Monat: Januar 2018

Turnover – Good Nature (2017)

Band: Turnover
Album: Good Nature
Genre: Indie / Dreampop

Label/Vertrieb: Run For Cover
VÖ: 25. August 2017
Webseite: turnovermusic.net

Wir alle möchten immer wieder einmal in die Arme genommen werden und spüren, dass es doch schön ist, hier auf der Welt zu sein. „Good Nature“ gelingt dies während der gesamten Spielzeit, ohne überhaupt Extremitäten zu haben – Turnover haben mit ihrem dritten Album wieder Musik aufgenommen, die sanft, glücklich und freundlich daherkommt. Das ist nicht nur eine wunderbare Abwechslung in kalten Zeiten wie der momentanen, sondern auch eine wahre Leistung, nimmt die Spannungskurve während allen elf Songs doch nie ab.

Bereits mit dem ersten Song wird klar gemacht: Hier gibt es keine Aufregung, keine Wut und keine laut davonpreschenden Instrumente. Leichte Gitarrenmelodien, sanfter und meist in hohen Lagen angesiedelter Gesang, sommerliche Harmonien und ein Klangbild, das so bunt wie das Cover daherkommt. Turnover spielen extrem atmosphärische Musik, welche Indie-Rock mit Dreampop verschmilzt und dabei sogar leicht über den Zaun zum Americana steigt. Man spürt immer wieder, dass sich die Musiker in diversen Gebieten inspirieren liessen, brechen den Bandsound aber nie stark auf.

Klar, irgendwann versinkt man so tief im Klangbild, dass man die einzelnen Stücke nicht immer klar trennen kann – in einzelnen Momenten wie „Pure Devotion“ oder beim abschliessenden „Bonnie (Rhythm & Melody)“ zelebrieren Turnover aber ihre Fähigkeit, eingängige Hits zu schreiben. „Good Nature“ tut somit nie weh, es ist ein kuschliges Kissen aus Sounds und Songs und immer willkommen. Und mehr braucht es in diesem Moment auch gar nicht.

Anspieltipps:
What Got In The Way, Pure Devotion, Bonnie (Rhythm & Melody)

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Advertisements

Live: We Invented Paris, Sommercasino Basel, 17-11-03

We Invented Paris
Support: Sandhofer
Freitag 03. November 2017
Sommercasino, Basel

Eine Heimkehr ist immer schön, besonders wenn man ein Geschenk mitbringen kann. So landeten We Invented Paris nach einer kleinen Tour durch Deutschland nicht nur endlich wieder in ihrer Heimatstadt Basel, sondern wagten sich auch daran, ihr neustes Werk „Catastrophe“ endlich zu taufen. Seit Ende August ist die Scheibe erhältlich und hat nicht nur den Bandsound komplett umgekrempelt, auch die Bühnenshow zeigte sich wieder einmal in radikal neuem Glanz. Schön zu sehen, dass sich das Kollektiv um den Frontmann Flavian Graber immer wieder neu erfinden kann.

So wurden die Musiker für diese Feier im Sommercasino nicht nur in bunte Lichter getaucht, sondern nahmen ihren Platz zwischen übergrossen Fernsehern und unzähligen Glühbirnen ein. In Kombination mit wild rotierenden Scheinwerfern zeigten sich neue Lieder wie „Fuss“ und alte Hits wie „Zeppelin“ somit in einem leuchtenden Umfeld, nicht weit von einem herrlich einladenden Jahrmarkt entfernt. Im Gegensatz zur gleichzeitig stattfindenden Herbstmesse gab es bei diesem Auftritt aber keine leeren Worthülsen und überteuerte Ballons, sondern packende Grooves und fetzige Riffs auf der Keytar.

Songbeherrschend haben We Invented Paris dieses  – immer noch merkwürdige – Instrument nämlich für die Komposition auserkoren und Stücken wie „Looking Back“, „Catastrophe“ oder „Spiderman“ eine neue Frische einverleibt. Weg vom Singer-Songwriter, hin zum retroaktiven Pop. Das sorgte an dieser Plattentaufe für mitreissende Tanzmomente und geniale Einfälle der Band, die zum Beispiel während der Zugabe plötzlich die Titelmusik von „Knight Rider“ in die Songs webte. Der Kreis schloss sich, wurde man schliesslich schon beim Einlass von passenden Achtziger-Hits im Saal begrüsst.

