Monat: April 2016

Crazy Diamond – Live At Augusta Raurica (2016)

Crazy Diamond_Augusta Raurica_MBohli

Crazy Diamond – Live At Augusta Raurica
Label: Eigenveröffentlichung, 2016
Format: 2 CDs, DVD in Digipak
Links: Band, Facebook
Genre: Art-Rock

Es gibt Lieder und Alben, die niemals ihren Reiz und Wirkung verlieren werden. Neue Generationen werden es lieben lernen, alte Hasen es für immer würdigen. Kein Wunder also, dass es bei diesen Musikern immer Coverbands geben wird, die ganze Werke praktisch Eins zu Eins zelebrieren. Bei Pink Floyd findet man auf der gesamten Welt Huldigungen, auch in der kleinen Schweiz strahlt man zu den Hits und Klassikern – gespielt von Crazy Diamond. Und nun endlich kann man sich die Musik der Band auch zu Hause anhören.

2014 spielte die Band im alten römischen Theater in Augusta Raurica und erschuf eine Atmosphäre, die Pink Floyd damals in Pompeji erreichten. Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen zu einer neuen Form von Wahrnehmung, Musik der letzten Jahrzehnte wird zu einem zeitlosen Auftritt. Natürlich versuchen Crazy Diamond dem Original möglichst nahe zu kommen, schaffen es aber trotzdem, die Lieder frisch und moderner erscheinen zu lassen. Mit einem wunderbaren Querschnitt durch das ganze Schaffen von Pink Floyd erhält man nicht nur „Astronomy Domine“ zum Einstieg, sondern auch „Pigs“, „Echoes“ oder „On The Turning Away“. Daneben stellen sich die besten Lieder von „The Wall“ und der dunklen Mondseite auf, über zwei Stunden erliegt man erneut der Magie des Art-Rock. Die Schweizer Gruppe vermag es perfekt, die vielfältigen Welten zu erzeugen und verfügt sogar über Platz, um auch weitere Lieder wie das Soloschaffen von Roger Waters einzubeziehen. Diese Grösse und Weitsicht zeigt sich auch bei der Lichtshow und Präsentation, alles dient der Musik in bester Weise.

Sicherlich fragt man sich manchmal, wie oft man Stücke wie „Another Brick In The Wall“ oder „Wish You Were Here“ noch anhören kann, ohne zu schreien. Doch solange es Gruppen wie Crazy Diamond gibt, die sich nicht in alten Wiederholungen verlieren, sondern die Musik für eine neue Generation wiederbeleben, fügt man seiner Sammlung gerne ein Album wie „Live At Augusta Raurica“ hinzu. Is there anybody out there?

Anspieltipps:
One Of These Days, Pigs, Echoes

 

Live: Moderat, X-Tra Zürich, 16-04-27

Moderat_Zürich16_1_Mbohli

Moderat
Support: Shed
Mittwoch 27. April 2016
X-Tra, Zürich
Bilder: Carla Stöckli

Es tut sehr weh, wenn man merkt, dass man sich langsam von einer bestimmten Band entfernt – einmal war es der schönste Moment diesen Musikern zuzuhören, doch irgendwo auf dem Weg gingen diese Gefühle verloren. Das ist nicht unbedingt die Schuld der Band, sondern wohl eher eine Beziehung, die sich verändert hat und neu verstanden werden muss. Somit war das das Konzert von Moderat im X-Tra in Zürich nicht mehr ein Rausch für mich, sondern eher ein leeres Schlucken und Schulterzucken.

Wobei der Abend wunderbar düster und komplex begann. Shed brachte ein Stück der düsteren Techno-Szene aus Berlin nach Zürich und faszinierte mit einem kurzen, aber wunderbar aufgebauten Set. Seine Tracks setzten auf Atmosphäre und langsame Steigerung, ohne je in langwierige Wiederholung zu verfallen. Die Bässe dröhnten dunkel und tief, die Synthmelodien krallten sich in den Betonmauern fest. Nicht immer war gleich klar, in welche Richtung sich ein Stück entwickeln wird, doch genau diese Unberechenbarkeit fasziniert mich bei der elektronischen Musik. Und genau dies ist Moderat leider in der Zwischenzeit etwas abhanden gekommen.

