gleich wieder in die kaputten Gebiete des alternativen und lärmenden Rock abzustürzen. Mit vielen Gitarrenspuren, hypnotischen Wiederholungen, einer rumpligen Rhythmusfraktion und mehreren Stimmen wandelt man in den Gängen eines Irrenhauses und findet plötzlich den sonnigen Innenhof. „Mind/Body/Light/Sound“ steht als Kumulation aller Zutaten in perfekter Form auf dem Platz.

Was hier aus gewalttätiger Rock-Musik, verwirrenden Klängen und angriffigen Ausformulierungen zu einem fantastischen Ritt wird, das verbarg sich im tiefen Inneren von Swans-Frontmann Gira. Trotz schwieriger Entstehungsgeschichte wirkt das Album vollendet und lockt mit seinen kurzen Liedern. Zwar fehlt hier noch etwas die erlösende Wirkung der neueren Scheiben, mitreissend ist „The Great Annihilator“ aber immer. Und wer dann komplett in die Dunkelheit abstürzen will, der hört mit „Drainland“ die seelischen Abgründe der Menschheit und die obskure musikalische Aufarbeitung des Alkoholismus.

Anspieltipps:
I Am The Sun, Mind/Body/Light/Sound, The Great Annihilator

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Besichtigung X-Tra Zürich

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Interessanterweise war es anhand der Bilder, welche vorab der Presse zugestellt wurden, schwierig, grosse Veränderungen festzustellen. Allerdings waren die meisten Kontakte mit dem Gebäude an der Limmatstrasse in Zürich auch eher nächtlich und mit eingeschränkten Lichtverhältnissen. Für einmal aber besuchte ich das Kulturlokal X-Tra auf direkte Einladung der Betreiber, es wurde zur Besichtigung der Räumlichkeiten nach dem Umbau geladen. Und bereits vor dem Eintreten in das Foyer fiel auf, wie hell und aufgeräumt das Gebäude nun wirkt.

Architekt Urs Baumann wurde beauftragt, das 1931 von Karl Egender erbaute Limmathaus neu glänzen zu lassen – ohne die Vielfältigkeit der Events zu beeinträchtigen. Die Auffrischung beschränkt sich zwar nur auf das Innenleben, doch mit einigen geschickten Anpassungen wurde hier vieles erreicht. Verschwunden sind die bunt angestrichenen Wände, die Plattenböden und die massigen Deckenkonstruktionen – neu herrscht im X-Tra wieder der Geist des Bauhaus-Stils. Graue und schwarze Wände wechseln sich mit Holzverkleidungen und weissen Flächen, Wände und Brüstungen können auf unterschiedliche Arten beleuchtet und angestrahlt werden.

Somit ist es weiterhin möglich, in dem Gebäude eine Plattform für dunkle Konzerte, heitere Discos und förmliche Tagungen zu bieten. Auch sind dank sechs Räumen mit unterschiedlichen Kapazitäten alle Möglichkeiten einer Veranstaltungsgrösse möglich – ob Meeting mit 80 Teilnehmern oder ein Auftritt eines Musikers mit 700 Fans, hier passt alles rein. Und dank dieser Ausgangslage tat die architektonische Auffrischung Wunder, auch wenn man gewisse Details oder Bauteile im alten Zustand liess. Doch wer will schon einen Gothic-Event besuchen, wenn alles blitzt und neu aussieht?

Genau dieser Umstand, verbunden mit den guten Einfällen von Urs Baumann, lässt mich abschliessend sagen, dass die Renovation wahrlich geglückt ist. Das X-Tra zeigt sich nun wieder seinem Entstehungsjahr angemessen und in passender Kleidung. Der Besuch lohnt sich somit nicht nur für Musikliebhaber, sondern auch Hochbauzeichner und Konsorten.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Foyer & Garderobe

Fête des Lumières 2016 in Lyon

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Fête des Lumières
Lichterfest in Lyon
Samstag 08. Dezember 2016

Jedes Jahr im kalten Dezember macht man in Lyon die Nächte zum Tag und feiert ein ganzes Wochenende lang das Licht. Das „Fête des Lumières“ lockt seit vielen Jahren nicht nur alle Bewohner der Stadt aus ihren Häusern, sondern auch viele Touristen aus der Nachbarschaft und dem Ausland in die Gassen. Im Gegensatz zu anderen Paraden und Aktivitäten stellt dieses Fest aber nicht eine billige Darbietung mit Kerzen unter Statuen dar, sondern ist eine moderne Reise zwischen Kunst und Wirkung.

