Instrumental

Nordic Giants – Amplify Human Vibration (2017)

Band: Nordic Giants
Album: Amplify Human Vibration
Genre: Post-Rock

Label/Vertrieb: Aloud
VÖ: 20. Oktober 2017
Webseite: nordicgiants.co.uk

Wer sich etwas länger und tiefer mit Post-Rock beschäftigt hat, dem sollte klar sein: Vielfach lebt diese Musikrichtung zu einem gewissen Teil von ihren Sprachsamples. Da sich die Musik auf die Instrumente beschränkt, müssen direkte Botschaften durch Archivaufnahmen von bekannten oder noch nie gehörten Menschen ergänzt werden. Ihr drittes Album haben die Musiker Rôka und Löki aus England darum gleich mit Konzept und Erzählung ausgestattet und präsentieren bei „Amplify Human Vibration“ zugleich den ersten Film von Nordic Giants. Her mit den positiven Menschheitserfahrungen!

Konkret fröhlich wird das Album aber nie, viel eher wird man sofort bei „Taxonomy Of Illusions“ mit einer langen Ansprache über die menschlichen Emotionen konfrontiert. Es geht darum, dass Menschen sich gegenseitig mit Gefühlen und Ausdruck extrem stark beeinflussen und unterstützen können  – und wir somit über die Beschwerlichkeit des Daseins hinwegsehen. Dass sich die Musik von Nordic Giants dabei oft im Hintergrund hält, ist zuerst etwas verwirrend, denn die Stimmen erhalten extremes Gewicht. Doch schon bald merkt man, dass diese Abmischung wunderbar funktioniert. Melodientragendes Klavier, Gitarrenriffs und das polyrhythmische Schlagzeug legen den Boden für die interessanten Aussagen – oder das Duo nähert sich gleich dem Ambient, wie bei „First Light Of Dawn“.

Nordic Giants wussten bisher nie so genau, wie sie ihren wilden und dynamischen Post-Rock auf CD bannen können – mit „Amplify Human Vibration“ ist ihnen dies nun ziemlich gut gelungen. Stücke wie „Spirit“ oder „Reawake“ haben einen extremen Ausdruck und verbinden klassische Genre-Mittel mit neuen Einfällen. Und dass man trotz des schwierigen Themas am Ende der Scheibe positiv durch den Tag schreitet, das ist die grösste Errungenschaft dieses Werkes. Plötzlich stören auch die gesprochenen Vorträge nicht mehr und alle Teile ergeben das gewünschte Ganze.

Anspieltipps:
Taxonomy Of Illusions, Spirit, Immortal Elements

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Sum Of R – Orga (2017)

Sum Of R – Orga
Label: Czar Of Crickets, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Dark Rock, Instrumental

Bedrohlich anmutend schleichen die Synthies umher, einzelne Klänge werden immer wieder im Echo ertränkt, leichte Perkussion ebnet den Weg. Spätestens dann, wenn man das Labyrinth bis zu „Desmonema Annasethe“ erforscht hat, wähnt man sich in Unterwelten der organischen Musik – ihren Ursprung im Dark Ambient findend. Sum Of R, seit neustem als Duo unterwegs, wagen sich auf „Orga“ an dunkle Rockmusik, die instrumental und zurückhaltend gross angelegte Geschichten erzählt. Immer in den Schatten lauernd und sich mit einer Kutte bedeckt haltend.

Erdacht von Reto Mäder, darf man mit dem Gütesiegel Sum Of R seit 2008 Musik erforschen, die eher in Richtung Hörspiel als klassische Songkonstellationen zielt. Dies macht auf dem dritten Album bereits der Anfang mit „(Intro) Please Ring The Bells“ klar, der mit effektvoll veränderten Stimmen und elektronischen Spielereien das Tor zu einer neuen Welt öffnet. Danach gesellt sich zwar mit jedem Track eine weitere Ebene wie das Schlagzeug (gespielt von Fabio Costa) oder Industrial-artige Muster dazu, laut und brutal wird es aber nie. Viel eher liegt die Wucht des Duos in den Repetitionen und Reduktionen.

