Monat: November 2016

Live: Moscow Mule, Oxil Zofingen, 16-11-25

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Moscow Mule
Support: Hakomi
Freitag 25. November 2016
Oxil, Zofingen

Radioaktivität, für dich und mich im Oxil entsteht. Blinkende Warnlampen, in grellen Farben beklebte Wände und Scheiben, überall strahlende Gesichter – für die Plattentaufe des ersten Albums der Zofinger Band Moscow Mule wurde das Kulturlokal Oxil in ein schickes Gewand gesteckt. Sogar der Eingangsstempel war mit dem Panda zufälligerweise perfekt passend, ziert doch ein solches Tier das Cover von „Miranda“. Im Gegensatz zu den politisch krummen Absichten dieser Bärendame war der musikalische Abend aber ausgelassen und ein Fest in stark erweitertem Freundeskreis.

Aber wenn Moscow Mule rufen, kommen die Besucher in grossen Mengen. Das Trio aus Désirée Graber an Gitarre und Gesang, Cheryl Marti an Bass und Gesang und Luca Marti am Schlagzeug sorgt mit seiner unkonventionellen und wunderbar düsteren Rockmusik seit sechs Jahren für gute Abende und tolle Erlebnisse. Dass die Gruppe nun endlich eine LP veröffentlicht hat, zauberte bei vielen ein Lachen auf das Gesicht. Die Lieder von „Miranda“ waren auch live eine Bereicherung für den Auftritt der Band, wagen sich Moscow Mule doch endlich über den Tellerrand und ergänzen ihren Post-Punk mit Synth, flächigen Songs und kompositorischer Reife.

Bei Liedern wie „White Lies“ oder „Jimmy And The Motherland“ nahm somit die unterstützende Franziska Wilhelm auf der Bühne ihren Platz ein und durfte auch die Ehre der Plattentaufe übernehmen – hier natürlich nicht mit Champagner, sondern mit Vodka. Aber auch der Rest der Band zeigte sich wie neugeboren, war das Trio doch locker drauf und sehr spielfreudig. Ihre Gesichter waren mit an David Bowie erinnernden Formen geschminkt, Fingernägel und Haare leuchteten unter dem Schwarzlicht. Moscow Mule haben mit „Miranda“ eine neue Phase begonnen, die vielversprechend wirkt und noch neugieriger macht.

Aber dies war auch nötig, liessen sie sich mit Hakomi von einer lokalen Band unterstützen, die an ihrem allerersten Liveauftritt gleich zeigte, wie man alternative Gitarrenmusik spielt. Adi, Kevin und Pasci stiegen mit ihren instrumentalen Liedern in die Gräben zwischen Noise, Grunge und Ausbrüchen in der Art des Post-Rock. Nicht nur Gitarren und Bass wurden fleissig gewechselt, auch die einzelnen Songs durchliefen spannende Mutationen und Hakomi beeindruckten mit technischer Finesse. Bergeweise Melodien, tanzwütige Grooves und komplexe Takte – endlich hat dieses Trio den Proberaum verlassen und unserer Welt ihre Musik geschenkt.

Dieser Text erschien zuerst auf Artnoir.

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Live: Archive, Kaufleuten Zürich, 16-11-27

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Archive
Sonntag 27. November 2016
Kaufleuten, Zürich
Setlist

Deine Augen werden von rasant wechselnden, mit grafischen Fehlern durchzogenen Bildern in den Bann gezogen – schon fast hypnotisierend sind die pulsierenden Muster und Bilder. Dazu füllen sich deine Ohren mit digitalen Klängen und Effekten, es dröhnt, es schwellt an, es bilden sich Melodien und kratzende Strukturen. Bald gibst du nicht nur deine Gedanken, sondern auch deinen gesamten Körper dem Spektakel hin und vergisst deine Umwelt – die Könige der falschen Grundlage haben dich vereinnahmt. Und ein erneutes Mal haben Archive die Schweiz im Sturm erobert.

