Live

Ray Wilson – Time & Distance (2017)

Ray Wilson – Time & Distance
Label: Jaggy D, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Progressive Rock, Rock

Genesis – manchmal mutet diese Koryphäe des Progressive Rock ja wie ein Fluch an, denn selten löst sich ein Musiker komplett davon. Allerdings macht es auch mehr als Sinn, bei einer karriereübergreifenden Veröffentlichung diese Phase im Wirken zu berücksichtigen. Ray Wilson war nämlich nicht nur Frontmann beim letzten Genesis-Album, sondern auch heute noch grosser Fan dieser Truppe und deren Gründer. Bei seiner langen Europatour 2016 nutzte er also die Gelegenheit, seine eigene Musik mit Klassikern von Peter Gabriel, Phil Collins, Mike + The Mechanics und deren gemeinsamen Kompositionen zu durchmischen.

„Time & Distance“ ist nun das Endprodukt dieses gross angelegten Projektes und wurde an drei Konzertabenden in Hamburg, Zoetermeer und Heerlen aufgezeichnet. Ray Wilson und seine Band stürzen sich dabei in ein ausdruckstarkes Set, dass energiereich und voller Spielfreude dargeboten wird. Wenn man bei der ersten CD gleich mit „The Dividing Line“, „Carpet Crawlers“ und „Ripples“ umgarnt wird, dann wird hier alles richtig gemacht. Wilson präsentiert sich als wandelbaren Sänger, seine Mitmusiker verfügen über eine Dynamik und Tiefe, die solche Lieder brauchen. „Mama“ wird gar wuchtiger als im Original, „In Your Eyes“ von Gabriel schwingt perfekt.

Wenn sich „Time & Distance“ auf dem zweiten Silberling auf die persönlichen Lieder von Ray Wilson konzentriert fällt auf, wie starke Rocksongs dieser Mann schreiben kann. Emotional, perfekt ausbalanciert und auch gerne lange ausufernd wie bei „Makes Me Think Of Home“ – hier versammelt sich langjährige Erfahrung. Dieses Livealbum ist somit eine tolle Entdeckungsreise durch viele Jahre und Stationen, erweitert mit tollen Ansagen und einer gut aufgelegten Band. Da fuchst es einem gleich, wenn man Wilson 2016 selber nicht gesehen hatte.

Anspieltipps:
The Dividing Line, Mama, Take It Slow, Makes Me Think Of Home

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Wasteland Fest, Stadionbrache Hardturm Zürich, 17-06-24

Wasteland Fest
Bands: Dead Lord, The Monsters, Gloria Volt, Giant Sleep, Sexy, King Zebra, Joules, Bruno, The Monofones
Stadionbrache Hardturm, Zürich
Samstag 24. Juni 2017

Was gibt es schöneres, als die Brache von einem ehemalig wichtigen Gebäude dazu zu nutzen, um alternative Kultur aufleben zu lassen? Erstmalig durfte man diesen Juni nämlich auf der Stadionbrache Hardturm in Zürich vergessen, für was diese harten Asphaltböden eigentlich gedacht sind, und ohne Hemmungen Luftgitarre spielen. Das Wasteland Fest öffnete seine Tore und lud ein zu Hard Rock, Pogo, kühlem Bier und leckerem Essen. Für einen Tag eroberten die Headbanger das Areal!

Glücklicherweise schaute die Sonne dem Treiben meist durch kleinere Wolken zu und verschonte alle Besucher einigermassen vor Sonnenbrand – und das schützende Zirkuszelt bei der Bühne tat den Rest. So wagte man sich bereits bei der ersten Band Joules aus Zürich vor die Lautsprecher und schaute der Truppe auf die Finger. Deren Stoner Rock war so staubig wie die Umgebung und endete in psychedelischen Affären. Davon liessen King Zebra lieber die Finger, machten aber sonst alles wie in den guten alten Zeiten des Glam Rock – und ehrten sogar Neil Young.

