Monat: Januar 2018

Dillon – Kind (2017)

Band: Dillon
Album: Kind
Genre: Pop / Electro

Label/Vertrieb: PIAS
VÖ: 10. November 2017
Webseite: dillonzky.com

Es tut mir immer etwas weh und leid wenn ich merken muss, dass ein Album oder gar eine Künstlerin oder ein Künstler nicht dem entspricht, was ich mir erhofft hatte. So zuletzt nun geschehen bei der brasilianischen Sängerin Dominique Dillon de Byington, besser bekannt als Dillon. Ihr drittes Album „Kind“ ist zwar kein misslungenes Werk oder eine schlimme Abkehr ihrer bisherigen Talente, vielmehr ist es für mich einfach nur zu langweilig und leer. Aber dies muss man der aktuellen Electronica-Pop-Bewegung ja oft vorwerfen, Reduktion ist halt nicht immer sexy.

Dillon bettet die Lieder auf „Kind“ ganz klar auf ihrer Stimme und dem Gesang – die begleitenden Klangspuren sind eher im Hintergrund und nie aufbrausend. Das funktioniert angenehm wiegelnd wie bei „Shades Fade“ oder lockt auch beim aufgespaltenen Titelsong für angenehme Gefühle. Beats findet man hingegen auch hier selten, eher eine leiche Brise aus Bläsern und Synthies. Wenn die Sängerin aber dann bei  „Te Procuro“ oder „The Present“ praktisch komplett auf die Musik verzichtet, dann zerfällt für mich die Platte.

Sicherlich, die Stimme von Dillon und ihre Ausdrucksart sind immer noch sehr eigen und reizvoll – immer leicht zerbrechlich und angeschlagen, aber kräftig und selbstbestimmt. Doch allzu oft beschleicht mich beim Anhören von „Kind“ das Gefühl, dass hier eine Blase voller warmer Luft zu stark hochstilisiert wird. Eine Krankheit, die der modernen Synthie-Pop-Musik oft anhaftet, ein Problem der aktuellen Generation, die sich zwischen Digitalismus und Fremdbewunderung selber nicht mehr findet. Weniger kann mehr sein, hier fehlen aber klar die wuchtigen Beats, die Keyboardflächen und die Bässe.

Anspieltipps:
Shades Fade, Regular Movements, 2. Kind

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Lyvten – Bausatzkummer (2017)

Band: Lyvten 
Album: Bausatzkummer
Genre: Punk / Rock

Label/Vertrieb: Twisted Chords
VÖ: 6. Oktober 2017
Webseite: lyvten.com

Wer sagt denn, dass Punk mit deutschen Texten immer nach billigen Bierdosen stinken und aus den kleinsten Saukäffer im entferntesten Bundesland stammen muss? Lyvten scheissen auf diese mühsamen Klischees und bringen die direkte, rohe und immerzu etwas entnervte Musik wieder in die Bankenstadt Zürich – mit sattem Rocksound und bekannter Unterstützung. „Bausatzkummer“ trumpft somit nicht nur mit tollen Texten und lauten Gitarren, sondern lädt alle dazu ein, ihre eigenen Probleme und ihren Missmut zu zerlegen.

Ob sich die Gruppe, welche hier mit ihrem zweiten Album eine tolle Stilmischung auftischt, nun politisch zeigt oder eher in den individuellen Zonen wuchert – treffend sind Stücke wie „Nur das Beste“ oder „Nagel und Metall“ immer. Lyvten unterlegen ihre Songzeilen mit der Rastlosigkeit und Entschlacktheit des Punk („Politur und feine Sitten“), gehen in der Atmosphäre aber in anderen Gebieten tauchen. So legt sich die Band die Brutalität des Hardcore an die Leine, schreit um unsere aller Seelen und setzt das Album tief in den Emo. Kein Wunder, lieh Sänger Aydo Abay seine Stimme für „Echo“.

„Bausatzkummer“ ist somit ein wunderbar wildes und direktes Album geworden, das sowohl Irokesenträger wie auch Werktagsrebellen verbindet. Nicht alles bei Lyvten tut weh, Melodien und Songs dürfen auch mal ohne anzuecken vorbeiziehen, aber alles fordert die richtigen Dinge. Mit der richtigen Menge an Aggression, einer einladenden Geste und Sätzen, die man auch vom Balkon hängen würde, findet man also wieder Spass im Widerstand. Und so hüpfbar wie bei „Nur das Beste“ sind wir noch selten auf unseren eigenen, idiotischen Floskeln hingewiesen worden.

