Monat: September 2014

Peter Gabriel – UP (2002)

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Peter Gabriel – UP
Label: Real World, 2002
Format: Doppelvinyl im Gatefold, Booklet
Links: Discogs, Künstler
Genre: Art-Pop, World

10 Jahre können eine sehr kurze Zeitspanne sein oder wie eine Ewigkeit wirken. In 10 Jahren verändert sich so manches, auch Musikstile und Techniken. Was ist also von einem Album von Peter Gabriel zu erwarten, wenn es die erste Veröffentlichung nach einer Dekade darstellt? Vieles, sehr vieles. Schnell ist die Verpackung offen, die Scheibe im Player. Doch was ist das? Leises Geklimper, eine Stimme? Die Hand greift zum Lautstärkeregler und dreht die Boxen auf; ein grosser Fehler. Denn der Opening-Track „Darkness“ offenbart sich als Monster mit zwei Seiten. Brachiale Soundwellen und leise Zwischenstellen, ein mehr als eindrücklicher Einstieg in das neue Werk.

Herr Gabriel ist mit „UP“ ein Kunstwerk gelungen welches sich schwer mit seinen alten Alben vergleichen lässt. Die gängigen Popmerkmale welche auf früheren Platten (insbesondere „SO“) zu finden waren sind nun komplett verschwunden. Ihren Platz haben ausgeklügelte Klangwelten und Tonfragmente eingenommen, getragen von der wunderbaren Stimme des Meisters. So mancher Song entpuppt sich nach mehrmaligem Genuss als wunderbar arrangiertes Flechtwerk aus einzelnen Melodiefetzen und Klängen. Töne formen sich zu Figuren, die Lieder gewinnen immer mehr an Tiefe. Dabei finden viele moderne Stilarten den Weg in die Lieder, krachende Gitarren und schneidende Synthies duellieren sich mit klassichen Drums und Piano. Der Hörer könnte aber besonders zu Beginn von der Vielfalt und Verstricktheit der Stücke abgeschreckt sein. Jeder einzelne Teil des über eine Stunde langen Albums braucht seine Momenten und eine gewisse Zeit, nebenbei lässt sich das Album fast nicht hören, es benötigt Aufmerksamkeit. Wer aber genau hinhört wird mit einer unfassbaren Tiefe belohnt.

Mir selber ging es zu Beginn ähnlich, mittlerweile ist „UP“ fast mein liebstes Album von diesem Ausnahmekünstler geworden, gerade wegen den vielen Schichten und intensiven Momenten. Obwohl die Stimmung meist sehr düster und traurig ist machen die Lieder süchtig. So habe ich bei jedem Hördurchgang ein neues liebstes Stück. Mal das elektronische „Growing Up“ mit kryptischem Text und pulsierendem Beat, dann wieder das melancholische und aufbäumende „More Than This“. Je nach aktueller Stimmung und Gemütslage scheint sich auch das Album dem Hörer anzupassen. Die Produktion ist perfekt und auf dem neusten Stand des Möglichen, die Musiker sind alle die Besten ihres Fachs und zeigen auch bei komplizierten Parts keine Schwächen. Auch die Stilvielfalt ist beeindruckend, nebst den düsteren Breitwandepen wie „Signal To Noise“ oder „Darkness“ finden auch beatlastige Stücke wie „Growing Up“ oder ruhige und besinnliche Momente („I Grieve“, „The Drop“) ihre Platz. Ein Strauss an schönen, traurigen und unvergesslichen Klänge, und wenn Melodien wie die von „Skyblue“ erklingen kann man nur ehrfürchtig lauschen, das Lied ist herzerwärmend und -zerreissend zugleich. Immer erwachsen und intensiv.

Anspieltipps:
Darkness, Skyblue, More Than This

Alle Jubeljahre wieder

Es ist vollbracht, die ersten 100 Beiträge im Blog sind geschrieben und publiziert. Zeit Musik als Lebensinhalt zu betrachten und dabei mir selbst die Frage zu stellen ob ein solches Onlinejournal sich positiv oder eher negativ auf den Musikkonsum auswirkt.

Jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr, Musik ist ein zentraler Punkt in meinem Tun hier auf der blauen Kugel. Egal ob ich zu Hause bin, am arbeiten, unterwegs oder bei Freuden: Musik ist präsent und ein aktiver Beitrag. Verständlich, dass eine solche starke Beziehung zu einer Tätigkeit einem Wandel unterliegt, der Alltag unterliegt schliesslich auch steter Veränderung. Bei mir hat sich so der Fokus immer weiter in Richtung komplexe und innovative Musik verschoben. Es reicht nicht mehr aus mit interessanten Standardsongs ein Album zu füllen, es muss das gewisse Etwas beinhalten und vielleicht sogar Grenzen überschreiten. Somit werden auch abgefahrene Avantgarde-Alben gerne gehört, viele Musik muss und will ich mir erarbeiten. Die Zeiten des Radiopop oder Britpop / Indie sind mehr oder weniger komplett vorbei. Was aber für immer bleibt, sind gewisse Alben die mich verändert haben und seit Jahren wichtige Begleiter geblieben sind. Dabei ist es oft nicht die Machart oder Substanz die an erster Stelle steht, sondern den emotionalen Einfluss auf mein Leben. Auf dem Bild hier eine Auswahl oder besser gesagt der Kern. In den folgenden Monaten werde ich genauer auf diese Platten eingehen.

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Durch den Blog höre ich die Musik nun wieder fokusierter. Ich will schneller etwas erfassen und heraushören, wieso nun dieser Song oder diese Platte gut oder eben schlecht ist. Dadurch wird es manchmal schwierig, Musik ohne Hintergedanken zu geniessen. Bei jeder Platte die ich auflege will ich sofort werten. Musik wird etwas mehr zu einer Arbeit, aber solange dies nicht Überhand nimmt gibt es hier kein Grund zur Aufregung. Natürlich wird der Konsum nicht kleiner, denn nun will ich möglichst über alle relevanten Alben schreiben. Aber das ist je nach Ansichtspunkt auch eine tolle Ausrede.

Abschliessend seid auch ihr gefragt. Was wollt ihr in Zukunft im Blog lesen? Welches Album muss besprochen werden, welchen Band vorgestellt? Kennt ihr selber Leute die musizieren und hier als Portrait reinpassen? Fehlen euch Themen, wie beispielsweise Musikvideos oder dergleichen? Meldet euch und macht mit. Musik ist Gemeinschaft, ist Leben.

Lana Del Rey – Ultraviolence (2014)

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Lana Del Rey – Ultraviolence
Label: Polydor, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold, Downloadcode
Links: Discogs, Musikerin
Genre: Americana, Folk, Pop

Dunkles Design, schwarz-weiss Photografie, düsterer Titel, das zweite Album von der hübschen Lana Del Rey verspricht keinen Blumenpop. Schon das erste Werk war nicht auf Vinyl gepresste Fröhlichkeit, doch dazu kann ich keine Vergleiche anstellen. Der Titel und die Aufmachung haben mich aber nun beim Nachfolger Ultraviolence neugierig gemacht. Allgemein lässt sich sagen, dass die Lieder auf dem Album alle gemächlich und schleppend sind. Frau Del Rey schreibt keine Charthits mit fetten Beats, bei ihr sprechen die ruhigen Gitarren und melancholischen Melodien. Gute Basis, genügend Variation ist auch vorhanden.

Oft sind die Stücke sehr reduziert, anstelle mit einer überladenen Produktion alles voll zu pflastern, wird die Instrumentalisierung songdienlich eingesetzt. Dies funktioniert super, sind doch die Melodien hervorragend und Lieder bleiben schnell im Kopf. Gerne lauscht man Lana wie sie die Geschichten um den Alltag in den USA vorträgt, immer an der Grenze zur White Trash und Trailerpark Kultur, jetzt aber auch in Kalifornien und am Strand angesiedelt. Beliebt ist dabei natürlich die Liebe und all ihre schwierigen Momente. Frau und Mann wollen zusammen sein, dürfen nicht oder können nicht. Dabei ist Lana aber vielen überlegen, denn sie ist nicht eine von Vielen sondern die Coolste auf dem Platz. Sie ist wild, wütend und crazy. Allgemein ist es eine verrückte Welt die Lana hier in diesem topmodernen Produkt beschreibt. Dabei werden die oft sehr poetisch anmutenden Zeilen mit viel Hall und Echo untermalt.

