Art-Rock

Live: Steven Wilson, Halle 622 Zürich, 18-02-07

Steven Wilson
Support: Donna Zed
Mittwoch 07. Februar 2018
Halle 622, Zürich Oerlikon

Damit hatte ich nicht gerechnet, obwohl ich zu der Fraktion gehörte, die „To The Bone“ von der ersten Minute an geliebt und verteidigt haben. Dass der ehemalige Frontmann von Porcupine Tree und neuzeitliche Progressive-Rock-Retter in der Halle 622 in Oerlikon eines der besten Konzerte abliefern würde, das ich jemals von ihm gesehen habe, dieser Gedanke wäre mir niemals gekommen. Steven Wilson hat es aber geschafft, seinen kompletten musikalischen Kosmos grossartig in einen Auftritt von fast drei Stunden zu destillieren und dabei Eckpunkte zu verknüpfen, die man bisher nie so nahe beieinander sehen konnte.

Alleine der Umstand, dass er die Lieder seines neusten und extrem von Pop-Musik beeinflussten Werkes ohne Mühe mit älteren Songs seiner Karriere verband und diese mit einer passenden visuellen Untermalung zu einer kohärenten Geschichte knüpfte – dies war umwerfend. Wer hätte jemals gedacht, dass der von Abba beeinflusste Song „Permanating“ so gut auf den Longtrack und viel zu selten vernommenen Brecher „Arriving Somewhere But Not Here“ folgen kann? Nicht nur schuf Steven Wilson hier mit seiner neu entdeckten Freude als Showman eine perfekte Überleitung und erzählte witzige Anekdoten, nein sogar textlich fand man plötzlich gewisse Motive, die sich gegenseitig spiegeln und ergänzen.

Inhaltlich war der Künstler schon immer spannend, mit der gewonnen Lust am Konzeptalbum steigerte er sich seit „The Raven That Refused To Sing“ aber immer mehr. So machte es sehr viel Freude zu erfahren, wie „The Creator Has A Mastertape“ die Stimmung für „Refuge“ perfekt vorbereitete. Oder wie die Beklemmung von „Song Of I“ genial in der Melancholie von „Lazarus“ ihre Bestimmung fand – ohne die Emotionen aufgesetzt wirken zu lassen. Fast nur ungehörtes Material versprach Steven Wilson den vielen freudig erregten Zuschauern zu Beginn seines Sets, und hielt dieses versprechen. Denn wär hätte gedacht, noch einmal „Even Less“ in einer reduzierten Form mit nur einer Gitarre erleben zu können? Oder „Pariah“ endlich laut und wesensverändernd wahrnehmen zu dürfen?

Gerade dieses wunderschöne und ergreifende Stück mit Sängerin Ninet Tayeb wurde eines der frühen und intensivsten Highlights. Dank einer gut geplanten und immer geschmacksvollen Show mit Projektionen auf ein Netz, Videowänden und passender Lichtuntermalung erhielten nicht nur die Instrumente eine Verstärkung, auch die Tiefe der Musik konnte besser erfasst werden. So war es auch eine pure Lust, der perfekt aufspielenden Band (bestehend aus Nick Beggs, Adam Holzmann, Alex Hutchings und Craig Blundell) bei wirbelnden Instrumentalteilen von „Home Invasion“ oder „Vermillioncore“ zuzuhören und dann wieder in Bildern und Farben aufzugehen. Steven Wilson hat mit dieser Tour wahrlich eine neue Ebene erreicht.

Egal ob Pop, harter Progressive Rock oder psychedelischer Art-Rock – mit dem Konzert in Zürich verband der Meister all seine Stärken zu einem neuen, extrem vielseitigen Erlebnis. „The Same Asylum as Before“ liess Prince wach werden, „Sleep Together“ nahm die Zuschauer mit harten Bässen und grellem Licht gefangen, „The Raven That Refused to Sing“ machte den Konzertschluss extrem ergreifend und tieftraurig. Steven Wilson hat sich damit nicht nur allen Zweiflern bewiesen, sondern seine Musik noch einmal mehr etwas unsterblicher gemacht. Dieser Mann ist einfach unglaublich, und dieser Auftritt war extraklasse!

