Monat: Oktober 2017

Giulio Aldinucci – Borders And Ruins (2017)

Giulio Aldinucci – Borders And Ruins
Label: Karlrecords, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Ambient, Electronica

„The border is a real crack in an imaginary dam. / The border used to be an actual place, but now, it is the act of a thousand imaginations.“ Dies schrieb Alberto Ríos, amerkanischer Dichter, in seinem wunderschönen doppelten Sonet „The Border“ und legte damit den perfekten Grundstein für „Borders And Ruins“. Denn der italienische Künstler Giulio Aldinucci behandelt mit seinem neusten Album genau dieses schwierige Thema und sucht in sonischem Chaos die Ordnung zu finden, die wir auf der Welt nicht mehr hochhalten können. 

Als Komponist und Sucher im Bereich der experimentellen Electronica und dem Ambient tätig, lebt auch dieses Album von den Schichten, die sich ineinander verweben, wie Wolken am Himmel aufgetürmt werden – nur um dann wieder in kleine Stücke zu zerfallen und auseinander zu driften. Akustische Aufnahmen mischen sich unter verfremdete Synthie-Spuren, ein Rauschen breitet sich zwischen Frequenzen aus. Nie ist die Ordnung der Musik sicher, alles wirkt immer instabil – Giulio Aldinucci will auch gar nichts anderes. Denn hier geht es nicht um Trost, hier geht es sakralen Zerfall.

„Borders And Ruins“ ist dadurch aber noch lange kein unhörbares Stückwerk, sondern überrascht immer wieder mit tiefer Schönheit in den lärmigen Zwischenteilen. Bereits das erste Stück „Exodus Mandala“ wirkt mit Chorgesang und weiten Keyboardflächen erhaben und diese Stimmung trägt sich durch das gesamte Werk. Giulio Aldinucci beweist sich als Meister der sanften Veränderungen und weiss, wie zärtlich Ambient sein kann.  Das überraschendste an dieser Platte ist aber, wie treffend ein Kommentar zur aktuellen politischen Lage sein kann, ohne ein Wort zu benutzen. Hier liegt die wahre Grösse versteckt.

Anspieltipps:
Exodus Mandala, Venus Of The Bees, The Sunken Horizon

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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IMAX – Unfall (2017)

IAMX – Unfall
Label: Caroline, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Electronica, Dark Wave

Man ist es sich von Chris Corner ja gewöhnt, dass es an jedem Ende rumpelt, quietscht und die Bässe im Gehörgang dröhnen. Doch für die neuste Platte unter seinem Pseudonym IAMX hat sich das Ex-Sneaker Pimps Mitglied seine Musik neu aufgebaut – und verzichtet zum ersten Mal komplett auf Stimmen und Gesang. „Unfall“, bei weitem nicht so ein negatives Zufallsprodukt wie es uns der Titel weiss machen will, ist eine Gegenthese zu den gängigen Veröffentlichungen von Corner und bietet viel Platz für Experimente.

Natürlich, man findet sich als Hörer schnell in Stücken wie „Little Deaths“ oder „Cat’s Cradle“ zurecht, wartet aber nach jedem Takt auf den doch noch möglichen Einstieg von Gesang. IAMX verwehrt uns dieses Element hier aber komplett, bietet „Unfall“ doch den Einstieg in eine neue Reihe für abstrakte Alben voller Versuche an modularen Synthies. Das Pop-Format wird fast komplett ausradiert, die hymnischen Fangpunkte sind nicht mehr zu finden. Das verleiht der Musik eine kühle und manchmal auch etwas karge Stimmung – harte Beats und krumme Frequenzen bestimmen die Tracks.

Am besten gehen diese Spielereien immer dann auf, wenn sich die Takte laut durch die Synthie-Schichten kämpfen und dem Album eine extreme Tanzbarkeit verleihen. Gerade Momente wie „TickTickTick“ oder „TeddyLion“ strahlen hier im Schwarzlicht und würden perfekt in das Berghain passen. IAMX-Jünger könnten teilweise etwas die Eingänigkeit und das heroische Leider auf diesem Album vermissen, nicht alle Tracks sind gleich fesselnd gelungen. Trotzdem ist „Unfall“ eine spannende neue Seite von Chris Corner und macht auf jeden Fall neugierig auf die nächsten Teile. Ein „echtes“ IAMX-Album soll aber bereits 2018 folgen, keine Angst.

Anspieltipps:
TickTickTick, Cat’s Cradle, TeddyLion

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Zola Jesus – Okovi (2017)

Zola Jesus – Okovi
Label: Sacred Bones, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Electronica, Gothic-Pop

Auch wenn man in der Schule immer die Person war, die in düsterer Kleidung abseits stand und die beliebte Clique ignorierte – irgendwann machte sich jeder Gedanken darüber wie es wäre, dazuzugehören. Ob es bei Nika Roza Danilova so war kann ich nicht beurteilen, die Musik der Amerikanerin ist aber vor allem eines: Düster und lasziv angriffig. Unter dem Namen Zola Jesus erbaut sie seit 2006 Klangwelten, in denen sich Nachtschwärmer und Sonderlinge gleichsam wohlfühlen. Mit dem neusten Werk „Okovi“ wagt sie sich aber etwas zu weit in die Welt der süssen Pyjamapartys der Popstars.