We Invented Paris sind aber nicht in der Vergangenheit hängen geblieben, sondern zementieren mit Stücken wie „Touriste“ oder „Air Raid Shelter“ die Befürchtungen und Ängste unserer Generation – bieten aber auch gleich einen Ausweg. Die Pause zwischen den Alben hat der Band also mehr als gut getan, die Plattentaufe war ein fröhlicher Befreiungsschlag und ein weiterer Beweis, dass diese Kreativzelle in der Basler Szene gebraucht wird.

Kein Wunder, liess es sich auch Sandhofer nicht nehmen, für die letzten Lieder wieder auf der Bühne zu erscheinen. Begeisterte er bereits als Support mit eigenen und wortgymnastischen Momenten, illuminierte er nun die letzten Minuten mit TV-Kopfschmuck und erneut seinem knallgelben Overall. So geht Kunst.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

 

Nadah El Shazly – Ahwar (2017)

Es ist eine aufregende Zeit um in den Osten zu blicken und die aktuelle Musikszene zu beobachten. Denn wie abgesprochen, sind in den letzten wenigen Jahren einige frische Künstlerinnen an der Oberfläche aufgetaucht, die nicht nur in ihrer Heimat, sondern global für Furore gesorgt haben. Nach Yasmine Hamdan (Libanon) und Noga Erez (Israel) zieht mit „Ahwar“ auch Nadah El Shazly aus Ägypten nach, bietet auf ihrem Album aber vor allem Andersartiges. Passend zum surrealistischen Covermotiv taucht man tief in wundersame Kompositionen ein, weit weg vom Pop.

„Afqid Adh-Dhakira“ lässt zwar die Gedanken in Richtung arabische Eingängigkeit gleiten, Nadah El Shazly macht dem aber nach wenigen Takten einen Strich durch die Rechnung und nimmt den Hörer mit in die befremdende Welt aus schrägen Arrangements, abstrakten Klangfolgen und dem Jazz nahe Expositionen. Viel von der Punk-Vergangenheit der Künstlerin blieb also nicht übrig, umso erstaunlicher ist die Weite, welche sich auf diesem Debüt auftut. Von direkter Gesangperformance, nur mit wenigen Instrumenten untermalt, bis hin zu leichten Beats und Drones ist alles vorhanden und webt sich bunter zusammen als die schönsten Teppiche auf dem Markt.

Dass man Nadah El Shazly nicht versteht, ausser man ist des Arabischen mächtig, tut dem Genuss zu keiner Sekunde weh – viel eher wirken gewisse Passagen und Melodien noch ferner und interessanter. Die Reise, welche man mit „Ahwar“ unternimmt ist somit niemals ein Klischeeprodukt des Ostens, sondern ein progressiver und mutiger Schritt in die Emanzipation. Was sich wohl mit wenigen anderen Künstlern direkt vergleichen lässt, ist hier eine Begegnung voller Herausforderungen und Belohnungen. Offene Geister verbindet euch.

Anspieltipps:
Afqid Adh-Dhakira, Palmyra, Koala

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

ColdCell – Those (2017)

Band: ColdCell
Album: Those
Genre: Black Metal

Label/Vertrieb: Czar Of Crickets
VÖ: 3. November 2017
Webseite: coldcell.ch

Wer ColdCell schon einmal live erleben durfte, der weiss um die Wucht und dunkle Energie in ihrer Musik gut Bescheid. Wenn sich die Musiker vermummt zwischen stechenden Stroboblitzen und tief hängenden Nebelwolken bewegen, dann unterliegt alles ihrer gnadenlosen Macht. Kein Wunder also, hat sich die Truppe, welche 2012 aus den Überresten der Band Atritas entstand, in wenigen Jahren einen guten Ruf erarbeitet. Natürlich auch, weil die Basler Band schon immer an den Grenzen des Black Metal gerüttelt hat und auch bei „Those“ wieder Industrial, Heavy Rock oder gar Synthie-Flächen in die Musik lässt.