Die Vorzeichen liessen auch nichts anderes erahnen, war das Konzert im Kaufleuten in Zürich schliesslich schon seit mehreren Wochen ausverkauft. Das Kollektiv aus England hat sich mit vielen Auftritten und ebenso zahlreichen Alben in den letzten Jahren einen grossartigen Ruf erarbeitet, der der Realität immer wieder standhält. Die Truppe aus sieben Musikern hat es nicht nur geschafft, einen komplett eigenen Klang zu kreieren, sondern verzaubert immer noch mit ihren Stücken zwischen Trip-Hop, elektronischem Rock und sanftem Industrial.

Da Archive mit ihrem neusten Album „The False Foundation“ weiter in die leisen Experimente der Electronica eingestiegen sind, wurde auch das Konzert in Zürich von vielen sanft anschwellenden und reduzierten Momenten bestimmt. Es ist der perfekten Ästhetik in Sound und Design zu verdanken, dass auch solche Strecken neuer Musik immer betörten. Aber perfekt wurde der Abend erst mit dem Auftauchen von Sängerin Holly Martin, mit der auch die alten Kracher wie „Hatchet“, „Bullets“ oder „You Make Me Feel“ das Set auflockerten. Das Publikum wurde immer euphorischer, die Band immer spielfreudiger.

Und Archive wären nicht die geliebte Band, wenn ihre Lieder nicht von den scheinbar unendlichen Repetitionen und urgewaltigen Steigerungen leben würden. „Feel It“ wird bis zum totalen Ausraster wiederholt, „Controlling Crowds“ schwillt höher als der Prime Tower an. Und als sich Dave Pen mit zwei Musikern ganz am Ende noch zu einer halbakustischen Version von „Again“ hinreissen lässt, wähnt man sich im Himmel. Der gesamte Auftritt wurde somit zu einer kathartischen Übung und übertraf sogar das letztjährige Treffen in Basel.

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Live: The Beauty Of Gemina, X-Tra Zürich, 16-11-19

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The Beauty Of Gemina
Support: Spencer
Samstag 19. November 2016
X-Tra, Zürich

„This is the lonesome death of a goth dj“ – vielleicht auf eine gewisse Weise, aber die Rückkehr der Gothic-Rock-Band The Beauty Of Gemina in die Schweiz zu erleben, war in keinster Weise einsam und tot. Endlich schaffte es die Grösse, auf ihrer „Minor Sun“-Tour auch in Zürich einen Halt einzulegen. Nach gefeierten Shows im Ausland war es an der Zeit, dass die Gruppe auch hierzulande das neuste Werk vorstellt. Und warum die Gelegenheit nicht gleich dazu nutzen, eine Live-DVD zu produzieren? Doch der Abend war auch ohne diese zusätzlichen Gedanken und Taten ein voller Erfolg.

Dies begann schon bei der Wahl des Supporting Acts. Spencer aus Baden (AG) zeigten mit ihren Songs, dass man Rock und New Wave auch so dunkel spielen kann, dass es sich perfekt in diese Anlässe einfügt. Sicherlich beschränkte die Gruppe ihr kurzes Set auf die eher düsteren Lieder – Spass hatten die Musiker an ihrem Auftritt aber zu Genüge. Diese Euphorie schwappte auch auf das Publikum über, und Stücke wie „Firework“ erschallten lautstark. Schön, dass gegen Ende des Sets auch die Beats und schwarzen Synths eine Plattform erhielten. Und die wunderbar tiefe Stimme von Frontmann Leo Niessner in Kombination mit seinem Charme tat ihr übriges.

