Zürich

Live: Match & Fuse Festival, Zürich, 17-09-29

Match & Fuse Festival
Bands: Tobias Preisig / Schnellertollermeier / Soccer96 / In Girum / IOKOI & ARIA
Freitag 29. September 2017
Diverse Orte, Zürich
Website: matchandfuse.ch

Ein einzelner Funke reicht aus, um Welten zu verschmelzen, die man danach nie mehr trennen möchte. Ob man dazu mit Streichhölzern agiert oder Sicherungen durchbrennen lässt, beim Festival Match & Fuse ist alles möglich und vieles erlaubt. Seit fünf Jahren steht die Vereinigung dafür ein, in Europa eklektische Bands und Künstler zusammenzuführen und die experimentelle Kreativität zu zelebrieren. Jetzt endlich hat es das Fest auch nach Zürich geschafft. Gleich an drei Abenden werden Gesprächsrunden, Konzerte und Jamsessions angeboten, immer mit einem Fuss im gesunden Wahnsinn.

Wenn es an etwas am Freitagabend im Moods und der Laborbar nicht mangelte, dann waren es gespielte Noten. Woraus andere Bands wohl Jahrzehnte an Alben schöpfen würden, reichte bei den hier spielenden Formationen für kurzweilige Stunden an den Instrumenten. Tobias Preisig, Lokalmatador und eine der beiden Hälften des Duos Egopusher, eröffnete die Nacht mit einer Solodarbietung an der Geige. Verändert, erweitert und verzaubert mit Gerätschaften und Basspedalen klang seine Musik mal bedrohlich wie der Chorgesang des Monolithen in „2001“, dann wieder wie eine ferne Stimme in der arabischen Wüste.

Feinste Berührungen an den Saiten wurden brummend durch das Moods getragen, mal wild dann wieder hypnotisch – das Streichinstrument wurde zu einem wundersamen Klangkörper. Diese Art der entrückten Verzauberung nutzten auch die zwei Frauen von IOKOI & ARIA, welche mit Videoprojektionen, Synthies und Gesang Lieder aufbauten, die eine düstere Björk auf die psychedelischen Flüsse von The Legendary Pink Dots treffen liess. Zwischen Performance, Installation und Auftritt parkiert wanderte das Duo zwischen Pop und Absturz und machte die Besucher zu einem wichtigen Bestandteil des Auftrittes.

Wer mit dieser Rolle etwas überfordert war, der fand bei den Schweizern Schnellertollermeier eine Darbietung, die vor allem zum Zucken und Staunen einlud. Das Trio musizierte sich mit extremer Präzision, unendlicher Energie und grosser Spielfreude durch instrumentale Lieder, die sogar Frank Zappas Schnauz gezwirbelt hätten. Mit Gitarreneffekten wie bei Battles, einem göttlichen Bassspiel und unermüdlichem Schlagzeuger wurden lange Lieder perfekt auf- und abgebaut. Schwarzer Jazz mit feinen Strukturen, ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst.

Da war es fast entspannend, dass mit Soccer96 aus England und In Girum aus Frankreich dann zwei Duos folgten, die sich auf Synthie und Schlagzeug beschränkten. Wobei am Match & Fuse ja einzelne Instrumente ausreichen, um alle Konventionen zu sprengen: So galt es hier die Fahne der Polyrhythmik hochzuhalten, gleichzeitig aber die Realität mit langen Liedern und flächigen Melodien zu verwischen. Soccer96 tummelten sich mit ihren Songs näher am Club, scheuten weder vor Vocoder noch bunten Farben zurück. Dies führte zu langen Gedankenflügen und einem Trancezustand beim Tanzen.