Wie es bei guten Kunstwerken der Fall sein sollte, liegt auch in „Orga“ viel Kraft in der Suggestion. Drones und Ambient-Flächen wandeln durch den Kopf, nie ist man sich ganz sicher, was wirklich zu hören oder doch nur zu denken war. Sum Of R überraschen also nicht nur damit, dass ihre Musik extrem zurückhaltend ist, sondern in diesen konzentrierten Kompositionen ungeahnte Tiefen lauern. Und auch wenn das Absteigen in diese Gruften zuerst unangenehm erscheint, Erlösung und Befreiung sind garantiert.

Anspieltipps:
We Have To Mark This Entrance, Desmonema Annasethe

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

IMAX – Unfall (2017)

IAMX – Unfall
Label: Caroline, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Electronica, Dark Wave

Man ist es sich von Chris Corner ja gewöhnt, dass es an jedem Ende rumpelt, quietscht und die Bässe im Gehörgang dröhnen. Doch für die neuste Platte unter seinem Pseudonym IAMX hat sich das Ex-Sneaker Pimps Mitglied seine Musik neu aufgebaut – und verzichtet zum ersten Mal komplett auf Stimmen und Gesang. „Unfall“, bei weitem nicht so ein negatives Zufallsprodukt wie es uns der Titel weiss machen will, ist eine Gegenthese zu den gängigen Veröffentlichungen von Corner und bietet viel Platz für Experimente.

Natürlich, man findet sich als Hörer schnell in Stücken wie „Little Deaths“ oder „Cat’s Cradle“ zurecht, wartet aber nach jedem Takt auf den doch noch möglichen Einstieg von Gesang. IAMX verwehrt uns dieses Element hier aber komplett, bietet „Unfall“ doch den Einstieg in eine neue Reihe für abstrakte Alben voller Versuche an modularen Synthies. Das Pop-Format wird fast komplett ausradiert, die hymnischen Fangpunkte sind nicht mehr zu finden. Das verleiht der Musik eine kühle und manchmal auch etwas karge Stimmung – harte Beats und krumme Frequenzen bestimmen die Tracks.

Am besten gehen diese Spielereien immer dann auf, wenn sich die Takte laut durch die Synthie-Schichten kämpfen und dem Album eine extreme Tanzbarkeit verleihen. Gerade Momente wie „TickTickTick“ oder „TeddyLion“ strahlen hier im Schwarzlicht und würden perfekt in das Berghain passen. IAMX-Jünger könnten teilweise etwas die Eingänigkeit und das heroische Leider auf diesem Album vermissen, nicht alle Tracks sind gleich fesselnd gelungen. Trotzdem ist „Unfall“ eine spannende neue Seite von Chris Corner und macht auf jeden Fall neugierig auf die nächsten Teile. Ein „echtes“ IAMX-Album soll aber bereits 2018 folgen, keine Angst.

Anspieltipps:
TickTickTick, Cat’s Cradle, TeddyLion

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Dick Laurent – Hello (2017)

Dick Laurent – Hello
Label: Sixteentimes, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Blues, Instrumental Rock

Ich kenne eine coole, frische Band aus Basel – diesen Satz konnte man in letzter Zeit sehr oft anwenden, und der Nachschub scheint nicht weniger zu werden. „Hello“ sagen Dick Laurent und knallen uns auf ihrer neuen Scheibe fünf instrumentale Rock-Songs vor den Latz – da hilft zur Abkühlung nur noch der Sprung in den Rhein. Doch Achtung: Die drei Herren verfolgen dich weiter.

Lieder wie „Oiled“ oder „Short Story“ sind eigentlich oft kein Grund, dass man vor Freude die Hände verwirft. Was aber Dick Laurent mit den knackigen Stücken machen, das hat grossen Reiz. Seit 2013 haben sich die Musiker nämlich darauf getrimmt, hart hervor preschende Beats und träumerische Melodien zu verbinden. Gekonnt werden hier beide Komponenten mit Gitarre, Bass und Schlagzeug verknüpft und die Langeweile hat zu keiner Sekunde auch nur eine Chance, um vorbeizuschauen.

