Monat: September 2017

Live: Egopusher, Badenfahrt Baden, 17-08-26

Badenfahrt 2017
Bands: Egopusher, Traktorkestar
Samstag 26. August 2017
Website: badenfahrt.ch

Es war also soweit, die letzte wilde Partynacht an der Badenfahrt 2017 wurde eingeläutet. Erstaunlich, wie schnell ein solches, doch zehn Tage andauerndes Fest vorbeigehen kann. Doch dies war noch lange kein Grund, um Müdigkeit aufkommen zu lassen – denn noch einmal wurde eine Nacht lang „Versus“ so richtig ausgelebt. Ob moderne, elektronische Schwelgereien oder Breitwand-Balkan-Zeremonien, die Vielfalt war erneut so gross wie das Festgebiet.

Früh da sein war aber bei allen Veranstaltungen das Credo, spielten die Bands doch in eher kleinen Lokalitäten. Das Zürcher Duo Egopusher baute seine Instrumente und Geräte in der Parzelle 5554 auf, einer goldenen Bar mit fantastischer Aussicht auf die Aargauer Stadt. Tobias Preisig und Alessandro Gianelli liessen sich aber nicht von den funkelnden Lichtern des Festes ablenken, sondern entlockten Effektgeräten, Schlagzeug und Violine Songs, die extrem packend Techno mit etwas Jazz und cinematischem Volumen mischen.

Umhüllt von Nebelschwaden und Stroboblitzen liessen sie die Besucher des Gerüstbaus zwischen versunkenen Tänzen und frenetischem Jubel oszillieren und liessen alle kurz die Hitze vergessen. Nach diesem Auftritt freute man sich gleich noch mehr auf das kommende Debütalbum der Gruppe. Und fand mit Traktorkestar den perfekten Gegenpol für ein weiteres Konzert. Denn die Berner sind nicht nur viele Mitgleider stärker, sondern auch klanglich komplett woanders zu verorten.

Sich auf die eher knappe Bühne im Beetli Schmied quetschend, zeigte die Blaskapelle den Badnern, dass grossartig mitreissende Balkan-Brass-Musik auch aus der Schweiz stammen kann. Mit wilder Perkussion, immer abwechselnd gespielten Solos und einer Wagenladung voller heisser Rhythmen liessen Traktorkestar dieses kleine Quartier geschlossen hüpfen und feiern. Und war für viele der perfekte Abschluss für einen weiteren, wundervollen Badenfahrts-Tag.

Nicht minder interessant: Auf der Polygon-Bühne wurde einige Stunden zuvor die Miss Badenfahrt gekürt. Doch ganz im Sinn der alternativen Kultur ging es hier nicht darum, die schönste Bikinifigur und die längsten Beine zu bejubeln, sondern Künstler jeglichen Alters und Geschlechtes bei Darbietungen zu bewerten. Mit ihren witzigen, immer eloquenten und tiefreichenden Slam-Texten konnte sich die Trimbacherin Lisa Christ dann am Ende durchsetzen und nimmt die wunderbare Stadtturm-Krone somit in den Kanton Solothurn nach Hause. Die Badenfahrt ist schliesslich schweizweit zu feiern.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

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Live: Open Air Gränichen, Moortal Gränichen, 17-08-25

Open Air Gränichen
Bands: New Model Army, Phil Campbell & The Bastard Sons, Cellar Darling, Crystal Ball, XII Gallon Overdose, Pascal Geiser, Bob Spring & The Calling Sirens
Freitag 25. August 2017
Moortal, Gränichen
Website: openairgraenichen.ch

Wer sich in das Moortal nach Gränichen verirrt, der wird sich bestimmt über das jährlich stattfindende Festival wundern. Wieso sollten solch bekannte Künstler und Bands die Reise in dieses abgelegene Dorf antreten? Die Antwort ist, wie meist bei musikalischen Veranstaltungen, eine ganz einfache: Weil sich hier viele Leute freiwillig zusammenschliessen, um ein liebevoll gestaltetes und immer angenehmes Fest der härteren Musik auf die Beine zu stellen – und dies zum bereits 23. Mal!

