Bogen F

Live: Thurston Moore Group, Bogen F Zürich, 17-06-28

Thurston Moore Group
Support: Ultra Eczema
Mittwoch 28. Juni 2017
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Kann man die Qualität eines Abends bereits vor Konzertbeginn an den vorhandenen Bandshirts ablesen? Wenn ja, dann versprachen Aufdrucke von dEUS, Wilco, New Model Army und Konsorten im Bogen F in Zürich eindeutig nicht zu viel. Denn der Mittwochabend wurde zu einem entspannten Genuss für Gitarrenliebhaber und Feedbackverzehrer – die Thurston Moore Group zeigte sich in Zürich. Wer sich jetzt nun am Kopf kratzt, ja genau, der immer noch sehr jung aussehende Herr am Mikrofon war früher bei Sonic Youth – doch keine Angst, aus deren Vergangenheit gab es nichts zerstörerisches zu hören.

Viel mehr stand der Abend ganz im Zeichen des neuen Albums „Rock n Roll Consciousness“, welches gleich mit sechs Darbietungen geehrt wurde. Wer Thurston Moore kennt der weiss, dies bedeutet trotzdem lange Stücke, schwitzende Verstärkertürme und ein lakonisches Auftrittsverhalten. Auf wenige Danksagungen beschränkt, spielte sich die Band durch ihr Set und blieb gerne etwas unantastbar. Obwohl, am besten funktionierten die wellenartig aufbrausenden Stücke wie „Cease Fire“ oder „Smoke Of Dreams“ eh mit geschlossenen Augen. Aus wild geschrammelten Einstiege wurden zerbrechliche Melodien, nur um immer wieder in Lärm und Hypnose zu versinken.

Was im eigentlichen Herzen sanfte Folk-Hits wären, wurden hier mit harten Riffs und starker Dissonanz bekämpft. Kein Wunder, erinnert die Musik von Thurston Moore immer wieder etwas an Neil Young – denn wie auch die Legende aus Kanada, lässt der Amerikaner seine Stücke gerne kontrolliert aus dem Ruder laufen. Oder gleich das Schlagzeug einen ganzen Song lang gegen Lieblichkeit in die Schlacht zu schicken, wie bei dem treibenden „Cusp“. Es war somit nicht mehr der jugendliche Ungestühm, aber auch bei weitem kein alterschwaches Herumklimpern. Die Thurston Moore Group brachte die genau richtige Mischung aus Feedback, krummen Strukturen und schönen Melodien.

Das war für 15 Minuten vor diesem Auftritt noch völlig anders, denn Ultra Eczema sass als Support für eine Viertelstunde auf der Bühne des Kulturviaduktes und verwirrte mit verzerrtem Geschrei, Urlaute und kratzende Effekte. Genüsslich Rotwein trinkend, an Knöpfen drehend und kunstvoll Kunst machen – wirklich einzuordnen war dieses Experiment nicht. Doch auch Thurston begann schliesslich in den sonischen Abgründen, somit schloss sich der Kreis.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: BirdPen, Bogen F Zürich, 17-03-21

BirdPen
Support: Autisti
Dienstag 21. März 2017
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Eines ist sicher, wenn man BirdPen live erleben will: Die Musiker sieht man nicht, oder zumindest nur spärlich. Das liegt aber nicht daran, dass sich die Gruppe um Andrew Bird und Dave Pen (Archive) hinter Masken oder Vorhängen versteckt, sondern dass sie ihre Auftritte von viel Trockennebel und Lichtgewitter begleiten lässt. Somit war auch ihre Rückkehr in den Bogen F nach Zürich Hardbrücke wieder ein fulminantes Spektakel an Klangteppichen und Farbflächen. Und wie schon 2015 geriet der Auftritt zu einem Feuerwerk, welches noch lange nachhallen wird. Da vergass ich sogar, dass ihre neuste Scheibe „O’Mighty Vision“ mich eigentlich gar nicht so überzeugte.

Die Musik von BirdPen lebt live vor allem von den ausufernden Instrumentalstellen, von den Explosionen aus Gitarren, Gesang und Keyboard – begleitet von sich immer steigernden Rhythmen. Auf ein Quartett vergrössert gaben sich die Musiker diesen vereinnahmenden Liedern hin und liessen aus „Lifeline“ oder „O’Mighty Vision“ Riesen werden. Lange Stücke wie „The Solution Is the Route of All My Problems“ oder das abschliessende „Only The Names Change“ sind sowieso prädestiniert für eine Konzertwiedergabe.