Aufgrund der aktuellen Situation wurde das Fête des Lumières in diesem Jahr zwar etwas verkleinert, doch für den neugierigen Besucher der französischen Stadt boten sich weiterhin fast 40 Installationen und Experimente zur genauen Betrachtung an. Eine kluge Planung im Vorfeld war nötig, um die nächtlichen und kalten Stunden ohne zu grosse Hektik geniessen zu können. Durch die Menschenmassen war das Vorankommen an gewissen Stellen in der Altstadt schliesslich fast unmöglich, hier musste man sich mit dem Strom treiben lassen. Aber auch so fand man den Weg zu sehr unterschiedlichen und faszinierenden Präsentationen.

So wuchsen vor den Augen der Menschen künstliche Wälder aus den Pflastersteinen, farbig pulsierend zu treibendem Ambient. Weiter vorne am Place Bellecour wurde man optisch und akustisch in die Zeiten der Jahrmärkte und Gaukler entführt und behielt auf dem Riesenrad die Übersicht, nur um am anderen Ende des Platzes von LED-Stäben in die kalte Sci-Fi entführt zu werden. Flackernde Lichter, untermalt von befremdlichen Klängen – Vangelis hatte es bei „Blade Runner“ nicht anders gelöst. Das passte auch zu den tiefen Temperaturen, welche aber in den Massen und zwischen Glühweinbechern nicht so stark zu spüren waren.

Um sich komplett gegen kalte Glieder zu bewahren, gab es aber eine perfekte Möglichkeit: Versteckt neben einer Baustelle wurde ein Betonmischer mit Spiegelstückchen beklebt und somit zu einer riesigen Disco-Kugel umfunktioniert. Dazu liefen über Lautsprecher die passenden Hits und viele Leute liessen sich zu spontanen Tänzchen hinreissen. Allgemein sah man überall in der Stadt lachende Personen, fleissige Fotografen und gut gelaunte Entdecker. Das Lichterfest ist seinen guten Ruf nicht nur wert, auch zeigt es die fantastischen Möglichkeiten der Verbindung von Sound und Licht.

Farben und Helligkeit entfalten mit der Musik ihre grosse Wirkung, dank gespenstischen Klangkompositionen werden bekannte Gassen zu fremdartigen Gebieten. Egal ob man sich nun in einer Asia-Techno-Disco unter freiem Himmel befindet oder zwischen Laserstrahlen die Verwandlungen von Electronica begutachtet – Klangforscher kommen hier auf ihre Kosten. Und wer die Reise nach Lyon mit einem Konzertbesuch verbindet, gewinnt somit gleich doppelt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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69. Filmfestival Locarno – Samstag 16-08-06

Bild von Cornelia Hüsser

Bild von Cornelia Hüsser

69. Filmfestival Locarno
Samstag, 06. August 2016

Dank einer wunderbaren Fügung des Glücks gewann ich bei Cineman zwei Tagespässe für die 69. Ausgabe des Festival del Film in Locarno. Und da ich schon immer einmal dieses weltbekannte Filmfest besuchen wollte, hielt mit am letzten Samstag nichts davon ab, mit meiner Freundin das Tessin zu besuchen. Sicherlich, 30 Grad und strahlender Sonnenschein sprechen nicht unbedingt dafür, Stunden in dunklen Sälen zu verbringen – doch was macht man nicht alles für die Kultur der bewegten Bilder.

