Zürich

Live: Nick Cave & The Bad Seeds, Hallenstadion, Zürich, 17-11-12

Nick Cave & The Bad Seeds
Sonntag 12. November 2017
Hallenstadion Club, Zürich

Lange hatte ich Angst vor diesem Konzert, vor dieser Begegnung. Die Last und Trauer des Verlustes schienen unüberwindbar, nicht nur von Seiten Nick Caves sondern auch von mir. Das Album „The Skeleton Tree“ und der begleitende film „One More Time With Feeling“ haben tiefe Narben in uns allen gezeichnet und die Wahrnehmung zur Person und Musik für immer verändert. Als dann aber nach dem geglückten Tourstart die Meldung kam, Nick Cave And The Bad Seeds seien mehr als froh, endlich wieder den Kontakt zu den Fans mit Konzerten zu erleben, stimmte dies auch mich hoffnungsvoll. Was sich an diesem stürmisch nassen Sonntagabend dann im Hallenstadion auf intensivste Weise bestätigte.

Vom ersten Ton an, egal ob durch das perfekt gewählte Intro mit „Three Seasons in Wyoming“ (ein Lied vom neusten Soundtrack „Wind River„) oder „Anthrocene“ mit den echten Personen auf der Bühne, war der Auftritt eine Läuterung und ein Beben emotionaler und klanglicher Tiefe. Nick Cave And The Bad Seeds sind keine Band, Musiker oder Künstler, es sind Schamanen, Teufel und Götter – Wesen, die wie Leuchtfeuer vor uns stehen, in uns greifen und unser Dasein umstülpen. Es reichten dazu einzelne und extrem zerbrechliche töne („Into My Arms“) oder dann doch Lawinen an Tonfolgen und Ergüsse die Stücke wie „From Her To Eternity“ zu Ganzkörpererlebnissen machten. Kein Lied war vor dieser bestialischen Klangwucht sicher, die Musiker steigerten sich in Rage.

Dies war auch nötig, denn weiterhin fühlt es sich wie Messerstiche ins Herz an, wenn man Nick Cave dabei zuhörte, wie er die Lieder „Jesus Alone“ oder „The Distant Sky“ intonierte. Der dunkle Schleier wurde zwar nach einigen Songs vom Bühnenrand entfernt und machte Platz für eine eindrückliche Lichtuntermalung, in den Songs steckt er aber für immer und bleischwer. Um all dies kollektiv erträglich zu machen, stürzte sich der Australische Künstler und schwarze Magier der Rockmusik immer wieder in die Leute, liess sich anfassen und legte seine Hände erlösend auf die Köpfe der Besucher. Lieder mit gewissem Schalk wie „Red Right Hand“ brachen die Schwere von vorangegangenen Songs auf, am Ende des Konzertes tauchte Cave nicht nur in den Besucher ein, er lud sie gleich scharenweise auf die Bühne ein.

„And some people say it’s just rock and roll /Oh but it gets you right down to your soul“ – Ein Mantra, das man am Ende der letzten Zugabe „Push The Sky Away“ immer wieder aufsagen möchte. Nick Cave And The Bad Seeds haben in Zürich kein Konzert gespielt, sie haben sich selber und alle Anwesenden die Energie gegeben, unser Aufenthalt auf diesem Planeten zu überstehen. Ob es sich um verlorene Familienmitglieder handelt, Gesellschaften, die sich nicht mehr humanistisch zeigen, oder dem persönlichen Unvermögen, in der Welt klar zu kommen – der Schmerz wurde universal mit Gesang, Gestik, Musik und Berührung gemeinsam angegangen.

Und während sich der Frontmann in seinen Geschichten und Gedanken verlor, die Worte ausspukte, schrie oder flüsterte, wirbelte Warren Ellis zwischen den Instrumenten hin und her, führte wie Rasputin die Band von einem Highlight zum anderen. Live sind Nick Cave And The Bad Seeds nämlich eine fesselnde Urgewalt und bewiesen dies mit alten Klassikern wie „Stagger Lee“ oder aktuellen Schönheiten wie „Magneto“. „Nothing really matters, nothing really matters when the one you love is gone“, doch wir machen weiter und sind gemeinsam da. Und um mehr ging es vielleicht gar nie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Melanie De Biasio, Moods Zürich, 17-11-09