Man könnte also sagen, dank diesen Klangerweiterungen schaffen es ColdCell, mit ihrer Musik auch menschen zu fesseln, die sich sonst dem nihilistischen und harten Metal nicht annähern. Mit einer gelungenen Balance zwischen langen Brechern wie „Heritage“ oder „Tainted Thougts“, die zwischen Double Bass, Growls und weitläufigen Gitarrenfeldern abwechseln, und kurzen Songs wie „Sleep Of Reason“ ist dieses dritte Album ein Manifest geworden. Ob man sich in der modernen Welt und der digitalen Anonymität nicht mehr zurecht findet, oder nicht mehr bloss ein Diener im grossen System sein will, krachende Tracks wie „Seize The Whole“ greifen dies gekonnt auf.

Man erhält hier also nicht nur andersartige Kompositionen, die sich auch nicht vor Eingängigkeit und Öffnung fürchten, sondern Texte, die sich von den Klischees des Black Metal abwenden. ColdCell breiten ihren tiefschwarzen Mantel also zu Recht über die Schweiz aus und kreieren mit „Those“ einen unwiderstehlichen Sog, der alle Genreliebhaber und neugierige Nachtschattengewächse zugleich mitreissen wird. Kein Wunder werden die Tage wieder kürzer, eine Band wie diese frisst die Sonne regelrecht auf.

Anspieltipps:
Seize The Hole, Tainted Thoughts, Heritage

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Helena Hauff – Have You Been There Have You Seen It (2017)

Band: Helena Hauff
Album: Have You Been There Have You Seen It
Genre: Techno / Minimal

Label/Vertrieb: Ninja Tune
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: helena-hauff.com

Freitag ist der Tag für die treibende Tanzmusik, für den Techno. Gut also, gibt es mit „Have You Been There Have You Seen It“ eine neue EP von Helena Hauff, der Produzentin und DJane aus Hamburg. Und wie man es von ihr gewohnt ist, bleiben auch diese vier neuen Tracks wunderbar schlank und reduziert. Da hilft natürlich auch, dass Hauff gerne mit analogen Geräten arbeitet und ihre Musik somit immer geerdet wirkt und in dieser leichten Imperfektion lebt – wie eben eine Nacht im Club sein sollte.

Ganz einfach gerät der Einstieg mit „Nothing Is What I Know“ aber nicht, die einzelnen Melodien stellen sich sperrig für die Claps und das Lied vermindert die eigene Beschleunigung immer wieder selber. Helena Hauff zeigt somit auch hier wieder, dass ihre Electronica mit Einflüssen aus Acid House und EBM selten die geahnten Wege beschreitet und immer nach Ecken und Kanten sucht. Mit Beats und tief wummernenden Synthies dringen die nachfolgenden Tracks aber immer weiter in die Nacht hinein und locken die dunklen Gestalten.

Wenn sich Helena Hauff bei „Continuez Mon Enfant Vous Serez Traité En Consequence“ schon fast auf minimale Frequenzveränderungen und tief brummelnde Tonspuren beschränkt, dann erhält die Musik eine Schlagseite, die an die DJ-Vergangenheit im Club „Goldener Pudel“ erinnert und endlich die wahre Anziehung dieser Songs zeigt. Es geht um Zwischenwelten, um scharfkantige Reduktion und um minimale Eingriffe – all dies gelingt ihr auf dieser neuen EP, auch wenn nicht jeder Song gleich gut gefällt.

Anspieltipps:
Do You Really Think Like That?, Continuez Mon Enfant Vous Serez Traite En Consequence

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Motorpsycho, La Coupole Biel-Bienne, 17-11-01

Motorpsycho
Mittwoch 01. November 2017
La Coupole, Biel-Bienne

Unglaublich, aber die letzten Minuten dieses monumentalen Konzertes brachten tatsächlich noch Edelmetalle ins Scheinwerferlicht. Denn die Norweger von Motorpsycho beendeten diesen bereits jetzt legendären Abend mit dem wunderbaren „The Golden Core“ und kehrten nicht nur musikalisch ihr Innerstes nach aussen. Aber die Auftritte dieser Männer forderten schon immer alles von Material und Körper, egal ob auf oder vor der Bühne – und so verliessen die Besucher auch an diesem Mittwochabend den Chessu in Biel erschlagen, aber glücklich. Drei Stunden pure Heavy Rock-Faszination ohne Hänger, wo gibt es das sonst?

