deutschland

Live: Kettcar, Bierhübeli Bern, 18-01-23

Kettcar
Support: Fortuna Ehrenfeld
Dienstag 23. Januar 2017
Bierhübeli, Bern

„Wir gelten ja jetzt als Polit-Punk-Band“, sagt Marcus Wiebusch und schaut schelmisch in die Gesichter der Besucher des Bierhübeli. Denn er weiss genau, diese Aussage verliert jede Spur von Selbstüberschätzung mit dem Liebeslied-Hattrick, den Kettcar gleich danach anstimmen. Wobei diese Kombination aus grossen Gefühlen, Poesie und direkten Aussagen zu aktuellen Themen für die Hamburger nichts neues ist. Mit ihrem alternativen Indie-Rock singen sie sich seit 2001 in die Herzen der sozial eingestellten Menschen und versüssten so manche Begegnung oder Nacht. Auch Bern kam nun endlich wieder in den Genuss des Zaubers, voller neuer Zeilen und alten Melodien.

Die Tour von Kettcar dient nämlich nicht nur dazu, ihr neustes und sehr gelungenes Album „Ich vs. Wir“ vorzustellen, es geht auch um denn allgemeinen Zustand unserer Gemüter. Die Band wollte weder predigen noch sinnlos auf den Gitarren herumhantieren, lieber die Stunden mit ihren Freunden und Fans feiern und auskosten. Und das gelang gleich perfekt mit dem Einstieg und dem Song über das Älterwerden („Graceland“) und „Money Left To Burn“ – ein Titel, der kurzerhand dazu gekapert wurde, um den bevorstehende Geburtstag von Bassisten Reimer Bustorff mit der Einkaufstour durch die Migros zu verbinden. Wiebuschs erzählerischen Texte nahmen gefangen, die immer wieder laut aufspielenden Musiker sorgten für die passende Klangkulisse.

Und dann das erste, doch wieder eindringlich kritische Highlight: Die neue Single „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“, eine intelligente Betrachtung der Flüchtlingskrise mit Sprechgesang und herrlich grossem Refrain. Hier wird klar, dass gewisse Medien mit der neuen Stilrichtung bei Kettcar nicht falsch lagen. „Mannschaftsaufstellung“, „Ankunftshalle“ oder „Landungsbrücken raus“ – die Mischung zwischen nachdenklichen Passagen und lauten Ausbrüchen passt perfekt in die heutige Zeit und formt dieses Konzert zu einem Rausch. Dank der grossen Sympathie, vielen tollen Sprüchen zwischen den Songs und guter Laune der Band kam das Ende in Bern fast etwas zu schnell.

Aber auch der Beginn mit Fortuna Ehrenfeld aus Köln traf genau in diese Mischmenge. Das Trio versuchte sich an gerne schrägen Strassengedichten, umgarnt von Keyboardspuren und Gitarrenriffs. Multitalent Martin Bechler liess es sich nicht nehmen, den Konzertsaal zu bestaunen und genüsslich seine Weinflasche zu den Songs zu kredenzen. Unterstützt von Jenny Thiele an den Tasten und  Paul Weissert am Schlagzeug wurden seine beschmutzten Perlen des Singer-Songwriter zu elektronisch brummenden Popsongs und hallten lange nach. Ob Nord oder Süd, Deutschland brachte an diesem Dienstag seine besten Erzeugnisse in die Schweiz und gewann auf ganzer Linie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Xul Zolar – Fear Talk (2018)

Wenn sich Sohn komplett der Elektronik hingibt, wenn sich James Blake minimalistisch durch R’n’B-Gerüste schmerzt, dann geschieht dies alles unter dem modernen Gewand des Indie-Pop. Die Kölner Band Xul Zolar positioniert sich mit ihrer Musik auch in diesem Genre, weiss aber, dass organische Qualitäten immer am stärksten wirken. Das Debütalbum „Fear Talk“ ist darum eine Mischung aus verträumt gespielten Instrumenten und Synthie-Ergänzungen – immer mit grosser Hoffnung in die Romantik.