Sicherlich, das Trio versteht es wunderbar, live eine gute Show zu bieten. Nach drei Alben verfügt die Gruppe über viele Hits und Knaller, die Setlist mischte somit die Welten von „III“ mit bekannten und vermissten Stücken. „Rusty Nails“ überstrahlte wieder einmal alles und die Beats von „Versions“ gingen durch das Knochenmark. Doch immer genau in solchen Momenten wurden die neuen Lieder etwas ins schlechte Licht gerückt. Denn Moderat haben mit ihrer neusten Platten nicht einfach das Erfolgsrezept wiederholt, sondern sich auch in etwas sicherere (oder sogar seichtere?) Gefilde bewegt. Wenn dann live jeder Song genau gleich präsentiert wird und man nach einem Break den herrschenden Beat erneut viel lauter erklingen lässt, dann ist das eher eine müde Einfallslosigkeit als intelligente Gestaltung. Nein, Moderat sind noch nicht im Gebiet der Prolobeats abgekommen, verfügen aber leider langsam über deren Anzeichen. Dabei könnten sie es doch so viel besser, so viel spannender und verschachtelter.

Aus diesen Gründen konnte mich das Konzert leider nicht komplett mitreissen, wobei auch das Publikum manchmal etwas unbeteiligt zuhörte. Jedenfalls dann, wenn nicht gerade die Bässe durch den Saal pumpten. Wundervoll wiederum hingegen die visuelle Begleitung der Musik. Auch wenn Moderat hier aufgestockt haben und neu auch Laser und viele Scheinwerfer neben der Leinwand stehen haben, wussten die Farb- und Lichtkonstruktionen sehr zu gefallen. Auch die Filme und graphischen Zeichnungen passten perfekt in die Welt von „Reminder“ und Gleichgesinnten. Auf keinen Fall ein schlechter Abend also, aber irgendwie nicht mehr die geliebte Form. Man wird halt älter und wählt vielleicht einen Weg, der nicht mehr gemeinsam durch das Leben führt. Schade, aber es kann vorkommen.

Shed_Zürich16_1_Mbohli Moderat_Zürich16_2_Mbohli

Dyonikal – Göschene Airolo (2015)

cover_dyonikal

Dyonikal – Göschene Airolo
Label: Echo, 2015
Format: Download
Links: Band, Facebook
Genre: Mundart-Rock, Funk

Wer kennt sie nicht, die ewigen Staumeldungen rund um den Gotthard – kaum ein Wochenende oder Feiertag vergeht, an dem nicht hunderte von Fahrzeugen traurig auf eine freie Bahn warten. Ausweg ist das Reisen mit dem Zug oder die Fahrt via Passstrasse. Wobei letzteres nicht nur für schöne Naturbilder sorgt, sondern auch ein stockendes Vorankommen. Und genau diese Eigenschaft hat sich die Zürcher Band auf ihrem neusten Album zu Eigen gemacht. „Göschene Airolo“ kann als musikalische Variante einer solchen Ausfahrt betrachtet werden und mischt Mundart mit Rock, Funk und flotten Sprüchen.

