Zürich

Live: Sounds From The Heart Festival, Werk21 Zürich, 17-12-16

Sounds From The Heart Festival
Bands: Hanté, Salvation AMP, Sons Of Sounds, Patricia Scheurer
Samstag 16. Dezember 2017
Werk21, Zürich

Gegensätze, Abwechslung, Erbe – das erste Sounds From The Heart Festival bot für eine Nacht im Werk21 in Zürich einen interessanten Querschnitt durch die dunkle Szene. Mit direkt gegenübergestellten Vergleichen und einem intensiven Verbund aus Vergangenheit und Moderne wurde der kalte Samstag im Dezember zu einem eleganten Treffen für Freunde und Neugierige. Und dieses Spiel mit den Zeiten war bereits in der Dekoration sichtbar, wurde der Kellerraum des Dynamos doch von elektrischen Kerzen erhellt und Fledermäusen bewohnt, denen nicht nur Ozzy den Kopf abbeisst – waren sie schliesslich leckere Kekse.

Patricia Scheurer, Autorin aus Zürich und seit langem ein bekanntes Gesicht in der Szene, spannte mit der Lesung aus ihrem Roman „Schwarzes Erbe“ den Bogen dann auch gleich vom heutigen Zürich in das tiefe Mittelalter. Ihr Buch handelt von Sinnsuche, Themen des Gothik-Stils, Musik und viel Romantik. Eine Kombination, die für mich selber eher schwierig ist, in der heutigen Zeit aber gut funktioniert und unter den anwesenden Besuchern viel Anklang fand.

Umso interessanter war es, dass als erste Band dann Sons Of Sound aus Karlsruhe das Banner des Heavy Metal hochhielten und auf diese Burg-Fantasien pfiffen. Die drei Brüder liessen sich von der ungewöhnlich tiefen, weil gesundheitlich angeschlagenen Stimme des Bassisten und Sängers Roman Beselt nicht beirren und lotsten ihre Musik geschickt durch harte Instrumentalpassagen und melodische Refrains. Für diesen Abend näher bei Type O Negative als üblich, dafür weiterhin eine packende Mischung aus Achtziger-Anleihen, Art-Rock und komplexen Rhythmuswechseln. Schade, wollte das Publikum die Energie des Trios nicht ganz willentlich aufnehmen.

Salvation AMP aus Detmold hatten mit ihrem Gothic Rock etwas mehr Glück, forderten ihre Wave-Gitarren, tiefen Gesänge und schweren Takte doch förmlich zum Ausdruckstanz auf. Seit 2010 wiedererstarkt, war dieses, in der Szene schon seit den Neunzigern bekannte Trio eine kraftvolle Aussprache für die Vielfältigkeit an solchen Anlässen. Gerne elegisch, immerzu mysteriös und doch durchdringend liess ihre Musik das Publikum zu einem geschlossenen Ganzen werden. Da störte es auch nicht, dass die Scheinwerfer frech bunte Lichtschwaden über die dunklen Klänge ergossen.

Hélène de Thoury umging diese Beleuchtung zum Teil, liess sie ihre Lieder schliesslich von passenden Projektionen begleiten. Die französische Künstlerin nutzte des Festival für ihren ersten Auftritt in der Deutschschweiz unter dem Namen Hanté und beendete diesen Konzertreigen mit ihren pochenden Beats und synthetischen Tanzbefehlen des Cold Wave. Alleine vor einer schieren Armada aus Geräten und Knöpfen behauptete sie sich mit ihrer Stimme gegen eine Armee aus dröhnenden Tönen, tiefen Bässen und düster gefärbten Emotionen.

Wem das Sounds From The Heart Festival bisher zu analog war, der kam hier endgültig auf seine Snythie-Kosten und liess Kleid und Haar durch die Luft gleiten. Und auch mit der After-Party setzten die Verantwortlichen dieses kleinen Fests ein weiteres Ausrufezeichen hinter die Vielfältigkeit und Offenheit der Geister. Ob Gothic, Wave, Metal oder einfach nur romantisch verklärt, das schwarze Vermächtnis hat viele Formen und Körper – der Verbund machte diese Vielseitigkeit noch schöner.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Noga Erez, Papiersaal Zürich, 17-12-04

Noga Erez
Support: Pamela Mendez
Montag 04. Dezember 2017
Papiersaal, Zürich

Beruhigend – das ist es, wenn junge Künstlerinnen und Künstler live auf der Bühne genauso packend und gut sind, wie auf ihrem Album. So wurden meinen kleinen Zweifel, ob den Noga Erez ihre packenden Tanzsongs von ihrem Debüt „Off The Radar“ auch live so mitreissend darbieten kann, bereits nach wenigen Sekunden weggefegt. Denn die Frau aus Israel wirbelte nicht nur wie ein revolutionärer Umsturz über die Bühne, sie zeigte sich geschmacks- und stimmsicher und holte das Maximum aus ihren Songs heraus. Montags im Papiersaal, so wird eine Woche gestartet.

