Monat: November 2014

The Wild Feathers – The Wild Feathers (2013)

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The Wild Feathers – The Wild Feathers
Label: Warner Bros. Records, 2013
Format: Vinyl mit Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Country-Rock, Americana

Hätte mir jemand gesagt, dass ich dieses Jahr meine Country-Rock Sammlung eröffnen werde, da hätte ich ihn wohl merkwürdig angeschaut und gelacht. Aber tatsächlich, mit „The Wild Feathers“ ist die erste Scheibe aus diesem Gebiet in meinem Regal gelandet – eine gute Freundin war dabei ganz und gar nicht unschuldig. Empfehlungen höre ich mir immer gerne an, und hier hat mich der Song „The Ceiling“ gleich beim ersten Durchgang total weggeblasen. Ein wunderschönes Lied zwischen Country, Rock und Americana, mit einer schönen Steigerung, einem grossartigen Refrain und dem wunderbaren „We Should Be Easy“-Ausklang. Die Band hat sich hier echt ins Zeug gelegt und perfekt komponiert – die wechselnden Sänger sind nur eines der überzeugenden Elemente.

Dabei startet das Album eher konventionell, „Backwoods Company“ ist ein straighter Rocker und gefällt mit seiner simplen Struktur. Bereits „American“ zeigt aber, wieso ich die Band sofort ins Herz geschlossen habe: Grosse Melodien und ein Refrain der euphorisch und wunderbar gesungen daherkommt. Bei solchen Liedern bin ich schnell und gerne begeistert. Diese Wirkung kann das Album zwar nicht auf voller Länge erzeugen, gefällt aber auch sonst sehr gut. Die Musik ist locker und schnell gespielt, typische Instrumente wie Countrygitarren und rumpelndes Schlagzeug erhalten viel Raum. Spannend ist, dass die Band aus fünf Typen besteht und gerne mehrstimmigen Gesang und haufenweise Gitarrenspuren auffährt. Das Klangvolumen ist somit nicht klein und reduziert wie in einer staubigen Whiskeybar, sondern gross wie im Stall der nächstgelegenen Ranch. Dabei sind alle aus der Stadt zum tanzen eingeladen und die Sonne scheint goldgelb durch die Ritzen in der Wand. Gute Laune verbreitet die Musik ab der ersten Minute und verfällt nie in ein melancholisches Klagen – auch nicht bei den Balladen.

Sicherlich, wer mit den USA und den damit verbundenen Eigenheiten der Musik nichts anfangen kann, wird auch hier eher die Nase rümpfen. Allen anderen lege ich aber ans Herz, einmal in diese Scheibe reinzuhören. Die frisch klingende Mischung aus Rock’n’roll, Blues und Country lässt sich immer wieder gut anhören und bringt auch Licht in graue Wintertage. Dass gewisse Lieder wie „Tall Boots“ etwas zu klischeebeladen daherkommen, verzeihe ich der Gruppe dabei gerne.

Anspieltipps:
American, The Ceiling, Hard Times

Das dazu passende Getränke:
Ein Bourbon, direkt aus dem Heartland.

Steven Wilson – Cover Version (2014)

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Steven Wilson – Cover Version
Label: KScope, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Musiker
Genre: Pop, Art-Pop

Cover von bekannten Liedern sind so eine Sache, entweder weiss der Neuinterpret dem Werk eine neue Facette hinzuzufügen oder es ist eine simple Kopie, meist mit qualitativen Verlusten. Steven Wilson hat zwischen 2003 und 2010 sechs Singles mit je einem Coversong und einem eigenen Lied veröffentlicht, diese wurden nun gesammelt als Doppelvinyl von KScope neu veröffentlicht. Auch der Progmeister stolpert dabei über den Kopieversuch.

Zuerst überrascht sicherlich die Songauswahl: Abba, Alanis Morissette oder Prince werden hier gespielt. Wilson hat eine starke Affinität zur Popmusik und lebt diese voll aus. Dass dabei der Kitschfaktor sehr hoch ist, beweist vor allem „Thank You“. Schon das Original ist triefende Radiomusik, und Wilson weiss auch nichts anderes damit anzufangen. „The Day Before You Came“ von Abba gefällt mir da schon besser, klingt hier wie ein etwas durchschnittlicher Blackfield-Song. „A Forest“ verliert sogar stark gegenüber dem Original, fehlen mir doch die schrägen und verrückten Synthies, die The Cure einsetzen. Auch die restlichen Lieder von Prince, Momus und Donovan plätschern eher vor sich hin, und man weiss nicht so recht was damit anzufangen. Eine Hommage von Musiker an Musiker ist eine tolle Sache, doch oft spricht es die Hörerschaft leider nicht so an wie die Künstler selber. Schön aber das die Songs doch klar im Klangkosmos von Wilson eingebettet wurden.

