Instrumental

IMAX – Unfall (2017)

IAMX – Unfall
Label: Caroline, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Electronica, Dark Wave

Man ist es sich von Chris Corner ja gewöhnt, dass es an jedem Ende rumpelt, quietscht und die Bässe im Gehörgang dröhnen. Doch für die neuste Platte unter seinem Pseudonym IAMX hat sich das Ex-Sneaker Pimps Mitglied seine Musik neu aufgebaut – und verzichtet zum ersten Mal komplett auf Stimmen und Gesang. „Unfall“, bei weitem nicht so ein negatives Zufallsprodukt wie es uns der Titel weiss machen will, ist eine Gegenthese zu den gängigen Veröffentlichungen von Corner und bietet viel Platz für Experimente.

Natürlich, man findet sich als Hörer schnell in Stücken wie „Little Deaths“ oder „Cat’s Cradle“ zurecht, wartet aber nach jedem Takt auf den doch noch möglichen Einstieg von Gesang. IAMX verwehrt uns dieses Element hier aber komplett, bietet „Unfall“ doch den Einstieg in eine neue Reihe für abstrakte Alben voller Versuche an modularen Synthies. Das Pop-Format wird fast komplett ausradiert, die hymnischen Fangpunkte sind nicht mehr zu finden. Das verleiht der Musik eine kühle und manchmal auch etwas karge Stimmung – harte Beats und krumme Frequenzen bestimmen die Tracks.

Am besten gehen diese Spielereien immer dann auf, wenn sich die Takte laut durch die Synthie-Schichten kämpfen und dem Album eine extreme Tanzbarkeit verleihen. Gerade Momente wie „TickTickTick“ oder „TeddyLion“ strahlen hier im Schwarzlicht und würden perfekt in das Berghain passen. IAMX-Jünger könnten teilweise etwas die Eingänigkeit und das heroische Leider auf diesem Album vermissen, nicht alle Tracks sind gleich fesselnd gelungen. Trotzdem ist „Unfall“ eine spannende neue Seite von Chris Corner und macht auf jeden Fall neugierig auf die nächsten Teile. Ein „echtes“ IAMX-Album soll aber bereits 2018 folgen, keine Angst.

Anspieltipps:
TickTickTick, Cat’s Cradle, TeddyLion

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Dick Laurent – Hello (2017)

Dick Laurent – Hello
Label: Sixteentimes, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Blues, Instrumental Rock

Ich kenne eine coole, frische Band aus Basel – diesen Satz konnte man in letzter Zeit sehr oft anwenden, und der Nachschub scheint nicht weniger zu werden. „Hello“ sagen Dick Laurent und knallen uns auf ihrer neuen Scheibe fünf instrumentale Rock-Songs vor den Latz – da hilft zur Abkühlung nur noch der Sprung in den Rhein. Doch Achtung: Die drei Herren verfolgen dich weiter.

Lieder wie „Oiled“ oder „Short Story“ sind eigentlich oft kein Grund, dass man vor Freude die Hände verwirft. Was aber Dick Laurent mit den knackigen Stücken machen, das hat grossen Reiz. Seit 2013 haben sich die Musiker nämlich darauf getrimmt, hart hervor preschende Beats und träumerische Melodien zu verbinden. Gekonnt werden hier beide Komponenten mit Gitarre, Bass und Schlagzeug verknüpft und die Langeweile hat zu keiner Sekunde auch nur eine Chance, um vorbeizuschauen.

Vielmehr reist man hier durch den klassischen Blues-Rock, atmet kurz Wüstenstaub ein und ertappt sich beim Stolpern über die schier progressiven Taktwechsel. Und kaum hat man sich so richtig warm gerockt, endet „Hello“ leider auch schon wieder. Doch das Wenden der Platte benötigt schliesslich nicht viel Zeit, und schon bald geht das Fest mit Dick Laurent weiter.

Anspieltipps:
Oiled, Hello

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Kreidler – European Song (2017)

Kreidler – European Song
Label: Bureau B, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Krautrock, Electronica

Die Welt macht oft einen Strich durch die eigenen Pläne – so mussten auch Kreidler spontan umdenken, kurz vor dem Mastering ihres neuen Albums. Denn obwohl die Band aus Düsseldorf zufrieden mit ihren neuen Songs war, schienen diese nicht mehr auf unseren Planeten zu passen. Vorherrschende Stimmungen wie Xenophobie und Hass schreien direkt nach einer Reaktion und somit trafen sich die Musiker noch einmal im Studio in Hilden, um neue Improvisationen einzuspielen. „European Song“ ist somit eine Bestandesaufnahme in fliessendem Krautrock und eingestreuter Electronica. Und eine passende Fortsetzung der Bandgeschichte.

