Monat: Juli 2016

Moby – Hotel : Ambient (2015)

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Moby – Hotel : Ambient
Label: Little Idiot, 2015
Format: 2 CDs im Digipak
Links: Discogs, Künstler
Genre: Ambient, Electronica

Ein Hotelzimmer ist immer eine merkwürdige Parallelwelt, ein schier steriler Ort, an dem alle Ruhe suchen, aber oft nur aufreibende Minuten erfahren. Moby erlebte als reisender Musiker zwischen Konzerten und Partys die Wirkung dieser Zimmer auch selber immer wieder und liess diese Inspiration zu einem ganzen Album heranwachsen. „Hotel“ vermengte die Attitüde des Punk, fantastische Melodien, einfühlsame Texte und spielerische Electronica. Nur die Ruhe kehrte selten ein, darum fand man damals bei der Deluxe Edition noch eine zweite CD mit Ambient-Stücken beiliegend.

Jahre später erhalten alle mit „Hotel : Ambient“ noch einmal die Gelegenheit, diese schönen Klangreisen genauer zu erforschen. Jetzt stellt Moby gleich zwei CDs voller Lieder zur Verfügung, die mit nur wenigen Synth-Spuren Tiefen erschaffen, die oft in anderer Musik fehlen. Wunderbare Momente wie „Homeward Angel“ oder „Live Forever“ gibt es endlich in der erweiterten Version zu hören, für kurze Stopps im gemieteten Zimmer gibt es Aufblitzer wie „Snowball“. Dabei lässt Moby die Musik zwischen meditativen Übungen und melodienverzierten Songgerüsten pendeln.

Er geht mit diesem Album noch nicht so weit wie mit späteren Tonkonstruktionen, die schon fast bei Eno oder Glass stehen, trotzdem beweist der ehemalige Stern des wilden Techno hier viel Gefühl für Stimmung und Atmosphäre. „Hotel : Ambient“ ist mehr als nur schön, sondern eine wichtige Ergänzung im Schaffen von Moby und der Beweis, dass digital kreierte Musik keineswegs kühl daherkommen muss. Zum Träumen vor Fenstern, die fremde Menschen und Städte zeigen.

Anspieltipps:
Homeward Angel, Overlands, Live Forever

Cliff Martinez – The Neon Demon OST (2016)

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Cliff Martinez – The Neon Demon OST
Label: Milan Records, 2016
Format: CD im Digipak
Links: Discogs, Künstler
Genre: Soundtrack, Electronica

Alles kehrt immer wieder zu dieser albtraumhaften Clubszene zurück – sei es in Erinnerung an die Bilder im Kino oder beim Hören des Soundtracks. Mit „Demon Dance“ befindet sich ein grossartiger Technotrack auf dem Musikalbum zum neusten Film von Nicolas Winding Refn. Aber auch die restlichen Stücke von „The Neon Demon“ müssen sich nicht verstecken – mit Hochglanz, Eitelkeit und mörderischem Wahnsinn serviert uns Cliff Martinez Passendes.

Viel Gewicht wird der kühlen Atmosphäre und Unbehaglichkeit zugeschrieben. Wie Elle Fanning ist man auch als Hörer zwar gefühlter Herr der Sache, kämpft aber immer wieder gegen Widrigkeiten. Konstant begleitet uns ein sanftes Leitmotiv mit hohen Klängen – wie von einem Windspiel – aber oft fällt man dann auch in Gruben voller Drogen und versteckter Gewalt. Zwischen Ambient, Techno und abstrakter Electronica pendelnd weiss „The Neon Demon“ in seiner Ruhe zu überraschen. Die Musik funktioniert auch ohne die perfekt durchdirigierten Bilder Refns und glitzert trügerisch.

Aufgemischt wird die instrumentale Platte durch „Waving Goodbye“ von SIA und „Mine“ von Sweet Tempest – zwei Songs, die sich genau gleich cool kleiden und perfekt den Catwalk beherrschen. Aber wie schon gesagt, nebst dem eigentlichen Leitmotiv fesselt vor allem der Tanz der Dämonen. Lasst sie raus, schminkt sie hübsch, trinkt mit ihnen teure Cocktails – und schon bald taucht ihr in eine Welt ein, die auch Bret Easton Ellis nicht kaputter beschreiben könnte. Und den Film sollte man sowieso anschauen gehen. 2016 wird wohl weniges so andersartig und verstörend sein.

