Monat: Juli 2018

Deaf Autumn – The Shape (2018)

Irgendwie erinnert die Musik an etwas bestimmtes, und spätestens als der Refrain von „Getting Worse“ seinen Platz einnimmt ist klar: Hier drücken immer wieder Thursday durch. Melodisch melancholischer Gesang, harte Riffs vor nachdenklichen Melodien und eine stete und dynamische Wand voller Klang – Deaf Autumn machen auf ihrem zweiten Album vieles gleich wie die Amerikaner. Der Post-Hardcore auf „The Shape“ erlaubt sich aber genügend Eigenheiten, um nicht als billige Kopie dazustehen.

Seit 2013 musizieren die drei Italiener als Deaf Autumn und brachten 2015 ihr Debüt raus. Seither hat sich an der Mischung zwar nicht viel geändert, weiterhin wird der Hardcore mit viel Rock und etwas Metal aufgepeppt, aber die Band klingt nun noch selbstbewusster. „Till The End“ erlaubt sich elektronisches Drumming und feinen Gesang, „Love Pretender“ vergisst alle Brutalität und geniesst eingängige, akustische Gitarren – und all dies funktioniert wunderbar neben Krachern wie „A Thousand Broken Hearts“.

Deaf Autumn legen grossen Wert darauf, dass ihre Lieder nie zu einer blossen Kraftschau werden, viel mehr sind die Emotionen immer die wichtigsten Bestandteile von „The Shape“. Da kann die Double-Bass noch so wild poltern, man fühlt sich immer verstanden und gut aufgehoben auf diesem Album. Wunderbare Gitarrenspuren verzieren die Takte wie eine hübsche Malerei, abwechselnd gesungene und geschriene Zeilen bieten eine grosse Bandbreite. Für alle Freunde des zugänglichen Post-Hardcore lohnt sich das Reinhören also auf jeden Fall.

Anspieltipps:
A Thousand Broken Hearts, Love Pretender

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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The Dead Brothers – Angst (2018)

Seit 1998 ist das Kollektiv The Dead Brothers dran, die Schweiz von Genf aus in einen Friedhof zu verwandeln. Dazu benötigen sie aber keine Schaufeln und Leichen, sondern unzählige Instrumente, einen schauerlichen Umgang mit Folk und viele Tanzmelodien. Nun endlich gibt es mit „Angst“ das siebte Album der Gruppe und präsentiert ein solch breites Spektrum, dass fast jedes Lied für sich alleine beschrieben und gefeiert werden sollte. Von wildem Rock’n’Roll zu morbiden Traditionsbearbeitungen, deutschem, französischem oder englischem Gesang und sogar Jodel aus der Gruft – hier findet man alles.

Da The Dead Brothers ihre Lieder immer in einen handgemachten und traditionellen Kontext stellen, hat man nie das Gefühl, auf diesem Album passiere zu viel. Viel eher lauscht mal gespannt der Zither, Geigen, Banjos, Orgeln oder mysteriösen Chorgesänge. „Zeirli“ lockt wie auch „Es isch kei Soelige Stamme“ auf die abgestorbene Alp, „Pretty Polly“ lädt zum Tanze in einem verdreckten Keller ein, „Mean Spirit Blues“ holt die Sklaverei zurück. Man denkt am Künstler wie Nick Cave („Everything’s Dead“), Stephan Eicher oder einen analog reduzierten IAMX – doch immer bleibt diese Truppe in ihren Darbietungen und Arrangements eigen.

Wären Stilrichtungen wie Blues, Rock oder Folk untote Wesen am mitternächtlichen Umzug durch ein verlassenes Dorf, dann würden sie so klingen wie auf „Angst“ dargestellt. The Dead Brothers sind also immer noch die Band, die das schwarz gekleidete und horrormässige Gegenteil von Patent Ochsner darstellt und somit verführen und gruseln. Dass dabei der Humor nie fehlt, das sollte eigentlich selbstverständlich sein und macht aus „Angst“ eine wunderbar Runde Platte. „I Had A Dream Last Night That I Was Dead“ – was könnte es schöneres geben?