Vielmehr reist man hier durch den klassischen Blues-Rock, atmet kurz Wüstenstaub ein und ertappt sich beim Stolpern über die schier progressiven Taktwechsel. Und kaum hat man sich so richtig warm gerockt, endet „Hello“ leider auch schon wieder. Doch das Wenden der Platte benötigt schliesslich nicht viel Zeit, und schon bald geht das Fest mit Dick Laurent weiter.

Anspieltipps:
Oiled, Hello

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Kreidler – European Song (2017)

Kreidler – European Song
Label: Bureau B, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Krautrock, Electronica

Die Welt macht oft einen Strich durch die eigenen Pläne – so mussten auch Kreidler spontan umdenken, kurz vor dem Mastering ihres neuen Albums. Denn obwohl die Band aus Düsseldorf zufrieden mit ihren neuen Songs war, schienen diese nicht mehr auf unseren Planeten zu passen. Vorherrschende Stimmungen wie Xenophobie und Hass schreien direkt nach einer Reaktion und somit trafen sich die Musiker noch einmal im Studio in Hilden, um neue Improvisationen einzuspielen. „European Song“ ist somit eine Bestandesaufnahme in fliessendem Krautrock und eingestreuter Electronica. Und eine passende Fortsetzung der Bandgeschichte.

Kreidler standen schon immer für eine interessante Mischung aus Techno, Rock und Leftfield. Ihre Lieder bleiben auch auf „European Song“ oft zurückhaltend und spielen mit den gegebenen Rhythmen und Melodien. Die Musiker waren bei der Aufnahme spontan, benutzten aber keine Overdubs oder grosse Produktionszaubereien. Stücke wie „Kannibal“ oder „Radio Island“ atmen den freien Geist und wirken wunderbar geformt. Und es passt, dass hier keine Gesänge zu finden sind. So wirkt die Musik in ihrer Reinheit.

Sicherlich, eine direkte Antwort auf die momentanen Probleme ist die neuste Scheibe von Kreidler nicht – aber auch keine Verleugnung. Man spürt die Absichten und mit sich immer stärker steigernden Liedern baut die Band eine gute Spannung auf. Somit ist „European Song“ ein Gemeinschaftswerk und präsentiert Musiker, die fantastisch aufeinander abgestimmt sind. Und ja, auch die billig wirkenden Klänge aus den Synths sind gewollt – in der heutigen Zeit glänzt schliesslich auch nicht alles. Aber wir sind alle gemeinsam da, wie Kreidler es vormachen.

Anspieltipps:
Boots, Radio Island

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Robin Foster – Empyrean (2017)

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Robin Foster – Empyrean
Label: Membran, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Post-Rock, Electronica

Eine Woche nach dem neusten Werk von Lights & Motion erscheint nun ein weiteres Album, das mit seiner andersartigen Herangehensweise an den Post-Rock überrascht. „Empyrean“ ist das neuste Werk des englischen Musikers Robin Foster, der momentan in Frankreich sesshaft ist. Nach seinem Mitwirken bei der Gruppe Beth begab er sich auf einen abenteuerlichen Pfad der eigens produzierten Musik und weiss auch mit seinen neusten Liedern zu überraschen. Denn nicht nur wird die gitarrenbeherrschte Musik mit viel Elektronik aufgelockert, auch Einflüsse aus der Filmmusik machen sich breit.

Gleich mit „Hercules Climbs The White Mountain“ ist klar: Das Album wird zu einem schier sinfonischen Erlebnis. In erster Linie gibt die Gitarre den Ton an, in einer unglaublichen Variation, doch die Synths und die elektronische Wirkung spielen brav mit. So erinnern Lieder wie „Roma“ gar an gewisse Soundtracks von Vangelis, „Electronic Weapons“ trumpft mit einer Gastsängerin auf. Diese Mischung bringt eine grosse Lockerung in das Gefüge des Post-Rock und Robin Foster darf als talentierter Komponist auftreten. Seine Lieder sind immer voller Schönheit und bleiben gerne unaufgeregt.