In Girum lauerten danach auf der dunklen Seite der Gasse und mischten vor allem Direktheit und kühlen Druck in die Musik. Auch wenn eine solche Masse an Musik etwas überfordern konnte, mitreissend und fesselnd war auch dieser im Halbdunkel gespielte Auftritt. Was perfekt passte, halten sich doch alle Künstler und auch die Initianten dieses Festivals gerne in Zwischenwelten auf und suchen in den Mischmengen die Erlösung. Als Besucher fand man diese am Freitag mindestens einmal pro Stunde und Konzert – und musste vor Genialität der Musik immer wieder glücklich lachen. One down, one to go.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

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Live: The Pineapple Thief, Dynamo Zürich, 17-09-11

The Pineapple Thief
Support: Godsticks
Montag 11. September 2017
Dynamo, Zürich
Bilder: Kathrin Hirzel

Dass an diesem Montag plötzlich in ganz Zürich scheinbar keine Ananas mehr zu finden war tun wir jetzt einfach als Gerücht ab – wie auch das Getuschel um plötzlich auftauchende Früchtchen im Backstage des Kulturhauses Dynamo. Was wir aber mit grosser Sicherheit vermelden können: Der Auftritt der Englischen Progressive Rock-Gruppe The Pineapple Thief war ein voller Erfolg. Und dies war auch nötig, war es schliesslich der erste Besuch in Zürich von Bruce Soord und seinen Mannen und ein heiss erwartetes Konzert. Besonders nach dem 2016 veröffentlichten Album „Your Wilderness“ ist die Band nämlich in die höchsten Sphären des modernen Art-Rock vorgedrungen und begeistert Leute auf aller Welt.

Somit gab es auch im Dynamo vor allem Lieder von der neusten Scheibe zu hören, druckvoll und energetisch dargeboten. Ob das elegische „In Exile“, welches auch für mich das Konzertvergnügen nach einem etwas zaghaften Beginn so richtig startete, oder das beschwörerische „Take Your Shot“ – die Atmosphäre der Scheibe konnte perfekt in den Saal übertragen werden. Womit auch gleich widerlegt wurde, dass The Pineapple Thief live nicht so überzeugen wie auf Platte. Aber mit Schlagzeuger Gavin Harrison (Ex-Porcupine Tree) als rhythmischer Zauberer, Jon Sykes als bewegungsfreudiger Bassist, Steve Kitch als ruhiger Keyboard-Pol und Darran Charles als wandelbaren und verschmitzen Gitarristen konnte nichts mehr schief gehen.

Charles zeigte auch gleich mit seiner eigenen Band Godsticks als Support, dass er den Prog in- und auswendig kennt. Die, seit 2006 aus Wales aktive Truppe, besticht in ihren Liedern weniger mit emotionalen Melodien, sondern mit komplizierten Songstrukturen und einem harten Klang. Hier gibt es verzerrte Gitarrenspuren, maschinell wirkende Drums und immer wieder dem Jazz angelehnte Harmonien. Während Darran Charles als Sänger zwar limitiert ist, tat diese Abwechslung in die dunklen Maschinenräume des Progressive Rock ganz gut. King Crimson war nicht der einzige Name, der einem während dem Auftritt durch den Kopf schwirrte. Und wenn die Herren bei „Exit Stage Right“ gleich alle Sicherheiten über Bord warfen, dann war dies ein wirklich aufregender Einstieg in den Abend.

The Pineapple Thief hatten keine Probleme, diese Energie weiterzutragen, was auch an dem wunderbar aufgelegten Publikum war. Die Zuschauer bejubelten nicht nur neue Tracks wie „The Final Thing On My Mind“, sondern auch selten vernommene Stücke wie „3000 Days“ oder „Shoot First“ und die herausragenden Einzelgänge der Musiker. Somit gab es gegen Ende des Abends immer mehr Interaktionen zwischen Bühne und Publikum und zufriedene Gesicht in jeder Ecke. Toll, dass sich die Diebe mit ihrer doch eigenen Art des Modern Prog auch in der grösseren Masse langsam etablieren. Konzerte wie dieses helfen dabei natürlich extrem.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Wolfman – Sun Sun (2017)