Seit vier Jahren musizieren Ronald Röttel und Marin Geier bereits zusammen und haben nun endlich ihr komplettes Quartett zusammengestellt. Für Xul Zolar bedeutet dies, dass es ernst gilt und der angenehm leichte und gerne etwas flauschige Pop sich auf Albumlänge bewähren darf. Und kann: Denn hier findet man Lieder wie „Pursuit“, die mit ihren Rhythmen und Melodien überzeugen, Hits wie „Fear Talk“ oder Rückblicke in die Achtziger mit Slap-Bass („Cloth“). Da werden sogar die Hipster-Stolperfallen plötzlich ungefährlich klein.

„Fear Talk“ ist sicherlich nicht über alle Zweifel erhaben und wirkt manchmal etwas zu klebrig – Xul Zolar wissen aber ihre Songs immer mit spannender Instrumentierung, emotionalem Gesang und der sehr gelungenen Produktion wieder glitzern zu lassen. Wer also nach einer Scheibe sucht, die sich sowohl auf dem verführerischen Teppich vor dem Kaminfeuer wie auch in der kalten Stunde nach dem Clubbesuch gut anfühlt, der darf sich Lieder wie „Combat“ vollends einverleiben.

Anspieltipps:
Vacuum, Pursuit, Combat

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Fjørt – Couleur (2017)

Band: Fjørt
Album: Couleur
Genre: Post-Hardcore

Label/Vertrieb: Grand Hotel van Cleef
VÖ: 17. November 2017
Webseite: fjort.de

„Couleur“, „Raison“ oder „Magnifique“ – Fjørt sind ja für ihre Veränderungen zwischen den Alben berüchtigt oder beliebt, je nach Standpunkt. Aber keine Bange, die Sprache auf ihrem dritten Album ist weiterhin das direkte Deutsch. Zwar werden Songs und die Platte selber gleich mit schmucken Wörtern auf Französisch betitelt, Chris Hell und David Frings singen, schreien und leiden aber in ihrer Muttersprache. Mit dem Bilingualismus wird geschickt der Bogen zu den internationalen Problemen und Reibungspunkten gespannt, den die Musik der deutschen Post-Hardcore Truppe gewichtig aufnimmt. So geht es hier nicht nur um Blasts und sprengende Riffs, sondern Kommunikation und Zusammenleben.

Egal wie laut und brutal Fjørt mit Songs wie „Eden“ oder „Südwärts“ auch werden, das Schöne an dieser weitergeführten Art von Hardcore ist ja, dass weder Gefühl noch die Möglichkeit zur Empathie fehlen. Und dieses Trio steht auch seit der Gründung 2012 für den Mut, immer wieder neue Ideen und Einflüsse in ihrer Musik zuzulassen. Ob sich Stücke nun elegisch in die Flächen lehnen und dabei den Post-Rock hereinbrechen lassen oder die Melodien mit Synthies auflockern: Alles dient dem eindrücklichen Resultat. Dieser explosive Cocktail passiert auch in den Lyrics, die Politik, Ungerechtigkeit und persönliche Probleme zu einem berührenden Tiegel verschmelzen.

Mit dieser Grösse und der Bereitschaft, in Gebiete vorzudringen, die nicht allen passen könnten, bleiben Fjørt auch mit „Couleur“ immer packend und fordernd. Stücke wie „Bastion“ lassen uns leiden und nachdenken, greifen mit ihren Gitarren tief in unsere Wunden, bieten aber auch gleich den Ausweg und Hinweise zur Besserung. Ob die Band dabei an The Hirsch Effekt oder Envy erinnert, am Ende trägt man eine grosse Befriedigung davon und ist froh, gibt es noch solche Geister und Gesichter in der Musikszene.