Anspieltipps:
Neon Demon, Demon Dance, Kinky

Live: Paléo Festival, Nyon, 16-07-22

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Paléo Festival
L’Asse, Nyon
Freitag 22. Juli 2016

Gegensätze – mit diesem kleinen Spiel der Gewohnheiten machen die Veranstalter des Paléo Festival in Nyon das Erlebnis der Freiluftkonzerte zu einer neuen Erfahrung. Und wer dachte, bereits nach einem oder mehreren Tagen in Nyon alles erlebt zu haben, der wunderte sich auch am Freitag immer wieder positiv. Denn ob im Grossen oder Kleinen, hier ist nicht alles wie gewohnt. Die Menschenmassen scharten sich schliesslich erst bei den alten Helden aus Paris zur Grand Scène – und feierten den 40 jährigen Rock’n’Roll mit französischen Texten von Les Insus so richtig ab.

Da schmunzelte man als Deutschschweizer gerne mal, wie auch zuvor bei der klamaukartigen Darbietung von Giedre. Die Sängerin verband ihre Chansons mit vielen lustigen Geschichten und brachte die Leute zum Singen. Wohlgefühl bis in die hintersten Reihen – etwas, das bei Balthazar im Club Tent fehlte. Schade, dass der Funke nicht so richtig überspringen wollte, die mehrstimmigen Gesänge machen den Indie-Pop schliesslich ansprechend. Deluxe hatten keine solchen Probleme, denn ihr Party-Pop mit Dubstep und Kostümfest machte aus dem Regen schnell Wasserdampf. Den spürte man auch schier im Village Du Monde bei diversen volkstümlichen Darbietungen zu Deep Fried Mars Bar und Ale. Wohl bekommt’s!

Bastille fanden dies alles etwas zu fröhlich und verteilten mit ihrem Synth-Pop Depressionen – aber nur musikalisch. Denn spätestens als der Sänger das Band in der Menge suchte, glänzten die Augen nicht nur durch die grosse Lichtshow. Das nutzten auch Lilly Wood & The Prick und liessen mit viel Strobo und Farben nicht nur die Leggings Nili Hadidas in der Nacht strahlen – der Folkpop erreichte eine neue Ebene. Kein Wunder, sah man immer mehr Festivalgänger mit einem breiten Grinsen zwischen den Essensständen, Bühnen und schön beleuchteten Bäumen umherschweben.

Denn im Gegensatz zu kleineren Veranstaltungen in der Schweiz weiss das Paléo Festival, wie man ein solch riesiges Fest zu einem familiären Anlass macht. Hier will man unvorbereitet überrascht werden, hier will man von einem Extrem ins andere geraten – dabei Beatbox-Künstler beklatschen und gleich vom Dudelsack betört werden. Hier isst man Palästinensisch und trinkt sich durch die keltischen Länder. Hier kennt man fast keine Bands und Musiker, geht aber trotzdem mit vielen neuen Lieblingssongs und Herzensmomenten nach Hause. Und freut sich bereits jetzt auf die 42. Ausgabe.

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Live: Paléo Festival, Nyon, 16-07-21

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Paléo Festival
L’Asse, Nyon
Donnerstag 21. Juli 2016

Entdeckungen – mit diesem kleinen Bestandteil machen die Veranstalter des Paléo Festival in Nyon das Erlebnis der Open Air Konzerte zu einer neuen Erfahrung. Wunderbar am Genfersee gelegen bietet die Ortschaft eine tolle Kulisse um grossen Menschenmassen mit Musik, Essen und Lebensfreude zu versorgen. Bereits zum 41. Mal öffnete das grösste Festival der Schweiz seine Tore und bot auch am dritten der sechs Tage viel Berauschendes. Und es zeigte sich einmal mehr: Wer wissen will, wie man Konzertanlässe richtig feiert, der muss in die Westschweiz.