Wolfman – Sun Sun
Label: Irascible, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Indie, Synthie-Pop

Ist es zu frech, hier etwas beruhigt „Endlich!“ zu schreiben? Denn mit ihrer neusten EP und dritten Veröffentlichung haben Wolfman genau diese Songs veröffentlicht, die ich bei ihnen schon immer herausgespürt habe. Das Duo aus Zürich hat sich nach zwei wundervollen, aber immer sehr zurückhaltenden Alben nämlich auf „Sun Sun“ an den Synthie-Pop herangetraut – in voller Blüte und Lautstärke. Bevor sich Fans der Musiker nun bereits abwenden: Keine Angst, die angenehme Art der Distanz ist immer noch vorhanden.

Mit fünf Songs, welche von Katerina Stoykova und Angelo Repetto auf das Nötigste reduziert wurden, darf man mit Wolfman nun auch im modernen Club zwischen Existenzialisten und Spasssuchern antanzen. Nach sphärischem Start und der eher düsteren Weiterentwicklung beim zweiten Album „Modern Age“, gibt es nun Indie mit viel Synthies und Tanzrhythmen. Die Gitarren wurden aber beibehalten und ergänzen die wunderbar analogen und polternden Takte. Ob „Play It Cool“ nun an Róisín Murphy, oder „Tell Us We’re Crazy“ wunderbar lasziv schmachtend an Lana Del Rey erinnert – die Zürcher Eigenständigkeit bleibt in der Musik.

Dass Wolfman diese Lieder gemeinsam im Duo erschaffen und eingespielt haben, das verwundert nur noch in der Klangdichte. Über das grosse Talent der Band weiss man schliesslich schon seit 2013 und dem Debüt „Unified“ Bescheid. Und dank Texten über die besorgniserregenden Umgangsarten der Menschheit zu Macht, Ausstrahlung und Natur kommt man auch lyrisch auf die Kosten. Irascible Records haben also für ihre erste Veröffentlichung mit „Sun Sun“ den perfekten Start auserwählt, schwingt bei diesen Tracks doch konstant das Gefühl der Zukunft im Schweizer Pop mit.

Anspieltipps:
Mark My World, Tell Us We’re Crazy, Sun Sun

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: The Afghan Whigs, Mascotte Zürich, 17-08-06

The Afghan Whigs
Support: Ed Harcourt
Sonntag 06. August 2017
Mascotte, Zürich

Es war nicht nur der Nähe zu der Bühne zu verschulden, dass man die Musik mit dem gesamten Körper spüren konnte – der Auftritt der legendären Alternative Rock Truppe aus Amerika war von der ersten bis zur letzten Sekunde eine extreme Wucht. Kein Wunder, standen The Afghan Whigs teilweise mit gleich fünf Gitarren auf einmal im Scheinwerferlicht des Mascotte Clubs in Zürich und drehten die Lautstärke voll auf. Doch die Songs der Band müssen durch Mark und Bein gehen, ihre elegante aber düstere Mischung aus Rock, Grunge und Blues verlangt danach. Im Gegenzug waren die Besucher des Auftrittes am Sonntagabend bereit, voller Inbrust mitzumachen.

Schon beim Konzertbeginn mit neuen Klangperlen des aktuellen Albums „In Spades“ sah man glückliche Gesichter, wogende Körper und erhörte laute Jubelschreie. Dies brachte die Band nicht davon ab, gleich einen langen Songreigen ohne Pause auf die Leute loszulassen – Luft holen ist für Anfänger. „Arabian Heights“ übernahm von „Birdlands“, welches Frontmann Greg Dulli noch alleine präsentierte – danach wurde aber aus allen Instrumenten gnadenlos gefeuert. Geschickt verwoben The Afghan Whigs Neues und bekannte Hits, „Let Me Lie to You“ sorgte für erste Freudentränen, gegen Ende des Abends brachten Songs wie „John the Baptist“ auch die letzten Zögerer nahe an den euphorischen Zusammenbruch.