Kreidler standen schon immer für eine interessante Mischung aus Techno, Rock und Leftfield. Ihre Lieder bleiben auch auf „European Song“ oft zurückhaltend und spielen mit den gegebenen Rhythmen und Melodien. Die Musiker waren bei der Aufnahme spontan, benutzten aber keine Overdubs oder grosse Produktionszaubereien. Stücke wie „Kannibal“ oder „Radio Island“ atmen den freien Geist und wirken wunderbar geformt. Und es passt, dass hier keine Gesänge zu finden sind. So wirkt die Musik in ihrer Reinheit.

Sicherlich, eine direkte Antwort auf die momentanen Probleme ist die neuste Scheibe von Kreidler nicht – aber auch keine Verleugnung. Man spürt die Absichten und mit sich immer stärker steigernden Liedern baut die Band eine gute Spannung auf. Somit ist „European Song“ ein Gemeinschaftswerk und präsentiert Musiker, die fantastisch aufeinander abgestimmt sind. Und ja, auch die billig wirkenden Klänge aus den Synths sind gewollt – in der heutigen Zeit glänzt schliesslich auch nicht alles. Aber wir sind alle gemeinsam da, wie Kreidler es vormachen.

Anspieltipps:
Boots, Radio Island

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Robin Foster – Empyrean (2017)

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Robin Foster – Empyrean
Label: Membran, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Künstler
Genre: Post-Rock, Electronica

Eine Woche nach dem neusten Werk von Lights & Motion erscheint nun ein weiteres Album, das mit seiner andersartigen Herangehensweise an den Post-Rock überrascht. „Empyrean“ ist das neuste Werk des englischen Musikers Robin Foster, der momentan in Frankreich sesshaft ist. Nach seinem Mitwirken bei der Gruppe Beth begab er sich auf einen abenteuerlichen Pfad der eigens produzierten Musik und weiss auch mit seinen neusten Liedern zu überraschen. Denn nicht nur wird die gitarrenbeherrschte Musik mit viel Elektronik aufgelockert, auch Einflüsse aus der Filmmusik machen sich breit.

Gleich mit „Hercules Climbs The White Mountain“ ist klar: Das Album wird zu einem schier sinfonischen Erlebnis. In erster Linie gibt die Gitarre den Ton an, in einer unglaublichen Variation, doch die Synths und die elektronische Wirkung spielen brav mit. So erinnern Lieder wie „Roma“ gar an gewisse Soundtracks von Vangelis, „Electronic Weapons“ trumpft mit einer Gastsängerin auf. Diese Mischung bringt eine grosse Lockerung in das Gefüge des Post-Rock und Robin Foster darf als talentierter Komponist auftreten. Seine Lieder sind immer voller Schönheit und bleiben gerne unaufgeregt.

„Empyrean“ ist als Vereinigung zweier Welten ein Produkt, das mit seiner Seele sowohl analoge wie auch digitale Liebhaber ansprechen wird. Zwar wirkt das Klangkleid manchmal etwas zu eng und die grossen Innovationen fehlen der Scheibe, entspannt und hübsch ist es aber immer. Lustigerweise erinnerte mich „Argentina“ an das neue Werk von Trentemoller und bei „Vauban“ scheint die Melodie von „Mad World“ im Hintergrund zu lauern. Foster zeigt somit einen Konsens auf, der alle Seiten glücklich macht und die Neugier auf sein komplettes Schaffen gross werden lässt. Luftgitarre spielen inklusive.

Anspieltipps:
Everlast, Roma, Vauban

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Interview mit Khaldera – Musik und Landesmassen

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Khaldera Website / Facebook

Michael Bohli: Hallo Sven, besten Dank für die Möglichkeit eines Interviews und gleich mal: Gratulation zur neuen EP „Alteration„.
Sven Egloff: Hallo ebenfalls und Danke für die Lorbeeren.

