Monat: Februar 2018

Atena – „Possessed“ (2017)

Band: Atena
Album: „Possessed“
Genre: Metalcore / Hardcore

Label/Vertrieb: Indie
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: Atena auf FB

„Death Eating“ bringt nicht nur extrem harte Blasts und Growls, sondern auch das Geschrei des Hardcore inklusive dessen modernstem Klangbild – und Rap! Ja genau, Atena geben sich nicht mit Gesang, tierischen Urlauten und überbordenden Emotionen zufrieden, es hält auch der Sprechgesang bei „Possessed“ Einzug. Bevor jetzt aber alle davonlaufen: Diese Mischung geht perfekt auf und zeigt wie auch der Rest dieses dritten Albums, dass sich die Norweger zu Recht um keine Grenzen scheren.

Denn seit 2013 versuchen die Musiker, Djent, schweren Metal und Hardcore auf aufregende Weise neu zu mischen und mit diversen Einflüssen zu garnieren. So lauern in „Church Burning“ digitale Rückkopplungen und „Oil Rigs“ platzt schier vor Bombast und Chor. All dies fügt sich auf „Possessed“ zu eine Album zusammen, das in etwas mehr als einer halben Stunde eine grosse Bandbreite menschlicher Emotionen und Stimmungen abzudecken vermag und damit immer unterhält und mitreisst. Atena finden hier die perfekte Mischung aus Melodie, Zugänglichkeit und alles zerstörender Wucht.

Und genau dank dieser Mischung, welche extrem durchdacht durch die Boxen dringt und damit keine Stilrichtung brüskiert, wirkt dieser moderne Metal völlig neu und anders. Sicherlich ist Atena nicht die erste Gruppe, welche mit dem Hardcore tanzt und die Mathematik etwas aus dem Djent entfernt hat – aber einer der wenigen Namen, die auf gesamter Linie damit gewinnen. „Possessed“ wirkt somit nicht nur extrem eindringlich und packend, es dient auch als Verstärker eigener Empfindungen und hat einen extremen Wiederholungswert. Nieder mit den Schubladen.

Anspieltipps:
Confessional, Death Eating, Oil Rigs

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Figures‘ – Two Sides Of A Story (2017)

Band: Figures’
Album: Two Sides Of A Story
Genre: Pop / Indie

Label/Vertrieb: Eigenveröffentlichung / iGroove
VÖ: 22. September 2017
Webseite: figuresmusic.ch

Ob unschuldig weiss oder aufgebrochen und ungeschützt in schwarz – Sängerin Kathrin Furian zeigt sich mit ihrer Band Figures’ von allen Seiten und macht damit einen bewussten Schritt nach vorne. Denn nachdem 2013 das Debütalbum dieser Gruppe veröffentlicht wurde, hat die Künstlerin nicht nur mit diversen anderen Musikern gearbeitet, sondern sich noch mehr Erfahrung im Studio und auf der Bühne erarbeitet. Erlebnisse, von denen die zwei Seiten bei “Two Sides Of A Story” nun stark profitieren.

Man sollte jetzt aber nicht erwarten, dass sich die optisch dunkel gestaltete “Side B” mit ihren sechs Stücken in die Abgründe der alles zerstörenden Musik stürzt. Viel eher leben Figures’ auf beiden CDs ihre Neigung zu schönem und filigran gestaltetem Pop aus. Furian stützt die Musik mit ihrem sattelfesten, vielseitigen und in Jazz ausgebildetem Gesang – was in wundervollen Songs voller Soul und klanglichem Schein wie bei “Freeze” führt. Ob die Band dazu mehr Indie, Retro-Pop oder saften Rock beisteuert, alles fügt sich organisch zusammen.

“Two Sides Of A Story” ist ein Doppelalbum, auf dem geschickt mit Stimmungen und Tempo gespielt wird. Figures’ lassen Stücke nachdenklich wirken, ziehen dann plötzlich an und kreieren somit Songs, die sich perfekt in die Musiklandschaft der Schweiz einfügen und mache Stunden auf dem Sofa lebenswerter gestalten. Ganz egal, ob man “Under Water” in Dunkelheit oder in hellem Sonnenschein lebt.

