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Editors – Violence (2018)

Sind Editors dem Fluch verfallen, den auch Coldplay nicht abwimmeln konnten? Denn was die Gruppe um den charismatischen Frontmann Tom Smith mit ihren ersten beiden Alben erschuf, ist auch heute noch faszinierend düsterer Indie-Rock – und dann kam die Elektronik. Die Band tauschte die Gitarren gegen Synthies und zog in die Disco ein. Nicht sofort, sondernd schleichend und dann doch immer stärker am Pop orientiert. Nach einigen Unsicherheiten (welche auch das letzte Album „In Dream“ nicht ausbügeln konnte, sondern sich eher ideenlos zeigte) und Veränderungen in der Besetzung scheint nun aber alles gefestigt, „Violence“ ist da.

Doch leider muss gleich gesagt werden, dass Editors auch auf ihrem sechsten Album es nicht mehr geschafft haben, einen kohärenten Spannungsbogen zu kreieren. Man findet hart pochende Beats neben grossen Synthieflächen, Gitarren und sehnsüchtigen Gesang neben alles erhellendem Licht. All dies wird zu Songs vermengt, die zwischen Hit-Single und zerbrochenem Clubtrack pendeln – ohne sich wirklich entscheiden zu können. Klar, der Titelsong ist wunderbar tanzbar, „Magazine“ umgarnt mit einem Band-typischen Refrain und extremer Gestik und „Belong“ zeigt die Melancholie mit Druck. Doch nichts überzeugt vollends.

Viele Stücke wirken eher wie in einem Zufallsgenerator hergestellt, garniert mit allen geliebten Merkmalen der Editors. Im Gegensatz zum direkten Vorgänger weisst „Violence“ aber doch Songs auf, die man sofort abfeiert: „Darkness At The Door“ zitiert frech die Simple Minds und landet tief in den Achtziger, „Hallelujah (So Low)“ lässt alle Frequenzen übersteuern und ist reine Klanggewalt. Hier spürt man die immerwährende Anspannung, welche hinter dem Zucker und den zu hübschen Liedern lauert – doch leider wird alles gleich wieder in die Schranken verwiesen. „Violence“ ist somit eine Steigerung, zeigt aber auch, dass Editors zu gross für wagemutige Versuche geworden sind.

Anspieltipps:
Hallelujah (So Low), Darkness At The Door, Counting Spooks

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Deathwhite – For A Black Tomorrow (2018)

“The Grace Of God” ist schon fast so frech bei den Vorbildern von Deathwhite geklaut, dass man etwas auf die falsche Fährte gelockt wird. Denn ja, dieses Lied klingt wie eine Mischung aus dem destruktiven Metal von Katatonia und dem sehnsüchtigen Art-Rock von Anathema, aber die Gruppe aus Amerika kann mehr als nur kopieren. “For A Black Tomorrow” färbt nicht nur unsere Stimmung dunkel ein, es ist auch ein Metal-Album voller depressiven Melodien und harten Riffs – aber manchmal mit etwas zu wenig Zugkraft.

Deathwhite existieren seit 2012 und bis heute weiss man nicht, wer eigentlich hinter den Instrumenten steht. Das spielt aber auch keine Rolle, zählt schliesslich das Resultat. Und das kann sich auf diesem ersten Album hören lassen, greifen Lieder wie “Death And The Master” oder “Eden” tief in die Trickkiste von melancholischem Dark-Metal. Mehrschichtige Gitarren, immerzu treibendes Schlagzeug, emotionaler und mitreissender Gesang – was Paradise Lost oder oben erwähnte Bands können, das gelingt auch hier.

Über die gesamte Spielzeit aber fehlt mir etwas die Abwechslung. Nicht alle Songs wirken so hypnotisch und fesselnd, wie sie von Deathwhite angedacht wurden. Handwerklich kann man den Musikern nichts vorwerfen, hier sitzen alle Rhythmen und Töne, inklusive dem satten Gesamtbild – doch zu oft denkt man an die Grosswerke der Genre-Legenden und vermisst hier etwas den Wagemut und die Innovation. Schwarz ist das Morgen trotzdem.

