Albumkritiken

Rezensionen von Platten, Scheiben, Alben.

Lali Puna – Two Windows (2017)

Lali Puna – Two Windows
Label: Morr Music, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Pop, Electronica

Wer am Morgen auf seinem Arbeitsweg die U-Bahn benutzt, der kapselt sich mit grosser Wahrscheinlichkeit von der Umwelt ab. Damit man allerdings die Schläfrigkeit nicht zu schnell verliert, liefern Lali Puna nun Musik, die angenehm zu den ratternden Wägen und schauckelnden Körpern passt. Die Elektro-Pop-Band aus Weilheim, einem Ort nähe München, stehen seit 1998 für sanfte Songs mit leichten Beats und angenehmen Keyboard-Melodien. Auch das vierte Album „Two Windows“ bricht mit dieser Tradition nicht, trotz Annäherung an die Tanzfläche und nachdenkliche Texte.

Geiltet wird die Truppe von Valerie Trebeljahr, die aus Korea stammende Frontfrau öffnet mit ihrer Stimme bei Lali Puna die Welten des elektronischen Pop und begleitet die Melodien mit Aussagen zur aktuellen Lage und Problemen. Dabei verliert die Musik aber nie das Positive, man muss bei „Two Windows“ also nicht das Trauergewand aus dem Schrank kramen. Vielmehr eignet sich das Album dazu, gewisse Geschehnisse zu hinterfragen und das Leben nicht für selbstverständlich zu nehmen und zu teilen. Ob dies nun unterkühlt mit Claps versehen geschieht (wie beim Titelstück) oder sanft träumend („Wear My Heart“), sicher fühlt man sich immer.

Lali Puna haben mit ihrem neusten Werk kein Album für nervöse Zeitgenossen geschaffen, vielmehr ist es ein guter Zuspruch in Momenten der einsamen Stille. Dank Gästen wie Dntel oder Radioactive Man erhält das Album eine Vielfalt, die im ruhigen Klangbett oft benötigt wird. So ist „Bony Fish“ ein interessantes Stück Electronica, „Everything Counts On“ lädt zur Pausenzigarette vor dem Club. Man sollte dabei aber nicht den Fehler machen, diesen Pop zu übersehen, sondern in die Schichten einzutauchen.

Anspieltipps:
Two Windows, The Frame, Everything Counts On

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Alvvays – Antisocialities (2017)

Alvvays – Antisocialities
Label: Transgressive, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Indie, Wave, Post-Punk

Die Euphorie war sehr gross, als ich vor drei Jahren das erste Album der Kanadischen Indie-Pop-Band Alvvays entdecken durfte. Ihre luftig, aufmunternd und immer leicht verschlafen klingende Musik brannte sich sofort in mein Herz ein und noch heute lösen Songs wie „Archie“ immer wieder ein Gefühl purer Fröhlichkeit und Freiheit aus. Es war also mehr an der Zeit, dass die Damen und Herren aus Toronto endlich mit neuem Material nachlegten – und nun ist es passiert, „Antisocialities“ darf verzehrt werden. Doch kann dieser leicht wavige Pop immer noch so stark überzeugen?

Es braucht nicht viel, eigentlich nur ein paar Takte mit dem süss schrägen Gesang von Molly Rankin, den im Hall ertrunkenen Gitarren und den schief anlehnenden Keyboards und man weiss: Bei Alvvays ist immer noch alles am richtigen Fleck. Die Musik, die gerne als Jangle Pop bezeichnet wird, lebt weiterhin von dieser Leichtigkeit, die auch übersteuerte Frequenzen und mehrfach gespielte Melodien aushält. „In Undertow“ bietet zu Beginn gleich all diese Zutaten auf, keiner der restlichen neun Liedern verändert dies gross. Das ist gut so, lässt teilweise aber auch etwas die Höhepunkte vermissen.

Gewisse Songs wie das freche Highlight „Plimsoll Punk“ oder das schon fast platzende „Lollipop (Ode To Jim)“ sind Lieder, die Alvvays auch in diesem Jahr in bestem Licht erstrahlen lassen. Anderen hingegen fehlt die letzte überzeugende Idee oder Wucht um sich als wahre Gewinner über die Ziellinie zu tragen. Aber trotzdem, auch mit diesen kleinen Mängel ist „Antisocialities“ ein hübsches Werk geworden, dass diese Truppe zwar zeitlich fehl am Platz, aber mit extrem viel Hingabe und Liebe zeigt.

