Zürich

Ausstellung: Montreux Jazz im Landesmuseum (2018)

© Schweizerisches Nationalmuseum

Montreux Jazz seit 1967
19. Januar bis 21. Mai 2018
Landesmuseum, Zürich

Ist es frech zu behaupten, wer sich auch nur ein wenig für Musik, Bands und Konzerte interessiert, der müsse mindestens einmal im Leben in Montreux am Jazz Festival gewesen sein? Ich denke nicht, denn die Veranstaltung existiert nicht nur seit 1967, sondern gilt auch weltweit als wichtig und ist jedes Jahr wieder ein Garant für fantastische Bands, grossartige Stimmung und viele Neuentdeckungen. Höchste Zeit also, gibt es nach 50 Jahren Erfolgsgeschichte nun eine rückschauende Ausstellung im Zürcher Landesmuseum, in der man nicht nur die Magie erspüren darf, sondern auch hinter die Kulissen blicken kann.

Denn das Herzstück der noch bis Ende Mai laufenden Schau sind die Auszüge der Sammlung des 2013 verstorbenen Festvialgründers und Lebemanns Claude Nobs. Er war nicht nur ein Unternehmergeist mit viel menschlicher Nähe, ein Musiknarr mit unendlicher Anzahl von Kontakten und gelernter Koch – er war auch Sammler von allen möglichen Dingen, Geniesser seiner Modelleisenbahn und Chronist der Musikgeschichte. So findet man zwischen persönlichen Fotografien, Briefen und Gadgets, Lokomotiven und ausgeflippten Kleidungsstücken auch ein paar Film- und Audiobänder, die das Archiv des Montreux Jazz Festivals repräsentieren.

Seit der ersten Ausgabe wird an diesem Festival jedes Konzert in Bild und Ton ausgezeichnet und für die Nachwelt konserviert. Das hat nicht nur die UNESCO bewogen, dieses Archiv 2013 ins Dokumentenerbe aufzunehmen; auch im Landesmuseum erhält man die Chance, zwischen Genres und Zeiten hin und her zu wechseln. Ob auf grosser Leinwand inmitten der Ausstellung oder an kleinen Terminals mit Kopfhörern – hier gibt es Perlen und Klassiker zum Nachholen oder erneuten Geniessen. Da fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, ist der geschichtliche Abriss der Ausstellung eher knapp gehalten.

Viel eher geht es bei „Montreux Jazz seit 1967“ um das Gefühl, die Stimmung und Herrn Nobs. Es ist die Präsentation eines wahren Musiktempels, eine Einladung für alle Liebhaber und Interessierten und eine wunderbare Möglichkeit, eines der bedeutendsten Schweizer Kulturereignisse aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Die Anekdote zu „Smoke On The Water“ von Deep Purple muss in diesem Bericht nicht mehr als Lockmittel erwähnt werden, oder?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Fever Ray, Volkshaus Zürich, 18-02-24

Fever Ray
Support: Tami T
Samstag 24. Februar 2018
Volkshaus, Zürich

Es war schon fast eine etwas zu grosse Ehre, Fever Ray an diesem Samstag in Zürich erleben zu dürfen. Nicht nur zeigte sich die schwedische Künstlerin nach langen Jahren endlich wieder auf der Bühne, sondern brachte auch gleich ihr neustes Album „Plunge“ mit – welches einen Tag vor diesem Auftritt erschien. Die Lieder hatten also immer noch den Glanz der kleinen Geheimnisse. Verstärkt durch die toll durchgeplante Show wirkte somit alles sehr frisch und aufregend. Doch alles andere hätte uns bei Karin Elisabeth Dreijer auch nur erstaunt.

Mit einer rein weiblichen Band und einem perfekt durchgeplanten Gesamtkonzept eroberte die ehemalige Frontfrau von The Knife nämlich nicht nur das Volkshaus, sondern auch unsere Köpfe und Herzen. Das Bühnenbild zeigte sich mit neonfarbenen Lichtern, Lasereffekten und Strobo wie ein heruntergekommenes Festival aus der Welt von Blade Runner, Fever Ray und ihre Partnerinnen traten in bunten und absurden Kostümen auf. Diese Verkleidungen dienten aber nicht nur zur Unterhaltung, sondern widerspiegelten die Klischees und Vorurteile der patriarchischen Gesellschaft.