Unterhaltsamer und interessanter ist die zweite Scheibe. Mit den sechs Eigenkompositionen lässt sich die Entwicklung und Veränderung von Stevens Schreibqualitäten erhören. Sind die ersten Songs doch eher sanfte und normale Poplieder, greift spätestens ab „The Unquiet Grave“ das typische Wilson-Gefühl um sich und umhüllt die Lieder mit einer bedrückenden und faszinierenden Atmosphäre. Dieser Klangsprache ist er bis heute treu geblieben – aktuelle Alben wie „The Raven That…“ zeugen davon. Wie immer ergänzen sich seine Stimme und die stimmigen Synthieflächen wunderbar, die Gitarre spielt in den höheren Lagen und alles ist mit perfekten Harmonien verziert. Sein Können zeigt sich eben doch erst richtig in der eigenen Handschrift und bei der Entfaltung ohne einzäunende Vorlagen. Das Doppelvinyl ist somit eher etwas für Fans und Komplettisten, denn ob sich der Preis bei sechs eher mittelmässigen Kopien und sechs kurzen Eigenstücken lohnt, ist fraglich.

Anspieltipps:
Thank You, The Unquiet Grave, An End To End

Das dazu passende Getränk:
Eine Tasse Schwarztee mit Zitrone.

Bruce Springsteen – High Hopes (2014)

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Bruce Springsteen – High Hopes
Label: Columbia, 2014
Format: Doppelvinyl mit CD
Links: Discogs, Musiker
Genre: Rock, Americana, Pop

Der Boss zeigt sich in den letzten Jahren alles andere als müde oder gealtert. Seine neuen Platten wirft er in kurzen Abständen auf den Markt und dazu wird immer wieder ausgiebig getourt – natürlich in den grössten Hallen und Stadien. Mit „Magic“ gelang ihm 2007 ein grosser Wurf, der fast an die alten Klassiker anschliessen konnte. Leider ist dies mit „High Hopes“ nicht passiert, die Hoffnung wurde etwas zu hoch geschichtet – auch wenn es sich hier um eine Sammlung aus alten Resten und neuen Versionen von Klassikern handelt.

Der Beginn mit dem Titelsong ist wuchtig und macht Laune mit Bläsern, Chor und dem stimmigen Refrain. Was man hier schon gut raushört ist die Gitarre von Tom Morello – der ja in letzter Zeit so etwas wie der Ziehsohn von Bruce geworden ist. Allerdings sind in meinen Ohren die typischen Klänge seiner Gitarre hier eher fehl am Platz. Das erste und einzige Highlight der Platte ist kurz danach „American Skin (41 Shots)“, ein klassischer und epischer Boss-Song, der mit grossen Gesten und einem moralischen Text voll ins Schwarze trifft. Besonders grossartig ist, wie er sich nach der Hälfte öffnet und das Tempo und die Lautstärke nochmals erhöht. Genau wegen solchen Momenten mag ich die Musik von Herrn Springsteen, eine rasante Fahrt mit gesundem Pathos durch die weiten Ebenen der Staaten. Hier liegt aber auch der Schwachpunkt der neuen Scheibe: Magische Stellen und faszinierende Passagen sind rar. Oft klingen die Songs wie am Schreibtisch erzwungene Werke, die an alte Grosstaten anschliessen sollen. Klar, der Boss war und ist ein Arbeiter und vertritt auch diese Mentalität, aber deswegen müssen seine Lieder ja nicht so klingen.

Manches klingt sogar langweilig oder bietet zu wenig Neues, um den Griff zu diesem Album zu rechtfertigen. In seiner Diskografie gibt es haufenweise bessere Songs, die lieber gehört werden. Schön sind aber wie immer die sanften Einflüsse aus Folk, Soul oder Gospel. Das Album enthält ein breit gefächertes Spektrum und Springsteen tobt sich aus. Apropos wüten: „The Ghost Of Tom Joad“ wurde für die Platte neu aufgenommen und durch Morellos Spiel veredelt. Hier lohnt sich der fast wahnsinnige Einsatz seiner Gitarre, eine neue Ebene für das Lied wird erobert. Die ganze Angelegenheit ist dennoch eher etwas für Fans. Neulinge im Bruce Springsteen-Kosmos greifen lieber zu älteren Scheiben. Diese hier ist mir zu durchwachsen und halt vielleicht doch langsam altersmüde (in der Ideensuche, nicht der Ausführung).