Anspieltipps:
Freeze, Under Water, Plucking Daisies

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Prologue Of A New Generation – Mindtrip (2017)

Band: Prologue Of A New Generation
Album: Mindtrip
Genre: Progressive Metal / Djent

Label/Vertrieb: Antigony
VÖ: 23. Juni 2017
Webseite: Prologue Of A New Generation auf FB

Modeströmungen, man findet sie auch immer in der Musik. Kein Wunder also, setzt sich plötzlich ein neues Untergenre durch und lässt Bands an jeder Ecke spriessen. In der brutalen Welt des modernen und progressiven Metal wird die kalte und kompromisslose Komplexität seit einigen Jahren in Form des Djent von vielen Musikern zelebriert, neu wollen auch Prologue Of A New Generation ihren Senf dazugeben. Doch leider fehlt den Italienern das zwingende Element.

Mit etwas mehr als 30 Minuten ist ihr Debütalbum „Mindtrip“ nicht nur in der Laufzeit knackig, sondern lässt Gitarre und Bass so manche Knochen und Hoffnungen brechen. Die fünf Musiker sind versiert und haben keine Angst vor extremen Taktwechseln und mathematischen Überlegungen zwischen den einzelnen Songteilen. So sind Lieder wie „Karmic Law“ oder „Black Hands“ eine furiose Mischung aus Hardcore, Metal und Bruchrechnen mit Keyboard. Prologue Of A New Generation haben sich den Djent also genau angeschaut und verinnerlicht, schauen aber zu sehr auf ihre Vorbilder.

Was bei Gruppen wie Periphery oder Meshuggah für Begeisterungsstürme gesorgt hatte, das wirkt bei Prologue Of A New Generation leider etwas ermüdend. Die Band findet zwar das Gleichgewicht zwischen brutalem Geschrei, extremen Klangattacken und melodiengetragenen Zwischenteilen, viele Lieder auf „Mindtrip“ wirken aber zu austauschbar. Somit werden sich Liebhaber und Komplettisten der Stilrichtung diese Scheibe sicher in die Sammlung stellen, wirkliche Erkenntnisse und Überraschungen bleiben beim Genuss aber leider aus.

Anspieltipps:
Black Hands, Karmic Law, Neverbloom

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Sun Kil Moon, Royal Baden, 17-11-17

Sun Kil Moon
Freitag 17. November 2017
Royal, Baden

„The World According To … Mark Kozelek.“ Er ist ein Unikum, ein Künstler, bei dem man nie so genau weiss, ob man seine Worte jetzt ernst nehmen und vernichtend finden oder die Satire dahinter lachend lieben soll. Klar ist aber auf jeden Fall, dass seine Musik unter dem Namen Sun Kil Moon Grenzen zu einem Gewirr zusammenknüllt und damit sich selbst und seine Zuschauer fordert. Aber genau diesen Umstand haben aus dem Auftritt im Royal einen Abend gemacht, den man so schnell nicht vergessen wird.

Ursprünglich als Red House Painters unterwegs, stehen Kozelek und seine immer wieder wechselnden Musiker seit 2002 dafür, alternative Rockmusik mit langen Erzählungen und gesprochenen Texten zu verbinden. Im Zentrum stehen dabei immer die Worte des Frontmanns, der auf seine ureigene Weise absurde wie auch mitreissende Szenerien erschafft. Auch in Baden wandelte er in den Liedern zwischen komödiantischen Inhalten (Perspektive einer Hauskatze, „House Cat“) und harten Meinungsbekundungen zur Weltlage und menschlichem Verhalten. Mit langen Wiederholungen, brutalen Aussprachen und lamentierenden Passagen wirkten einzelne Worte extrem.

Da Sun Kil Moon dabei oft angriffig und schwierig erschienen, schrie dies nach einem musikalischen Gleichgewicht – und das war eindeutig vorhanden. Während über zwei Stunden verausgabten sich die Herren an Bass, Gitarre, Schlagzeug und Rhodes und verzierten Kozelek und seine Vorträge mit einer grossartig gespielten Mischung aus Indie, Folk und Wüstenblues. Mit wenigen Gesten dirigiert, wechselten Stücke zwischen lauten Kaskaden und stillen Sinnsuchungen, um am Ende Momente purer Schönheit auf das fast volle Royal einwirken zu lassen – irgendwo zwischen Wilco, Bob Dylan und Untergrund.