So haben es die Veranstalter auch 2017 wieder geschafft, auf gleich bleibendem Gelände ein noch abwechslungsreicheres Programm zu zusammenzustellen, dem es weder an Kulinarik, Attraktionen noch Klangereignissen mangelt. Kein Wunder, durfte man am Eröffnungsabend bereits Namen wie Cellar Darling, Phil Campbell und natürlich New Model Army auf den Bühnen bejubeln. Die legendäre Gruppe aus England war denn auch der klare Headliner.

Unter der Leitung von Justin Sullivan stürzte sich die Band in ein Set voller grossartiger Hymnen des Punk-Rock-Wave und bewies erneut ihre magisch fesselnde Qualität. Egal ob neue oder alte Songs, harte Gitarren oder sanfte Passagen mit Violinistin Shir-Ran Yinon – hier kamen nicht nur Fans von New Model Army auf ihre Kosten. Yinon durfte an diesem Abend sogar gleich zwei Mal auf der Hauptbühne ihr Talent beweisen, war sie schliesslich auch Teil der neuen Band von Anna Murphy.

Das Ex-Mitglied von Eluveitie hat mit Cellar Darling 2016 eine neue Formation gegründet, die auf erzählerische Weise Metal mit Einflüssen des Folk und Gothic packend verbindet. Da funktionierte sogar ein Song auf Mundart, und auch die Wespen hatten keine Chance gegen diesen Druck. Wilder war eigentlich nur noch der ehemalige Motörhead-Gitarrist Phil Campbell, der mit seinen Bastard Sons viele Festivalbesucher mit spezifischen Shirts glücklich machte. Hier gab es den grössten Rock und die meisten Riffs, wenn auch vielleicht nicht ganz so laut wie früher.

Aber auch andere Stilrichtungen und Geschmäcker wurden an diesem Freitag bedient. Egal ob man nun düsteren Country mit Eingängigkeit bei Bob Spring & The Calling Sirens, mitreissenden Blues-Rock mit Musikergastspiel in den Besucherrängen bei Pascal Geiser oder klassischen Hard-Rock mit Spandexschick mit Crystal Ball erleben wollte – das Open Air Gränichen hielt für alle die passenden Bands aus der Schweiz bereit.

Kein Wunder, wurde anschliessend bei XII Gallon Overdose noch einmal richtig gefeiert – denn nicht nur ihr alkoholgetränkter Gitarrenrock liess die Körper wackeln, sondern auch die Vorfreude auf den zweiten Festivaltag. Denn auch der Samstag wird wieder vor Musik bersten und mit Bands wie Anti-Flag, Terror oder Turbonegro das Moortal euphorisch erzittern lassen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

We Invented Paris – Catastrophe (2017)

We Invented Paris – Catastrophe
Label: Spectacular Spectacular, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Synthie-Pop

Wer hat es erfunden? Scheinbar Flavian Graber, denn der Musiker aus Basel gestaltet seit 2009 die Schweizer Kunstszene nicht nur tanzbarer, sondern auch facetten- und abwechslungsreicher. Denn We Invented Paris ist nicht nur eine Band, die den elektronisch verzierten Pop stärkt, sondern ein Künstlerkollektiv, in dem sich visuell und klanglich Schaffende gleichsam verwirklichen. Mit „Catastrophe“ gibt es 2017 aber nun vor allem wieder eines: Hymnen und Material für die Ohren.

Ob der grossartige Hall-Refrain bei „Kaleidoscope“, dieser packende Basslauf bei „Fuss“ oder die verdammte Eingängigkeit von „Spiderman“ – We Invented Paris packen auf ihre neuste Platte schier perfekten Synthie-Pop mit viel Indie-Gezwinker. Dank klarer Produktion und einer grösseren Bandbreite als bei deinem Internetanschluss ist das Album eine schillernde Reise durch die erwähnten Genres. Man legt sich die glitzernden Tanzschuhe an, findet hymnische Bergbesteigungen oder kramt auch mal die Luftgitarre aus dem Mottenschrank. Nachdenklichkeit wie bei „Air Raid Shelter“ gehört hierhin wie die Wandel-Propaganda von „Touriste“.

Was eigentlich fast zu vielseitig sein könnte, wird hier zu einer Platte, die vor Hits schier platzt. We Invented Paris haben es geschafft Songs aufzunehmen, die alle um den Platz im Herzen und neue Lieblingssongs kämpfen. Dabei verspürt man ein wunderbares Glücksgefühl, das sich bei nächtlichen Hördurchgängen zu einem fast teenager-artigen Höheflug kumuliert. Da dürfen sich auf die Synthies türmen („Storm“) oder alles komplett reduziert aufwachen („A Lake In The Morning“) – dieses Album ist ein grosser Gewinn mit Botschaft für alle.