Denn auch wenn neue Lieder wie „IDK About You“ oder „To The Moon And Back“ eher wie leicht durchgeknallter Pop klingen, geht es hier um Gleichberechtigung, Emanzipation und Toleranz. Fever Ray ist deswegen nicht nur in den Kennerkreisen der experimentellen Electronica beliebt, sondern sorgt auch in der LGBT-Gemeinschaft immer wieder für Jubel und Furore. Und genau dies war auch die Kernaussage an diesem Samstag: Seid offen, seid menschlich und gebt der Liebe eine Chance. Unterstrichen mit harten Bässen, dreistimmigem Gesang, wilder Perkussion und schrägen Synths – da wurde sogar der eher düstere Track „If I Had A Heart“ zu einem schillernden Stern.

Beruhigend war auch zu sehen, wie bunt und ideenreich eine Welt aussieht, in der Frauen das Zepter übernommen haben und Musik wie auch Auftreten ohne Geltungszwänge und Egozentrik ausleben dürfen. „I’m Not Done“ singt sie in der zweiten Hälfte des Konzertes und lässt unser Herz mit solchen Aussagen freudig hüpfen – denn solche Künstlerinnen brauchen wir noch lange. Und Verstärkung fand Fever Ray an diesem Abend durch ihre Produzentin und Songbastlerin Tami T aus Göteborg.

Seit Jahren in der Szene der Pop und des Dance aktiv, zeigte die momentan in Berlin sesshafte Künstlerin ihre polyphonen, direkten und immerzu sexuell aufgeladenen Perspektiven auf unsere Welt. Mit einem zwischen den Beinen platzierten Trigger-Stock, frechen Texten und viel Vocoder heizte Tami T gleich von Beginn an ein und liess die Leute ausgelassen tanzen. Irgendwo zwischen EDM, Pop und Techno – so bunt und vielfältig wie die deutsche Hauptstadt, so ehrlich wie nötig. Die Nacht war so vielleicht nicht immer genormt und leicht zu verdauen, aber immer wahrhaftig und existenziell.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Highly Suspect, Dynamo Zürich, 18-02-23

Highly Suspect
Support: Welles
Freitag 23. Februar 2018
Dynamo, Zürich

Gross war die Vorfreude, denn endlich zeigte sich das amerikanische Trio Highly Suspect auf einer Bühne in der Schweiz. Dass dafür gleich das Dynamo bis zur hintersten Ecke mit neugierigen Leuten gefüllt war, überraschte nicht, denn diese Rock-Gruppe sorgt seit wenigen Jahren auf der ganzen Welt für Furore. Spätestens mit ihrem zweiten Album „The Boy Who Died Wolf“, welches 2016 erschien und eine Grammy-Nomitation einsteckte, war klar: Die Gitarrenmusik ist auch für jüngere Fans wieder interessanter geworden. Leider aber wurde die Premiere in Zürich eine grosse Panne.

Mit Ankündigung und Einlaufmusik nahmen Highly Suspect ihre Plätze hinter den Instrumenten ein und stürzten sich auch gleich mit viel Eifer und Energie in ihre Songs. Gitarre und Bass kreuzten ihre Riff-Klingen, das Schlagzeug überrollte die bereits jetzt ausgiebig tobende Masse. Doch schnell war klar: Frontmann Johnny Stevens klang nicht, wie er sollte – und schnell kam auch die Klärung: Es plage ihn eine Grippe, aber er versuche trotzdem, das Konzert durchzustehen. Immerhin begründete dies seine knallige Mütze und den dicken Pullover.

Dick war auch die Ausgelassenheit, die sich im Saal des Dynamo breit machte. Fliegende Biere, ausgestreckte Fäuste und frenetischer Jubel: Die Zuschauer waren froh, Highly Suspect endlich in echt begegnen zu können. Kein Wunder, sind die drei Mannen doch wirklich starke Musiker, welche mit ihren Songs den perfekten Mittelweg zwischen eingängigem Rock der Nullerjahre und wuchtigen Einflüssen aus Punk und Heavy Rock finden. Im eigentlichen Sinne ist dies zwar nichts Neues und musste nicht jeden abholen, zauberte aber auch an diesem Freitag in viele Gesichter ein grosses Lachen.

Doch dann nach wenigen Songs der Schock: Johnny Stevens kann nicht mehr singen, die Band gibt nach ein paar schnell dazwischen gepackten Hits auf. Verständlicherweise machte sich sehr schnell Unmut im Saal breit und viele Anwesende konnten nicht glauben, dass das Vergnügen so abrupt ein Ende fand. Wieso hat die Band den Gig nicht abgesagt? Wieso mussten alle den vollen Preis für ein paar kümmerliche Minuten Musik zahlen? So sollte man nicht mit seinen Fans umgehen. Andererseits ist es auch verständlich, wollte das Trio in der Schweiz trotzdem das Bestmögliche bieten.