Khaldera – ebenso ein Kontinent einer Spielwelt, in der nicht alles ganz normal zu und her geht. Wie weit passt ihr da mit eurer gleichnamigen Band rein? Erschüttert eure Musik die Erde?
Nach anfänglicher Verwunderung und einer Minute auf Google kann ich nur sagen, dass wir damit rein gar nichts zu tun haben und passen noch weniger in diese Welt als Nutella zu Essiggurken. Aber nichts desto trotz erschüttert unsere Musik natürlich immer ihre Umwelt, egal wo wir uns befinden .Es ist cool, dass wohl jemand dieselbe kreative Idee hatte wie wir.

Geografisch konkreter: Ist es für eine Band eine gute Ausgangslage, im Aargau seine Heimstätte aufzubauen?
Da wir das Glück hatten einen sehr guten Proberaum in der Nähe eines Bahnhofes zu finden – definitiv ja. Fabio und ich wohnen ausserdem nur knapp 5-15 Minuten vom Raum entfernt. Viel besser kann es daher aktuell nicht sein. Was Auftrittsmöglichkeiten angeht bestehen im Aargau nicht sehr viele geeignete Lokale für unsere Musik. Allerdings benötigen wir aufgrund der zentralen Lage auch nicht allzu lange, um beispielsweise nach Zürich, Basel oder Bern zu gelangen.

Eure Band existiert seit vielen Jahren, vor allem als bekannte Bewohner des Proberaumes. Wie habt ihr euren steigenden Bekanntheitsgrad erfahren ohne gross das Land zu bereisen?
Eigentlich haben wir das Land mit der Band noch gar nicht bereist und auch selbst sehr wenig Werbung betrieben. Man kann jedoch nur Leute erreichen, indem man Musik veröffentlicht und aktiv verteilt – heutzutage geschieht dies meist über das Internet. Da die erste EP von Aaron Harris (Palms, ISIS) abgemischt wurde, konnten wir über sein Netzwerk bereits Personen ausserhalb der Schweiz erreichen. Ich glaube, wir haben damit sogar mehr Leute aus anderen Ländern als Schweizer erreicht.
Für die zweite EP haben wir uns für die Zusammenarbeit mit dem Label Czar of Crickets entschieden, welches einiges an Promo-Arbeit geleistet hat. Dadurch konnten wir nun auch wieder neue Leute erreichen, ohne überhaupt ein Konzert gespielt zu haben – was uns natürlich freut.

Ist es möglich, in einer solch schnelllebigen Zeit mit nur zwei EPs in drei Jahren trotzdem in den Gedanken der Menschen zu bleiben?
Das ist schwer zu sagen, ich denke das kommt auf die Musik an. Wenn einem die Lieder gefallen und auch über längere Zeit fesseln, spielt man sie auch öfters ab. Mir persönlich spielt es keine Rolle, wie viel Material eine Band veröffentlicht – hauptsache ich kann gute Musik geniessen. Und bei der heutigen Fülle an guter Musik stellt sich mir manchmal eher die Frage, wann man das denn noch alles hören soll?

Existiert für euch – oder alle instrumentalen Metal-Bands – eine eigene Szene? Gelingt mit einem homogenen Publikum der Durchbruch oder wird dies durch diesen Umstand eher erschwert?
Die Existenz einer solchen Szene ist mir nicht bewusst. Wenn Sie bestehen würde, wäre sie in der Schweiz wahrscheinlich eher klein.

Was lange braucht wird endlich gut – welche Gründe verhindern bei euch das Loslassen der Lieder? Auf „Alteration“ spürt man den Anspruch an Perfektion, der auch oft erreicht wird. Steht man sich dabei aber nicht gerne selber im Weg?
Es gibt dafür keine spezifischen Gründe. Ich für meinen Teil mag es jedoch, wenn alles wie aus einem Guss klingt. Dies erfordert oftmals etwas mehr Hingebung und auch entsprechend Aufwand. Für uns ist schlussendlich aber das Endergebnis am wichtigsten und wir sind bestrebt nur Material zu veröffentlichen, mit welchem wir auch vollends zufrieden sind. Sich selbst im Weg stehen kann man teilweise durchaus. Wir haben aber inzwischen gelernt, radikaler zu sein wenn es notwendig ist. Es ist ausserdem hinzuzufügen, dass wir die letzten drei Jahre nicht alleine in diese EP investiert haben. In dieser Zeit haben wir auch bereits einiges an anderem Material zusammengestellt und wir können es kaum erwarten, es fertigzustellen.