Ab diesem Punkt übernahm der harte Rock’n’Roll das Fest komplett und sogar der Aargau liess sich dazu hinreissen, alle Rockposen aus dem Lehrbuch perfekt an das Wasteland Fest zu übertragen. Sexy aus Zofingen zeigten nicht nur ihre Oberkörper, sondern auch ihren leidenschaftlichen Umgang mit den Instrumenten – da blieb keiner trocken. Gut, dass man sich bei den wuchtigen und langen Stücken von Giant Sleep etwas erholen konnte. Der Stoner-Post-Rock rüttelte an den Zeltstangen und liess die Steine am Boden erzittern.

Perfekt für Gloria Volt, um alle Überlebenden mit ihrem biergetränkten Hard Rock noch einmal kräftig durchzuschütteln. Die Winterthurer wurden mit jedem Song etwas zügelloser und das Publikum dankte ihnen mit lautem Gesang, wilden Tänzen und Crowdsurfer. Plötzlich vergassen alle, das man eigentlich lieber gemütlich im Schatten liegen möchte. Ein solcher Auftritt weckte bei allen ungeahnte Kräfte. Und das war auch nötig, zeigten die Berner The Monsters mit ihrem Hardcore Punk Trash schliesslich, dass alle anderen Bands doch in den Kindergarten gehören.

Unter ihrem schönen Kitteln lauerte unbezwingbare Zerstörungswut und zwei Schlagzeuger klopften alles klein. Dass nach einer solchen Darbietung die Leute immer noch nicht genug hatten, sprach eindeutig für die Organisation des Wasteland Fest. Mit viel Leidenschaft und Liebe wurde aus diesem spröden Areal ein Tummelfeld für Fans, Freaks und Familien – und alle versammelten sich friedlich, um die Gitarrenmusik zu zelebrieren. Da war es verdient, gab es mit Dead Lord eine Belohnung aus Schweden, die mit ihrem kraftvollen und gerne auch düsteren Hard Rock alle glückseelig stimmten.

Nun hatte sich auch die Sonne verabschiedet und das Fest liess sich bunt erleuchten und endete mit einem Höhepunkt. Und wieder einmal hat sich gezeigt, dass die besten und schönsten Festivals eben doch die kleinen sind. Falls sich dieses Treffen also einmal wiederholen wird, ich bin bestimmt wieder mit dabei.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Julia Holter – In The Same Room (2017)

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Julia Holter – In The Same Room
Label: Domino, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstlerin
Genre: Art-Rock, Jazz

Eine Frau rüttelt die Welt wach und zeigt uns neue Wege ins Glück mit wunderschöner Musik. Was Julia Holter mit ihrem Album „Have You In My Wilderness“ 2015 geschafft hatte, war atemberaubend. Die 32-jährige Amerikanerin kombinierte auf faszinierende Weise Jazz, Art-Rock und Barock-Pop – und riss auch mich damit stark mit. Mit „In The Same Room“ darf man nun noch einmal zu diesem Moment zurückkehren, in Form eines Live-Albums.

Wobei der Begriff „live“ hier etwas anderes bedeutet, wurden sanfte Songs wie „Horns Surrounding Me“ und attraktive Hits wie „So Lillies“ im RAK Studio ohne Publikum aufgezeichnet. Trotzdem, Julia Holter und ihre unglaublich stark aufspielende Band benutzten keine Overdubs und liessen sich von den Liedern leiten. Man erhält somit luftigere Versionen von neuen Stücken wie „Lucette Stranded On The Island“ – welche mit sanftem Schlagzeug, tollem Klavier und Streichern gefärbt werden.

Der Kontrabass füllt mit den Synthie-Flächen den Boden, aus eingängigen Songs schälen sich langsam Jazz-Sinnierungen wie „Vasquez“ oder „City Appearing“. Julia Holter spielt mit dem Leerraum, in sich verwundenen Melodien und der Satz-Gestaltung der Musik. „In The Same Room“ zeigt auch, dass sich Stücke aus allen vier Studioalben wunderbar zusammenfügen lassen und das Werk der Dame schon immer beachtlich war. Diese Liveaufzeichnung ist somit ein perfektes Album für einen ruhigen und geniesserischen Tag voller Klang und Wunder.