Natürlich erhält man auch in diesem Jahr Musik, die perfekt hinter das etwas verstörende und monochrom gehaltene Cover passt. Zola Jesus lässt ihre Stimmgewalt in verhallten Liedern gegen schwere Beats und tragische Melodien antreten. Ihr Talent als Sängerin trägt viele Momente fast ganz alleine, sind „Ash To Bone“ oder „Wiseblood“ schliesslich fast komplett von störenden Elementen freigelegt. Damit klingt die Künstlerin oft wie die verstossene und rachsüchtige Schwester von Banks, oder die Albtraumversion von Lana Del Rey. Genau das ist aber auch der Schwachpunkt an „Okovi“, diese zu starke Annäherung an den modernen R&B-Pop, garniert mit elektronischen Untergangsszenarien.

Zola Jesus ist eine ausdrucksstarke und grossartige Musikerin, besonders live verleiht sie ihren Werken eine unglaubliche Wucht. Doch obwohl bei „Okovi“ munter Elemente des Industrial und Dark Wave ins Spiel geführt werden, können nur Stücke wie das eingängige „Soak“ oder das böse dröhnende „Veka“ diese Faszination transportieren. Das lyrisch sehr persönliche Album vermag klangtechnisch die Tiefe der Texte über Verlust und Versöhnung nicht zu erreichen und oft stellt man sich die Frage, wie gut diese Scheibe mit mehr Lärm und Verrücktheit klingen könnte.

Anspieltipps:
Exhumed, Veka, Remains

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: The Pineapple Thief, Dynamo Zürich, 17-09-11

The Pineapple Thief
Support: Godsticks
Montag 11. September 2017
Dynamo, Zürich
Bilder: Kathrin Hirzel

Dass an diesem Montag plötzlich in ganz Zürich scheinbar keine Ananas mehr zu finden war tun wir jetzt einfach als Gerücht ab – wie auch das Getuschel um plötzlich auftauchende Früchtchen im Backstage des Kulturhauses Dynamo. Was wir aber mit grosser Sicherheit vermelden können: Der Auftritt der Englischen Progressive Rock-Gruppe The Pineapple Thief war ein voller Erfolg. Und dies war auch nötig, war es schliesslich der erste Besuch in Zürich von Bruce Soord und seinen Mannen und ein heiss erwartetes Konzert. Besonders nach dem 2016 veröffentlichten Album „Your Wilderness“ ist die Band nämlich in die höchsten Sphären des modernen Art-Rock vorgedrungen und begeistert Leute auf aller Welt.

Somit gab es auch im Dynamo vor allem Lieder von der neusten Scheibe zu hören, druckvoll und energetisch dargeboten. Ob das elegische „In Exile“, welches auch für mich das Konzertvergnügen nach einem etwas zaghaften Beginn so richtig startete, oder das beschwörerische „Take Your Shot“ – die Atmosphäre der Scheibe konnte perfekt in den Saal übertragen werden. Womit auch gleich widerlegt wurde, dass The Pineapple Thief live nicht so überzeugen wie auf Platte. Aber mit Schlagzeuger Gavin Harrison (Ex-Porcupine Tree) als rhythmischer Zauberer, Jon Sykes als bewegungsfreudiger Bassist, Steve Kitch als ruhiger Keyboard-Pol und Darran Charles als wandelbaren und verschmitzen Gitarristen konnte nichts mehr schief gehen.

Charles zeigte auch gleich mit seiner eigenen Band Godsticks als Support, dass er den Prog in- und auswendig kennt. Die, seit 2006 aus Wales aktive Truppe, besticht in ihren Liedern weniger mit emotionalen Melodien, sondern mit komplizierten Songstrukturen und einem harten Klang. Hier gibt es verzerrte Gitarrenspuren, maschinell wirkende Drums und immer wieder dem Jazz angelehnte Harmonien. Während Darran Charles als Sänger zwar limitiert ist, tat diese Abwechslung in die dunklen Maschinenräume des Progressive Rock ganz gut. King Crimson war nicht der einzige Name, der einem während dem Auftritt durch den Kopf schwirrte. Und wenn die Herren bei „Exit Stage Right“ gleich alle Sicherheiten über Bord warfen, dann war dies ein wirklich aufregender Einstieg in den Abend.