Welles mit seinen Musikern hatte da mehr Glück. Als Vorband konnten sie bereits viel Applaus und Freudenschreie einheimsen. Grunge funktioniert eben auch heute noch, und die lakonische Art, über Probleme und die Welt zu singen, klappte auch im Dynamo perfekt. Der Amerikaner führte durch dissonante Gitarren, leichten Rock’n’Roll und etwas schleppende Balladen – immer mit gewisser Freche und genügend Druck. Dass dieser schon bald ins Minus fallen würde, das konnte man da zum Glück noch nicht wissen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Steven Wilson, Halle 622 Zürich, 18-02-07

Steven Wilson
Support: Donna Zed
Mittwoch 07. Februar 2018
Halle 622, Zürich Oerlikon

Damit hatte ich nicht gerechnet, obwohl ich zu der Fraktion gehörte, die „To The Bone“ von der ersten Minute an geliebt und verteidigt haben. Dass der ehemalige Frontmann von Porcupine Tree und neuzeitliche Progressive-Rock-Retter in der Halle 622 in Oerlikon eines der besten Konzerte abliefern würde, das ich jemals von ihm gesehen habe, dieser Gedanke wäre mir niemals gekommen. Steven Wilson hat es aber geschafft, seinen kompletten musikalischen Kosmos grossartig in einen Auftritt von fast drei Stunden zu destillieren und dabei Eckpunkte zu verknüpfen, die man bisher nie so nahe beieinander sehen konnte.

Alleine der Umstand, dass er die Lieder seines neusten und extrem von Pop-Musik beeinflussten Werkes ohne Mühe mit älteren Songs seiner Karriere verband und diese mit einer passenden visuellen Untermalung zu einer kohärenten Geschichte knüpfte – dies war umwerfend. Wer hätte jemals gedacht, dass der von Abba beeinflusste Song „Permanating“ so gut auf den Longtrack und viel zu selten vernommenen Brecher „Arriving Somewhere But Not Here“ folgen kann? Nicht nur schuf Steven Wilson hier mit seiner neu entdeckten Freude als Showman eine perfekte Überleitung und erzählte witzige Anekdoten, nein sogar textlich fand man plötzlich gewisse Motive, die sich gegenseitig spiegeln und ergänzen.

Inhaltlich war der Künstler schon immer spannend, mit der gewonnen Lust am Konzeptalbum steigerte er sich seit „The Raven That Refused To Sing“ aber immer mehr. So machte es sehr viel Freude zu erfahren, wie „The Creator Has A Mastertape“ die Stimmung für „Refuge“ perfekt vorbereitete. Oder wie die Beklemmung von „Song Of I“ genial in der Melancholie von „Lazarus“ ihre Bestimmung fand – ohne die Emotionen aufgesetzt wirken zu lassen. Fast nur ungehörtes Material versprach Steven Wilson den vielen freudig erregten Zuschauern zu Beginn seines Sets, und hielt dieses versprechen. Denn wär hätte gedacht, noch einmal „Even Less“ in einer reduzierten Form mit nur einer Gitarre erleben zu können? Oder „Pariah“ endlich laut und wesensverändernd wahrnehmen zu dürfen?

Gerade dieses wunderschöne und ergreifende Stück mit Sängerin Ninet Tayeb wurde eines der frühen und intensivsten Highlights. Dank einer gut geplanten und immer geschmacksvollen Show mit Projektionen auf ein Netz, Videowänden und passender Lichtuntermalung erhielten nicht nur die Instrumente eine Verstärkung, auch die Tiefe der Musik konnte besser erfasst werden. So war es auch eine pure Lust, der perfekt aufspielenden Band (bestehend aus Nick Beggs, Adam Holzmann, Alex Hutchings und Craig Blundell) bei wirbelnden Instrumentalteilen von „Home Invasion“ oder „Vermillioncore“ zuzuhören und dann wieder in Bildern und Farben aufzugehen. Steven Wilson hat mit dieser Tour wahrlich eine neue Ebene erreicht.

