Monat: Juni 2016

Messenger – Threnodies (2016)

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Messenger – Threnodies
Label: Inside Out, 2016
Format: Vinyl im Gatefold, mit CD
Links: Discogs, Band
Genre: Prog, Folk-Rock

Folk und der verknotete Progressive Rock waren sich nie fremd, man denke nur an die fernen Jahrzehnte zurück und an die Lieder, welche schier unendlich die Gitarrenmusik mit Flöten, Traditionals und fröhlichen Gesängen aufmischten. Eine solche gemeinsame Vergangenheit darf man auch in diesen schwierigen und menschlich chaotischen Zeiten nicht vergessen. Und obwohl die Botschaft hier Klagegesänge („Threnodies“) sind, die Überbringer Messenger lassen uns nicht im Elend aus Krieg und Tod alleine. Ihr Retro-Prog-Rock führt uns durch die grauen Tage und zeigt, wie wichtig Gefühle sind.

Man muss aber schon auf die Band zugehen, denn Messenger starten mit „Calyx“ hart und verknotet in ihr Album. Nicht nur lässt die Band ihren Liedern sehr viel Zeit und lässt auf „Threnodies“ die sieben Songs so gesund wachsen, sie wagen sich auch an harte Riffs und frech wechselnde Takte. Immer dann, wenn man kurz davor ist zu vergessen, dass hier eigentlich Prog gespielt wird, lässt uns die Band in eine Wand rennen oder stinkfrech vom Weg abkommen. Doch genau dies macht auch Spass, denn somit nehmen die Retro-Rock-Anteile und transparenten Gitarren nie Überhand. Was die Band kongenial auf einer Ebene zusammenkommen lässt, fasziniert und bringt aus beiden Lagern die Freunde zusammen.

„Crown Of Ashes“ zollt sogar Meistern wie Pink Floyd Tribut und beweist, dass im Progressive Rock keine Schnelligkeit oder extreme Talentschau für grosse Leistungen benötigt wird. Messenger verlassen sich auf den melodiösen und emotionalen Aufbau, geben der Musik viel Raum zum Atmen und verbinden diese wunderbaren Lieder mit Texten über das schwierige Zusammenleben. Mit „Threnodies“ entstand ein Album, das einen nicht nur überrascht und packt, sondern auch erwähnte Stilrichtungen zu einem unbeschreiblich neuen Gefühl zusammenwachsen lässt. Von dieser Gruppe werden wir noch viel hören.

Anspieltipps:
Oracles Of War, Celestial Sphere, Crown Of Ashes

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Brian Fallon – Painkillers (2016)

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Brian Fallon – Painkillers
Label: Island Records, 2016
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Rock, Alternative

Wenn die Lampen ausgehen und die Gassen kurzeitig in Dunkelheit getaucht werden, ist das für viele ein Grund, sich missmutiger zu fühlen. Doch keine Angst, einmal um die Ecke und schon wird man wieder von Licht erhellt. Es ist zwar kein Gas, das hier brennt, aber ein Lagerfeuer tut es ja auch – und ist dazu noch einladend. Daneben sitzt Brian Fallon und betrachtet nachdenklich seine Gitarre, spielt ein paar Akkorde und singt dann mit seiner rauen und unverkennbaren Stimme intime Texte.

Was auch stark reduziert seinen Reiz versprühen würde, erhält man auf „Painkillers“ mit kompletter Band. Brian Fallon hat The Gaslight Anthem zwar in den Hiatus geschickt, musiziert aber unter seinen eigenen Namen munter weiter. Das Soloalbum ist kein reiner Neuanfang oder eine Loslösung alter Geschichten, doch aber eine Weiterentwicklung des bekannten Status. Mit dieser Platte ist Fallon noch ein Stück näher an den Pop gerückt und hat seine Lieder noch mehr in das Format Singer-Songwriter eingepasst. Der Künstler versteht es vorzüglich, kleine Perlen in interessanter Liedform darzubieten – an Vorbilder wie Bruce Springsteen ist Fallon nun in Griffnähe herangerückt. Das Gerüst der Songs ist der alternative Rock, er benutzt als Streben aber gerne auch Blues, Country und Folk. Sicherlich ist von den Wurzeln im Punk nur noch wenig übrig geblieben, aber „Painkillers“ will auch gar nicht mehr dazu zählen.

