Monat: September 2017

Live: Spencer, Badenfahrt Baden, 17-08-20

Badenfahrt 2017
Bands: Spencer, Mark Kelly
Sonntag 20. August 2017
Website: badenfahrt.ch

Wenn eine Stadt ihr Fest nur alle zehn Jahre steigen lässt, dann wird auch gleich mit grosser Kehle angerührt. Wobei das Ausmass der Badenfahrt schon extrem ist, und man sich als Besucher in dem Überangebot schnell verlieren kann. Denn für etwas mehr als eine Woche wird die Stadt im Aargau zum Schmelztiegel für kunstvoll konstruierte Bars und Restaurants, Konzerte, Partys und Darbietungen jeglicher Art. Da heisst es Programm genau studieren, genügend Zeit für die Wege einberechnen und Entscheidungen treffen. Dafür wird man hier auf jedem Meter überrascht und kulturell verführt.

Gemäss dem diesjährigen Motto „Versus“ durften die Lokalmatadoren Spencer am Sonntag in heissester Sonne ihre düsteren Songs darbieten – und somit gegen den strahlenden Sommer ankämpfen. Für die versierten Musiker war dies aber kein Problem, lockten sie durch ihre sympathische Art und mitreissenden Kompositionen doch schnell ein grossen Publikum vor die Bühne im Graben. Sicherlich, man musste die Augen schliessen um sich ihre Songs in dunklem Licht und kalter Atmosphäre geniessen zu können, aber so war der alternative New Wave ein Genuss.

Spencer nutzten den Auftritt nicht nur um ihr neustes Werk „We Built This Mountain Just to See the Sunrise“ zu verbreiten, sondern auch Gäste auf die Bühne zu bitten. The Bloom aus England sang mit der Band zwei krachende Gitarren-Songs, Chris Rellah kaperte die Musiker für ein paar Stücke. Man kann also auch gemeinsam und die Darbietung wurde somit schnell zu einem Aufstand gegen die schlechte Laune. Und als Frontmann Leo Niessner sich am Ende noch inmitten der Zuschauer zu einem wilden Gitarrensolo hinreissen liess, da waren auch die Leute auf der Hochbrücke aus dem Häuschen.

Etwas gemächlicher ging es ein paar Stunden später auf der wunderschön gestalteten Polygon-Stage neben der Limmat weiter. Der Englische, aber in der Westschweiz lebende Musiker Mark Kelly nahm Bühne und Besucher mit nur seiner Stimme und abgewetzten Gitarre in Beschlag. Auf ehrlich, etwas verrückte aber immer tolle Art sang er über die komplizierten Einfachheiten im Leben und liess uns alle für eine Stunde etwas besser fühlen. Singer-Songwriter mit genügend Emotion und Anspruch, aber auch immer etwas im Schlamm neben der Spur – so muss es sein. Kein Wunder hatten ein paar Leute am Ende nicht genug und liessen sich von Kelly hinter der Bühne noch ein paar private Zugaben spielen.

Was eigentlich perfekt zu der gesamten Badenfahrt passt: Denn obwohl hier sehr vieles und lautes miteinander passiert, die kleinen und menschlichen Momente machen dieses Fest erst so wundervoll wie es ist. Wir freuen uns darum auf viele weitere Konzerte voller Freude und toller Musik – und weitere Entdeckungen neben dem ausgelatschten Pfad. Und wer sich nach so vielen Liedern endlich mal ausruhen möchte, der findet bei der, aus Büchern gebaute UsVers-Bar eine perfekte Gelegenheit.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Winterthurer Musikfestwochen, Steinberggasse Winterthur, 17-08-19

42. Winterthurer Musikfestwochen
Bands: FeistGlen HansardAndy Shauf
Samstag 19. August 2017
Steinberggasse, Winterthur

Die Musikfestwochen in Winterthur sind nicht nur jedes Jahr für Überraschungen gut, die letzten drei Abende in der Steinberggasse weisen auch jedes Jahr eine komplett andere Stimmung auf. So stand der Samstag in dieser 42. Ausgabe für zauberhafte Musik und kleine Gefühle im Grossformat. Der einzelne Musiker und die alleinige Künstlerin wurden während drei Konzerten zelebriert und die Sommernacht versank in einer wunderschönen und fast andächtigen Stimmung – wunderbar beleuchtet mit tollen Lichterketten, weit über den Köpfen der Besucher.