Der Einstieg war aber noch weit weg von ausgeflippten Partys zwischen Betonruinen und Aufstände mit Beats – die Berner Singer-Singwriterin Pamela Mèndez liess das Publikum ihrer Stimme, Gitarre und neuen Songs von der EP „World Of Nothing“ lauschen. Kleinode, zerbrechlich aber erstarkt dargeboten, passend zum Inhalt über die Gedankengänge des Seins in unserer Welt. Und natürlich ein weiterer unumstösslicher Beweis, dass die Frauen unsere Welt schon bald zu etwas Besserem führen werden. Dies zog sich als Thema durch den gesamten Konzertabend in Zürich.

Bei Noga Erez hat dies noch viel härtere und schmerzvollere Hintergründe, stammt die Musikerin doch aus Tel Aviv und kennt Krieg und Unterdrückung nicht nur aus den Abendnachrichten. Doch anstelle daran zu zerbrechen, hat sie ihre Gedanken, Wut und Energie dazu gebraucht, um der Welt treibende und moderne Popmusik zu schenken. Schön zu sehen, dass Songs wie „Balkada“ oder „Noisy“ weltweit auf Gegenliebe stossen und Erez eine erfolgreiche Konzerttour feiern kann. Und so war auch die Darbietung im Papiersaal nach „Radarmix“, dem instrumentalen Intro ihrer sehr talentierten Begleiter, schnell eine ausgelassene Feier voller Tanzschritte und Lichtblitzen.

Irgendwo zwischen Trap, Dance-Pop und rhythmisch vertrackter Electronica angesiedelt, waren Lieder wie „Toy“ oder das bisher unbekannte „Sunshine“ Gewehrkugeln, die in die Geister und Glieder der Besucher eindrangen, und ihnen einen lauten Spiegel vorhielten. Noga Erez sang, sprach und schrie dazu beeindruckend und trieb sich und ihre zwei Mitmusiker an den elektronischen Drums und Synthies zu Höchstleistungen an. Mit Krachern wie „Off The Radar“ und natürlich „Dance While You Shoot“ wurden grosse Probleme plötzlich greifbar, die Zukunft bekam eine neue Perspektive. Und wer Noga dabei beobachten konnte, wie glücklich und begeistert sie auf der Bühne umhertanzte, der hatte sich gleich ein doppelt so langes Set gewünscht. 1, 2, 3 – I’m Peaking!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Yello, Hallenstadion Zürich, 2017-11-30

Yello
Donnerstag 30. November 2017
Hallenstadion, Zürich

Das gab es wohl noch nie: Eine legendäre Band spielt im Hallenstadion in Zürich und fast alle Besucher sehen die Künstler zum ersten Mal live! Wenn man die Geschichte der Electro-Pioniere Yello aber kennt oder genauer betrachtet, dann ist dies nur eine weitere Merkwürdigkeit in ihrer fast 40 jährigen Bandhistorie. Es war schliesslich für lange Zeit nicht mehr realistisch gewesen zu hoffen, Dieter Meier und Boris Blank einmal überlebensgross auf einer Bühne zu bestaunen. Nach ausverkauften Konzerten in Berlin haben die Herren aber daran Gefallen gefunden und sich nun auf eine kleine Tour durch die deutschsprachigen Gebieten gewagt – und natürlich auch in Zürich angehalten. Aber nicht alles Gelbe ist Gold.