Die Gruppe existiert seit 2002, musste aber für drei Jahre den Kopf in den Sand stecken. Die Mitglieder benötigten eine Pause, fühlten sich aber 2012 umso bereiter, um unter dem Namen Dyonikal komplett neu zu beginnen. Weg mit dem Ska und wilden Funk, her mit der traditionellen Herangehensweise des Schweizer Mundart-Rock. Was Legenden wie Züri West jahrelang gefestigt haben, wird nun mit Saiten, Tasten und Fellen weitergeführt – natürlich auch hier in schweizerdeutschem Gesang. Lukas Bünger schlägt mit seiner Stimme zwar keine virtuosen Kapriolen, sitzt aber angenehm im Ohr und versucht sich an typischen Landeseigenheiten und Wortwitzen. Diese dürfen auch mal ungewohnt sein, erreichen in ihrer Frechheit aber nie die Messlatte von Stiller Has und Konsorten. Dyonikal klingen auch gesamtheitlich eher wie der nette Typ von nebenan, der gerne Mal auf seiner Gitarre ein Lied spielt. Die Welt wird an lauen Sommerabenden zwar gemütlicher, aber gerettet wird niemand. Vielleicht war es ein Fehler das Album „Göschene Airolo“ zu betiteln, denn genau wie beim Sprichwort rauschten mir hier die Lieder durch den Kopf, ohne wirklich hängen zu bleiben. Zwar wissen die Musiker ihre Stücke abwechslungsreich zu gestalten, spielen mal schnell und laut, dann wieder langsam und zart, neue Gebiete erforschen sie aber selten.

Dyonikal möchten wohl gerne mehr sein, als sie auf ihrem zweiten Album präsentieren. Die Ambitionen sind da, die Richtung stimmt auch – doch leider ist die Ampel vor dem Tunnel noch rot. Nach einer Pause zurückzukommen und mit neuem Stil durchzustarten ist nicht einfach – schön das es die Mannen gewagt haben. Für das nächste Album wünsche ich mir aber mehr Energie, Stilbrüche und Eigenheiten. Ansonsten geht auch dieses Gefährt viel zu schnell in der Blechlawine unter.

Anspieltipps:
Mister Detektiv, Gib emal Gas, Bänk & Stüehl

Das Album auf Soundcloud.

Dante – When We Where Beautiful (2016)

Dante – When We Were Beautiful
Label: Gentle Art Of Music, 2016
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Progressive Metal

Dies ist eigentlich keine Kritik, sondern ein Text, der in zwei Sichtweisen gelesen werden kann. Entweder man entscheidet sich für die Variante der absoluten Unterwerfung einer Stilrichtung, oder man denkt zu weit und landet darum etwas auf dem Abstellgleis. Oder einen Bahnhof zu weit? Wie auch immer, das neue Album von Dante mit dem eher interessanten Covermotiv spaltete beim Hören meine Ohren. „When We Were Beautiful“ ist auf jeden Fall eine beachtliche Leistung aus Deutschland, ein grosser Brocken Prog-Kunst.

Während sieben oft sehr langen Liedern zeigen Dante, dass Prog-Metal von höchster technischer Feinheit und harter Entschiedenheit auch aus unseren Nachbarländern stammen kann. Ihre Musik ist durchdacht, bietet wilde und krachende Gitarren und grosse Fingerfertigkeit. Da bleibt man nicht im Schatten der Vorbilder stehen, man stellt sich breitbeinig vor alle Dinosaurier hin. Erstaunlich ist, dass die Musik auf „When We Were Beautiful“ oft sehr gnadenlos und kalt daherkommt. Wenn sich nicht Keyboard oder Gesang um Melodiensträucher winden würden, dann wäre das Album technisch und industriell. Eine selten gehörte Produktion, die aber wunderbar zu Dante passt. Die Tasten- und Saitenflitzer erhalten viele Momente der Beweisstellung und ergänzen die Arrangements. Doch genau hier wird es etwas mühsam, denn Dante wissen all diesen alten Tugenden des Prog-Metal nichts Neues hinzuzufügen. Sicherlich sind die Stücke beeindruckend aufgebaut, es wird von Balladen bis zu aberwitzigen Ausbrüchen alles geboten. Doch die Frage des Anreiz stellt sich, denn wieso muss ich genau diese Scheibe auch noch kaufen? Der Punkt ist nicht klar erfassbar, leider.

Alles in allem bieten Dante hier beste Genrekost, treibende Lieder und knackige Riffs. Das Album hat Groove, bietet wilde Breaks und Taktwechsel, vermischt spannenden Gesang und musikalische Bergtouren, aber die Konventionen werden für meinen Geschmack zu selten gebrochen. Liebhaber der Stilrichtung werden auf jeden Fall jubeln, denn trotz der Länge ist das Album nie erdrückend, trotz der Notenfülle sind die Lieder schlüssig und bieten Momente zum Nachdenken. Aber wie gesagt, ich greife dann doch lieber zu Querdenkern und Songs, die nicht alle Oktaven in den Solis abgrasen.