Anspieltipps:
High Hopes, American Skin (41 Shots), The Ghost Of Tom Joad

Das dazu passende Getränk:
Eine Dose Budweiser, ja das amerikanische.

Underworld – Dubnobasswithmyheadman (1994 / 2014)

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Underworld – Dubnobasswithmyheadman
Label: Universal UMC, 2014
Format: 5 CDs in Schuber, mit Buch und Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Techno, Electronica, Ambient

Vor 20 Jahren veränderten Karl Hyde, Rick Smith und Darren Emerson nicht nur die musikalische Ausrichtung von Underworld komplett (die Vorgänger „Underneath The Radar“ und „Change The Weather“ sind in der Verwandlung erst auf halber Strecke), sondern beeinflussten den Dance-Sound auf der ganzen Welt. Das Album mit dem sperrigen Titel „Dubnobasswithmyheadman“ verband erstmals pochenden Techno und Dance mit entspannter Atmosphäre und vor allem: Sprechgesang. Die Stimme von Karl Hyde untermalt die Tracks mit kryptischen Textzeilen und sich wiederholenden Parolen. „Thunder thunder lightning ahead. Now I kiss you dark and long“, „And I see Elvis! And I hear God on the phone“ oder „I’m the spoonman. Talks to God. Transfusion. Penetration.“ Daraus muss sich jeder selber zusammenreimen was die Aussagen zu bedeuten haben, der Musik tut dies aber mehr als gut.

Jedes Lied ist eine kleine Reise in die Welt der Clubs und tanzenden Meuten. Aber Underworld bleiben dabei immer ruhig und kreieren sanfte Beats die treiben und gerne ins Bein gehen. Zeit geben sie sich genug: Bis zu 13 Minuten lang wurden die Teile, welche als Gesamtes ein wunderbar stimmiges Album ergeben. Bis heute steht es an der Spitze der intelligenten Clubmusik aus England und weiss auf mehrere Arten zu gefallen: Die Lässigkeit mit der die Musik präsentiert wird – wie eine kuschelige Ecke im After Hour Club, die verwirrenden und oft sogar verängstigenden Texte, die merkwürdigen Soundeffekte und effektvollen Einspielungen und natürlich die tollen Beats und Gitarren. Stücke wie „Mmm…Skyscraper I Love You“ oder „Dirty Epic“ haben sich zu Klassiker gemausert und stehen anderen Hits von Underworld wie „Rez“ oder „Born Slippy“ in nichts nach. Eine würdige Jubiläumsbehandlung ist bei diesem Album also mehr als verdient.

Das volle Feierpaket erhält man mit der fünffachen CD-Box, die mir hier vorliegt. Nebst dem klanglich überarbeiteten Originalalbum auf der ersten Silberscheibe erhält man massig zusätzliches Material, mit dem es sich vorzüglich in die Welt rund um „Dubnobass…“ eintauchen lässt. Je eine CD enthalten die Singles, Remixes, alternative Versionen und eine live aufgenommene Probesession mit vielen Improvisationen. Klar ist dies zuerst einmal ein völliger Überfluss an Material. Wer will schon sechs verschiedene Aufnahmen von „Dark & Long“ an einem Tag anhören. Nimmt man sich aber Zeit für dieses Set, entfalten sich bald neue Sichtweisen auf die Produktion, den damaligen Zeitgeist und die Arbeitsweise von Underworld. Es gelingt somit, eine stimmige Momentaufnahme der mittleren Neunziger zu erschaffen und auch Spätgeborenen ein klares Bild zu vermitteln.

Also dann nicht wie los, abzappeln zu „Dirty Epic“, alles zertrümmern zum wunderbar krachenden „Cowgirl“ oder in älteren Zeiten des Synthie-Pop schwelgen mit „M.E.“. „Dubnobass…“ bietet alles, was ein Techno / House Album bieten soll und wird wohl auch in den nächsten Jahren nicht übertroffen oder für unwichtig erklärt werden.

Anspieltipps:
Mmm…Skyscraper I Love You, Dirty Epic, Cowgirl

Das dazu passende Getränk:
Ein Gin & Tonic mit Gurke und Pfeffer, mit stylischen Plastikbecher frisch aus dem Club.