Aber genau diese emotionale Tiefe und das bedrückende Gefühl haben die Musik von The Afghan Whigs schon immer so unwiderstehlich gemacht. Als sich die Band 2001 auflöste war es ein Grund zur Trauer, die Rückkehr geriet 2012 umso fulminanter. Dies zeigte sich auch wieder in Zürich – die Band ist heute noch eine grosse Kraft, welche sich nicht stoppen lässt. Dass nun vor wenigen Wochen Gitarrist Dave Rosser an Krebs verstorben ist, ist sehr traurig – doch die Reise geht weiter. Mit kräftiger Unterstützung von Ed Harcourt wurde dem Musiker nicht nur gedacht, sondern der schwarz gekleidete Rock auch erneut ein wenig transformiert.

Passenderweise fielen während des Konzertes immer wieder einzelne Goldkonfetti einer vergangenen Party auf die Musiker, Erhabenheit wo sie hingehört. Dies zeigte sich schon beim Support von Ed Harcourt, der alleine auf der Bühne mit Gitarre, Trommeln, Klavier und Loop-Geräte intensive Lieder aufbaute. Ein vielseitiges Talent, geerdet und extrem sympathisch. Seine Musik landete irgendwo zwischen düsterer Bar, Crooner und herzzerreissenden Gitarren – und eröffnete einen Abend voller ehrlicher und berührender Musik.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Thurston Moore Group, Bogen F Zürich, 17-06-28

Thurston Moore Group
Support: Ultra Eczema
Mittwoch 28. Juni 2017
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Kann man die Qualität eines Abends bereits vor Konzertbeginn an den vorhandenen Bandshirts ablesen? Wenn ja, dann versprachen Aufdrucke von dEUS, Wilco, New Model Army und Konsorten im Bogen F in Zürich eindeutig nicht zu viel. Denn der Mittwochabend wurde zu einem entspannten Genuss für Gitarrenliebhaber und Feedbackverzehrer – die Thurston Moore Group zeigte sich in Zürich. Wer sich jetzt nun am Kopf kratzt, ja genau, der immer noch sehr jung aussehende Herr am Mikrofon war früher bei Sonic Youth – doch keine Angst, aus deren Vergangenheit gab es nichts zerstörerisches zu hören.

Viel mehr stand der Abend ganz im Zeichen des neuen Albums „Rock n Roll Consciousness“, welches gleich mit sechs Darbietungen geehrt wurde. Wer Thurston Moore kennt der weiss, dies bedeutet trotzdem lange Stücke, schwitzende Verstärkertürme und ein lakonisches Auftrittsverhalten. Auf wenige Danksagungen beschränkt, spielte sich die Band durch ihr Set und blieb gerne etwas unantastbar. Obwohl, am besten funktionierten die wellenartig aufbrausenden Stücke wie „Cease Fire“ oder „Smoke Of Dreams“ eh mit geschlossenen Augen. Aus wild geschrammelten Einstiege wurden zerbrechliche Melodien, nur um immer wieder in Lärm und Hypnose zu versinken.

Was im eigentlichen Herzen sanfte Folk-Hits wären, wurden hier mit harten Riffs und starker Dissonanz bekämpft. Kein Wunder, erinnert die Musik von Thurston Moore immer wieder etwas an Neil Young – denn wie auch die Legende aus Kanada, lässt der Amerikaner seine Stücke gerne kontrolliert aus dem Ruder laufen. Oder gleich das Schlagzeug einen ganzen Song lang gegen Lieblichkeit in die Schlacht zu schicken, wie bei dem treibenden „Cusp“. Es war somit nicht mehr der jugendliche Ungestühm, aber auch bei weitem kein alterschwaches Herumklimpern. Die Thurston Moore Group brachte die genau richtige Mischung aus Feedback, krummen Strukturen und schönen Melodien.