Motorpsycho haben sich schon immer allen Konventionen entzogen, seit sich Bassist Bent Sæther und Hans Magnus Ryan 1989 zur Gründung einer Band entschieden und sich mit ihren Alben dann in schöner Regelmässigkeit zwischen die Stilrichtungen und Erwartungen gesetzt haben. Lärmiges Rock-Gerumpel in Lo-Fi Qualität wurde zu Country, zu schweren Gitarrenmonstern, zu psychedelischen Stoner-Flügen und zu wildesten Progressive-Opern. Einen mehr oder weniger definitiven Überblick über all diese Phasen gab es in Biel zu hören. Klar aber, dass der Schwerpunkt auf der Präsentation ihres neusten Werkes „The Tower“ lag.

Mit gleich sieben Liedern wuchs das Gebäude aus Alternative Rock und Metalanleihen in die Höhe und durchstach schnell den alten Gaskessel von La Coupole. Das alternative Kulturzentrum war perfekt für dieses Motorpsycho-Fest geeignet, gaben die Herren hier schliesslich bereits vor 17 Jahren mächtig Gas und freuten sich sehr, den Raum erneut mit ihrer Musik zu beschallen. Gleich mit den ersten Takten wurde es darum auch laut, wild und mächtig gut. Die vier Musiker übertrafen sich gegenseitig mit sattelfestem Spiel, eindrücklichen Soloflügen und Steigerungen über Steigerungen. Schall und Wucht perfekt vereint, nach nur wenigen Minuten fand man sich wie in einer Trance wieder.

Und dank alten Stücken wie „Upstairs-Downstairs“, „Un chien d’espace“ oder eben dem goldenen Kern wurde die Reise nicht nur in die Gedankenwelten, sondern auch in die Vergangenheit geführt. Schnell vergass man seine Umgebung, seine Sorgen und alle anderen Bands. Denn wer sich Motorpsycho bei einem solch mitreissenden Konzert gönnt, der wird plötzlich die fanatischen Leute in der vordersten Reihe verstehen, seinen Lebenssinn wiederfinden und auch nach einem solch langen Auftritt noch nach mehr zehren. Gestreckte Fäuste, lauter Jubel, Birnbäume und Tränen in den Augen – Heavy Rock kann so erlösend sein.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Siren Section – New Disconnect (2017)

Band: Siren Section
Album: New Disconnect
Genre: Wave / Elektro / EBM

Label/Vertrieb: Eigenveröffentlichung
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: sirensection.com

Warum sollte man sich zwischen alten Legenden der elektronischen Musik und neuen Talenten entscheiden müssen? James Cumberland und John Dowling dachten sich wohl genau dies, als sie 1994 zum ersten Mal gemeinsam musizierten und heute nun unter dem Banner Siren Section in allen Formen der digitalen Musik für Furore sorgen. Mit ihrem neusten Werk „New Disconnect“ wird somit auch keine Stilbegrenzung vorgenommen, sondern zwischen Einflüssen des Krautrock, Cold Wave, Techno und EBM gependelt. Und ja, das macht Laune.

Obwohl sich die Produktion manchmal etwas zu flach anhört, sorgt dies für die nötige Kühle und Distanz auf dem Album. Lieder wie „June Future“ fallen auch in der Grufti-Szene nicht auf, wagen sich aber sogar an den Flirt mit dem alten Indierock. Siren Section behalten in all diesen Ideen immer den Überblick und haben ein Album geformt, das sowohl kohärent als auch überraschend ist. So darf man bei „Here Comes The Midnight Sun“ im Drum’n’Bass tanzen, „Santa Cruz“ führt dreckige und stark verzerrte Synthies ins Feld. Ob Kraftwerk oder Depeche Mode, hier findet sich alles ein.

Dass sich bei „New Disconnect“ erst um das zweite Album von Siren Section handelt, würde man nicht denken, aber zu diesem Ziel haben auch viele Kollaborationen und Versuche unter anderen Namen geführt. Gut also, hat sich das Duo wieder zusammengefunden und zeigt mit seinen Kompositionen, dass sich niemand vor elektronischer Musik fürchten muss. Ob man nun wild feiern oder alleine geniessen will, Tracks wie „Ground Descending“ erlauben beides und sehen immer schmuck aus.