The Pineapple Thief hatten keine Probleme, diese Energie weiterzutragen, was auch an dem wunderbar aufgelegten Publikum war. Die Zuschauer bejubelten nicht nur neue Tracks wie „The Final Thing On My Mind“, sondern auch selten vernommene Stücke wie „3000 Days“ oder „Shoot First“ und die herausragenden Einzelgänge der Musiker. Somit gab es gegen Ende des Abends immer mehr Interaktionen zwischen Bühne und Publikum und zufriedene Gesicht in jeder Ecke. Toll, dass sich die Diebe mit ihrer doch eigenen Art des Modern Prog auch in der grösseren Masse langsam etablieren. Konzerte wie dieses helfen dabei natürlich extrem.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Cellar Darling – This Is The Sound (2017)

Cellar Darling – This Is The Sound
Label: Nuclear Blast, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Metal, Folk

Metal mit Folk zu mischen und die Gitarren von altertümlichen Instrumenten begleiten zu lassen ist eigentlich nichts neues. Trotzdem hat es die junge Band aus Luzern und Winterthur geschafft, mit ihren ersten Album „This is the Sound“ frisch zu klingen. Ein Umstand, der weiter nicht verwundert, wenn man bei Cellar Darling auf die Besetzung schaut: Das Trio formierte sich 2016 aus den Ex-Eluveitie-Leuten Anna Murphy, Ivo Henzi und Merlin Sutter. Eine geballte Ladung an harter Klangerfahrung und viel Ausdruck ist also sicher. Und genau so wird man von den Songs auch empfangen.

Besonders auffällig ist, wie eingängig und griffig die Refrains gelungen sind. Ob beim eröffnenden „Avalanche“, „Fire, Wind & Earth“ oder dem dramatisch aufgebauten „Rebels“, sofort will man mitsingen und kann sich Cellar Darling gleich bei einem kraftvollen Auftritt vorstellen. Die Musik auf „This Is The Sound“ besitzt nämlich eine extreme Energie und preschen immer nach vorne. Das liegt zum einen an den tollen Gitarrenriffs, dem voluminösen Drumming, aber vor allem auch an dem emotionalen und variablen Gesang von Anna Murphy. Die Frontfrau erzählt nicht nur Geschichten in den Liedern, sie lebt sie gleich mit – dazu bedient sie mit viel Elan die Drehleier.

Zu behaupten, Cellar Darling werden ihren Erfolgt vor allem dadurch ernten, weil sie im Fahrwasser von Eluveitie treiben, ist somit mehr als falsch. Mit dieser neuen Band erhält man nämlich nicht nur Musik für Genre-Fetischisten, sondern eine abenteuerliche Metal-Portion, die nie knüppelhart aber auch nie zu mittelalterlich daherkommt. Ob Stakkato-Riffs in „Starcrusher“, wundervoller Gesang in „Under The Oak Tree“ oder eine extreme Klangerotik wie bei „Hullaballoo“, diese Band sprüht vor Abwechslung und Ideen (und wagt sogar den Mundart-Gesang bei „Hedonia“). Verpackt in toller Produktion, geschmückt mit viel Sympathie – hier wächst grosses.

Anspieltipps:
Black Moon, Hullaballoo, Under The Oak Tree

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 6: Abschluss

Sonntag 10. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Der letzte Tag des Fantoche-Festivals ist angebrochen – und will noch voll ausgekostet werden. Neben weiteren Kurzfilm-Zusammenstellungen und Langfilmen wird zum Abschluss auch ein Best Of der Schweizer und internationalen Wettbewerbe gezeigt, bei dem verschiedene Preise verliehen werden und das immer mit Spannung erwartet wird.

Ebenso darf das Rahmenprogramm ein letztes Mal erlebt werden. Ob man in der Galerie DoK die Kurzfilm-Bibliothek durchstöbern und eine Augmented Reality-Geschichte ausprobieren will oder Susanne Hofers Installation „Archipel“ im Kunstraum Baden bestaunt – man findet immer etwas Spannendes, mit dem die Zeit zwischen den Filmen gefüllt werden kann. Und natürlich wird noch einmal jedes Kino abgegrast, um ja kein Highlight zu verpassen.


Cartoon d’Or
5 preisgekrönte Kurzfilme aus diversen Ländern

Die Vergabe des Cartoon d’Or findet seit 1991 statt und prämiert die besten europäischen Animationskurzfilme. Teilnehmen können nur die meistausgezeichneten Filme. Das Fantoche zeigt fünf Nominationen des letzten Jahres in einem Kurzfilmblock.

Peripheria“ von David Coquard-Dassault zeigt die bedrückende Stimmung einer heruntergekommenen Wohnsiedlung, in der nur noch einige vergessene Bewohner ihr Unwesen treiben. „Machine“ von Sunit Parekh und „Under Your Fingers“ von Marie-Christine Courtès suchen beide einen Weg, mit dem Tod eines geliebten Menschen umzugehen. Stimmungshebend wird es mit der 3D-Animation „Alike“ von Daniel Martinez Lara und Rafa Cano Méndez, die den Wert von Kunst und Freigeist in einem tristen Leistungsalltag aufzeigt. Und mit „Yùl Et Le Serpent“ darf auch die Phantastik noch in den Wettbewerb einfliessen.