Bild: Kathrin Hirzel

Melanie De Biasio
Donnerstag 09. November 2017
Moods, Zürich

„And the band played on / And my heart goes on“ – ganz sanft und leicht wird man wieder in die Realität entlassen. Mit dem abschliessenden Song vom neusten Album „Lilies“ werden auch die Schatten im Moods kleiner und aus Kontur wird feste Form. Doch im Gegensatz zum gesungenen Text spielt diese Band leider nicht mehr weiter, das Konzert von Melanie De Biasio endet und man wird sich plötzlich seiner Umgebung und Person wieder bewusst. Entführt auf schönste Weise, in andere Welten transportiert und nachhaltig gerührt – was ein paar Kleinode in der Musik an einem Donnerstagabend doch bewirken können.

Denn die Belgische Künstlerin brauchte für ihr Konzert in Zürich keine grosse Show und kein riesiges Aufgebot. Drei begleitende Musiker (Pascal Mohy am Klavier, Pascal Paulus an Keyboard und Gitarre, Alberto Malo am Schlagzeug) und Melanie De Biasio selber nahmen Lieder wie „Gold Junkies“ oder „Your Freedom Is The End Of Me“ und liessen sie in ihrer eigentlichen, reduzierten Weise natürlich wachsen. Ob die Band mehrere Takte hinten anhängte, oder die Stücke in der Mitte zu kleinen Improvisationen führten, alles fügte sich zu einer wunderschönen Performance zusammen. Einzelne Klänge schwebten durch den Raum und liessen sich von den glücklichen Zuschauern einatmen.

Noch selten habe ich ein solch fragil leises, aber in dieser Art auch extrem ausdrucksstarkes und intensives Konzert erlebt. Das Gewicht und der Ausdruck von Liedern wie „Let Me Love You“ zeichnete sich in jeder Note und jeder Silbe ab. Melanie De Biasio verwendete ihre Stimme wie ein Instrument und liess einzelne Sätze geflüstert oder laut gesungen auf die Instrumente einwirken. Kombiniert mit ihrem feinfühligen Spiel an der Querflöte und geschmacksvoll vom Licht in Szene gesetzt wurde die Künstlerin ihrem Ruf somit mehr als gerecht.

Der Herbst ist die Jahreszeit mit der grössten Melancholie, ein perfekter Moment für ein solches Konzert in der spannenden Zwischenwelt von Jazz und Singer-Songwriter. Melanie De Biasio liess uns alle für eine zu kurze aber fesselnde Zeit meditative und berührende Musik erleben und das Moods bewies einmal mehr Geschmackssicherheit und Ausnahmestellung. Ein Abend also, der auch ohne drückende Bässe und blendende Blitze noch lange im Kopf der Zuschauer herumgeistern wird.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bild: Kathrin Hirzel

Live: Schiller, Volkshaus Zürich, 17-10-27

Bild: Dietmar Grabs

Schiller
Freitag 27. Oktober 2017
Volkshaus, Zürich

Wenn sich aus der Dunkelheit langsam das Tourlogo in Form einer Spiralfeder schält und die Musiker in leicht buntes Licht taucht, dann macht es Sinn, tummeln sich im Kopf plötzlich Assoziationen zur Kindheit. Damals, als man mit Verwunderung ebendieses Plastikspielzeug die Treppe runterpurzeln liess und sich wunderte, welche Kräfte denn hier am Werk waren. Und genau diese Gefühle und Gedanken zapft Christopher von Deylen mit seiner Musik seit 1998 an und lässt uns immer wieder die Welt aus neuen Sichtweisen sehen. Schön also, machte Schiller wieder einmal in Zürich Halt.

Im Gegensatz zum letztjährigen Konzert im Hallenstadion gab es den Künstler im Volkshaus wieder in abgespecktem Format zu sehen  – begleitet von nur zwei Musikern und mit einem reinen Instrumentalprogramm, den Klangwelten. Eine kleine Reise also durch Synthieschluchten und Beatfelder, zwischen alten Hits wie „Das Glockenspiel“ und neusten Kompositionen wie „The Future III“, immer nahe an der Entspannung und leicht dem Kitsch frönend. Ohne die Gastsänger und dank der Verlagerung weg von den klaren Chartstürmern war dieses Programm aber auch in der neusten Auflage eine angenehme Meditationsreise.