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Rich Wilson – Time Flies: The Story Of Porcupine Tree (2017)

Als die Band endlich die edle Royal Albert Hall betreten durfte und vor ausverkauftem Saal ein fantastisches Konzert spielte, war es mit Porcupine Tree eigentlich bereits vorbei. Die wandlungsfähige und stets hart arbeitende Band um Meister Steven Wilson wollte immer den Durchbruch und die grössere Anerkennung, beendete ihren Lauf aber während dem steilen Aufstieg. Man hatte sich musikalisch zu fest verfahren, wiederholt und ausgelaugt. Dabei fing alles so anders an …

„Time Flies“ von Rich Wilson (nicht verwandt mit dem gewissen Steven) ist das erste Buch, welches die Geschichte der Art-Rock-Grösse aus England erzählt – wenn auch nicht autorisiert. Doch das tut dem Buch nicht weh, wurde hier schliesslich in aufwändiger Arbeit aus vielen Interviews und Berichten alles herausdestilliert, was den Weg von Porcupine Tree ausgemacht hatte: Angefangen bei den alleinigen Versuchen Wilsons im eigenen Schlafzimmer, die ersten Tapes mit erfundenen Biografien über die immerzu wechselnden Stilrichtungen bis hin zum fulminanten Abschluss als erstarkte Band im Bereich des modernen Progressive Rock.

Schnell wird trotz all den Widrigkeiten, welche Porcupine Tree in ihrer Karriere aushalten mussten, klar, dass es wohl selten eine klanglich interessantere, aber szenentechnisch langweiligere Band gab. Fern von allen Exzessen, Drogengeschichten, wilden Vorfällen oder misslungenen Konzerten erarbeiteten sich die Musiker mit jedem Album einen besseren Ruf und mehr Fans. Für „Time Flies“ bedeutet dies leider, dass sich grosse Teile des Buches wie ein konstanter Kreislauf lesen. Der Ablauf „Demo, Aufnahme, Veröffentlichung, Tour“ wird bei jedem Kapitel gleichförmig wiederholt, bei Zitaten aus Gesprächen und Presseberichten leider zu unsorgfältig gearbeitet.

Die Lektüre von Rich Wilson ist somit zwar leicht und wenig anstrengend, oft aber auch etwas zu wenig redigiert. Gewisse Fakten werden oft wiederholt, viele Absätze lesen sich holprig – hier wären grössere Eingriffe in das Quellenmaterial hilfreich gewesen. Somit ist das Buch vor allem für Anhänger von Steven Wilson und seinen Bands interessant, Neulinge werden wohl das Phänomen hinter Porcupine Tree nach „Time Flies“ nicht wirklich erfassen können. Schön war es aber trotzdem, für einmal die Geschichte als Ganzes zu erfahren – und vor allem bei jedem erwähnten Album wieder Lust auf ein Wiederhören zu haben.

Noch ein kleiner Hinweis: Das Buch beschränkt sich auf einen Fliesstext mit wenigen Bildern in der Mitte. Da weder Bandmitglieder noch beteiligte Labels an der Veröffentlichung mitgearbeitet haben, fehlten natürlich die Rechte, um visuelles Material in den Text einzubauen. Somit lockern weder Albumcover noch Backstagefotos „Time Flies“ auf – aber immerhin kann man aus vier passend psychedelischen Umschlägen auswählen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Spock’s Beard – Snow Live (2017)

Band: Spock’s Beard
Album: Snow Live
Genre: Progressive Rock

Label/Vertrieb: Radiant / Metalblade
VÖ: 10. November 2017
Webseite: spocksbeard.com

Es geschehen tatsächlich noch Wunder – wobei diese Aussage in einem Text zu Neal Morse ja vorsichtig einzusetzen ist. Dass allerdings das komplette „Snow“-Album von Spock’s Beard einmal in seiner schillernden Gänze aufgeführt würde, und das erst noch mit allen originalen Mitgliedern und neuen Musikern zusammen, das war lange nur ein kleiner Hoffnungsschimmer am Proghorizont. 2016 war es dann aber wirklich soweit, am jährlichen Morsefest in Nashville wurden Träume erfüllt und ein riesiges Geschenk an die Fans der amerikanischen Progressive Rock-Truppe verteilt: „Snow Live“, ungekürzt, sieben Mannen, eine Geschichte.