Wer seine Musik nie wirklich live darbot und somit auch nicht mit einem Publikum kommunizieren musste, der wirkt automatisch etwas verkrampft. Dies wurde auch Yello schnell zum Verhängnis, wussten sie die meiste Zeit nicht so wirklich, wie auf der Bühne zu stehen und was zu sagen. Das führte zu unfreiwillig komischen Ansagen und Kommentaren, geplant aber nicht geübt. Allerdings war der Dadaismus schon immer ein tonangebendes Element bei der Musik dieser Band, sei es nun in Silbenfolgen, Effekten oder Videoproduktionen. Auch die Show, welche vor allem das neue Album „Toy“ vorstellte, nutzte immer wieder Elemente daraus. Auf einem riesigen Screen fügten sich alte und neue Aufnahmen zu einer geschmacksvollen Präsentation zusammen, Blank versah alte Tracks mit neuem Klangvolumen.

Schön aber, dass auch Klassiker wie „Bostich“ oder „The Evening’s Young“ nicht komplett überarbeitet wurden. Mit einer Liveband versehen, welche sich vor allem durch die Bläsersektion bemerkbar machte, wurde das digitale zwar fassbarer, die Synthies knarrten und piepsten aber wie früher. Basswelle um Basswelle wurde aus dem Datenverkehr eine menschliche Darbietung – und die Stimme von Dieter Meier ist eh immer ein Highlight. Als Gegenpol zu seiner männlichen Erotik erschienen mehrmals die britisch-malawische Sängerin Malia und die Chinesin Fifi Rong im Scheinwerferlicht und machten aus „The Rhythm Divine“ oder „Lost In Motion“ anschmiegende Popstücke. Genau diese klinische Performance liess aber gewisse Risse im Mythos von Yello sichtbar werden.

Klar, ihre letzten Alben waren eher Werke, die sich im Gebiet des alternativen Pop mit Jazz-Anleihen sesshaft machten. So war auch im Hallenstadion meist die Gemächlichkeit der grosse Gewinner, wirklich wild wurden Yello nur mit „Do It“ oder „Si Senor The Hairy Grill“ – aber trotzdem hinterliess dies einen etwas hohles Gefühl. Über die Jahrzehnte haben Meier und Blank mit ihren Kompositionen unzählige Stilrichtungen und Bands beeinflusst, das war auch in Zürich immer wieder zu spüren. Nur leider ging bei diesem Auftritt etwas die Abenteuerlust und verruchte Stimmung verloren. „Vicious Games“ oder „Oh Yeah“ mal in einem Konzert erleben zu dürfen, herrlich. Doch die Erwartungen und Vorstellungen hat das Duo leider an diesem Donnerstagabend nicht komplett erfüllen können. Den Enkelkinder wird man es trotzdem erzählen.

 

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: The Beauty Of Gemina, Moods Zürich, 17-11-24

The Beauty Of Gemina
Freitag 24. November 2017
Moods, Zürich

Man spürte es bereits vor dem Betreten des Moods: Dieses Konzert würde etwas Spezielles sein. Draussen im Foyer sammelten sich alte Freunde und Bekannte, liessen die neugierigen Blicke zwischen Merchandise-Stand und Kordeln umhergleiten, Schilder wiesen daraufhin, dass dieses Konzert live übertragen wird. The Beauty Of Gemina waren zurück in Zürich und hatten keine Mühe gescheut, um ihr Album „Minor Sun“ auch als akustische Reise durch die dunklen Musikkünste formvollendet darbieten zu können. Dass die Band um Michael Sele dafür tief in sich gekehrt war, überraschte nicht.

Denn im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern wurden hier bekannte Lieder nicht nur in einer reduzierten und leiseren Version gespielt, The Beauty Of Gemina schrieben ihre Stücke um und ermöglichten somit allen Besuchern ein fesselndes und neuartiges Programm. Was auch nötig war, denn Wave-Brocken wie „Hunters“ oder „Suicide Landscape“ leben eigentlich von ihren harten Beats und brodelnden Keyboardflächen – wieso also das nicht eifach einmal mit Saxophon, Cello und Violine austauschen?

Was auf den ersten Gedanken vielleicht etwas fremd klingt, funktionierte im Moods perfekt. Lieder und Geschichten wurden in eine neue Welt transportiert, Sele wechselte zwischen Flügel und Gitarren und führte seine sechs Musikerinnen und Musiker geschickt durch eine Reise über alle Alben und Jahre. „Down By The Horses“ entführte in einen Saloon im Wilden Westen, bei „Mariannah“ lebte Violinistin Eva Wey ihre schottische Herkunft aus und das Depeche Mode-Cover „Personal Jesus“ fügte sich genial in den Kosmos von The Beauty Of Gemina ein.