Ob man sich nun mit geschlossenen Augen von den im Surround-Sound dargebotenen Keyboardflächen und Sequenzerspuren davontragen liess, oder gemeinsam mit den anderen Besuchern die geschmacksvolle Lichtshow betrachtete – jeder fand etwas im Konzert. Umso schlimmer darum, dass die Darbietung nach einer knappen Stunde von einer Pause unterbrochen wurde und vieles von der Magie zerbröckelte. So kam auch das Publikum nie aus seiner verhaltenen Rolle heraus und Schiller liess sich selber zu selten auf die Techno-Vergangenheit ein.

All dies vermengte sich in gewissen Momenten zu einem Auftritt, der etwas mehr Spannung und weniger Chill-Out hätte vertragen können – eigentlich riss nur „Ruhe“ wirklich mit. Trotzdem, in Kombination mit gelungenen Visuals wurden die neuen Tracks wie „Schwerelos“ und „Once Upon A Time“ zu einer Möglichkeit, sich die Welt und all ihre Wunder wieder einmal neu anzueignen. Es kann also fast kein Zufall sein, dass Schiller mit seinen Keyboard-Kameras Szenerien auf den Screen zauberte, die wie futuristische Städte aus „Blade Runner 2049“ wirkten. Denn wie auch der dystopische Film sind die Klangwelten des Musikers ein Kommentar zum menschlichen Verhalten und unserem Potential – eine Zeitreise in Kreisform.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bild: Dietmar Grabs

Live: Egopusher, Moods Zürich, 17-10-20

Egopusher
Support: Chico Cream
Freitag 20. Oktober 2017
Moods, Zürich

Es war zu erwarten gewesen – dass die Musiker und Besucher dann aber in solch intensives, blutrotes Licht getaucht wurden, war doch mehr als überraschend. Die Plattentaufe zum ersten Album von Egopusher wurde nämlich nicht nur von vielen Leuten begleitet, sondern mit einer gelungenen und wirkungsvollen Lichtshow untermalt. Das Duo und ihr erstes, vollwertiges Baby hatten aber auch gar nicht weniger verdient, ist „Blood Red“ doch ein Album, das lange Zeit begeistert. Obwohl bereits seit einer Woche erhältlich, war es an diesem Freitag dann soweit, offiziell die Geburt zu feiern – im edlen Lokal Moods in Zürich.

Weil Schlagzeuger Alessandro Giannelli und sein Bandkumpel und Violinist Tobias Preisig gerne über dem Horizont schweben und wirken, war bereits die Einstimmung mit Support Chico Cream ein Genuss. Mario Scarton sass hinter einer halben Burg aus Klavier, Synthies und Effektgeräten, beugte sich wie ein verrückter Forscher über die Tasten und entlockte ihnen Klänge, die zwischen abstürzend verzerrt und hallend klar pendelten. Der von der Berliner Szene beeinflusste Künstler liess aus Ambientfiguren tanzbare Technobeats wachsen, krümmte Harmonien um die Basspedale und fabrizierte Musik, die fast das Magazin De:Bug wiederbelebte.

In diesen nährhaften Boden pflanzten Egopusher dann ihre Samen und schafften es zum wiederholten Mal, mit ihrer faszinierenden Mischung aus perkussiver Wucht, avantgardistischer Streichmusik und Club-Electronica die Leute zum Tanzen und Feiern zu bringen. Pulsierende Stücke wie „Jennifer (William Part II)“ wechselten sich mit experimentellen Steigerungen ab, bejubelte Singles („Patrol“) liessen die Endorphine nur so fliessen. Doch wie leider oft zu beobachten in der etwas jungen und hippen Szene, verkrampften sich zu viele Leute lieber an ihren Smartphones, als den Moment zu geniessen.

Dies kann man der Band nicht vorwerfen, gaben Egopusher schliesslich alles und verliessen die Bühne schweissnass und glücklich, wenn leider auch ohne eine Zugabe zu spielen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, diese Herren auch schon in stärker packender Form live erlebt zu haben. Gewisse Momente wirkten etwas verzettelt, was die Genialität hinter ihren Liedern aber auf keinen Fall schmälerte. Preisig und Giannelli haben mit ihrer andersartigen Musik eine Quelle angezapft, die hoffentlich noch lange nicht versiegen wird und herrlich frischen Wind in die Welt der handgemachten Electronica bringt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Yasmine Hamdan, Moods Zürich, 17-10-13

Yasmine Hamdan
Freitag 13. Oktober 2017
Moods, Zürich

Es sollte nicht verwundern, dass an diesem Freitagabend der Saal im Moods bis zur Türe packend gefüllt war. Wir leben in Zeiten, in denen sich Kulturen und Länder immer mehr vermengen, zu neuen Schöpfungen und Perspektiven. Während wir im Kino eine israelische Schauspielerin anhimmeln, die eine Amazone in einer amerikanischen Produktion spielt, ist es nur logisch, vor Yasmine Hamdan in die Knie zu gehen. Die Sängerin aus dem Libanon beweist in ihrer Musik nämlich, dass West und Ost perfekt zusammenpassen.