Anspieltipps:
Couleur, Raison, Bastion

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Kettcar – Ich vs. Wir (2017)

Wer lange schweigt, hat meistens die wichtigeren Dinge zu sagen, als alle, die konstant vor sich hin plappern. Schön also, macht Marcus Wiebusch nach fünf Jahren wieder seinen Mund auf und zeigt den Menschen, wie die Zustände wirklich sind. Kettcar aus Hamburg sind zurück und bringen mit „Ich vs. Wir“ einen treffenden Kommentar zur aktuellen Lage. Wobei es nach der Veröffentlichung der Single „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ für mindestens dieses Jahr keine weiteren Sätze, Takte und Melodien gebraucht hätte. Denn dieses Lied ist nicht nur mitreissend und treffend, sondern der perfekte Kommentar zur aktuellen Flüchtlingsdiskussion.

Man merkt daran, Kettcar waren und sind keine Band, die Zustände einfach hinnehmen. Das Zusammenleben und die Toleranz sind zu wichtig um simple Lieder mit hübschen Reime über die Liebe zu schreiben. So hat sich auch 2017 bei den Indie-Rockern nichts daran geändert, dass hier Texte und Gitarren Gewicht haben und oft tief in die Wunden hineindrücken. Musikalisch wagen die Herren bei „Ich vs. Wir“ keine grosse Veränderungen gegenüber ihren vorherigen Platten, man versucht sich gar wieder an den etwas geradlinigeren Stücken. Aber wenn herrliche Beobachtungen wie „Mannschaftsaufstellung“ oder „Auf den billigen Plätzen“ herauskommen, dann ist man mehr als zufrieden.

Seit 2001 versuchen Kettcar mit ihrer Musik unser Bewusstsein und die Schwachen zu stärken, mit Überlegungen wie „Wagenburg“ gelingt ihnen auch dies erneut als unglaublich präzise Aufnahme. Und auch wenn die Melodien manchmal etwas hinter den politischen Aussagen verschwinden, das Album funktioniert natürlich auch grossartig auf der instrumentalen Seite. Aber wirkliche Gänsehaut bereitet einem die intensive Kombination aus Gesang, Aussage und Ausdruck. Deutsch und national? Eher Weltbürger und global, zusammen und extrem berührend.

Anspieltipps:
Wagenburg, Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun), Mannschaftsaufstellung

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Lali Puna – Two Windows (2017)

Lali Puna – Two Windows
Label: Morr Music, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Pop, Electronica

Wer am Morgen auf seinem Arbeitsweg die U-Bahn benutzt, der kapselt sich mit grosser Wahrscheinlichkeit von der Umwelt ab. Damit man allerdings die Schläfrigkeit nicht zu schnell verliert, liefern Lali Puna nun Musik, die angenehm zu den ratternden Wägen und schauckelnden Körpern passt. Die Elektro-Pop-Band aus Weilheim, einem Ort nähe München, stehen seit 1998 für sanfte Songs mit leichten Beats und angenehmen Keyboard-Melodien. Auch das vierte Album „Two Windows“ bricht mit dieser Tradition nicht, trotz Annäherung an die Tanzfläche und nachdenkliche Texte.

Geiltet wird die Truppe von Valerie Trebeljahr, die aus Korea stammende Frontfrau öffnet mit ihrer Stimme bei Lali Puna die Welten des elektronischen Pop und begleitet die Melodien mit Aussagen zur aktuellen Lage und Problemen. Dabei verliert die Musik aber nie das Positive, man muss bei „Two Windows“ also nicht das Trauergewand aus dem Schrank kramen. Vielmehr eignet sich das Album dazu, gewisse Geschehnisse zu hinterfragen und das Leben nicht für selbstverständlich zu nehmen und zu teilen. Ob dies nun unterkühlt mit Claps versehen geschieht (wie beim Titelstück) oder sanft träumend („Wear My Heart“), sicher fühlt man sich immer.

Lali Puna haben mit ihrem neusten Werk kein Album für nervöse Zeitgenossen geschaffen, vielmehr ist es ein guter Zuspruch in Momenten der einsamen Stille. Dank Gästen wie Dntel oder Radioactive Man erhält das Album eine Vielfalt, die im ruhigen Klangbett oft benötigt wird. So ist „Bony Fish“ ein interessantes Stück Electronica, „Everything Counts On“ lädt zur Pausenzigarette vor dem Club. Man sollte dabei aber nicht den Fehler machen, diesen Pop zu übersehen, sondern in die Schichten einzutauchen.