All das passt perfekt zum geistigen Bild das man von der Sängerin hat. Sie betört weiterhin nicht nur mit ihren Schmolllippen und Rehaugen, sondern mit der oft lasziven Stimme. Dabei weiss sie vor allem in den Refrains wunderbare Melodien und Harmonien zu singen. Schon fast schade aber, sind die Musikvideos nicht auf dem Vinyl drauf. Unterhalten wird man von Ultraviolence aber auch ohne Begleitbilder, das Zweitwerk ist erwachsen und ziemlich perfekt. Eigentlich kann sich Frau Del Rey jetzt in Pensionierung begeben, toppen kann sie diese Liedersammlung fast nicht. Ein stimmiges Werk in das man sich schnell verliebt, und in die Musikerin sowieso.

Anspieltipps:
Ultraviolence, Money Power Glory, Florida Kilos

The Flaming Lips – 7 Skies H3 (2014)

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The Flaming Lips – 7 Skies H3
Label: Bella Union, 2014
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Rock, Post-Punk

Verzerrung, Verzerrung, Rauschen, Schrecken. Die Kult-Band The Flaming Lips und ihr Hausproduzent Dave Friedman bleiben sich auch auf der neusten Scheibe 7 Skies H3 treu. Die Musik kommt direkt aus dem Lautsprecher der Raumfähre, die Übertragung durch das All hat die Klänge verzogen, verbogen und gekrümmt. Alles rauscht, kratzt und klingt wie aus einem Drogentrip in die Hölle. Wie heisst es doch so schön? Im Weltall hört dich niemand schreien.

Geschrien wird auch hier aber wieder oft. Wayne Coneys Gesang driftet gerne in Ausrufe ab und lässt sich dabei genau so stark verzerren wie die Instrumente. Seit „The Terror“ hat die Band sich komplett vom fröhlichen Psychedelic Pop abgwandt und spinnt nun Fäden aus Stacheldraht. Sich diese Stoffe als Hörer anzuziehen kann zuerst erschrecken und weh tun, danach aber gewöhnt man sich an die Schmerzen und geniesst es. Wobei 7 Skies H3 sowieso ein Sonderfall darstellt. Eigentlich als 24 stündigen Song aufgenommen und nur in limitierter Anzahl auf Festplatten in Totenschädel veröffentlicht, ist jetzt mit dem Album eine destillierte Version mit Laufzeit von 50 Minuten erhältlich. Aus jedem Abschnitt wurde eine Sequenz herausgeschnitten und neu abgemischt. Die zehn Lieder stellen aber wiederum ein nahtloses Werk dar. Soweit noch was klar?

Eröffnet wird das Album mit einem sanften Song über die Liebe und wie stark man seine bessere Hälfte vermissen kann. Die Band hält sich noch zurück, obwohl auch hier die Synthies wie Schreie eines Opfers klingen und die Gitarren überall anecken. Sobald Wayne aber mit dem Gesang aufhört stürz die Gruppe in einen Strudel aus Wahnsinn und Tobsucht. Es gibt kein Halten mehr, die Dämme brechen und heraus stürzt Psychedelic-Horror-Art-Rock vom feinsten. Man wird wie in ein schwarzes Loch gesogen und versucht erst gar nicht mehr den Schrecken zu entkommen. Auch ruhige Momente wie Field Records von Regen oder simple Gitarrenstellen haben immer die eine Hand zu einer Kralle gekrümmt. Das doppelte Experiment (zuerst ein ewig langer Song aufzunehmen, danach diesen zu einer normalen Album-Spielzeit zusammen zu schneiden) hat sehr gut funktioniert und die Platte fügt sich perfekt in die Diskographie von The Flaming Lips ein.