Anspieltipps:
The Grace Of The Dark, Eden, Death And The Master

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Jonathan Wilson – Rare Birds (2018)

Als „Fanfare“ 2013 erschien, da wurde die Welt auf einen Schlag extrem viel schöner. Das Album von Jonathan Wilson war nicht nur eine fantastisch komponierte Verneigung vor jeglichen Rockarten der Sechziger und Siebziger, sondern voller wunderschöner Melodien und beeindruckender Energie. Mit „Rare Birds“ erscheint nun endlich der vollwertige Nachfolger – und macht einiges anders. Denn obwohl der amerikanische Musiker immer noch mit seinen gleichen Markenzeichen spielt, werden hier neue Quelle angezapft. Dass man also nun plötzlich Fleetwood Mac oder viel Bruce Springsteen aus den Songs heraushört, sollte nicht verwundern.

Jonathan Wilson hat hier nicht nur eine Platte geschaffen, die extrem gefühlsvoll, empathisch und in den richtigen Momenten abdriftend daherkommt, es ist ein Wundertopf voller Folk, Singer-Songwriter, verzerrtem Hard Rock und schwelgerischem Pop. Das Klangbild orientiert sich in Songs wie „Over The Midnight“ zwar eher bei klinischen Taten der Achtziger als dem Staub von Kalifornien, verliert aber nichts vom Reiz. Gerade Stücke wie „There’s A Light“, dass mit Orgel, Chorgesang und Klavier direkt im Tempel vom Boss landet, oder der Titelsong, der sich relativ reduziert in den Nachthimmel schraubt, beweisen die perfekte Mutation des Sounds. Alles was Wilson anfasst wird zu Gold, auch hier.

So ist auch das lange und sehr schwelgerische „Loving You“ einfach nur zu Tränen rührend schön, „Hard To Get Over“ direkt und im richtigen Moment wild, „Sunset Blvd“ hinreissend verträumt – „Rare Birds“ ist genauso vielfältig wie genial. Jonathan Wilson ist zur Zeit also nicht nur als Gitarrist bei der Us + Them-Tour von Roger Waters zu loben, sondern als Solokünstler eine fast unerreichbare Klasse. Und diese Platte sollte in jedem Haushalt stehen, in dem immer wieder gerne mal eine Rock-Scheibe aufgelegt wird.

Anspieltipps:
Me, Loving You, Hard To Get Over

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

This Is Where – This Is Where (2018)

Man nehme Musiker von den donnernden Swans und den düstereen Bee And Flower, mische diese einmal kräftig in der Pfanne und erhalte — keine brachiale Gitarrenmusik! This Is Where, das neue Projekt von Algis Kizys, Norman Westberg und Lynn Wright gibt sich lieber den besinnlichen Drones und den angenehmen Ambientwirkungen hin. Mit zwei Gitarristen und einem Basisten ausgestattet, hat sich das Trio nach einer ersten Veröffentlichung 2016 nun zusammengesetzt, um vier lange Kompositionen unter dem Namen „This Is Where“ aufzunehmen.

Dabei ergänzen sich Covermotiv und klangliches Spektrum sehr gut, wabern Momente wie „1-6:0“ oder „2:2-7“ sanft und oft auch unscheinbar umher. This Is Where geniessen die leisen Frequenzveränderungen und spielen immer wieder schleichend neue Melodienfetzen ein. Algis Kizys legt mit seinem Bass eine Landschaft, auf der die Saitentänze von Westberg und Wright einen perfekt Untergrund erhalten und sich so alles gemeinsam wie warmer Nebel erhebt. „4:5“ zerreisst für einen kurzen Augenblick diese Idylle mit Rückkopplungen und Lärm, betört aber vor allem auch mit den Flächen im Hintergrund.

Allgemein ist die Musik von This Is Where überraschend tiefgehend. Für jede klar aufgenommene Spur gibt es schummrige Resonanzen, welche fast unhörbar die Stücke übernehmen. Und wenn „3:4-5“ am Ende dann wie ein grosser Schatten in die luftigen Höhen aufsteigt, dann folgt man dieser Verheissung mehr als gerne und lässt sich von der bestehenden Form ohne Angst in etwas neues transformieren. All dies, ohne sich jemals bedroht zu fühlen.