Anspieltipps:
June Future, Santa Cruz, New Disconnect

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Like Elephants – Between Dreams And Truth (2017)

Band: Like Elephants
Album: Between Dreams And Truth 
Genre: Dreampop / New Wave

Label/Vertrieb: Las Vegas
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: Like Elephants auf FB

Was für ein Hochgefühl! Mit nur vier Songs erreichen Like Elephants auf ihrer neusten EP „Between Dreams And Truth“ eine positive Stimmung, die man noch lange nach dem Hörgenuss mit sich trägt. Kein Wunder, steht die Musik der 2014 gegründeten Gruppe doch für schwerelosen, verträumten und kunterbunten Dreampop – mit Zuckerwatte in der Hand, aber genügend Bodenhaftung. Und auch wenn es sich hier nur um eine Vorschau auf das kommende Album handelt, Spass macht es ungemein.

Mit „Holiday“ startet die Band aus Österreich zwar noch etwas zurückhaltend ins Rennen, lässt aber gleich die herrlichen Synth-Bässe und die Gitarre voller Hall antreten. Schon jetzt ist klar: Like Elephants nehmen sich die romantischsten Teile des New Wave der Achtziger, mischen alles mit Popmusik, die auch im Schlaraffenland bejubelt wird und präsentieren es mit einer Prise Geheimnis. Und wenn dann bei „Ghost“ die Geschwindigkeit vergrössert wird, dann drehen sich auch die Discokugeln. Dass „Between Dreams And Truth“ aber nie zu einer billigen Tanzfete ausartet, das ist dem Songwriting zu verdanken – hier wird Modernes geschickt eingeflochten.

Zwar machen Like Elephants nach wenigen Songs bereits wieder Schluss, aber der Hunger ist am Ende der EP mehr als geweckt. Und wenn sich sogar Indie-Geniesser nicht entscheiden können, welcher dieser Hits nun der beste sein soll, dann hat die Band eindeutig etwas richtig gemacht. Her also mit dem gesamten Album, her mit dem unbeschwerten Lebensgefühl.

Anspieltipps:
Ghost, These Pictures, Between Dreams And Truth

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Dillon – Kind (2017)

Band: Dillon
Album: Kind
Genre: Pop / Electro

Label/Vertrieb: PIAS
VÖ: 10. November 2017
Webseite: dillonzky.com

Es tut mir immer etwas weh und leid wenn ich merken muss, dass ein Album oder gar eine Künstlerin oder ein Künstler nicht dem entspricht, was ich mir erhofft hatte. So zuletzt nun geschehen bei der brasilianischen Sängerin Dominique Dillon de Byington, besser bekannt als Dillon. Ihr drittes Album „Kind“ ist zwar kein misslungenes Werk oder eine schlimme Abkehr ihrer bisherigen Talente, vielmehr ist es für mich einfach nur zu langweilig und leer. Aber dies muss man der aktuellen Electronica-Pop-Bewegung ja oft vorwerfen, Reduktion ist halt nicht immer sexy.

Dillon bettet die Lieder auf „Kind“ ganz klar auf ihrer Stimme und dem Gesang – die begleitenden Klangspuren sind eher im Hintergrund und nie aufbrausend. Das funktioniert angenehm wiegelnd wie bei „Shades Fade“ oder lockt auch beim aufgespaltenen Titelsong für angenehme Gefühle. Beats findet man hingegen auch hier selten, eher eine leiche Brise aus Bläsern und Synthies. Wenn die Sängerin aber dann bei  „Te Procuro“ oder „The Present“ praktisch komplett auf die Musik verzichtet, dann zerfällt für mich die Platte.

Sicherlich, die Stimme von Dillon und ihre Ausdrucksart sind immer noch sehr eigen und reizvoll – immer leicht zerbrechlich und angeschlagen, aber kräftig und selbstbestimmt. Doch allzu oft beschleicht mich beim Anhören von „Kind“ das Gefühl, dass hier eine Blase voller warmer Luft zu stark hochstilisiert wird. Eine Krankheit, die der modernen Synthie-Pop-Musik oft anhaftet, ein Problem der aktuellen Generation, die sich zwischen Digitalismus und Fremdbewunderung selber nicht mehr findet. Weniger kann mehr sein, hier fehlen aber klar die wuchtigen Beats, die Keyboardflächen und die Bässe.

Anspieltipps:
Shades Fade, Regular Movements, 2. Kind

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.