Und zu wenig bietet das Festival del Film in Locarno an einem Samstag auf keinen Fall. Nicht nur muss man sich zwischen neun Orten und massenhaft Filmen entscheiden, dazwischen wollen auch noch Fragenrunden, Verleihungen von Auszeichnungen und das Festivalgelände voller Essensständen, Bars, Partyzelten und Boutiquen besucht werden. Kein Wunder, vergingen die Stunden wie im Flug und die Heimreise in der tiefen Nacht war schneller da als man Cinema schreien kann. Durch unsere geschickten Überlegungen schafften wir es aber, zwei Spielfilme als Weltpremiere, eine Dokumentation mit Anwesenheit des Regisseurs und einen fordernden Kurzfilmeblock zu geniessen.

Sicherlich, das Highlight des Festivals sind jeden Abend die Präsentationen von neusten Filmen aus aller Welt auf der wunderschönen Piazza Grande. Gleich zwei französische Produktionen durften in dieser warmen Sommernacht genossen werden – nachdem der amerikanische Schauspieler Harvey Keitel für sein Lebenswerk geehrt und ausgezeichnet wurde. Ein toller Moment, bekannte Stars wie ihn endlich in echt sehen und erleben zu dürfen. Das Gespräch mit Regisseur Gaspar Noé verpassten wir leider, doch dieser Kurzauftritt unter der riesigen Leinwand machte diesen Umstand wieder wett.

Cessez-le-feu
Regie: Emmanuel Courcol /Frankreich, 2016
Das Leben nach dem ersten Weltkrieg war für die Überlebenden kein einfaches – so finden auch die Brüder Marcel und Georges weder zueinander noch zum Frieden. Und leider findet auch dieser Film weder die richtigen Mittel noch die Tiefe, welche dieses Thema verdient hätte. Zu schnelle Szenenwechsel, zu platte Figuren – aber toll bebildert.

Dans la forêt 
Regie:Gilles Marchand / Frankreich, 2016
Mit seinen Söhnen verschwindet der Vater im schwedischen Wald – und scheint dabei nicht zu sein, was er scheint. Er schläft nie und wird immer ungehaltener. Ist er etwa der Teufel? Und genau so beklemmend wie diese Geschichte ist auch der Film von Marchand. Mit fesselnden Bildern und einer albtraumhaften Klangkulisse entführt er in eine Unterwelt voller psychologischer Fragen und Horrormomente. Echter Tipp für alle Thriller-Fans.

Bezness as usual
Regie: Alex Pitstra / Niederlande, 2016
Urlaub in Tunesien – früher das perfekte Mittel, um von seinen Problemen in Europa loszulassen und das Leben zu geniessen. Doch viele Frauen kehrten nicht nur mit einem neuen Mann, sondern auch einem Kind zurück. So erging es auch der Mutter von Regisseur Pitstra, der mit dieser einfühlsamen und extrem spannenden Dokumentation die Geschichte seiner Familie und seines tunesischen Vaters ergründet. Die Spurensuche führt dabei nach Basel, Lappland und in die merkwürdigen Eigenheiten einer fremden Kultur. Grossartig!

Setembro  
Regie: Leonor Noivo / Portugal, Bulgarien, 2016
Ein Kurzfilm über die Rückkehr einer Mutter mit ihrem Sohn nach Portugal. Erzählt in bedeutungsschwangeren Bildern und einer leisen Tonspur. Für meinen Geschmack etwas zu lose und nicht zwingend genug.

Cilaos
Regie: Camilo Restrepo / Frankreich, 2016
Auf der Insel La Réunion sucht eine Frau ihren Vater – und findet Rätsel und musikalische Abenteuer. Erzählt in Maloya-Rhythmen ist der Kurzfilm mehr Traum als Geschichte, aber bietet eine starke Anziehungskraft.

Sredi cheornyh voln
Regie: Anna Budanova / Russland, 2016
Der Animationsfilm basiert auf einer alten Legende, nach der ertrunkene Frauen sich in Meerestiere verwandeln. Wunderbar gezeichnet und in perfektem Tempo inszeniert zeigt uns Anna Budanova den Versuch eines Jägers, eine solche Frau als Mensch bei sich zu behalten.

Nuestra amiga la luna
Regie: Velasco Broca / Spanien, 2016
Dieser Kurzfilm sperrt sich jeglicher Definition, weder im Alter noch in der Form. Visuell berauschend und erzählerisch springend ist diese Arbeit eher ein Märchen als ein klassisches, bewegtes Bild. So sah man den Ganges noch selten.