Anspieltipps:
Two Windows, The Frame, Everything Counts On

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Puder – Session Tapes 1+2 (2017)

Puder – Session Tapes 1+2
Label: Pussy Empire, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Pop, Indie

Deutschsprachige Lieder aus dem Umfeld der eingängigen Musik sind ein heikles Thema, sehr schnell landet man beim Unwort Deutschpop und dem eher nichtigen Anspruch. Dass es aber auch anders geht, ohne gleich in die Avantgarde zu verfallen, das beweist die Künstlerin Catharina Boutari aus Hamburg. Unter dem Namen Puder hat sie nicht nur den Grundstein für ihr Label Pussy Empire gelegt, sondern bietet nun nach Jahren ohne Veröffentlichung wieder eigenes Material mit „Session Tapes 1+2“.

Live mit wenigen Mitmusikern im Studio aufgenommen, werden hier Puders Lieder neu erfunden und in oft überraschender Weise dargeboten. Der Indie-Pop erhält Farbtupfer aus dem Jazz, wird mit Drones unterlegt, muss sich Loops aus Taperecodern unterwerfen und bleibt trotzdem schwerelos. Stücke wie „In Meinem Garten“ holen alternative Strömungen hinzu, „Polariod“ mischt die Schrillheit einer Nina Hagen mit dem NDW-Gefühl von Nena. Dabei gelingt es Puder, mit ihrer Musik auch immer an neue Bands wie Bilderbuch zu erinnern – wenn auch nicht ganz so frech zu sein.

Die „Session Tapes 1+2“ sind oft unerwartet düster und voller Rauschen wie bei „Jackie“, Englisch und Deutsch werden beim Gesang von Puder locker gemischt. Die Wand der Anbiederung wird somit durchbrochen und man erhält hier Musik, die zum Glück weit von Silbermond und Konsorten entfernt ist. Wenn auch der Glitzer bei gewissen Liedern etwas zu stark in den Augen klebt („Mein Mädchen Kann“), im Endeffekt überrascht hier Boutari mit einer spannenden und neuartig wirkenden Interpretation des Pop.

Anspieltipps:
Giganten, Polaroid, Naughty

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Peak City – Endlich wieder Stress (2017)

Peak City – Endlich wieder Stress
Label: Filter Music Group, 2017
Format: Download
Links: Facebook
Genre: Metalcore, Electro

Als man sich damals umschaute und dachte, ok der Rock benötigt etwas frischen Pepp, da waren ein paar gute Beats und nette Raps genügend um mit Crossover eine komplette Generation zu bewegen. Was haben wir damals die Köpfe und Hände in die Luft geworfen um intensive Emotionen los zu werden. Aber heute im Jahre 2017 reicht dies nicht mehr aus, viel mehr will man stärker geschockt werden. Bühne frei für Peak City, einer Kombo aus Berlin – der Stadt, in der schon immer Gegensätze beste Freunde wurden. Und Crossover erhält eine neue Bedeutung.

Denn was auf der EP „Endlich wieder Stress“ plötzlich voller Selbstbewusstsein und Lautstärke auftritt, ist eigentlich nur die Vermengung von Hardcore und elektronischer Spielarten, die unter den verfälschlichten Bezeichnung Dubstep gross wurden. Peak City verlassen sich nämlich nicht nur auf Angriffe, Breaks und Geschrei, sondern blasen ihre Stücke mit extremen Beat-Muster und zerstückelten Synthies auf. Dabei findet man immer wieder ein gewisser, ironischer Unterton – „Plastik“ oder „Kaputt“ laden nämlich zum toben und lachen ein. Sicherlich, Metalcore will immer ernst und brutal sein – doch hier eskaliert die Musik zu etwas anderem.