Carte Blanche: Peter Lord (Aardman)
12 Kurzfilme aus Grossbritannien

Was hat die Filmszene in Grossbritannien nicht alles den Aardman Studios zu verdanken. Das kreative Wunderkind Peter Lord hat schon im jungen Alter mit seiner Knetfigur „Morph“ für Begeisterung gesorgt und damit den Grundstein für Erfolge wie „Creature Comforts“ oder „Wallace & Gromit“ gelegt. Der Künstler ist also der perfekte Kandidat für die Carte Blanche im Brexit-Block. Denn dank seiner geschickten Auswahl kommt man nicht nur in den Genuss von alten und fast vergessenen Aardman-Clips (wie das als Interview aufgezeichnete „War Story„), sondern auch von drei Werken von weiteren Künstlern. Besonders diese schaffen es, trotz ihres Alters, in der heutigen Zeit eine perfekt bissige Perspektive auf England zu bieten.

Britannia“ zeigt die „glorreiche“ Geschichte des Staates mit einer Bulldoge im Fokus, „Deadsy“ lässt auf verstörende Weise ein Skelett zur Schönheitskönigin werden. Da tut es gut, sind Lords Filme oft etwas leichter im Ton, wenn auch nicht ohne Gedankenanstoss. Es ist aber immer herrlich, diese wunderbaren Knet- oder Puppen-Animationen zu betrachten – wie das hübsche „Wat’s Pig“ oder das bedrückende „Down And Out„.


Hors Concours 2
8 Kurzfilme aus diversen Ländern

Das Hors Concours-Programm ist eine Ergänzung zu den Wettbewerben, das dieses Jahr zum zweiten Mal durchgeführt wird. Hier sind ebenfalls europäische Einreichungen stark vertreten, aber es gibt auch einige Perlen aus ganz anderen Kulturkreisen zu sehen.

So spielt die Knetanimation „The Basket“ in Indien, wo ein Mädchen aus Versehen die Uhr seines Vaters kaputtmacht und sie unbedingt wieder reparieren möchte. „If I Am Not I Cannot Be“ ist ein berührender Stop Motion-Film, der im Rahmen eines Workshops mit Kindern in einem griechischen Flüchtlingslager entstand. Auch der Humor kommt in dieser Zusammenstellung nicht zu kurz: In „Jubilee“ verliert die Queen von England ihren Hut und in „Full House“ ist eine Kleinstadt plötzlich wie leergefegt, da alle Bewohner in den neuen, stetig weiterwachsenden Wolkenkratzer gezogen sind.

Der Hors Concours besticht somit – wie auch die Wettbewerbe – mit hoher Qualität. Ein Besuch ist auf jeden Fall lohnenswert.



Louise en Hiver
Land / Jahr: Frankreich, Kanada / 2016
Regie: Jean-François Laguionie
Musik: Pierre Kellner, Pascal Le Pennec
Website: jplfilms.com

Was würde sich besser für den letzten Langfilmgenuss eignen als diese ruhig erzählte und emotional berührende Geschichte um Louise, die durch eine kaputte Uhr den letzten Zug aus einem Sommerferienort verpasst? Alleine zurückgelassen muss sie sich nicht nur mit dem Alltag herumschlagen, sondern auch mit ihrem Alter, der Einsamkeit und ihren Erinnerungen. In wunderschön gezeichnete Bildern gebettet, ist „Louise en Hiver“ schon fast eine Meditationsübung und wagt sich an einen Film mit nur einer Person – in den meisten Szenen zumindest.

Mit viel Herz und einigen interessanten Ideen ist diese Produktion aus Frankreich nicht nur für alle Altersschichten geeignet, sondern lässt die Zuschauer auch über wichtige Fragen nachdenken. Vielleicht sollten wir alle das Leben doch etwas langsamer, dafür intensiver angehen.



Best of Fantoche 2017
Auswahl der Gewinner des Festivals

Hier sind sie also, die grossen Gewinner der diesjährigen Preise des Fantoche-Festivals – eine kleine Auswahl zumindest. Besonders schön ist es natürlich, die Schweizer Preisträger „Living Like Heta“ und „Airport“ noch einmal auf der grossen Leinwand erleben zu können. Doch auch bei den internationalen Preisen gibt es nichts zu meckern: „The Burden“ zeigt in wunderschöner Puppen-Animation die sinnlosen Tätigkeiten der eher „einfachen“ Jobs, „Negative Space“ wagt sich an schwierige Familienbeziehungen.