Bass Communion – Box-Set (2014)

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Bass Communion – Box-Set
Label: Tonefloat, 2014
Format: 4 CDs in Einzhüllen im Schuber, mit Booklet
Links: Discogs, Band
Genre: Drone, Ambient, Experimental

Der Tausendsassa Steven Wilson hat seine Seele dem Teufel verkauft und kann seither nur noch grandiose Musik komponieren und produzieren. Eine tolle Sache für ihn und seine Fans, doch oft wird er auch von düsteren Träumen in der Nacht heimgesucht. Als Ventil dazu schreibt er nun oft gespenstische Instrumentalmusik, um diese Dämonen zu vertreiben. Doch es hilft alles nichts, hinter den Schatten lauern immer wieder böse Geister.

Ob das stimmt oder nicht, spielt keine Rolle. Die Musik, welche unter dem Namen Bass Communion veröffentlicht wird, ist oft eine verwunschene Albtraumserinnerung. Im Gebiet des Drone angesiedelt mischt Steven Experimental, Ambient und Electronica munter durcheinander, um am Schluss lange mäandernde Werke zu erhalten, die eher Klangkulisse als Song sind. Dabei fallen oft Restbestände an, die nicht auf die immer streng limitierten Alben gepresst werden. Das diesjährige Box-Set ohne Titel versammelt nun einige Outtakes und neue Version von diversen Alben auf vier CDs. Einzeln verpackt in schallplattenmässigen Hüllen, mit einem hübschen Fotobooklet im Schuber. Tonefloat hat sich auch bei dieser Veröffentlichung wieder alle Mühe gegeben, auch wenn das Set auf 2000 Exemplare limitiert wurde. Gerade die Fotos von Carl Glover passen zu den kargen, trockenen Landschaften, die Wilson malt.

Die erste Scheibe bietet unter dem Namen „Vajrayana / Indicates Void “ gesammelte Bonusstücke, welche zuvor nur auf den Vinyl-Versionen und in gekürzter Fassung erhältlich waren. Gerade das vierteilige „Indicates Void“ ist sehr stark, darf mal Piano, mal Gitarre oder Saxophon der Klangangeber sein und das Leitmotiv ausschmücken. Grandios, wie wandelbar die Kompositionen von Wilson sind und wie viel Geräusch und Feldaufnahmen sich zu einem lebenden, windenden Körper zusammenfügen und langsam in die Gehörgänge kriechen. Auf die Spitze wird diese Technik mit dem 40 Minuten langen Stück „Pacific Codex“ getrieben. Gerne passiert hier auch einfach mal nichts, oder die Membranen brummen und wabern. Solche Klangkonstruktionen müssen ihren Raum erhalten, wobei jeder für sich selber entscheiden muss, wann solche Musik angebracht ist. Beim Autofahren? Vor dem Einschlafen über Kopfhörer? Oder vielleicht als Begleiter bei einem tragischen Buch? Für was man sich auch immer entscheidet, die Wirkung ist intensiv und geht direkt unter die Haut.

Mit „Reconstructions“ und „Litany / Temporal“ erhält man noch diverse Remixe, welche auf Material von Darkroom, Theo Travis und weiteren basieren, sowie das faszinierende Temporal, welches nur aus aufgenommenen Uhrgeräuschen besteht. Das Intro von Pink Floyds „Time“ ist Kindergarten dagegen. Somit deckt diese Box jeden Aspekt ab, den Bass Communion ausmacht und dient als tolle Ergänzung der Sammlung oder als guter Startpunkt. Für Fans von atmosphärischer und komplexer Musik, Freunde von Geräusch und Nebel und für Steven Wilson Fanatiker ist dieses Set ein echtes Schmuckstück.

Anspieltipps:
Indicates Void IV, Wvndrkmmer, Litany 1

Das zu passende Getränk:
Eine Tasse Kaffee, je nach Geschmack kalt oder warm.

Live: Peter Gabriel, Hallenstadion Zürich, 14-11-18

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Peter Gabriel
Dienstag 18.11.2014
Hallenstadion, Zürich
Setlist

Back To Front, hin und zurück, alt wird neu. Grossmeister Peter Gabriel tourt seit nun fast zwei Jahren mit der SO-Jubiläumstour um die Welt, diesen Dienstag legte er dabei den zweiten Stopp in der Schweiz ein. Überraschungen bot die Show im Grunde keine, blieb die Setlist doch bei allen Konzerten gleich, ebenso wurde die Show seit dem Konzert in Genf nicht verändert. Trotzdem habe ich mich wie ein kleines Kind auf diesen Abend gefreut, Peter live zu erleben ist immer eine wunderbare Erfahrung.