Anspieltipps:
Plimsoll Punks, Hey, Lollipop (Ode To Jim)

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Free Throw – Bear Your Mind (2017)

Free Throw – Bear Your Mind
Label: Triple Crown Records, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Band
Genre: Emo, Alternative Rock, Punk

Wenn man Nashville mit Musik assozieren muss, dann wird den meisten wohl nicht emotionaler Rock als erstes einfallen. Viel eher wird man sofort ein Bild von akustischen Gitarren zwischen Strohballen und Cowboy-Hüten vor Augen haben. Dies könnte sich nun aber für immer ändern, denn mit „Bear Your Mind“ wartet ein Emo-Kleinod darauf, von dir geliebt zu werden. Aufgenommen von der amerikanischen Band Free Throw, ist dies der nächste Schritt die Musikwelt von Tennessee umzugestalten. Seit 2012 sind die fünf Herren unter diesem Namen unterwegs und machen mit ihrem zweiten Studioalbum alles richtig.

Sicherlich, es gehört langsam zum guten Ton, den Emo wieder stärker in den alternativen Punk-Rock einzuflechten. Nach Brand New und The Hotelier folgten Gruppen wie Sorority Noise oder Pet Symmetry – alle mit ihren eigenen Stilmischungen. Free Throw versuchen es nun als Truppe, die nebst grossem Gewicht der Texte, ihre Musik nicht tonnenschwer erscheinen lässt. Nachdem „Open Window“ gar zerbrechlich und mit sanfter Akustik-Gitarre in das Album einführte, erhält man zwar eine satte Ladung Riffs, druckvolles Drumming und Geschrei, doch zu stark in die Härte oder gar Hardcore driftet „Bear Your Mind“ nie. Viel eher stehen hier Verzweiflung, Emotionen und menschlicher Ausdruck an erster Stelle.

Free Throw jonglieren mit eindringlichen und direkten Texten, fordern den Hören zur genauen Beobachtung und Teilnahme auf und verzieren die fesselnden Erzählungen mit einer perfekt arrangierten Instrumentierung. Ob man sich an den tollen Songtiteln wie „Randy, I Am The Liquor“, den perfekt platzierten Gitarrenmomente oder den mehreren Stimmen erfreut – „Bear Your Mind“ ist ein Album, dass nach kurzer Zeit extrem erfreut und sich einen Platz im Herzen erspielt.

Anspieltipps:
Andy And I Uh…, Randy I Am The Liquor, Victory Road

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Wolfman – Sun Sun (2017)

Wolfman – Sun Sun
Label: Irascible, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Indie, Synthie-Pop

Ist es zu frech, hier etwas beruhigt „Endlich!“ zu schreiben? Denn mit ihrer neusten EP und dritten Veröffentlichung haben Wolfman genau diese Songs veröffentlicht, die ich bei ihnen schon immer herausgespürt habe. Das Duo aus Zürich hat sich nach zwei wundervollen, aber immer sehr zurückhaltenden Alben nämlich auf „Sun Sun“ an den Synthie-Pop herangetraut – in voller Blüte und Lautstärke. Bevor sich Fans der Musiker nun bereits abwenden: Keine Angst, die angenehme Art der Distanz ist immer noch vorhanden.

Mit fünf Songs, welche von Katerina Stoykova und Angelo Repetto auf das Nötigste reduziert wurden, darf man mit Wolfman nun auch im modernen Club zwischen Existenzialisten und Spasssuchern antanzen. Nach sphärischem Start und der eher düsteren Weiterentwicklung beim zweiten Album „Modern Age“, gibt es nun Indie mit viel Synthies und Tanzrhythmen. Die Gitarren wurden aber beibehalten und ergänzen die wunderbar analogen und polternden Takte. Ob „Play It Cool“ nun an Róisín Murphy, oder „Tell Us We’re Crazy“ wunderbar lasziv schmachtend an Lana Del Rey erinnert – die Zürcher Eigenständigkeit bleibt in der Musik.

Dass Wolfman diese Lieder gemeinsam im Duo erschaffen und eingespielt haben, das verwundert nur noch in der Klangdichte. Über das grosse Talent der Band weiss man schliesslich schon seit 2013 und dem Debüt „Unified“ Bescheid. Und dank Texten über die besorgniserregenden Umgangsarten der Menschheit zu Macht, Ausstrahlung und Natur kommt man auch lyrisch auf die Kosten. Irascible Records haben also für ihre erste Veröffentlichung mit „Sun Sun“ den perfekten Start auserwählt, schwingt bei diesen Tracks doch konstant das Gefühl der Zukunft im Schweizer Pop mit.