Zwar setzten BirdPen den Fokus ihrer kurzen Setliste klar auf das neuste Album, doch auch die Vergangenheit kam mit Momenten wie dem fantastischen „Off“ in den Genuss des hypnotisch tanzenden Bogen F. Erstaunlich, dass diese mitreissende Liveband auch an diesem Abend das Lokal nicht komplett füllte – doch solch epische Musik in kleinerem Rahmen geniessen zu können, hat schliesslich auch seinen Reiz. Die Gruppe klingt sowieso immer nach grossem Stadion und rettet mit ihren Auftritten wohl so manche verlorene Seele.

Eher verstörend gaben sich Autisti als Support, denn das Trio um Louis Jucker und Emilie Zoé suchte keinen Schönklang oder wunderbare Klangteppiche. Mit den Liedern von ihrem kommenden Album wurde die Wahrheit in krachend lärmendem Noise-Rock gesucht – und auch gefunden. Denn wenn sich Gitarren duellieren, das Schlagzeug sich selber verprügelt und alles durch umgebaute Verstärker kreischt, dann gewinnen alle Freunde der rohen Urgewalt in der Musik. Laut, dreckig und doch immer mit verführerischen Melodien unter dem Lärm – hier braute sich etwas zusammen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Esben And The Witch, Bogen F Zürich, 17-02-15

Esben And The Witch_Bogen F_MBohli

Esben And The Witch
Support: Sum Of R
Mittwoch 15. Februar 2017
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Noch selten war der Bogen F in Zürich-Hardbrücke so klein und so riesig zugleich – denn das Kulturlokal wurde noch vor Beginn der Konzerte mit Unmengen an Trockennebel gefüllt. Man fühlte sich somit in einer grossen Gruft gefangen, ohne die Grenzen wahrzunehmen. Und auch bei der alsbald erklingenden Musik war es schwer, klare Formen und Konturen zu erkennen. Sum Of R, ein dunkles Duo und Band von Reto Mäder, lässt die Schweiz seit 2008 ein Stück unbehaglicher werden. Ihre instrumentalen Ergüsse wabern zwischen Doom, Drone und Post-Metal. Auch an diesem Mittwoch liessen sie die Zuschauer in eine Welt voller sonischer Wände und Schattenzeichnungen eintauchen.

Allgemein war bei diesem und dem nachfolgenden Auftritt von Esben And The Witch gut zu sehen, wie stark eine Lichtuntermalung das Konzerterlebnis verstärken und verändern kann. Die ritualmässigen Kompositionen von Sum Of R wurden in heftiges Strobogewitter getaucht, die Musiker meist nur indirekt beleuchtet. Als Besucher tauchte man somit in eine Zwischenwelt ab, in der man ohne jeglichen Besitz oder Verlangen existierte. Und dieses Gefühl wurde auch bei dem diesjährig einzigen Schweizer Auftritt der Gruppe aus England beibehalten. Das Trio startete im Bogen F seine aktuelle Tour und liess die Besucher die neuste Platte „Older Terrors“ live erfassen.

Obwohl Esben And The Witch sich eigentlich nie greifbar machen, wirkten sich doch wie ein tonnenschwerer Fels, der auf deinen Kopf fiel – sich zugleich aber auch wie Nebel wieder verflüchtige. Ihre Lieder werden live zu langen und in sich verzahnende Urwesen, mit bedrohlichen Tieftönen und Explosionen. Egal ob die Gruppe nun bekanntere Stücke wie „Marching Song“, lange Albträume wie „The Jungle“ oder komplett neue Stücke präsentierte – hier vermischte sich alles zu einer Trance. Man wankt in der Dunkelheit umher, versucht sich am Gesang von Bassistin Rachel Davies festzuhalten und wird doch von Gitarrenmelodien zerfetzt. Irgendwo zwischen Gothic Rock, Post-Doom und Alternative setzte das Konzert auf den Boden auf. Musik als Erlebnis, hier zwischen Horror und herrlichstem Rausch.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Wovenhand, Bogen F Zürich, 16-09-16

Bild von Désirée Graber.