Anspieltipps:
Rearrangements Of The Gods, Beautiful Again, Let Me Down

Record Store Day 2016 – Berlin

Alle Jahre wieder, beschert uns der Record Store Day die Möglichkeit, viele limitierte Platten zu jagen und kaufen, Vinyl-Shops zu besuchen und neue Freunde zu finden. Meine Wenigkeit befand sich an diesem Tag ausnahmsweise nicht in der Schweiz, sondern nutzte einen Kurztrip nach Berlin um das Treiben im Dodo Beach zu betrachten.

Dodo Beach ist nicht nur ein besonders hübscher und grosser Plattenladen in der deutschen Hauptstadt, sondern auch einer der beliebtesten. Das liegt – nebst der grossartigen Auswahl und angenehmen Präsentation der Scheiben – vor allem am freundlichen Personal und der tolle Atmosphäre im Geschäft. Natürlich verstärkte sich dies am Record Store Day um ein vielfaches und zwischen den Regalen bewegten sich Scharen von Menschen. Immer wieder fand man Gelegenheit, mit anderen Besuchern zu sprechen und die eigene Leidenschaft zu Vinyl zu teilen.

01 Berlin_Dodo 1 01 Berlin_Dodo 2 01 Berlin_Dodo 3

Matthias aus Bremen beispielsweise, nutzte seinen Kurztrip nach Berlin um durch die Plattenläden zu streifen. Da im Dodo Beach den gesamten Tag auch Livekonzerte veranstaltet wurden, war dieses Geschäft seine erste Anlaufstelle. Matthias informierte sich zwar etwas im Voraus online über die Veröffentlichungen, kauft aber auch nicht jede Scheibe. Wie auch in meinen Augen, sind für ihn viele RSD-Editionen überteuert und in der Sammlung nicht nötig. Besonders bei den Singles macht keinen Aufstand, und sein Plattenregal ist schon fast übervoll. Doch wer denkt bei Vinyl schon in vernünftigen Mengen?

Für die Geschäftsleiter ist dieses irrationale Verhalten natürlich ein Segen, und gerade an einem Tag wie dem Record Store Day steigen die Verkaufszahlen. Wobei die Leute bei Dodo Beach auch wissen, wie man sicher selber und das schwarze Gold feiert. Auf der Gasse befindet sich die Bühne und eine Bar, im Geschäft ein separates Regal mit RSD-Vinyl. So macht das suchen und kaufen gleich noch mehr Spass. Und wer Glück hatte, der wurde entweder vom RBB oder Musikexpress interviewt. Wie auch unser Autor.

Franzi, eine gebürtige Berlinerin und gute Freundin von mir, besuchte noch drei weitere Plattenläden und stellt uns hier ein paar Impressionen zur Verfügung. Glücklich endete ihre Jagd nach dem „Doctor Who Soundtrack“ übrigens im Dodo Beach. Besten Dank!

01 Berlin_CoreTex 01 Berlin_Dussmann 01 Berlin_HHV 1 01 Berlin_HHV 2

Media Monday #252

media-monday-252

Aprilwetter vom feinsten, Jobwechsel vom angenehmsten und bald das Moderartkonzert. Die letzte Woche im Monat verspricht einiges. Hier ein paar Gedanken an vorherige Tage, geleitet vom Medienjournal.

1. Die Geschlechterrollen in Hollywood-Filmen ist ja meist immer noch total sexistisch und ungerecht dargestellt. Sicherlich gibt es doch immer mehr Filme mit „starken“ Frauen in der Hauptrolle, doch auch da werden oft die billigsten Klischees bemüht. Schade, dass vor allem hinter den Kulissen die Mitstreiterinnen in Hollywood immer noch belächelt werden.