Anspieltipps:
So Lillies, Lucette Stranded On The Island, Vasquez

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Beauty Of Gemina – Minor Sun – Live in Zürich (2017)

The Beauty Of Gemina – Minor Sun – Live in Zürich
Label: TBoG Music, 2017
Format: Doppel-CD im Digipak
Links: Facebook, Band
Genre: Dark Wave, Gothic

Aus weiss wird schwarz, aus der Annäherung an das Licht wird wieder eine Rückkehr in die düsteren Gebiete. Auch wenn die grösste Gothic-Band aus der Schweiz 2016 mit ihrem neusten Studioalbum „The Minor Sun“ sich noch stärker an die sanften Seiten des Dark Wave gewagt hat, mit ihrem Live-Statement „Minor Sun – Live In Zürich“ werden keine vergangenen Taten und Seiten vergessen. The Beauty Of Gemina feierten an ihrem Konzert im X-Tra in Zürich nämlich nicht nur eine neue Platte, sondern auch ihr zehnjähriges Bestehen. Und wer diesen Moment aus welchen Gründen auch immer verpasst hatte, erhält jetzt die Chance, seine Lücken zu füllen.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass die Gruppe um Frontmann Michael Sele erst seit zehn Jahren besteht. Denn in dieser kurzen Zeit haben sie nicht nur das Feld des Dark Wave von hinten aufgerollt, sondern auch sechs Alben mit einem grossen Facettenreichtum aufgenommen. Diesem Vermächtnis wird nun mit der neusten Live-Veröffentlichung Tribut gezollt – auf beste Weise. Das Konzert vom November lässt sich nämlich nicht nur ab CD, DVD und Bluray bestaunen, The Beauty Of Gemina haben es beim Auftritt auch geschafft, all ihre Phasen wunderbar zu verbinden. Alte Kracher wie „Hunters“ gesellen sich neben Neuheiten wie „Crossroads“ oder die Mittelphase wie „Haddon Hall“.

Dank erweiterter Band erhält man sanfte, akustische Stücke wie auch krachende Synth-Hymnen. The Beauty Of Gemina beweisen auf „Minor Sun – Live in Zürich“ erneut, dass nur die Perfektion für sie genügt – und das ist auch gut so. Denn auch ab Konserve ist der Auftritt ein mitreissendes Erlebnis, eine Zelebration des guten und dunklen Geschmackes. Ob man nun beim pompösen „End“ zu Beginn oder dem krachende „Down On The Lane“ am Ende freudig aufschreit – hier finden sich alle Nachtgestalten wieder.

Anspieltipps:
Haddon Hall, Crossroads, The Lonesome Death Of A Goth DJ

Dieser Text erschient zuerst bei Artnoir.

Live: BirdPen, Bogen F Zürich, 17-03-21

BirdPen
Support: Autisti
Dienstag 21. März 2017
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Eines ist sicher, wenn man BirdPen live erleben will: Die Musiker sieht man nicht, oder zumindest nur spärlich. Das liegt aber nicht daran, dass sich die Gruppe um Andrew Bird und Dave Pen (Archive) hinter Masken oder Vorhängen versteckt, sondern dass sie ihre Auftritte von viel Trockennebel und Lichtgewitter begleiten lässt. Somit war auch ihre Rückkehr in den Bogen F nach Zürich Hardbrücke wieder ein fulminantes Spektakel an Klangteppichen und Farbflächen. Und wie schon 2015 geriet der Auftritt zu einem Feuerwerk, welches noch lange nachhallen wird. Da vergass ich sogar, dass ihre neuste Scheibe „O’Mighty Vision“ mich eigentlich gar nicht so überzeugte.