Wobei es nicht ganz fair ist, diese drei Acts auf ihre Frontleute zu reduzieren. Denn Andy Shauf aus Kanada ist zwar Multiinstrumentalist und ein zarter Songwriter, an diesem Samstagabend liess er sich aber von einer Band begleiten. Der hübsche Indie-Folk war also nicht nur zerbrechliche Stimme und akustische Gitarre, sondern auch Schlagzeug und Bass, Orgel und zwei Klarinetten. Shauf führte seine Band sicher durch die oft etwas unscheinbaren Stücke und hielt auch die Interaktion mit den Besuchern auf einem Minimum. Diese Art von Musik ist für einen Festival-Gig nicht immer geeignet, hier in Winterthur hat es aber toll geklappt.

Was nicht immer selbstverständlich ist, werden die Gruppen vor dem eigentlichen Hauptstar auch gerne etwas ignoriert. Nicht so aber in der Steinberggasse, die Leute waren von Anfang an bereit, leise der Musik zuzuhören und immer wieder mitzuklatschen und zu singen. Das freute die Indie-Pop-Künstlerin Feist, ebenfalls aus Kanada stammend, schon vor ihrem Auftritt – und natürlich liess sie darum die Leute immer wieder mitmachen. Das sorgte, nebst der wunderbar quirligen Art der Musikerin und der wirklich stark aufspielenden Band, immer wieder für humorvolle und freudenstrahlende Momente.

Wobei das Konzert besonders gegen Ende dann seine wahre Kraft entfalten konnte und die Leute bei Hits wie „Sea Lion Woman“ oder „Let It Die“ in völligen Jubel ausbrachen. Das Konzert mit der kompletten Darbietung ihres neusten Albums „Pleasure“ zu beginnen war nämlich etwas gewagt, Feist hatte aber auch damit gewonnen. Wobei es, zumindest aus meiner Sicht, nicht ganz für das Highlight an diesem Abend gereicht hatte. Diese Leistung hat nämlich der irische Musiker Glen Hansard für sich verbuchen können.

Nach vier Jahren endlich wieder auf dieser Bühne in Winterthur und nur mit einer Akustikgitarre und einem Klavier bewaffnet, wurde seine Darbietung zu einer Achterbahnfahrt der Gefühle und intensiver Gedanken. Seine Folk-Stücke wurden in diesem reduzierten Singer-Songwriter-Gewand zu strahlenden Diamanten; mit seiner druckvollen Stimme zauberte Hansard bei jedem Besucher Gänsehaut herbei. Er zeigte sich als emphatische Figur, kommentierte die aktuelle politische Lage und machte aus allen Besuchern eine grosse Familie. Und genau wegen diesen Erlebnissen sind die Winterthurer Musikfestwochen einfach einzigartig und hallen noch lange im Herzen nach.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Hammock – Mysterium (2017)

Hammock – Mysterium
Label: Hammock Music, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Klassik, Ambient

Wenn zwei Musiker, die sich seit 2005 mit Post-Rock beschäftigen, ihr Schaffen in Richtung Neue Musik verschieben, dann verspricht dies spannende und wunderschöne Lieder. Marc Byrd und Andrew Thompson ehren mit „Mysterium“ den an Krebs verstorbenen Clark Kern, mit dem Hammock eine tiefe Freundschaft verband. Das achte Studioalbum ist also Andacht, Feier und Ode zugleich, und eine gefühlsvolle Herangehensweise an Klassik.

Was momentan durch Komponisten wie Max Richter oder Jóhann Jóhannsson immer weiter in den Massengeschmack Einzug hält, wird nun auch von Hammock weitergeführt. Die Mischung aus orchestraler Klassik, Chor-Gesang, elektronischen Ambient-Mitteln und hier sogar noch etwas Gitarren lädt zum Schwelgen, Nachdenken und Geniessen ein. „Mysterium“ ist trotz des traurigen Anlasses ein Werk, das herrlich klingt und immer wieder sanft von Höhepunkt zu Höhepunkt schreitet. Im Gegensatz zu vorherigen Werken hat die Gruppe aus Amerika hier etwas vom Irdischen losgelöstes und zeitloses geschaffen.