Das war für 15 Minuten vor diesem Auftritt noch völlig anders, denn Ultra Eczema sass als Support für eine Viertelstunde auf der Bühne des Kulturviaduktes und verwirrte mit verzerrtem Geschrei, Urlaute und kratzende Effekte. Genüsslich Rotwein trinkend, an Knöpfen drehend und kunstvoll Kunst machen – wirklich einzuordnen war dieses Experiment nicht. Doch auch Thurston begann schliesslich in den sonischen Abgründen, somit schloss sich der Kreis.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Wasteland Fest, Stadionbrache Hardturm Zürich, 17-06-24

Wasteland Fest
Bands: Dead Lord, The Monsters, Gloria Volt, Giant Sleep, Sexy, King Zebra, Joules, Bruno, The Monofones
Stadionbrache Hardturm, Zürich
Samstag 24. Juni 2017

Was gibt es schöneres, als die Brache von einem ehemalig wichtigen Gebäude dazu zu nutzen, um alternative Kultur aufleben zu lassen? Erstmalig durfte man diesen Juni nämlich auf der Stadionbrache Hardturm in Zürich vergessen, für was diese harten Asphaltböden eigentlich gedacht sind, und ohne Hemmungen Luftgitarre spielen. Das Wasteland Fest öffnete seine Tore und lud ein zu Hard Rock, Pogo, kühlem Bier und leckerem Essen. Für einen Tag eroberten die Headbanger das Areal!

Glücklicherweise schaute die Sonne dem Treiben meist durch kleinere Wolken zu und verschonte alle Besucher einigermassen vor Sonnenbrand – und das schützende Zirkuszelt bei der Bühne tat den Rest. So wagte man sich bereits bei der ersten Band Joules aus Zürich vor die Lautsprecher und schaute der Truppe auf die Finger. Deren Stoner Rock war so staubig wie die Umgebung und endete in psychedelischen Affären. Davon liessen King Zebra lieber die Finger, machten aber sonst alles wie in den guten alten Zeiten des Glam Rock – und ehrten sogar Neil Young.

Ab diesem Punkt übernahm der harte Rock’n’Roll das Fest komplett und sogar der Aargau liess sich dazu hinreissen, alle Rockposen aus dem Lehrbuch perfekt an das Wasteland Fest zu übertragen. Sexy aus Zofingen zeigten nicht nur ihre Oberkörper, sondern auch ihren leidenschaftlichen Umgang mit den Instrumenten – da blieb keiner trocken. Gut, dass man sich bei den wuchtigen und langen Stücken von Giant Sleep etwas erholen konnte. Der Stoner-Post-Rock rüttelte an den Zeltstangen und liess die Steine am Boden erzittern.

Perfekt für Gloria Volt, um alle Überlebenden mit ihrem biergetränkten Hard Rock noch einmal kräftig durchzuschütteln. Die Winterthurer wurden mit jedem Song etwas zügelloser und das Publikum dankte ihnen mit lautem Gesang, wilden Tänzen und Crowdsurfer. Plötzlich vergassen alle, das man eigentlich lieber gemütlich im Schatten liegen möchte. Ein solcher Auftritt weckte bei allen ungeahnte Kräfte. Und das war auch nötig, zeigten die Berner The Monsters mit ihrem Hardcore Punk Trash schliesslich, dass alle anderen Bands doch in den Kindergarten gehören.

Unter ihrem schönen Kitteln lauerte unbezwingbare Zerstörungswut und zwei Schlagzeuger klopften alles klein. Dass nach einer solchen Darbietung die Leute immer noch nicht genug hatten, sprach eindeutig für die Organisation des Wasteland Fest. Mit viel Leidenschaft und Liebe wurde aus diesem spröden Areal ein Tummelfeld für Fans, Freaks und Familien – und alle versammelten sich friedlich, um die Gitarrenmusik zu zelebrieren. Da war es verdient, gab es mit Dead Lord eine Belohnung aus Schweden, die mit ihrem kraftvollen und gerne auch düsteren Hard Rock alle glückseelig stimmten.