„Empyrean“ ist als Vereinigung zweier Welten ein Produkt, das mit seiner Seele sowohl analoge wie auch digitale Liebhaber ansprechen wird. Zwar wirkt das Klangkleid manchmal etwas zu eng und die grossen Innovationen fehlen der Scheibe, entspannt und hübsch ist es aber immer. Lustigerweise erinnerte mich „Argentina“ an das neue Werk von Trentemoller und bei „Vauban“ scheint die Melodie von „Mad World“ im Hintergrund zu lauern. Foster zeigt somit einen Konsens auf, der alle Seiten glücklich macht und die Neugier auf sein komplettes Schaffen gross werden lässt. Luftgitarre spielen inklusive.

Anspieltipps:
Everlast, Roma, Vauban

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Khaldera – Musik und Landesmassen

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Khaldera Website / Facebook

Michael Bohli: Hallo Sven, besten Dank für die Möglichkeit eines Interviews und gleich mal: Gratulation zur neuen EP „Alteration„.
Sven Egloff: Hallo ebenfalls und Danke für die Lorbeeren.

Khaldera – ebenso ein Kontinent einer Spielwelt, in der nicht alles ganz normal zu und her geht. Wie weit passt ihr da mit eurer gleichnamigen Band rein? Erschüttert eure Musik die Erde?
Nach anfänglicher Verwunderung und einer Minute auf Google kann ich nur sagen, dass wir damit rein gar nichts zu tun haben und passen noch weniger in diese Welt als Nutella zu Essiggurken. Aber nichts desto trotz erschüttert unsere Musik natürlich immer ihre Umwelt, egal wo wir uns befinden .Es ist cool, dass wohl jemand dieselbe kreative Idee hatte wie wir.

Geografisch konkreter: Ist es für eine Band eine gute Ausgangslage, im Aargau seine Heimstätte aufzubauen?
Da wir das Glück hatten einen sehr guten Proberaum in der Nähe eines Bahnhofes zu finden – definitiv ja. Fabio und ich wohnen ausserdem nur knapp 5-15 Minuten vom Raum entfernt. Viel besser kann es daher aktuell nicht sein. Was Auftrittsmöglichkeiten angeht bestehen im Aargau nicht sehr viele geeignete Lokale für unsere Musik. Allerdings benötigen wir aufgrund der zentralen Lage auch nicht allzu lange, um beispielsweise nach Zürich, Basel oder Bern zu gelangen.

Eure Band existiert seit vielen Jahren, vor allem als bekannte Bewohner des Proberaumes. Wie habt ihr euren steigenden Bekanntheitsgrad erfahren ohne gross das Land zu bereisen?
Eigentlich haben wir das Land mit der Band noch gar nicht bereist und auch selbst sehr wenig Werbung betrieben. Man kann jedoch nur Leute erreichen, indem man Musik veröffentlicht und aktiv verteilt – heutzutage geschieht dies meist über das Internet. Da die erste EP von Aaron Harris (Palms, ISIS) abgemischt wurde, konnten wir über sein Netzwerk bereits Personen ausserhalb der Schweiz erreichen. Ich glaube, wir haben damit sogar mehr Leute aus anderen Ländern als Schweizer erreicht.
Für die zweite EP haben wir uns für die Zusammenarbeit mit dem Label Czar of Crickets entschieden, welches einiges an Promo-Arbeit geleistet hat. Dadurch konnten wir nun auch wieder neue Leute erreichen, ohne überhaupt ein Konzert gespielt zu haben – was uns natürlich freut.

Ist es möglich, in einer solch schnelllebigen Zeit mit nur zwei EPs in drei Jahren trotzdem in den Gedanken der Menschen zu bleiben?
Das ist schwer zu sagen, ich denke das kommt auf die Musik an. Wenn einem die Lieder gefallen und auch über längere Zeit fesseln, spielt man sie auch öfters ab. Mir persönlich spielt es keine Rolle, wie viel Material eine Band veröffentlicht – hauptsache ich kann gute Musik geniessen. Und bei der heutigen Fülle an guter Musik stellt sich mir manchmal eher die Frage, wann man das denn noch alles hören soll?