Die Musik von BirdPen lebt live vor allem von den ausufernden Instrumentalstellen, von den Explosionen aus Gitarren, Gesang und Keyboard – begleitet von sich immer steigernden Rhythmen. Auf ein Quartett vergrössert gaben sich die Musiker diesen vereinnahmenden Liedern hin und liessen aus „Lifeline“ oder „O’Mighty Vision“ Riesen werden. Lange Stücke wie „The Solution Is the Route of All My Problems“ oder das abschliessende „Only The Names Change“ sind sowieso prädestiniert für eine Konzertwiedergabe.

Zwar setzten BirdPen den Fokus ihrer kurzen Setliste klar auf das neuste Album, doch auch die Vergangenheit kam mit Momenten wie dem fantastischen „Off“ in den Genuss des hypnotisch tanzenden Bogen F. Erstaunlich, dass diese mitreissende Liveband auch an diesem Abend das Lokal nicht komplett füllte – doch solch epische Musik in kleinerem Rahmen geniessen zu können, hat schliesslich auch seinen Reiz. Die Gruppe klingt sowieso immer nach grossem Stadion und rettet mit ihren Auftritten wohl so manche verlorene Seele.

Eher verstörend gaben sich Autisti als Support, denn das Trio um Louis Jucker und Emilie Zoé suchte keinen Schönklang oder wunderbare Klangteppiche. Mit den Liedern von ihrem kommenden Album wurde die Wahrheit in krachend lärmendem Noise-Rock gesucht – und auch gefunden. Denn wenn sich Gitarren duellieren, das Schlagzeug sich selber verprügelt und alles durch umgebaute Verstärker kreischt, dann gewinnen alle Freunde der rohen Urgewalt in der Musik. Laut, dreckig und doch immer mit verführerischen Melodien unter dem Lärm – hier braute sich etwas zusammen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Interstellar, KKL Luzern, 16-11-05

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Interstellar Live
21st Century Symphony Orchestra
Samstag 05. November 2016
KKL, Luzern

Wenn die Welt stirbt, versucht der Mensch, um jeden Preis sein Fortbestehen zu sichern – egal ob man dazu Tausende opfern und die Zukunft gar in den Sternen suchen muss. Konzipiert um in einer fremden Galaxis eine neue Kolonie zu starten, dienen die Lazarus-Missionen genau diesem Zweck. Das Problem ist nur, einen passenden Planeten zu suchen und herauszufinden, wer das Wurmloch neben dem Saturn erschaffen hat. Ob der ehemalige NASA-Astronaut Cooper ahnt, auf was er sich hier eingelassen hat?

2014 begeisterte Meister-Regisseur Christopher Nolan mit seinem Sci-Fi-Epos „Interstellar“ Kritiker und Kinobesucher gleichermassen. Der Film ist bildgewaltig, intelligent und perfekt inszeniert. Dank dem grossartigen Drehbuch, korrekter Physik und fantastischen Schauspielern erregt der Streifen auf viele Weisen – unter anderem auch dank der wahrlich eindrücklichen und andersartigen Musik, komponiert von Hans Zimmer. Die kreativen Köpfe hinter der Produktion entschieden sich schon sehr früh dazu, dem Soundtrack eine zentrale Rolle im Film zuzuspielen. Nolan ging sogar soweit, dass der neo-klassische Score in vielen Szenen die Dialoge und Geräusche überlagerte.

„Interstellar“ ist somit perfekt geeignet, um live mit Orchester aufgeführt zu werden – ein ehrgeiziges Projekt für das Schweizer 21st Century Symphony Orchestra unter der Leitung von Gavin Greenaway. Denn die Musik wurde nicht nur für ein Orchester geschrieben, sondern beinhaltet auch Stücke für vier Pianos und als Hauptelement eine Kirchenorgel. Glücklicherweise existiert eine solche Orgel im Konzertsaal des KKL in Luzern, und mit Roger Sayer konnte der Organist für das Projekt begeistert werden, der das Instrument schon für den Film eingespielt hatte. Als Besucher erwartete einen während der drei Aufführungen somit eine klangliche Wucht, die das Filmerlebnis noch einmal intensiver gestaltete.