Anspieltipps:
Mark My World, Tell Us We’re Crazy, Sun Sun

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Blypken – 0102 (2017)

Blypken – 0102
Label: Eigenveröffentlichung, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: Electronica, Noise

Was passiert, wenn der Geist in der Maschine die Risse ausnutzt, sich mit den Steuerprogrammen verbindet und die Fabrikhalle gleich selber übernimmt? Nein, man erhält nicht ein Fantasiewesen wie Ultron, das mit englischem Akzent die Weltherrschaft anstrebt – sondern ein elektronisches Musikerzeugnis, das zwischen Glitchs und Beats die Avantgarde der Schaltkreise und Netzwerkkabel schon fast mehrdimensional neu definiert. Blypken aus Rumänien bietet genau dies und fordert auch geübte Hörer von krummer Electronica auf seiner ersten Veröffentlichung „0102“ immer wieder.

Produzent George D.Stanciulescu hat sich im Januar dieses Jahres nach diversen Projekten und Alben dazu entschieden, die Komplexität der technoiden Noise-Electronica alleine unter dem Namen Blypken zu ergründen und liefert auf dieser EP gleich zwei längere Tracks, die irgendwo zwischen verwirrtem Industrial und cholerisch ausbrechenden Ambient landen. Der Künstler selber nennt diese Musik Neurowave, was eigentlich ganz gut passt. Denn zwischen Störfrequenzen und abgehackten Geräuschen erklingen immer wieder Melodienansätze, welche zusammen die Synapsen im Gehirn auf scharfkantigen Wellen davonreiten lassen.

„Transcend“ ist als Erstkontakt auf dieser kurzen Veröffentlichung zuerst extrem forsch und kalt, lockt am Ende dann aber mit Stimmen und hellen Glockenklängen. Trotzdem, ganz wohl kann man sich mit dieser Musik nie fühlen – muss man aber auch nicht. „Transfigure“ bietet einen eher klaren Aufbau und wirkt gleitender, gemeinsam sind die Stücke aber eine faszinierende Reise in die unangenehme, elektronische Musik. Man darf auf weitere Erzeugnisse von Blypken gespannt sein.

Anspieltipps:
Transcend, Transfigure

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Cold Reading – Sojourner (2017)

Cold Reading – Sojourner
Label: KROD Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Emo, Indie

In Luzern zu leben ist eigentlich kein Grund zu grosser Traurigkeit, aber eine schöne Stadt vor den Alpen macht schliesslich noch keinen Sommer. Wenn die ersten Klänge von „Books & Comfort“ erklingen, könnte man trotzdem kurz denken, im Popprogramm des lokalen Radios gelandet zu sein. Denn Cold Reading starten ihre neuste EP „Sojourner“ mit hellen Gitarren und lockerer Melodien, driften aber bald in die kratzenden Riffs und Schreie ab.

Wer sich nach dem Fachbegriff für Informationserschwindelung im Gebiet der Magier und Mentalisten benannt hat, dem geht es schliesslich um alle noch so kleinen menschlichen Regungen. Cold Reading halten somit die oft schwarze Flagge des Emo-Rock hoch und zeigen spätestens beim Titelsong alle wichtig Eigenheiten dieses Genres. Mehrschichtige Gitarrenmelodien, Ausbrüche und eindringlicher Gesang – sanft unterlegt von Beats und einem kleinen Lichtschimmer am Horizont. Ein definitives Ende will hier niemand.

Das lädt auch gerne dazu ein, diese neue EP mehrmals anzuhören, was die gelungen komponierten Lieder sehr wohl zulassen. Cold Reading klingen nämlich nicht nur viel grösser als ihre Heimatstadt Luzern, sie sind auch seit 2014 mit ihrer Musik dabei, das Gebiet des Indie umzugestalten. Eine EP die wie ein Album klingt und den Raum zu den internationalen grossen zusammenschrumpfen lässt? Hier die leichteste Übung und ein Glücksfall für alle Fans der emotionalen Rockmusik.