Czar Of Crickets ist ein kleines Label mit ausgewählten Bands – wie kam eurer Kontakt zu Fredy zustande?
Für Alteration wollten wir eine andere Art von Produktion, Promotion und Vertrieb finden, gleichzeitig aber so unabhängig wie möglich bleiben. Es war uns ebenfalls wichtig, mit Leuten aus der Umgebung zu arbeiten, welche man auch effektiv treffen kann – jemand der unsere Musik versteht und weiss worum es geht.  Wir kannten Fredy Rotter (Labelmanager) von der Band Zatokrev und wussten, dass er erfolgreich sein eigenes Label betreibt und schon einige Alben heraus gebracht hat. Somit schrieben wir ihn einfach an. Er war von Anfang an sehr aufgeschlossen und für eine Zusammenarbeit bereit, und wir sind bisher auch sehr dankbar für seine Arbeit. Dank seiner Kontakte in Europa erreichen wir mit unserer Musik international Menschen, die wir ansonsten nur mit sehr viel Aufwand oder gar nicht erreicht hätten. Es hat uns auch bereits ein paar sehr gute Reviews, Interviews und sogar Konzertmöglichkeiten eingebracht.

Glaubt ihr, auf eurem Weg auch einmal Schnellschüsse zu wagen – oder bleiben Khaldera für ihre langsame, aber stets überlegte Vorgehensweise bekannt? Frech ausgedrückt, das erste Album 2017 oder 2025?
Wir sind sehr motiviert, das erste Album vor 2025 zu veröffentlichen. Wenn alles gut läuft, könnte es durchaus möglich sein, dass ihr es in 1-2 Jahren in den Händen haltet. Wir wollen aber noch keine Versprechungen machen.

In eurer Biografie steht, dass ihr vorläufig eine instrumentale Band seid. Schwirren denn Gedanken im Raum herum, es in Zukunft auch mit Stimmen zu versuchen?
Wir schliessen grundsätzlich nichts aus, wenn uns eine Idee gefällt und haben auch schon über Experimente diskutiert. Sofern wir der Musik mit Gesang effektiv etwas hinzufügen und gleichzeitig auch das Gefühl eines Songs einfangen und übermitteln könnten, ist es definitiv eine Option für uns. Die Zeit wird zeigen, ob sich etwas ergibt.

Besten Dank für das Interview.
Vielen Dank auch dir.

Roland Bühlmann – Aineo (2014)

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Roland Bühlmann – Aineo
Label: Eigenveröffentlichung, 2014
Format: CD
Links: Bandcamp, Künstler
Genre: Instrumental, Prog

Künstler, die ihre Musik nicht nur komplett selber schreiben, sondern auch alles eigenhändig und unabhängig aufnehmen und vertreiben, erhalten von mir immer eine grosse Portion Bewunderung. Der Aufwand und das Können sind nicht nur viel grösser als bei einer Band mit etwa fünf Mitgliedern, auch braucht man eine starke Vision und viel Geduld. Roland Bühlmann preist somit mit seinem Werk nicht nur höhere Mächte, sondern auch den individuellen Gedanken in der Musik – „Aineo“ schmückt sich nie mit falschen Erwartungen.

Musiker Bühlmann bleibt bei seinen Stücken instrumental und tobt sich in den komplexen Tälern zwischen Prog, Post-Rock und Fusion aus. Bestimmend findet man Gitarrenskulpturen, die filigran zwischen Piano und Schlagzeug im Park stehen. Nicht ohne Grund erinnern die Lieder auch mal an gleichgeschaltete Musiker wie Mike Oldfield – auch dieser weltbekannte Mann hat seine ausufernden Kompositionen alleine bestritten. Bei Roland Bühlmann gehören aber nicht nur die Melodien und Klangideen zum Grund für „Aineo“, sondern auch das Verweben der einzelnen Instrumente. Die Stücke bleiben zwar meist ruhig – oder brechen zumindest nicht wütend durch den Holzzaun – finden aber in wenigen Takten eine tolle Stärke. Man muss schon bereit sein, sich Musik auch erarbeiten zu wollen. Doch wer sich in oben erwähnten Stilrichtungen auskennt, wird hier bestimmt nicht verzweifeln.