Auch bei diesem dreigeteilten Konzert verbreitete er gute Laune, sprühte vor Energie und hüpfte oft über die Bühne. Gerne war er Mittelpunkt der Darbietung, so umkreisten ihn die Lichtkrane, er wechselte von Keyboard zu Klavier oder spazierte mit Koffer auf der Bühne umher. Die gesangliche Leistung litt nie unter diesen Kapriolen, alle Stellen und Schwierigkeiten in den Songs meisterte der Künstler wie vor vielen Jahren. So macht es Sinn, wenn sich auch ältere Semester weiterhin auf Tournee begeben. Besonders, da die Musik von Gabriel zeitlos ist und immer noch so strahlt wie vor über 25 Jahren. Gerne werden die Lieder für die neuen Auftritte verändert, so auch hier bei Back To Front: Gestartet wurde die Show mit einer Vorspeise aus akustisch dargebotenen Klassiker, inklusive dem neuen und unvollendeten „Daddy Long Legs“. Dass dabei das Saallicht angestellt blieb, hat einige irritiert, stellte sich aber als genialer Kniff heraus. Denn in der Mitte von „Family Snapshot“ wechselte alles zur Multimedialen Bühnenbeleuchtung mit riesigem LED-Screen und nun voll elektrisch gespielten Instrumenten – der Hauptgang war angerichtet. Ob „Digging In The Dirt“ oder „The Family And The Fishing Net“, jeder hörte mindestens ein Song aus seiner liebsten Gabriel-Phase. Mit „Why Don’t You Show Yourself“ gab es einen weiteren neuen Song.

Warum aber die meisten den Weg in den Saal fanden war das Dessert: Die komplette Darbietung vom Album „SO“, gespielt mit dem originalen Line Up. Die Band (unter anderem Tony Levin, David Rhodes oder Manu Katché) erreichte hier den gemeinsamen Höhepunkt und holte alles aus den Klassikern wie „Red Rain“ oder „In Your Eyes“ heraus. Obwohl die Abmischung im Hallenstadion nicht die beste war (wie immer bei Konzerten an diesem Ort), waren die Unterschiede zwischen lauten und sanften Stellen in den Songs grossartig intoniert, Instrumente und Gesang ergänzten sich perfekt. Auch das Licht und die Bilder steigerten sich über die 2.5 Stunden Spielzeit zu einem wahren Erlebnis. Die manchmal Angst einflössenden und ständig in Bewegung befindenden Lichtkrane, die immer mit neuen Effekten versehenen Bilder und der Wechsel von Saallicht zu Weisslicht zu farbigen Scheinwerfern erzeugte ein unglaublich starkes Gefühl. Genial wie Peter Gabriel hier mit wenigen Mitteln viel Wirkung erschaffen hat, die Show wurde somit zum vollen Erfolg.

Um halb Elf hiess es dann Abschied nehmen, nachdem man sich noch „The Tower That Ate People“ und „Biko“ als Zugabe geben durfte. Die Show war trotz der längeren Laufzeit erstaunlich kurzweilig, sehr unterhaltsam und hat mitgerissen. Peter Gabriel zeigte sein volles Können und hat zu keiner Minute enttäuscht. Ein Highlight in jedem Bereich.

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Banks – Goddess (2014)

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Banks – Goddess
Label: Harvest, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold, mit Downloadcode
Links: Discogs, Musikerin
Genre: Pop, Electronica, R’n’B

Jillian Banks lässt auf ihrem Debüt tief blicken – nicht nur auf dem hübschen Bild auf dem Cover. Nein, auch die Musik und ihre Texte sind intim und persönlich, sie erscheinen in einem modernen und eleganten Kleid aus Beat und Stille. Mit „Goddess“ steht das erste Album von Frau Banks in den Regalen und war für mich keine einfache Angelegenheit. Kennengelernt habe ich ihre Musik im Vorprogramm des Massive Attack-Konzerts in Montreux. Die Langsamkeit und Basslastigkeit haben mich damals sehr überzeugt. Die Platte erschien einige Zeit später und ehrlich gesagt: Zuerst war ich total enttäuscht.

Die seit einigen Jahren modische Musik im Schmelztiegel zwischen R’n’B, Soul, Pop und Electronica hat sich vor allem dank Acts wie The XX, James Blake oder Jamie Woon ein grosses Publikum erspielt. Auch ich habe diese neue und entspannte Herangehensweise an bekannte Arten von Musik begrüsst und besonders James Blake abgefeiert. Banks begibt sich nun in dasselbe Auto und fährt in langsamen Tempo die abgedunkelten Strassen runter, das Fenster runtergedreht, die Kippe im Mundwinkel und immer ein gebrochenes Herz in der Brust. „Always calling me unstable / You so easily can make me cry / Just cause you are in a mood“, die arme Frau will nur geliebt und verstanden werden. Doch die Welt (oder eher die Männer) sind oft grausam und sie leidet. Fast alle Texte handeln von unschönen Momenten in Beziehungen oder deren Nachwehen. Dabei werden die melancholischen Texte mit Gesangsmelodien intoniert, die aus dem Gebiet des R’n’B stammen. Banks verfügt über eine starke und wandelbare Stimme, meist aber hält sie sich gerne zurück.