Geschmackvoll beleuchtet mit einzelnen Glühbirnen und projizierten Mustern im Hintergrund führte die schöne und starke Frau ihre drei Musiker (Cedric Le Roux – Gitarre, Minh Pham – Synthie, Loïc Maurin – Schlagzeug) durch ein Set, dass alle verzauberte und mitriss. Um ihr aktuelles Album „Al Jamilat“ aufgebaut, versank man nach wenigen Takten in einer Welt, in der leise Klagegesänge zu elektronisch pochenden Stücken wurden oder sich in lauten Gitarrenwänden auflösten. Yasmine Hamdan vollführt mit ihrer Band live das Kunststück, ihre kleinen Schhöpfungen zu neuem Leben zu führen, Aussagen in Ausbrüchen zerfliessen zu lassen.

Sie zelebrierte in glitzerndem Oberteil, mit verführerischen Blicken zwischen ihrem wallenden Haar und extrovertierten Tanzbewegungen ihre Ausnahmestellung im arabischen Pop. Denn innert kurzer Zeit hat sie mit – auch an diesem Abend wuchtigen – Liedern wie „Assi“ oder „Ya Nass“ den Trip Hop und Electropop in arabischer Musik einverleibt und mit Akzenten der Sahelzone oder des Bouzouki garniert. Begleitet wurden die Klänge von extrem emotionalem Gesang, der Spieltrieb und Ausführung zugleich ist. Denn ob hier nun Dramaqueens oder politische Entscheidungen die Hauptrolle spielen, Hamdan lebte diese Schicksale.

Das Sprach- und Kreativtalent Yasmine Hamdan spielte somit nicht nur mit ihrer Band und liess Stücke härter, männlicher oder lauter werden, sondern auch mit dem Publikum und liess uns träumen und schwitzen. Zwischen langen Tanzmomenten und Kaskaden purer Schönheit gab es den Song vom Film „Only Lovers Left Alive“ und mehrsprachige Ansagen. Und als der Auftritt in Zürich dann mit der herzlichen Betrachtung und Liebeserklärung an Beirut endete, war endgültig klar: All diese vermischten Welten unterscheiden sich im Herzen gar nicht. Frau Hamdan spricht mit ihrer Musik aus, was allen schon lange bewusst sein sollte, und das auf schönste Weise.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Crimer, Plaza Zürich, 17-10-11

Crimer
Mittwoch 11. Oktober 2017
Plaza Kosmos, Zürich

Ein gesamtes Jahrzehnt in eine komprimierte Kunstform zu pressen ist nicht einfach, besonders wenn das Resultat so authentisch wie möglich sein sollte. Was Bret Easton Ellis für die Achtziger mit seinem Roman „American Psycho“ gelungen war, stellte sich dann aber doch als gnadenlos, tiefschwarz und praktisch unlesbar heraus. In der Musik gibt es nun einen jungen Künstler, der dieses Kunststück auch zu vollbringen versucht, wenn auch eher auf der verklärten und romantischen Seite: Crimer steht seit wenigen Monaten für tanzbaren und mitreissenden Synthie-Pop, hochstilisiert. Beim ersten von zwei Auftritten im Plaza Club drehte sich der Mann der dunklen Seite zu. Aber ich greife vor.

Wer mit einer kurzen EP gleich die gesamte Schweizer Musikszene auf den Kopf stellen kann, der hat etwas richtig gemacht. Crimer, aus dem sankt-gallischen Balgach stammend, bewies im April mit „Preach„, dass Popmusik mit voluminösen Synthie-Beats immer noch aktuell sein kann. So bestimmten auch beim Auftritt in Zürich die programmierten Backtracks das Geschehen, der Künstler selber hantierte an der elektrischen Gitarre und dem Mikrofon – wenn er nicht gerade seinen Körper freihielt, um extrovertierte und wilde Tanzbewegungen zu vollführen. Schnell war klar, dieses Konzert lebt genauso stark von der Performance wie der Musik.