Existiert für euch – oder alle instrumentalen Metal-Bands – eine eigene Szene? Gelingt mit einem homogenen Publikum der Durchbruch oder wird dies durch diesen Umstand eher erschwert?
Die Existenz einer solchen Szene ist mir nicht bewusst. Wenn Sie bestehen würde, wäre sie in der Schweiz wahrscheinlich eher klein.

Was lange braucht wird endlich gut – welche Gründe verhindern bei euch das Loslassen der Lieder? Auf „Alteration“ spürt man den Anspruch an Perfektion, der auch oft erreicht wird. Steht man sich dabei aber nicht gerne selber im Weg?
Es gibt dafür keine spezifischen Gründe. Ich für meinen Teil mag es jedoch, wenn alles wie aus einem Guss klingt. Dies erfordert oftmals etwas mehr Hingebung und auch entsprechend Aufwand. Für uns ist schlussendlich aber das Endergebnis am wichtigsten und wir sind bestrebt nur Material zu veröffentlichen, mit welchem wir auch vollends zufrieden sind. Sich selbst im Weg stehen kann man teilweise durchaus. Wir haben aber inzwischen gelernt, radikaler zu sein wenn es notwendig ist. Es ist ausserdem hinzuzufügen, dass wir die letzten drei Jahre nicht alleine in diese EP investiert haben. In dieser Zeit haben wir auch bereits einiges an anderem Material zusammengestellt und wir können es kaum erwarten, es fertigzustellen.

Czar Of Crickets ist ein kleines Label mit ausgewählten Bands – wie kam eurer Kontakt zu Fredy zustande?
Für Alteration wollten wir eine andere Art von Produktion, Promotion und Vertrieb finden, gleichzeitig aber so unabhängig wie möglich bleiben. Es war uns ebenfalls wichtig, mit Leuten aus der Umgebung zu arbeiten, welche man auch effektiv treffen kann – jemand der unsere Musik versteht und weiss worum es geht.  Wir kannten Fredy Rotter (Labelmanager) von der Band Zatokrev und wussten, dass er erfolgreich sein eigenes Label betreibt und schon einige Alben heraus gebracht hat. Somit schrieben wir ihn einfach an. Er war von Anfang an sehr aufgeschlossen und für eine Zusammenarbeit bereit, und wir sind bisher auch sehr dankbar für seine Arbeit. Dank seiner Kontakte in Europa erreichen wir mit unserer Musik international Menschen, die wir ansonsten nur mit sehr viel Aufwand oder gar nicht erreicht hätten. Es hat uns auch bereits ein paar sehr gute Reviews, Interviews und sogar Konzertmöglichkeiten eingebracht.

Glaubt ihr, auf eurem Weg auch einmal Schnellschüsse zu wagen – oder bleiben Khaldera für ihre langsame, aber stets überlegte Vorgehensweise bekannt? Frech ausgedrückt, das erste Album 2017 oder 2025?
Wir sind sehr motiviert, das erste Album vor 2025 zu veröffentlichen. Wenn alles gut läuft, könnte es durchaus möglich sein, dass ihr es in 1-2 Jahren in den Händen haltet. Wir wollen aber noch keine Versprechungen machen.

In eurer Biografie steht, dass ihr vorläufig eine instrumentale Band seid. Schwirren denn Gedanken im Raum herum, es in Zukunft auch mit Stimmen zu versuchen?
Wir schliessen grundsätzlich nichts aus, wenn uns eine Idee gefällt und haben auch schon über Experimente diskutiert. Sofern wir der Musik mit Gesang effektiv etwas hinzufügen und gleichzeitig auch das Gefühl eines Songs einfangen und übermitteln könnten, ist es definitiv eine Option für uns. Die Zeit wird zeigen, ob sich etwas ergibt.

Besten Dank für das Interview.
Vielen Dank auch dir.