Anspieltipps:
Everything’s Dead, Zierli, Angela

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Anna Von Hausswolff – Dead Magic (2018)

Wer nach „Ugly And Vengeful“ immer noch glaubt, unser Dasein haben einen tieferen Sinn und werde in alle Ewigkeit weiterscheinen, der ist wahrlich im Optimismus verloren. Viel grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich nach diesem viertelstündigen Monstrum zwischen Gothic Rock, Drone und experimentellem Ambient irgendwo im Schatten verkriecht und auf das schleichende Ende der Welt hofft. Mit ihrem vierten Album „Dead Magic“ beschreitet die schwedische Künstlerin Anna Von Hausswolff also keine neuen Wege, sondern führt meisterhaft ihren Kosmos voran und umgarnt erneut die alles verschlingende Dunkelheit.

Mit nur fünf, dafür meist lange treibenden Kompositionen zeigt sich „Dead Magic“ in extrem starker und schwarzmagischer Form. Wiederum steht über allem eine Orgel, dieses mal in der Marmorkirken in Kopenhagen aufgenommen. Doch Anna Von Hausswolff mischt die sakrale Tonfolgen in eine Musik, die irgendwo zwischen den dystopischen Fantasien von Swans („The Mysterious Vanishing of Electra“) und dem erhabenen Soundtrack von „Interstellar“ liegt („The Marble Eye“). Immerzu fesselnd, mysteriös, wachsend und wunderschön – so viel Leidenschaft und Passion findet man sonst selten in solch destruktiven Kompositionen.

Egal wie stark uns Anna Von Hausswolff mit ihrer Musik hypnotisiert, ihr Gesang, ihre markerschütternder Schreie und ihr scheinbar versöhnliches Flüstern locken uns immer wieder in die Falle und lassen den vernichtenden Schwertstoss in das Herz noch brutaler erscheinen. „Dead Magic“ ist kein normales Album, es ist ein Heiligtum der Hölle, das schon lange unter der Oberfläche brodelte und endlich die oberste Erdschicht durchbrechen konnte. Und bald merkt man, dass hier nicht normale Lieder erklingen, sondern Leben und Tod in klanglicher Form zu unseren Begleitern werden – und das menschliche Wirken plötzlich auf den Kopf gestellt wird. Einfach nur wunderschön!

Anspieltipps:
The Truth The Glow The Fall, The Mysterious Vanishing of Electra, Ugly And Vengeful

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Muerte Espiral – Invocación (2017)

Hinab werden wir gesogen, in die Dunkelheit und den Tod, umgeben von tief brummenden Saiten und erbarmungsloser Rhythmik. Es gibt kein Aufprall, es gibt keine Erlösung – hier sind wir im steten Fall gefangen und müssen Leid wie Druck ertragen. Aber wer diesen Zustand so packend ausformuliert wie das Trio Muerte Espiral, dem folgen wir gerne in die pechschwarze Unendlichkeit. „Invocación“ (Bitte an eine höhere Person) begegnet uns nämlich nicht nur mit einer zähnefletschenden Fledermaus, sondern brachialem Stoner- und Doom-Rock.

Anfang 2017 vom chilenischen Gitarristen Jurel Sónico und der Zeal & Ardor-Bassistin Mia Moustache aus Basel gegründet, ist Muerte Espiral nicht nur ein frisches Kind im Umfeld der harten Rock-Musik, sondern auch eine Ursuppe an Talent und Spielfreude. Mit ihrer eigens aufgenommenen EP darf man noch einen sehr rauen Augenblick im Banddasein erleben und findet zwischen kratzenden Tonspuren, tief gestimmten Saiten und rauschenden Soundwänden herrliche Lieder wie „Mantenlo Real“ oder „Mámba Negra“. Virtuose Gitarrensolos laden den Grunge in zerfetzten Klamotten ein, Geschrei und Wut den Metal.

Man spürt schnell, dass bei Muerte Espiral nicht nur eine weitere Kombo der wilden Musik entstanden ist, sondern ein Projekt voller Leidenschaft und Lust. Ob einzelne Riffs nun psychedelisch nachhallen oder der Gesang wie bei Alice In Chains geschichtet wird (siehe „Cráneo“), „Invocación“ macht immer viel Spass und schon jetzt grosse Vorfreude auf das kommende Album. Die Scheibe soll in wenigen Wochen beim Basler Label Czar Of Crickets erscheinen und bestimmt in mancher Wohnung für schepperndes Mobiliar sorgen.