Die Geschichte um den begabten Albino, Aufstieg und Fall, dessen Werdegang und die religiösen Anleihen machen das Werk auch 15 Jahre nach seinem Erscheinen interessant und immer wieder hörbar. Musikalisch wandten sich Spock’s Beard mit diesem Doppelalbum zwar etwas weg vom komplexen Melodic Prog und hin zum Hard Rock, erschufen aber auch extrem mitreissende Passagen, wunderschöne Melodienbögen und zeitlose Songs. Dass Bandgründer und Frontmann Neal Morse nach dieser Platte die Truppe verliess und nun damit die kurze Versöhnung fand, passt zur inhaltlichen Tragweite und verleiht „Snow Live“ eine weitere Prise Magie.

Erstaunlich ist an dieser Aufnahme aber noch etwas weiteres: Spock’s Beard klingen immer noch genau so frisch und spielfreudig wie in ihren ersten Jahren. Das Zusammentreffen der ehemaligen Mitglieder und neuen Recken wie Jimmy Keegan und Ted Leonard lässt ein Funkenflug an Freude und Talent entstehen, sodass aus Stücken wie „Devil’s Got My Throat“, „Carie“ oder „All Is Vanity“ pure Lebensfreude entsteht. Satte Riffs, ausufernde Keyboardstellen und die ergreifenden, mehrstimmigen Gesänge – die Künstler holen das Beste aus dem Material und geben mit den Zugaben „June“ und „Falling For Forever“ noch das Sahnehäubchen (inklusive Schlagzeugduell) obendrauf.

Wie es sich für neue Veröffentlichungen von Neal Morse und Konsorten gehört, gibt es auch „Snow Live“ in diversen Ausführungen. Ob Vinyl oder CD, mit visueller Begleitung und Dokumentation auf DVD oder Bluray: Hier findet jeder sein passendes Paket. Und schlussendlich ist es doch egal, mit welchem Medium man hier der grössten Version von Spock’s Beard entgegentritt – was zählt, ist das wirklich wunderschöne, fesselnde und berauschende Resultat. Da liebt man sogar den Kitsch von „Wind At My Back“ inbrünstig!

Anspieltipps:
Long Time Suffering, Carie, All Is Vanity, June

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Blind Ego – Liquid Live (2017)

Band: Blind Ego
Album: Liquid Live
Genre: Progressive Rock

Label/Vertrieb: Gentle Art Of Music
VÖ: 10. November 2017
Webseite: blind-ego.com

Und plötzlich wird aus einem etwas unsicheren Nebenprojekt eines einzelnen Künstlers eine gefestigte Band! Seit der Veröffentlichung des Studioalbums „Liquid“ hat sich bei Blind Ego nicht nur die Besetzung finalisiert, Kalle Wallner fand mit seinen Mitstreitern auch Kämpfer für die weitere Zukunft und zeigte auf der Tour 2017 gleich, dass sich diese Truppe nun wuchtig, druckvoll und unaufhaltsam gibt. Mit „Liquid Live“ erhält man einen passenden Einblick in diese neue Identität des teutonischen Prog-Rocks, inklusive bewegter Bilder.

Neben der CD-Aufnahme vom Night Of The Prog Festival auf der Loreley, bei dem weder starker Regen noch die kurze Spielzeit der Stimmung Abbruch taten bei dieser wahrlich energetisch aufspielenden Band, gibt es mit der beiliegenden DVD die visuelle Ergänzung des ausverkauften Blind Ego-Konzerts in Hamburg. Auf beiden Silberlingen kriegt man somit die volle Packung modern angehauchter und stark im harten Rock verankerten Prog. Mit Gitarrensolos, zweistimmig gesungenen Passagen und immer wieder voluminös voranschreitenden Riffs werden Lieder wie „Obsession“ grösser als jemals gedacht.

Es tut den hier gespielten Songs echt gut, dass die Band um Gitarrenvirtuose Wallner nie kürzer treten wollte und keine Sekunde der Erholung benötigte – vielmehr wurde während dem gesamten Konzert jedes Stück voller Inbrunst präsentiert und sofort findet man bei „Liquid Live“ den Zugang. Frühere Zweifel, dass Blind Ego immer ein Nebenprojekt im Schatten von RPWL bleiben würde, werden hier ohne zu zögern weggewischt und mit einer Sicherheit ersetzt, die Doublebass und emotionale Melodien mit sich bringt. „Blackened“ und „Death“ täuschen uns nicht, diese Band hat sich ihren „A Place Under The Sun“ nun definitiv verdient.