Nun hatte sich auch die Sonne verabschiedet und das Fest liess sich bunt erleuchten und endete mit einem Höhepunkt. Und wieder einmal hat sich gezeigt, dass die besten und schönsten Festivals eben doch die kleinen sind. Falls sich dieses Treffen also einmal wiederholen wird, ich bin bestimmt wieder mit dabei.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: arms and sleepers, Dynamo Zürich, 17-06-01

arms and sleepers
Support: Silentbass
Donnerstag 01. Juni 2017
Werk21, Zürich

Du erreichst die Schweiz und was ist das erste was du tust? Endlich in den Burger King etwas essen gehen – eine logische Schlussfolgerung für Mirza Ramic, Verfechter des eher fettigen Essens. Aber trozt all diesen Ablenkungen und den hohen Temperaturen im Saal des Werk21 in Zürich war der Künstler mehr als bereit, ein treibendes Konzert mit arms and sleepers zu spielen – und bot zugleich eine der seltenen Chancen, seine Musik mit Band zu erleben. Denn oft zeigt sich Ramic mit Gerätschaften und Keyboards alleine, diesen Donnerstag wurde die packende Mischung aus Post-Rock und instrumentalem Trip-Hop aber mit Schlagzeuger und Organist dargeboten.

Und gleich nach wenigen Minuten war klar: Dieser klangliche Druck tut den neuen Lieder vom Album „Life Is Everywhere“ mehr als gut. Die Beats wurden zu wilden Anfeuerungen, die elektronischen Spielmittel zu umfassenden Wänden und sogar Gitarrenmelodien mischten sich unter die Basis. Schnell versank man in den Songs und bewegte sich im Takt wie ein Grashalm vor dem Subwoofer. Begleitet von tollen Animationsfilmen hüpften arms and sleepers von Stück zu Stück und zeigten, dass auch Liebhaber der Gitarrenmusik nicht vor Hip-Hop Angst haben müssen.

Einander die Furcht zu nehmen war allgemein ein grosses Thema an diesem Konzert – geht es fur Ramic doch nicht nur darum Musik zu spielen, sondern sich dem Publikum anzunähern. Als Solokünstler steht er inmitten der Besucher, mit seiner Band zwar auf der Bühne, aber doch immer zu einem Schwatz bereit. So durfte man auch in Zürich vor den Zugaben, welche auch den Post-Rock wieder in das Dynamo brachten, dem Künstler Fragen stellen und viel Witziges erfahren. arms and sleepers beweisen somit erneut, dass diese Gruppe zu den wohl sympathischsten Musikern überhaupt gehört – und weiss dies auch mit ihren Darbietungen zu unterstreichen.

Silentbass war da eher das pure Gegenteil, was aber kein Nachteil bedeutete. Denn gemäss seinem Namen gab es bei diesem Supporting-Auftritt keine grossen Reden, sondern effektvoll veränderte Bassläufe, modulierte Klänge und mit Loopgeräten geschichtete Lieder. Die Lieder flossen schier übergangslos ineinander und liessen bei vielen die Gedanken in die Ferne schweifen. Auch hier gab es wunderbare Animationsfilme, welche den Post-Rock des Duos perfekt untermalte und das Spiel an den Instrumenten war genau so träumerisch wie die Bilder. Normal war an diesen Konzerten wenig – und das muss auch nicht sein.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: British Sea Power, Werk 21 Zürich, 17-05-23

British Sea Power
Support: Pictish Trail
Dienstag 23. Mai 2017
Werk 21, Zürich

Lasst die Tänzer das Fest übernehmen – und kaum war dieser Ausspruch ein paar Mal proklamiert worden, musste man sich den kleinen Konzertraum des Werk21 plötzlich mit riesigen, tanzenden Bären teilen. Willkommen im Zauberwald der Englischen Rockmusik, willkommen auf der aktuellen Tour von British Sea Power. Nebst der waldlich dekorierten Bühne, inklusive skeptisch dreinschauender Eule, gab es an diesem Auftritt in Zürich auch Rock-Songs zwischen Romantik und Gesellschaftskritik.