Sicherlich, vieles auf dem Programm und im Gelände dürfte einem zuerst etwas fremd vorkommen. Ein Großteil der Bands stammt aus Frankreich und sagte auch mir somit nichts, die Besuchermassen bestehen aus freundlichen Menschen die sich nicht unkontrolliert im Alkohol verlieren. Nein, am Paléo wird das Leben in allen Belangen zelebriert und gemeinsam ein Fest gefeiert. So lässt man sich am besten Treiben und landet plötzlich im Schauspielbereich, in dem Village du Monde bei Haggis und Irish Folk, auf einem lehrreichen Kletterpark oder im kulinarischen Paradies.

Da muss man schon aufpassen, dass die Konzerte nicht zu stark in Vergessenheit geraten. Was auch schwierig ist bei einem solchen Aufgebot an Talent und Kunst. Bereits mit Tatum Rush wurde das Club Tent zu einer modernen Soulparty, Nattali Rize verjagte die wenigen Regentropfen mit wunderbarem Reggae. Stimmliche Power mit Aussage, dies bot auch Tiken Jah Fakoly mit tollen Texten und Weltmusik. Weg vom Alter, hin zur Jugend: Marina Kaye zeigte mit jungen 18 Jahren, dass Pop immer noch spannend sein kann und sie sich auch vor Legenden wie Francis Cabrel behaupten kann.

Wobei letzterer mit seinen bluesigen Chansons natürlich die grösste Masse vor die Grand Scène locken konnte. Sogar noch mehr als Massive Attack, welche ihren legendären Trip-Hop einmal mehr mit einer schwindelerregenden Show und politischer Aktualität kombinierten. Hier geht es für die Menschheit und gegen die Maschinen, mit Zusammenhalt und Gerechtigkeit. Etwas das Stephan Eicher zuvor mit seinen Automaten alleine fertig brachte, und die Lieder wie durch Zauberhand von der Technik spielen liess. In allen Ecken entdeckte man in dieser Nacht somit etwas neues, aufregendes und emotionales. Ob dies der Freitag zu toppen vermag?

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PJ Harvey – The Hope Six Demolition Project (2016)

PJ Harvey - The Hope Six Demolition Project

PJ Harvey – The Hope Six Demolition Project
Label: Island, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Alternative Rock, Psychedelic

Nebst der Unterhaltungsmusik gibt es glücklicherweise immer noch Künstlerinnen und Musiker, die sich aktuellen und ernsten Themen annehmen. PJ Harvey war sich noch nie zu schade Missstände direkt anzuprangern und auf ihren Alben Meinungen schonungslos darzulegen. „The Hope Six Demolition Project“ gehört als neuste Platte wieder zu den politischen Gesellen und behandelt die Gentrifizierung durch Wohnungsbau und soziale Säuberung in den USA. Kein einfacher Inhalt, der mit einem kratzenden Gewand aus alternativ und psychedelisch angehauchtem Rock aber ziemlich schnell unter die Haut geht.

Trompeten, Gitarren und Trommeln krachen auf Fundamente und Mauern nieder, zermalmen Absichten und Lebensarten und lassen Lieder wie „The Ministry Of Defence“ ungemütlich erscheinen. Die Kargheit der einzelnen Stücke wird durch Instrumente aufgefüllt, PJ Harvey singt mal tief und bedrohlich, mal hoch und zierlich zwischen den Eruptionen. Die Texte sind immer ehrlich und offen, „The Hope Six Demolition Project“ erhält dabei einen erzählerischen Charakter und funktioniert dann am besten, wenn man sich komplett auf das Album einlässt. Worte und Töne vermengen sich zu einem starken Statement gegen Ungerechtigkeit und die Idiotie der blinden Politik.