Anspieltipps:
Fuss, Storm, Touriste

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

EMA – Exile In The Outer Ring (2017)

EMA – Exile In The Outer Ring
Label: City Slang, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstlerin
Genre: Alternative Rock, Noise

Erika M. Anderson zuzuhören war noch nie einfach, ihre Musik ist einfach zu ehrlich und direkt um für Entspannung zu sorgen. Die Künstlerin aus Amerika wollte mit ihrer Musik noch nie eine glänzende Fassade für die schlimmen Taten der heutigen Zivilisation aufbauen, sondern war unter ihrem Künstlernamen EMA immer die Frau, die fassweise Salz in unsere Wunden streute. So ist auch „Exile in the Outer Ring“ wieder ein Album voller unangenehmer Momente, lärmiger Musik und leidend dargebotenen Texten. Und ja, wir alle haben dies nötig.

Denn während sich die erste Welt hinter der scheinbaren Sicherheit aus Konsum und Überfluss versteckt, geht alles langsam zugrunde. Kein Wunder lässt EMA auf ihrem dritten Werk erneut klanglich eine gehörige Portion Wut ab. Ob es nun gegen die Regierung, den Kapitalismus oder die idiotisch agierende Arbeiterklasse geht, ihr dekonstruierter Entwurf von alternativem und elektronisch übersteuertem Noise-Rock geht unter die Haut. So verlieren bei Liedern wie „I Wanna Destroy“ oder „Aryan Nation“ alle, aus dem Schutt wird aber eine neue Ordnung aufgebaut. Ein Ort wo Geschlecht, Aussehen und Identität keine Rollen mehr spielen.

In Abgeschiedenheit aufgenommen ist diese Musik karg aber immer eindringlich. Und erstaunlicherweise nicht mehr so apokalyptisch wie beim Vorgänger, wenn auch immer ein Schritt im Industrial. Die Läuterung findet bei Songs wie „Fire Water Air LSD“ irgendwann statt und man findet sich dank EMA wieder neu in seiner Umgebung zurecht. Egal ob dazu die Gitarren schreien oder die Beats düster lauern – diese Begegnung verläuft nie ohne harte Verletzungen aber dafür auch mit grosser Belohnung. Und darauf sollte sich jeder einlassen.

Anspieltipps:
I Wanna Destroy, Fire Water Air LSD, 33 Nihilistic And Female

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Das Pirmin Baumgartner Orchester, Badenfahrt Baden, 17-08-23

Badenfahrt 2017
Bands: Das Pirmin Baumgartner Orchester, Bell Baronets
Mittwoch 23. August 2017
Website: badenfahrt.ch

Versus, Versus, Versus … Das Motto der diesjährigen Badenfahrt lauert konstant überall und schnell sucht man als Besucher bei jedem Element nach dem versteckten Zusammenhang. Für uns Musikredakteure ist dieser Vorlage aber ein gefundenes Fressen, kann man sich so jeden Konzertabend wunderbar in gewisse Anekdoten verpacken. Am sechsten Tag der grossen Feier in Baden lockte wieder die Polygon-Bühne und bewies, dass mehr Musiker auf der Bühne einfach besser sind als wenige. Denn jetzt hiess es: Vorhang auf, für das Pirmin Baumgarnter Orchster.

Angesagt durch die wunderbar reizende und binäre Stimme von Siri begann ein Konzert, das Orchester und Rock-Formation auf beste Weise kombinierte. Unter der musikalischen und gesanglichen Leitung von Till Ostendarp stürzten sich 16 Musiker in Lieder, die auf mehrere Arten gegen Dinge ankämpften. So versuchten drei Perkussionisten die Vorherrschaft zu halten, währenddessen in ihrem Rücken eine Vielzahl an Bläser immer wieder berauschende Wände kreierten. Dazu gesellten sich Gitarren und Synthies, ein Cella und natürlich der Gesang.