Anspieltipps:
Mamba Negra, Mantenlo Real, Zahori

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fever Ray – Plunge (2018)

Seid ihr bereit für Abgründe, verstörende Geräusche und merkwürdigen Gesang? Hoffentlich, denn nach acht langen Jahren folgt endlich das zweite Album von Fever Ray – genauer gesagt von Karin Dreijer, ehemaligen Frontfrau von The Knife. Die schwedische Sängerin hat endlich Zeit gefunden, ihr Soloprojekt wieder mit Energie vollzupacken und uns erneut in die kaputte Welt der schrägen Tanzmusik und verzerrten Electronica zu entführen. Und toll ist an „Plunge“, dass man sich auch nach so langer Zeit der Abwesenheit gleich wieder zurecht findet, wird hier doch oft mit bekannten Mitteln gespielt.

So erinnert das Titellied sehr stark an die letzte Scheibe von The Knife, vermengt den experimentellen Electro-Pop aber mit Anleihen von Kraftwerk. Fever Ray ist allgemein eine Meisterin darin, ihre ureigene Musik immer wieder mit neuen Einflüssen und Ideen zu verzieren, ohne das Grundrezept zu verwässern. „This Country“ geht so textlich gegen alle Konventionen und lockt uns mit gewisser Eingängigkeit wie eine Spinne in ihr Netz. Anderes wie „IDK About You“ ist als Grundgerüst zwar klassischer Pop, wurde aber so fremdartig ausgebaut, dass es fast wie Musik einer fernen Welt wirkt.

„Plunge“ ist also nicht nur ein Lehrstück in synthetisch produzierter Musik, sondern die perfekte Grundlage für ausgefallenen Ausdruckstanz, Emanzipation von schrägen Gefühlen und klangliche Bühne für die Party mit den Untergrundbewohner. Da aber die Kompositionen von Fever Ray nie ganz aus dem Ruder laufen, hat man dank Songs wie „To The Moon And Back“ immer die Gewissheit, noch nicht ganz dem Wahnsinn verfallen zu sein. Viel lieber tanzen wir alle zusammen in radioaktivem Licht.

Anspieltipps:
Wanna Sip, IDK About You, To The Moon And Back

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Kobra Effekt – Kobra Effekt (2018)

Man kann es Andy Röösli nicht verübeln, dass er manchmal laut und wütend werden will. So wie wir mit unserem Leben und unserer Umgebung umgehen kann es nicht mehr lange funktionieren. Dass der Basler Musiker seine neue Band somit Kobra Effekt nennt und damit das Phänomen der problemverstärkenden und nicht -lösenden Massnahmen als Banner nimmt, liegt auf der Hand – auch, dass die Musik der Gruppe gerne direkt und mit starker Verzerrung aus den Boxen klingt. Ganz vergessen geht aber der Mundart-Pop trotzdem nicht, das zeigt sich in der eingängigen Melodienführung und direkten Texten.

Doch leider werden auch genau diese beiden Punkte auf „Kobra Effekt“, welches das erste Album der 2014 gegründeten Gruppe ist, oft zum kleinen Stolperstein. „Alles klar“ zum Beispiel bringt lärmige Gitarren und direktes Riffing mit sich, die gesungenen Zeilen wollen sich aber nicht so richtig in die Musik einfügen und die Wortwahl scheint etwas unglücklich zu sein. Viel besser wirkt der Einsatz von Kobra Effekt dann bei „So simmer“ oder „Schluuch“, Songs, die eher leicht melancholisch und direkt an ihren Inhalt herangehen. Hier findet man schnell die Daseinsberechtigung der Platte.

Irgendwo zwischen nicht zu wildem Alternative Rock, ungeschöntem Pop und zeitgenössischem Mundart landen Kobra Effekt mit ihrer Musik und tun gut darin, Abgründe und Probleme anzusprechen. Und auch wenn sich die instrumentale Begleitung des Gesang etwas anders anhört als im durchschnittlichen Schweizer Song, reicht es doch nie ganz zur Grosstat. Die Kompositionen hätte etwas mehr Feingefühl vertragen, das Album etwas mehr Abwechslung – aber vielleicht finden die Mannen ja bei ihrem Zweitling dann die Quelle des Glücks.

Anspieltipps:
I dere Stadt, So Simmer, Schluuch

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Geowulf – Great Big Blue (2018)

Da soll noch einer sagen, das Komplettpaket sei nicht durchdacht. „Great Big Blue“ begrüsst den Hörer nämlich mit einem herrlich sommerlichen Covermotiv, das perfekt die Stimmung der Musik widerspiegelt. Das erste Album des australischen Duos Geowulf klingt nämlich nicht nur nach warmen Abenden, sondern Strand und Gartenparty. Kein Wunder kriegt man bei diesem leichten Pop gleich Lust, mitsamt der Kleidung in den Pool zu springen – das vertreibt nämlich auch alle Sorgen.