Mit diesem Soloalbum beweist Brian Fallon, dass er warme und schöne Lieder schreiben kann – und dass er zu den wichtigen Songwritern in den USA gehört. „Painkillers“ ist ein menschennahes, verständnisvolles und emotionales Album für alle Menschen, die gerne mit ihrer Musik sprechen. Ab der Hälfte erhält man zwar manchmal das Gefühl der Wiederholung, dies stellt sich aber nicht als grosser Negativpunkt heraus. Die Romantik der amerikanischen Musiktradition trumpft.

Anspieltipps:
Among Other Foolish Things, Steve McQueen, Rosmary

Anoraque – Disturbing Grace (2016)

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Anoraque – Disturbing Grace
Label: Radicalis, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Experimental, Alternative

Wenn sich schon Menschen aus zwei Ländern zusammenschliessen um Musik zu machen, die alle Poster in deinem Zimmer von den Wänden reisst, Hütchen daraus faltet und alles dann doch zerfetzt – dann darf es krumm klingen und die Perfektion wird schnell abgehängt. „Disturbing Grace“ ist die erste EP von Anoraque – Heimatstadt Basel – und klingt dabei nicht nur wie illegale Clubs und Leute mit abenteuerlichen Frisuren, sondern auch nach Abenteuerlust.

Anoraque hauen gleich zu Beginn mächtig auf die Pauke – mit der Gitarre, deren Lack schon lange ab ist und die Saiten alle Finger schneiden. Die frische Gruppe gehört zu den krummen Vertretern der alternativen Rockmusik und nickt dabei dem Untergrund der 90er zu und beklatscht Gruppen wie SORK. Die Rhythmen und Takte folgen verschlungenen Pfaden, der Gesang drängt sich wunderschön befremdlich vor die scheppernden Melodien. Wenn sich ein verkaterter, aber toller Morgen nach einer Party ausdrücken könnte, dann würde wohl „Disturbing Grace“ entstehen. Immer spannend und super gemacht, aber auch gerne neben der Spur und ein bisschen böse.

Anoraque hört man in wunderbar verspielten Liedern wie „Overseas“ die Spielfreude immer an, denn die EP wagt Richtungswechsel, heftige Angriffe und mischt darüber stark melodiöse Spielereien und Stimmen. Dazu hört man den Musikerinnen und Musikern den Mut zu zerzaustem Haar und aufgeplatzten Nähten an den Klamotten an. Experimentierfreudig werden Post-Punk, düsterer Rock und alternativer Anspruch gemischt und als Resultat präsentiert, das Anoraque wunderbar von einem Grossteil der Musikszene in der Schweiz abhebt. Wer glitzernde Momente sucht ist hier falsch, auf „Disturbing Grace“ gibt es Flecken und Staub – aber glücklich machende.

Anspieltipps:
Still You, Overseas, Think Don’t Suppose

Minor Victories – Minor Victories (2016)

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Minor Victories – Minor Victories
Label: Play It Again Sam, 2016
Format: Vinyl mit Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative, Shoegaze

Was haben die Bands Slowdive, Editors und Mogwai gemeinsam? Ihre Musik setzt auf Emotionen, egal wie hart und fremd die Instrumente klingen. Somit ist es nur logisch, dass auch der verrauschte Stil des Shoegaze unter dieser Federführung zu etwas ergreifend anderem wird. Hinter „Minor Victories“ stecken nämlich Sängerin Rachel Goswell, die Gitarristen Stuart Braithwaite und Justin Lockey sowie Filmemacher James Lockey – von eben erwähnten Gruppen. Ihr Debüt ist aber mehr als nur eine Projektplatte einer weiteren Supergruppe, es ist ein lebendiges Wesen.

Wie durch einen dichten Wald kämpft man sich bei „Minor Victories“ durch die Klangschichten, hinter jeder stark verzerrten Gitarre lauert eine weitere, dazwischen pflanzen sich das hallende Schlagzeug und die mehrstimmigen Astralgesänge hin. „A Hundred Ropes“ überrascht mit einer treibenden Basis und dem fesselnden, elektronischen Rhythmus. Was Archive gerne einsetzen, sind sich auch Minor Victories nicht zu schade für. Und genau jetzt beginnt das Zitatereichen, denn diese Veröffentlichung dockt an viele Musikalische Erinnerungen an. „For You Always“ klingt wie ein verschollenes Lied von Stars – Liebe durch zweistimmige, schräge Erzählweise thematisiert, später denkt man bei gewissen Stellen an alte Bekannte wie Arcade Fire.