Es war somit kein Konzert, mit dem man ausgelassen in das Wochenende steigt, sondern viel eher eine Erarbeitung von gegenseitigem Respekt und Konzentrationsforderung. Alleine mit den oft langen und direkten Ansprachen Kozeleks wurde der Rahmen gesprengt. Denn welcher andere Musiker dürfte Schweizer Ortsnamen mit Magenkrankheiten vergleichen und dem Publikum direkt ins Gesicht sagen, dass es „ok, aber nicht das beste“ war? Sun Kil Moon haben eine Ausnahmestellung inne, und sie leben diese voll aus. Dank wunderschönen Perlen wie „God Bless Ohio“ oder „The Possum“ verzieh man sogar die unvermeidliche Tirade gegen The War On Drugs und entschwebte für kurze Zeit in eine andere, merkwürdig-schöne Welt.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

King Gizzard & The Lizard Wizard – Polygondwanaland (2017)

Band: King Gizzard & The Lizard Wizard
Album: Polygondwanaland
Genre: Psychedelic Rock / Acid Rock

Label/Vertrieb: Eigenveröffentlichung
VÖ: 17. November 2017
Webseite: kinggizzardandthelizardwizard.com

Hier sind wir also, Album Nummer zwölf seit der Bandgründung 2010, Scheibe Nummer vier in diesem Jahr alleine. Die verrückten Acid Rocker und Psychedelic-Magier aus Australien sind wieder da und King Gizzard & The Lizard Wizard schaffen es erneut, uns alle komplett zu überraschen. Das hat beim wundervoll benannten Werk „Polygondwanaland“ aber weniger mit der Musik zu tun, sondern vielmehr mit der Art der Verteilung und Präsentation – denn das Album ist komplett gratis und gehört der Öffentlichkeit. Auf der Webseite der Band erhält man die Masterfiles und kann sich daraus eigene CDs, Schallplatten oder Kassetten basteln.

So wunderbar frei und antikapitalistisch diese Veröffentlichungsstrategie ist, so locker und beschwingt klingt auch die Musik auf „Polygondwanaland“. King Gizzard & The Lizard Wizard unternehmen weitere Wanderungen auf den eingeschlagenen Pfaden und umgeben sich mit offenen Kompositionen, die sich mit klaren Gitarren, Flöte und Keyboard wie goldene Schlingpflanzen um unser Ohr legen. Wie schon bei den vorangegangenen Alben sind auch hier die Lieder weniger einzelne Stücke, sondern Teile eines Gesamtbildes. Mit „Crumbling Castle“ wird zwar ein losgelöster und langer Beginn geboten, danach steigt man wie auf Treppenstufen mit den Tracks von Moment zu Moment.

Was teilweise wie ein lustiger Drogentrip im Wald, dann wieder eine entspannte Runde beim besten Freund und schlussendlich eine erfolgreiche Jamsession im Keller wirkt, ist ein organisches Album voller Folk-, Acid- und Alternativ Rock-Einflüsse. King Gizzard & The Lizard Wizard beweisen erneut, dass ein Ziel nicht so wichtig ist wie die Ereignisse unterwegs – und so blubbern die Synthies bei „Loyalty“, der Satzgesang übernimmt „The Castle In The Air“, und „Searching…“ fliegt im All davon. Die kleinen Schwächen von „Sketches Of Brunswick East“ sind eindeutig überwunden!

Anspieltipps:
Crumbling Castle, Deserted Dunes Welcome Weary Feet, Searching…

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Leprous, Salzhaus Winterthur, 17-11-15

Leprous
Support: Agent Fresco, Alithia, Astrosaur
Mittwoch 15. November 2017
Salzhaus, Winterthur

Irgendwie erinnerte mich dieser Abend an vergangene Zeiten, in denen unregelmässig ein Wanderzirkus im Dorf Halt machte und für einen Abend die Bewohner mit Artisten und Wundern verzauberte. Da die Jahre aber nicht ohne Veränderung vonstatten gingen und sich einiges modernisiert hat, musste man an diesem Mittwochabend aber nicht in einem Stoffzelt frieren, sondern durfte im Salzhaus schwitzen. Und anstelle glatzköpfiger Gewichtheber und verstörenden Clowns gab es auf der Bühne eine Vielzahl an talentierten und von weit her angereisten Musikern zu bestaunen. Leprous, die neue Progressive Metal-Sensation aus Norwegen, lud zu einer Nacht voller Klang und Spass.