Denn obwohl Frontfrau Star Kendrick in Liedern wie dem schmissigen „Drink Too Much“ eher ernste Themen wie Streit und Fremdheit besingt, verfällt die Musik nie der Melancholie oder lamentierenden Haltung. Zusammen mit Gitarrist Toma Banjanin schreibt sie seit 2016 Lieder, die immer Hoffnung und Glück in sich tragen. Geowulf tanzen mit Dreampop und Shoegaze, lassen ihre Melodien in Flächen und geschichteter Weise auftreten und wirken dabei immer beruhigend wie der beste Freund an der Party, nachdem er schon ein paar Gläser Weisswein getrunken hat.

„Hideaway“ gibt sich so als perfekter Hit, „Summer Fling“ spielt gar mit Stadiongrösse und „Won’t Look Back“ ist das Lied, das The XX schon immer schreiben sollten, aber es nie tun werden. Geowulf sind also nicht nur Balsam auf der angeschlagenen Seele, sondern die liebliche Alternative zu Lana Del Rey und perfekte Musik für Zeiten, in denen wir eine Aufmunterung benötigen. Die Heilung durch Wärme, dies versuchen die beiden Musiker nun von London aus – und gewinnen.

Anspieltipps:
Hideaway, Drink Too Much, Won’t Look Back

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Gonzo, Oxil Zofingen, 18-02-17

Gonzo + Bell Baronets
Samstag 17. Februar 2018
Oxil, Zofingen

Zusammenarbeit, Gegensätze und verschiedene Bereiche des Spektrums – der Verein Kultur Anlass übernahm für einen Abend das Kulturlokal Oxil in Zofingen und führte mehrere Generationen von lokalen Musikschaffenden zusammen. Das führte nicht nur zu einem Abend voller toller Livemusik, sondern auch der herrlichen Gewissheit, dass die regionale Kultur trotz allen Stolpersteinen auch heute noch kein bisschen leiser geworden ist. Und es ist immer toll, die bereits 1989 gegründete Formation Gonzo auf der Bühne erleben zu dürfen.

Das Quartett macht sich nämlich gerne rar und versteckt sich lieber im Proberaum und hinter neuen Songideen, als die Welt mit ihrer Anwesenheit zu beglücken. 2004 erschien ihr bisher einziges Album „Zeal“, doch auch an diesem Samstag spürte man schnell: Die Lust und Freude am Rock ist ihnen noch lange nicht abhanden gekommen. Gonzo spielten von der ersten bis zur letzten Minute voller Intensität und Gefühl, mit ihren langen Stücken, die zwischen elegischen Teilen und wuchtigen Stürmen wechselten. Ob fast bei Heavy Metal angelangt, mit verzerrtem Gesang und krachenden Riffs oder dann wieder mit Synthie und Bassflächen an Pink Floyd (ohne die Waters-Schizophrenie) vorbeirauschend – dies war die eigentlich wahre Form von Emotional Rock.

Ihre Lieder steigerten sich über viele Minuten zu mitreissenden Abenteuern, ob das eröffnende „Not As Big As It Seems“ oder das spät dargebotene „Roads“, dieses Konzert liess niemanden kalt. So blieb den Freunden und Fans zwar „Destiny“ verwehrt, aber mit einem wirklich gelungenen Cover von „Wish You Where Here“ wurde man doch versöhnlich verabschiedet. Schade nur, hatten viele Besucher das Gefühl, als Bekannte der Band das Konzert auch laut schwatzend bei der Bar begleiten zu dürfen. Für das nächste Mal ist von dieser Seite mehr Feingefühl gefragt, denn Gonzo haben unsere volle Aufmerksamkeit zu jeder Sekunde verdient.

Direkter und wilder gingen danach Bell Baronets zugange und holten sich die Besucher mit starkem Riffing und präzisen Schlägen ab. Obwohl die Gruppe erst seit 2011 existiert und letztes Jahr endlich das Debüt „The Strong One“ erscheinen durfte, sind die drei Mannen keine selten gesehenen Gesichter auf den Bühnen der Schweiz und haben sich mit weit über 100 Konzerten schon lange als fesselnder und mitreissender Liveact etabliert. Dies durfte man auch im Oxil erneut erleben, Stücke wie „Blame It On Me“ oder „Gone For Good“ mischten kecken Fuzz-Rock mit Indie und Blues und klangen, als hätte man hier alte Hasen vor sich stehen.