Roland Bühlmann – Aineo (2014)

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Roland Bühlmann – Aineo
Label: Eigenveröffentlichung, 2014
Format: CD
Links: Bandcamp, Künstler
Genre: Instrumental, Prog

Künstler, die ihre Musik nicht nur komplett selber schreiben, sondern auch alles eigenhändig und unabhängig aufnehmen und vertreiben, erhalten von mir immer eine grosse Portion Bewunderung. Der Aufwand und das Können sind nicht nur viel grösser als bei einer Band mit etwa fünf Mitgliedern, auch braucht man eine starke Vision und viel Geduld. Roland Bühlmann preist somit mit seinem Werk nicht nur höhere Mächte, sondern auch den individuellen Gedanken in der Musik – „Aineo“ schmückt sich nie mit falschen Erwartungen.

Musiker Bühlmann bleibt bei seinen Stücken instrumental und tobt sich in den komplexen Tälern zwischen Prog, Post-Rock und Fusion aus. Bestimmend findet man Gitarrenskulpturen, die filigran zwischen Piano und Schlagzeug im Park stehen. Nicht ohne Grund erinnern die Lieder auch mal an gleichgeschaltete Musiker wie Mike Oldfield – auch dieser weltbekannte Mann hat seine ausufernden Kompositionen alleine bestritten. Bei Roland Bühlmann gehören aber nicht nur die Melodien und Klangideen zum Grund für „Aineo“, sondern auch das Verweben der einzelnen Instrumente. Die Stücke bleiben zwar meist ruhig – oder brechen zumindest nicht wütend durch den Holzzaun – finden aber in wenigen Takten eine tolle Stärke. Man muss schon bereit sein, sich Musik auch erarbeiten zu wollen. Doch wer sich in oben erwähnten Stilrichtungen auskennt, wird hier bestimmt nicht verzweifeln.

Musiker in der Schweiz haben es nicht einfach, der Markt ist zu klein und die Hörer oft zu eingeschränkt in ihrer Wahrnehmung. Dass Roland Bühlmann mit „Aineo“ sich aber gegen all diese Bedenken stellt und sein Ding professionell durchzieht, ist bemerkenswert. Die instrumentalen Stücke erzählen eine tolle Geschichte und zeugen auch von grossem Potential. Sicherlich hat der Musiker hiermit noch nicht sein alles bestimmendes Meisterwerk vorgelegt, überzeugt aber atmosphärisch.

Anspieltipps:
Breakthrough, Unexpressed, Kenosis

Spectateur – Yateveo (2016)

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Spectateur – Yateveo
Label: The French Touch Connection, 2016
Format: Download
Links: FacebookBandcamp
Genre: Hip-Hop, Beats, Electronica

Schon fast lakonisch kündigt das Label The French Touch Connection die neuste Scheibe vom französischen Beat-Bastler Spectateur an: Elf Stücke, davon neun instrumental gehalten und zwei mit Rap. Dabei lauert hinter „Yateveo“ doch so viel mehr als nur diese einschränkenden Prinzipien des Hip-Hop und der Beats. Natürlich geht es hier vordergründig um die Beats, um den Eindruck und die krass verschränkten Arme. Doch Spectateur ist auch ein Verfechter der Melodien und Synths – eine tolle Mischung.

„Hip Hop / It’s Bigger Than You And I“, darum umgibt sich der Musiker aus Angers gerne mit Freunden und Gleichgesinnten. Bei Tracks wie „GMOS“ lässt er seine Klänge dazu gerne etwas in den Hintergrund treten, die Beats bleiben reduziert. Aber auch da kann es der Künstler nicht lassen und lässt immer wieder Synthspuren und Keyboardlaute zwischen die Sätze tropfen. „Yateveo“ ist ein netter Wolf im Schafspelz, besonders dann, wenn sich die Musik alleine austoben darf. Wer dann reine Beats erwartet wird entführt, denn plötzlich gaukelt einem die Platte Trip-Hop und Electronica vor. Man sitz nickend auf dem Sofa und gönnt sich ein Drink zu „Sorry“, besucht den Tron-Club mit Daft Punk mit „Skylus“ und lebt die multikulturellen Aspekte Frankreichs bei „Bipolar Every Days“. Denn die Klänge aus den Computern und Drum-Machines wirken nie wie Roboter, sondern wie nette Leute und lebensfrohe Gestalten. Wenn sich die Takte beim Intervalltraining duellieren, hört man entzückt zu und geniesst die ruhigen sowie die heftigen Momente ohne Gehetze.