Bild von Désirée Graber.

Wovenhand
Support: Emma Ruth Rundle
Freitag 16. September 2016
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Wenn die Naturgewalten so stark an den Stangen und Fellen des Tipis rütteln, dass alles schier über den Köpfen der ehrfürchtigen Zuschauer zusammenbricht, dann mischt sich schnell die Freude mit einer gewissen Angst. Wie hält man das aus, wie überlebt man einen solchen Moment? Einigen wurde diese Wucht aus lauten Tönen, düsteren Farben und ausser körperlichen Gesängen zu viel und der Kulturviadukt liess die verbliebenen Besucher mit mehr Freiraum abdriften. Das Konzert von Wovenhand war nicht nur eine spirituelle, sondern auch physische Erfahrung am Limit.

„Star Treatment“, das neuste Album der amerikanischen Band, war an diesem Umstand nicht unschuldig. David Eugene Edwards und seine vier Mannen zeigten in Zürich, dass hinter dem neuen Werk eine extreme Kraft liegt. Gleich von Konzertbeginn an tauchten sie tief in das Material ein und spielten sich und die Zuhörer auf eine tranceartige Ebene. Mit den krachenden Liedern wie „The Hired Hand“ ergoss sich eine endlose Flut an tiefen Gitarrenmauern, Schlagzeugmassagen und brummenden Bass- und Keyboardklängen in den Bogen. Eine spannende Mischung aus Alternative Rock, Gothic, Country und Stammesliedern wurde immerzu laut und ohne Gnade gespielt. Edwards veränderte seinen Gesang mit viel Hall und versteckte sich somit weit weg.

Nie liess sich klar erörtern, woher die Sätze in die Ohren drangen, der Künstler selber verbarg sich unter seinem Hut mit flatternden Federn. Auch die restlichen Bandmitglieder gingen zwischen roten Lichtern, schreienden Instrumenten und mitreissenden Rhythmen auf. Wovenhand begeisterten auf ihre gnadenlose und vorzügliche Art, liessen Musik zu einem ebenenreichen Erlebnis heranwachsen und verschlugen so manchem die Sprache. Auch wenn es wenige Momente der Ruhe gab und vor allem das neue Schaffen in den Lichtstrahlern erblühte – die Gruppe überzeugte an diesem Auftritt restlos.

Sich danach noch an Emma Ruth Rundle zu erinnern, war nicht einfach. Die Dame aus Los Angeles leitete mit ihrer langsamen und intensiven Musik aber wunderbar in den Abend ein. Zwischen Nebelschwaden, Gitarrenreizen und Streicherbegleitung liess man sich wie bei einer Messe in die Nacht hineintragen – bereit, den Natur- und Musikgöttern seine Seele zu offenbaren und gemeinsam in das Nirvana einzutreten. Wer braucht schon leise Lieder, wenn man sich so in die Musik werfen kann.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Jochen Distelmeyer, Bogen F Zürich, 16-09-15

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Jochen Distelmeyer
Donnerstag 15. September 2016
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Gleich nach dem ersten Lied weiss man was Sache ist, seine spitzen Fingernägel werden von einer ebenso spitzen Zunge begleitet. Aber es hilft, denn sofort ist die Verbindung zwischen Publikum und Künstler da, es fällt auch nicht weiter auf, dass der Bogen F in Zürich schon stärker gefüllt war. Jochen Distelmeyer braucht keine schreienden Massen, er will ein konzentriertes und aufnahmefähiges Publikum, dann funktionieren seine Lieder am besten. Wobei, eigentlich zeigte er an seinem Soloauftritt im Viadukt ja fast nur fremdes Material. Gerissen wie der ehemalige Frontmann von Blumfeld aber ist, fiel dies gar nicht auf.

Es zählt schon zu der hohen Kunst, Liedmaterial von den Bee Gees, The Verve, Radiohead oder Lana Del Rey zu mischen, und dies ohne Brüche oder Stolperfallen. Distelmeyer zuckte nicht einmal mit der Wimper und fand zwischen allen Liedern die perfekte Überleitung. Falls nötig über zehn Umwege und Anekdoten, gerne auch gewürzt mit fast schon flachen Witzen und grosser Publikumsinteraktion. Man konnte den Mann nur gleich ins Herz schliessen und war mehr als froh, seinen Donnerstagabend im Bogen F zu verbringen. Endlich konnte man seine heimliche Liebe zu „Toxic“ von Britney Spears ausleben, lernte wie der Gitarrist bei Dr. Feelgood hiess und wie man Supertramp sexy mit Hüftschwung ausspricht.