2. Das rasche Ende von „The Cabin In The Woods“ wird der Sache nicht annähernd gerecht, denn der Film ist genau dann am unterhaltsamsten, wenn er alle Schleusen öffnet und in das Chaos abdriftet. Vielleicht hätte man den Fokus ein klein Wenig verschieben können. Immerhin darf – die sonst sträflich übersehene – Kristen Connolly glänzen. Vor allem in Blut.

3. Ich trauere ja immer noch den grossartigen und unerreichten Momenten in „30 Rock“ nach, immerhin bietet die zweite Staffel von „Unbreakable Kimmy Schmidt“ ähnlichen Humur und groteske Szenarien. Und Ellie Kemper zuzusehen macht einfach Spass.

4. Der Film „XY“ hätte gerne fortgesetzt werden können, denn diesen Satz wird man vor mir wohl selten zu hören kriegen. Innovation und Original ist immer besser als ein laues aufkochen bekannter Suppen.

5. Die Ausstellung „Oltremai“ von Lorenzo Mattotti am Fumetto war ein überraschend großartige Präsentation, weil dieser Graphic Novel nicht nur in seiner Gänze im Luzerner Kunstmuseum präsentiert, sondern auch mit passender Musik untermalt wurde. So tauchte man nicht nur visuell in die Geschichte ein, sondern auch akustisch. Faszinierend dieses Werk.

mattotti_600

6. Netflix hat mich dazu verleitet, die Dokumentation „Beltracchi: Die Kunst des Fälschens“ anzuschauen – und dabei dem Kunstfälscher und Maler Wolfgang Beltracchi als Menschen ganz nahe zu kommen. Der Mann wirkt schon fast wie eine Karrikatur seines eigenen Charakters und ist deshalb extrem amüsant. Wenn ich real mit ihm diskutieren würde, brächte mich seine Überheblichkeit wohl zur Weissglut. Aber Talent und Mut hat der Mann auf jeden Fall.

7. Zuletzt habe ich mich wie ein kleines Kind über die wunderbare Ausstellung von SEICO am Fumetto gefreut – und das war genau so faszinierend wie toll, weil das Kollektiv eine gesamte kleine Firma mit Werkstatt und Büro aus Karton hergestellt hat. Hier das Beispiel des Arbeitstisches. Jawohl, alles ist aus Papier und Karton. Genial oder?

Fumetto-2016_SEICO_MBohli

Devin Townsend Project – Ziltoid Live at the Royal Albert Hall (2015)

Devin Townsend Project - Ziltoid live

Devin Townsend Project – Ziltoid Live at the Royal Albert Hall
Label: InsideOut, 2015
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Progressive Metal, Symphonic Rock

Guten Tag und willkommen ihr kleinen Wichte. Da befinden wir uns nun also in der altehrwürdigen Royal Albert Hall, und ihr Nichtsnutze glaubt immer noch, das war eine gute Entscheidung? Pha, in den nächsten Stunden werde ich euch schon zeigen, wie Ziltoid auf der Erde eine Party feiert. Als Vorbild für diesen musikalischen Orgasmus dient mein heroisches Abenteuer namens „Z2: Dark Matters“, welches ich letztes Jahr auf diesem wundersamen blauen Planeten erleben durfte. Aber macht euch keine falschen Hoffnungen, ich blieb eh nur wegen dem göttlichen Getränk namens Kaffee. Ihr Würmer könnt mir gestohlen bleiben.