Egal ob Pop, harter Progressive Rock oder psychedelischer Art-Rock – mit dem Konzert in Zürich verband der Meister all seine Stärken zu einem neuen, extrem vielseitigen Erlebnis. „The Same Asylum as Before“ liess Prince wach werden, „Sleep Together“ nahm die Zuschauer mit harten Bässen und grellem Licht gefangen, „The Raven That Refused to Sing“ machte den Konzertschluss extrem ergreifend und tieftraurig. Steven Wilson hat sich damit nicht nur allen Zweiflern bewiesen, sondern seine Musik noch einmal mehr etwas unsterblicher gemacht. Dieser Mann ist einfach unglaublich, und dieser Auftritt war extraklasse!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Sounds From The Heart Festival, Werk21 Zürich, 17-12-16

Sounds From The Heart Festival
Bands: Hanté, Salvation AMP, Sons Of Sounds, Patricia Scheurer
Samstag 16. Dezember 2017
Werk21, Zürich

Gegensätze, Abwechslung, Erbe – das erste Sounds From The Heart Festival bot für eine Nacht im Werk21 in Zürich einen interessanten Querschnitt durch die dunkle Szene. Mit direkt gegenübergestellten Vergleichen und einem intensiven Verbund aus Vergangenheit und Moderne wurde der kalte Samstag im Dezember zu einem eleganten Treffen für Freunde und Neugierige. Und dieses Spiel mit den Zeiten war bereits in der Dekoration sichtbar, wurde der Kellerraum des Dynamos doch von elektrischen Kerzen erhellt und Fledermäusen bewohnt, denen nicht nur Ozzy den Kopf abbeisst – waren sie schliesslich leckere Kekse.

Patricia Scheurer, Autorin aus Zürich und seit langem ein bekanntes Gesicht in der Szene, spannte mit der Lesung aus ihrem Roman „Schwarzes Erbe“ den Bogen dann auch gleich vom heutigen Zürich in das tiefe Mittelalter. Ihr Buch handelt von Sinnsuche, Themen des Gothik-Stils, Musik und viel Romantik. Eine Kombination, die für mich selber eher schwierig ist, in der heutigen Zeit aber gut funktioniert und unter den anwesenden Besuchern viel Anklang fand.

Umso interessanter war es, dass als erste Band dann Sons Of Sound aus Karlsruhe das Banner des Heavy Metal hochhielten und auf diese Burg-Fantasien pfiffen. Die drei Brüder liessen sich von der ungewöhnlich tiefen, weil gesundheitlich angeschlagenen Stimme des Bassisten und Sängers Roman Beselt nicht beirren und lotsten ihre Musik geschickt durch harte Instrumentalpassagen und melodische Refrains. Für diesen Abend näher bei Type O Negative als üblich, dafür weiterhin eine packende Mischung aus Achtziger-Anleihen, Art-Rock und komplexen Rhythmuswechseln. Schade, wollte das Publikum die Energie des Trios nicht ganz willentlich aufnehmen.

Salvation AMP aus Detmold hatten mit ihrem Gothic Rock etwas mehr Glück, forderten ihre Wave-Gitarren, tiefen Gesänge und schweren Takte doch förmlich zum Ausdruckstanz auf. Seit 2010 wiedererstarkt, war dieses, in der Szene schon seit den Neunzigern bekannte Trio eine kraftvolle Aussprache für die Vielfältigkeit an solchen Anlässen. Gerne elegisch, immerzu mysteriös und doch durchdringend liess ihre Musik das Publikum zu einem geschlossenen Ganzen werden. Da störte es auch nicht, dass die Scheinwerfer frech bunte Lichtschwaden über die dunklen Klänge ergossen.

Hélène de Thoury umging diese Beleuchtung zum Teil, liess sie ihre Lieder schliesslich von passenden Projektionen begleiten. Die französische Künstlerin nutzte des Festival für ihren ersten Auftritt in der Deutschschweiz unter dem Namen Hanté und beendete diesen Konzertreigen mit ihren pochenden Beats und synthetischen Tanzbefehlen des Cold Wave. Alleine vor einer schieren Armada aus Geräten und Knöpfen behauptete sie sich mit ihrer Stimme gegen eine Armee aus dröhnenden Tönen, tiefen Bässen und düster gefärbten Emotionen.