Michael Sele setzte diese Wirkung mit seinem Stimmorgan perfekt fort – weiss der Herrscher von The Beauty Of Gemina schliesslich seit Jahren die Leute mit den unteren Oktaven zu bezirzen. Und so stürzte sich die Band von Beginn an in einen Auftritt, der nicht nur das zehnjährige Bestehen der Goth-Meister feierte, sondern auch ihren gesamten Katalog wunderbar abbildete. Von „Haddon Hall“ über „Hunters“ zu „Crossroads“ –  immer zwischen Gitarrenkaskaden, geisterbeschwörenden Bässen und bezaubernden Cello-Akkorden pendelnd. Gleich wenige Minuten nach dem Ende des Videointros und dem Fall der Leinwand zeigte die Band, dass sie zu Recht eine Institution im Bereich des Goth-Rock darstellen.

In absoluter Perfektion und mit viel Talent steuerte Sele seine Mannen von einem Höhepunkt zum anderen. Endlich durfte man sich wieder ausdrucksstark zu „Suicide Landscape“ bewegen oder den „Dark Rain“ spüren. Dank personeller Verstärkung mit dem neuen Tourgitarristen Simon Ambühl und dem Cellisten Raphael Zweifel wurde der Sound des Trios fantastisch erweitert und man versank mit gesamten Geist und Körper in der Darbietung. Die wirkungsvolle Lichtshow und vereinnehmenden Gesten von Sele taten ihr Übriges – und auch nach der dritten Zugabe wollten die Besucher mehr.

The Beauty Of Gemina brannten ein wahres Feuerwerk an melancholischer Musik ab und machten somit die Aussage des Stempels obsolet. „Lach mal“ steht auch heute noch auf meinem Handgelenk – und wenn ich an diesen fulminanten Abend zurückdenke, kann ich gar nicht anders.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Debutante – EP3 (2016)

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Debutante – EP3
Label: Cruel Bones, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: Drone-Pop, Shoegaze

Sicher ist das Cover hübsch gezeichnet und zeigt nebst schwarz-weissen Ästen mit Violett noch eine sanfte Farbe – doch die Musik hinter der Verpackung von „EP3“ ist keineswegs herzlich oder umgarnend – hier regieren die Rückkopplungen, Schmerz und Russ. Melodien werden unterdrückt, Strukturen immer wieder von Krach überlagert. Und wenn die Gitarren versuchen, klare Töne von sich zu geben, dann werden die Akkorde durch so viele Effekte gejagt, dass am Ende nur noch ein bitterböses Knistern übrig bleibt. Debutante, das Soloprojekt von Christoffer Zimmermann, dröhnt!

Passend, dass sich der Musiker auch gleich ein Genre zurechtgebogen hat und „EP3“ als Drone-Pop hausieren geht. Und was will man da noch ergänzen, vermengt diese Bezeichnung doch die wichtigsten Aspekte der Musik von Debutante. Der Lärm, die Eingängigkeit, der Anspruch – was wie ein dystopischer Roman in klanglicher Form aufgebaut ist, wirkt bedrückend und fesselnd zugleich. Als Musik macht solch ein kaltes und scharfkantiges Werk ja Spass, solange man in der Realität noch die Sonne geniessen kann. Vielleicht vergisst man dann auch kurz die Gedanken über Depression oder Unruhe, die in diesen Stücken lauern.

Debutante bietet mit seiner Musik aufwühlende Momente und erinnert dabei gerne an Nine Inch Nails und Konsorten. Natürlich ist diese Musik hier nicht so perfekt produziert wie bei den wütenden Millionären, das Klangbild und dessen Umsetzung fasziniert auf „EP3“ aber immer wieder. Nur schade, ist der Gesang von Chris manchmal etwas schwach und neben der Spur – doch im Gesamtpaket fällt dies nicht zu stark ins Gewicht. Und mit Nummern wie „Schirm“ taucht man liebend gerne in eine Blade-Runner-artige Welt ab.