Etage X
Regie: Francy Fabritz / Deutschland, 2016
Zwei Frauen stecken im KaDeWe im Lift fest und lassen alle Hemmungen fallen. Was zuerst wie eine Komödie anmutet, wird immer mehr zu einem Fetischtraum und schlägt eine Richtung ein, die man nie erwartet hätte. Sehr lustig, aber für mich dann doch eine Spur zu extrem.

Offen, interessant, fordernd und abwechslungsreich – das Programm am Festival del Film in Locarno bietet nicht nur für jeden Cineasten spannende Entdeckungen, sondern lädt dazu ein, unsere Welt aus vielen neuen Blickwinkeln zu betrachten. Dies wird bestimmt nicht mein letzter Besuch dieser Veranstaltung gewesen sein, und gerne zeige ich mich auch nächstes Jahr wieder in Locarno.

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Drawn Together – Cartoonmuseum Basel

Drawn Together Plakat

Drawn Together / Aline Kominsky-Crumb & Robert Crumb
Cartoonmuseum, Basel
02. Juli – 13. November 2016

„Aline Kominsky-Crumb und Robert Crumb sind ein ungleiches Paar – im Leben und in der Kunst. Die Pionierin des autobiografischen Comics und der gefeierte Undergroundzeichner und Schöpfer von Charakteren wie Fritz the Cat und Mr. Natural bringen diese Spannung in wahnwitzigen, gemeinsam gezeichneten Geschichten zu Papier. (…) Zum ersten Mal steht die Kooperation dieser beiden impulsgebenden Künstlerpersönlichkeiten im Zentrum einer umfassenden Ausstellung von Originalzeichnungen.“

Drawn Together_Bohli_3Was in der Beschreibung des Museums schon sehr interessant klang, war auch an der Vernissage am Freitag, 1. Juli in Basel nicht minder spannend. Die erste grosse Ausstellung zum gemeinsamen Werk von Herrn und Frau Crumb ist ein Gewinn und macht viel Freude. Passenderweise wurde die Vernissage von der Jug-Band „Notty’s Jug Serenaders“ eingeleitet, ein Trio, das perfekt den Südstaatenflair vor den Zeichnungen platzierte. Jug-Blues ist eine einfache Musik, die sich vor allem durch das Spiel einer Flasche oder eines Gefässes auszeichnet. Gewürzt mit witzigen Texten und den wunderbaren Solis einer Gitarre oder dem Banjo fand man schnell Gefallen an dieser nicht alltäglichen Musik.

Nach einer kurzen Einführung gab es standesgemäss einen leckeren Apéro und man konnte sogar ein paar Worte mit den Künstlern persönlich wechseln. Umso interessanter war es aber, die Ausstellung zu durchstreifen und zu merken, dass nebst den grossartigen und mit spitzer Feder gezeichneten Comics Robert Crumb auch viel Musik in sein Schaffen einfliessen liess. Da er selber ein begnadeter Sammler von 78er-Schellackplatten und Musiker ist liegt es nahe, dass der Zeichner auch unzählige Plattencover gestaltet hat. In Basel ist ebenso eine Auswahl dieses Wirkens ausgestellt – der Besuch lohnt sich somit auch für Musikfanatiker.

Übrigens erscheint im August eine interessante Publikation zur Ausstellung. Wer also keine Reise nach Basel unternehmen kann, findet hier einen kleinen Trost. Allen anderen ist die Betrachtung einer Kuriosität des Underground-Comics auf jeden Fall ans Herz zu legen.

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Media Monday #256

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Der Sommer ist wieder da, Zeit sich vor dem TV zu verstecken und die Fragen des Medienjournal füllen.

1. Abgesehen vielleicht von der Fantasy in Basel und einem hypotetischen Besuch der Comic Con San Diego interessieren mich Conventions/Messen eigentlich nicht wirklich. Was genau ich dort machen soll, habe ich noch nicht herausgefunden. Das Nerd-Level ist wohl zu hoch für mich.

2. HD, 3D, UHD… Mir persönlich reich ja das „einfache“ HD. Wobei die Abkürzungen früher irgendwie auch schon mal besser waren. Oder?