Kein Wunder also, bewegten sich auch die Zuschauer in diesem kleinen, aber zum Glück nicht brechend gefüllten Clubraum mit jedem Song etwas mehr. Die wunderbar krachenden Beats, die an The Cure erinnernden Riffs und die herrlich attraktiven Melodien liessen die Beine über den farbig blinkenden Boden hüpfen und die Hände in die Höhe reissen. Dank wahren Disco-Reissern wie „Brotherlove“ gibt es bei Crimer auch genügend Momente, um einen frenetischen Jubel entstehen zu lassen. Faszinierend aber auch, wie sicher und voluminös seine Gesangsstimme live ist – hier steckt viel Soul und Liebe drin.

Sicherlich ist solche Musik im eigentlichen Sinne weder innovativ noch wirklich neu, Crimer hat aber die goldene Ader der Wave-Wunder angezapft und lockt Grosswerk um Grosswerk heraus. Schön zu hören und bereits angekündigt war auch, dass seine Musik gerne die Tanzpfade verlässt und in die schweren und düsteren Gebiete des Wave abbiegt. Kein Wunder also, fand man im Publikum einige Leute, die nach dem Konzert noch an der „More Than Mode“-Party weitertanzen gingen. Und somit ist auch bestätigt, dass sich Crimer nicht nur auf die Sonnenseite legt, sondern auch bei seiner Jahrzehntbetrachtung die Schatten berücksichtigt. Dies machte sein Konzert auch gleich unvergesslich und ausbalanciert – eine grosse Zukunft folgt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Glaston, Exil Zürich, 17-10-07

Glaston
Exil, Zürich
Samstag 07. Oktober 2017

Während am Zürich Film Festival anhand von Flaschen die Kernfusion erklärt wurde, zeigten im Exil junge Musikerinnen und Musiker, wie man Glas zum Schwingen bringt. Dies geschah aber nicht mit schwer nachvollziehbaren Experimenten, sondern mit elegischen und instrumentalen Songs. Glaston waren endlich wieder zurück auf der Bühne des Zürcher Clubs und liessen Erinnerungen gross werden. Vor drei Jahren bestieg die Band bereits diese Bretter und taufte feierlich ihre erste EP. An diesem Samstagabend aber ging es nun um etwas Grösseres: „Inhale / Exhale“, das erste Album, wurde geboren.

Ohne grosse Reden begannen Glaston ihr Set und zeigten, dass sich die lange Wartezeit auf dieses Debüt wahrlich gelohnt hat. Denn sie sind als Musiker nicht nur versierter geworden und treffen Takt- und Melodienwechsel ohne grosse Anstrengung, sondern wagen in ihren Tracks auch neue Richtungen und Einflüsse einzubauen. Was sich auf Platte oft sehr filigran und sanft anhört, das wurde live zu einer lauten Wucht. David Preissel am Schlagzeug liess sich zu wilden Figuren und dramatischer Doublebass hinreissen, die Gitarre von Jack Gutzwiller riss den Nebel immer wieder auseinander.

Dass viele Lieder aber auch live von Selina Maischs Klavier getragen werden, positioniert Glaston wunderbar neben der unübersichtlichen Menge an Post-Rock-Bands. Ihre Harmonien verzauberten nicht nur die Zuschauer, sondern hinterliessen einen nachhaltigen Eindruck. Unterstrichen wurde dies von Timo Beeler, der mit seinem Bass die perfekten Akzente setzte. Egal ob alt oder neu, Lieder wie „Sunnar“, „Ritou“ oder EP-Material ergänzten sich im Set herrlich und bewiesen: Diese Band ist in den letzten Jahren extrem gewachsen.