Ostendarp prangerte direkt und ohne Scheue Missstände und schlechte Verhaltensweisen der heutigen Zeit an und vermengte die oft dramatische Musik des Pirmin Baumgartner Orchesters mit spannenden und treffenden Aussagen. Ob nun Zürich daran glauben musste oder der materielle Überfluss, dieses Konzert war nebst wuchtiger Rock-Show auch gleich das faszinierende Abbild des Denkbildes eines intelligenten Künstlers. Immer eindringlich, immer voluminös und immer die perfekte Mischung aus Ernst und Unterhaltung.

Eine solche Energie lässt sich aber auch zu dritt erschaffen, dies bewies ein paar Stunden später das Zofinger Trio Bell Baronets. Die jungen Musiker brachten die Schrottbodenalp mit ihrer knalligen Mischung aus Indie-Fuzz und Blues-Rock zum Tanzen und entzündeten schier die Holzkonstruktion. Denn wer so perfekt Gitarre spielt wie Silvan Gerhard, der entlockt seinen Saiten nicht nur Töne, sondern auch Funken. Aber trotzdem wurden Michael Kühni am Bass und Claudius Ammann am Schlagzeug nicht von diesen Riffs verdrängt, zeigten auch sie nicht nur Ausdauer sondern Feingefühl und Kraft.

Ganz zur Freude der Besucher durfte man somit auch Bass- und Drumsolos lauschen und sich durch Hits des Debüts „The Strong One“ und alte Klassiker tanzen. Und wer danach immer noch nicht genug hatte, der machte sich auf den Weg zum Stadtturm um wunderbare visuelle Projektionen zu begutachten oder ein das ganze Fest für einmal bei Nacht zu bestaunen. Alleine die riesige Lichtinstallation unter der Hochbrücke machen eine späte Anreise nach Baden nämlich auf jeden Fall wett.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Autisti, Badenfahrt Baden, 17-08-22

Badenfahrt 2017
Bands: Autisti
Dienstag 22. August 2017
Website: badenfahrt.ch

Es ist nicht zum ersten Mal, dass man an dieser Stelle über die neue Band von Emilie Zoé und Louis Jucker lesen darf. Doch ihr Auftritt an der diesjährigen Badenfahrt war etwas Aussergewöhnliches, zeigten sich Autisti nämlich mit gleich zwei Schlagzeugern. Konnte ihr lauter Lo-Fi Noise-Rock dadurch noch wilder werden, oder haben nun alle Zuschauer blutige Ohren? Auf jeden Fall wurde die Polygon-Bühne beim Tränebrünneli an ihre Grenzen gebracht und erzitterte unter dieser musikalischen Wucht.

Kein Wunder, schliesslich haben sich Autisti von Lausanne aus wie eine riesige Krake über die Schweiz ausgebreitet und mit nur einem Album voller tobender Rock-Nummern so manches Festival für sich gewonnen. Das durfte natürlich auch in Baden nicht anders sein und gleich von der ersten Sekunde an gab es nur eine Möglichkeit für die Zuschauer: Den eigenen Körper komplett diesen lärmenden Schallwellen hingeben und den Kopf abschalten. Steven Doutaz und Pascal Lopinat liessen jeden Song mit ihrer Kraft an den Drums zu einem Urknall werden, Jucker und Zoé rissen ohne Gnade an ihren kratzenden Gitarrensaiten.

Ob jetzt „Peaches for Planes“ oder „The Dower“, Ruhepausen kennen Autisti eigentlich nicht. Viel lieber werden die Musiker selber zu reiner Energie und zittern an ihren Plätzen. Tief in der rauen Musiker der Neunziger verankert, wären hier auch Bands wie Dinosaur Jr. gerne zum Tanz gekommen. Wobei dieses Quartett dann doch wieder extrem eigen ist. Der fehlende Bass, dieser merkwürdige kleine Synthie und die extreme Scheiss-Drauf-Einstellung – als dies vermengte sich hier zu einem ungeahnten Monstrum. Da war es fast perfekt, dass diese Truppe nicht den Tagesabschluss auf der Polygon spielen durfte, denn dies hätten wohl nicht alle überlebt.