Jochen Distelmeyer ging mit seinen akustischen Gitarren komplett auf und benötigte den Begleiter am Keyboard oft gar nicht. Auch die alten Blumfeld-Klassiker fügten sich reduziert gut an „Videogames“ oder „Tragedy“ an. Eine Rückkehr der Hamburger Schule, mit Bildungsfaktor und einem geschlossenen Kreis. Denn was mit männlichen Masturbationsfantasien begann, fand in der Textzeile von „Bitter Sweet Symphony“ sein Gegenstück: „Have You Ever Been Down?“ Nur etwas stimmt nicht ganz, Wilco benannten sich leider nicht nach Wilko Johnson. Aber egal, der Herr Distelmeyer verzauberte mit seinem Lachen, seinen Gesangmelodien und Gitarrenzaubereien. Ein wahres Lehrstück in reduziertem Pop.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Ryan Bingham, Bogen F Zürich, 16-06-23

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Ryan Bingham
Support: Reza Dinally
Donnerstag 23. Juni 2016
Bogen F, Zürich Hardbrücke

„How you doin‘?“, mit seinem schelmischen Grinsen unter dem grossen Hut, zwischen Gitarre und Mikrofon, packt er sofort alle. Und sogleich sind alle Bedenken und Sorgen wie weggewischt. Egal ob an diesem Donnerstag kein Fussballspiel stattfindet, ob der Sommer leider für ein paar Tage von der brennenden Sonne unterbrochen wurde oder im Bogen F in Zürich Hardbrücke eigentlich Pause für Konzerte herrschte. Ryan Bingham nahm sich Zeit für einen kurzen Abstecher in die Schweiz, zwischen seinen Festival-Auftritten und kühlen Regentagen.

Country, Folk und Rock für durchschwitzte Hemden, staubige Zungen und Tänzchen in den Schatten – Ryan Bingham begeistert seit langem mit seiner erdverbundenen Musik. So durfte er letztes Jahr gleich drei Mal den Bogen F füllen, auch dieses Konzert mit voll elektrisierter Band stand wieder unter dem Zeichen „ausverkauft“. Kein Wunder, denn der Musiker und Sänger sieht nicht nur supergut aus, sondern fesselt mit seiner ehrlichen und offenen Art. Keiner kann sich der Anziehung hinter seinen Aussagen oder den Melodien hinter seinen Songs entziehen.

Sicherlich, neu ist seine Musik nicht – denn diese Mixtur aus Südstaatenflair, Cowboygitarren und Saloonrhythmen wird seit vielen Jahrzehnten nicht nur in den USA zelebriert. Aber zwischen all dieser verfremdeten und künstlichen Kultur war es sehr erfrischend, den bodenständigen und absolut offenen Künstler auf der Bühne erleben zu dürfen. Egal ob leise mit akustischer Gitarre und Mundharmonika, unterstützt durch seine drei Mitmusiker oder ganz wild und ausufernd mit einem langen und lauten Blues-Rock-Stück – Lieder wie „Top Shelf Drug“ oder „The Weary Kind“ reissen emotional und körperlich mit. Kein Wunder sattelten am Ende des Abends plötzlich all ihre Pferde und ritten durch die Staubigen Strassen des Kreis fünf nach Hause.

Reza Dinally ging mit den Temperaturen etwas anders um, nutzte die steigende Hitze im Bogen F aber dazu, mit seinen hymnischen Liedern die Leute in ein hübsches Delirium zu treiben. Der Indierock des Zürcher Musikers ist zwar langsam und oft etwas scheu, driftet aber gegen Ende der Songs vielfach in die weiten Felder der Klangstürme. Zum ersten Mal zeigte sich Reza mit einer reduzierten Band, nur mit Schlagzeug und Orgel an seiner Seite. Ein Versuch, der wunderbar aufging und neue Facetten offenbarte und somit sehr schön und passend den Abend einleitete.