Anspieltipps:
Obsession, Never Escape The Storm, Blackened

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Anathema, Z7 Pratteln, 17-10-18

Anathema
Support: Alcest
Mittwoch 18. Oktober 2017
Z7, Pratteln

Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark sich die Musik von Anathema verändert hat – nicht nur im Vergleich zu ihren ersten Doom Metal-Alben, sondern auch in den letzten Jahren. Das Konzert in Pratteln, welches die Band im Rahmen ihrer Tour zum neusten Werk „The Optimist“ gab, zeigte dies auf spannende Weise. Denn die Engländer, welche seit 1990 die Prog-Welt mit ihrem unverkennbaren Klangbild aufmischen, zeigten ein gutes Händchen bei der Songwahl und liessen das zweistündige Konzert zu einer kleinen Reise in die Vergangenheit mutieren. Immer präsent war aber die erhabene, romantische und berührende Stimmung, welche ihre Musik auszeichnet.

Perfekt passend war in diesem Gesichtspunkt auch der Support mit den Franzosen von Alcest. Die Gruppe aus Avignon ist Stéphane „Neige“ Pauts kreatives Kind und wird live zu einer Band, welche die Welten des Shoegaze und Black Metal zu gewaltigen und emotionalen Klangwänden zusammenführt. Mit ihrer neusten Platte „Kodama“ im Gepäck liessen sie das Z7 in tiefe Gitarrenflächen, verträumte Melodien und immer wieder aufbrausendes Schlagzeugspiel eintauchen. Ob ihre Musik nun wie extrem langsam gespielter Heavy Metal oder die süsse Version von teuflischem Material klingt, ihre Songs konnten immer überzeugen. Und dank Darbietungen von älteren Songs wie „Autre Temps“ kamen auch langjährige Fans auf ihre Kosten, die am Ende dieses Auftrittes gleich strahlten wie Novizen.

Anathema konnten sich nach einem solchen Start nicht zurücklehnen, viel eher mussten die Herren und die Dame zeigen, dass ihre wirkungsvolle Mischung aus Art-Rock, Prog und Dreampop auch live gelingen kann. Der Einstieg mit „Untouchable Pt. 1+2“ war geschickt gewählt, bietet dieses Doppel mit Stakkato-Keyboard, ausführlichen Gitarrenpassagen und dreistimmigem Gesang doch alle Zutaten, die diesen Kuchen so herrlich schmecken lassen. Zwar wirkte einiges etwas verzettelt – besonders „The Lost Song Pt. 3“ ging nicht ganz auf – und die intensive Wirkung der Alben wollte sich zuerst nicht einstellen, doch spätestens mit dem „A Fine Day To Exit“-Doppelpack „Barriers“ und „Pressure“ nahm die Darbietung Fahrt auf.

Dank geschickter Kombination der Albenkonzepte und einem Sound, der sich seit „We’re Here Because We’re Here“ stärker auf positive und gefühlvolle Aussagen konzentriert, versank man vollends in träumerischen Liedern, wunderbaren Gitarrenwänden und verliebte sich zum unzähligsten Mal in Lee Douglas. Die Sängerin setzte mit ihrer Stimme wichtige Akzente und Anathema spielten sich als Kollektiv in höchste Sphären. Schön, dass man mit „Closer“ und „Fragile Dreams“ die alten Tage wiederbelebte und die Flugformationen von neuen Kompositionen wie „Dreaming Light“ oder „Lightning Song“ erdete. Zu Recht wird diese Band also nicht nur in Szenenkreisen bejubelt und mit Lob überschüttet – intensivere Erfahrungen als bei Anathema gibt es selten.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

BRNS – Sugar High (2017)

BRNS – Sugar High
Label: Yotanka, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Indie, Art-Rock

Wer sich schon einmal von der belgischen Indie-Rock-Band BRNS die Gedanken und den Kopf an einem Konzert hat verdrehen lassen, der weiss, bei ihren Songs lauert hinter der scheinbaren Pop-Fassade eine komplexe Maschinerie. Zwar hält das Trio die Fahne der hübschen und leichten Musik weit nach oben, wirft aber mit jedem Takt weitere Rhythmuswechsel, merkwürdige Tonlagen und seltsam eingesetzte Instrumente in das Geschehen. So entpuppt sich auch das zweite vollwertige Studioalbum mit dem Namen „Sugar High“ als vielfältig und nicht linear.