Musiker in der Schweiz haben es nicht einfach, der Markt ist zu klein und die Hörer oft zu eingeschränkt in ihrer Wahrnehmung. Dass Roland Bühlmann mit „Aineo“ sich aber gegen all diese Bedenken stellt und sein Ding professionell durchzieht, ist bemerkenswert. Die instrumentalen Stücke erzählen eine tolle Geschichte und zeugen auch von grossem Potential. Sicherlich hat der Musiker hiermit noch nicht sein alles bestimmendes Meisterwerk vorgelegt, überzeugt aber atmosphärisch.

Anspieltipps:
Breakthrough, Unexpressed, Kenosis

Spectateur – Yateveo (2016)

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Spectateur – Yateveo
Label: The French Touch Connection, 2016
Format: Download
Links: FacebookBandcamp
Genre: Hip-Hop, Beats, Electronica

Schon fast lakonisch kündigt das Label The French Touch Connection die neuste Scheibe vom französischen Beat-Bastler Spectateur an: Elf Stücke, davon neun instrumental gehalten und zwei mit Rap. Dabei lauert hinter „Yateveo“ doch so viel mehr als nur diese einschränkenden Prinzipien des Hip-Hop und der Beats. Natürlich geht es hier vordergründig um die Beats, um den Eindruck und die krass verschränkten Arme. Doch Spectateur ist auch ein Verfechter der Melodien und Synths – eine tolle Mischung.

„Hip Hop / It’s Bigger Than You And I“, darum umgibt sich der Musiker aus Angers gerne mit Freunden und Gleichgesinnten. Bei Tracks wie „GMOS“ lässt er seine Klänge dazu gerne etwas in den Hintergrund treten, die Beats bleiben reduziert. Aber auch da kann es der Künstler nicht lassen und lässt immer wieder Synthspuren und Keyboardlaute zwischen die Sätze tropfen. „Yateveo“ ist ein netter Wolf im Schafspelz, besonders dann, wenn sich die Musik alleine austoben darf. Wer dann reine Beats erwartet wird entführt, denn plötzlich gaukelt einem die Platte Trip-Hop und Electronica vor. Man sitz nickend auf dem Sofa und gönnt sich ein Drink zu „Sorry“, besucht den Tron-Club mit Daft Punk mit „Skylus“ und lebt die multikulturellen Aspekte Frankreichs bei „Bipolar Every Days“. Denn die Klänge aus den Computern und Drum-Machines wirken nie wie Roboter, sondern wie nette Leute und lebensfrohe Gestalten. Wenn sich die Takte beim Intervalltraining duellieren, hört man entzückt zu und geniesst die ruhigen sowie die heftigen Momente ohne Gehetze.

Spectateur hat hier Klangwelten geschaffen, die zwar aus einem Genre mit fetten Autos und noch fetteren Wörtern stammen, in ihrer Reinheit aber umso stärker strahlen können. Seine Tracks sind immer spannend und man ist froh, dass die Melodien und Beats nicht durch Sprechgesang verdeckt werden. Für alle, die also wieder einmal mit verschränkten Armen im Wohnzimmer wippen und dabei doch die elektronischen Spielereien grinsend verfolgen möchten, „Yateveo“ ist ein wunderbar passendes Album.

Anspieltipps:
GMOS, Bipolar Every Days, Skylus

Ulver ‎– ATGCLVLSSCAP (2016)

Ulver - ATGCLVLSSCAP

Ulver ‎– ATGCLVLSSCAP
Label: House Of Mythology, 2016
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Krautrock, Experimental, Noise

Selbstzitate können das kreative Schaffen von Musikern bereichern und ungeahnte Verbindungen zwischen den Veröffentlichungen offenbaren. Ulver erreichen eine grossartige und spannende Wirkung, indem sie Teile von „Messe I.X-VI.X“ und älteren Scheiben wieder aufgreifen. Der Einstieg in „ATGCLVLSSCAP“ schlägt somit eine Brücke zwischen klangmalerischen Platten, die Ulver in das Reich des Ambient führten, und Vorangegangenem. Ein Werk, das Liveaufnahmen von 2014 neu bearbeitet und erweitert, dabei die Improvisationen aber mit Studiotechniken verändert. Doch dies bringt auch Tücken mit sich.