Dass diese neuen Songgewänder und umgebauten Strukturen so wunderschön funktionierten, war natürlich auch den fantastischen Musikern zu verdanken – Michael Sele hat sich hier wahrlich eine extrem talentierte Besetzung zusammengestellt. Nebst den langjährigen Begleitern Andreas Zubler (Bass) und Mac Vinzens (Schlagzeug) liess der virtuose Saitenzauberer Ariel Rossi die Melodien auf der Gitarre riesengross werden, Raphael J. Zweifel legte herrliche Fundamente mit seinem Cello. Und als liedführende Weisungen dann plötzlich aus dem Saxophon von Ejyolfur Porleifsson kamen – wie bei dem immer herrlichen „The Lonesome Death Of A Goth DJ“ – da war die Verwandlung perfekt.

Kein Wunder also, schlossen The Beauty Of Gemina nach vielen Zugaben und noch mehr verdientem Beifall ihr Konzert mit dem Talking Heads-Cover „Listening Wind“. Dieses Lied wurde im Zuge seiner eigenen Musikwandlungen auch von Peter Gabriel für die orchestrale Tour gecovert. Und was der Art-Rocker aus England kann, das können die Gothic-Meister aus der Schweiz schon lange! The Beauty Of Gemina haben mit ihrer diesjährigen Akustik-Tour erneut bewiesen, dass ihre Musik tiefgründig, wunderschön und voller Reiz ist. Michael Seles Gesang war so eindringlich wie nie, die schwarze Ästhetik auf ihrem Höhepunkt. Dies ist die „Dark Revolution“ – mit oder ohne Bier!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Live: Nick Cave & The Bad Seeds, Hallenstadion, Zürich, 17-11-12

Nick Cave & The Bad Seeds
Sonntag 12. November 2017
Hallenstadion Club, Zürich

Lange hatte ich Angst vor diesem Konzert, vor dieser Begegnung. Die Last und Trauer des Verlustes schienen unüberwindbar, nicht nur von Seiten Nick Caves sondern auch von mir. Das Album „The Skeleton Tree“ und der begleitende film „One More Time With Feeling“ haben tiefe Narben in uns allen gezeichnet und die Wahrnehmung zur Person und Musik für immer verändert. Als dann aber nach dem geglückten Tourstart die Meldung kam, Nick Cave And The Bad Seeds seien mehr als froh, endlich wieder den Kontakt zu den Fans mit Konzerten zu erleben, stimmte dies auch mich hoffnungsvoll. Was sich an diesem stürmisch nassen Sonntagabend dann im Hallenstadion auf intensivste Weise bestätigte.

Vom ersten Ton an, egal ob durch das perfekt gewählte Intro mit „Three Seasons in Wyoming“ (ein Lied vom neusten Soundtrack „Wind River„) oder „Anthrocene“ mit den echten Personen auf der Bühne, war der Auftritt eine Läuterung und ein Beben emotionaler und klanglicher Tiefe. Nick Cave And The Bad Seeds sind keine Band, Musiker oder Künstler, es sind Schamanen, Teufel und Götter – Wesen, die wie Leuchtfeuer vor uns stehen, in uns greifen und unser Dasein umstülpen. Es reichten dazu einzelne und extrem zerbrechliche töne („Into My Arms“) oder dann doch Lawinen an Tonfolgen und Ergüsse die Stücke wie „From Her To Eternity“ zu Ganzkörpererlebnissen machten. Kein Lied war vor dieser bestialischen Klangwucht sicher, die Musiker steigerten sich in Rage.

Dies war auch nötig, denn weiterhin fühlt es sich wie Messerstiche ins Herz an, wenn man Nick Cave dabei zuhörte, wie er die Lieder „Jesus Alone“ oder „The Distant Sky“ intonierte. Der dunkle Schleier wurde zwar nach einigen Songs vom Bühnenrand entfernt und machte Platz für eine eindrückliche Lichtuntermalung, in den Songs steckt er aber für immer und bleischwer. Um all dies kollektiv erträglich zu machen, stürzte sich der Australische Künstler und schwarze Magier der Rockmusik immer wieder in die Leute, liess sich anfassen und legte seine Hände erlösend auf die Köpfe der Besucher. Lieder mit gewissem Schalk wie „Red Right Hand“ brachen die Schwere von vorangegangenen Songs auf, am Ende des Konzertes tauchte Cave nicht nur in den Besucher ein, er lud sie gleich scharenweise auf die Bühne ein.