Im ehrwürdigen und akustisch atemberaubenden Saal einen solch mitreissenden Film wie „Insterstellar“ mit live gespielter Musik zu erleben, war eine komplett neue Erfahrung. Natürlich war der Streifen schon damals im Kino eine Wucht, jetzt aber die einleitenden Klänge von „Dreaming Of The Crash“ zu vernehmen, bei „Years Of Messages“ Tränen zu vergiessen und beim alles übertreffenden „Imperfect Lock“ mitzufiebern und die Musik im gesamten Körper zu spüren, war fantastisch. Für alle, die sich für Filmmusik interessieren, die etwas neben der Norm stattfindet, ist eine Live-Präsentation von „Interstellar“ bestimmt eine der grössten Erfahrungen. Etwas, das am Samstagabend im KKL auch mit stehender Ovation bedankt wurde und noch lange in Erinnerung bleiben wird. Schön, dass das Orchester auch fast 20 Jahre nach seiner Gründung immer noch mit solchen Perlen überraschen und überzeugen kann.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Zürich Open Air – Tag 1, Rümlang, 16-08-24

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Zürich Open Air
Tag 1: Mittwoch 24. August 2016
Rümlang, Zürich

„It feels weird to play a festival on a wednesday. Do you guys have jobs?“ Lauren Mayberry von Chvrches fasst das vorherrschende Gefühl beim Auftakt des diesjährigen Zürich Open Airs gut zusammen. Denn der Gang über das noch sehr leere Gelände hat mehr von einem Feierabendspaziergang als vom Beginn der viertägigen Party. Arbeitstechnisch bedingt startete für mich das Festival auch erst am Abend, das britische Electro-Pop-Trio wusste den Beginn aber feierlich zu gestalten. Ihre Musik lauerte in den 80er-Jahren, nahm aber die Synths mit der Methodik der Neuzeit auseinander und reizte die Soundanlage der Tent Stage gleich aus. Sicherlich wurde es manchem zu bunt und der Gesang von Lauren zu extrem, für Barbie-Fans aber ein Gewinn.

Mehr Stil und Ruhe brachten danach die hübsch gekleideten Herren von The Last Shadow Puppets nach Rümlang. Ausgestattet mit Streicher-Quartett und verführerischem Akzent wurden die letzten Sonnenstrahlen schunkelnd entgegen genommen. Auch wenn das musikalische Talent von Alex Turner immer wieder für Überraschungen sorgt, wollte die Begeisterung nicht so richtig auf das gesamte Publikum übergehen. Vielleicht vermisste so mancher hier bereits die harten Beats. Foals hatten mit ihrer spannenden Mischung aus Pop, Hardcore-Attacken und ausufernden Gitarrenriffs eher den Jubel auf ihrer Seite. Die Zeltbühne war gut gefüllt und die Nacht liess so manchen Besucher entspannter geniessen. Nur schade, driftete die Band etwas zu oft in die sanfte und hübsche Jungenmusik ab.

Umso härter wurde allen danach von Yo-Landi und Ninja die Fresse eingeschlagen – nicht mit Fäusten, aber krummen Beats und schamlosen Raps. Die Antwoord enterten das gelassene Fest und brachten das ZOA in den vordersten Besucherreihen endlich zum ausrasten. Ihr Zef (was in etwa „hinterwändlerisch“ bedeutet) nutzte ein hirnschmelzendes Gebräu aus Rave, Rap und allen kruden elektronischen Stilrichtungen. Dazu die ohrenschlitzende Stimme von Yo-Landi, welche sogar von ihrem knapp bekleideten und durchtrainierten Körper ablenkte. Ninja zeigte zwischen den Wortschwallen seine Tattoos und Unterhosen, DJ Hi-Tek stampfte zwischen den Tänzerinnen und Videoscreens umher. I Fink U Freeky – und nach einem solch durchgeknallten Auftritt musste man sich zuerst einmal sammeln.