Anspieltipps:
Destroy Brogaze, Schirm

Live: Jean-Michel Jarre, Hallenstadion Zürich, 16-11-18

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Jean-Michel Jarre
Support: Marco Grenier
Freitag 18. November 2016
Hallenstadion, Zürich Oerlikon

Unsere Welt wird bestimmt von Formen, klaren Strukturen und logischen Resultaten – sogar Aspekte wie Emotionen und Schicksal lassen sich mathematisch darlegen. Was für nicht wenige in der heutigen Zivilisation immer mehr die Wahrheit darstellt, wird teilweise auch von Künstlern seit vielen Jahren zelebriert. Zampano und hochverehrter Elektronikpionier Jean-Michel Jarre aus Frankreich weiss mit seinen Kompositionen die Geometrie der Musik klar aufzulösen und neu zu formen. Dies hat sich auch im 21. Jahrhundert mit seinen Kollaborationswerken „Electronica“ nicht geändert.

Diese Scheiben waren auch der Grund für seinen Besuch im Hallenstadion in Zürich, das sich für diesen Abend wieder einmal in seiner gesamten Grösse und komplett bestuhlt zeigte. Ein Umstand, der Segen und Fluch zugleich war – schliesslich nutzt Jean-Michel Jarre gern die ohrenbetäubenden Bässe und Beats, die alle Stahlträger erschüttern. Der Musiker forderte somit seine Verehrer konstant zum Mitklatschen und lautem Jubeln auf, die Leute getrauten sich aber erst nach direkter Bewilligung des Grossmeisters, vor der Bühne zu tanzen. „Brick England“, die Zusammenarbeit mit den Pet Shop Boys, ist aber auch perfekt geeignet, um die Hüften zu schwingen.

‎Neben den Herren aus England schaute noch Edward Snowden bei „Exit“ digital vorbei, für den Rest der Show belebten Jarre und seine zwei Mitmusiker die Halle instrumental. Natürlich durften Ausschnitte von „Oxygène“ und „Équinoxe“ nicht fehlen, sogar einen Ausblick auf das kommende Album „Oxygène 3“ erhielt man bei der Zugabe – der Grossteil der Gleichungen und trigonometrischen Erklärungen von Klangbildern gehörten aber neuen Stücken. Wild zuckendes wie „Conquistador“, sphärisches wie „The Heart Of Noise“ oder technisch abgefahrenes wie die Laser-Harfen-Version von „The Time Machine“.

Sowieso – der Magier mit Bits und Bytes zauberte Melodien an futuristischen Gerätschaften, tausendfach knopfbestückten Synths, iPads und verlor sich auch bei der Gitarre nicht im Abgrund zwischen Mensch und Technologie. Vielmehr nutzte Jean-Michel Jarre diese Mittel, um seinen Auftritt zu erweitern. Er liess seine Handgriffe von einer Kamera am Kopf filmen, verband Publikumsaufnahmen mit der visuellen Show, liess Laserstrahlen und LED-Gitter im Verband leuchten und verbog den Zeitstrahl mit seinen Dreiecken aus Melodien. Er wurde seinem Ruf als Liveereignis gerecht, nur schade war das Publikum oft etwas /// Error: EMOTION UNKNOWN. REBOOT.
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Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Touché Amoré – Stage Four (2016)

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Touché Amoré – Stage Four
Label: Epitaph, 2016
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Hardcore

Du stehst auf der Bühne und spielst einen tollen Gig mit deiner Band, Glück und Stolz erfüllen dich und du schaust in Gesichter voller Freude und Begeisterung. Und dann diese Nachricht: Deine Mutter ist, während du geschrien und getanzt hast, an Krebs gestorben. Jeremy Bolm, Sänger von Touché Amoré, musste genau dies 2014 erleben – ein schreckliches Ereignis, das niemand so einfach verarbeiten kann. Die amerikanische Post Hardcore-Gruppe nahm aber all ihre kreative Energie zusammen, um auf „Stage Four“ musikalische Lösungen zu bieten – auch wenn dazu alle Hoffnungen, die auf dem dritten Album „Is Survived By“ langsam aufkamen, wieder absterben.