„And some people say it’s just rock and roll /Oh but it gets you right down to your soul“ – Ein Mantra, das man am Ende der letzten Zugabe „Push The Sky Away“ immer wieder aufsagen möchte. Nick Cave And The Bad Seeds haben in Zürich kein Konzert gespielt, sie haben sich selber und alle Anwesenden die Energie gegeben, unser Aufenthalt auf diesem Planeten zu überstehen. Ob es sich um verlorene Familienmitglieder handelt, Gesellschaften, die sich nicht mehr humanistisch zeigen, oder dem persönlichen Unvermögen, in der Welt klar zu kommen – der Schmerz wurde universal mit Gesang, Gestik, Musik und Berührung gemeinsam angegangen.

Und während sich der Frontmann in seinen Geschichten und Gedanken verlor, die Worte ausspukte, schrie oder flüsterte, wirbelte Warren Ellis zwischen den Instrumenten hin und her, führte wie Rasputin die Band von einem Highlight zum anderen. Live sind Nick Cave And The Bad Seeds nämlich eine fesselnde Urgewalt und bewiesen dies mit alten Klassikern wie „Stagger Lee“ oder aktuellen Schönheiten wie „Magneto“. „Nothing really matters, nothing really matters when the one you love is gone“, doch wir machen weiter und sind gemeinsam da. Und um mehr ging es vielleicht gar nie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Melanie De Biasio, Moods Zürich, 17-11-09

Bild: Kathrin Hirzel

Melanie De Biasio
Donnerstag 09. November 2017
Moods, Zürich

„And the band played on / And my heart goes on“ – ganz sanft und leicht wird man wieder in die Realität entlassen. Mit dem abschliessenden Song vom neusten Album „Lilies“ werden auch die Schatten im Moods kleiner und aus Kontur wird feste Form. Doch im Gegensatz zum gesungenen Text spielt diese Band leider nicht mehr weiter, das Konzert von Melanie De Biasio endet und man wird sich plötzlich seiner Umgebung und Person wieder bewusst. Entführt auf schönste Weise, in andere Welten transportiert und nachhaltig gerührt – was ein paar Kleinode in der Musik an einem Donnerstagabend doch bewirken können.

Denn die Belgische Künstlerin brauchte für ihr Konzert in Zürich keine grosse Show und kein riesiges Aufgebot. Drei begleitende Musiker (Pascal Mohy am Klavier, Pascal Paulus an Keyboard und Gitarre, Alberto Malo am Schlagzeug) und Melanie De Biasio selber nahmen Lieder wie „Gold Junkies“ oder „Your Freedom Is The End Of Me“ und liessen sie in ihrer eigentlichen, reduzierten Weise natürlich wachsen. Ob die Band mehrere Takte hinten anhängte, oder die Stücke in der Mitte zu kleinen Improvisationen führten, alles fügte sich zu einer wunderschönen Performance zusammen. Einzelne Klänge schwebten durch den Raum und liessen sich von den glücklichen Zuschauern einatmen.

Noch selten habe ich ein solch fragil leises, aber in dieser Art auch extrem ausdrucksstarkes und intensives Konzert erlebt. Das Gewicht und der Ausdruck von Liedern wie „Let Me Love You“ zeichnete sich in jeder Note und jeder Silbe ab. Melanie De Biasio verwendete ihre Stimme wie ein Instrument und liess einzelne Sätze geflüstert oder laut gesungen auf die Instrumente einwirken. Kombiniert mit ihrem feinfühligen Spiel an der Querflöte und geschmacksvoll vom Licht in Szene gesetzt wurde die Künstlerin ihrem Ruf somit mehr als gerecht.

Der Herbst ist die Jahreszeit mit der grössten Melancholie, ein perfekter Moment für ein solches Konzert in der spannenden Zwischenwelt von Jazz und Singer-Songwriter. Melanie De Biasio liess uns alle für eine zu kurze aber fesselnde Zeit meditative und berührende Musik erleben und das Moods bewies einmal mehr Geschmackssicherheit und Ausnahmestellung. Ein Abend also, der auch ohne drückende Bässe und blendende Blitze noch lange im Kopf der Zuschauer herumgeistern wird.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bild: Kathrin Hirzel