Anspieltipps:
Books & Comfort, Sojourner, Scratches

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Puder – Session Tapes 1+2 (2017)

Puder – Session Tapes 1+2
Label: Pussy Empire, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Band
Genre: Pop, Indie

Deutschsprachige Lieder aus dem Umfeld der eingängigen Musik sind ein heikles Thema, sehr schnell landet man beim Unwort Deutschpop und dem eher nichtigen Anspruch. Dass es aber auch anders geht, ohne gleich in die Avantgarde zu verfallen, das beweist die Künstlerin Catharina Boutari aus Hamburg. Unter dem Namen Puder hat sie nicht nur den Grundstein für ihr Label Pussy Empire gelegt, sondern bietet nun nach Jahren ohne Veröffentlichung wieder eigenes Material mit „Session Tapes 1+2“.

Live mit wenigen Mitmusikern im Studio aufgenommen, werden hier Puders Lieder neu erfunden und in oft überraschender Weise dargeboten. Der Indie-Pop erhält Farbtupfer aus dem Jazz, wird mit Drones unterlegt, muss sich Loops aus Taperecodern unterwerfen und bleibt trotzdem schwerelos. Stücke wie „In Meinem Garten“ holen alternative Strömungen hinzu, „Polariod“ mischt die Schrillheit einer Nina Hagen mit dem NDW-Gefühl von Nena. Dabei gelingt es Puder, mit ihrer Musik auch immer an neue Bands wie Bilderbuch zu erinnern – wenn auch nicht ganz so frech zu sein.

Die „Session Tapes 1+2“ sind oft unerwartet düster und voller Rauschen wie bei „Jackie“, Englisch und Deutsch werden beim Gesang von Puder locker gemischt. Die Wand der Anbiederung wird somit durchbrochen und man erhält hier Musik, die zum Glück weit von Silbermond und Konsorten entfernt ist. Wenn auch der Glitzer bei gewissen Liedern etwas zu stark in den Augen klebt („Mein Mädchen Kann“), im Endeffekt überrascht hier Boutari mit einer spannenden und neuartig wirkenden Interpretation des Pop.

Anspieltipps:
Giganten, Polaroid, Naughty

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

DNZR – Ebriety (2017)

DNZR – Ebriety
Label: Smile Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Electronica, Jazz, Trip-Hop

Das Leben in der Grossstadt zu vertonen, viele Musiker haben sich schon an diesen Versuch gewagt, in etlichen Arten der Musikgeschichte. Felix Denzer, Teil des Prog-Rock Duos Fewjar macht sich nun mit Synthies und Beats auf, seine Wahlheimat Berlin in Lieder zu fassen. Als DNZR begnügt er sich dabei aber nicht mit simplen Techno-Tracks, sondern mischt immer wieder interessante Instrumente, Gesänge oder unzähmbare Perkussion in das Debüt „Ebriety“. Diese Zutaten sind aber auch wichtig, lassen sie die Scheibe mit der Zeit wahrlich strahlen.

Wenn DNZR sein Album mit „Chivvy“ eröffent, dann brummt es zwar schon wunderbar und man fühlt, wie sich die Beine unter dem eigenen Körper davonmachen – wirklich zwingend ist die Musik aber noch nicht. „Adieu Jour Ordinaire“ lädt uns mit Bläser und Laissez-faire in die Sphären eines Oliver Koletzki oder des französischen Künstlers St. Germain. Noch mehr Schichten bieten alsbald Gastsänger – doch wirklich abheben darf „Ebriety“ meiner Meinung nach erst mit „Into The Mire“. Hier wird angenehme Electronica mit Jazz und Trip-Hop kombiniert, das Multikulti-Gefühl einer Millionenstadt somit perfekt transformiert.

Und was danach folgt, ist eh gross. „Endorphins“ bietet Stakkato-Stimmen-Samples mit sehr geschmeidigem Beat, das Highlight „No More Than An Hour Ago“ lässt die Nächte länger werden und uns locker durch die beleuchteten Strassen joggen. DNZR beweist, dass er es sehr wohl versteht, unterschiedlichste Einflüsse zu spannenden Tracks zu verweben. Dabei wird er den typisch Deutschen Klang elektronischer Musik zwar nicht immer ganz los, aber gerade ab der Hälfte weiss „Ebriety“ vollends zu überzeugen. Da freut man sich sogar wieder über die Touristen.