Und wer so voller Energie ist wie Glaston, der steht auch an einer Albumtaufe nicht still. Man wurde im Exil Zeuge von einem brandneuen Lied, elektronisch getragen mit Synthies und Drumcomputer, bassreich und fesselnd. Dass es um diese Basel-Zürich-Kombo in nächster Zeit ruhig und langweilig werden könnte – diese Angst muss man auf keinen Fall haben. Viel eher darf man sich mit diesem Quartett neugierig und erfreut in die Zukunft stürzen. Einatmen, ausatmen, los geht’s.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Match & Fuse Festival, Zürich, 17-09-30

Match & Fuse Festival
Bands: Farvel / The True Harry Nulz / Colin Vallon Trio / Øyunn / KALI / Lucia Cadotsch
Diverse Orte – Zürich
Samstag 30. September 2017
Website: matchandfuse.ch

Zusammenbringen, austauschen, leihen und ergänzen – das Match & Fuse Festival steht für neue Entwicklungen in der Musik und das Verbinden von diversen Künstlern zu neuen Formationen. Und wenn sich am Freitagabend in Zürich die Damen und Herren vor allem dafür einsetzten, den Jazz auf moderne Weise mit elektronischen Stilarten zu verbinden, dann stand der Samstag ganz im Zeichen von Gruppierungsexperimenten und Bühnenbesuchen. So lauschten die Besucher im Moods und Exil zwar eher klassischen Darbietungen des Jazz, waren aber Zeugen einiger Premieren.

Bereits die erste Band schickte neuste Songs durch den Raum des Exil und verzauberte die Anwesenden mit ihrem organisch verwunschenen Liedergut. Farvel aus Schweden kombinierten Piano, schier animalische Gesänge und verspieltes Drumming mit der ersten Performance von Tenor-Saxophonist Otis Sandsjö – noch diverse weitere folgten an diesem Abend. Jetzt hiess es aber abtauchen in eine Waldwelt voller leise erzählten Geschichten und lauten Ausbrüchen.

Da fiel der Wechsel zu The True Harry Nulz etwas schwer, vermischten sich im Moods nämlich nicht nur zwei Bands aus Österreich (Edi Nulz) und der Schweiz (The Great Harry Hillman), sondern auch komponierte Stücke mit langen Inspirationen und Improvisationen. Als ob man die Bühne in der Mitte gespiegelt hätte, gaben sich zwei Schlagzeuger, zwei Gitarristen und zwei Bassklarinetten Zeichen und Akzente. Beim Colin Vallon Trio lief es wieder einiges geregelter, auch wenn die elektrische Besetzung mit Rhodes und Julian Sartorius am Schlagzeug in dieser Form eine Premiere war. Mit der Unterstützung eines gewissen Herrn Sandsjö lieferten die Mannen ein beeindruckendes Set.

Was hier an Wucht und Geschwindigkeit zu Höchstleistungen führte, war bei der folgenden Darbietung der norwegischen Künstlerin Øyunn dann vor allem die Abkehr ebendieser Eigenschaften. Die blonde Dame streichelte ihr Schlagzeug und sang sanfte Melodien, Bass und Piano untermalten ihre angenehmen Lieder, die auch gerne etwas im Pop landeten. Diese Stücke waren klar das Licht zu dem lauernden Schatten, der sich unter der Leitung von KALI im Exil ausbreitete. Das Schweizer Trio bewegte sich mit seinen unvorhersehbaren Werken zwischen den jazzigen Phasen von Robert Fripp und der Bosheit von The Shining. Kammerleichte Spielereien wechselten sich mit extremen Verzerrungen der Gitarre ab und endeten in wahrem Donnergrollen. Diese Formation muss man sich merken, ihr erstes Album erscheint in wenigen Monaten.

Vom Match & Fuse Ensemble wird man hingegen wohl nicht so schnell etwas käuflich erwerben können, gaben sich hier doch fünf Musiker aus diversen Ländern zu neuen Versuchen hin und liessen Musik, welche zuvor in Irland erdacht wurde, auf den Schweizer Boden treffen. Womit die Bühne für eine weitere Rückkehr frei gemacht wurde: Sängerin Lucia Cadotsch verliess für einmal ihre Wahlheimat Berlin und trat mit ihrem neuen Speak Low Trio auf. Otis Sandsjö und Petter Eldh wehrten sich gegen streikende Instrumente und zu klare Songstrukturen, Lucia wandelte durch Chansons und Erzählungen.