Um euch alle in diesen Saal zu locken, habe ich meinen Sklaven Devin Townsend und seinen verrückten Haufen aus ihrem Konzert-Hiatus herausgeholt. Während mehr als zwei Stunden werden diese Handlanger und Marionetten euch die Ohren zumüllen mit viel Lärm und Krach. Die Augen werden euch platzen vor lauter farbigen Bildern und Lichtflecken, und vor allem wegen meines wunderschönen Anblicks. Egal ob auf LED, Kostüm oder Gemälde, ich bin eine Pracht! Wisst ihr übrigens, dass ich meine Kleidung nur trage, weil alle Erdenfrauen mir sonst… Wie? Das interessiert euch alles nicht? Pha, ungehobelte Frechlinge! Warum veranstalte ich ein solches Spektakel und ihr jubelt dann nicht einmal eurem liebsten Ausserirdischen zu? Dass die zweite Hälfte des Konzertes nach euren Songwünschen gestaltet wurde ist auch selbstverständlich? Und jetzt ist die Überraschung raus, super. Es erwarten euch nämlich nicht nur aktuelle Stücke wie „Universal Flame“, sondern auch geile und selten gespielte Wuchtbrummen. „Kingdom“ knallen wir euch vor den Latz, „Heatwave“ lässt eure Füsse tanzen, „The Death Of Music“ befriedigt alle Ambient-Träumer. Egal ob Devin dabei aus Country, Metal oder Prog-Rock klaut, für euch klastern wir alles mit einer enormen Wand an Keyboards und Gitarren zu. Symphonische Breitwandmusik mögen ja viele Leute auf diesem Planeten – hier geben wir euch 24 Gründe, diesen Stil zu vergöttern. Also uns. Da ich aber leider in der zweiten Konzerthälfte hinter den Kulissen verschwinden muss – und ja, ich bleibe dann auch ruhig –  wird euch Herr Townsend mit seinem Humor und grosser Spielfreude in den Wahnsinn hinein begleiten. Das macht sogar euch Schnarchnasen Spass! Wer sich nach diesem Auftritt noch auf den Beinen halten kann oder mit einer Puppe wedelt, der ist ein Lügner!

Haltet also an eurem erbärmlichen Dasein fest und geniesst für einen Abend ein Leben, das euch für immer verwehrt bleiben wird. Voller Helden, Schlachten, Gitarren, Explosionen und harten Männern die wissen, was eine Meute will. Befürchtet nicht, dass es ein Blendwerk voller überflüssiger Hörspiele wird. Denn obwohl wir gerne übertreiben, Seelen haben diese Sklaven immer noch. Da kann ich sie noch so lange unterjochen und nach meiner Pfeife tanzen lassen. Und jetzt bringt mir eine Tasse heissen Kaffee und schweigt für immer. Die Show beginnt, Ha!

Anspieltipps:
War Princess, Earth Day, Heatwave, The Death Of Music

Tides From Nebula – Safehaven (2016)

Tides From Nebula - Safehaven

Tides From Nebula – Safehaven
Label: Long Branch Records, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Post-Rock

Wenn sich mehrere Gitarren laut aufrichten, sich dann immer mehr zurückziehen und einem einzeln gespielten und offenen Akkord Platz machen, all dies dann aber in elektrisierenden Riffs beendet wird – dann sind Tagträume nicht weit. Wenn die Stöcke des Schlagzeugs auf kunstvolle Weise die Trommeln bearbeiten, sich dann streichelnd hinter den Bass stellen und wie ein Teufel aus den Schatten über alles herfallen – dann klopft man mit den Fingern auf den Tisch und jubelt. Und wenn sich darunter dann noch faszinierende Synth- und Keyboardspuren legen, dann kriecht man in die hintersten Ecken, um alle Geheimnisse ins Tageslicht zu holen.

„Safehaven“ ist nicht einfach ein weiteres Album voller instrumental gehaltener Rockmusik, es ist eine tiefer gehende Auseinandersetzung – mit sich selber und mit dem Klangschaffen. Als Band betrachtet man gerne die Jams, die man im Proberaum ertüftelt und haut sich damit auch selber mal um. Tides From Nebula arbeiten diese Improvisationen aber so lange um, bis sich logische und klar strukturierte Kleinplaneten ergeben. Auf ihrem neusten Album hat die Band aus Polen nun acht weitere solcher Himmelsgestirne erschaffen und fügt dem Stil Post-Rock ein echtes Abenteuer hinzu. Denn ihre gitarrenbetonte Musik wiederholt nicht einfach alte Kamellen, sondern findet immer wieder Wege, um aus Steigerungen ergreifende Bilder zu malen, um aus leisem Sinnieren riesige Kreaturen zu modellieren. Bereits beim Titelstück bestimmen einzelne Einfälle die Faszination, wie über allem stehende Riffs, plötzliche Breaks oder wellenartige Tastenmelodien. Später ziehen Slidegitarren ein, der Bass brummt angenehm vor sich hin und von allen Seiten scheinen die Songs auf den Hörer einzuwirken. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus und fühlt auf positive Weise sein Herz zerpflückt.