Spectateur hat hier Klangwelten geschaffen, die zwar aus einem Genre mit fetten Autos und noch fetteren Wörtern stammen, in ihrer Reinheit aber umso stärker strahlen können. Seine Tracks sind immer spannend und man ist froh, dass die Melodien und Beats nicht durch Sprechgesang verdeckt werden. Für alle, die also wieder einmal mit verschränkten Armen im Wohnzimmer wippen und dabei doch die elektronischen Spielereien grinsend verfolgen möchten, „Yateveo“ ist ein wunderbar passendes Album.

Anspieltipps:
GMOS, Bipolar Every Days, Skylus

Ulver ‎– ATGCLVLSSCAP (2016)

Ulver - ATGCLVLSSCAP

Ulver ‎– ATGCLVLSSCAP
Label: House Of Mythology, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Krautrock, Experimental, Noise

Selbstzitate können das kreative Schaffen von Musikern bereichern und ungeahnte Verbindungen zwischen den Veröffentlichungen offenbaren. Ulver erreichen eine grossartige und spannende Wirkung, indem sie Teile von „Messe I.X-VI.X“ und älteren Scheiben wieder aufgreifen. Der Einstieg in „ATGCLVLSSCAP“ schlägt somit eine Brücke zwischen klangmalerischen Platten, die Ulver in das Reich des Ambient führten, und Vorangegangenem. Ein Werk, das Liveaufnahmen von 2014 neu bearbeitet und erweitert, dabei die Improvisationen aber mit Studiotechniken verändert. Doch dies bringt auch Tücken mit sich.

Mit dem ersten Stück „England’s Hidden“ steigt man in eine bedrohliche Umgebung, einen Ort, der zuerst erobert werden muss und auch dann immer noch abschrecken kann. Mit einem dröhnenden Orgelspiel werden Assoziationen zum Soundtrack von „Interstellar“ wach. Doch Ulver verstärken die Atmosphäre mit druckvollem Schlagzeug und schichten Lärm und Flächen eindrucksvoll ineinander. Der Pfad der instrumentalen Stimmungsmusik wird weiterhin gegangen, oft zweigt es aber von den konzeptuellen Gebieten der Neoklassik ab und bietet wieder mehr Platz für Konventionen.

Was bei der Messe oft wie ein Ambient-Hörspiel klang, macht sich jetzt zwischen Noise, Krautrock und Avantgarde breit. Je nach Lied landet man in einem rauschenden und verzerrten Kammerspiel, dann wieder bei der Polyrhythmik voller Hall. Das Album bleibt in jeder Inkarnation interessant, lässt aber auch etwas den Zusammenhalt vermissen. ‎Nicht immer ist klar, ob mit „ATGCLVLSSCAP“ nebst dem Experiment etwas bezweckt wird. Jedes Stück steht wie eine Episode für sich und funktioniert zum Teil alleine stehend am besten – trotzdem, eine Steigerung ist vorhanden. Was zwischendurch fast wieder in der Stille endet, lässt bei „Nowhere (Sweet Sixteen)“ plötzlich Gesang zu und lässt das geliebte Ulver-Gefühl neu auferstehen.

„ATGCLVLSSCAP“ macht es dem Hörer nicht einfach, ist aber in seiner seltsamen Form gleichbedeutend eine logische Fortsetzung der Band-Geschichte und eine Abkehr des Bekannten. Die Gruppe war schon immer geübt darin, solche Gegensätze zu vereinen – auch hier lebt die Musik von dieser heterogenen Aufarbeitung unzähliger Stile. Das Album bleibt dabei immer schwer fassbar, aber somit auch grossartig fesselnd und fordernd. Alle, die sich gerne intensiv mit Klangforschungen auseinander setzen, müssen hier reinhören.

Anspieltipps:
Glammer Hammer, Cromagnosis, Ecclesiastes (A Vernal Catnap)