Anspieltipps:
2:2-7, 4:5, 3:4-5

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Schlammpeitziger – Damenbartblick auf Pregnant Hill (2018)

Wenn sich die Melodienflötisten durch den Taktgarten schwadronieren, dann hüpft das Jammerloch von Seite zu Seite. Immer leicht betrunkenspielend und nie ganz Volldenker, doch dieser „Damenbartblick auf Pregnant Hill“ öffnet neue Horizontvorhänge. Und so ist es auch nicht ganz leicht, diese Tanzverquerungen und Synapsenstreichler festzuhalten. Ihre Extremitäten sind zwar nicht glitschig, aber schneller als die Augen – oder blendet bloss wieder das Randlicht? Wie auch immer, Schlammpeitziger packt auf seiner neusten Rundung das Kraut an der Wurzel und oszilliert seine Gerätschaften zwischen digitalem Abbau und analoger Hochkonjunktur.

Bereits mit den Namensgebungen wird man alleine in das Beerenfeld gestellt: „Smooth Motion Kaukraut“, „Wasserstopf“ oder „Bock Bounceburg“ – Nomen est Omen und Schlammpeitziger nimmt die Buchstaben vor seinen Augen und legt sie auf die Notenblätter. Da hilft auch keine locker angeschlagene Gitarre, denn Keyboard und Synthies fliegen schon lange am Unterbauch der holzgezimmerten Taubenschläge umher. Seit 1992 zaubert Jo Zimmermann unter dem schlammigen Namen in dem Gebiet der elektronischen Musik, und seit damals wächst sein Bekanntheitsgrad immer weiter, wie die grosse Bohnenstange im Märchen. Trotzdem kein Grund, den Schwangerschaftshügel alltäglich zu pflegen.

Viel eher sind querulante Spoken-Word-Risszeichnungen wie „Ekirlu Kong“ oder klausschulzende Gewässer wie „What I Got“ ein Ökosystem, dass weder in ein Einmachglas noch eine Resonanzkuppel passt. Kein Wunder also, spazieren hier die Gurken am Strand der Regenwasserozeane und fühlen sich dabei so frei wie noch nie. Gemütlich hopsen wir also gemeinsam durch die Electronica und finden dabei weder bekannte Strassen noch gepflegte Pisten. Aber das macht für einmal ja auch ganz zufrieden.

Anspieltipps:
Ekirlu Kong, Kandierte Jammerlochlappen, What I Got

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Dedekind Cut – Tahoe (2018)

Der amerikanische Soundtüftler Fred Welton Warmsley III war als Dedekind Cut schon immer dafür bekannt, dass er seine Musik nie gleichförmig behandelte. Viel eher suchte der Künstler immer wieder neue Formen und Evolutionsstufen, landete mit seinem anfänglich kühlen und industriellen Weltbild immer mehr im organischen Ambient. Mit dem zweiten vollwertigen Album „Tahoe“ gibt es vor allem dies: Lange dahinfliessende Flächen, angenehme Verzerrungen und Akkorde, die erst in der Ewigkeit enden. Mit gleich zehn Minuten ist „Crossing Guard“ das beste Beispiel für diese Entspannung.

Allerdings hat Dedekind Cut nicht nur die Füsse hochgelagert, sondern Synthie-Geschichten mit Field Recordings und Drones zu einer ureigenen Welt kombinieret. Ob das exotisch anmutende „MMXIX“ aus der Zukunft stammt, kann niemand genau sagen, es zeugt auf jedem Fall von grosser Weitsicht und Toleranz. Wie auch das wunderschöne und emotionale Titelstück, in das man für immer eintauchen und die Zeit vergessen möchte. Allgemein ist die vierte Dimension ein wichtiger Faktor auf „Tahoe“, ob man sie nun vergisst oder als Leitfaden benutzt.

„De-Civilization“ und „Spiral“ wirken gegenübergestellt nämlich wie aus verschiedenen Epochen geborgen, als ob Dedekind Cut der Verwalter eines temporalen Archivs wäre. So ist dieses Album nie bestimmt zu verorten und passt sich scheinbar der Umgebung an, hat aber immerzu eine eigene Wirkung auf den Hörer. Und bevor man mit „Hollow Earth“ in die lärmenden Gesteinsschichten herabsteigt, ist es ganz nützlich, wenn man konzentriert Energie gesammelt hat. Denn so vernimmt man auch in den grössten Schatten auf diesem Werk die funkelnde Schönheit der elektronischen Musik.