Denn wer schon auf eine auslaugende Tour geht, der kann auch ein paar Freunde mitreisen lassen. Gleich vier Bands durften darum in Winterthur bejubelt werden und machten aus einem normalen Wochentag ein kleines Festival-Erlebnis – und gaben nur eine Konstante vor: Ausufern mit Freunden. Denn egal ob Heavy-Stoner-Riffs oder elegische Keyboard-Parts, bei jedem Auftritt galt es, die Konventionen zu sprengen und den modernen Metal neu zu erfinden. Astrosaur aus Norwegen bildeten mit ihrem geerdeten und tonnenschweren Sound zu Beginn Gelegenheit, sich mental und körperlich auf diese Klangreise vorzubereiten. Irgendwo zwischen Heavy-Prog-Stoner, Post-Metal und dreckigem Rock landeten ihre Songs mit lautem Knall im Saal.

Alithia aus Australien versuchten einen komplett anderen Ansatz und stürmten zu siebt und mit Gastsängerin Marjana Semkina von iamthemorning die neu stützenlose Bühne. Genauso wild wie die Bewegungen und Sprünge der Musiker waren auch die Lieder. Ob Heavy Metal mit sehr emotionalem Gesang oder wildeste Perkussionsgewitter und Powerriffing – diese Band will weder ihre Songs noch ihre Auftritte auf einen bestimmten Stil festnageln. Das kam unerwartet, stiess manche etwas vor den Kopf, war aber umso lockerer und witzig. Erstaunlich, wie viel Bewegung in solchen Konzerten Platz finden kann.

Das muss man Sänger Arnór Dan Arnarson von Agent Fresco schon lange nicht mehr erzählen, schreitete der Frontmann doch während dem Konzert rastlos über die Bühne, bediente den Synthie und spazierte kurzerhand mitten in den Besuchern herum. All dies, während er seine Gesangmelodien voller Inbrunst präsentierte und sich immer wieder von den zwei weiteren Musikern abhob. Erstaunlich wie hochkomplex und mathematisch die Songs der Isländer sind, aber trotzdem so locker gespielt werden können und mitreissen. Ausnahmsweise mit Nicolai Mogensen von Vola am Bass, präsentierten die Herren nicht nur Stücke von den Alben, sondern auch komplett neues Material und hinterliessen bei den Besuchern wahre Begeisterungsstürme.

Da war es für die Leithammel und Hauptband Leprous natürlich ein leichtes, den Abschluss mit ihrem Progressive Metal zu einem Feuerwerk zu gestalten. Unterwegs mit ihrem neusten Album „Malina“ und dem Cellisten Raphael Weinroth-Browne, der alle Streicherarrangements live und beeindruckend einspielte, liess die Bands Kracher wie „The Flood“, „Rewind“ oder „Illuminate“ vom Stapel. Mit toller Lichtshow und begleitenden Videos wurde aus dem Konzert schnell eine Reise in die verzweigten Höhlen des modernen Prog, angereichert mit der ergreifenden Stimme Einar Solbergs und immer wieder brachialen Riffs. Da war es nur recht, kehrten die Mannen nach „From The Flame“ noch einmal auf die Bühne zurück und liessen diesen abenteuerlichen Abend mit „The Valley“ ausklingen. Wer vermisste da noch Trapezkünstler und Tiger?

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Spock’s Beard – Snow Live (2017)

Band: Spock’s Beard
Album: Snow Live
Genre: Progressive Rock

Label/Vertrieb: Radiant / Metalblade
VÖ: 10. November 2017
Webseite: spocksbeard.com

Es geschehen tatsächlich noch Wunder – wobei diese Aussage in einem Text zu Neal Morse ja vorsichtig einzusetzen ist. Dass allerdings das komplette „Snow“-Album von Spock’s Beard einmal in seiner schillernden Gänze aufgeführt würde, und das erst noch mit allen originalen Mitgliedern und neuen Musikern zusammen, das war lange nur ein kleiner Hoffnungsschimmer am Proghorizont. 2016 war es dann aber wirklich soweit, am jährlichen Morsefest in Nashville wurden Träume erfüllt und ein riesiges Geschenk an die Fans der amerikanischen Progressive Rock-Truppe verteilt: „Snow Live“, ungekürzt, sieben Mannen, eine Geschichte.