Ob der Beginn mit „Now And Not Yet“ oder der Schluss mit „This Is Not Enough (Epilogue)“, Hammock haben die Welten des Ambient und der Klassik mehr als gelungen verschmolzen und mit „Mysterium“ ein Album auf die Beine gestellt, dass weit mehr ist als eine Totenmesse. Alle Liebhaber des Post-Rock werden hier Musik finden, die weit über die Genre-Grenzen hinaus strahlt und Herz und Kopf gleichmässig beglückt.

Anspieltipps:
Now And Not Yet, Remember Our Bewildered Son, This Is Not Enough (Epilogue)

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Liars – TFCF (2017)

Liars – TFCF
Label: Mute, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Art-Rock, Electronica

Dass man bei Liars nie etwas Bestimmtes erwarten durfte, das sollte so langsam allen bewusst sein – die Truppe um den Amerikaner Angus Andrew hat nämlich mit jedem Album den Fokus und die Darstellungsweise gewechselt. „TFCF“, das achte Studioalbum, machte nun aber nicht einmal mehr vor den Bandmitgliedern Halt und warf alle bis auf Andrew über Bord. Oder war es umgekehrt? Wie auch immer, die neusten elf Lieder sind eine Ein-Mann-Show und dadurch auch intimer als die Vorgänger – wenn man die Aussagen denn unter dem eklektischen Art-Rock ausgraben kann.

Denn auch auf „TFCF“ werden wieder auf merkwürdige Weise experimenteller Rock und punkige Electronica miteinander vermischt. Garniert mit etwas Verzerrung, stolpernden Songs-Schlüssen und den oft sehr lakonisch intonierten Texten. Beats tauchen immer wieder auf, wirken aber wie aus der Notaufnahme ausgebrochen, die Gitarren scheinen auf dem Flohmarkt geklaut worden zu sein. Da verwundert es nicht, landet man bei „No Tree No Branch“ fast im Folk-Pop und bei „Staring At Zero“ tief in der Techno-Maschine. Dank dem etwas wahnsinnigen Geist Andrews passt aber doch alles in einen Topf.

„TFCF“ ist somit erneut eine Platte geworden, die sich gegen alle Konventionen und Erwartungen stellt, gleichzeitig in ihrer Art aber auch zum Spielen und Entdecken einlädt. Liars geben sich hier autobiografisch in den Texten und zeigen somit eine erstaunliche Verletzlichkeit, die auch von den oft unnahbaren Klängen nicht überdecken werden kann. Diese Mischung ist gut so, schliesslich sind auch in der Science Fiction die fühlenden Roboter immer die interessantesten Figuren, welche neue Pfade beschreiten.

Anspieltipps:
Staring At Zero, Coins In My Caged Fist, Crying Fountain

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Leprous – Malina (2017)

Leprous – Malina
Label: Inside Out, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Progressive Metal

Beim sechsten Album sollte man doch denken, dass die Produktions- und Aufnahmeweisen eigentlich wie gewohnt über die Bühne gehen. Weit gefehlt jedoch bei „Malina“, der neusten Scheibe der Progressive Metal Band aus Oslo. Die Norweger gingen zwar mit einem klaren Plan an das Songwriting heran, während dem Prozess entwickelte sich aber dynamisch etwas neues. Doch das Resultat zählt und dies ist ganz klar mehr als gelungen. In modernstem Klangbild, verschachtelt und voller Gefühle zeigen Leprous, welche seit 2001 die Prog-Szene aufmischen, erneut ihre Klasse.

Wobei der Start mit „Bonneville“ und „Stuck“ erstaunlich melodisch und eingängig geraten ist. Im Hintergrund dürfen die Synthies zwar gegen Gitarre und Gesang quer spielen, aber auch Streicher und angenehme Riffs sind willkommen. Doch Leprous haben nicht umsonst erstaunlich viele Tage im Studio verbracht, denn spätestens ab „From The Flame“ wird „Malina“ von vertrackter Rhythmik, epochalen Sounds und extremer Dynamik in Besitz genommen. Es gibt bei jedem Lied Neues zu entdecken und mit jedem Durchgang wächst die Platte an. Man denke nur an den elektronischen Bass bei „Mirage“, den Refrain bei „Illuminate“ oder die Stakkato-Melodien bei „Coma“.