Da war es mehr als passend, dass die französischen Träumer von M83 alle aufgescheuchten Gäste sanft in die Nacht wiegten: Mit ihrer grossartig gespielten Mischung aus Psychedelic Rock, Chanson und Pop voller liebevollen Umarmungen. Die Leute liessen sich wie im Sternenlicht baden und genossen Gitarrenteppiche, rhythmische Herausforderungen und schönen Gesang. Ein gelungener Abschluss für den musikalischen Start ins Zürich Open Air – bei dem sich aber erneut zeigte, dass hier weder Festivalstimmung aufkommen kann, noch die Leute ihre Bands wirklich unterstützen. Oder ein Start am Mittwoch war einfach zu früh.

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Ulver ‎– ATGCLVLSSCAP (2016)

Ulver - ATGCLVLSSCAP

Ulver ‎– ATGCLVLSSCAP
Label: House Of Mythology, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Krautrock, Experimental, Noise

Selbstzitate können das kreative Schaffen von Musikern bereichern und ungeahnte Verbindungen zwischen den Veröffentlichungen offenbaren. Ulver erreichen eine grossartige und spannende Wirkung, indem sie Teile von „Messe I.X-VI.X“ und älteren Scheiben wieder aufgreifen. Der Einstieg in „ATGCLVLSSCAP“ schlägt somit eine Brücke zwischen klangmalerischen Platten, die Ulver in das Reich des Ambient führten, und Vorangegangenem. Ein Werk, das Liveaufnahmen von 2014 neu bearbeitet und erweitert, dabei die Improvisationen aber mit Studiotechniken verändert. Doch dies bringt auch Tücken mit sich.

Mit dem ersten Stück „England’s Hidden“ steigt man in eine bedrohliche Umgebung, einen Ort, der zuerst erobert werden muss und auch dann immer noch abschrecken kann. Mit einem dröhnenden Orgelspiel werden Assoziationen zum Soundtrack von „Interstellar“ wach. Doch Ulver verstärken die Atmosphäre mit druckvollem Schlagzeug und schichten Lärm und Flächen eindrucksvoll ineinander. Der Pfad der instrumentalen Stimmungsmusik wird weiterhin gegangen, oft zweigt es aber von den konzeptuellen Gebieten der Neoklassik ab und bietet wieder mehr Platz für Konventionen.

Was bei der Messe oft wie ein Ambient-Hörspiel klang, macht sich jetzt zwischen Noise, Krautrock und Avantgarde breit. Je nach Lied landet man in einem rauschenden und verzerrten Kammerspiel, dann wieder bei der Polyrhythmik voller Hall. Das Album bleibt in jeder Inkarnation interessant, lässt aber auch etwas den Zusammenhalt vermissen. ‎Nicht immer ist klar, ob mit „ATGCLVLSSCAP“ nebst dem Experiment etwas bezweckt wird. Jedes Stück steht wie eine Episode für sich und funktioniert zum Teil alleine stehend am besten – trotzdem, eine Steigerung ist vorhanden. Was zwischendurch fast wieder in der Stille endet, lässt bei „Nowhere (Sweet Sixteen)“ plötzlich Gesang zu und lässt das geliebte Ulver-Gefühl neu auferstehen.

„ATGCLVLSSCAP“ macht es dem Hörer nicht einfach, ist aber in seiner seltsamen Form gleichbedeutend eine logische Fortsetzung der Band-Geschichte und eine Abkehr des Bekannten. Die Gruppe war schon immer geübt darin, solche Gegensätze zu vereinen – auch hier lebt die Musik von dieser heterogenen Aufarbeitung unzähliger Stile. Das Album bleibt dabei immer schwer fassbar, aber somit auch grossartig fesselnd und fordernd. Alle, die sich gerne intensiv mit Klangforschungen auseinander setzen, müssen hier reinhören.

Anspieltipps:
Glammer Hammer, Cromagnosis, Ecclesiastes (A Vernal Catnap)

Live: Nordic Giants, Dynamo Zürich, 16-03-13

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Nordic Giants
Support: Glaston
Sonntag 13. Februar 2016
Dynamo / Werk 21, Zürich
Bilder: Kathrin Hirzel

Immer wieder zucken Blitze durch die Dunkelheit, man lässt sich einlullen – doch nein, irgendwie wirkt alles zu hell. Immer wieder flackern die wilden Bilder vor der Netzhaut, man lässt sich verwirren – doch nein, irgendwer steht vor den Bildschirmen. Und auch die Musik – laut, wild und treibend – möchte alle in das Nirvana begleiten – doch nein, die Klänge überschlagen sich und werfen jeden Tanzversuch aus der Bahn. Der Auftritt der Nordic Giants im Werk 21 war kein einfacher, doch dies lag nicht unbedingt an der Band.