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Live: Egopusher, Bogen F Zürich, 15-12-12

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Egopusher
Support: Ephrem Lüchinger
Samstag 12.12.2015
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Alternative Varianten von Bekanntem, ein Abtauchen in fremde und doch geliebte Welten. Was sich an diesem Samstagabend im Bogen F in Zürich abspielte war nicht nur Musik, sondern eine neue Art, die Welt zu betrachten. Da war es nicht nur logisch sondern zwingend, die Plattentaufe von Egopusher mit Ephrem Lüchinger zu beginnen.

Der bekannte Musiker ist nicht nur begnadeter Pianist, sondern ein erfolgreicher Produzent im Bereich der Popmusik. Egal ob Heidi Happy oder Dieter Meier, der Mann hat überall seine fähigen Finger im Spiel. Im Bogen F zeigte er sich von seiner wilden und ureigenen Seite und transportierte die Zuschauer in eine neue Dimension. Wäre der Film Tron in den 80er eine Schweizer Indie-Produktion gewesen, bei der Jean-Michel Jarre auf LSD die Musik geschrieben hätte, aus den Lautsprechern wäre genau diese Ursuppe aus Keyboardsaft getropft. Ephrem hantierte wie ein verrückter Wissenschaftlicher herum, zimmerte aus Beats und Melodien eine Wand, die durch Effekte und verrückte Experimente wieder runter gerissen wurde. Da fragte ich mich nach seinem Auftritt schon, wieso ich zuvor noch nie von Herr Lüchinger gehört hatte.

Egopusher bereiteten für mich dann wieder bekanntere Klänge vor, ihre erste EP erhielt im Konzertlokal die offizielle Taufe. Passend gab es dazu keinen Champagner, sondern wilde Trommelwirbel und Saitenbearbeitungen. Tobias Preisig und Alessandro Giannelli bewiesen ihre Virtuosität an Schlagzeug, Violine und Synths im Bogen F. Lieder wie „Purple Air“ oder „Dirt“ erhielten durch die reale Darbietung eine tiefere Ebene und rissen die Leute aus der Umgebung. Man tanzte um die Beats, man hielt sich an den Partituren fest – trotzdem war es wie ein Flug in alle Welten, die man immer entdecken wollte. Egopusher überzeugen auf jeder Ebene, funktionieren mit jedem Medium. Erstaunlich, wie zwei Mannen eine Landschaft aus Klängen erschaffen können, ohne sich von Horden von Instrumenten begleiten zu lassen. Experimentelle Indietronica, und doch unbeschreiblich.

Obwohl das Konzert viel zu schnell sein Ende fand, und alle Menschen sich doch wieder in Zürich einfanden, war es ein grossartiger Abend. Musik aus der Schweiz muss nicht immer bekannt klingen, Sounds dürfen verwirren und Fragezeichen verteilen, der Lohn ist ein Gefühlt nicht von dieser Welt. Also immer die spitzen Ohren offen halten und nach den Sternen schauen.

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Live: Birdpen, Bogen F Zürich, 15-11-28

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Birdpen
Support: The Legendary Lightness
Samstag 28.11.2015
Bogen F, Zürich Hardbrücke

Konzerte sind nie gleich, egal ob man immer im selben Club vorbei schaut, eine Band auf ihrer Tour begleitet oder sieben Anlässe pro Woche abklappert. Manche Erlebnisse sind besser, manche sind schlechter. Und immer mal wieder erlebt man einen Abend, der sich nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen festsetzt. Der Auftritt von Birdpen im Bogen F war ein Konzert, bei dem ich am liebsten all meine Freunde dabei gehabt hätte. Um sie während der gespielten Lieder zu umarmen und ihnen zu sagen: Schaut und hört genau hin, dies ist der Grund, wieso ich Musik so liebe. Wieso ich so fanatisch werden kann und wieso es nie genug ist. Es ist einfach das Schönste auf dieser Welt.

Diese Aussage wusste bereits das Trio The Legendary Lightness zu unterstreichen. Drei Männer mit zwei Gitarren und einem Bass, zweistimmigem Gesang und tollen Ideen. Leider war der als erster dargebotene Song der beste, mit wunderschönen und verwobenen Melodien, sanftem Spiel und toll gestrichenen Saiten. Wunderschöne Traurigkeit, melancholisches Glück – berührt haben sie alle. Zwar wurde ihr Set in der Mitte etwas zu ordinär, man wusste sich am Schluss aber wieder aufzufangen und die Leute für den Hauptact gut eingestimmt im Bogen F an die Bar zu begleiten. Wieder einmal bewies das Bookingteam des Lokals eine sichere Hand.