Wunderbar ist dabei, dass die Lieder während PJ Harveys Reisen durch den Kosovo, Afghanistan und die Staaten geboren und dann in aller Öffentlichkeit in London als Teile einer Kunstinstallation aufgenommen wurden. Mehr Menschlichkeit geht fast nicht – eine Eigenschaft, die auch in der Musik vertreten wird. Bekannte Gospels werden zitiert, alternativer Rock darf in den Experimenten aufgehen und Jazz verschwindet sanft in der Eingängigkeit. Was sich zuerst etwas sperrig gibt, ist am Ende eine beeindruckende Reise und gewichtige Aussage – „The Hope Six Demolition Project“ verdient es, gehört zu werden.

Anspieltipps:
The Ministry Of Defence, Near The Memorials To Vietnam And Lincoln, The Wheel

Kristin Kontrol – X-Communicate (2016)

Kristin Kontrol - X-Communicate

Kristin Kontrol – X-Communicate
Label: Subpop, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Rock, Synth-Pop

Namen sind manchmal schon irreführend, oder wecken falsche Vermutungen. Hinter Kristin Kontrol verbirgt sich nämlich Dee Dee von den Dum Dum Girls, oder mit bürgerlichem Namen Kristin Gundred. In ihrer Karriere sorgte die hübsche Dame nicht nur mit ihren langen Beinen in engen Lederklamotten für Aufsehen, sondern immer wieder für rumpelige Lieder im Bereich des Indie und Rock’n’Roll. „X-Communicate“ bezirzt uns nun auf eine neue Weise, denn Kristin sucht hier das Glück in poppigen Songs zwischen Synth-Grooves und Rock-Flirts.

Was sich zuerst etwas befremdlich anhört, zwinkert bald bekannt zu. Die Lieder von Kristin Kontrol erscheinen wie schöne Menschen, an die man sich zwanghaft zu erinnern versucht. Irgendwoher kennt man sich doch, war es letzten Dienstag in der Bikerbar, oder doch in der glitzernden Disco mit allen 80er-Hits? Es spielt keine Rolle, denn „X-Communicate“ ist uns nicht nachtragend, sondern gibt sich freundlich und willig. Die klangliche und stilistische Mischung setzt sich über Vorurteile hinweg, denn solche Gedanken sind eh nur für Verlierer. Lieber hüpft man mit „Skin Shed“ umher, kleckert seinen Drink über die Beats und versucht die roten Lippen von Frau Kontrol zu erwischen.

Was sich zuerst wie die neusten Radiohits anhört, wird immer zurückhaltender und endet dann in fast sanften Gedankengängen. Dazwischen findet man Pop-Gitarren-Kracher wie „Drive The Night“ und verliert sich in den letzten 30 Jahren der Musikkultur. Klar, dreckige Gitarren findet man hier nicht, aber Kristin Kontrol macht auch nicht Musik für die Ölverschmierten – hier gibt es Sexappeal und Hüftschwinger für den modernen Draufgänger, aber immer mit Charme, Glitzer im Gesicht und gesunder Zurückhaltung. Wie, das passt nicht zusammen? „X-Communicate“ schafft es aber doch – und wer mitgeht, gewinnt.

Anspieltipps:
X- Communicate, Drive The Night, Going Through The Motions

Trümmer – Interzone (2016)

Trümmer - Interzone

Trümmer – Interzone
Label: [pias], 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Indie, Alternative

Trümmer sind fast ein Phänomen, hielten sich lange unter dem Medienradar und wurden dann als neue Führer der deutschen Gitarrenmusik auserkoren. Ihr Debütalbum feierte grosse Erfolge und die schon fast kaputte Musik führte sie auf viele Bühnen. Mit „Interzone“ wird nun alles anders und Trümmer wagen sich an die Modeströmungen – nur um am Ende doch wieder alles zusammenbrechen zu lassen. Schönklang und heile Welt liegen dem Denker Paul Pötsch halt nicht, und die Gitarren sehen zerkratzt schliesslich auch besser aus.