Um ihr neustes Album vorzustellen, begab sich die Gruppe aus Brighton wieder auf die Reise und spielte beim hiesigen Stopp ein Set, das sich schwer auf „Let the Dancers Inherit the Party“ stützte. Gleich neun Songs gab es von diesem roten Album zu hören, was nicht immer gleich gut klappte. Denn obwohl Stücke wie „Bad Bohemian“ oder natürlich das grossartig fröhliche und besonders im deutschsprachigen Raum perfekt funktionierende „Keep On Trying (Sechs Freunde)“ angenehm dahinflossen und die Leute auch zum Tanzen brachten, fehlte während des Konzertes manchmal etwas die Energie.

British Sea Power sind immer dann am besten, wenn sie ihre interessante  und irgendwie nicht fassbare Mischung aus Indie, Post-Punk und alternativem Rock ausufern lassen. „No Lucifer“ oder „Remember Me“ brachten da schon mehr Schmiss in die Party und die Gitarren durften sich auch mal frech auftürmen, um zuoberst auf dem Klanggipfel mit Bass und Geige zu ringen. Aber es ist natürlich auch schwierig, ein Set zusammenzustellen, das die gesamte Zeit seit 2000 glücklich zusammenfasst. Und bei British Sea Power ging es schon immer mehr um das Gefühl.

Die Emotionen stimmten an diesem Dienstagabend auf jeden Fall, war der Auftritt doch herrlich entspannt und voller Glücksmomente. Da fiel es manchmal gar nicht auf, dass einem die Band geradezu frech noch etwas Gesellschaftskritik vor den Latz knallte. Und auch bei Pictish Trail gab es viele heitere Gesichter zu sehen, wussten der schottische Musiker Johnny Lynch und seine Begleitung doch mit wenigen elektronischen Folksongs die Besucher aufzumuntern. Und wer schaffte es schliesslich zuletzt, an einem Abend thematisch von Superman II über Fargo zum Eurovision Song Contest zu gelangen?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: Guerre Froide, Moods Zürich, 17-04-21

Guerre Froide
Support: Dear Deer
Freitag 21. April 2017
Moods, Zürich

Sie toben seit den Achtzigerjahren über die Bühnen und bringen mit ihren Auftritten – ganz gemäss dem Namen – auch immer eine kühle Stimmung an den Mann. Die Cold Wave-Truppe Guerre Froide aus Frankreich ist in der Szene seit langem eine feste Grösse, und doch musste man bis 2017 warten, um ihre Musik live in der Deutschschweiz erleben zu dürfen. An diesem Freitag war es endlich soweit, die Themennacht Wave im Moods lud ein.

Bevor aber die Leinwand in passende Bilder getaucht wurde und im Zentrum das rote Hemd stand, gaben Dear Deer ihren Einstand. Ebenfalls aus Lille stammend, betörte das Duo mit ihrer reduzierten Mischung aus No Wave und Post-Punk. Gitarre und Bass durften nebst dem Gesang auf der Bühne das Licht geniessen, die lärmenden Synthie-Spuren stammten vom Band. Doch diese Abstraktheit verströmte eine grosse Leidenschaft und noch mehr Reiz. Besonders Sabatel am Bass zeigte sich versiert und vielseitig, mit Flanger oder himmlischen Melodien.

Guerre Froide agierten als Band dann eher im klassischen Bereich des Cold Wave – hier gab es poetische Texte zu meditativen Klangschichten. Die Bühne wurde in passende Farben getaucht und der Herr der Stunde, Yves Royer, führte mit schier royaler Gestik von sanftem Post-Punk in elektronische Welten voller strenger Geometrie und fremd anmutenden Oberflächen. Man liess sich von der Musik mitreissen, spürte die Beats und Bässe in den Gliedern und flog im Kopf davon. Wenn alle industriellen Betriebe auf der Welt so angenehm klingen würden, dann wäre die Revolution einiges unschädlicher ausgefallen.