Anspieltipps:
7 Skies H3 (Can’t Shut Off My Head), Meepy Morp

Eno • Hyde ‎– High Life (2014)

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Eno Hyde – High Life
Label: Warp Records, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold, Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Synth-Pop, Electronica

Es geht nicht um die Form, sondern die Formfindung. Überall wächst, wuchert und überlagert sich das Konstrukt, es fallen einzelne Schichten wie Zwiebelschalen zu Boden nur um sogleich von neuen Belägen zugedeckt zu werden. Atmung und Zyklus, freier Lauf und ungehemmtes Wachstum, High Life ist ein eigenes Ökosystem und die Herren Eno und Hyde bewegen sich darin wie Götter oder zumindest Obergärtner.

Nachdem Sie vor drei Monaten mit Someday World ihr erstes Album der fruchtbaren Kollaboration veröffentlichten, folgt nun der grosse Bruder. Der Fokus hat sich verschoben, die Mission ist nicht mehr der reine Pop, sondern das verweben mit Afrobeat, Krautrock und Hypnose. Die Lieder dürfen dabei gerne auch fast zehn Minuten lang werden und sich in Wiederholungen fest schrauben. Dabei ist es vor allem dem unendlichen Erfindergeist der beiden Musik zu verdanken, dass diese Momente niemals langweilig oder zu einem Selbstgefallen werden. Überall pluckert und zupft es, immer wieder lassen sich neue Klänge oder Geräusche entdecken. Man muss allerdings schon etwas Geduld und Verständnis für diese Art von Musik mitbringen, ansonsten wird sich der Sinn nicht erschliessen. Spannend dabei, dass die Gitarre oft sehr rhythmisch eingesetzt wird und dabei das Schlagzeug stimmig ergänzt. Auch kürzere Songs wissen zu gefallen, besonders das „xy, Sit Down, Breathe“ mit seiner mantraartigen Struktur hat sich bei mir sofort im Gehörgang festgekrallt. Andere Stücke wie Lilac lassen im Kopf auch schnell Wurzeln wachsen, haben aber auch eine leichte Tendenz zum nerven.

Mit High Life ist es Bryan Eno und Karl Hyde gelungen ein Album zu veröffentlichen das Musik, Kunst und Prozess vereint und besonders im Doppelpack mit dem Vorgänger Someday World eine spannende Reise garantiert. Wären nicht plötzlich noch die Engineers mit dem neuen Werk Always Returning aufgetaucht, würde ich hier vom Popmeisterwerk des Jahres sprechen. So ist es ein harter Kampf, aber einer bei dem es nur Gewinner gibt.

Anspieltipps:
Return; Time To Waste It; Slow Down, Sit Down And Breathe

U2 – Songs Of Innocence (2014)

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U2 – Songs Of Innocence
Label: Island Records, 2014
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Rock, Pop, Stadion

Und dann war es plötzlich da, das neue Album von den Multimillionären und Rockern aus Irland. Lange musste sich die Musikwelt gedulden, seit No Line On The Horizon sind sage und schreibe 5 Jahre vergangen und unzählige Male wurde ein Album angekündigt, dementiert oder verschoben. Am Dienstag 09.09. während der Präsentation der neuen Apple-Produkte dann der Hammer: Songs Of Innocence ist ab sofort bei 500 Millionen Menschen mit iTunes Account in der Cloud integriert, gratis und ohne Verpflichtung. Wieviel von euch haben es überhaupt in der Bibliothek bemerkt oder gar schon gehört? Doch lassen wir all dies nun beiseite und widmen uns dem Wesentlichen, der Musik.

11 Songs in Radiolänge, Danger Mouse als Albumproduzent, dazu viele weitere helfende Hände und mit „Every Breaking Wave“ ein Song der auf der 360Grad Tour Premiere feierte. Ein gutes Datenblatt das sich als lockeres und unglaublich zeitgemäßes U2-Werk herausstellt. Im Gegensatz zu den vorherigen Alben haben es Bono, The Edge, Adam und Larry hier endlich geschafft, ihre Musik in den aktuellen Zeitgeist einzupassen und mit vielen kleinen Mittel das Album modern klingen zu lassen. Vorbei sind die Zeiten der etwas verkrampft wirkenden Experimenten und Soundspielereien. Gestartet wird mit Stadionrock aus dem Lehrbuch, U2 definieren einmal mehr das von ihnen erfundene Genre. Der Rock ist gradlinig, die Refrain riesengross. Auch „oooh“ Chöre und sanfte Breaks sind mit dabei. Danach wird das Album etwas ruhiger, es darf wieder introvertierter Musik gemacht werden. Natürlich ist dabei der bandtypische Pathos immer in Griffweite aber stört nie.