3. „Push“ war ja mal ein richtig mieser Streifen, aber vor allem halt einfach leer und belanglos. Die Geschichte ist absolut an den Haaren herbeigezogen, voller Logiklöcher und doofen Figuren. Immerhin sind die Schauspieler toll und Dakota Fanning cool. Etwas traurig ist es aber schon, dass vor allem die Action-Szenen in einem Action-Film langweilig sind.

4. Wenn es rein danach geht, wie viele Filme ich mit einer/einem DarstellerIn gesehen habe, müsste(n) wohl vermutlich Stanley Tucci an der Spitze liegen, schließlich ist der Mann nicht nur grossartig und absolut wandelbar, sondern auch in jedem gefühlten zweiten Film im Kino vertreten. Gut so.

5. „Supernatural“ ist eine dieser Serien, die schon viel zu lange läuft, denn ich komme mit dem Gucken einfach nicht mehr nach. Irgendwo in Staffel 4 bin ich hängen geblieben und die sprechen bereits von Season 12? Mein Gott, wie lange kann man die Welt denn von Dämonen und Monstern retten?

6. Müsste ich jemandem, der mir nicht näher bekannt ist, ein Buch schenken, dann wäre das wohl ein Roman der mir viel bedeutet, denn das Teilen von Erlebnissen und Gefühlen bringt die Menschen schliesslich näher zusammen. Wie wäre es also mit „Wie wird Beton zu Gras“ von Otto F. Walter, oder „Haben oder Sein“ von Erich Fromm, etwas von Dennis Lehane oder vielleicht ein Klassiker von Max Frisch?

7. Zuletzt habe ich „X-Men Apocalypse“ gesehen und das war eine tolle Fortsetzung der Reihe, weil die Schauspieler wunderbar zusammen spielen und der Film echt gut gemacht ist. Die Geschichte wirkte nie forciert und viele Handlungsstränge der letzten Filme werden wieder aufgegriffen. Endlich ein Ensemblefilm, der seine vielen Charaktere passend jongliert. Und Sophie Turner ist nun mit dabei. *.*

Media Monday #255

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Dieses Pfingstwochenende hatte es in sich, und die Tage davor auch. Fünf Konzerte in einer Woche sind doch etwas viel, aber ein wenig Platz für Film und TV blieb trotzdem. Die Vorlage stammt wie immer vom Medienjournal.

1. So ein langes Pfingstwochenende verleitet ja regelrecht dazu viel zu unternehmen und viel Zeit im Wohnzimmer zu verbringen. Denn wie meist, war es auch dieses Jahr eher regnerisch. Darum hab ich die Gelegenheit genützt um bei einem Freund zu Hause die VR-Brille für sein Smartphone auszuprobieren. Eine ganz unterhaltsame Sache, wenn auch das Angebot an Videos und „Spiele“ noch sehr klein ist.

2. Das Abendessen verwechsle ich ja gerne mal mit ein paar Flaschen Bier, an solchen Wochenenden. Besonders wenn man jeden Abend mit Freunden an ein Konzert geht. Wunderbar daran ist aber, dass man sich dann auch mal ein Essen nach dem Ausgang kocht. Zum Beispiel gleicht mit fünf Gästen in der eigenen Wohnung, und dazu leidenschaftlich über Musik spricht. Bis drei Uhr Nachts.

3. Am Samstag war GraticComicTag, die FedCon läuft dieser Tage auch noch. Mir persönlich war beides egal. Ich schaue weder Star Trek, noch mag ich Comics in deutscher Übersetzung lesen. Beim amerikanischen Pendant bin ich aber bestimmt wieder in einem Shop anzutreffen.

4. Wenn es „Chelsea“ nicht gäbe, ich würde wohl mein Leben genau so fortführen wie mit dem Angebot dieser neuen Talkshow auf Netflix. Sicherlich, die Dame ist ja ganz ok und auch immer mal interessant, doch das Konzept hinter der Sendung begreife ich noch nicht wirklich. Und drei neue Folgen pro Woche? Da wird sich doch schnell eine Übersättigung einstellen.