Die Musik unterstützt die Frau dabei am stärksten mit der Stille. Alles ist auf die Knochen reduziert und oft gibt es nur wenige Synthiespuren und Schlagzeugfüller. Die Wut entflammt dann teilweise als düster wabernde Beats und laute Keyboards, wobei sie schnell zur Resignation und Trauer zurückkehrt. Dadurch ist das Album zu Beginn ein zu gleichförmig dahin kriechendes Wesen. Die Lieder erscheinen alle sehr ähnlich, es passiert zu wenig um zu fesseln. Nach einigen Durchgängen aber schälen sich die Eigenheiten heraus und ihre Musik fasziniert. Es ist beachtlich, wie tiefgründig und durchdacht all dies für einen Erstling ist. Die Gesamtstimmung des Albums ist ein wunderbar komplettes Werk aus Musik, Text, Design und Atmosphäre. Banks hat ein grosses Talent, muss aber weiter an sich arbeiten. Mit 14 Liedern ist das Album meiner Meinung auch ein wenig zu lang geraten. Trotzdem, eine angenehme Abwechslung zu den sonst so gleich produzierten Popstars und mit grossen Zukunftsaussichten.

Anspieltipps:
This Is What It Feels Like, Stick, Begging For Thread

Das passende Getränk dazu:
Ein Dry Martini in einer hypermodernen, aber düsteren Bar.

Marteria – Zum Glück In Die Zukunft II (2014)

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Marteria – Zum Glück In Die Zukunft II 
Label: Four Music, 2014
Format: CD mit Booklet
Links: Discogs, Künstler
Genre: Hip-Hop, Rap, Electro-Pop

„Keiner will mehr ballern, treffen um zu reden / Keiner macht mehr Malle, alle fahren nach Schweden“
Mit Hip-Hop (oder Rap, oder wie auch immer) tue ich mich seit Jahren schwer. Das Gebiet lässt sich für mich nicht wirklich erfassen, ich kenne zu wenige gute Künstler und habe mich selten dazu überwunden, mich schlauer zu machen. Aber glücklicherweise gibt es immer wieder Alben oder Musiker die sogar in mein Bewusstsein treten und mit denen ich meinen Horizont erweitern kann. Nebst Flying Lotus, Kanye West, Casper oder Steff La Cheffe hat sich in letzter Zeit vor allem Marteria einen Platz in meinem Herzen ersprochen. Und ein Album das „Zum Glück In Die Zukunft II“ heisst kann ja nur super sein.

„Die Welt zu verändern, alles liegt in meiner Gewalt. / Will Frieden verbreiten, hab immer meine Pfeife dabei.“
Marteria versteht es auf seine eigene Art und Weise, aktuellen und neumodischen Rap mit Strömungen wie Pop, Electro und Dance zu verbinden und mit klar gerappten und interessanten Zeilen zu versehen. Deutscher Hip-Hop hat es da natürlich leichter als beispielsweise englischer, denn ich verstehe die Botschaft sofort und muss nicht noch nachgrübeln, was jetzt gemeint ist. Somit ist das Hören eine entspannte Angelegenheit. Ausserdem mag ich die Stimmung von Deutschem Rap. Und hier punktet Marteria extrem: Seine Texte sind nicht ein Diss gegen irgendetwas, sondern sprechen für die Menschheit, für das Zusammenleben und für die Vielfalt. Seine Reime sind nicht die poetischsten und lieber direkt als tief in Metaphern vergraben, aber das macht ihn greifbar. In Verbindung mit der Pop-affinen Musik nähert er sich stark dem Mainstream ohne darin zu ertrinken. Klar, dies wird einigen wohl sauer aufstossen und sie wünschen sich jemanden der „true“ daherkommt. Dieses Spiel mit den Stilen, das wortgeflechtebauen um klare Melodien herum und die wunderbaren Beats ergeben aber eine grossartig funktionierende Symbiose und fruchten schon im ersten Lied, ohne jemals schwächer zu werden.