Faszinierend finde ich am Album besonders, wie jeder Song mindestens eine „Oh wie genial“-Stelle enthält und oft für Gänsehaut sorgt. Beispiele gefällig? Der sehr intime Text von „The Miracle“ über die Jugendzeit der Gruppe, der voran galoppierende und mit Streicher unterlegte Bass in „California“, der Moment vor dem Refrain in „Every Breaking Wave“ (If You Go..), der verzerrte und fast heulende Gesang im Refrain von „Raised By Wolfes“, IRIS Uh Uh Uh, der ausbrechende Schluss von „Cedarwood Road“ (And A Heart That Is Broken..), die Synthies bei Sleep Like A Baby Tonight und natürlich der abschliessende Gastauftritt von Likke Ly. Auffallend oft sind dies Textstellen oder Elemente der ausgeklügelten und perfekten Produktion. Danger Mouse und Konsorten haben den Klang von U2 genau betrachtet auseinander genommen und verfeinert. Obwohl es meist haufenweise Schichten gibt, ist das Album nie überladen. Die gewohnt effektreich und innovativ gespielten Gitarren werden mit Keyboard und Klavier ergänz, sanfte elektronische Elemente werden dazugegeben und die Rhythmusfraktion spielt wunderbar abwechslungsreich.

Ein Novum sind auch die in Kollaboration geschriebenen Texte. Bisher zeigte sich meist Bono als alleiniger Dichter verantwortlich, auf Songs Of Innocence wurden alle Liedtexte von Bono und The Edge geschrieben. Persönlich, reflektiv und intim. U2 lassen in ihre Vergangenheit, Seele und auf ihre Gefühle blicken. All dies fügt sich zu einem tollen Album zusammen das die Traditionen wunderbar weiterführt und Einflüsse wie Indie / Brit Rock und moderner Pop gelungen dazu mixt. Es macht Spass, macht Lust und bringt mich dazu jetzt schon täglich die Band Homepage nach Tournee-Ankündigungen abzusuchen. U2 sind wieder da, klarer als beim letzten Album, fokussiert und so gross wie immer. Danke.

Anspieltipps:
Every Breaking Wave, Raised By Wolves, Cedarwood Road

Engineers – Always Returning (2014)

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Engineers – Always Returning
Label: KScope, 2014
Format: Vinyl mit Downloadcode
Links: Discogs, Band
Genre: Pop, Art-Rock

Blütenblätter die durch die Luft wirbeln, Laub das sanft dem Boden entgegen schwebt, Zuckerwatte die im Mund zergeht. Momente die wie Schaum wirken und sanft vonstatten gehen, genau so klingt das neuste Werk der englischen Band Engineers. Ihr (Art-)Pop ist wie eine warme Sommerbrise im angebrochenen Herbst, eine kleine Flamme die dein Herz zu erwärmen weiss. In manchen Kritiken wurde geschrieben, dass es die beste Platte ist die Brian Eno nie veröffentlicht hat, und so falsch ist diese Aussage gar nicht.

Beheimatet auf dem KScope Label welches sich im Gebiet New-Artrock / New-Prog als Anlaufstelle erster Klasse bewiesen hat, schöpft die Band aus einem Topf voller Klänge die auch beim Grossmeister nicht fehl am Platz wären. Bestimmend sind dabei vor allem die Synthies und Keyboards. Ihre Melodien und Effekte breiten sich wie warmer Nebel aus und lassen die Gitarren versinken. Dabei weiss jedes Lied neue Klangspielereien vorzuweisen und lässt oft auch gerne einen gezupften Akkord zu. Gesanglich wird dabei nur so laut getextet, dass es die träumerische Atmosphäre nicht stört, gleich wie beim zurückhaltenden Schlagzeug. Dabei sprühen die Musiker vor frischen Ideen, zu keinem Moment hat man das Gefühl hier wird Restenverwertung betrieben. Dass man technisch oft soweit geht, dass nicht zu erkennen ist welche Instrumente nun welche Töne von sich geben ist ebenfalls eine Leistung. Herr Eno würde da zustimmend nicken.