Mit dem ersten Stück „England’s Hidden“ steigt man in eine bedrohliche Umgebung, einen Ort, der zuerst erobert werden muss und auch dann immer noch abschrecken kann. Mit einem dröhnenden Orgelspiel werden Assoziationen zum Soundtrack von „Interstellar“ wach. Doch Ulver verstärken die Atmosphäre mit druckvollem Schlagzeug und schichten Lärm und Flächen eindrucksvoll ineinander. Der Pfad der instrumentalen Stimmungsmusik wird weiterhin gegangen, oft zweigt es aber von den konzeptuellen Gebieten der Neoklassik ab und bietet wieder mehr Platz für Konventionen.

Was bei der Messe oft wie ein Ambient-Hörspiel klang, macht sich jetzt zwischen Noise, Krautrock und Avantgarde breit. Je nach Lied landet man in einem rauschenden und verzerrten Kammerspiel, dann wieder bei der Polyrhythmik voller Hall. Das Album bleibt in jeder Inkarnation interessant, lässt aber auch etwas den Zusammenhalt vermissen. ‎Nicht immer ist klar, ob mit „ATGCLVLSSCAP“ nebst dem Experiment etwas bezweckt wird. Jedes Stück steht wie eine Episode für sich und funktioniert zum Teil alleine stehend am besten – trotzdem, eine Steigerung ist vorhanden. Was zwischendurch fast wieder in der Stille endet, lässt bei „Nowhere (Sweet Sixteen)“ plötzlich Gesang zu und lässt das geliebte Ulver-Gefühl neu auferstehen.

„ATGCLVLSSCAP“ macht es dem Hörer nicht einfach, ist aber in seiner seltsamen Form gleichbedeutend eine logische Fortsetzung der Band-Geschichte und eine Abkehr des Bekannten. Die Gruppe war schon immer geübt darin, solche Gegensätze zu vereinen – auch hier lebt die Musik von dieser heterogenen Aufarbeitung unzähliger Stile. Das Album bleibt dabei immer schwer fassbar, aber somit auch grossartig fesselnd und fordernd. Alle, die sich gerne intensiv mit Klangforschungen auseinander setzen, müssen hier reinhören.

Anspieltipps:
Glammer Hammer, Cromagnosis, Ecclesiastes (A Vernal Catnap)

Live: Nordic Giants, Dynamo Zürich, 16-03-13

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Nordic Giants
Support: Glaston
Sonntag 13. Februar 2016
Dynamo / Werk 21, Zürich
Bilder: Kathrin Hirzel

Immer wieder zucken Blitze durch die Dunkelheit, man lässt sich einlullen – doch nein, irgendwie wirkt alles zu hell. Immer wieder flackern die wilden Bilder vor der Netzhaut, man lässt sich verwirren – doch nein, irgendwer steht vor den Bildschirmen. Und auch die Musik – laut, wild und treibend – möchte alle in das Nirvana begleiten – doch nein, die Klänge überschlagen sich und werfen jeden Tanzversuch aus der Bahn. Der Auftritt der Nordic Giants im Werk 21 war kein einfacher, doch dies lag nicht unbedingt an der Band.

Das Dynamo in Zürich bietet mit seinem Kellerraum eine wunderbare Lokalität für kleine und feine Veranstaltungen. Um eine Abend voller pochenden Post-Rock einzuleiten, begaben sich die Newcomer Glaston aus Zürich und Basel auf die Bühne. Ihre instrumentalen Songs werden von abwechslungsreichen Schlagzeugfiguren angetrieben und von schönen Melodien aus dem Keyboard gefüttert. Die jungen Leute agierten konzentriert und wagten sich an neue Lieder, die sich nach der Musik von ihrer ersten EP zwinkernd ans Ende des Sets hefteten. Und gerade diese neuen Stücke liessen so manchen Besucher erstaunen. Glaston wagen sich in neue Gebiete, erobert das Jazz-Piano, beschwören den schwarzen Gewittergott und liessen die Tanzbären von der Leine. Mutiger, frischer und differenzierter – wenn die Band so weiter macht, dann werden sie bald ganz gross.