„Denn wir leben auf einem Blauen Planeten / Der sich um einen Feuerball dreht / Mit ‘nem Mond der die Meere bewegt /Und du glaubst nicht an Wunder“
Die Angst, hier nur einen Aufguss des Vorgängers „Zum Glück In Die Zukunft“ in den Händen zu halten, wird schnell in alle Winde zerstäubt und der Genuss allgegenwärtig. Ob elektronisches Gebratzel wie in „John Tra Volta“, epische Streicherromantik in „Welt der Wunder“ oder schleppende Beats wie von einer Bluesband in „Die Nacht ist mit mir“ – zu Hintergrund und Nebensächlichkeit wird die Musik nie, und geballert wird sowieso nicht unnötig. Das Album wurde ein tolles Hip-Hop-Werk der Gegenwart das Laune macht und auch bei konzentriertem Hören die Faszination nicht verliert. Teil 3, ja bitte? Obwohl, das hat bei den Filmen auch nicht so gut geklappt …

Anspieltipps:
Alt & Verstaubt, John Tra Volta, Welt der Wunder

Das passende Getränk dazu:
Tequila hält uns warm, tausend Gläser getrunken.

Genesis – R-Kive (2014)

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Genesis – R-Kive
Label: Virgin, 2014
Format: Dreifach-CD mit Booklet im Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Rock, Art-Rock, Pop, Rock

Eine komplette Übersicht und Werkschau der Progrock-Legende Genesis und der Solokarrieren von jedem Mitglied? Auf drei CDs? Ein Projekt, das zum Scheitern verurteilt scheint – die Masse an Musik ist schliesslich gewaltig. Aber BBC, die Musiker und Virgin haben sich zusammengesetzt, um ein der Legende würdiges Produkt zu erschaffen und damit pünktlich zum Weihnachtsgeschäft und der Ausstrahlung der neuen Dokumentation „Sum Of The Parts“ eine stattliche Best Of kreiert. Verpackt in einem hübschen Digipak macht die Sammlung doch einiges her, besonders auch dank dem informativen Booklet, in dem jedes Albumcover abgebildet wird.

Die Musik von Genesis benötigt hoffentlich keine Einführung mehr. Die Band startete 1970 mit „Trespass“ einen bis heute schillernden Siegeszug durch die Welt des abenteuerlichen Prog Rock. Alben wie „Selling England By The Pound“ oder „The Lamb Lies Down On Broadway“ sind bis heute Referenzpunkte für viele Bands und gelten zu Recht als Meisterwerke. Die Band verstand es, solch grundverschiedene Menschen wie Peter Gabriel, Phil Collins oder Tony Banks auf eine Wellenlänge zu bringen und gemeinsam nicht nur Lieder, sondern Epen und Geschichten zu erschaffen. Nach den Ausstiegen von Gabriel und Steve Hackett bog die Band in Richtung Pop ab. Diese extreme Umstellung verärgerte nicht nur viele Altfans, die Neuausrichtung machte aus den Bandmitgliedern weltweit bekannte Stars und die Songs standen überall an der Spitze der Charts. „Mama“, „Invisible Touch“ oder „I Can’t Dance“ zeugen bis heute aber davon, dass es hier nicht um das schnelle Geld, sondern um die künstlerische Wandlung ging. „R-Kive“ gelingt es dabei gut, die interessanten und bedeutenden Lieder auszuwählen – das unvermeidliche „Hold On My Heart“ vergessen wir jetzt einfach mal. Und auch wenn viele Alben von Genesis besonders als Gesamtwerk ihre Wirkung entfalten, verfügen die Lieder auch separat präsentiert genügend Tiefgang um als Compilation zu überzeugen.

Der interessanteste Aspekt von „R-Kive“ ist aber die chronologische Integration der Lieder aus den Soloalben. Jeder Musiker durfte selber drei Songs auswählen, welche in seinen Augen die wichtigsten oder passendsten darstellen. Erstaunlich ist dabei, dass oft nicht die klassischen Hits sondern eher unbekanntere Lieder gewählt wurden. „The Living Years“ von Mike + The Mechanics, „Easy Lover“ von Phil Collins oder „Signal To Noise“ von Peter Gabriel hätte wohl nicht jeder erwartet, es gibt schliesslich einige erfolgreichere Lieder. Dadurch erhält die Sammlung aber einen Mehrwert und bietet einige überraschende Momente: So erstaunt es doch wie gut sich beispielsweise „Signal To Noise“ und „Calling All Stations“ (vom allerletzten, mit Ray Wilson am Mikrofon stehenden Genesis-Album) nebeneinander machen. Oder das Hackett schon immer seinen eigenen Weg mit der Musik ging.