„Endlich wieder Stress“ ist zwar noch nicht die Erlösung, dafür zerfällt die kurze Scheibe gegen Ende etwas in die zu schalen Ideen – aber der Grundsatz lädt deine Faust so stark auf, dass sie stärker leuchtet als bei Iron Fist. Dank den deutschen und gelungen ausformulierten Texten wird man nicht nur zum Wirbelsturm, sondern direkt in das Auge eingesogen. Die Gitarren schneiden sich in die Lyrics, die Keyboards fressen den Bass auf. „Schachmatt“ werden hier nur die Spiesser gesetzt, alle anderen streifen ab sofort energiegeladen durch die Strassen der Grossstadt. Da verliert man zwar immer wieder mal den Fokus, aber dies stört schlussendlich ja auch niemand.

Anspieltipps:
Plastik, Kaputt, Schachtmatt

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Smile And Burn – Get Better Get Worse (2017)

Smile And Burn_getworse

Smile And Burn – Get Better Get Worse
Label: Uncle M Music, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Pop-Punk, Rock

Nach vier Alben sollte man eigentlich wissen, wohin die Reise geht – und ja, Smile And Burn aus Berlin haben ihren Weg definitiv gefunden. Obwohl die deutsche Hauptstadt Ablenkungen an jeder Ecke bietet, ist „Get Better Get Worse“ ein schnörkelloses und energiereiches Ding geworden. Die fünf Herren, welche sich 2008 zu einer Band zusammengetan haben, präsentieren auch in diesem Jahr wieder hymnischen Pop-Punk und fetzigen Alternative Rock. Und trotz vieler Einflüsse bleiben sie doch eigenständig.

Wenn eine Band aus Deutschland sich an alternativem und eingängigem Punk-Rock versucht, wird sie automatisch mit bekannten Grössen wie den Beatsteaks gemessen. Dies passiert automatisch auch bei „Get Better Get Worse“, doch die Musik hält diesem Vergleich immer stand. Smile And Burn sind nämlich nicht nur in die Fussstapfen ihrer Kollegen getreten, sie haben gleich die Bühne übernommen. Unwiderstehliche Hits wie „Good Enough“ oder „Home“ reissen den Hörer sofort mit und halten mit ihrer organischen und druckvollen Musik alle in ihrer Gewalt. Die Band lässt ihre Lieder mit Intensität gerne auch in den modernen Hardcore abdriften oder erinnert an die heroische Hingebung von Blackmail.

Was Smile And Burn hier aufgenommen haben, lädt zum Mitsingen ein, zu emotionalen Lebenserfahrungen und wilden Pogokreisen. Nie ist der Punk-Rock hoffnungslos oder verloren, immer findet man wieder Hooks oder Refrains als Rettungsnetze. So sind Stücke wie „Running On Edges“ klare Hymnen, welche perfekt neben energischen Aussagen wie „Not Happy“ stehen. Verrückt oder nicht, Berlin tut halt allen gut und die Deutsche Szene ist um eine grosse Band reicher.

Anspieltipps:
Good Enough, Running On Edges, Home

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Schrottgrenze – Glitzer auf Beton (2017)

schrottgrenze-glitzer-auf-beton

Schrottgrenze – Glitzer auf Beton
Label: Tapete Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Pop, Indie

Wer sich nach einer Auflösung neu formiert und zurückkehrt, der muss auch etwas Wichtiges zu sagen haben. Bei vielen Wiedervereinigungen fehlt genau dieser Aspekt – Schrottgrenze können darüber nur lachen. Die Pop-Punk-Indie-Band aus Peine löste sich 2010 nach 16 Jahren auf, fand in den vergangenen Monaten aber wieder zusammen. Mit „Glitzer auf Beton“ gibt es nun endlich neue Musik – und schon beim Betrachten des Cover fällt auf, hier bleibt weniges beim Alten. Wo früher Punk im Türrahmen stand, gilt nun der Power-Pop, in den Texten geht es um Transsexualität.