Wobei die Band von Mike Bird und Dave Pen (unterstützt von zwei Mitmusikern), welche wohl die meisten von dem Kollektiv Archive her kennen, immer funktioniert. Nach nur drei Alben beweisen die Musiker, dass ihr Talent keine Grenzen kennt. Auf jeder Tour werden sie besser, intensiver und klanglich vielseitiger. Ihre Lieder wachsen auf der Bühne zu einem Wald an, voller Nebel und einzelner Lichtstrahlen, die Schatten auf weghuschende Gestalten werfen. Wer nicht von der Wucht der Gitarren überwältigt wurde, den holten Bass und Schlagzeug ab. Punktgenau gespielte Beats schlugen Löcher in die Synth-Untermalungen, der Gesang von Dave leuchtete. „Lifeline“ liess das Herz hüpfen, die Schwermut lüftete sich, und die Gruppe offenbarte nicht zum einzigen Mal ihre Hitqualität. Am grossartigsten war die Show aber immer dann, wenn sich die Songs lange und wuchtig ausbreiten konnten. „TCTTYA“ oder „Off“ dauerten eine zauberhafte Unendlichkeit, so lange, bis man den Bezug zur Realität vergass und mit der Musik in neue Welten driftete. Beim abschliessenden „Only The Names Change“ wusste man, hier wurden Leben verändert. Zum Besten.

Toll auch, dass sich die zwei Mannen nach dem Auftritt noch an der Bar zeigten und man ein paar Worte mit ihnen wechseln durfte. Oder sogar einen kleinen Tannenbaum aus Holz geschenkt bekam. Was es sich damit genau auf sich hat, werde ich aber wohl erst nach ausführlichen Studien der Lieder aller Veröffentlichungen erfahren. Wie auch immer, die Faszination für die Musiker ist gewaltig und ihr Schaffen unfassbar gut.

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Live: Ryan Bingham, Bogen F Zürich, 15-10-11

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Ryan Bingham
Support: Sons Of Bill
Sonntag 11.10.2015
Bogen F, Zürich Hardbrücke
Bilder: Mischa Castiglioni, Cornelia Hüsser

Ein halbes Jahr ist es her, da fand ich mich im Bogen F in Zürich ein, um dem amerikanischen Musiker Ryan Bingham zu lauschen. Wer hätte gedacht, dass sich so schnell erneut eine Gelegenheit bietet, nun sogar mit Bandunterstützung. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen und wanderte nach dem Besuch der „The Art Of The Bricks“ Ausstellung in den Viadukt. Da es sich um ein akustisches Zusatzkonzert handelte, war das Lokal glücklicherweise nicht zum Bersten gefüllt – beste Voraussetzungen für einen gemütlichen Sonntagabend. Mit einem kühlen Bier ausgestattet nahmen wir in der zweiten Reihe unsere Positionen ein und durften die Vorband in Greifnähe erleben.

Sons Of Bill zeigten sich in reduzierter Besetzung, drei Brüder an Gitarren und Keyboard. Ihre wunderbaren Lieder waren hochemotional und eine gesunde Mischung aus Country, Pop und alternativem Rock. Schnell war die Stimmung im Publikum sehr gut und die Musiker wagten sich an unterhaltsame Ansagen und Anekdoten. Trotz des tiefen Alters der Brüder war das Konzert kurzweilig, routiniert und die Songs zeugten von echtem Talent. Da kann sich ein Elternpaar aber stolz auf die Schultern klopfen, so was Erfrischendes hab ich schon lange nicht mehr erlebt. Nach nur dreissig Minuten war ihr Auftritt leider schon zu Ende, doch Ryan wollte schliesslich auch noch ran. Die Mannen bezogen Position am Merchandisestand und unterhielten sich ausgiebig mit den Besuchern.