Unglaublich wie griffig dabei gewisse Melodien und Refrains geworden sind. „Fight Or Flight“ oder „Always Returning“ bleiben sofort im Kopf und gefallen auch nach vielen Hördurchgängen. Die Engineers haben somit wahrlich Pop geschrieben, der nie seicht wirkt und nie langweilig wird. Mit Einflüssen aus Ambient, Art-Rock oder Shoegaze gibt es immer wieder abwechselnde Momente. Auch instrumentale Passagen werden zugelassen und all dies in gesunden 50 Minuten. Die Band ist auf der Höhe ihres Schaffens und das Album ist allen verträumten Denker und denkenden Träumer zu empfehlen.

Anspieltipps:
Fight Or Flight, Drive Your Car, Smoke And Mirrors

David Julyan – The Prestige Soundtrack (2006)

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David Julyan – The Prestige OST
Label: Hollywood Records, 2006
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Soundtrack, Orchestral

Beklemmend, auf Grosses hoffend, versucht auszubrechen. Wir bewegen uns in düsteren Zeiten und du spürst, der Sturm wird ausbrechen. Trotzdem, die Hoffnung wird nie aufgegeben, der Kampf ist nicht verloren. Durchhalten ist angesagt, in sich kehren und die nächsten Taten genau überlegen.

The Prestige ist kein froher Film, er fesselt und schockt, er verbreitet keine gute Laune und lässt den Zuschauer oft im Ungewissen stehen. Aber gerade deshalb und wegen seiner unkonventionellen Erzählstruktur ist grosses Werk im Schaffen von Christopher Nolan. Dass dabei die Musik komplett von diesem Pfad abweicht war nicht zu erwarten. David Julyan hat einen orchestralen Score komponiert, der besonders durch seine mysteriösen Geigenmuster auffällt und sich oft im Hintergrund abspielt. Dem Film tut dies gut, es unterstützt die Handlung und Stimmung. Als alleinstehende Musik wird es etwas schwierig. Die meisten der 17 Teilstücke unterscheiden sich nur wenig, wer nicht genau hinhört oder das Album konstant laufen lässt, kann diese nicht unterscheiden. So entsteht zwar ein Ganzes das besser funktioniert als seine einzelnen Teile, aber mehr im Hinter- als im Vordergrund steht.

Für mich als Fan des Films ist es toll den Soundtrack auch unterwegs oder zu Hause hören zu können. Die Geigen verbreiten ein schön mulmiges Gefühl, einzelne Klavierklänge zeugen von Gefühlen wie Liebe oder Harmonie. Für mich ist das Werk im Bereich Ambient einzuordnen da nie ein Instrument ausbricht, nie eine Kakophonie entsteht. Zur Lesebegleitung oder zum Nachdenken bestens geeignet, für das aktive Hören dann doch etwas zu gleichförmig, da konnten auch die Ratschläge von Hans Zimmer nicht viel ausrichten.

Anspieltipps:
Colorado Springs, The Real Transported Man, The Prestige

Estoria – Seasons (2014)

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Estoria – Seasons
Label: Nation Music, 2014
Format: CD im Digipak
Links: Band
Gerne: Pop

Musik als Hobby ist eine wunderbare Sache, sie gibt dem Leben mehr Sinn, verbindet Menschen und lässt Einem etwas erschaffen. Wenn dann eigene Songs sogar noch auf einem Tonträger festgehalten werden, ist das wie Weihnachten und Geburtstag auf einmal. Die Jungs von der Zürcher Band Estoria kennen diesen Moment wohl sehr genau, mit Seasons ist vor Kurzem ihr erstes Album erschienen. Lange haben sie daran gebastelt und nun aber doch jedes Hindernis überwunden. Herausgekommen ist ein kurzweilige Platte voller Popsongs.