Aber da es sich hier um Leprous handelt, versinkt die Musik nie in der seelenlosen Technikprotzerei, vielmehr wirken auch die verworrensten Passagen organisch und lebendig. Der Gesang von Einar Solberg verleiht „Malina“ die benötigte Verletzlichkeit und die Gitarrenarbeit erdet das bunte Spiel der Synthies. Somit ist diese Scheibe nicht nur ein Ausrufezeichen für modernste Produktionsweisen, sondern auch erneut eine Stunde, die neue und emotionale Energie in das Genre des Modern-Prog bringt.

Anspieltipps:
Captive, Illuminate, Mirage

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Hirsch Effekt – Eskapist (2017)

The Hirsch Effekt – Eskapist
Label: Long Branch Records, 2017
Format: Download
Links: Bandcamp, Band
Genre: Math-Core, Hardcore, Metal

Die Gitarren und der grossartig aufspielende Bass haben schon fast das letzte Quantum Leben aus dir gepresst, doch die Erlösung kommt mit der wunderschönen emotionalen Erweiterung des Liedes. „Einmal noch! / Gib dich mir hin! / Tanz mit mir servil zum uns vertrauten Lied / von Sehnen und Monotonie“, singt Nils Wittrock und holt spätestens in diesem Moment alle Freunde von The Hirsch Effekt wieder zurück auf ein Album voller Begeisterung, Kreativität und extremer Auslotung der Stilrichtungen. Weg mit dem „Holon“-Zusatz, hin in die vertonte Math-Core-Metal-Variante von aktuellem Weltgeschehen und Flucht: „Eskapist“ ist da.

Die Hannoveraner, welche seit 2009 die Deutsche Musikszene mit ihrer extremen Mischung aus Indie-Metal und Punk-Core bis zu den Grundsteinen durchrütteln, wagen sich bei ihrem vierten Album wieder an eine schier unendliche Menge an Musik und Text. The Hirsch Effekt haben für die Aufnahmen von „Eskapist“ das Songwriting etwas umgestellt, das Resultat ist aber ein weiteres Mal ein Album, dass trotz seiner Gewalt unglaublich faszinierend und mitreissend ist. Lieder wie „Xenophotopia“ oder „Inukshuk“ wechseln die Genres und Ausdrucksweisen im Sekundentakt, immer wieder dürfen Streicher und mehrstimmige Gesänge in die Platte reinrutschen. Mit dem Monster „Lysios“ startet die Truppe gar sanft, lässt die Musik über sich hinauswachsen und gleitet mit einer sarkatischen „Alkohol-Werbung“ in die atonale Fusion zwischen Math-Core und Jazz.

Was als geschriebenes Wort schwierig nachzuvollziehen ist, funktioniert als Musik erstaunlich genial. Das Trio von The Hirsch Effekt ist auch mit „Eskapist“ weiterhin die extrem hoch angelegte Messlatte für alle Bands im Felde der intelligenten Extremmusik. Mit faszinierenden Zeilen und Perspektiven, wie das Flüchtlingsthema in „Natans“ oder der aufkeimende Rechtspopulismus („Berceuse“), positioniert sich die Band dieses Mal wieder politisch und auf korrekte Weise angriffig. Der Beweis, dass Art-Core also nicht mühsam künstlich daherkommen muss, wird mit diesem grandiosen Epos zelebriert. Emotional, ehrlich und immer umhauend – „Eskapist“ ist sogar noch besser als der Vorgänger „Holon: Agnosie“. Und der war schon perfekt.