Wohl nicht ganz so abgefahren, dafür auch immer mit tollen Konzerten, einem hübschen Ambiente und komplett am anderen Ende des Festgebietes gelegen ist die Parzelle 5554. Hier präsentiert der Verein Leviathan nicht nur interregionale Bands, sondern auch Kulinarik und ein wortwörtlich steiles Gebäude mit faszinierender Lichtinstallation. Wer aber nun den Kampf entscheidet, 5554 oder Polygon, das müsst ihr selber bestimmen. So waghalsig wie die Auseinandersetzung zwischen Autisti und den Schallwellen wird es hoffentlich nicht.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Gurr, Badenfahrt Baden, 17-08-21

Badenfahrt 2017
Bands: Mama Jefferson, Gurr
Montag 21. August 2017
Website: badenfahrt.ch

Wer es richtig macht, der kann sich an der diesjährigen Badenfahrt eigens ein tägliches Motto zusammenstellen. Natürlich lauert das Wort „Versus“ hinter jeder Ecke, doch dieser Montag war perfekt geeignet, um die Feier unter den Banner „Frauen entern die Bühne“ auseinander zu nehmen. Wobei einem hier besonders die wunderhübsche Polygon-Bühne Hilfe anbot und erneut klar machte, dass es keinen Grund gibt, warum nicht jede Band von einer Frontfrau gerockt werden sollte. Das Gegeneinander fand man hier also nur im Wettkampf Schweiz gegen Deutschland.

Noch während die Sonne schien und sich viele erst durch die Stände und Sehenswürdigkeiten in der Aargauischen Gemeinde Baden kämpften, betrat ein Trio die Bühne neben der Limmat, das erst seit 2016 von Zürich aus die Rockherrschaft an sich reissen will. Geführt von der energiereichen und wie eine Explosion auftretenden Bassistin / Sängerin Vanja Vukelic nahmen Mama Jefferson Besucher, Bier und Badenfahrt in die Mangel und liessen es krachenden Rock regnen.

Silvan Gerhard entlockte seiner Gitarre zerfetzende Riffs und Schlagzeuger Mattia Ferrari trommelte Bäume nieder. Ob nun eine Prise Punk, Blues oder Trash, bei diesem Trio geht es um die schier unendliche Lust am lauten Musikmachen – was sich bei einer solchen Euphorie auf der Bühne auch schnell auf die Zuschauer ausbreitete. Mama Jefferson live zu erleben, das ist eine wahre Wonne – und wir wünschen der Band viel Erfolg auf ihrer kommenden Tour durch Russland.

Viel gereist sind auch Andreya Casablanca und Laura Lee als Gurr, welche seit noch nicht so langer Zeit als die heisseste neue Band Berlins gelten. Ihr frecher und immer direkter Garage Pop taucht tief in den Schlund der Riot Grrrls ab und sorgte auch zu dunkler Stunde für Staubwolken vor der Polygon-Bühne. Aufgestockt zu einem Quartett zeigten die Frauen, dass man qierlige Stimmen und fröhliche Songs sehr wohl mit Krawall und Lärm ausfüllen kann. Die Songs transportierten die Zuhörer in eine verranzte WG der Deutschen Hauptstadt, welche von der Musik zugleich niedergerissen wurde.

Autofahrten gegen Rollerskating, die kalifornische Sonne gegen den Deutschen Beton und immer total in der aktuellen Zeit – sogar „Helter Skelter“ wurde plötzlich zu einem brandaktuellen Aufstand. Gurr machen live sehr viel Laune und sorgten für den perfekten Abschluss an diesem Montagabend. Da war es nur Recht, dass sie von den Leuten immer wieder auf die Bühne geholt wurde. Wer es doch etwas stiller mag, der kann während der Badenfahrt im Kurpark Fabeln hören und auf geschnitzten Tieren sitzen. Oder im Freiluftkino mit Kopfhörer Filme schauen und aus dem Augenwinkel das wilde Getue bei der Polygon beobachten.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Konincks – Daytime / Nighttime (2017)

The Konincks – Daytime / Nighttime
Label: Echo, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Blues-Rock

Wer „Daytime / Nighttime“ auflegt und sich von den Gitarren und der grossartigen Stimme in den Bann ziehen lässt, der würde niemals denken, dass die Band hinter dieser Musik erst wenige Jahre im Business tätig ist. Doch bei dieser EP handelt es sich nicht um die neuste Scheibe einer altbekannten Blues-Rock-Gruppe, sondern das frische Lebenszeichen von The Konincks. Das Quartett aus Luzern hatte innert zwei Jahren ganz Europa begeistert und will nun mit fünf neuen Liedern noch alle Ungläubigen umstimmen. Sollte eigentlich kein Problem sein.