Beste Beispiele für diese Vorgehensweise sind Lieder wie „Sarah“ oder „Sunday Afternoon“, die eigentlich liebliche Harmonien, Gesangsformen und tolle Keyboards anbieten – aber immer etwas neben der Spur wirken und die Struktur niemals im reinen Strophe-Refrain-Format halten. Was bei den einen als typische Studentenmusik gilt, das wird bei BRNS zu einer vergnüglichen Entdeckungsreise. Die Entfaltung zum Hit geschieht manchmal langsam („Ishtar“) oder benötigt nur wenige Töne wie bei „The Rumor“ – am Ende ist das Ergebnis aber immer anders, als zuerst vermutet. Und wenn der wirkungsvolle Psychedelic-Track „So Close“ das Album schliesst, dann fliegt man definitiv davon.

BRNS nehmen ihre Musik nicht bitterernst, das merkt man nicht nur an den gewählten Tonhöhen sondern auch an dem Gesang. So klingt es bei „The Missing“ etwa fast frech nasal, dann wieder scheinen sich die Stimmen gegenseitig den Platz streitig zu machen. Aber genau diese humorvolle und unverkrampfte Art mit dem kunstvollen Indie umzugehen macht das Album locker. Leider hält das Hochgefühl wie nach übermässigem Zuckerkonsum nicht für ewig an, während „Sugar High“ rotiert ist die Scheibe aber wunderbar anders.

Anspieltipps:
Ishtar, Encounter, So Close

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

David Gilmour – Live At Pompeii (2017)

Band: David Gilmour
Album: Live At Pompeii 
Genre: Art Rock / Rock

Label/Vertrieb: Columbia
VÖ: 29. September 2017
Webseite: davidgilmour.com

Eigentlich verläuft alles seit vielen Jahren immer gleich. Ein ehemaliges Mitglied von Pink Floyd veröffentlicht ein neues Soloalbum, tourt spektakulär um die Welt und filmt die Konzerte. Aus diesem Material wird ein Film geschnitten, für einen Tag in den Kinos gezeigt und dann als Livealbum veröffentlicht. Live, play, repeat. Dass sich „Live At Pompeii“ von Gitarrist und Sänger David Gilmour aber doch abhebt, ist vor allem dem Ort der Aufnahme geschuldet. 45 Jahre nach dem grossartigen Konzertfilm der Art-Rocker kehrte der Künstler 2016 in das Amphitheater zurück und zelebrierte die Platte „Rattle That Lock“ und bekannte Klassiker von Pink Floyd.

Natürlich ist es etwas fragwürdig, wie oft man sich Songs wie „Comfortably Numb“, „Money“ oder „Time / Breathe“ noch in neuen Aufnahmen anhören und ins Regal stellen will. Die Auftritte von David Gilmour müssen dies für die Konzertbesucher natürlich beinhalten – trotzdem wäre es doch die perfekte Gelegenheit gewesen, in Pompeii wieder die alten und psychedelischen Floyd-Momente aufzugreifen. Nebst „One Of These Days“ gibt es aber vor allem die zugänglichen Tracks. Was dann wiederum gut zur Auswahl des Solomaterials passt, liegt das Augenmerk natürlich auf „Rattle That Lock“ und „On A Island“. Gemächlich schunkelt man zu leichtem Rock, die visuelle Show strahlt in den dunklen Himmel.

Nebst dem bekannten Rund-Screen gab es Laser, Pyrothechnik und hell erleuchtete Gesichter – alles wunderbar auf der Bluray nachzuverfolgen. Dass David Gilmour keine halben Sachen mehr macht, sollte jedem bekannt sein. Trotzdem schafften es der Musiker und seine perfekt aufspielende Band auch bei „Live At Pompeii“ wieder, den Abend intim wirken zu lassen. Somit ist dieses Livealbum sicher nicht überflüssig und gerade als tolle Deluxe-Version eine nette Sammlungsergänzung. Am besten funktioniert die Scheibe aber als Einstieg in die weite Welt von Pink Floyd – hoffentlich erreicht Gilmour hiermit die neue Generation.