5. ESC-Twittern, Tatort-Twittern, dieses ganze kollektive Fernsehen war mir bis jetzt komplett unbekannt. In meinem Wohnzimmer steht zwar ein TV, der wird aber nur für Bluray und Netflix benutzt. All diese Schrottsender empfange ich nicht, auf den sozialen Netzwerken treibe ich mich nicht herum. Lieber mit echten Menschen ab und zu über Filme, Serien und das Leben diskutieren.

6. Leute, kennt ihr eigentlich eine tolle Alternative zu dem iPod Classic? Solltet ihr nämlich unbedingt, schließlich gibt mein liebstes Gerät so langsam den Geist auf und ich will doch nicht ein iPod Touch mit nur 64GB kaufen. Das reicht ja knapp für alles von U2, Ellie Goulding und Marillion. Und gibt es ein Spieler, der die Dateien von iTunes abspielen kann?

7. Zuletzt habe ich das Technorama in Winterthur besucht und das war aufregend, spannend und unterhaltsam, weil man in diesem Wissenschafts-Zentrum hunderte von Experimente selber durchführen kann. Die Welt der Physik, Chemie, Biologie und Technik wird einem somit greifbar gemacht und auf wundersame Weise erklärt.

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Media Monday #254

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Was war das toll, ein solch langes Wochenende. Zum Start der normalen Woche noch der neuste Lückentext vom Medienjournal.

1. Wirklich, bei der Besetzung hätte ich mir bei „New Girl“ nichts anderes wünschen können. Die Hauptfiguren sind mir nach wenigen Folgen bereits stark ans Herz gewachsen und ich fühle mich wieder wie damals bei „Friends“: Ich wurde in eine neue Gang aufgenommen und darf mit ihnen alle Höhen und Tiefen des Lebens durchmachen. Nur, dass Coach nach der Pilotfolge plötzlich weg war hat mich etwas verwirrt.

2. So schön das Hobby Film auch sein mag, meine Freundin / meine Freunde hat/haben immer Vorrang, schließlich besteht das Leben zum grössten Teil aus der Realität und nicht fremden Welten und Personen auf dem Bildschirm. Und die Natur / Welt ist einfach auch zu schön, um nicht mit den eigenen Augen gesehen zu haben.

3. Jeder Film von Monty Python ist eine großartige Satire, denn ich liebe den direkten und schwarzen Humor aus England. Hier wird niemanden verschont und keine Pointe ist zu flach oder doof. Da wir in der Schweiz den Humor leider schon lange verloren haben, ist ein solcher Streifen immer eine wunderbare Abwechslung.

4. Beim Thema Dokumentationen lasse ich mich gerne durch Freunde beraten oder greife blindlings bei Netflix zu. In Diskussionen erfährt man aber meist am besten von neuen Themen und Filme.

5. Irgendwie scheint ja jeder unzählige Serien gesehen zu haben, wohingegen ich mit meiner Programm überhaupt nicht nach komme. Dieses Wochenende gab es die ersten paar Folgen von „Marseille“ – eine echt spannend gemachte Polit-Action-Serie von Netflix. Natürlich erinnert man sich an „House Of Cards“, doch alles ist ein wenig französischer. Also mehr Zigaretten, Kriminalität und Sex.

6. Die Rechenleistung meines MacBook hat sich nicht wirklich zu ihrem/seinen Vorteil entwickelt, schließlich wurde der Laptop seit Jahren immer langsamer und müder. Doch nun wage ich das Update auf „El Capitan“. Falls ihr also bald nichts mehr von mir liest, hat die Frischzellenkur nicht geklappt.

7. Zuletzt habe ich mit meiner Freundin die Fantasy Basel besucht und das war super unterhaltsam und ein echt lustiger Tag, weil die Schweizer Comic-Con in ihrer zweiten Ausgabe grösser, besser und bunter wurde. Nebst Ständen voller Funko-Pop Figuren, Comics und verrücktem aus Asien, gab es viele Cosplayer zu betrachten, Games zum testen, Trailer zu gucken und Modelle zu bestaunen. Plötzlich waren die Verlierer wieder die Könige der Welt.