Das Dynamo in Zürich bietet mit seinem Kellerraum eine wunderbare Lokalität für kleine und feine Veranstaltungen. Um eine Abend voller pochenden Post-Rock einzuleiten, begaben sich die Newcomer Glaston aus Zürich und Basel auf die Bühne. Ihre instrumentalen Songs werden von abwechslungsreichen Schlagzeugfiguren angetrieben und von schönen Melodien aus dem Keyboard gefüttert. Die jungen Leute agierten konzentriert und wagten sich an neue Lieder, die sich nach der Musik von ihrer ersten EP zwinkernd ans Ende des Sets hefteten. Und gerade diese neuen Stücke liessen so manchen Besucher erstaunen. Glaston wagen sich in neue Gebiete, erobert das Jazz-Piano, beschwören den schwarzen Gewittergott und liessen die Tanzbären von der Leine. Mutiger, frischer und differenzierter – wenn die Band so weiter macht, dann werden sie bald ganz gross.

Gross in der Wirkung und dem Auftreten sind Nordic Giants aus Brighton seit ihren ersten Konzertversuchen. Das Duo verkleidet sich nicht nur als nordische Sagengestalten und kommt geschmückt und bemalt auf die Bühne – ihre Auftritte sind auch eine wilde Mischung aus Musik, Film und Schattenspiel. Wo sich andere Bands immer gerne ins Rampenlicht stellen, tauchen Loki und Rôka zwischen Stroboskopblitzen und farbigen Flächen unter. Der Mensch verschwindet somit zwischen den lauten Liedern und Sinneseindrücken, plötzlich hat man das Gefühl, der Post-Rock werde tatsächlich von fremdartigen Kreaturen gespielt. Man traut sich gar nicht richtig hinzuschauen und wendet den Blick den grossen Bildschirmen zu. Auf diesen werden für jedes Lied die passenden Kurzfilme gezeigt, mal gezeichnet oder abstrakt animiert, dann wieder real und in den Horror abdriftend.

Erstaunlich, wie präzise die Klangeruptionen zu den Schnitten passen, die wilden Schlagzeugbeats und wuchtigen Keyboardakkorde brechen durch alles und dringen in den Körper ein. Obwohl sich die Stücke nicht wirklich stark unterscheiden, erschaffen Nordic Giants live einen Sog. Leider jedoch erwies sich das Werk 21 als falsche Lokalität. Man war als Zuschauer zu nahe an der Bühne, die technischen Hilfsmittel versperrten die Sicht und das Blitzgewitter verfehlte somit oft seine Wirkung. Schade, denn gerade durch diese Umstände konnte ich nie komplett in das Erlebnis eintauchen und vermisste somit viele Vorzüge, die den Liveshows der Giganten immer vorausgesagt werden. Für alle Liebhaber des lauten und wilden Post-Rocks in Verbindung mit bewegten Bildern ist der Besuch einer ihrer Messen auf jeden Fall zu empfehlen.

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Live: Ellie Goulding, Hallenstadion Zürich, 16-02-28

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Ellie Goulding
Support: Sara Hartman
Sonntag 28. Februar 2016
Hallenstadion, Zürich Oerlikon
Bilder: Miriam Ritler