Anspieltipps:
Rattle That Lock, What Do You Want From Me, Sorrow

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

The Pineapple Thief – Where We Stood (2017)

The Pineapple Thief – Where We Stood
Label: Kscope, 2017
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, Prog

Der Dieb hat einen Lauf – seit Jahren schon, und je länger dieser andauert, desto besser wird das Diebesgut. Das Schöne an Bruce Soord ist ja, dass er uns alle an diesem Reichtum teilhaben lässt. Und nach den wundervollen Studioalben „All The Wars“, „Magnolia“ und „Your Wilderness“ gibt es nun das herrliche Destillat dieses Dreiecks als Livealbum. The Pineapple Thief präsentieren mit „Where We Stood“ nicht nur eine Momentaufnahme ihrer immer noch andauernden Tour, sondern auch die erste Konzert-Konserve aus Bild und Ton ihrer Karriere. Ein guter Grund, das Wohnzimmer in einen Saal zu verwandeln und klatschend die Lieder zu begrüssen.

Momente zum Feiern liefern uns die Mannen mit Perlen wie „Reaching Out“, „The Final Thing On My Mind“ oder „In Exile“ schliesslich zur Genüge. The Pineapple Thief präsentieren sich hier als versierte und gut eingespielte Liveband, wechseln geschickt zwischen knackig-kurzen Tracks und längeren Songs mit instrumental fordernden Parts. Dank Schlagzeuger Gavin Harrison erhalten viele Stellen eine weitere Tiefe, sein Spiel passt perfekt zu dieser Musik. Kein Wunder, erinnert „Where We Stood“ darum nicht nur mit dem Bandnamen auf dem Cover an Porcupine Tree.

Eine Prise harte Gitarren, wundervolle Melodien und ein Wechselspiel zwischen Saiten und Tasten – The Pineapple Thief haben ihre eigene Mischung aus schönem Art-Rock und Modern Prog perfektioniert und sich hier auf einem Höhepunkt festgehalten. Da stört es auch nicht, dass Bruce Soord manchmal an seine stimmlichen Grenzen stösst. Denn zu jeder Sekunde ist die Lust und Freude hinter der Musik und dem Auftritt zu spüren und die Platte (oder die DVD) reiht sich gelungen in die Sammlung.

Anspieltipps:
No Man’s Land, In Exile, Snowdrops

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: The Pineapple Thief, Dynamo Zürich, 17-09-11

The Pineapple Thief
Support: Godsticks
Montag 11. September 2017
Dynamo, Zürich
Bilder: Kathrin Hirzel

Dass an diesem Montag plötzlich in ganz Zürich scheinbar keine Ananas mehr zu finden war tun wir jetzt einfach als Gerücht ab – wie auch das Getuschel um plötzlich auftauchende Früchtchen im Backstage des Kulturhauses Dynamo. Was wir aber mit grosser Sicherheit vermelden können: Der Auftritt der Englischen Progressive Rock-Gruppe The Pineapple Thief war ein voller Erfolg. Und dies war auch nötig, war es schliesslich der erste Besuch in Zürich von Bruce Soord und seinen Mannen und ein heiss erwartetes Konzert. Besonders nach dem 2016 veröffentlichten Album „Your Wilderness“ ist die Band nämlich in die höchsten Sphären des modernen Art-Rock vorgedrungen und begeistert Leute auf aller Welt.

Somit gab es auch im Dynamo vor allem Lieder von der neusten Scheibe zu hören, druckvoll und energetisch dargeboten. Ob das elegische „In Exile“, welches auch für mich das Konzertvergnügen nach einem etwas zaghaften Beginn so richtig startete, oder das beschwörerische „Take Your Shot“ – die Atmosphäre der Scheibe konnte perfekt in den Saal übertragen werden. Womit auch gleich widerlegt wurde, dass The Pineapple Thief live nicht so überzeugen wie auf Platte. Aber mit Schlagzeuger Gavin Harrison (Ex-Porcupine Tree) als rhythmischer Zauberer, Jon Sykes als bewegungsfreudiger Bassist, Steve Kitch als ruhiger Keyboard-Pol und Darran Charles als wandelbaren und verschmitzen Gitarristen konnte nichts mehr schief gehen.