Anspieltipps:
Natans, Berceuse, Lysios

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bogus Order – Zen Brakes Vol. 2 (2017)

Bogus Order – Zen Brakes Vol. 2
Label: Ahead Of Our Time, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Bandcamp
Genre: Downtempo, Acid House

Waren sie damals wirklich Ahead Of Our Time oder stolpern sie jetzt etwas der Vergangenheit nach? „Zen Brakes Vol.2“ ist nämlich ein ziemlich verspäteter Nachfolger zum 1990 veröffentlichten ersten Teil dieser Downtempo-Reihe aus der Feder von Bogus Order. Dabei ist die Platte nicht unwichtig in der Geschichte der andersartigen elektronischen Musik, war es doch die allererste Veröffentlichung auf dem Ninja Tune-Label und die Zusammenarbeit von Labelgründer Jonathan More und Matt Black. 27 Jahre später gibt es nun also zehn weitere Tracks aus ihrer Feder, zwischen sanftem Acid Hous und entspannter Electronica.

Bogus Order sind mit ihrer Musik eindeutig nicht ganz im Heute angekommen, versprühen Stücke wie „Ex Voto“ oder Bullnose Step“ doch ein Gefühl, das man damals mit Tosca, St. Germain oder ähnlichen Künstlern hatte. Das etwas zu hübsch produzierte Werk verwendet Synthies und Klänge, die damals alltäglich waren – heute aber eher in der Sparte „unecht“ landen. „Zen Brakes Vol.2“ ist deswegen aber nicht misslungen, sondern vielleicht einfach bloss etwas zu meditativ. Aber genau dies will die Musik gemäss ihrem Namen auch erreichen, die Hast des Alltags wird hier schnell vergessen.

Um nicht komplett verstaubt zu wirken, lassen Bogus Order ihr neues Werk durch eine grafische App begleiten, in der man die Musik abspielen und gleich auch mit einem Synthie rumspielen kann. Somit ist es dem Hörer nun selber überlassen, Klang-Meditationen wie „It’s Up 2“ etwas wilder zu gestalten oder die Spuren zu modulieren – was dem Duo hier eigentlich nur mit „The Atlantic Affair“ wirklich gelang. Alle anderen lassen sich vielleicht lieber von den doch etwas stärker aufregenden Werke von Boards Of Canada mitreissen.

Anspieltipps:
Sometimes It Hurts, Stooge, Waiting On Your Call

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The One Hundred – Chaos & Bliss (2017)

The One Hundred – Chaos & Bliss
Label: Spinefarm Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Crossover, Metal, Rap

Wenn schon ältere Recken wie Body Count noch einmal die Fahne des Crossover hochhalten dürfen, dann erst Recht die neue Generation. Bei dem ersten Album von The One Hundred geht es aber nicht um dreckig gespielten Metal mit bissig gebellten Texten eines Rappers, sondern um die moderne Kombination von Metal, Grime, Electro und Rap. „Chaos & Bliss“ macht darum auch gleich mit seinem Namen klar, hier kämpfen schier unzählige Komponenten um die Vorherrschaft – glücklicherweise versinken die Songs dabei aber nicht im undifferenzierten Brei.

Vielmehr wird hier die moderne Technik in der Produktion perfekt ausgelotet, glasklare Beats umringen zornige Gitarren und freche Synthie-Spuren – alles kumuliert sich zu einem lauten und immer mit Spannung geladenen Album. The One Hundred haben nach ihrer ersten EP den Sound etwas entgrümpelt, die Lieder wie „Monster“ oder „Hand Of Science“ schielen sogar in Richtung Pop und präsentieren Mitsing-Refrains. Allgemein, verloren wirkt an der Musik auf „Chaos & Bliss“ selten etwas, trotz Blasts und Hardcore-Einsprengsel, vielmehr gleicht sich dies durch eine kleine Prise R&B und Dance aus.

Natürlich, dieser etwas zu sexuell aufgeladene Gesang wie in „Boomtown“ und die manchmal doch etwas zu breit gestreute Mischung machen es The One Hundred etwas schwieriger, als sie es eigentlich hätten. Obwohl das Album immer laut knallt und manchmal sogar etwas übermutig neue Mixturen für ein verstaubtes Genre erfindet, werden für viele genau diese Klangerweiterung auch der Grund sein, wieso man die Platte doch wieder weglegt. Dass einem nach dem Genuss des extrem energetischen „Chaos & Bliss“ aber die Mundecken nach oben gleiten und man plötzlich auch wieder auf Rage Against The Machine Lust kriegt, dass ist ja auch nicht zu verachten.