Wem das Sounds From The Heart Festival bisher zu analog war, der kam hier endgültig auf seine Snythie-Kosten und liess Kleid und Haar durch die Luft gleiten. Und auch mit der After-Party setzten die Verantwortlichen dieses kleinen Fests ein weiteres Ausrufezeichen hinter die Vielfältigkeit und Offenheit der Geister. Ob Gothic, Wave, Metal oder einfach nur romantisch verklärt, das schwarze Vermächtnis hat viele Formen und Körper – der Verbund machte diese Vielseitigkeit noch schöner.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Noga Erez, Papiersaal Zürich, 17-12-04

Noga Erez
Support: Pamela Mendez
Montag 04. Dezember 2017
Papiersaal, Zürich

Beruhigend – das ist es, wenn junge Künstlerinnen und Künstler live auf der Bühne genauso packend und gut sind, wie auf ihrem Album. So wurden meinen kleinen Zweifel, ob den Noga Erez ihre packenden Tanzsongs von ihrem Debüt „Off The Radar“ auch live so mitreissend darbieten kann, bereits nach wenigen Sekunden weggefegt. Denn die Frau aus Israel wirbelte nicht nur wie ein revolutionärer Umsturz über die Bühne, sie zeigte sich geschmacks- und stimmsicher und holte das Maximum aus ihren Songs heraus. Montags im Papiersaal, so wird eine Woche gestartet.

Der Einstieg war aber noch weit weg von ausgeflippten Partys zwischen Betonruinen und Aufstände mit Beats – die Berner Singer-Singwriterin Pamela Mèndez liess das Publikum ihrer Stimme, Gitarre und neuen Songs von der EP „World Of Nothing“ lauschen. Kleinode, zerbrechlich aber erstarkt dargeboten, passend zum Inhalt über die Gedankengänge des Seins in unserer Welt. Und natürlich ein weiterer unumstösslicher Beweis, dass die Frauen unsere Welt schon bald zu etwas Besserem führen werden. Dies zog sich als Thema durch den gesamten Konzertabend in Zürich.

Bei Noga Erez hat dies noch viel härtere und schmerzvollere Hintergründe, stammt die Musikerin doch aus Tel Aviv und kennt Krieg und Unterdrückung nicht nur aus den Abendnachrichten. Doch anstelle daran zu zerbrechen, hat sie ihre Gedanken, Wut und Energie dazu gebraucht, um der Welt treibende und moderne Popmusik zu schenken. Schön zu sehen, dass Songs wie „Balkada“ oder „Noisy“ weltweit auf Gegenliebe stossen und Erez eine erfolgreiche Konzerttour feiern kann. Und so war auch die Darbietung im Papiersaal nach „Radarmix“, dem instrumentalen Intro ihrer sehr talentierten Begleiter, schnell eine ausgelassene Feier voller Tanzschritte und Lichtblitzen.

Irgendwo zwischen Trap, Dance-Pop und rhythmisch vertrackter Electronica angesiedelt, waren Lieder wie „Toy“ oder das bisher unbekannte „Sunshine“ Gewehrkugeln, die in die Geister und Glieder der Besucher eindrangen, und ihnen einen lauten Spiegel vorhielten. Noga Erez sang, sprach und schrie dazu beeindruckend und trieb sich und ihre zwei Mitmusiker an den elektronischen Drums und Synthies zu Höchstleistungen an. Mit Krachern wie „Off The Radar“ und natürlich „Dance While You Shoot“ wurden grosse Probleme plötzlich greifbar, die Zukunft bekam eine neue Perspektive. Und wer Noga dabei beobachten konnte, wie glücklich und begeistert sie auf der Bühne umhertanzte, der hatte sich gleich ein doppelt so langes Set gewünscht. 1, 2, 3 – I’m Peaking!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Yello, Hallenstadion Zürich, 2017-11-30

Yello
Donnerstag 30. November 2017
Hallenstadion, Zürich

Das gab es wohl noch nie: Eine legendäre Band spielt im Hallenstadion in Zürich und fast alle Besucher sehen die Künstler zum ersten Mal live! Wenn man die Geschichte der Electro-Pioniere Yello aber kennt oder genauer betrachtet, dann ist dies nur eine weitere Merkwürdigkeit in ihrer fast 40 jährigen Bandhistorie. Es war schliesslich für lange Zeit nicht mehr realistisch gewesen zu hoffen, Dieter Meier und Boris Blank einmal überlebensgross auf einer Bühne zu bestaunen. Nach ausverkauften Konzerten in Berlin haben die Herren aber daran Gefallen gefunden und sich nun auf eine kleine Tour durch die deutschsprachigen Gebieten gewagt – und natürlich auch in Zürich angehalten. Aber nicht alles Gelbe ist Gold.