Live: Schiller, Volkshaus Zürich, 17-10-27

Bild: Dietmar Grabs

Schiller
Freitag 27. Oktober 2017
Volkshaus, Zürich

Wenn sich aus der Dunkelheit langsam das Tourlogo in Form einer Spiralfeder schält und die Musiker in leicht buntes Licht taucht, dann macht es Sinn, tummeln sich im Kopf plötzlich Assoziationen zur Kindheit. Damals, als man mit Verwunderung ebendieses Plastikspielzeug die Treppe runterpurzeln liess und sich wunderte, welche Kräfte denn hier am Werk waren. Und genau diese Gefühle und Gedanken zapft Christopher von Deylen mit seiner Musik seit 1998 an und lässt uns immer wieder die Welt aus neuen Sichtweisen sehen. Schön also, machte Schiller wieder einmal in Zürich Halt.

Im Gegensatz zum letztjährigen Konzert im Hallenstadion gab es den Künstler im Volkshaus wieder in abgespecktem Format zu sehen  – begleitet von nur zwei Musikern und mit einem reinen Instrumentalprogramm, den Klangwelten. Eine kleine Reise also durch Synthieschluchten und Beatfelder, zwischen alten Hits wie „Das Glockenspiel“ und neusten Kompositionen wie „The Future III“, immer nahe an der Entspannung und leicht dem Kitsch frönend. Ohne die Gastsänger und dank der Verlagerung weg von den klaren Chartstürmern war dieses Programm aber auch in der neusten Auflage eine angenehme Meditationsreise.

Ob man sich nun mit geschlossenen Augen von den im Surround-Sound dargebotenen Keyboardflächen und Sequenzerspuren davontragen liess, oder gemeinsam mit den anderen Besuchern die geschmacksvolle Lichtshow betrachtete – jeder fand etwas im Konzert. Umso schlimmer darum, dass die Darbietung nach einer knappen Stunde von einer Pause unterbrochen wurde und vieles von der Magie zerbröckelte. So kam auch das Publikum nie aus seiner verhaltenen Rolle heraus und Schiller liess sich selber zu selten auf die Techno-Vergangenheit ein.

All dies vermengte sich in gewissen Momenten zu einem Auftritt, der etwas mehr Spannung und weniger Chill-Out hätte vertragen können – eigentlich riss nur „Ruhe“ wirklich mit. Trotzdem, in Kombination mit gelungenen Visuals wurden die neuen Tracks wie „Schwerelos“ und „Once Upon A Time“ zu einer Möglichkeit, sich die Welt und all ihre Wunder wieder einmal neu anzueignen. Es kann also fast kein Zufall sein, dass Schiller mit seinen Keyboard-Kameras Szenerien auf den Screen zauberte, die wie futuristische Städte aus „Blade Runner 2049“ wirkten. Denn wie auch der dystopische Film sind die Klangwelten des Musikers ein Kommentar zum menschlichen Verhalten und unserem Potential – eine Zeitreise in Kreisform.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bild: Dietmar Grabs

Live: Egopusher, Moods Zürich, 17-10-20

Egopusher
Support: Chico Cream
Freitag 20. Oktober 2017
Moods, Zürich

Es war zu erwarten gewesen – dass die Musiker und Besucher dann aber in solch intensives, blutrotes Licht getaucht wurden, war doch mehr als überraschend. Die Plattentaufe zum ersten Album von Egopusher wurde nämlich nicht nur von vielen Leuten begleitet, sondern mit einer gelungenen und wirkungsvollen Lichtshow untermalt. Das Duo und ihr erstes, vollwertiges Baby hatten aber auch gar nicht weniger verdient, ist „Blood Red“ doch ein Album, das lange Zeit begeistert. Obwohl bereits seit einer Woche erhältlich, war es an diesem Freitag dann soweit, offiziell die Geburt zu feiern – im edlen Lokal Moods in Zürich.

Weil Schlagzeuger Alessandro Giannelli und sein Bandkumpel und Violinist Tobias Preisig gerne über dem Horizont schweben und wirken, war bereits die Einstimmung mit Support Chico Cream ein Genuss. Mario Scarton sass hinter einer halben Burg aus Klavier, Synthies und Effektgeräten, beugte sich wie ein verrückter Forscher über die Tasten und entlockte ihnen Klänge, die zwischen abstürzend verzerrt und hallend klar pendelten. Der von der Berliner Szene beeinflusste Künstler liess aus Ambientfiguren tanzbare Technobeats wachsen, krümmte Harmonien um die Basspedale und fabrizierte Musik, die fast das Magazin De:Bug wiederbelebte.