Minor Victories verlieren sich aber nie in den Methoden anderer Künstler, sondern fügen all diese Bestandteile zu einem runden Album zusammen. Ob man in die endlosen Wellen des Post-Rock oder die verrückten Spielereien des Electro eintaucht, die Musikerinnen und Musiker haben ihre Talente aufregend verknüpft und in monatelanger Arbeit gemeinsam Songs erschaffen, die immer wieder Neues offenbaren. So klingt der druckvolle Shoegaze des neuen Jahrhunderts, ohne die Gefühle zu vergessen.

Anspieltipps:
A Hundred Ropes, For You Always, The Thief

Wolfman – Modern Age (2016)

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Wolfman – Modern Age
Label: Irascible, 2016
Format: CD im Digipak
Links: Facebook, Band
Genre: Synth-Pop, Indie

Jetzt ist sie da, die Moderne mit all ihren Verlockungen und Reizüberflutungen. Doch wer aus der Reduktion geboren wurde, der vermag diesen Überfluss zu bändigen. Wolfman aus Zürich haben sich wunderbar im klanglichen Bereich erweitert und ihre Lieder elektronischer und anziehender gestaltet. Natürlich ist das Duo, bestehend aus Katerina Stoykova und Angelo Repetto, weiterhin der feuchte Traum jedes Hipsters – „Modern Age“ besitzt aber genügend Intelligenz, um in allen Schichten zu überleben.

Mit dichter Perkussion, vielen Gitarrentänzchen und dem zweistimmigen Gesang erinnern Wolfman gerne an Gruppen wie Rangleklods – besonders beim zweiten Lied „Tracking Time“ – sie streifen die schweizerische Zurückhaltung aber nie ganz ab. Trotzdem, ihrer Musik eilt ein Ruf voraus, der Wolfman von vielem abheben lässt. Im entstandenen Schatten findet man neuerdings Musik mit sexueller Ausstrahlung im nächtlichen Gewand. Hinter vielen Momenten auf „Modern Age“ lauert ein gewaltiger Druck, dessen Entladung aber erst bei den Konzerten passieren wird. Mit karibisch anmutenden Melodien, Keyboard-Effekten und tollen Beats entflieht immer wieder ein Element dem geschlossenen System.

„Modern Age“ ist eine gelungene Weiterführung von Wolfman und ihrer Musik, immer etwas lakonisch gehalten, aber nie zum Selbstzweck verkommend. Obwohl alles sanft und leicht klingen mag, befindet sich hinter Stücken wie „Darken The Sun“ oder dem frechen „Overboard“ ein vielfältiger Strauss aus Ideen. Egal, ob man mit diesem Album im Ohr nach Hause oder zur nächsten Party spaziert, das Duo mit dem Fell unter der Haut füllt die erregten Synapsen mit passender Musik.

Anspieltipps:
Tracking Time, Modern Age, Darken The Sun

Emilie Zoé – Dead-End Tape (2016)

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Emilie Zoé – Dead-End Tape
Label: Hummus Records, 2016
Format: CD
Links: Bandcamp, Künstlerin
Genre: Lo-Fi

Immer schreit irgendwo eine Stimme schlimme Sachen, immer lässt eine tief gestimmte Gitarre die Gedärme erzittern und immer dröhnt die Welt in all ihren Frequenzen. Für Musiker auf Tour ist Stille und Ruhe ein Gut, das selten genossen wird. Auch Emilie Zoé kennt sich mit dem Leben zwischen Konzertbühnen und Backstageräumen gut aus, begleitete sie doch Anna Aaron mit der Gitarre. Nun aber wagt sich die Schweizerin an ihr erstes eigenes Album – und lässt mit ihren reduzierten Schöpfungen viel mehr aus sich herausbrechen als man vermuten würde.

„Dead-End Tape“ – so der Name des Debüts – wirkt aber nie wie eine Sackgasse. Zusammen mit Produzent Louis Jucker erschuf Emilie Zoé Lieder, welche wie ein Befreiungsschlag für sie klingen. Mit jedem Stück wird Ballast abgeworfen, angestaute Sorgen und Gedanken dürfen sich nach draussen wagen und Sehnsüchte finden den Weg in die grosse, weite Welt. Dabei wird die Künstlerin nie wild oder laut, sondern lässt sich ein Lo-Fi-Kleid schneidern, das mit absoluter Reduktion fantastische Wirkungen verbreitet. Selten wird eine Gitarre laut angeschlagen, selten erklingt ein kratzender Takt – solche Mittel werden wie versehentlich auf „Dead-End Tape“ verteilt.