Aber auch durchgeknallte Filme wie „Ugly“ von Nikita Diakur oder der genial gemachte „In a Nutshell“ von Kilian Vilim (welcher von Samen zu Krieg, von Hunger zur Apokalypse führt) stiessen am Festival auf grosse Begeisterung. Kein Wunder, werden in diesen Werken doch Innovation und progressives Denken gleichsam gefördert. Und genau darum geht es am Fantoche schliesslich.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 5: Politik und Zombies

Samstag 09. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Am Fantoche gibt es selten eine Vorstellung, welche die Besucher vor Angst zitternd aus dem Saal entlässt. Wer aber für einmal richtig schaurige Unterhaltung erleben möchte, für den ist der „Caravan Of Horror“ genau das Richtige. Ein unscheinbarer, aber etwas dreckiger Wohnwagen steht nämlich seit Samstagnachmittag neben dem Festivalzentrum beim Merker-Areal und lädt furchtlose Besucher dazu ein, für eine Viertelstunde einem nervenzerfetzenden Puppentheater beizuwohnen. Präsentiert von der Compagnie Bakélite und mit Unterstützung des Figura Theaterfestivals gibt es hier grossartige Einfälle und tolle Schockmomente.

Und natürlich ist das Rahmenprogramm auch sonst weiterhin vielfältig und voller Entdeckungsreisen. Wir nutzten das eher triste Wetter am Samstag aber vor allem dazu, möglichst viele Wunder in den Kinosälen zu erleben.



Der wahre Oktober
Land / Jahr: Deutschland / 2016
Regie: Katrin Rothe
Musik: Thomas Mävers
Website: 1917-derfilm.de

Die deutsche Regisseurin Katrin Rothe versetzt uns mit „Der wahre Oktober“ hundert Jahre in die Vergangenheit zurück, und zwar in das heutige St. Petersburg. Die Geschehnisse zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution werden durch die Augen von fünf Künstlern betrachtet: Die Lyrikerin Sinaida Hippius versteht sich als Chronistin der Ereignisse und sieht von ihrem Wohnungsfenster aus direkt auf das Gebäude der Duma. Alexander Benois ist Maler und Kunstkritiker; er und der Schriftsteller Maxim Gorki fürchten um den Fortbestand der Kunst. Kasimir Malewitsch, Begründer der Suprematismus, veröffentlicht diesbezügliche Manifeste und der junge Dichter Wladimir Majakowski stürzt sich immer mitten ins revolutionäre Geschehen.

Die fünf Kunstschaffenden bewegen sich als Legetrickfiguren durch Petrograd, wobei alle von ihnen ein wenig anders animiert sind. Die Darstellungen werden laufend durch Archivmaterial ergänzt. Aufnahmen aus dem Schaffungsprozess, die nahtlos in die Handlung einfliessen, geben dem Film ausserdem eine weitere Ebene, die wunderbar spannend zu beobachten ist. Auch wenn wohl nie ganz klar sein wird, wo nun die Wahrheit genau liegt – „Der wahre Oktober“ bietet einen frischen Blick auf eine Zeit voller Wirrungen.



Coming Soon „The Tower“
Land / Jahr: Norwegen, Frankreich / 2018
Regie: Mats Grorud
Website: tenk.tv

Toll an diesem spezifischen Festival ist ja die Tatsache, dass man nicht nur einen oberflächlichen Blick auf die Welt des Animationskinos wirft, sondern auch als Laie tief hineintauchen kann. So zum Beispiel in die Produktion des Filmes „The Tower„, eine Geschichte über wahre Begebenheiten in den Palästinenser-Siedlungen um Israel. Regisseur Mats Grorud stellte im Kino Sterk seine Produktion vor und führte die Besucher hinter die Kulissen der Mischung aus Puppenanimation und 2D-Zeichnungstechniken.

The Tower“ porträtiert die Geschichte von mehreren Personen eines Siedlungsturmes, erzählt aus der Perspektive eines jungen Mädchens. Während sich die Gegenwart in detaillierten Sets mit Stop-Motion abspielt, führen gezeichnete und reduzierte Sequenzen durch die Erinnerungen der Figuren. Die beiden Handlungsebenen wurden zunächst sogar in zwei verschiedenen Ländern – Polen und Frankreich – produziert. Dieser Umstand machte es aber dem Team extrem schwer, alle Elemente stimmig zu designen. Durch die komplette, fördergelderbestimmte Verlegung nach Frankreich konnten aber schnell Verbindungspunkte wie beispielsweise die speziellen Augenformen gefunden werden und der Prozess wurde einiges leichter.

Der Film verspricht somit nicht nur visuell einige Überraschungen, sondern eine immer wieder leichte Geschichte voller Herz. 2018 darf man sich dann vom Endprodukt überzeugen.