Anspieltipps:
Nur das Beste, Echo, Nagel und Metall

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Null + Void – Cryosleep (2017)

Band: Null + Void
Album: Cryosleep
Genre: Electro / Dark Wave

Label/Vertrieb: hfn
VÖ: 3. November 2017
Webseite: kurtuenala.com

Es ist erstaunlich, wie schnell man einzelne Stimmen mit gesamten Genres verbindet. In der elektronischen Musik, welche spezifisch aus dem dunklen Wave entstanden ist, bleibt ganz klar Dave Gahan die Anlaufstelle für die passende lyrische Untermalung düsterer Beats und Baselines. Kein Wunder also, wird die Kollaboration „Where I Wait“ schnell zu einem ersten Höhepunkt auf „Cryosleep“ – aber nicht zum einzigen. Denn das erste Album von Musiker Kurt Uenala unter dem Namen Null + Void lebt von seiner Erfahrung und der vielseitigen Stimmung. Das beweist bereits der Einstieg.

Bei „Falling Down“ werden die Synthieflächen nämlich vom Black Rebel Motorcycle Club unterstützt, herrlich kühl und nie wild aufbrausend. Dies bleibt den folgenden, instrumental gehaltenen Tracks vorbehalten, mit welchen uns Null + Void immer weiter in die verlassenen Kellerräume der Industriegebiete führt. Ob herrlich klare Melodien, wild verzerrte Effekte oder sanft eingesetzte Bässe, „Come To Me“ oder „Asphalt Kiss“ umgarnen und bleiben trotzdem in Bewegung. Man spürt, dass der Schweizer Produzent hinter diesem neuen Pseudonym nicht nur seit vielen Jahren im Geschäft tätig ist, sondern auch für grosse Namen wie Moby, Depeche Mode oder The Kills kreativ war.

Null + Void vermag es aber sogar, in dieser diversen Gestalt und trotz vielen Gästen eine eigene Identität zu etablieren und sich schwarz gekleidet zwischen Dance, Techno und Synthie-Pop zu bewegen. „Cryosleep“ ist somit niemals langwierige Musik für den Hintergrund, sondern immer wieder überraschend, abwechslungsreich und ein grosser Genuss. Ob schwelgerisch mit „Take It Easy“ oder hart pulsierend wie „Paragon“, Kurt Uenala weiss, was er will. Und das gefällt sehr.

Anspieltipps:
Into The Void, Where I Wait, Paragon

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Gisbert zu Knyphausen – Das Licht dieser Welt (2017)

Band: Gisbert zu Knyphausen
Album: Das Licht dieser Welt
Genre: Indie / Singer-Songwriter

Label/Vertrieb: PIAS
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: gisbertzuknyphausen.de

Worauf wartet die Welt heutzutage wirklich noch, wenn überall dieser ohnmächtige Überfluss lauert? Ganz klar, auf das neue Album des deutschen Musikers Gisbert zu Knyphausen. Der Herr mit dem wunderbar andersartigen Namen und den entspannt treffenden Texten hat sich nach sieben Jahren wieder erbarmt, uns ein Album voller Melodie, Text und Liedermacherkunst zu schenken. “Das Licht der Welt” ist genau das Werk, welches man für diesen endgültig etwas trostlosen Herbst benötigt.

Gisbert zu Knyphausen war schliesslich noch nie einer, der die Zustände einfach so hinnehmen und bleiben lassen konnte – auch seine Lieder machen immer wieder die herrlich unerwarteten Ausschweifungen. Dass man hier aber nach Kollaborationen bei Kid Kopphausen und Husten endlich die Reinheit des Musikers frisch erfährt, ist wundervoll. Man wird in Geschichten eingeladen, in denen der Singer-Songwriter mit Synthie, Trompete und viel Gitarre aufgemischt wird, die etwas verlorene Existenzen beobachten und aber sogar im Tod die Schönheit finden.

Somit ist sein drittes Soloalbum keine melancholische Alltagsaufnahme, sondern eine beschwingte und immer offene Erzählung über unsere moderne Zeit – mit allen wichtigen Aspekten. “Das Licht der Welt”, es scheint aus jedem der zwölf Stücke, egal ob mit englischen oder deutschen Texten, ob nahe bei Element Of Crime oder doch wieder beim einzelnen Troubadour. Gisbert zu Knyphausen lädt uns alle ein, Musik aus Deutschland neu zu entdecken und lieben zu lernen. Schliesslich heisst es nicht umsonst: “Etwas Besseres als den Tod finden wir überall”.