Man darf sich aber nicht täuschen lassen, denn Trümmer starten unter Neonlicht und im Gebiet des Schlagerrock, den auch Wanda so gross gemacht haben. Im Gegensatz zu ihren Kollegen aus Österreich ist der Schmuddel auf „Interzone“ aber versteckt. So spielen Trümmer die Melodien sehr eingängig, man singt automatisch bei den Texten mit und befürchtet fast den Absturz in den Radiopop. Explosionen in den allerschönsten Farben, aber danach ist alles dreckig. „Interzone“ driftet selber vom Grauen des Retortenpop weg, lässt Geschrei aufkommen und die Instrumente an der Wand zerschellen.

Mit ihrem zweiten Werk haben Trümmer auf jeden Fall einen überraschenden Ansatz gewählt, den man so nicht erwarten konnte. Sich aber dem sicheren Erfolg hinzugeben wäre zu simpel, lieber lockt man die Leute auf die falsche Fährte. So herrscht auf „Interzone“ eine gesunde Ironie und das Album zeigt zugleich auf, wie verkommen die deutsche Rockmusik zum Teil ist. Ob das Spiel mit diesem Feuer für die Gruppe aber noch einmal aufgehen kann ist fraglich – wir wollen den Krawall.

Anspieltipps:
Wir explodieren, Europa Mega Monster Rave, Gin Tonic & Wodka Soda

Soap&Skin – Sugarbread (2013)

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Soap&Skin – Sugarbread
Label: Play It Again Sam, 2013
Format: CD
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Electronica, Pop

Bei dem Anfang könnte man echt denken, man sei hier in der sadistischsten und dunkelsten Kammer des Gothic oder Wave gelandet. Marschierender Rhythmus, Schreie, Chorgesang und sakrale Stimmung – „Sugarbread“ ist weder wohlriechend wie frisch gebackenes Brot noch zuckerig. Soap&Skin – oder besser gesagt Anja Franziska Plaschg aus Österreich liess uns mit ihrer Single vor ein paar Jahren verängstigt unter den Tisch kriechen.

Mit „Me And The Devil“ lockert sich die Stimmung aber bereits auf, denn nun werden die Kammermusik und der extrovertierte Pop zu den Zeremonienmeister. Mit ihrem angenehmen Akzent singt sich Soap&Skin durch Lieder wie Dornengewächse und tänzelt zwischen den Ästen hindurch ohne sich zu verletzen. Wie auch bei Get Well Soon oder ähnlichen Künstlern wird der kulturelle Aspekt hoch gehalten, Plaschg verfällt aber nie dem staubtrockenen Auftreten. Ihre Musik bleib mystisch, unberechenbar und voller interessantem Anspruch. Die Single „Sugarbread“ pendelt dabei zwischen Art-Pop und Indie-Folk, holt sich an jeder Ecke die besten Zutaten ab und nickt auch Björk zu. Grösse Vergleiche, denen die gehörte Musik aber immer stand hält. „Pray“ heilt am Schluss dann alle wunden und deckt dich mit schweren Klavierakkorden zu.

Lange hatte es gedauert, bis ich die erste Scheibe von Soap&Skin in meiner Sammlung begrüssen durfte. Zwar handelt es sich hier mit „Sugarbread“ nur um eine kurze Single, während den 10 Minuten bietet die Musiker den Ohren aber mehr Abenteuer, als so manch andere Bands auf ihren längsten Alben. Als kleiner Einstieg und Variante zu Youtube-Sessions eignet sich diese CD also sehr. Doch lässt auch hungrig zurück – ich will mehr.

Anspieltipps:
Sugarbread, „Me And The Devil“

Vennart – The Demon Joke (2015)

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Vennart – The Demon Joke
Label: Superball Music, 2016
Format: Vinyl im Gatefold, mit CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Rock, Prog

Verdammt, schon wieder hat man zu früh die Lautstärke an der Stereoanlage hochgedreht. Jetzt dröhnt die Musik wieder ohrenbetäubend durch das Wohnzimmer, man kämpft sich durch die Schallwellen. Dabei wäre alles beabsichtigt, denn „The Demon Joke“ spielt nicht nur mit Genres, sondern auch mit der Produktion und Präsentation. So wurden gewisse Stellen in den Liedern extra leise aufgenommen, nur um im richtigen Moment wie ein Orkan über den Hörer hereinzubrechen. Dazu gesellen sich technische Spielereien und Effekte, das Chaos ist perfekt. Doch Mike Vennart lässt uns mit seinem ersten Album nach dem Zusammenbrechen von Oceansize in der Verwirrung nicht alleine.