Zombillenium
Land / Jahr: Frankreich, Belgien / 2017
Regie: Arthur de Pins, Alexis Ducord
Musik: Eric Neveux, Mat Bastard
Website: zombillenium.com

Was für ein Spass! „Zombillenium“ ist meine wohl grösste Überraschung am diesjährigen Fantoche. Denn obwohl der Film mit 3D-Computertechnik gemacht wurde und die Geschichte eher den gängigen Klischees folgt, macht es einfach nur Laune, den Horror-Gestalten zuzuschauen. Entstanden als Animations-Traummärchen (ein einzelnes Cover-Bild generierte den Auftrag zur Comic-Serie, und diese wiederum generierte den Auftrag zum Kinofilm) erzählt der Film aus Frankreich die Geschichte eines Vergnügungsparks, in dem echte Vampire und Zombies arbeiten. Doch leider ist Satan mit den Verkaufszahlen nicht zufrieden und stellt die Kreaturen vor ein Ultimatum.

Mit perfektem Charakterdesign (man denke nur an die zum Verlieben coole Hexe Gretchen mit ihrem Skateboard-Besen und Nine Inch Nails-Shirt), packender Musik (beste Filmszene: das Konzert im Park) und perfekt passender optischer Gestaltung ist „Zombillenium“ ein grossartiges Vergnügen für alle ab dem Teenager-Alter. Und danach fühlt man sich einfach nur beschwingt.


Animal Farm
Land / Jahr: GB, USA / 1954
Regie: John Halas und Joy Batchelor
Musik: Mátyás Seiber

Fast jeder hat ihn gelesen: Den Klassiker „Animal Farm“ von George Orwell. Auf einer amerikanischen Farm fühlen sich die Tiere von ihrem Bauern, der allabendlich sturzbetrunken aus dem Wirtshaus heimkehrt, benachteiligt. Unter Aufsicht der klugen Schweine starten sie eine Revolution, vertreiben den alten Jones und führen den Hof fortan selbst. Die Zeichentrickadaption von Joy Batchelor und John Halas aus dem Jahr 1954 wurde von der CIA als antikommunistischer Propagandafilm finanziert. Die Handlung hält sich weitgehend an die Buchvorlage, allerdings unterscheidet sich das Ende deutlich – beziehungsweise geht über das von Orwell angedachte Ende hinaus.

Vor dem Film wird, wie damals in Schweizer Kinos üblich, ein kurzer Nachrichtenüberblick – die sogenannte „Wochenschau“ – aus dem Erscheinungsjahr gezeigt. Thema war unter anderem eine Abstimmung in Basel, bei der sich die Frauen für oder gegen das Frauenstimmrecht aussprechen durften (wobei das natürlich nur als Empfehlung zu verstehen war – wirklich abstimmen durften darüber nur die Männer). Ein amüsantes Zeitdokument.



Revengeance
Land / Jahr: USA / 2016
Regie: Bill Plympton, Jim Lujan
Musik: Jim Lujan
Website: revengeancemovie.blogspot.com

Regisseure wie Quentin Tarantino und Robert Rodriguez haben bis heute einen grossen Einfluss in das Genre des brutalen und dreckigen Action-Films – auch im Bereich der Animation. So ist „Revengeance“ nicht nur das, schier im Alleingang von Bill Plympton und Jim Lujan hergestellte bitterböse Vergnügen, sondern auch eine Verbeugung vor den Grindhouse- und B-Movies. Gezeichnet in 2D und als Hommage an die amerikanischen Underground-Comics verfolgt man hier skurrile Figuren durch eine noch merkwürdigere Geschichte.

Wenn Kopfgeldjäger auf eine Bikergang, einen Senator der Ex-Wrestler ist und eine durchgeknallte Sekte in der Wüste treffen, dann kann dies nur eines heissen: Hier kommt praktisch niemand lebend heraus. Da passt es perfekt, ist die Musik genau so treffend wie die abgefeuerten Schüsse und Gitarrenriffs begleiten wilde Verfolgungsjagden. Der Film ist somit nicht alltäglich, aber ein perfekter Begleiter zu Bier und langer Filmnacht.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Sparks – Hippopotamus (2017)

Sparks – Hippopotamus
Label: BMG, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Pop, Alternative

Ja, es sind und bleiben die Texte. „There’s a hippopotamus, a hippopotamus, a hippopotamus in my pool.“ „Edith Piaf said it better than me / Je ne regrette rien / Pretty song, but not intended for me / Time to put some muzak on.“ Ob versteckte Botschaften in Songs über die Missionarsposition, das Leben als französischer Regisseur oder Idiotien der Religionen – bei der alternativen Pop-Gruppe Sparks sind seit 1972 die Wörter erste Anlaufstelle. So ist auch das 25. Studioalbum „Hippopotamus“ perfekt dafür geeignet, den Erzählungen zu folgen.