Anspieltipps:
Sonnige Grüße aus Khao Lak Thailand, Cigarettes & Citylights, Etwas Besseres Als Den Tod Finden Wir Überall

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Zach Mathieu – Highs & Lows (2017)

Band: Zach Mathieu
Album: Highs & Lows
Genre: Alternative Rock / Punk / Indie

Label/Vertrieb: Rookie
VÖ: 11. August 2017
Webseite: Zach Mathieu auf FB

Manchmal hatte ich etwas das Gefühl, Zach Mathieu können sich nicht so richtig entscheiden. Soll ihr Album nun eher in die harte Richtung des Post-Hardcore ziehen, oder doch lieber auf die emotionale Seite des Alternative Rock kippen? Irgendwann merkt man als Hörer aber: Diese Entscheidungsfrage stellt sich bei “Highs & Lows” eigentlich gar nicht, denn die deutsche Truppe kann beides. Und beim Debütalbum darf man schliesslich noch etwas ungeschliffen auf dem Parkett erscheinen.

Zu wenig Elan und Einfall darf man den vier Herren aber auf keinen Fall vorwerfen, pendeln ihre Stücke doch von Thrice zu Punk-Rock, nehmen einen Schluck Stadionrock und tanzen in Pogo-Formation durch den Emo. Kein Wunder also, wagen es Zach Mathieu bei Liedern wie “Believe” sogar, U2-Gitarren einzubauen. Man spürt, dass sich die Musiker viel Zeit für ihr erstes Kind gelassen und Hymnen wie “Long Days Goodbye” mit genügend Dreck versehen haben. Die Gitarren kratzen laut, der Gesang ist immer nahbar und doch melancholisch.

“Highs & Lows” ist kein Album, das sofort “klick” macht, viel eher braucht es Zeit, um alle Facetten zu offenbaren. Wenn dies geschehen ist, dann gelingt Zach Mathieu aber ein ähnliches Kunststück wie The Intersphere, wenn auch nicht ganz so hart: Nämlich diverse musikalische Welten zu verschmelzen und ein treibendes Werk zu schaffen – eines, das viele Lager anspricht und sich auch an die Eingängigkeit traut. Denn was ist schliesslich wirklich schwarz-weiss auf dieser Welt?

Anspieltipps:
Hopes & Dreams, Believe, States

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Schiller, Volkshaus Zürich, 17-10-27

Bild: Dietmar Grabs

Schiller
Freitag 27. Oktober 2017
Volkshaus, Zürich

Wenn sich aus der Dunkelheit langsam das Tourlogo in Form einer Spiralfeder schält und die Musiker in leicht buntes Licht taucht, dann macht es Sinn, tummeln sich im Kopf plötzlich Assoziationen zur Kindheit. Damals, als man mit Verwunderung ebendieses Plastikspielzeug die Treppe runterpurzeln liess und sich wunderte, welche Kräfte denn hier am Werk waren. Und genau diese Gefühle und Gedanken zapft Christopher von Deylen mit seiner Musik seit 1998 an und lässt uns immer wieder die Welt aus neuen Sichtweisen sehen. Schön also, machte Schiller wieder einmal in Zürich Halt.

Im Gegensatz zum letztjährigen Konzert im Hallenstadion gab es den Künstler im Volkshaus wieder in abgespecktem Format zu sehen  – begleitet von nur zwei Musikern und mit einem reinen Instrumentalprogramm, den Klangwelten. Eine kleine Reise also durch Synthieschluchten und Beatfelder, zwischen alten Hits wie „Das Glockenspiel“ und neusten Kompositionen wie „The Future III“, immer nahe an der Entspannung und leicht dem Kitsch frönend. Ohne die Gastsänger und dank der Verlagerung weg von den klaren Chartstürmern war dieses Programm aber auch in der neusten Auflage eine angenehme Meditationsreise.

Ob man sich nun mit geschlossenen Augen von den im Surround-Sound dargebotenen Keyboardflächen und Sequenzerspuren davontragen liess, oder gemeinsam mit den anderen Besuchern die geschmacksvolle Lichtshow betrachtete – jeder fand etwas im Konzert. Umso schlimmer darum, dass die Darbietung nach einer knappen Stunde von einer Pause unterbrochen wurde und vieles von der Magie zerbröckelte. So kam auch das Publikum nie aus seiner verhaltenen Rolle heraus und Schiller liess sich selber zu selten auf die Techno-Vergangenheit ein.