Unter dem neuen Künstlernamen Vennart vollbringt er mit „The Demon Joke“ die vollendete Gymnastikübung, eingängigen Pop-Rock mit technischem Prog zu verbinden. Was Oceansize damals schon im Augenwinkel hatten, wird jetzt perfekt zu Ende gedacht. In seiner Modernität an Freunde wie Frost* erinnernd zeigt Mike Vennart, wie man im 21. Jahrhundert Musik machen kann, die nicht in einem Dachstock voller Staubfäden zuhause sein muss. Egal ob schmissig die komplexen Takte hingeworfen werden, Keyboards und Gitarren zu Breitseiten auffahren und dann doch wieder die Melodie durch den Garten tanzt – alles vermengt sich frisch und glänzend. Vennart erinnert bei „Don’t Forget The Joker“ sogar an Chris Cornell, griffige Zeilen wirbeln sich um Gitarrenskulpturen.

„The Demon Joke“ ist ein sehr starkes Werk, welches nach einem holprigen Vorstellungsgespräch immer grösser wird und wächst. Mike Vennart vergisst dabei weder seine Wurzeln im Post-Rock, noch scheut er die Angleichung an hochmelodiöse Stimmungen. Seine Angriffe aus dem Schatten sind zwar überraschend, aber nie unfair, seine Emanzipation komplett geglückt. Und wenn sich wie in „Operate“ alles in jeder Zelle zusammenfügt, ineinander verschmilzt und fasziniert, dann hat die Welt nur gewonnen.

Anspieltipps:
Two Five Five, Don’t Forget The Joker, Operate

Lody Kong – Dreams And Visions (2016)

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Lody Kong – Dreams And Visions
Label: Mascot, 2016
Format: CD
Links: FacebookDiscogs
Genre: Metal, Hardcore

Wie gerne doch Väter ihren Söhnen Traditionen weiterreichen und somit den Stolz anschwellen lassen. Bei der Familie Cavalera gehört es seit langem zum guten Ton, laute und böse Musik zu machen. Igor und Zyon, Söhne von Max Cavalera, machen zusammen mit Travis Stone und Noah Shepherd nun ihre eigene und moderne Variante von Metal. „Dreams And Visions“, das erste Album von Lody Kong, ist unbarmherzig und absolut gemein. Von Anfang bis Ende wird gnadenlose Musik gespielt, ist oft aber stärker im Hardcore und Punk zu Hause als beim Metal.

Und ist leider auch oft eher merkwürdig und etwas belanglos. Lody Kong haben schnell ein grosses Problem, nämlich wirkt ihre Musik wie ein Brei mit Stacheln. Man vergisst die Songs schneller als die langen Laufzeiten es vermuten lassen – besonders ab der Hälfte will das Album auf keine Weise im Kopf bleiben. Ob es daran liegt, dass die Musik viele Klischees verwendet und Breaks und Riffs einfach zu bekannt erscheinen? Oder sind die kuriosen Lyrics Schuld, die einen krampfhaften Humor in die dunkle Musik einzubringen versuchen? Lody Kong wirken in solchen Situationen eher wie kleine Jungs, die über platte Sexwitze kichern.

Nie ist man sich ganz sicher, wie man „Dreams And Visions“ auffassen sollte. Soll dies nun ausgelassener Metal sein, oder Moshpit-Hardcore mit blutiger Nase? Leider wirken Lody Kong auf ihrer ersten Scheibe noch sehr orientierungslos, aber immerhin überzeugt die Schlagzeug- und Gitarrenarbeit. Hier spürt man die Abstammung der Jungs und Max kann sich also doch ganz stolz auf die Schultern klopfen. Nur sollte er vielleicht mit dieser Band noch einmal über das Songwriting sprechen.

Anspieltipps:
Chillin‘, Killin‘; Kreative Center; Topaz