Aber natürlich haben sich Ron und Russel Mael auch musikalisch nicht zurückgelehnt, sondern bieten mit diesen 15 neuen Liedern erneut einen Gegenentwurf zum „normalen“ Popleben. Ihre Melodien tanzen elegant durch die Jahrzehnte und an den Königshof, ihre Instrumentierung ist intelligent, abwechslungsreich und abenteuerlich. Wenn Sparks musizieren, dann versammeln sich Bauern, Hofnarren, Denker und Diebe gleichermassen. Dass sich hier sogar neumodische Abwandlungen wie „Giddy Giddy“ tummeln und dabei an wirre Unterhaltung wie „Rick And Morty“ erinnern, ist aber wunderbar frisch.

Sparks zeigen mit solchen Songs, dass man weder singen noch schöne Melodien schreiben muss. „Hippopotamus“ steht wie das namensgebende Tier inmitten im Raum und drängt sich teilweise sogar auf. Dadurch gelingt der Band mit diesem Album nicht unbedingt ein solch grosses Meisterwerk wie früher, aber sie bleiben weiterhin ungeschlagen innovativ und exotisch. Schliesslich entschädigen Perlen wie „The Amazing Mr. Repeat“ für alle Schandtaten. Also Schuhe auf den Kopf, Hüte an die Füsse und los.

Anspieltipps:
Missionary Position, Giddy Giddy, When You’re A French Director

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Antwood – Sponsored Content (2017)

Antwood – Sponsored Content
Label: Planet Mu, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: IDM, Avantgarde, Electronica

Es klingt wie ein hermetisch geschlossenes System, merkwürdig und etwas zu stark auf sich selber bezogen. Aber trotzdem macht diese elektronische Avantgarde auf positive Weise stutzig. Das zweite Album des kanadischen Künstlers Tristan Douglas, welches er unter dem Pseudonym Antwood veröffentlicht, gräbt sich tief in das Gebiet des subversiven Marketing und der Manipulation mit Klang und Bild. Keine Angst, gekauft ist auf „Sponsored Content“ keine Frequenz und keine Sollbruchstelle – viel mehr wird hier alles durchleuchtet und -gerüttelt.

Antwoods Rückkehr zu Planet Mu ist rastlos und immer nahe am Abgrund. Dröhnende Synthies breiten sich über lärmigen Effekten aus, Takte und Ideen werden immer wieder mittendrin abgewürgt – nur um dann doch eine Spur von Melodie und Zusammenhang erkennen zu lassen. „The New Industry“ landet mit dieser Form fast beim Gabber, anderen Tracks wird durch verfremdete Stimmen plötzlich der Boden weggerissen. Und immerzu klingt die Musik, als könnte sie gar nicht von einem Menschen stammen. Zu kalt und kantig sind die Schichten, zu ausserirdisch sphärische Momente wie „FIJI Water“.

Die Musik auf „Sponsored Content“ erhält immer wieder Raum zur Entfaltung, oft herrschen aber Geschwindigkeit und radioaktive Energie vor. Aber genau diese direkte Art braucht es, um uns vor Augen zu halten, dass die neuen Technologien und digitalen Umgebungen eben nicht so aufgebaut sind, dass sie uns helfen und weiterbringen. Der Konsum steht auch hier an erster Stelle, die Manipulation durch Grosskonzerne an der Tagesordnung. Da ist es eine richtige Wohltat, dass sich Antwood mit seiner Musik nicht nur klanglich, sondern auch inhaltlich dagegenstellt. Dieser Avantgarde-IDM ist genau das richtige für die nächtlichen Hacker-Streifzüge durch die Server der Regierung.

Anspieltipps:
The New Industry, Wait For Yengi, Commodity Fetish Mode

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fantoche 2017 – Tag 4: Global

Freitag 08. September 2017
Diverse Orte – Baden
Website: fantoche.ch

Wer während des gesamten Tages von einem Kinosaal zum andern wandert, für den kommt die Nacht schnell. Das Fantoche-Festival hält aber auch für späte Forscher und Leute ohne Sättigungsgefühl viele Möglichkeiten bereit. Besonders der Kulturraum Royal lockt mit seinen „Royal Fish„-Partys, und der Freitagabend lohnte sich hier besonders. Die „F*ck Up Night“ bot Einblicke in die schlimmsten Missgeschicke von Filmprojekten und liess die Macher gleich selbst zu Wort kommen. Danach gab es denkwürdige Musikvideos mit Clips, die wohl auf Drogen noch besser funktionieren. Ein wahres Vergnügen nach all der ernsten Unterhaltung.

Das Gesicht wurde einem dann bei dem Auftritt von Heidi Hörsturz aber gleich wieder weggeschmolzen, denn die Mischung aus Noise-Electro, extremen Visuals und Body-Art sucht ihresgleichen. Hier war jedem verziehen, der sich einem etwas stärkeren Drink zuwandte. Doch der Ausklang des Abends folgte angenehmer mit dem Konzert von KnoR und einem weiteren DJ-Set.