All dies vermengte sich in gewissen Momenten zu einem Auftritt, der etwas mehr Spannung und weniger Chill-Out hätte vertragen können – eigentlich riss nur „Ruhe“ wirklich mit. Trotzdem, in Kombination mit gelungenen Visuals wurden die neuen Tracks wie „Schwerelos“ und „Once Upon A Time“ zu einer Möglichkeit, sich die Welt und all ihre Wunder wieder einmal neu anzueignen. Es kann also fast kein Zufall sein, dass Schiller mit seinen Keyboard-Kameras Szenerien auf den Screen zauberte, die wie futuristische Städte aus „Blade Runner 2049“ wirkten. Denn wie auch der dystopische Film sind die Klangwelten des Musikers ein Kommentar zum menschlichen Verhalten und unserem Potential – eine Zeitreise in Kreisform.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Bild: Dietmar Grabs

Philip Selway – Let Me Go (2017)

Band: Philip Selway
Album: Let Me Go
Genre: Soundtrack / Indie

Label/Vertrieb: Bella Union
VÖ: 27. Oktober 2017
Webseite: philipselway.com

Er war ja noch nie einer, der sich mit extremen Trommelwirbeln und unbarmherzigen Doublebass-Attacken bekannt gemacht hatte. Dies bewies Philip Selway, die meiste Zeit Schlagzeuger bei Radiohead, bereits auf seinen vorherigen Soloalben. Für “Let Me Go” geht der Künstler aber noch einen Schritt weiter und zaubert praktisch im Alleingang einen Soundtrack auf das Parkett, bei dem sich Familien und Geister gemeinsam einfinden. Und auch wenn der Film harte Themen wie Weltkriegsverbrechen und Verlust behandelt, in der Musik findet man immer wieder die aufkeimende Schönheit.

Dass es sich hier nicht um eine rein perkussive Darbietung von Songs handelt, ist dem Einfallsreichtum und Talent von Philip Selway zu verdanken. So klemmte sich der Musiker hinter das Klavier, die Gitarre und sogar das Glockenspiel, um den kurzen, aber gefühlvollen Liedern die richtige Atmosphäre zu verleihen. Mit der Verwendung der singenden Säge erhalten die oft knappen Insturmentaltracks eine unheimliche Komponente und schweben durch die alten Räume. Allgemein lebt “Let Me Go” stark von einzelnen und oft schwermütigen Melodien, nur wenige Stücke setzen auf Gesang (“Walk” oder “Let Me Go”).

Das Schöne an diesem Soundtrack ist aber, dass dieses Album auch ohne den Film hervorragend funktioniert. Philip Selway bleibt mit seiner ruhigen Mischung aus alternativem Pop und experimentellen Instrumentaltracks auf dem Pfad von “Weatherhouse”, erweitert das Bild aber um dunklere Farben und noch mehr Einfühlungsvermögen. Somit ist dieses Werk ein in sich gekehrtes Spiel mit Stimmungen und Erinnerungen an Menschen, die man zu schnell vermisst. Vibraphon und schwere Vergangenheiten inklusive.

Anspieltipps:
Wide Open, Walk, Let Me Go

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Mogwai, Kaserne Basel, 17-10-26

Mogwai
Support: Sacred Paws
Donnerstag 26. Oktober 2017
Kaserne, Basel

Heilige Pfoten und Dämonen mit Fell – was nach einem flauschigen Abend im verzauberten Zoo klingt, war der normale Rock-Wahnsinn am Donnerstagabend in der Kaserne in Basel. Glasgow besuchte die Schweiz und zeigte, dass die lokale Musikszene Schottlands mit extrem unterschiedlichen Bands aufwarten kann. Kein Wunder also, war die Halle stark mit Neugierigen befüllt und schon fast mit tropischem Klima ausgestattet. Doch bevor die Helden des Abends, die Post-Rock-Grösse Mogwai, die Bühne für sich behaupten konnten, gab es einige Überraschungen zu erleben.

Das Duo, zeitweise Trio, Sacred Paws aus Glasgow und London gibt nicht nur in ihrer Biografie an, sich immer mit viel Inbrunst zu bemühen – sie zeigten diesen Willen auch live. Der Stilkontrast zwischen Vorband und Hauptact hätte zwar nicht grösser sein können, die Frauen stürzten sich aber mit so viel Spielfreude und Ausgelassenheit in ihren Jangle Pop, dass man nach wenigen Takten automatisch mit Kopf und Körper wackelte. Schon fast hyperaktive Schlagzeugrhythmen und Gitarrenfiguren wurden von quierligem Gesang begleitet und zeigten, dass nicht alles aus dem Norden instrumental und schwer sein muss.