Anspieltipps:
Bluff Package, Into The Mire, No More Than An Hour Ago

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Gran Noir – Electronic Eyes (2017)

Gran Noir – Electronic Eyes
Label: Ambulance Recordings, 2017
Format: CD
Links: Facebook, Band
Genre: Alternative Rock

Der von Kurt Ebelhäuser geformte Klang schwingt bei Gran Noir noch immer mit – denn auch ihr drittes Album „Electronic Eyes“ eröffnet gleich mit Breitwand-Gitarren und einem satten Rock-Sound. Da ist es nicht verwunderlich, erinnert die Musik gerne an die Deutsche Truppe Blackmail. Doch die Schweizer Alternative-Rocker aus Zürich haben seit ihrer Gründung 2011 schon immer ihre eigene Identität in die Musik eingebracht und wissen auch dieses Jahr wieder mit einer intensiven Atmosphäre zu überzeugen – dieses Mal sogar mit einem globalen Blick.

Gran Noir haben sich für ihre neuste Platte nämlich die Ketten abgestreift und behandeln in den Texten schwierige Themen wie Einsamkeit und Gemeinschaftsverlust im digitalen Zeitalter. Unterstrichen werden diese Aussagen und Gedanken durch eindringliche und immer wuchtige Gitarrenriffs – also der analoge und mitreissende Gegenpol zu den kalten und digitalen Welten, in denen wir uns zu gerne verstecken. Im Schatten müssen die fünf Musiker mit Liedern wie „Innocent“ oder „Bad Dream“ aber auf keinen Fall bleiben. Ihre alternative Gitarrenmusik ist nie um Grösse und Gestik verlegen, lockt mit eingängigen Melodien und drückt wuchtig auf die Saiten.

Wenn „Electronic Eyes“ dann zurückhaltend mit „Oaxaca“ schliesst, glaubt man kurz bei Calexico gelandet zu sein. Diese staubigen und doch läuternden Schlussworte sind aber perfekt platziert, muss man nach den vorangegangenen, neun voluminösen Stücken erst einmal durchatmen. Gran Noir beweisen damit aber nur, dass sich ihre Musik von sehr vielen anderen Kombos der rockigen Schweiz abhebt und die hiesige Szene mehr als nur aufwerten. Nach diesem Hörgenuss will man in die offene Welt treten und allen positiv begegnen – und landet so hoffentlich auf einem Konzert dieser Herren.

Anspieltipps:
Lost At Home, Innocent, Oaxaca

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Nick Cave & Warren Ellis – War Machine (2017)

Nick Cave & Warren Ellis – War Machine
Label: Lakeshore Records, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstler
Genre: Soundtrack, Electronica

In den aktuellen Zeiten des Streamings passieren Dinge, die früher nicht einmal als Witz funktioniert hätten. So produzierte der Gigant Netflix mit Regisseur David Michôd einen satirischen Kriegsfilm, positionierte Brad Pitt in der Hauptrolle und liess die Musik von Nick Cave und Warren Ellis komponieren – nur um den Film den Leuten auf kleinen Bildschirmen in unkonzentrierten Momenten näher zu bringen? Bin ich etwa schon zu alt, um ein solches Vorgehen zu verstehen? Wie auch immer, die beiden Musiker haben uns immerhin einen Soundtrack geschenkt, der an Schönheit und Tiefe den Film selber um Weiten übertreffen.

Wenn Nick Cave und Warren Ellis zusammen Songs schreiben, dann entstehen meist wunderschöne und bewegende Momente – zuletzt gehört beim Album „Skeleton Tree“ mit The Bad Seeds. Auch ihre Soundtrack-Arbeiten haben schon manche Stunden im Lichtspiel intensiver gestaltet – und auch „War Machine“ bietet die nötige Spiritualität. Denn obwohl es eigentlich um kriegerische Handlungen geht, werden bei der Musik die leisten Töne gross geschrieben. Tracks wie „Humble Man“ oder „Marjah“ beginnen oft in der sanften Electronica, gleiten wie Ambient dahin und leben von den Synthies.

Wenige Instrumente des Orchesters kommen zum Einsatz, viel eher gelten hier die düsteren Stimmungen und das langsame Wachstum. Denn immer wieder gelingt es Nick Cave und Warren Ellis, Elemente der militärischen Musik mit schönen Melodien zu kombinieren und den Hörer dann doch vor einen Berg zu stellen. Was teilweise direkt von „Skeleton Tree“ stammen könnte, gerät aber auch wunderbar karg und dann wieder extrem elektronisch. Nicht zuletzt war es darum auch eine perfekte Entscheidung, vier Stücke von Roedelius in den Score einzuverweben. „War Machine“ ist somit unaufgeregt, zurückhaltend und genau darum auch faszinierend hübsch.

Anspieltipps:
Humble Man, Thousands Of Parades All Over America, Marjah

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.