„Safehaven“ ist ein Album voller Emotion und Atmosphäre, in hohem Tempo gespielt und präsentiert. Tides From Nebula haben ein Werk geschrieben, dass immer wieder eine mitreissende Wirkung offenbart und sich in sich homogen geschlossen anfühlt. Ohne die handgespielten Momente im Wert zu vermindern, wurden die Songs effektvoll geschmückt und strahlen hell. Für alle Post-Rock-Liebhaber und Freunde gefühlvoller Gitarrenmusik ist „Safehaven“ genau das, ein sicherer und schöner Hafen.

Anspieltipps:
Safehaven, All The Steps I’ve Made, Traversing

Yeasayer – Amen & Goodbye (2016)

Yeasayer_Amen_Packshot

Yeasayer – Amen & Goodbye
Label: Mute, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Indie, Experimental Rock

Wenn die Ideen so überborden, dass man nicht alle Einfälle korrekt festhalten und entwickeln kann, dann kann dies für eine Band frustrierend sein. Yeasayer aus Brooklyn mussten immer darauf achten, dass ihre Musik nicht Reissaus nimmt und den Künstlern davon galoppiert. Bereits auf den Coverillustrationen fand man immer befremdliche und interessante Collagen – die Lieder hinter den Bildern standen diesem Überfluss meist in nichts nach. „Amen & Goodbye“ ist nun also eine weitere Runde im Freizeitpark deiner Drogenträume – und zum Glück kein definitiver Abschied, denn gerade jetzt scheint sich die Band mit der Technik perfekt vermengt zu haben.

Kinderchor, hüpfendes Schlagzeug, Gitarren und Bass auf der Achterbahn und dazwischen ein Synthsturm voller Konfetti – Yeasayer versuchen sich mit ihrem neusten Album nicht an Zurückhaltung. Für „Amen & Goodbye“ sagten sie zwar Tschüss zur kompletten Digitalisierung, liessen ihre Songs aber von Joey Waronker auseinander nehmen und neu verbinden. Als ob man die Platte in eine Tischbombe gesteckt und dann mit allen Spielsachen auf den Wohnzimmerboden gestellt hätte. Stücke wie „Dead Sea“ tanzen auf mehreren Partys, Rock und Indie werden mit viel Experimentiergeist gefüttert und mit Zwischenspielen noch mysteriöser gehalten. Man kann sich nicht immer sicher sein, ob Yeasayer die Retter des Psychedelic Pop sein werden oder einfach nur Scharlatane hinter tollen Masken sind. Die Lieder wollen absichtlich etwas verwirren, doch im Herzen sind die meisten eigentlich ziemlich simple Indie-Hits. „I Am Chemistry“ betört mit tollem Refrain, „Gerson’s Whistle“ landet im Art-Rock. Einflüsse aus allen Ecken der Welt sind zu hören, trotzdem bleibt die Gruppe klar im Westen zu Hause. Mit höchster Güte bei Produktion und Aufnahme fanden alle Theorien die korrekte Ausführung auf dem Album.

Es kann manchmal etwas zu viel werden, diese Fröhlichkeit und Spiellust, doch dann kriegen Yeasayer wieder die Kurve und lassen etwas düstere Klänge in ihre Lieder. „Amen & Goodbye“ ist nicht immer klar zu erfassen, zeigt aber wunderbar auf, wie sich experimentelle und einfallsreiche Musik der heutigen Zeit anhören kann. Egal ob Pop oder melancholischer Rock, Indie oder Traditional, die Gruppe bleibt überall gleicht standhaft. Wie eine Märchensammlung oder ein Heft voller Comics lacht es uns an und will immer wieder mal genossen werden. Schmerzt ja nicht.