Touché Amoré stehen seit Beginn ihrer Karriere für extrem intensive und ehrliche Musik, die mit jedem Album den Hardcore etwas mehr für sanftere Musik öffnete. „Stage Four“ – benannt nach der letzten Stufe einer Krebserkrankung – startet aber voller Verzweiflung, Wut und Trauer, als Hörer wird man sofort durch die wilde Musik und die extrem direkten Texte geschockt und durchgerüttelt. Zeilen wie „You Died At 69 / With A Body Full Of Cancer / I Asked Your God / How Could You / But I Never Heard An Answer“ schneiden sich ins Herz und man möchte die Musiker umarmen, mit ihnen weinen und wüten. Das Album erreicht einen extrem Tiefgang und lässt nicht mehr los.

Im Verbund mit den starken Gitarrenläufen, den wilden Breaks und tollen Melodien erschaffen Touché Amoré mit „Stage Four“ ein wichtiges, schweres Album voller Melancholie. Sie wagen bei gewissen Liedern einen ruhigeren Ansatz der Musik, der Gesang darf auch mal klar sein und Gäste schauen vorbei. All diese Elemente machen aus der Platte einen extrem emotionalen Moment, der vor allem dank der aufrichtigen und schonungslosen Texte sofort Brandspuren hinterlässt. Post Hardcore war selten so verletzend aber nötig wie hier, an dieser Veröffentlichung kommt so schnell niemand vorbei. Vergessen wird man diese Begegnung sowieso nie.

Anspieltipps:
New Halloween, Displacement, Benediction

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Moscow Mule – Miranda (2016)

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Moscow Mule – Miranda
Label: Eigenveröffentlichung, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Dark-Rock, Post-Punk

Tiere wohin man schaut – doch im Gegensatz zu gewissen Stadtmusikanten lauscht man hier durchdachten und sorgfältig ausgearbeiteten Klängen. Die Reise von Moskau in die Aargauer Kleinstadt Zofingen muss sich schliesslich lohnen, und mit „Miranda“ als Begleitung unternimmt man diese Fahrt gerne mehrmals. Moscow Mule, das junge Trio im eher düsteren Felde des Post-Punk, zeigt mit seinem ersten Album Grosses – und erweitert das eigene Spektrum genau richtig.

Die Band von Gitarristin Désirée Graber und Ehepaar Cheryl und Luca Marti an den rhythmusgebenden Instrumenten hält nach ihrer selbstbetitelten EP endlich ein neues Lebenszeichen für uns bereit. Und was für eines – löst die Scheibe doch alle Versprechen ein, die Moscow Mule in der letzten Zeit an ihren Konzerten gemacht haben. „Miranda“ bietet wieder schiefe Lieder voller Überraschungen und die Gruppe setzt stark auf Rhythmus und Takt. Hier darf das Schlagzeug weiterhin schwierige Spuren vorlegen, welche Gitarre und Bass dann unerwartet verfolgen. Mit dem oft zweistimmigen Gesang und den merkwürdigen Melodien entstehen Dissonanzen, die hier aber positiv bearbeitet werden.

Moscow Mule zeigen auch eine neue Seite und lassen in Stücken wie „Strike Back“ oder „White Lies“ den Synth die Perspektive erweitern. Plötzlich werden die Lieder geordnet und flächig, eine Superlative, die leider in wenigen Momenten vom Gesang etwas geschmälert wird. Die Damen der Band singen gemeinsam in vielen Lagen, nicht immer geht dieser Plan aber komplett auf. Umso grossartiger hingegen sind die kompositorischen Aspekte – welche besonders bei den Highlights „Tea And Tonic“ und „Jimmy And The Motherland“ ihre volle Wucht entfalten.

„Miranda“ ist somit ein vollwertiges Stück Musikgeschichte aus Zofingen geworden, das nicht nur eine neue Station im Schaffen von Moscow Mule aufzeigt. Es ist eine Platte voller Wagnisse und Gewinne, ein Stück Dark Rock, welches man so von jungen Künstlern viel zu selten vernimmt. Und wem die Musik manchmal etwas zu quer ist, der findet bestimmt Helligkeit in den textlich amüsanten Episoden über spezielle Figuren und politisch aktive Tiere.