Jeder grosse Popstar definiert sich auf eine spezielle Weise, hat ein bestimmtes Merkmal. Ellie Goulding war schon immer die Frau, die voller Vitalität nach vorne prescht. Nicht nur in ihrem Privatleben mit Ausdauersport und hartem Training, sondern auch als Musikerin. Ihre Konzerte sind geprägt von Ausdauer und Bewegungsfreude, auch im Hallenstadion in Zürich kam die Sängerin selten zur Ruhe. Eine Eigenschaft, die ihre Lieder aus der Masse der Popwelt hervorheben, auch wenn gewisse Stücke scheinbar über sich selber zu stolpern scheinen. Doch genau darum ist die Musik von Frau Goulding so reizvoll und behauptet sich gegen viele andere.‎

Mit der Welttour zu ihrem neusten Album „Delirium“ hat die Frau nun endlich eines ihrer Ziele wahr gemacht: die Konzerte finden in ganz Europa in grossen Hallen statt, tausende von Menschen feiern mit und auf der Bühne bewegen sich nebst der Band auch Tänzer und viele Lichtpunkte auf überlebensgrossen Screens. Ellie hatte schon immer den Anspruch, ihre Musik an grosse Menschenmengen zur überreichen. Wundervoll ist dabei, dass bei ihren Konzerten immer noch Intimität und Ehrlichkeit vorhanden sind. So wandte Ellie sich zwischen den Liedern immer vor Freude sprühend an die Fans, kleidete sich in einer Schweizer Flagge, hüpfte hin und her und tanzte verführerisch. Allgemein weiss sich die Frau perfekt zu präsentieren. In engen und knappen Outfits sang sie alte und neue Hits, Kostümwechsel inklusive. Die Künstlerin wechselte zwischen Hotpants, hautengen Spandexanzügen und einem Hochzeitskleid.

Dabei passte sich auch immer die Atmosphäre der Show an, mal in wild blitzenden Neonfarben und zerrissenen Animationen, dann wieder ganz introvertiert mit Akustikgitarre und einzelnen Scheinwerfern. Egal ob die rollenden Beats zu „Something The Way You Move“ über die Köpfe polterten oder „Outside“ mit seinen Synths das Hallenstadion in einen Club verwandelte – man fühlte sich ernst genommen, willkommen und verstanden. Ellie Goulding freute sich ehrlich über das begeisterte Publikum und liess ihre gesangliche Leistung vom Standard der Studioversionen abweichen. In bester Verfassung betörte mit ihrer sehr eigenen Stimme, egal ob hoch oder tief.

Erstaunlich war, wie gewaltig die Show daher kam. Mit vielen Spielereien, Glitzernebel, Choreographien, sich bewegenden Podesten und Flaggen. Was gegenüber den Auftritten vor ein paar Jahren etwas überhand genommen hat, ist aber nur eine logische Fortsetzung. Ellie landete in der Schweiz schliesslich Hit um Hit und holt sich nun die verdienten Lorbeeren ab. Denn obwohl ihr Synth- und Dance-Pop die Welt nicht neu erfindet, haben ihre Lieder Ecken und Kanten und das zwingende Element. So jubelte man zu „Figure 8“, jauchzte bei „Don’t Panic“ mit oder schwang die Hüften zu „Keep On Dancin'“. Und als sie dann mit dem Zuschauerwunsch „Lights“ überraschte, waren die Leute noch fast euphorischer als beim Abschluss mit „Love Me Like You Do“. Was während dem Konzert aber zu jedem Zeitpunkt klar war: Ellie Goulding ist einfach umwerfend, nicht nur wegen ihrem Aussehen. Die Frau ist real, gibt sich nahe und zeigt ihre Liebe zur Musik und den Menschen. „Army“ zeigte dies perfekt und berührte mit Bildern des Publikums, von Ellies Freunden und dem mitreissenden Schluss. Perfekter Pop? Nein, aber genau darum so grossartig und voller Energie. Wir sind eins.

‎Schön war auch, dass sich diese Verbundenheit und Freude bereits bei Sara Hartman zeigte. Die 20-jährige Amerikanerin lebt in Berlin und durfte den Abend einläuten. Mit sanften Liedern voller Gitarre, toller Stimme und intimen Texten gefiel sie. Und wer ein Lied von Jamie XX mit so viel Klasse covert, der verdient es, auf einer solch grossen Bühne zu stehen. ‎‎

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