Sicherlich, es war eine Zeitreise, in der für mich aber die moderne Seite gewann – Dear Deer waren wirklich faszinierend – aber trotzdem ein Abend, an dem man endlich wieder einmal eine musikalische Seltenheit in Zürich geniessen durfte. Und wer lässt sich ein solches Zuckerstückchen schon entgehen – auch wenn es auf Eis serviert wird?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: Nathan Gray Collective, Hafenkneipe Zürich, 17-04-20

Nathan Gray Collective
Support: The Devil’s Trade
Donnerstag 20. April 2017
Hafenkneipe, Zürich

Es fühlte sich schon speziell, aber auch wunderbar an, Nathan Gray für einmal so nahe und im kleinen Rahmen erleben zu dürfen. Denn noch vor wenigen Jahren wäre aus dieser Wunschvorstellung bestimmt nie Wirklichkeit geworden; der Mann war mit seiner Band boysetsfire bereits zu bekannt. Doch alles hat ein Ende – oder in diesem Fall einen Neuanfang. Der Künstler suchte nach neuen Mitteln, um sich auszudrücken und seine persönlichen Anliegen noch stärker in die Musik einzubringen und formierte darum, zusammen mit Musiker und Produzent Daniel E. Smith, das Nathan Gray Collective. Und wohin passt diese Truppe besser als in die Hafenkneipe?

Wohl in einen Kerker, oder zumindest eine düstere und irgendwie bedrohliche Halle. Denn was die drei Herren in diesem kleinen Lokal ablieferten, war nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich kein leichter Brocken. Aus dem Hardcore kommend, hat sich die Musik des Nathan Gray Collective während der Arbeit am Album immer mehr Richtung Dark Wave und Synthie-Angriff entwickelt. Live gingen die elektronischen Spuren von Songs wie „Skin“ oder „Desire“ etwas unter, was aber vor allem an der körperlichen Nähe zum Schlagzeug lag. Die Vibes waren aber immer zu spüren und das Konzert hatte von Beginn an diese weitere Tiefe.

Wobei besonders Nathan Gray selber für die emotionale Bindung an seine Musik fungierte – sang der Künstler schliesslich nicht nur seine Texte, sondern durchleidete sie und benutzte die kleine Bühne als Platz des extremen Ausdrucks. Mit grossen Gesten, dem Einbringen der satanisch angehauchten Bühnendekoration und seiner wandelbaren Stimme wurden Lieder wie „At War“ und „Heathen Blood“ zu grossen Eruptionen. Natürlich drückte der Hedonismus von Herrn Gray auch hier durch, besonders bei seinen Ansagen und kleinen Erklärungen, aber es war dennoch ein berührendes und mitreissendes Konzert. Die Ablösung des Nathan Gray Collective von seiner Vergangenheit hat noch nicht komplett stattgefunden, doch weit bis zur Läuterung ist es nicht mehr.

Und wie der Abend mit „Corson“ ruhiger, aber genauso eindringlich endete, so begann er mit dem Auftritt von The Devil’s Trade. Der Musiker machte sich mit Gitarre, Kapuzenpullover und fantastischer Stimme daran, die Besucher auf die kommende Wucht vorzubereiten. Dabei zeigte sich sein Motto „Happy Music Is Shit“ als ernst gemeint und die Stücke waren oft melancholisch oder gar traurig. Schön aber, dass hinter solcher Musik Menschen lauern, die auch über sich selber lachen können. The Devil’s Trade baute somit immer wieder witzige Aussagen in sein Set ein – und Nathan Gray freute sich so sehr über den praktisch ausverkauften Raum, dass er das Grinsen fast nicht mehr wegbrachte. Wer sagte denn, dass der Teufel immer ernst sei?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.