Die Geschichte um den begabten Albino, Aufstieg und Fall, dessen Werdegang und die religiösen Anleihen machen das Werk auch 15 Jahre nach seinem Erscheinen interessant und immer wieder hörbar. Musikalisch wandten sich Spock’s Beard mit diesem Doppelalbum zwar etwas weg vom komplexen Melodic Prog und hin zum Hard Rock, erschufen aber auch extrem mitreissende Passagen, wunderschöne Melodienbögen und zeitlose Songs. Dass Bandgründer und Frontmann Neal Morse nach dieser Platte die Truppe verliess und nun damit die kurze Versöhnung fand, passt zur inhaltlichen Tragweite und verleiht „Snow Live“ eine weitere Prise Magie.

Erstaunlich ist an dieser Aufnahme aber noch etwas weiteres: Spock’s Beard klingen immer noch genau so frisch und spielfreudig wie in ihren ersten Jahren. Das Zusammentreffen der ehemaligen Mitglieder und neuen Recken wie Jimmy Keegan und Ted Leonard lässt ein Funkenflug an Freude und Talent entstehen, sodass aus Stücken wie „Devil’s Got My Throat“, „Carie“ oder „All Is Vanity“ pure Lebensfreude entsteht. Satte Riffs, ausufernde Keyboardstellen und die ergreifenden, mehrstimmigen Gesänge – die Künstler holen das Beste aus dem Material und geben mit den Zugaben „June“ und „Falling For Forever“ noch das Sahnehäubchen (inklusive Schlagzeugduell) obendrauf.

Wie es sich für neue Veröffentlichungen von Neal Morse und Konsorten gehört, gibt es auch „Snow Live“ in diversen Ausführungen. Ob Vinyl oder CD, mit visueller Begleitung und Dokumentation auf DVD oder Bluray: Hier findet jeder sein passendes Paket. Und schlussendlich ist es doch egal, mit welchem Medium man hier der grössten Version von Spock’s Beard entgegentritt – was zählt, ist das wirklich wunderschöne, fesselnde und berauschende Resultat. Da liebt man sogar den Kitsch von „Wind At My Back“ inbrünstig!

Anspieltipps:
Long Time Suffering, Carie, All Is Vanity, June

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Martina Lussi – Selected Ambient (2017)

Band: Martina Lussi
Album: Selected Ambient
Genre: Ambient / Electronica

Label/Vertrieb: Hallow Ground
VÖ: 22. November 2017
Webseite: martinalussi.ch

In Luzern zu verweilen und die Landschaft zu betrachten, ist eine entspannende Tätigkeit. Hier treffen nicht nur die eindrücklichen Alpen auf den klaren See, es gibt auch jeden Tag das filigrane Spiel zwischen Tier, Mensch und Maschine zu beobachten. Kein Wunder also, lässt sich Martina Lussi gerne an diesem Ort für ihre Kunst und Musik inspirieren und bietet mit „Selected Ambient“ vier ruhige Stücke quer aus ihrem Schaffen. Klangstrukturen und Instrumente finden und umgarnen sich darin genauso, wie es die Umgebung immer wieder vormacht.

Im Gegensatz zu anderen Künstlern im Bereich der elektronischen Ambient-Musik ist Martina Lussi keine derjenigen, die sich an wohlklingende Synthieflächen binden und die Tracks immer in Wogen aufziehen. Viel eher fügen sich bei Stücken wie „Achat“ oder dem langen „Opal“ Instrumente wie Gitarre und Keyboard nicht immer perfekt in die Lücken ein. Takte und Rhythmen werden übersprungen oder in die entgegengesetzte Richtung gelegt, das Rauschen im Hintergrund legt einen unscheinbaren, aber wirkungsvollen Teppich, der auch in sanften Beats mündet.

„Selected Ambient“ ist mit seinen vier Stücken eine angenehme und spannungsvolle Reise in das experimentierfreudige Klangschaffen von Martina Lussi. Mit jedem Lied erhält man einen tieferen Blick in die Werkstatt der Musikerin und darf sich zwischen Glocken, krumm angeschlagenen Saiten und modulierten Akkorden bewegen. Perfekte Musik also, um das Tretboot mal stillstehen und sich genüsslich von den leichten Wellen auf dem Vierwaldstättersee umherschaukeln zu lassen.