Anspieltipps:
Monster, Hand Of Science, Chaos & Bliss

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Dedekind Cut – The Expanding Domain (2017)

Dedekind Cut – The Expanding Domain
Label: Hallow Ground, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Electronica, Ambient

Um rationale Zahlen in der Mathematik mit rellen Zahlen darstellen zukönnen, wird eine Partition namens Dedekindscher Schnitt ausgeführt. Um in der elektronischen Musik die moderne Herangehensweise an Noise, Ambient und New Age offen zu legen, benötigt man den Künstler Dedekind Cut. Zum Glück sind seine Kompositionen aber auch ohne Mathe-Studium verständlich, wenn auch gerne etwas verstörend – wie seine neuste EP „The Expanding Domain“ zeigt.

Fred Welton Warmsley III, so Dedekind Cut mit bürgerlichen Namen, zeigt mit diesen fünf Tracks nämlich, dass man aus leeren Stellen sehr wohl viel Ohrenbetäubendes zaubern kann. Bereits „Cold Bloom“ wechselt zwischen rauschendem Feedback zu einfachen Synthie-Melodien und endet in bedrohlichen Bass-Angriffen bei „Lil Puffy Coat“. Allgemein weist die Musik hier oft eine gewisse Verwandtschaft zum Industrial auf, mit seinen betäubenden Wiederholungen und heftigen Angriffen. Esoterik sucht man auf dieser Platte also komplett vergebens.

Eine kühle Umgebung macht aber noch keinen Winter, Dedekind Cut weiss seine Musik nämlich im richtigen Moment aufzubrechen und einzelne Klavier-Spuren einzustreuen, die den maschinellen Charakter der Musik etwas abschwächen („Fear In Reverse II“). Trotzdem ist „The Expanding Domain“ eine direkte Konfrontation mit Ambient-Noise und einzelnen Einflüssen des Trance – und zwar immer mitten ins Gesicht. Aber man kann schliesslich auch mit blutiger Fresse lächeln.

Anspieltipps:
Cold Bloom, Fear In Reverse II, Das Expanded, Untitled Riff

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Day Wave – The Days We Had (2017)

Day Wave – The Days We Had
Label: Harvest Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Shoegaze, Pop

Spätestens bei „Home“ ist es klar: Um die Klangwelt von Day Wave zu verorten, muss man einige Jahrzehnte zurückreisen. Obwohl bei diesem Lied vor allem die Gitarrenspuren an gewisse Taten von David Bowie erinnern, sind andere Songs ganz klar die Enkelkinder der Achtziger. Das Soloerzeugnis des kalifornischen Musikers Jackson Philips baut nämlich auf eine wunderbar verschwommene Atmosphäre und Songs, die dank ihrer Synthie- oder Gitarrenlast immer wunderbar warm und tief wirken. Und damit nicht alles zu poliert ist, scheinen die Stücke erst vor Kurzem aufgewacht zu sein.

Day Wave zelebriert auf seiner ersten Langspielplatte nämlich den angenehmen Lo-Fi aus dem Schlafzimmer, ohne seinen träumerischen Pop zu stark in den unsauberen Lärm abdriften zu lassen. Die Instrumente sind klar differenziert, auch wenn sie an den Kanten schleichend ineinander fliessen. Das Auftauchen der Keyboards bei „Ordinary“ lässt sich von Gesang in hohen Stimmlagen begleiten und lädt zur lockeren Disco-Party am Feierabend ein. Allgemein ist die Musik auf „The Days We Had“ nie aufdringlich, versprüht aber genügend Emotion, um nicht belanglos zu plätschern.

Ein Dank ist dem Ingenieur Mark Ranken auszusprechen, der nach seiner Arbeit mit Adele oder Bloc Party nun Day Wave bei seiner alleinigen Produktion ein wunderbares Gewand umgewickelt hat. Komposition und klangliche Wirkung ergänzen sich perfekt, sogar instrumentale Momente wie „Bloom“ wachsen als spannende Gebilde. Ob sich nun der Indie oder der graue Shoegaze etwas stärker in das Album zwängt, „The Days We Had“ ist nicht nur Reminiszenz, sondern auch Projektion von Kommendem.

Anspieltipps:
Home, Bloom, Wasting Time

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.