Die alte Weisheit, dass gute Lieder nichts mehr als eine fesselnde Stimme und eine gut gezupfte Gitarre benötigen, trifft auch auf „Dead-End Tape“ zu. Gross ist das Album immer dann, wenn sich Gesang und Melodien herrlich schräg und knapp über dem Boden schwebend entfalten. Emilie Zoé hat in nur fünf Tagen ein Werk erschaffen, das mit wenigen Effekten und einem scheinbar zerbrochenen Schlagzeug alles bietet, was klangverwöhnte Menschen für die Glückseeligkeit benötigen. Das Album ist in seiner Form zwar unerwartet, aber absolut logisch und naheliegend.

Anspieltipps:
The River, I Found A Girl, I Cried In My Beard

Live: Queen und Marillion, Rock The Ring, 16-06-17

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Rock The Ring
Queen, Marillion, Stefanie Heinzmann
Freitag 17. Juni 2016
Autobahnkreisverkehr Betzholz, Hinwil
Setlist Marillion
Setlist Queen + Adam Lambert
Bilder Queen: Mischa Castiglioni

Ist dieses Festival im Zürcher Oberland die Quadratur des Kreises, oder einfach nur eine verrückte Idee? Schliesslich wurden in Hinwil auch dieses Jahr wieder Bühne, Essensstände und sogar ein Riesenrad inmitten des Autobahnkreisverkehrs Betzholz aufgestellt. Drei Tage, die sich dem alten und neuen Rock verschrieben haben, zuerst aber vor allem vom Verkehr beherrscht werden. Die Anfahrt mit dem Auto gestaltete sich freitagstypisch mühsam, das Festival-Gelände konnte die Atmosphäre des TCS-Trainingscenter nicht komplett verdrängen. Und dann brauste als Pausenunterhaltung noch die Patrouille Suisse über die orange behüteten Köpfe.

Doch keine Angst, zwischen all diesem Rummel und der Vermengung merkwürdiger Gegensätze fand man immer wieder tolle Konzerte und musikalische Glanzstücke. Der Auftakt mit Shambolic Shrinks brachte die wilden Gitarren zum Sonnenschein, Stefanie Heinzmann vertrat das Wallis mit ihrer souligen und festen Stimme. Auch wenn eher im Pop zuhause, liess sie viel Jubel aufkommen. Denn bereits jetzt war das Gelände voller Besucher, Rock The Ring hat sich in kurzer Zeit einen Namen gemacht und lockt eine grosse Zahl an Gästen an. Aus allen Altersklassen finden sich für drei Tage Liebhaber des klassischen Rock zusammen, feiern die alten Hits und erleben ihre vergangenen Momente noch einmal.

Und davon gab es bei Marillion genug – die Art-Rock Legende aus England setzte für eine Stunde auf ihre Hits und brachte so manches Herz in Verzückung. Gestaltete sich der Beginn ihres Auftrittes mit Songs wie „Cover My Eyes“ oder „Easter“ etwas achtzigerlastig und voller bunter Keyboards, drehten sie den Spiess dann um und liessen die druckvollen Wellen ihres modernen Sounds über die Ringrocker schwappen. „Sounds That Can’t Be Made“, „King“ und der brachiale Schluss mit ihrem Meisterstück „Neverland“ – die Klangwände bauten sich bis zu den aufziehenden Wolken auf. h bewies erneut, dass seine sympathische Art jedes Publikum mitreisst, Marillion sind immer noch aktuell und wundervoll.

Eine Wiedergeburt erlebte man mit dem meisterhaften Schluss: Queen und Adam Lambert beehrten die Schweiz und tauchten Hinwil während eines sintflutartigen Regenfalls in musikalische Liebe und ehrenhafte Erbverwaltung. Nicht wenige hatten wohl Zweifel, wie gut Queen ohne Freddy Mercury funktionieren können. Doch wir alle wurden vom besten Gegenteil überzeugt. Hit reihte sich von Beginn an Hit, Brian May bespielte mit seinen Zauberfingern die Saiten, Roger Meddows Taylor trommelte sich auch im fallenden Wasser heiss. Und dazwischen immer wieder Adam Lambert, in Federjacke, engen Hosen und mit futuristischen Sonnenbrillen. Er versuchte nicht die Legende zu kopieren, sondern nahm Lieder wie „Don’t Stop Me Now“, „I Want It All“ oder „Hammer To Fall“ und machte sie stimmlich zu seinen eigenen. Variabel, unterhaltsam und treffend zeigte er sich und verlieh dieser Reinkarnation von Queen viel Leidenschaft.