Anspieltipps:
I Am Chemistry, Dead Sea

The Hirsch Effekt – Holon: Anamnesis (2012)

Hirsch Effekt_Anamnesis_MBohli

The Hirsch Effekt – Holon: Anamnesis
Label: Kapitän Platte, 2012
Format: Doppelvinyl im Gatefold
Links: Discogs, Band
Genre: Art-Core, Metal, Indie

Um es gleich vorne weg zu nehmen: „Holon: Anamnesis“ ist ein Jahrhundertalbum – ein Konzeptwerk, das in beeindruckender Weise ein intelligentes Thema mit vielen musikalischen Stilen kombiniert und dabei nie sich selber überfordert. Eine unglaublich grosse Leistung, besonders wenn man genauer hinhört. Zwischen all den Stilwechseln, Genremutationen und akrobatischen Einlagen der Instrumente verbergen sich eine grosse Seele und noch viel mehr Schmerz. The Hirsch Effekt haben mit ihrem zweiten Album eine Platte in die Welt gestellt, die auch vier Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch relevant und unerreicht ist. Da kommt die Neuauflage also gerade Recht, um weitere Beziehungen zu zerschlagen und melancholisches Glück über alle zu giessen.

Was das Trio aus Hannover hinter dem Namen der Erinnerung spielt, sucht seinesgleichen. Bereits mit dem ersten Lied „Anamnesis“ mischen die Musiker Gesang und Gitarre immer stärker in Orchesterklänge. Plötzlich kippt die Stimmung und erste Breaks holen den Hardcore hinein. Streicher machen dem knallharten Schlagzeug Platz, elegische Arrangements werden gnadenlos verprügelt. Über allem herrscht die Stimme von Nils Wittrock, der in beeindruckenden Sätzen eine Geschichte voller Angst und Zerbrechlichkeit erzählt. Das Scheitern der Liebe, verpackt in Zeilen wie „Vielleicht fehlt uns auch grad‘ der Mut für eine Lösung / an die noch keiner von uns glaubt“, „Wenn mein Kopf dann aufschlägt / Vielleicht bleibt dann noch Zeit / Irgendwie / In der Nacht zu baden“ oder „Wer sich jetzt noch umdreht ist selber schuld“. Eine simple Sprache, die in Verbindung mit der überbordenden Musik und repetitiver Behandlung eine Sogwirkung entfaltet und emotional alles verschlingt.

Dagegen wirken teilweise sogar die Abenteuerreisen der Strukturen klein, egal ob The Hirsch Effekt nun Math-Core, Prog und Indie ungerade und verkopft neu aufbauen. Bläser und Streicher mischen sich zwischen die Attacken, der Hörer wird komplett vereinnahmt. „Holon: Anamnesis“ reisst nicht nur stark mit, im eigentlich Kern ist das Album viel sanfter als man denkt. Sobald man den Blick hinter den Vorhang wagt, sieht man die Intimität. Wenn am Ende von „Datorie“ eine Sprachaufnahme das Album mit einer genialen Wendung beendet, läuft es einem kalt den Rücken hinunter und die Geschichte erhält eine neue Bedeutung.

Selten gab es in den letzten Jahren eine Platte, die im Bereich der harten und intelligenten Musikrichtungen so viel gewagt, erreicht und gewonnen hat. The Hirsch Effekt haben sich mit „Holon: Anamnesis“ selber übertroffen, verewigt und für alle Verfechter des Metal, Prog und Emo-Core eine Lieblingsplatte geschrieben. Sicherlich muss man die wilden Hüpfer zwischen dissonantem Riffgewitter mit Gebrüll und sanftem Chorgesang mit wohlklingenden Partituren erst einmal verdauen – wer sich aber darauf einlässt, erlebt eine der mitreissendsten Erfahrungen im Bereich der Musik.

Anspieltipps:
Absenz, Agitation, Ligaphob, Datorie