Ein Thema, das in der heutigen Zeit eigentlich kein Aufsehen und schon gar keine negative Erregungen wecken sollte – doch leider ist die Toleranz immer noch nicht viel weiter. Besonders im Indie regieren weiterhin die kaukasischen Männer, das Testosteron und die sinnlosen Handlungen stehen an der Front. Schrottgrenze lehnen sich gegen diese Engstirnigkeit auf und fordern offene Musik – „lieb doch einfach wen du willst“, heisst es hier. In Verbindung mit der sehr eingängigen Musik ist dieser Gitarrenpop auf den Punkt formuliert, hüpft aber etwas zu sanft ins Bild. Denn was die Lyrics an wichtigen und tiefen Aussagen bereithalten, vermag der musikalische Aspekt nicht ganz zu tragen.

„Glitzer auf Beton“ ist kein schlechtes Album, nein es ist sogar ein wichtiges. Schrottgrenze gehören gelobt für den Anstoss der Diskussion, die Botschaft hätte aber interessantere Musik verdient. Lieder wie „Lashes To Lashes“ oder „Sterne“ sind toll, nähren aber fleissige Musikhörer zu wenig. Die Band stellt sich somit selbstbewusst gegen ihre eigene Vergangenheit und zeigt eine bessere Zukunft. Und alle, die sich beim Gedanken an Queer-Indie unwohl fühlen, hören „Glitzer auf Beton“ so lange, bis sie es kapiert haben. Wir sind alle gleich.

Anspieltipps:
Sterne, Lashes To Lashes, Zeitmaschinen

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Twinesuns – The Empire Never Ended (2017)

twinesuns-the-empire-never-ended

Twinesuns – The Empire Never Ended
Label: Pelagic Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: Drone, Ambient

Nur weil nicht alles vorhanden ist, muss bei weitem nicht etwas fehlen. Dies dachten sich auch Thor Ohe, C. und Rento Tornado Escpecial – zusammen bildet das Trio die Ursuppe namens Twinesuns und musiziert auf seinem zweiten Album „The Empire Never Ended“ gleich komplett ohne Schlagzeug. Und wenn sich deutsche Künstler eine Eigenart in den Kopf gesetzt haben, dann wird dies auch zu Ende geführt. In den Proberäumen entstanden somit Klangmassen zwischen Drone und Dark Ambient, tiefschwarz und umgarnt mit kilometerweise Kabel der Effektgeräte. Hoffentlich sind die Kutten von Sunn O))) genügend dick, denn hier brummt es mächtig.

„The Empire Never Ended“ beginnt extrem nahe an den bekannten Grössen des Drone und Doom, es herrschen die lauten Gitarrenrückkopplungen vor, welche auch Betonbunker ohne Probleme sprengen. Man spürt, wie der Dreck auf dem Boden durch die Schallwellen in Bewegung gerät und sieht die Musiker förmlich zwischen ihren Instrumenten sitzen und Experimente durchführen. Langsam schleppen sich die Lieder voran, geben spärlich ihr wahres Gesicht preis und fletschen die Zähne. Mit der Ankunft des Moog kommt der Musik die Humanität langsam abhanden und das Album verlässt die Bahnen des rein irdischen Produktes. „Pneuma“ ist die Musik einer vernichteten „Twin Peaks“-Episode, das Titelstück entführt in das Herz des ausserirdischen Mutterschiffs.

Was Twinesuns hier zusammengebraut haben, ist ein schwerer Trunk, der nicht immer gleich sanft den Hals hinabfliesst. Praktisch ohne Stimmen und oft in fast unmerklichen Änderungen wird der Hörer unter viel Feedback begraben. Die Herren arbeiten aber nach den Gegebenheiten des Genres, und Kenner finden sich schnell in tollen Brocken wie „Die Zeit ist da“ zurecht. Dank der elektronischen Erweiterungen lässt sich vieles im Sound entdecken und „The Empire Never Ended“ wird somit bestimmt tausend Jahre bestehen.

Anspieltipps:
Die Zeit ist da, Pneuma, The Empire Never Ended

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.