Gross in der Wirkung und dem Auftreten sind Nordic Giants aus Brighton seit ihren ersten Konzertversuchen. Das Duo verkleidet sich nicht nur als nordische Sagengestalten und kommt geschmückt und bemalt auf die Bühne – ihre Auftritte sind auch eine wilde Mischung aus Musik, Film und Schattenspiel. Wo sich andere Bands immer gerne ins Rampenlicht stellen, tauchen Loki und Rôka zwischen Stroboskopblitzen und farbigen Flächen unter. Der Mensch verschwindet somit zwischen den lauten Liedern und Sinneseindrücken, plötzlich hat man das Gefühl, der Post-Rock werde tatsächlich von fremdartigen Kreaturen gespielt. Man traut sich gar nicht richtig hinzuschauen und wendet den Blick den grossen Bildschirmen zu. Auf diesen werden für jedes Lied die passenden Kurzfilme gezeigt, mal gezeichnet oder abstrakt animiert, dann wieder real und in den Horror abdriftend.

Erstaunlich, wie präzise die Klangeruptionen zu den Schnitten passen, die wilden Schlagzeugbeats und wuchtigen Keyboardakkorde brechen durch alles und dringen in den Körper ein. Obwohl sich die Stücke nicht wirklich stark unterscheiden, erschaffen Nordic Giants live einen Sog. Leider jedoch erwies sich das Werk 21 als falsche Lokalität. Man war als Zuschauer zu nahe an der Bühne, die technischen Hilfsmittel versperrten die Sicht und das Blitzgewitter verfehlte somit oft seine Wirkung. Schade, denn gerade durch diese Umstände konnte ich nie komplett in das Erlebnis eintauchen und vermisste somit viele Vorzüge, die den Liveshows der Giganten immer vorausgesagt werden. Für alle Liebhaber des lauten und wilden Post-Rocks in Verbindung mit bewegten Bildern ist der Besuch einer ihrer Messen auf jeden Fall zu empfehlen.

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Samantikus – Pattern (2016)

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Samantikus – Pattern
Label: Eigenveröffentlichung, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: Instrumental, Hip-Hop, Beat

Gemütlich ging Jamie XX eines Tages im Park spazieren, die Sonne schien ihm ins Gesicht und frische Melodien kreisten ihm im Kopf herum. Auf seinem Weg durch den Tag traf er auf den jungen Amon Tobin, der sich nicht nur seinem Pfad, sondern auch den Beats anschloss. Gemeinsam hüpften sie nun fröhlich durch die Soundwiesen und besuchten die 90er Jahre, aktuelle Electronica und glitchten sich durch die gewollten Löcher. Und ohne, dass dabei Gesang erklingt, fühlt man sich während 14 Tracks wunderbar unterhalten.

Natürlich steckt hinter „Pattern“ nicht ein weltbekannter Tüftler, sondern der junge und frische Samantikus. Ein Musiker und Produzent aus der Kleinstadt Zofingen, der bereits bei diversen kleinen Talenten für Erweiterung und Untermalung sorgte. Mit seinem ersten kompletten Album bietet er uns nun eine Platte an, für die er scheinbar mühelos instrumentale Lieder aus dem Ärmel geschüttelt hat. „Pattern“ ist zwar ein Debüt, man spürt aber zu jeder Sekunde die vielen Erfahrungen und Überlegungen, die eingeflossen sind. Dieser Mann kennt sich mit seiner Musik aus – trotzdem ist es wundersam, dass hier alles durch Samantikus eingespielt und komponiert wurde. Funk und Hip-Hop reissen Keyboardformen an sich, Beats und Harmonien verbiegen den Pop. Daneben gesellen sich entspannte Akkorde zu den Melodien und nicken im Takt – alles findet sich auf dem gemütlichen Fest ein. Die Tracks auf „Pattern“ sind derweil doppelt gewichtet: Auf der einen Seite wunderbare Instrumentals, die in sich aufgehen und in ihrer Kürze Spannung und Dichte vorweisen. Andererseits aber auch die perfekte Grundlage für würzigen Rap, waghalsigen Gesang und tolle Textzeilen. Wer weiss, vielleicht wagen sich ja Künstler an diese Grundstrukturen und erstellen „Traces – Pattern 2“.

Samantikus erheitert uns die Tage mit seinen Beatspielereien und hat einen wundervollen Erstling geschaffen. Die Lieder sie nie langweilig und funktionieren wunderbar ohne Gäste oder MCs, die Strukturen versprechen eine unbekümmerte Herangehensweise an die Musik und viel Hintergrundwissen. Erstaunlich, dass mit Samantikus schon wieder ein Talent aus dem Aargau erscheint und viel Neues zu sagen hat. Was wird uns wohl als nächstes erwarten?

Anspieltipps:
Samuca, Lovely Peaces, Sunnyshining