Anspieltipps:
Achat, Citrin, Opal

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fjørt – Couleur (2017)

Band: Fjørt
Album: Couleur
Genre: Post-Hardcore

Label/Vertrieb: Grand Hotel van Cleef
VÖ: 17. November 2017
Webseite: fjort.de

„Couleur“, „Raison“ oder „Magnifique“ – Fjørt sind ja für ihre Veränderungen zwischen den Alben berüchtigt oder beliebt, je nach Standpunkt. Aber keine Bange, die Sprache auf ihrem dritten Album ist weiterhin das direkte Deutsch. Zwar werden Songs und die Platte selber gleich mit schmucken Wörtern auf Französisch betitelt, Chris Hell und David Frings singen, schreien und leiden aber in ihrer Muttersprache. Mit dem Bilingualismus wird geschickt der Bogen zu den internationalen Problemen und Reibungspunkten gespannt, den die Musik der deutschen Post-Hardcore Truppe gewichtig aufnimmt. So geht es hier nicht nur um Blasts und sprengende Riffs, sondern Kommunikation und Zusammenleben.

Egal wie laut und brutal Fjørt mit Songs wie „Eden“ oder „Südwärts“ auch werden, das Schöne an dieser weitergeführten Art von Hardcore ist ja, dass weder Gefühl noch die Möglichkeit zur Empathie fehlen. Und dieses Trio steht auch seit der Gründung 2012 für den Mut, immer wieder neue Ideen und Einflüsse in ihrer Musik zuzulassen. Ob sich Stücke nun elegisch in die Flächen lehnen und dabei den Post-Rock hereinbrechen lassen oder die Melodien mit Synthies auflockern: Alles dient dem eindrücklichen Resultat. Dieser explosive Cocktail passiert auch in den Lyrics, die Politik, Ungerechtigkeit und persönliche Probleme zu einem berührenden Tiegel verschmelzen.

Mit dieser Grösse und der Bereitschaft, in Gebiete vorzudringen, die nicht allen passen könnten, bleiben Fjørt auch mit „Couleur“ immer packend und fordernd. Stücke wie „Bastion“ lassen uns leiden und nachdenken, greifen mit ihren Gitarren tief in unsere Wunden, bieten aber auch gleich den Ausweg und Hinweise zur Besserung. Ob die Band dabei an The Hirsch Effekt oder Envy erinnert, am Ende trägt man eine grosse Befriedigung davon und ist froh, gibt es noch solche Geister und Gesichter in der Musikszene.

Anspieltipps:
Couleur, Raison, Bastion

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Useless – Neglect (2017)

Ist diese Band nicht etwas zu jung, um sich dem Sound der Neunziger hinzugeben und den Grunge mit ganzen Körpern zu erforschen? Ach, was für eine beschränkte Aussage! Denn solange sich immer wieder Jungspunde daran machen, die glorreichen Zeiten des Rocks neu aufzuarbeiten, dürfen auch die dreckigen und schmerzenden Momente der aktuelleren Alternative Rock Geschichte erneut im Rampenlicht stehen. Besonders, wenn es so packend und vielschichtig klingt wie bei der Winterthurer Truppe useless. Von der Schweizer Stadt her kämpfen eine Frau und drei Mannen gegen das musikalische Unrecht und den Körperhorror.

„Neglect“ ist nicht nur der Namen der zweiten EP von useless, sondern auch eine Aufmerksamkeitsstörung. Der Titel gibt also gleich vor, dass in den fünf neuen und düsteren Liedern die Nachdenklichkeit und Probleme von unsicheren Menschen niemals vergessen werden. Ganz in der Tradition von Bands, die damals schon verlorene Teenager eine Stütze waren, wird auch hier dröhnende Gitarrenmusik mit Einflüssen des Punk, Stoner oder Hardcore gemischt und sehr eindringlich präsentiert. „Cerebral Coma“ lässt die Nirvana-Fratze aufblitzen, „Dreamer“ wälzt sich während sechs Minuten durch Riffs und Perkussionswirbel.

useless sind aber nie reine Zitatenschwinger, sondern nehmen ihre eigenen Ängste, Ideen und Wünsche auf und vermengen diese mit drohendem Gesang und energievoller Musik. Da darf es auch gerne unfertig und wild rumpeln wie bei „GFY“, die grossen Gesten und weiten Sounds folgen alsbald wieder. Mit nur fünf Stücken ist „Neglect“ zwar kurz, bietet aber viel um mitzufühlen, zu schreien und sich aus dem Dunkeln wagen. Schliesslich gibt es auch heute, ohne einengendes Zimmer in der Familienwohnung, noch genügend Gründe um sich den Kopf über die Welt zu zerbrechen. Hier findet man Verbündete.

Anspieltipps:
Madcap, Cerebral Coma, „Jesse“ She Said

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.