Anspieltipps:
Tahoe, MMXIX, Hollow Earth

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Anna Von Hausswolff – Dead Magic (2018)

Wer nach „Ugly And Vengeful“ immer noch glaubt, unser Dasein haben einen tieferen Sinn und werde in alle Ewigkeit weiterscheinen, der ist wahrlich im Optimismus verloren. Viel grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich nach diesem viertelstündigen Monstrum zwischen Gothic Rock, Drone und experimentellem Ambient irgendwo im Schatten verkriecht und auf das schleichende Ende der Welt hofft. Mit ihrem vierten Album „Dead Magic“ beschreitet die schwedische Künstlerin Anna Von Hausswolff also keine neuen Wege, sondern führt meisterhaft ihren Kosmos voran und umgarnt erneut die alles verschlingende Dunkelheit.

Mit nur fünf, dafür meist lange treibenden Kompositionen zeigt sich „Dead Magic“ in extrem starker und schwarzmagischer Form. Wiederum steht über allem eine Orgel, dieses mal in der Marmorkirken in Kopenhagen aufgenommen. Doch Anna Von Hausswolff mischt die sakrale Tonfolgen in eine Musik, die irgendwo zwischen den dystopischen Fantasien von Swans („The Mysterious Vanishing of Electra“) und dem erhabenen Soundtrack von „Interstellar“ liegt („The Marble Eye“). Immerzu fesselnd, mysteriös, wachsend und wunderschön – so viel Leidenschaft und Passion findet man sonst selten in solch destruktiven Kompositionen.

Egal wie stark uns Anna Von Hausswolff mit ihrer Musik hypnotisiert, ihr Gesang, ihre markerschütternder Schreie und ihr scheinbar versöhnliches Flüstern locken uns immer wieder in die Falle und lassen den vernichtenden Schwertstoss in das Herz noch brutaler erscheinen. „Dead Magic“ ist kein normales Album, es ist ein Heiligtum der Hölle, das schon lange unter der Oberfläche brodelte und endlich die oberste Erdschicht durchbrechen konnte. Und bald merkt man, dass hier nicht normale Lieder erklingen, sondern Leben und Tod in klanglicher Form zu unseren Begleitern werden – und das menschliche Wirken plötzlich auf den Kopf gestellt wird. Einfach nur wunderschön!

Anspieltipps:
The Truth The Glow The Fall, The Mysterious Vanishing of Electra, Ugly And Vengeful

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fever Ray – Plunge (2018)

Seid ihr bereit für Abgründe, verstörende Geräusche und merkwürdigen Gesang? Hoffentlich, denn nach acht langen Jahren folgt endlich das zweite Album von Fever Ray – genauer gesagt von Karin Dreijer, ehemaligen Frontfrau von The Knife. Die schwedische Sängerin hat endlich Zeit gefunden, ihr Soloprojekt wieder mit Energie vollzupacken und uns erneut in die kaputte Welt der schrägen Tanzmusik und verzerrten Electronica zu entführen. Und toll ist an „Plunge“, dass man sich auch nach so langer Zeit der Abwesenheit gleich wieder zurecht findet, wird hier doch oft mit bekannten Mitteln gespielt.

So erinnert das Titellied sehr stark an die letzte Scheibe von The Knife, vermengt den experimentellen Electro-Pop aber mit Anleihen von Kraftwerk. Fever Ray ist allgemein eine Meisterin darin, ihre ureigene Musik immer wieder mit neuen Einflüssen und Ideen zu verzieren, ohne das Grundrezept zu verwässern. „This Country“ geht so textlich gegen alle Konventionen und lockt uns mit gewisser Eingängigkeit wie eine Spinne in ihr Netz. Anderes wie „IDK About You“ ist als Grundgerüst zwar klassischer Pop, wurde aber so fremdartig ausgebaut, dass es fast wie Musik einer fernen Welt wirkt.

„Plunge“ ist also nicht nur ein Lehrstück in synthetisch produzierter Musik, sondern die perfekte Grundlage für ausgefallenen Ausdruckstanz, Emanzipation von schrägen Gefühlen und klangliche Bühne für die Party mit den Untergrundbewohner. Da aber die Kompositionen von Fever Ray nie ganz aus dem Ruder laufen, hat man dank Songs wie „To The Moon And Back“ immer die Gewissheit, noch nicht ganz dem Wahnsinn verfallen zu sein. Viel lieber tanzen wir alle zusammen in radioaktivem Licht.