Man verliess das Gelände von Rock The Ring zwar total durchnässt, aber mit einem Grinsen und vielen bekannten Melodien auf der Zunge. Die Königin war da, zeigte sich in ihren besten Kleidern und liess nichts vermissen. Mit grosser Show, noch mehr Gefühl und perfekten Momenten wie „Under Pressure“ im Regen, „Who Wants To Live Forever“ mit Lasershow oder Freddys Besuchen auf der Leinwand war das Konzert ein voller Erfolg. Danke für diese Möglichkeit.

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Grus Paridae – Passes By (2014)

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Grus Paridae – Passes By
Label: Z-Trading, 2014
Format: Download
Links: Facebook, Myspace
Genre: Prog, Psychedelic, Art-Rock

Musik stellt sich gerne gegen die Beurteilung und die Worte – das weiss jeder, der schon einmal über ein Album oder Konzert einen Text verfassen wollte. Wenn sich eine Band dann mit einer kurzen Single vorstellt und dabei viele Gegensätze in den Raum wirft, macht es das Unterfangen nicht einfacher. Grus Paridae aus Finnland versuchen mit „Passes By“ die umkämpften Gewässer des Prog an sich zu reissen. 2014 betraten sie das Schlachtfeld mit zwei Liedern und zehn Minuten Musik, bis heute gibt es keine weiteren Veröffentlichungen. Trotzdem lohnt sich der Blick für Genrefreunde, die Dreck und Slums nicht meiden.

Das Titellied bekam nicht nur ein Video spendiert, es dient hier auch als Annäherung der Musik an die Progszene. Grus Paridae berufen sich auf Einflüsse wie Pink Floyd, der Song legt sich aber vor allem genüsslich in den symphonischen Art-Rock. Einprägsam und zum Mitwippen, „Passes By“ macht Lust auf mehr. Doch mit „Inheritance of Devotion“ führt die Band diesen Weg nicht fort, sondern schafft einen krassen Gegenpol. Wild und ungestüm toben sich die Musiker hier aus, den Klängen wird weder Schliff noch Schminke verliehen. Psychedelische Wände mit Proberaum-Ästhetik streifen in ihrer Ausführung leider oft das Mühsame. Gesang und Instrumente kämpfen gegeneinander an, nichts klingt fertig ausgearbeitet. So fühlt sich wohl eine Verfolgungsjagd durch kaputte Strassen in einer Grossstadt an, ohne Unterstützung und Vorwarnung.

Grus Paridae anhand dieser wenigen Lieder abschliessend zu beurteilen, ist nicht möglich. Petteri Kurki und Rami Turtainen verbinden zwar Garagen-Attitüde und Prog-Hochnäsigkeit auf neue Art, haben ihren Fokus aber noch nicht gefunden. In weitere Veröffentlichungen werde ich bestimmt wieder reinhören, obwohl diese Single kein grosser Hit ist. Somit kann „Passes By“ nur den harten Verfechtern von experimentellem Prog nahe gelegt werden

Anspieltipps:
Passes By, Inheritance of Devotion

Thrice – To Be Everywhere Is To Be Nowhere (2016)

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Thrice – To Be Everywhere Is To Be Nowhere 
Label: Vagrant Records, 2016
Format: Vinyl mit Booklet, Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Hardcore

Es war ein schwieriger Moment, denn genau als ich Thrice lieben gelernt hatte, trat die Band eine unbestimmte Pause an. Fünf Jahre später kehren die Meister des Post-Hardcore nun mit einem neuen Werk zurück – einer Scheibe, die ihren bisherigen Weg nicht nur fortsetzt, sondern neue Seiten der Gruppe offenbart. Die Erweiterung des internen Kosmos geschieht aber nicht ohne Kontrolle, denn wie es der Titel schon sagt: „To Be Everywhere Is To Be Nowhere“. Wobei man Thrice wohl blind überall hin folgen würde.