Anspieltipps:
Moscow Mule, White Lies, Tea And Tonic

Baryonyx – Fuori Il Blizzard (2016)

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Baryonyx – Fuori Il Blizzard
Label: Ghost Label Record, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Alternative, Synth-Pop

2007 begannen zwei Herren in Livorno mit der spannenden Idee, die Rockmusik mit einer elektronischen Herangehensweise neu zu definieren. Matteo Ceccarini und Antonio Morelli versuchten diesen Gedanken über mehrere Umwege umzusetzen und landeten nun für die erste LP vpn Baryonyx wieder im selben Boot. „Fuori Il Blizzard“ kombiniert dabei fröhlichen Pop-Rock, den gewisse schon bei Jovanotti antrafen, und alternative Synthformationen, welche die klassischen Strukturen gerne etwas aufbrechen. Kurzweilig bleibt dieses Album also auf jeden Fall.

Nach einem zurückhaltenden Intro findet man sich gleich in einer Umgebung wieder, die vom Blizzard berührt wurde. Gitarren und Schlagzeug wurden durchgeschüttelt und Keyboards übernehmen regelmässig deren Aufgaben. Das macht die Lieder spürbar anders – Baryonyx sind aber keine verrückten Wissenschaftler, welche alle Konventionen sprengen. Klar lebt „Bonacciale“ von seinem digitalen Beat und der Gesang wird immer wieder verfremdet; Rock und Wave gehen aber auch gerne geteilte Wege. „Fuori Il Blizzard“ könnte somit viel wilder sein.

Es ist dem Songwriting von Baryonyx zu verdanken, dass man ihnen diese zaghaften Schritte verzeiht. Das Album macht Spass und lässt sich gut anhören, ab „Trilobyte“ landet man immer mehr im Club. Schön aber, dass hier alle tolerant sind und auch Lederjackenträger hereingelassen werden. So feiert man zusammen die Neugier in der Musik und lässt bei „Voce 84“ die Disco beben. Wenn sie diese zwei Gegenpole nur noch griffiger kombinieren würden, wären die Italiener bestimmt bald weit bekannt.

Anspieltipps:
Mondo A Calori, Ergosfera, Trilobyte

Dieser Text erschient zuerst bei Artnoir.

Live: Placebo, Hallenstadion Zürich, 16-11-16

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Placebo
Support: The Joy Formidable
Mittwoch 16. November 2016
Hallenstadion, Zürich Oerlikon
Setlist

Sicher kennst Du dieses Gefühl: Du feierst deine Geburtstagsparty und bestenfalls noch ein rundes Jubiläum oder eine Schnapszahl – und irgendwie hast du Angst, dass die Party dann doch keine Überraschungen bergen wird. Vielleicht ist es zu Beginn wie vermutet, die Gäste müssen sich zuerst an alles gewöhnen und beginnen zögerlich mit dem Feiern. Doch plötzlich wird es wild und du wachst am nächsten Morgen auf und denkst nur noch – wow. Genau so war es beim Jubelkonzert von Placebo auf ihrer 20-Jahre-Melancholie-Tour, auf eine Eingewöhnungszeit folgte die grosse Sause.

Der Halt in Zürich war eine Ehrensache, ist das Publikum in der Schweiz doch schon seit Anbeginn der Karriere der düsteren Rocker immer zahlreich und mehr als begeistert. So auch an diesem Herbstabend im Hallenstadion – man erschien dunkel gekleidet und voller Freude und liess sich von einer wunderbar durchmischten Setliste mitreissen. Sicherlich setzen Placebo – welche auch hier wieder mit wunderbar grosser Band auffuhren – einige Male auf Klassiker und immer noch unwiderstehliche Hits, aber geschenkt. Wenn eine Band wie die Meister aus London in ihrem Werdegang so viele Gassenhauer angesammelt haben, dann darf man sich auch für einmal auf diesen ausruhen und die Thematik des Abends darauf aufbauen.