Und dann der magische Moment: Ryan Bingham und seine Band betreten die Bühne, bewaffnet mit akustischen Gitarren, Bass, Violine und Schlagzeug. Ohne grosse Reden startete gleich das Set mit einer Mischung aus neuen und älteren Liedern. Die Darbietung war, wie immer bei Ryan, warmherzig, emotional und einfühlsam. Seine raue und wunderbare Stimme verführt, die Musik lässt nicht mehr los. In kurzen Liedern erzählt er von seinem Leben, seinen Verlusten, seinen Freunden und dem Alltag in New Mexico. Die Melodien drücken immer genau die gewünschte Stimmung aus, und erklären auch nicht Englisch sprechenden Menschen den Inhalt. Man darf lachen, zustimmend nicken oder traurig die Tränen wegwischen, künstlich ist es nie. So vergeht die Zeit wie im Fluge, man nimmt Coversongs unter die Arme und schreitet glücklich voran. Die Cowboystiefel sind voller Staub, die Stimme aber immer zum Mitsingen bereit. Bei „Broken Heart Tattoos“ schliesst sich dann der Kreis, der im Februar geöffnet wurde. Hatte Herr Bingham damals noch glücklich verkündet bald Vater zu werden, konnte er nun stolz sein erstes Kind besingen. Das ging nicht nur ihm nahe, sondern zeugte von seiner Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit.

Mit schnellen Countrysongs und langsamen Folkliedern ging es leider bald dem Konzertende zu, doch als besonderes Geschenk liess Ryan zum Abschluss noch einmal alle Musiker miteinander ein paar Stücke intonieren. Acht Menschen an Instrumenten und Mikrofone sangen zusammen mit den Zuschauern zwei Lieder. Die Geige fidelte, die Gitarren schrummten, das Schlagzeug polterte. Es war schön, lebensfroh und grossartig anzuhören. Solche Abende sind nicht nur Konzerte, sie sind der Grund, wieso ich Musik so liebe und nie genug kriege. Bingham hat Zürich zum wiederholten Male verzaubert. Bis bald!

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Live: Friska Viljor, Bogen F Zürich, 15-05-12

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Friska Viljor
Support: Lena Fennell
Dienstag 12.05.2015
Bogen F, Zürich

Da stehen wir nun, verschwitzt, glücklich und mit lauter Stimme jubelnd. Die zwei Männer auf der Bühne strahlen, bedanken sich und spritzen alle mit Wasser voll – eine willkommene Dusche nach kurz- und weiligen 80 Minuten voller Musik und Witz. Schweden und Schweiz wurden tatsächlich für einen kurzen Moment eins, Friska Viljor beschallten den Bogen F in Zürich.

Auch wenn ich vor dem Konzert die Band nicht wirklich kannte, oder verfolgt habe, aber jetzt sind sie in meinem Herzen. Das Duo zeigte sich nicht nur spielfreudig, sondern sehr menschlich und offen. Zwischen den Liedern wurde viel mit dem Publikum geplaudert, gewitzelt und Instrumente gestimmt. Dass dabei die Musik für ein paar Minuten in den Hintergrund trat, konnte ich verschmerzen, denn diese Jungs kann man nur mögen. Als Akkustik-Tour mit reduziertem Aufgebot und leisen Songs präsentierten sich Friska Viljor zuerst etwas zaghaft. Viele gespielten Stücke stammten vom – noch nicht veröffentlichten – neuen Album und zündeten in ihrer reduzierten Art nicht immer. Umso wilder und belebter wurde es dann aber, als sie die alten Bekannten auspackten und die Zuschauer wild mit dme tanzen begannen. Heiss wurde es, Bier verdunstete und Musiker wie Zuhörer steigerten sich gemeinsam zum Höhepunkt. Dass dieser auch mit nur Gitarre, Drum, Mandolie und zweistimmigen Gesang so wild ausfallen kann, spricht für die Herren. Somit war das Konzert dann auch blitzschnell durch, die Zugaben sehnlichst erklatscht und Joakim im Zuschauerraum begrüßt. Herrlich!

Lena Fennell konnte zuvor zwar keine solche Begeisterungsstürme auslösen, gefiel aber mit ihren sanften und hübschen Lieder, gespielt nur mit einer Gitarre. Die Baslerin verzauberte mit ihrer Stimme, der Melancholie und hübschen Pop. Gerne hätte ich noch ihre neue EP genauer betrachtet, doch da kamen schon zwei behaarte Typen auf die Bühne. Man kann nicht immer alles haben, und Lena werd ich hoffentlich wieder mal belauschen dürfen.‎

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