Pop ist nicht einfach obwohl er oft so klingt. Eine simple und merkbare Melodie, ein lebensfreudiger Text und Spielzeiten zwischne drei und vier Minuten, klingt machbar aber so mancher Musiker hat sich daran mehr als einmal die Zähne ausgebissen. Die Mannen rund um den Sänger Arno Leon fanden aber eine gute Formel um elf Stücke mit Leben zu füllen. Jedes Mitglied brachte seine eigenen Einflüsse zu den Aufnahmen, herausgekommen ist dabei ein luftiger und leichter Klang mit viel Leben. Die Vorabsingle „Top Of The World“ versprach nicht zu viel, denn das Album weiss von der ersten Minuten an zu gefallen und bleibt bis zum Schluss spannend. Sicherlich, die Struktur der Lieder ist meist gleich, auf Strophe folgt Refrain folgt Strophe. Aber Estoria erlauben sich auch mal ein langes Intro wie vor Sommer Breeze oder sich auf Gitarre und Gesang zu beschränken. Natürlich wäre es wünschenswert ein wenig waghalsiger vor zu gehen, ein Weg der hoffentlich mit dem Nachfolger beschritten wird.

Talent besitzen sie auf jeden Fall, die Rhythmus-Fraktion trägt das Album souverän, die Gitarren und Keyboards wissen neue und spannende Melodien in die Luft zu werfen und der Gesang ist über fast alle Zweifel erhaben. Zu jeder Sekunde spürt man die Spielfreude und die Lust etwas positives zu erschaffen. Somit erinnert „Seasons“ teilweise sogar an U2 oder ähnliche Konsorten im Pop-Bereich. Ich bin gespannt, wohin die gestartete Reise führt, das Debüt schon mal ein toller Begleiter für lockere Momente im Leben.

Anspieltipps:
We Are (The Fight), Summer Breeze, Shivering Isles

The Brian Jonestown Massacre – Revelation (2014)

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The Brian Jonestown Massacre – Revelation
Label: A Records, 2014
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative, Rock, Blues

The Brian Jonestown Massacre, das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen. Wer das Wortspiel gar nicht begreift, der ist wohl auch nicht für die Band gemacht. Ihre Musik ist ein Bastard entstanden beim ausserehelichen Sex zwischen den Siebziger und aktuellen Retrowelle mit Electronica. Gegenüber dem letzten Album wurden die Raveanteile aber auf „Revelation“ zurückgestellt, es regiert nun wie die Psychedelica und der mit Folk betupfte Rock. Gleich vorneweg: Die versprochene Offenbarung ist es nicht, ein gelungenes Album aber auf jeden Fall.

Die Gruppe um Anton Newcombe besteht aus immer wieder wechselnden Musikern die ganz nach dem Zepter des Meisters spielen und dabei regelmässig neue Alben veröffentlichen. Newcombe schreibt und produziert dabei alles selber, das restliche Personal dient meist nur zur Ausführung und Live-Darbietung. Die Musik bewegt sich auf der neusten Einspielung einmal mehr stimmig zwischen Psychedelic, Blues und Folk Rock und bietet teilweise auch östliche Einflüsse. Etwas schräge Harmonien, Gesang und prägnant eingesetzte Blasinstrumente bestimmen den Klang ab dem ersten Lied „Vad Hände Med Dem?“ und kehren oft in ähnlicher Form zurück. Dies schafft nach erster Verwirrung (Moment mal, lief dieser Song nicht erst gerade?) aber ein angenehmer Gesamtsound und formt den Körper des Albums. Nach mehreren Durchgängen wird aus den einzelnen Stücken ein schmackhaftes Paket ohne grobe Ausfälle.

Ab der Hälfte halten auch die Synthies vermehrt Einzug und das Album tanzt schüchtern zu verschrobenen Grooves. Allgemein ist die Grundstimmung eher zurückhaltend, somit ist das Album auch ohne psychoaktive Drogen geniessbar obwohl es nicht an die besten Werke der Truppe anschliessen kann. Smot ist das Reinhören zu empfehlen, vielleicht greift ein Neuling auch besser zuerst zu einer anderen Scheibe.

(Brian Jones: Gründungsmitglied der Rolling Stones, starb mit 27 // Jonestown Massacre: 912 Menschen sterben bei Kult-Massenmord http://history1900s.about.com/od/1970s/p/jonestown.htm )

Anspieltipps:
Vad Hände Med Dem?, Food For Clouds, Memorymix, Fist Full Of Bees