Denn ob ihr druckvoller und wuchtiger Sound nun eher in Richtung Soul zieht („White Valerie“) oder bei Songs wie „Bad Timing“ die perfekten Licks und Melodien zusammenmischt, The Konincks begeistern immer. Sängerin Julia Herzog klingt wie eine Ikone des emotionalen und erdigen Rocks, Mike Wegmüller zitiert nicht nur alle Helden des explosiven Blues, er braut sich auch eine ganz eigene Mixtur zusammen. Man fühlt sich mit „Daytime / Nighttime“ also nicht nur unterhalten, sondern verspürt Begeisterung und vollführt kleine Zeitreisen.

Was man hier bemängeln könnte ist die kurze Spielzeit – aber die in Zofingen perfekt produzierten Stücke voller Gefühl und zugänglicher Melodie lassen sich grossartig auf Endlosschlaufe geniessen. Formationen im Bereich des etwas wilder rockenden Blues gibt es viele, aber keine umschifft Plattitüden und meidet ausgelatschte Pfade so gelungen wie The Konincks. An dieser EP werden also nicht nur alte Freunde des voluminösen Gitarrenspiels Freude haben, sondern auch neugierige Novizen.

Anspieltipps:
Daytime-Nighttime, Bad Timing, Starring At Walls

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Spencer, Badenfahrt Baden, 17-08-20

Badenfahrt 2017
Bands: Spencer, Mark Kelly
Sonntag 20. August 2017
Website: badenfahrt.ch

Wenn eine Stadt ihr Fest nur alle zehn Jahre steigen lässt, dann wird auch gleich mit grosser Kehle angerührt. Wobei das Ausmass der Badenfahrt schon extrem ist, und man sich als Besucher in dem Überangebot schnell verlieren kann. Denn für etwas mehr als eine Woche wird die Stadt im Aargau zum Schmelztiegel für kunstvoll konstruierte Bars und Restaurants, Konzerte, Partys und Darbietungen jeglicher Art. Da heisst es Programm genau studieren, genügend Zeit für die Wege einberechnen und Entscheidungen treffen. Dafür wird man hier auf jedem Meter überrascht und kulturell verführt.

Gemäss dem diesjährigen Motto „Versus“ durften die Lokalmatadoren Spencer am Sonntag in heissester Sonne ihre düsteren Songs darbieten – und somit gegen den strahlenden Sommer ankämpfen. Für die versierten Musiker war dies aber kein Problem, lockten sie durch ihre sympathische Art und mitreissenden Kompositionen doch schnell ein grossen Publikum vor die Bühne im Graben. Sicherlich, man musste die Augen schliessen um sich ihre Songs in dunklem Licht und kalter Atmosphäre geniessen zu können, aber so war der alternative New Wave ein Genuss.

Spencer nutzten den Auftritt nicht nur um ihr neustes Werk „We Built This Mountain Just to See the Sunrise“ zu verbreiten, sondern auch Gäste auf die Bühne zu bitten. The Bloom aus England sang mit der Band zwei krachende Gitarren-Songs, Chris Rellah kaperte die Musiker für ein paar Stücke. Man kann also auch gemeinsam und die Darbietung wurde somit schnell zu einem Aufstand gegen die schlechte Laune. Und als Frontmann Leo Niessner sich am Ende noch inmitten der Zuschauer zu einem wilden Gitarrensolo hinreissen liess, da waren auch die Leute auf der Hochbrücke aus dem Häuschen.

Etwas gemächlicher ging es ein paar Stunden später auf der wunderschön gestalteten Polygon-Stage neben der Limmat weiter. Der Englische, aber in der Westschweiz lebende Musiker Mark Kelly nahm Bühne und Besucher mit nur seiner Stimme und abgewetzten Gitarre in Beschlag. Auf ehrlich, etwas verrückte aber immer tolle Art sang er über die komplizierten Einfachheiten im Leben und liess uns alle für eine Stunde etwas besser fühlen. Singer-Songwriter mit genügend Emotion und Anspruch, aber auch immer etwas im Schlamm neben der Spur – so muss es sein. Kein Wunder hatten ein paar Leute am Ende nicht genug und liessen sich von Kelly hinter der Bühne noch ein paar private Zugaben spielen.