Wer seine Musik nie wirklich live darbot und somit auch nicht mit einem Publikum kommunizieren musste, der wirkt automatisch etwas verkrampft. Dies wurde auch Yello schnell zum Verhängnis, wussten sie die meiste Zeit nicht so wirklich, wie auf der Bühne zu stehen und was zu sagen. Das führte zu unfreiwillig komischen Ansagen und Kommentaren, geplant aber nicht geübt. Allerdings war der Dadaismus schon immer ein tonangebendes Element bei der Musik dieser Band, sei es nun in Silbenfolgen, Effekten oder Videoproduktionen. Auch die Show, welche vor allem das neue Album „Toy“ vorstellte, nutzte immer wieder Elemente daraus. Auf einem riesigen Screen fügten sich alte und neue Aufnahmen zu einer geschmacksvollen Präsentation zusammen, Blank versah alte Tracks mit neuem Klangvolumen.

Schön aber, dass auch Klassiker wie „Bostich“ oder „The Evening’s Young“ nicht komplett überarbeitet wurden. Mit einer Liveband versehen, welche sich vor allem durch die Bläsersektion bemerkbar machte, wurde das digitale zwar fassbarer, die Synthies knarrten und piepsten aber wie früher. Basswelle um Basswelle wurde aus dem Datenverkehr eine menschliche Darbietung – und die Stimme von Dieter Meier ist eh immer ein Highlight. Als Gegenpol zu seiner männlichen Erotik erschienen mehrmals die britisch-malawische Sängerin Malia und die Chinesin Fifi Rong im Scheinwerferlicht und machten aus „The Rhythm Divine“ oder „Lost In Motion“ anschmiegende Popstücke. Genau diese klinische Performance liess aber gewisse Risse im Mythos von Yello sichtbar werden.

Klar, ihre letzten Alben waren eher Werke, die sich im Gebiet des alternativen Pop mit Jazz-Anleihen sesshaft machten. So war auch im Hallenstadion meist die Gemächlichkeit der grosse Gewinner, wirklich wild wurden Yello nur mit „Do It“ oder „Si Senor The Hairy Grill“ – aber trotzdem hinterliess dies einen etwas hohles Gefühl. Über die Jahrzehnte haben Meier und Blank mit ihren Kompositionen unzählige Stilrichtungen und Bands beeinflusst, das war auch in Zürich immer wieder zu spüren. Nur leider ging bei diesem Auftritt etwas die Abenteuerlust und verruchte Stimmung verloren. „Vicious Games“ oder „Oh Yeah“ mal in einem Konzert erleben zu dürfen, herrlich. Doch die Erwartungen und Vorstellungen hat das Duo leider an diesem Donnerstagabend nicht komplett erfüllen können. Den Enkelkinder wird man es trotzdem erzählen.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: The Beauty Of Gemina, Moods Zürich, 17-11-24

The Beauty Of Gemina
Freitag 24. November 2017
Moods, Zürich

Man spürte es bereits vor dem Betreten des Moods: Dieses Konzert würde etwas Spezielles sein. Draussen im Foyer sammelten sich alte Freunde und Bekannte, liessen die neugierigen Blicke zwischen Merchandise-Stand und Kordeln umhergleiten, Schilder wiesen daraufhin, dass dieses Konzert live übertragen wird. The Beauty Of Gemina waren zurück in Zürich und hatten keine Mühe gescheut, um ihr Album „Minor Sun“ auch als akustische Reise durch die dunklen Musikkünste formvollendet darbieten zu können. Dass die Band um Michael Sele dafür tief in sich gekehrt war, überraschte nicht.

Denn im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern wurden hier bekannte Lieder nicht nur in einer reduzierten und leiseren Version gespielt, The Beauty Of Gemina schrieben ihre Stücke um und ermöglichten somit allen Besuchern ein fesselndes und neuartiges Programm. Was auch nötig war, denn Wave-Brocken wie „Hunters“ oder „Suicide Landscape“ leben eigentlich von ihren harten Beats und brodelnden Keyboardflächen – wieso also das nicht eifach einmal mit Saxophon, Cello und Violine austauschen?

Was auf den ersten Gedanken vielleicht etwas fremd klingt, funktionierte im Moods perfekt. Lieder und Geschichten wurden in eine neue Welt transportiert, Sele wechselte zwischen Flügel und Gitarren und führte seine sechs Musikerinnen und Musiker geschickt durch eine Reise über alle Alben und Jahre. „Down By The Horses“ entführte in einen Saloon im Wilden Westen, bei „Mariannah“ lebte Violinistin Eva Wey ihre schottische Herkunft aus und das Depeche Mode-Cover „Personal Jesus“ fügte sich genial in den Kosmos von The Beauty Of Gemina ein.