Brian Molko mit superkurzen Haaren, scheinbar immer noch Jahrzehnte jünger als er eigentlich sein sollte, führte seine Musiker von „Pure Morning“ über „Devil In The Details“ zu neueren Krachern wie „Loud Like Love“. Stefan Olsdal stand schlacksig daneben am Bass und betörte ebenfalls mit dem Piano, doch meist waren Placebo in dieser neusten Inkarnation laut und majestätisch. „Space Monkey“ liess den Saal erbeben, eine rockige und schnelle Version von „Song To Say Goodbye“ liess den packend gefüllten Innenraum wild tanzen. Nach einem Set voller trauriger und schwerer Lieder wurden die Hemmungen abgestreift, und erst bei den Zugaben mit „Teenage Angst“ oder „Infra-Red“ zeigte man sich wieder in depressiver Stimmung.

Und wie es sich für eine Rückschau gehört, wurde das Konzert mit dem Videoclip zu „Every You Every Me“ eingeleitet und während der Show auf grossen Screens mit Einblendungen und wilden Visuals untermalt. David Bowie schaute virtuell bei „Without You I’m Nothing“ vorbei, an Leonard Cohen wurde gedacht und der krönende Abschluss erfolgte mit der Huldigung an Kate Bush – „Running Up That Hill“ ist in der Version von Placebo einfach unschlagbar. Da passte es auch, dass The Joy Formidable als Power-Trio den Abend einleiteten und schon einmal mit ihrem energetischen Rock die Girlanden etwas ansengten und Stühle am Küchentisch umwarfen. Denn eine solche Geburtstagsfeier sollte schliesslich bei niemandem so schnell in Vergessenheit geraten.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Jonathan Coleclough • Bass Communion • Colin Potter ‎– st (2003)

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Jonathan Coleclough • Bass Communion • Colin Potter ‎– st
Label: icr Distribution, 2016
Format: Doppel-CD
Links: Discogs, Bass Communion
Genre: Ambient, Drone

Ich stehe ja total auf diese ewig langen, konzentrationsfördernden und hypnotischen Ambient-Werke, die gerne eine CD komplett ausfüllen. Bass Communion, das Drone- und Ambient-Kleid von Steven Wilson, liefert einige solcher Tracks. Und darum musste ich auch gleich bei der Neuauflage von „Jonathan Coleclough • Bass Communion • Colin Potter“ zugreifen – wird die zweite Scheibe doch mit einem 74 Minuten langen Stück geehrt. Wer sagt da noch, man kriegt meist nicht genug Gegenwert für den Preis?

Aber Länge ist ja nicht alles, wie wir bekanntlich wissen. Das Kollaborationswerk zwischen dem englischen Abstract Musik Künstler Jonathan Coleclough, Produzenten und Engineer Colin Potter und dem ehemaligen Frontmann von Porcupine Tree sprengt noch einige weiteren Grenzen. Die langen und mäandernden Tracks leben in einer kratzenden Zwischenwelt voller experimentellen Drones, kargen Ambient-Steppen und reduzierter Electronica. Gegenseitig haben die Künstler ihr Ursprungsmaterial bearbeitet, neu abgemischt und verändert. Die entstandenen Stücke lassen sich immer Zeit und kein Stimmungswechsel geschieht ohne Vorbereitung.

Was auf der ersten CD von „Jonathan Coleclough • Bass Communion • Colin Potter“ noch fast wild und laut klingt, wird bei „Epidural“ dann endgültig zu einer schier unendlichen Klangreise, welche Gedanken und Fantasien erregt. Das Stück eignet sich perfekt für alle Beschäftigungen, Situationen und Stimmungen. Wer also schon immer auf die düsteren und befremdlichen Momente der stillen Musik stand, der kann auch bei diesem Werk ohne Zögern zuschlagen – und sich von Theo Travis am Saxophon grüssen lassen.

Anspieltipps:
Yossaria, Pethidine, Epidural