Was eigentlich perfekt zu der gesamten Badenfahrt passt: Denn obwohl hier sehr vieles und lautes miteinander passiert, die kleinen und menschlichen Momente machen dieses Fest erst so wundervoll wie es ist. Wir freuen uns darum auf viele weitere Konzerte voller Freude und toller Musik – und weitere Entdeckungen neben dem ausgelatschten Pfad. Und wer sich nach so vielen Liedern endlich mal ausruhen möchte, der findet bei der, aus Büchern gebaute UsVers-Bar eine perfekte Gelegenheit.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Winterthurer Musikfestwochen, Steinberggasse Winterthur, 17-08-19

42. Winterthurer Musikfestwochen
Bands: FeistGlen HansardAndy Shauf
Samstag 19. August 2017
Steinberggasse, Winterthur

Die Musikfestwochen in Winterthur sind nicht nur jedes Jahr für Überraschungen gut, die letzten drei Abende in der Steinberggasse weisen auch jedes Jahr eine komplett andere Stimmung auf. So stand der Samstag in dieser 42. Ausgabe für zauberhafte Musik und kleine Gefühle im Grossformat. Der einzelne Musiker und die alleinige Künstlerin wurden während drei Konzerten zelebriert und die Sommernacht versank in einer wunderschönen und fast andächtigen Stimmung – wunderbar beleuchtet mit tollen Lichterketten, weit über den Köpfen der Besucher.

Wobei es nicht ganz fair ist, diese drei Acts auf ihre Frontleute zu reduzieren. Denn Andy Shauf aus Kanada ist zwar Multiinstrumentalist und ein zarter Songwriter, an diesem Samstagabend liess er sich aber von einer Band begleiten. Der hübsche Indie-Folk war also nicht nur zerbrechliche Stimme und akustische Gitarre, sondern auch Schlagzeug und Bass, Orgel und zwei Klarinetten. Shauf führte seine Band sicher durch die oft etwas unscheinbaren Stücke und hielt auch die Interaktion mit den Besuchern auf einem Minimum. Diese Art von Musik ist für einen Festival-Gig nicht immer geeignet, hier in Winterthur hat es aber toll geklappt.

Was nicht immer selbstverständlich ist, werden die Gruppen vor dem eigentlichen Hauptstar auch gerne etwas ignoriert. Nicht so aber in der Steinberggasse, die Leute waren von Anfang an bereit, leise der Musik zuzuhören und immer wieder mitzuklatschen und zu singen. Das freute die Indie-Pop-Künstlerin Feist, ebenfalls aus Kanada stammend, schon vor ihrem Auftritt – und natürlich liess sie darum die Leute immer wieder mitmachen. Das sorgte, nebst der wunderbar quirligen Art der Musikerin und der wirklich stark aufspielenden Band, immer wieder für humorvolle und freudenstrahlende Momente.

Wobei das Konzert besonders gegen Ende dann seine wahre Kraft entfalten konnte und die Leute bei Hits wie „Sea Lion Woman“ oder „Let It Die“ in völligen Jubel ausbrachen. Das Konzert mit der kompletten Darbietung ihres neusten Albums „Pleasure“ zu beginnen war nämlich etwas gewagt, Feist hatte aber auch damit gewonnen. Wobei es, zumindest aus meiner Sicht, nicht ganz für das Highlight an diesem Abend gereicht hatte. Diese Leistung hat nämlich der irische Musiker Glen Hansard für sich verbuchen können.

Nach vier Jahren endlich wieder auf dieser Bühne in Winterthur und nur mit einer Akustikgitarre und einem Klavier bewaffnet, wurde seine Darbietung zu einer Achterbahnfahrt der Gefühle und intensiver Gedanken. Seine Folk-Stücke wurden in diesem reduzierten Singer-Songwriter-Gewand zu strahlenden Diamanten; mit seiner druckvollen Stimme zauberte Hansard bei jedem Besucher Gänsehaut herbei. Er zeigte sich als emphatische Figur, kommentierte die aktuelle politische Lage und machte aus allen Besuchern eine grosse Familie. Und genau wegen diesen Erlebnissen sind die Winterthurer Musikfestwochen einfach einzigartig und hallen noch lange im Herzen nach.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.