Dass diese neuen Songgewänder und umgebauten Strukturen so wunderschön funktionierten, war natürlich auch den fantastischen Musikern zu verdanken – Michael Sele hat sich hier wahrlich eine extrem talentierte Besetzung zusammengestellt. Nebst den langjährigen Begleitern Andreas Zubler (Bass) und Mac Vinzens (Schlagzeug) liess der virtuose Saitenzauberer Ariel Rossi die Melodien auf der Gitarre riesengross werden, Raphael J. Zweifel legte herrliche Fundamente mit seinem Cello. Und als liedführende Weisungen dann plötzlich aus dem Saxophon von Ejyolfur Porleifsson kamen – wie bei dem immer herrlichen „The Lonesome Death Of A Goth DJ“ – da war die Verwandlung perfekt.

Kein Wunder also, schlossen The Beauty Of Gemina nach vielen Zugaben und noch mehr verdientem Beifall ihr Konzert mit dem Talking Heads-Cover „Listening Wind“. Dieses Lied wurde im Zuge seiner eigenen Musikwandlungen auch von Peter Gabriel für die orchestrale Tour gecovert. Und was der Art-Rocker aus England kann, das können die Gothic-Meister aus der Schweiz schon lange! The Beauty Of Gemina haben mit ihrer diesjährigen Akustik-Tour erneut bewiesen, dass ihre Musik tiefgründig, wunderschön und voller Reiz ist. Michael Seles Gesang war so eindringlich wie nie, die schwarze Ästhetik auf ihrem Höhepunkt. Dies ist die „Dark Revolution“ – mit oder ohne Bier!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: Nick Cave & The Bad Seeds, Hallenstadion, Zürich, 17-11-12

Nick Cave & The Bad Seeds
Sonntag 12. November 2017
Hallenstadion Club, Zürich

Lange hatte ich Angst vor diesem Konzert, vor dieser Begegnung. Die Last und Trauer des Verlustes schienen unüberwindbar, nicht nur von Seiten Nick Caves sondern auch von mir. Das Album „The Skeleton Tree“ und der begleitende film „One More Time With Feeling“ haben tiefe Narben in uns allen gezeichnet und die Wahrnehmung zur Person und Musik für immer verändert. Als dann aber nach dem geglückten Tourstart die Meldung kam, Nick Cave And The Bad Seeds seien mehr als froh, endlich wieder den Kontakt zu den Fans mit Konzerten zu erleben, stimmte dies auch mich hoffnungsvoll. Was sich an diesem stürmisch nassen Sonntagabend dann im Hallenstadion auf intensivste Weise bestätigte.

Vom ersten Ton an, egal ob durch das perfekt gewählte Intro mit „Three Seasons in Wyoming“ (ein Lied vom neusten Soundtrack „Wind River„) oder „Anthrocene“ mit den echten Personen auf der Bühne, war der Auftritt eine Läuterung und ein Beben emotionaler und klanglicher Tiefe. Nick Cave And The Bad Seeds sind keine Band, Musiker oder Künstler, es sind Schamanen, Teufel und Götter – Wesen, die wie Leuchtfeuer vor uns stehen, in uns greifen und unser Dasein umstülpen. Es reichten dazu einzelne und extrem zerbrechliche töne („Into My Arms“) oder dann doch Lawinen an Tonfolgen und Ergüsse die Stücke wie „From Her To Eternity“ zu Ganzkörpererlebnissen machten. Kein Lied war vor dieser bestialischen Klangwucht sicher, die Musiker steigerten sich in Rage.

Dies war auch nötig, denn weiterhin fühlt es sich wie Messerstiche ins Herz an, wenn man Nick Cave dabei zuhörte, wie er die Lieder „Jesus Alone“ oder „The Distant Sky“ intonierte. Der dunkle Schleier wurde zwar nach einigen Songs vom Bühnenrand entfernt und machte Platz für eine eindrückliche Lichtuntermalung, in den Songs steckt er aber für immer und bleischwer. Um all dies kollektiv erträglich zu machen, stürzte sich der Australische Künstler und schwarze Magier der Rockmusik immer wieder in die Leute, liess sich anfassen und legte seine Hände erlösend auf die Köpfe der Besucher. Lieder mit gewissem Schalk wie „Red Right Hand“ brachen die Schwere von vorangegangenen Songs auf, am Ende des Konzertes tauchte Cave nicht nur in den Besucher ein, er lud sie gleich scharenweise auf die Bühne ein.