Und während sich diese Lieder im Scheinwerferlicht sonnten, wurde die Bühne von immer mehr Musikern bevölkert und man wurde Zeuge von einem erneuten Umdenken der bekannten Lieder mit der Band Speak Low Renditions. Eine perfekte Verkörperung des Festival-Geistes und der bisher erlebten Konzerte – und ein weiteres Ausrufezeichen für Match & Fuse. Denn die erste Schweizer Ausgabe war nicht nur vorzüglich organisiert, sondern ein wahrer Fundus an neuen Klangquellen, Talenten und Visionen. Die Welt des Jazz atmet auf viele Weisen, die wohl besten durfte man an diesen Tagen erleben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Match & Fuse Festival, Zürich, 17-09-29

Match & Fuse Festival
Bands: Tobias Preisig / Schnellertollermeier / Soccer96 / In Girum / IOKOI & ARIA
Freitag 29. September 2017
Diverse Orte, Zürich
Website: matchandfuse.ch

Ein einzelner Funke reicht aus, um Welten zu verschmelzen, die man danach nie mehr trennen möchte. Ob man dazu mit Streichhölzern agiert oder Sicherungen durchbrennen lässt, beim Festival Match & Fuse ist alles möglich und vieles erlaubt. Seit fünf Jahren steht die Vereinigung dafür ein, in Europa eklektische Bands und Künstler zusammenzuführen und die experimentelle Kreativität zu zelebrieren. Jetzt endlich hat es das Fest auch nach Zürich geschafft. Gleich an drei Abenden werden Gesprächsrunden, Konzerte und Jamsessions angeboten, immer mit einem Fuss im gesunden Wahnsinn.

Wenn es an etwas am Freitagabend im Moods und der Laborbar nicht mangelte, dann waren es gespielte Noten. Woraus andere Bands wohl Jahrzehnte an Alben schöpfen würden, reichte bei den hier spielenden Formationen für kurzweilige Stunden an den Instrumenten. Tobias Preisig, Lokalmatador und eine der beiden Hälften des Duos Egopusher, eröffnete die Nacht mit einer Solodarbietung an der Geige. Verändert, erweitert und verzaubert mit Gerätschaften und Basspedalen klang seine Musik mal bedrohlich wie der Chorgesang des Monolithen in „2001“, dann wieder wie eine ferne Stimme in der arabischen Wüste.

Feinste Berührungen an den Saiten wurden brummend durch das Moods getragen, mal wild dann wieder hypnotisch – das Streichinstrument wurde zu einem wundersamen Klangkörper. Diese Art der entrückten Verzauberung nutzten auch die zwei Frauen von IOKOI & ARIA, welche mit Videoprojektionen, Synthies und Gesang Lieder aufbauten, die eine düstere Björk auf die psychedelischen Flüsse von The Legendary Pink Dots treffen liess. Zwischen Performance, Installation und Auftritt parkiert wanderte das Duo zwischen Pop und Absturz und machte die Besucher zu einem wichtigen Bestandteil des Auftrittes.

Wer mit dieser Rolle etwas überfordert war, der fand bei den Schweizern Schnellertollermeier eine Darbietung, die vor allem zum Zucken und Staunen einlud. Das Trio musizierte sich mit extremer Präzision, unendlicher Energie und grosser Spielfreude durch instrumentale Lieder, die sogar Frank Zappas Schnauz gezwirbelt hätten. Mit Gitarreneffekten wie bei Battles, einem göttlichen Bassspiel und unermüdlichem Schlagzeuger wurden lange Lieder perfekt auf- und abgebaut. Schwarzer Jazz mit feinen Strukturen, ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst.

Da war es fast entspannend, dass mit Soccer96 aus England und In Girum aus Frankreich dann zwei Duos folgten, die sich auf Synthie und Schlagzeug beschränkten. Wobei am Match & Fuse ja einzelne Instrumente ausreichen, um alle Konventionen zu sprengen: So galt es hier die Fahne der Polyrhythmik hochzuhalten, gleichzeitig aber die Realität mit langen Liedern und flächigen Melodien zu verwischen. Soccer96 tummelten sich mit ihren Songs näher am Club, scheuten weder vor Vocoder noch bunten Farben zurück. Dies führte zu langen Gedankenflügen und einem Trancezustand beim Tanzen.

In Girum lauerten danach auf der dunklen Seite der Gasse und mischten vor allem Direktheit und kühlen Druck in die Musik. Auch wenn eine solche Masse an Musik etwas überfordern konnte, mitreissend und fesselnd war auch dieser im Halbdunkel gespielte Auftritt. Was perfekt passte, halten sich doch alle Künstler und auch die Initianten dieses Festivals gerne in Zwischenwelten auf und suchen in den Mischmengen die Erlösung. Als Besucher fand man diese am Freitag mindestens einmal pro Stunde und Konzert – und musste vor Genialität der Musik immer wieder glücklich lachen. One down, one to go.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.