Anspieltipps:
Wanna Sip, IDK About You, To The Moon And Back

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Kobra Effekt – Kobra Effekt (2018)

Man kann es Andy Röösli nicht verübeln, dass er manchmal laut und wütend werden will. So wie wir mit unserem Leben und unserer Umgebung umgehen kann es nicht mehr lange funktionieren. Dass der Basler Musiker seine neue Band somit Kobra Effekt nennt und damit das Phänomen der problemverstärkenden und nicht -lösenden Massnahmen als Banner nimmt, liegt auf der Hand – auch, dass die Musik der Gruppe gerne direkt und mit starker Verzerrung aus den Boxen klingt. Ganz vergessen geht aber der Mundart-Pop trotzdem nicht, das zeigt sich in der eingängigen Melodienführung und direkten Texten.

Doch leider werden auch genau diese beiden Punkte auf „Kobra Effekt“, welches das erste Album der 2014 gegründeten Gruppe ist, oft zum kleinen Stolperstein. „Alles klar“ zum Beispiel bringt lärmige Gitarren und direktes Riffing mit sich, die gesungenen Zeilen wollen sich aber nicht so richtig in die Musik einfügen und die Wortwahl scheint etwas unglücklich zu sein. Viel besser wirkt der Einsatz von Kobra Effekt dann bei „So simmer“ oder „Schluuch“, Songs, die eher leicht melancholisch und direkt an ihren Inhalt herangehen. Hier findet man schnell die Daseinsberechtigung der Platte.

Irgendwo zwischen nicht zu wildem Alternative Rock, ungeschöntem Pop und zeitgenössischem Mundart landen Kobra Effekt mit ihrer Musik und tun gut darin, Abgründe und Probleme anzusprechen. Und auch wenn sich die instrumentale Begleitung des Gesang etwas anders anhört als im durchschnittlichen Schweizer Song, reicht es doch nie ganz zur Grosstat. Die Kompositionen hätte etwas mehr Feingefühl vertragen, das Album etwas mehr Abwechslung – aber vielleicht finden die Mannen ja bei ihrem Zweitling dann die Quelle des Glücks.

Anspieltipps:
I dere Stadt, So Simmer, Schluuch

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Geowulf – Great Big Blue (2018)

Da soll noch einer sagen, das Komplettpaket sei nicht durchdacht. „Great Big Blue“ begrüsst den Hörer nämlich mit einem herrlich sommerlichen Covermotiv, das perfekt die Stimmung der Musik widerspiegelt. Das erste Album des australischen Duos Geowulf klingt nämlich nicht nur nach warmen Abenden, sondern Strand und Gartenparty. Kein Wunder kriegt man bei diesem leichten Pop gleich Lust, mitsamt der Kleidung in den Pool zu springen – das vertreibt nämlich auch alle Sorgen.

Denn obwohl Frontfrau Star Kendrick in Liedern wie dem schmissigen „Drink Too Much“ eher ernste Themen wie Streit und Fremdheit besingt, verfällt die Musik nie der Melancholie oder lamentierenden Haltung. Zusammen mit Gitarrist Toma Banjanin schreibt sie seit 2016 Lieder, die immer Hoffnung und Glück in sich tragen. Geowulf tanzen mit Dreampop und Shoegaze, lassen ihre Melodien in Flächen und geschichteter Weise auftreten und wirken dabei immer beruhigend wie der beste Freund an der Party, nachdem er schon ein paar Gläser Weisswein getrunken hat.

„Hideaway“ gibt sich so als perfekter Hit, „Summer Fling“ spielt gar mit Stadiongrösse und „Won’t Look Back“ ist das Lied, das The XX schon immer schreiben sollten, aber es nie tun werden. Geowulf sind also nicht nur Balsam auf der angeschlagenen Seele, sondern die liebliche Alternative zu Lana Del Rey und perfekte Musik für Zeiten, in denen wir eine Aufmunterung benötigen. Die Heilung durch Wärme, dies versuchen die beiden Musiker nun von London aus – und gewinnen.

Anspieltipps:
Hideaway, Drink Too Much, Won’t Look Back

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.