Charles zeigte auch gleich mit seiner eigenen Band Godsticks als Support, dass er den Prog in- und auswendig kennt. Die, seit 2006 aus Wales aktive Truppe, besticht in ihren Liedern weniger mit emotionalen Melodien, sondern mit komplizierten Songstrukturen und einem harten Klang. Hier gibt es verzerrte Gitarrenspuren, maschinell wirkende Drums und immer wieder dem Jazz angelehnte Harmonien. Während Darran Charles als Sänger zwar limitiert ist, tat diese Abwechslung in die dunklen Maschinenräume des Progressive Rock ganz gut. King Crimson war nicht der einzige Name, der einem während dem Auftritt durch den Kopf schwirrte. Und wenn die Herren bei „Exit Stage Right“ gleich alle Sicherheiten über Bord warfen, dann war dies ein wirklich aufregender Einstieg in den Abend.

The Pineapple Thief hatten keine Probleme, diese Energie weiterzutragen, was auch an dem wunderbar aufgelegten Publikum war. Die Zuschauer bejubelten nicht nur neue Tracks wie „The Final Thing On My Mind“, sondern auch selten vernommene Stücke wie „3000 Days“ oder „Shoot First“ und die herausragenden Einzelgänge der Musiker. Somit gab es gegen Ende des Abends immer mehr Interaktionen zwischen Bühne und Publikum und zufriedene Gesicht in jeder Ecke. Toll, dass sich die Diebe mit ihrer doch eigenen Art des Modern Prog auch in der grösseren Masse langsam etablieren. Konzerte wie dieses helfen dabei natürlich extrem.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Groombridge – Der Specht (2017)

Groombridge – Der Specht
Label: Prolog Music, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Art-Rock, Alternative

Groombridge ist wohl eines der best gehüteten Geheimnisse der Schweizer Musikszene. Die fünf Herren aus Burgdorf machen zwar seit 2001 zusammen Musik und ertüfteln dabei immer wieder erstaunlich andersartige Rock-Songs, die grosse Masse wird ihren Namen aber noch nie vernommen haben. Schade, aber mit ihrem fünften Studioalbum wird dies nun hoffentlich korrigiert. Denn egal ob auf Raumschiffen, in Städten mit goldenen Jungen oder im Wald neben Tier und Zerstörung – die Musik der Band ist immer unglaublich dicht, packend und anders. Und dies gibt „Der Specht“ bereits mit seinem Namen vor.

Hinter diesem eher ungewohnten Namen für eine experimentelle Rockplatte steckt der Anspruch, sich endlich von dem Einheitsbrei in der Szene zu distanzieren. Die Musik von Groombridge ist nämlich bei Weitem nicht nur eine nächste Episode in der unendlichen Geschichte der Gitarrenlieder, sondern ein Ungestüm, das sich selten so richtig festmachen lässt. Ob die Band bei „Through The Gates Of Death“ zuerst so klingt wie es sich Pearl Jam heute nur noch erträumen, oder beim letzten Song „WUG“ in die Gebiete von Radiohead waten, immer wieder werden die Songs in die hauseigene Welt geführt und alles wird mit lauten Riffs und wuchtigem Sound umschlossen. Die Künstler jonglieren nicht nur mit einer Vielzahl von Ideen, sondern auch mit den Instrumenten und Strukturen. „The Reverser“ ist mit seinen exzentrischen Teilen und dem quer verlaufenden Bass das beste Beispiel.

„Der Specht“ wirkt zuerst vielleicht etwas vollgepackt, doch schon bald merkt man, hier ist kein Ton und kein Takt zuviel. Der Art-Rock von Groombridge ist nämlich immer extrem spannend, perfekt ausformuliert und mit der richtigen Menge an elektronischen Mittel verziert. Auch inhaltlich haben sich die Herren um Frontmann Dyle nicht auf Nummer Sicher verlassen, sondern wollen anecken. Man einer wird mit Stücken wie „Drop The Name“ zuerst überfordert sein, das gehört sich aber so. Dieses Werk ist eines der besten und voluminösesten Alben in diesem Jahr, weltweit – und man spürt jede Sekunde und jeden Atemzug, der darin investiert wurde.

Anspieltipps:
Drop That Name, The Reverser, WUG

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.