„And some people say it’s just rock and roll /Oh but it gets you right down to your soul“ – Ein Mantra, das man am Ende der letzten Zugabe „Push The Sky Away“ immer wieder aufsagen möchte. Nick Cave And The Bad Seeds haben in Zürich kein Konzert gespielt, sie haben sich selber und alle Anwesenden die Energie gegeben, unser Aufenthalt auf diesem Planeten zu überstehen. Ob es sich um verlorene Familienmitglieder handelt, Gesellschaften, die sich nicht mehr humanistisch zeigen, oder dem persönlichen Unvermögen, in der Welt klar zu kommen – der Schmerz wurde universal mit Gesang, Gestik, Musik und Berührung gemeinsam angegangen.

Und während sich der Frontmann in seinen Geschichten und Gedanken verlor, die Worte ausspukte, schrie oder flüsterte, wirbelte Warren Ellis zwischen den Instrumenten hin und her, führte wie Rasputin die Band von einem Highlight zum anderen. Live sind Nick Cave And The Bad Seeds nämlich eine fesselnde Urgewalt und bewiesen dies mit alten Klassikern wie „Stagger Lee“ oder aktuellen Schönheiten wie „Magneto“. „Nothing really matters, nothing really matters when the one you love is gone“, doch wir machen weiter und sind gemeinsam da. Und um mehr ging es vielleicht gar nie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Melanie De Biasio, Moods Zürich, 17-11-09

Bild: Kathrin Hirzel

Melanie De Biasio
Donnerstag 09. November 2017
Moods, Zürich

„And the band played on / And my heart goes on“ – ganz sanft und leicht wird man wieder in die Realität entlassen. Mit dem abschliessenden Song vom neusten Album „Lilies“ werden auch die Schatten im Moods kleiner und aus Kontur wird feste Form. Doch im Gegensatz zum gesungenen Text spielt diese Band leider nicht mehr weiter, das Konzert von Melanie De Biasio endet und man wird sich plötzlich seiner Umgebung und Person wieder bewusst. Entführt auf schönste Weise, in andere Welten transportiert und nachhaltig gerührt – was ein paar Kleinode in der Musik an einem Donnerstagabend doch bewirken können.

Denn die Belgische Künstlerin brauchte für ihr Konzert in Zürich keine grosse Show und kein riesiges Aufgebot. Drei begleitende Musiker (Pascal Mohy am Klavier, Pascal Paulus an Keyboard und Gitarre, Alberto Malo am Schlagzeug) und Melanie De Biasio selber nahmen Lieder wie „Gold Junkies“ oder „Your Freedom Is The End Of Me“ und liessen sie in ihrer eigentlichen, reduzierten Weise natürlich wachsen. Ob die Band mehrere Takte hinten anhängte, oder die Stücke in der Mitte zu kleinen Improvisationen führten, alles fügte sich zu einer wunderschönen Performance zusammen. Einzelne Klänge schwebten durch den Raum und liessen sich von den glücklichen Zuschauern einatmen.

Noch selten habe ich ein solch fragil leises, aber in dieser Art auch extrem ausdrucksstarkes und intensives Konzert erlebt. Das Gewicht und der Ausdruck von Liedern wie „Let Me Love You“ zeichnete sich in jeder Note und jeder Silbe ab. Melanie De Biasio verwendete ihre Stimme wie ein Instrument und liess einzelne Sätze geflüstert oder laut gesungen auf die Instrumente einwirken. Kombiniert mit ihrem feinfühligen Spiel an der Querflöte und geschmacksvoll vom Licht in Szene gesetzt wurde die Künstlerin ihrem Ruf somit mehr als gerecht.

Der Herbst ist die Jahreszeit mit der grössten Melancholie, ein perfekter Moment für ein solches Konzert in der spannenden Zwischenwelt von Jazz und Singer-Songwriter. Melanie De Biasio liess uns alle für eine zu kurze aber fesselnde Zeit meditative und berührende Musik erleben und das Moods bewies einmal mehr Geschmackssicherheit und Ausnahmestellung. Ein Abend also, der auch ohne drückende Bässe und blendende Blitze noch lange im Kopf der Zuschauer herumgeistern wird.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bild: Kathrin Hirzel