Making-Of „Nothing Happens (Trial Run)“
Land / Jahr: Dänemark / 2016
Regie: Michelle und Uri Kranot
Website: nothinghappens.tindrum.dk

Wer kennt es nicht: Das Verlangen, einem Ereignis beizuwohnen und einfach zuzuschauen. Überall trifft man die Gaffer, doch wie sieht es mit der persönlichen Verantwortung in einer solchen Situation und passiven Rolle aus? Der Kurzfilm „Nothing Happens“ aus Dänemark spielt mit genau diesen Fragen und dem Wechselspiel aus Sehen und Gesehen werden. Übermalte Filmaufnahmen bieten hierbei einen gewissen Realismus, wirklich in die Tiefe geht es aber beim VR-Projekt. Da wechselt die Perspektive und man ist plötzlich der Beobachete. Selber kann man dies in der Stanzerei erleben.

Michelle und Uri Kranot haben hierfür ein Kunstwerk geschaffen, dass mit Film, VR und Ausstellung gleich drei Ebenen bietet, um die Animation einen Schritt weiter vom starren Medium weg zu bringen. Beim Making-of im Kino Sterk gab es dazu Einblicke in die Produktion, die Gedanken der Macher und Aufnahmen des Prozesses. Dabei war klar: Virtual Reality hat in der Animation grosse Zukunft, doch das Handwerk muss hierfür komplett neu gelernt werden. Man darf gespannt sein, was alles kommt.



Unique Animation Techniques
19 Kurzfilme aus aller Welt

Um alle Grenzen zu sprengen und für einmal extreme Experimente und narrative Wagnisse zu kombinieren, bietet das Fantoche die Kurzfilm-Sammlung „Unique Animation Techniques“. Wie es der Name schon sagt, wird hier nicht das Augenmerk auf Inhalt oder Aussage gelegt, sondern auf merkwürdige Arbeitstechniken. Es trifft alt auf ganz modern, wild auf ruhig und superkurz auf lang – und im Kopf fügt sich alles zu einer wahren Explosion zusammen.

Filme wie „Ora“ (Wärmebild-Aufnahme) oder „Métronome“ (Gravur auf Klebepapier) haben Tanz und Musik im Fokus, „Rippled (All India Radio)“ ist mit seinen Lichtmalereien wie ein Musikvideo. Es gibt Bewegungstests zum Film „Ugly„, ein Wiedersehen mit den Regisseuren Kranot („Black Tape„) oder Kreidezeichnungen auf einer Wandtafel („Animation Hotline„). Es schwirrt einem der Kopf danach, doch ein besseres Beispiel für die unendliche Vielfalt des Animationsfilmes gibt es sonst nirgends.


Brexit: True Brit
10 Kurzfilme aus Grossbritanien

Very british – das Fantoche wagt sich an die aktuelle politische Lage. Wobei Animationsfilm ja dies schon immer war, aktuell und direkt – manchmal auch erst Jahrzehnte später passend. Und genau darum gibt es mit dem „True Brit“-Programm zehn Kurzfilme, die zwar schon etwas älter sind, aber das britische Gefühl perfekt ausstrahlen. Ob der böse und schwarze Humor nun etwas doofe Piraten bei „Jolly Roger“ in den Untergang führt oder eine bissige Sozialkritik zu den Unterschichten in Liverpool darstellt („Dad’s Dead“) – Erfolg und Understatement sind immer nahe beisammen.

Wegen der unterschiedlichen Materialien und Zustände der Filme sagt das Programm zugleich auch noch etwas über die Förderpolitik aus, viele Filmemacher haben nämlich zu wenig Geld, um ihre Werke für die Zukunft sicherzustellen. So ist „Next“ zwar ein geniales Shakespeare-Medley mit Puppen, aber leider bildtechnisch im Zerfall. Die Mischtechnik bei „Little Things“ sieht da schon besser aus und führt durch ein Feuerwerk an Gags und skurrilen Momente. Und wenn der Brexit dann so sorgfältig verarbeitet wird wie die Materialen bei „The Eagleman Stag“, dann bietet er vielleicht doch eine Chance. Vielleicht.



Have A Nice Day (Hao ji le)
Land / Jahr: China / 2017
Regie: Liu Jian
Musik: The Shanghai Restoration Project Presents
Website: Berlinale.de

Eine meditative Gangsterkomödie, eine Kritik an den zubetonierten Vororten Chinas, ein detailverliebter Alleingang des Regisseurs Liu Jian – „Have A Nice Day“ ist als chinesischer Indie-Movie vieles. In oft statischen Bildern wird hier eine Geschichte erzählt, die sich nicht nur an viele bekannte Filme aus dem Westen anlehnt, sondern eine Hommage an die Achtziger ist. Ein wahres Highlight für das Fantoche und immer noch ein grosses Politikum im Herkunftsland – dieser Film zeigt perfekt auf, dass gezeichnete Bilder eben sehr wohl für Erwachsene sind. Denn hier gibt es Blut, böse Witze und wenig Dialog. Und dank verrückten Zufällen verlässt man das Kino doch beschwingt – ein Tipp!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.