Somit lohnt sich „R-Kive“ auch für Leute, die alle Alben der Band besitzen und sich gerne mal einen chronologischen Überblick verschaffen wollen. Perfekt funktioniert dieses Set vor allem für Neulinge, werden doch alle Facetten der Band abgebildet. Und Komplettisten greifen sowieso zu. Kritikpunkt meinerseits: Eine Best Of ist immer eine Best Of, ich mag dieses Format per se nicht wirklich da oft zu viele Aspekte und Wirkungen der Alben verloren gehen. Aber als Fan der Band und Vergötterer von Peter Gabriel habe ich natürlich trotzdem zugegriffen.

Anspieltipps:
I Know What I Like (In The Wardrobe), In The Air Tonight, Silent Running (On Dangerous Ground), Invisible Touch, Signal To Noise

Das passende Getränk dazu:
Ein altbewährtes Fuller’s, englisch und gereift.

Neal Morse – Songs From November (2014)

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Neal Morse – Songs From November
Label: Radiant Records, 2014
Format: CD im DigiLinks: Discogs, Musiker
Genre: Pop, Rock, Gospel

Morse of the same – ein Spruch, der bei der Musik von Neal Morse gerne mal rausposaunt wird und oft leider nicht gänzlich falsch ist. Denn seit Herr Morse bei dem Progressive Rock-Luxuskahn Spock’s Beard ausgestiegen ist und seine Musik der Religion verschrieben hat, veröffentlicht er praktisch jährlich ein neues Solo- oder Livealbum. Die Musik darauf hat sich in letzter Zeit sehr oft geglichen und meist spielte es keine Rolle mehr ob nun „Lifeline“, „?“ oder „Momentum“ den Weg in den CD-Spieler fand. Verständlich, dass auch ich (obwohl ich den kitschigen und symphonischen Sound seiner Alben sehr mag) bei „Songs From November“ zuerst gezögert habe. Positive Stimmen haben mich aber doch noch dazu gebracht, das Album blind zu kaufen.

Offenbarung Nummer 1: Auf dem Album befinden sich nicht lange, komplizierte Lieder sondern knackige und fast fröhliche Popsongs. Neal hat seine Musik vom Kopf zum Herzen transportiert und setzt hier auf stimmige Stücke, die im Radio gespielt werden können und dabei nicht aus der Reihe tanzen würden. Glücklicherweise hat sich der Gehalt aber nicht dem eher durchwachsenen Angebot der UKW-Stationen angepasst. Die Lieder des Novembers bestechen durch eine wunderbare Mischung aus Pop, Rock und älteren US-amerikanischen Einflüssen – so finden sich Gospel, Soul und Folk als angenehme Schattierungen der oft sehr euphorischen Songs.

Womit wir auch gleich bei der Offenbarung Nummer 2 angelangen: Morse verbreitet mit seinen Studiomusikern durch einfache Mittel wie eingängige Refrains, Chorgesang oder farbiges Instrumentenspiel eine wunderbare Stimmung die den November von kaltgrau zu sonniggelb färbt. Ein solch positives Album habe ich seit Langem nicht mehr gehört – es ist schon beinahe erstaunlich, dass es mich nicht nervt. Als Verfechter der melancholischen Musik schalte ich bei zu glücklichen Liedern gerne ab. Da aber der Prog von Neal Morse schon immer mit viel Kitsch, Melodie und Pathos beladen war, komme ich hier gut zurecht und wippe gerne mit. Auf diesem Album findet man wohl ein paar der besten Songs, die er je geschrieben hat.

Offenbarung Nummer 3: Die Texte sind erträglich und nicht missionarisch. Oft drückte bei ihm der Christ total durch und die Lieder wurden Lobhudeleien über Jesus und Gott. Das hält sich auf „Songs From November“ in vertretbaren Grenzen. Meist wird eher das Leben an sich (oder auch gerne die Liebe) besungen.

Natürlich sind diese Veränderungen eher für Morse-Kenner offensichtlich. Leute die mit seiner Musik bis jetzt nicht viel anfangen konnten, werden wohl auch bei dieser Platte mit der Zeit eher die Nase rümpfen. Seine Harmonien, Melodien, Gesang und teilweise sogar die Textstellen sind immer noch aus demselben Weihrauch geformt wie bei den Prog-Alben. Reinhören empfiehlt sich auf jeden Fall, ich mag die lockere Grundstimmung, die kurzen Songs und den Gesang von Morse. Ein sehr nettes Album für zwischendurch.

Anspieltipps:
Whatever Days, Love Shot An Arrow, The Way Of Love

Das passende Getränk dazu:
Ein Glas Weihwasser.