In diesen nährhaften Boden pflanzten Egopusher dann ihre Samen und schafften es zum wiederholten Mal, mit ihrer faszinierenden Mischung aus perkussiver Wucht, avantgardistischer Streichmusik und Club-Electronica die Leute zum Tanzen und Feiern zu bringen. Pulsierende Stücke wie „Jennifer (William Part II)“ wechselten sich mit experimentellen Steigerungen ab, bejubelte Singles („Patrol“) liessen die Endorphine nur so fliessen. Doch wie leider oft zu beobachten in der etwas jungen und hippen Szene, verkrampften sich zu viele Leute lieber an ihren Smartphones, als den Moment zu geniessen.

Dies kann man der Band nicht vorwerfen, gaben Egopusher schliesslich alles und verliessen die Bühne schweissnass und glücklich, wenn leider auch ohne eine Zugabe zu spielen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, diese Herren auch schon in stärker packender Form live erlebt zu haben. Gewisse Momente wirkten etwas verzettelt, was die Genialität hinter ihren Liedern aber auf keinen Fall schmälerte. Preisig und Giannelli haben mit ihrer andersartigen Musik eine Quelle angezapft, die hoffentlich noch lange nicht versiegen wird und herrlich frischen Wind in die Welt der handgemachten Electronica bringt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Yasmine Hamdan, Moods Zürich, 17-10-13

Yasmine Hamdan
Freitag 13. Oktober 2017
Moods, Zürich

Es sollte nicht verwundern, dass an diesem Freitagabend der Saal im Moods bis zur Türe packend gefüllt war. Wir leben in Zeiten, in denen sich Kulturen und Länder immer mehr vermengen, zu neuen Schöpfungen und Perspektiven. Während wir im Kino eine israelische Schauspielerin anhimmeln, die eine Amazone in einer amerikanischen Produktion spielt, ist es nur logisch, vor Yasmine Hamdan in die Knie zu gehen. Die Sängerin aus dem Libanon beweist in ihrer Musik nämlich, dass West und Ost perfekt zusammenpassen.

Geschmackvoll beleuchtet mit einzelnen Glühbirnen und projizierten Mustern im Hintergrund führte die schöne und starke Frau ihre drei Musiker (Cedric Le Roux – Gitarre, Minh Pham – Synthie, Loïc Maurin – Schlagzeug) durch ein Set, dass alle verzauberte und mitriss. Um ihr aktuelles Album „Al Jamilat“ aufgebaut, versank man nach wenigen Takten in einer Welt, in der leise Klagegesänge zu elektronisch pochenden Stücken wurden oder sich in lauten Gitarrenwänden auflösten. Yasmine Hamdan vollführt mit ihrer Band live das Kunststück, ihre kleinen Schhöpfungen zu neuem Leben zu führen, Aussagen in Ausbrüchen zerfliessen zu lassen.

Sie zelebrierte in glitzerndem Oberteil, mit verführerischen Blicken zwischen ihrem wallenden Haar und extrovertierten Tanzbewegungen ihre Ausnahmestellung im arabischen Pop. Denn innert kurzer Zeit hat sie mit – auch an diesem Abend wuchtigen – Liedern wie „Assi“ oder „Ya Nass“ den Trip Hop und Electropop in arabischer Musik einverleibt und mit Akzenten der Sahelzone oder des Bouzouki garniert. Begleitet wurden die Klänge von extrem emotionalem Gesang, der Spieltrieb und Ausführung zugleich ist. Denn ob hier nun Dramaqueens oder politische Entscheidungen die Hauptrolle spielen, Hamdan lebte diese Schicksale.

Das Sprach- und Kreativtalent Yasmine Hamdan spielte somit nicht nur mit ihrer Band und liess Stücke härter, männlicher oder lauter werden, sondern auch mit dem Publikum und liess uns träumen und schwitzen. Zwischen langen Tanzmomenten und Kaskaden purer Schönheit gab es den Song vom Film „Only Lovers Left Alive“ und mehrsprachige Ansagen. Und als der Auftritt in Zürich dann mit der herzlichen Betrachtung und Liebeserklärung an Beirut endete, war endgültig klar: All diese vermischten Welten unterscheiden sich im Herzen gar nicht. Frau Hamdan spricht mit ihrer Musik aus, was allen schon lange bewusst sein sollte, und das auf schönste Weise.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.