Mit einem neuen Stück, einer fast akustischen Einlage vor der Bühne und wilden Gitarrensolos boten Bell Baronets für alle etwas und liessen mich erneut erstaunt zurück, wie solch junge Menschen eine so wahnsinnig gute Band sein können. Das liegt wohl am Quellwasser in Zofingen, denn wie man in diesen Stunden bemerken konnte, fügen sich seit Jahrzehnten Menschen, Instrumente und Ideen im Aargauer Städtchen zu fantastischen Resultaten zusammen – und dies wird hoffentlich noch lange so bleiben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Federico Albanese – By The Deep Sea (2018)

Seit seiner Kindheit setzt sich der Mailänder Federico Albanese immer wieder hinter das Klavier und spielt sich somit in Welten hinein, die zugleich die Realität ausblenden wie auch das momentane Geschehen wirkungsvoll verstärken. 2012 zog der Künstler nach Berlin und lebt auf seinem dritten Album „By The Deep Sea“ die Liebe zur Klassik aus. Geschickt führt er seine Lieder aber schichtweise in die Neue Musik und zaubert mit elektronischen Flächen und Ambient-Wirkungen. „We Were There“ erinnert an Max Richter und verzaubert mit wundervollen Streichern.

„By The Deep Sea“ erscheint genau im richtigen Moment, hat doch Francesco Tristano mit seinen „Piano Circle Songs“ unsere Köpfe soweit vorbereitet, dass wir uns für die verführerischen und zugleich zerbrechlichen Lieder von Federico Albanese in einem perfekten Zustand befinden. Ob mit dem Titelstück oder „Slow Within“, hier wandelt man zusammen mit dem Komponisten durch klare Klangfolgen, ergötzt sich an den auftauchenden Bildern und geniesst die vielseitige Wirkung der Musik. Albanese benötigt dazu weder Worte noch grosse Lautstärke, die Poesie der Musik reicht aus.

Entstanden auf diversen Reisen und anhand improvisierter Sessions sind Stücke wie „Veiled“ pure Schönheit und bewegen mit ihrer Leichtigkeit und sanften Ausdrucksweise. Federico Albanese nimmt die reine Klaviermusik bei der Hand und führt sie in Gebiete, in denen sie sich wirkungsvoll und fruchtbar mit elektronischen Mitteln verbindet und vollbringt das Kunststück, die Moderne soweit zu umgarnen, dass sie weder überrascht, noch die geschichtliche Wirkung solcher Musik verdrängt. Traumhaft und gefühlvoll, egal in welcher Situation.

Anspieltipps:
Slow Within, Veiled, By The Deep Sea

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

MMTH – Paternoster (2017)

Wenn man sich „Paternoster“ zuerst nur anhand der Songnamen nähert, erschliesst sich bereits die Verbindung zu den bekannten Namen im instrumentalen Post-Rock. Man spürt die Absurdität von Mogwai, die Epik von Explosions In The Sky und die Härte von Leech. MMTH (gesprochen Mammoth) zerstören diese Verbindung dann auch mit ihrer Musik in keinem Moment, sondern leben die Tugenden der Stilrichtung immerzu aus. Geboren in einer Garage in Aurich – gewachsen zu einer vollwertigen Band.

Die vier Mitglieder vom MMTH stammen zwar aus den unterschiedlichsten Musikwelten, mit ihrem ersten Album „Paternoster“ kombinieren sie aber die Liebe zu lauten Gitarren, erzählerischen Kompositionen und grosser Dynamik. Bestes Beispiel – nach dem leider etwas zu generischen Einstieg ins Album – ist der Kracher „(It Takes Two To) Tango“: Wilde Riffs, aufbrausendes Schlagzeug, eine Spirale in den Instrumentalhimmel. Da steigt man mit der Band so weit hinauf, dass sich vielleicht viele zu einem Vaterunser hinreissen lassen.

Aber auch komplett losgelöst von irgendwelchen Bezügen zur Kirche kann „Paternoster“ eine gewisse Läuterung mit sich bringen. MMTH haben ein gutes Gespür für wirksame Arrangements und finden genügend Zeit in bekannten Mitteln, um doch zu gefallen. Lieder wie „A Thousand Years“ sind einfach nur schön und zeigen, dass der Post-Rock auch in klassischer Weise immer noch packen kann. Dank einem toll platzierten Klavier und viel Druck ist dieser Einstieg der deutschen Gruppe wirklich geglückt.

Anspieltipps:
Big Mouth, (It Takes Two To) Tango, A Thousand Years

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.