Aber auch Mogwai selber haben nicht zuletzt mit ihrem neusten Album „Every Country’s Sun“ bewiesen, dass Humor immer einen grossen Platz in ihrer Musik einnehmen wird. Was früher in merkwürdigen Album- und Songnamen ausgelebt, dann von Synthies und Sprachsamples weitergeführt wurde, darf jetzt in „Disco-Stücken“ münden. „Party In The Dark“ wurde auch gleich als zweites Lied in der Kaserne dargeboten und liess den Post-Rock mit lautem Shoegaze und Gesang in neue Gebiete eintreten. Für Puristen wohl ein Moment der Überwindung, in der Bandgeschichte aber eine logische Weiterentwicklung.

Denn wenn Lieder wie „Remurderd“ mit Synthiespuren das Basler Publikum erquicken können und sich das knackige Songformat bei Mogwai bereits seit Jahren bewährt hat, dann liegen die Intuitionen der Musiker bestimmt nicht falsch. Auch wenn ich mir teilweise ein längeres Ausharren auf gewissen Riffs oder Melodien gewünscht hätte, diese konzentrierte Form ihrer Lieder machte viel vom Reiz aus. Wirklich gross wurde dies natürlich mit den sehr lauten, von bis zu drei Gitarren dargebotenen Stücken wie „2 Rights Make 1 Wrong“ oder die Zugabe „We’re No Here“. Ob nun die Erde bebte oder der Gleichgewichtssinn von den Schallwellen verwirrt wurde, die Schotten strahlten nicht nur dank ihrer eindrucksvollen Lichtshow.

Mit zwei neuen Tourmitgliedern Cat Myers (Schlagzeug) und Alex Mackay (Gitarre), vielen frischen Songs wie dem dunklen „Old Posions“ und einer grossen Spielfreude, bewegten sich die Mitglieder von Mogwai zwischen Scheinwerfern, Strobo und raumfüllenden Lichtinstallationen und zeigten, dass sie live zu einer unglaublichen Wucht aufspielen – und dies nach mehr als 20 Jahren Bandgeschichte! Post-Rock klang selten so lebendig und liess die Leute zu einigen Tanzbewegungen hinreissen. Da sollte auch das Füttern nach Mitternacht kein Problem darstellen.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Claire M Singer – Fairge (2017)

Band: Claire M Singer
Album: Fairge
Genre: Experimental / Ambient

Label/Vertrieb: Touch
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: clairemsinger.com

Und jetzt zu etwas komplett Anderem: Eine 20-minütige Komposition für Orgel und Cello, ein kontinuierliches Anschwellen an Klangschichten, ein hypnotisches Stück Musik zwischen Experiment und Ambient. Was die schottische Künstlerin Claire M Singer mit “Fairge” vorlegt, ist genauso träumerisch und unwirklich wie geerdet und emotional. Knapp ein Jahr nach ihre Debütalbum “Solas” wird der Kosmos dieses jungen Talents gefühlvoll erweitert und ist nicht nur für Denker interessant.

“Fairge” ist als Lied wie als Konzept eine Reise und beginnt in kompletter Stille. Ganz sachte lässt Claire M Singer die Instrumente in das Bewusstsein des Hörers treten und verfeinert die Töne mit Elektronik. Was zuerst wie etwas unheimliche Field Recordings wirkt, bläht sich mit jeder Minute zu einem grösseren Klangkörper auf und man bemerkt: Dies sind Orgelnoten, welche schier pausenlos gehalten werden. Schwermütig, aber immer zaubervoll vom Cello umgarnt, steigt man zusammen mit der sich steigernden Lautstärke in die Höhe. Und spätestens ab der Hälfte des Liedes findet die Katharsis statt.

Claire M Singer scheut sich nicht, meist eher veraltet anmutende Instrumente in experimentelle Formen zu bringen und mit wenigen Veränderungen in der Komposition extreme Wirkungen zu erzielen. “Fairge” ist somit eine ergreifende Erfahrung und sowohl für Leute perfekt, denen Anna Von Hausswolff immer etwas zu bedrohlich erschien, für die die Orgel im Soundtrack zu “Interstellar” dann aber doch zu selten aufspielen durfte. Und wenn am Ende die Musik langsam wieder aus unserer Wahrnehmung verschwindet, so bleibt das Gefühl der Vollkommenheit.

Anspieltipps:
Fairge

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.