Mit „Hurricane“ ist man sofort wieder verzaubert und gerührt. Alles wirkt vertraut: Die kräftigen Gitarren, der grossartige Gesang und die trockene, aber stimmungsvolle Produktion. Hatte sich die Band schon vor ihrem Hiatus neuen Spielereien wie der verträumten Electronica und dem herzzerreissenden Rock zugewandt, wird nun all dies neu als Einheit präsentiert. Vorbei sind die Zeiten der vier Elemente, hier gibt es nur einen Planeten und eine alles offenbarende Alchemie. Der Opener wirkt genau so bedrohlich im Klang wie es sein Titel verspricht, „The Window“ hat Sirenen, „Wake Up“ ist eine energetische und wilde Nummer mit grossartigem Aufbau und noch besserem Gesangseinsatz, „Black Honey“ ist ein perfektes Highlight mit sensiblen Bewegungen. Sicherlich wirken Thrice nicht mehr so hart wie früher, ihr Gespür für fesselnde Melodien, geile Riffs und emotionale Texte ist aber umso besser geworden.

Ok, „Stay With Me“ könnte auch von den Foo Fighters stammen, aber genau dieser Popanteil macht aus der Band mehr als zuvor. In jedem Moment bleiben sie aufdringlich und rau, man fühlt sich zwar von den Gitarren aufgenommen, hat am Ende von „To Be Everywhere …“ aber überall aufgeschrammte Hautstellen. Indie, Rock, Emo – alles vermengt sich wunderschön und mitreissend, Thrice teilen harte Attacken aus und geniessen intime Momente. Als Hörer fühlt man sich dabei immer ernst und nie auf den Arm genommen, hier ist der Neubeginn komplett geglückt. Thrice sind vielleicht kein Hardcore mehr, dafür eine der besten Gruppe im Feld des krachenden Rock. Sofort kaufen und geniessen!

Anspieltipps:
Wake Up, Black Honey, Salt And Shadow

Jean-Michel Jarre – Electronica 2: The Heart Of Noise (2016)

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Jean-Michel Jarre – Electronica 2: The Heart Of Noise
Label: Columbia, 2016
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Künstler
Genre: Electronica, Techno, Ambient

Das grosse Projekt findet ein Ende – Jean-Michel Jarre hat sein weltumspannendes Kollaborationswerk nun mit der zweiten Veröffentlichung abgeschlossen. Was letztes Jahr seinen interessanten, aber nicht immer schlüssigen Anfang nahm, wird nun mit „The Heart Of Noise“ versöhnlicher zur Vollendung gebracht. Und wie es sich für einen wegweisenden Weltstar gehört, sind auch seine Gäste keine kleinen Namen. Nicht selten staunt man über das Aufgebot – aber auch über die Präsentation und Stilrichtungen, die „Electronica 2“ so einschlägt. Eine Kompilation wird ein echtes Album weiterhin nie ersetzen können.

Pet Shop Boys, Primal Scream, Peaches, Yello, The Orb – und interessanterweise auch Künstler und Persönlichkeiten, die man auf einem elektronischen Album nicht erwartet hätte. Julia Holter haucht „These Creatures“ Mystik ein, nachdem die Dame letztes Jahr mit ihrem eigenen Album begeisterte. Edward Snowden verbreitet ein wenig politische Kritik dank Sprachsample und Hanz Zimmer lässt die Epik in grossen Schritten über die Platte gehen. Was sich hier wie ein feuchter Traum eines Musikfreaks liest, ist zum Hören aber oft ein kleines Durcheinander. Jean-Michel Jarre hat seine Musik den Gästen angepasst und die Lieder mit den Künstlern zusammen geschrieben. Da mischen sich atmosphärische Synth-Flächen unter moderne Beats, Psy-Trance trifft auf Techno, Electronica und Pop machen Kinder.

Jarre zeigt sich sehr wandelbar und weiss genau, wie elektronisch gespielte Musik heute klingen muss. „The Heart Of Noise“ ist perfekt produziert, hat viel Kraft und macht beim Hören darum Spass. Im Gegensatz zu „Electronica 1“ wirkt diese Platte geschlossener und die Lieder mehr aufeinander abgestimmt. Mit beiden Alben lässt sich nun die eigene Best Of erstellen, um dem kreativen und erfinderischen Geist von Jean-Michel Jarre Tribut zu zollen. „Electronica“ ist eine wahnsinnig grosse Leistung, eine beeindruckende Momentaufnahme der Musikwelt und bunter als eine NCS-Farbkarte.

Anspieltipps:
The Heart Of Noise Part 2, Brick England, These Creatures, Why This, Why That And Why