Albumkritiken

Rezensionen von Platten, Scheiben, Alben.

Jóhann Jóhannsson – Arrival OST (2017)

Jóhann Jóhannsson – Arrival OST
Label: Deutsche Grammophon, 2017
Format: CD
Links: Discogs, Künstler
Genre: Klassik, Soundtrack, Electronica

Spätestens wenn man am Ende des Albums und bei „Kangaru“ angelangt ist, wird einem bewusst, dass niemand anderes als Jóhann Jóhannsson die Filmmusik zu dem Sci-Fi-Streifen „Arrival“ von Dennis Villeneuve hätte schreiben können. Denn der isländische Komponist hat mit diesem Soundtrack nicht nur etwas Neuartiges erschaffen, sondern vermag es auch, die zentralen Themen des Films kongenial aufzugreifen. „Arrival OST“ ist eine klangliche Überlegung zum Thema Kommunikation und Begegnung – und auch sieben Monate nach Erscheinung immer noch faszinierend.

Es macht also Sinn, sich zur DVD-Veröffentlichung dieses ruhigen und meisterhaften Filmes über den Erstkontakt zwischen Menschen und Ausserirdischen durch die Augen einer Linguistin die Musik noch einmal genauer anzuhören. Jóhann Jóhannsson geht mit diesen Stücken nämlich nicht den typischen Weg eines Filmkomponisten und verzichtet auf orchestralen Bombast – vielmehr setzt er einzelne Instrumente und Stimmen fremdartig ein. Tracks wie „Heptapod B“, „First Encounter“ oder eben der faszinierende Schluss sind somit experimentelle Klangreisen.

Klassik vermengt sich mit Elektronik, perkussive Muster verweben sich mit Kanongesängen, man fühlt sich sehr bald selber in einem dieser Raumschiffe eingeschlossen. Dem Ideenreichtum und Talent von Jóhann Jóhannsson ist es aber zu verdanken, dass die Versuche nie in Unhörbares ausarten, sondern sich die angepasste und mysteriöse Grundstimmung durch das gesamte Album zieht. Da passt es auch wunderbar, dass man oft die Tonursprünge nicht mehr ausmachen kann. „Arrival OST“ ist also auch ohne die faszinierenden Bilder eine mitreissende Erfahrung.

Anspieltipps:
Heptapod B, First Encounter, Kangaru

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Silverstein – Dead Reflection (2017)

Silverstein – Dead Reflection
Label: Rise Records, 2017
Format: CD in Digipak
Links: Discogs, Band
Genre: Hardcore, Metalcore

Stetig und in Abständen von wenigen Jahren veröffentlicht die kanadische Band Silverstein seit 2000 ihre Alben – doch zur wirklichen Weltberühmtheit wollte es einfach nie ganz reichen. Vielmehr waren die Musiker vor etwas mehr als zehn Jahren die heimlichen Helden in den Schlafzimmern der Emo-Jünger – und schafften es mit einigen Hits in die Herzen vieler Jugendlichen. Nun steht nach einigen Besetzungswechsel und Stilveränderungen mit „Dead Reflection“ der neuste Wurf bereit – und tot ist hier nichts.

Vom ersten Lied über der Single „Retrograde“ bis hin zu „Whiplash“ kennen Silverstein – welche sich nach dem Kinderbuch-Autor Shel Silverstein benannt haben – keine Zurückhaltung. Ihre Gitarrenriffs peitschen durch die Gegend, der emotionale Hardcore wird mit Chorgesängen aus dem College-Punk ergänzt und das Schlagzeug wirbelt sich durch die Songs. Auffällig ist dabei aber, wie weit sich die Band in den Metalcore hineinwagt. Hier gibt es wuchtige Breaks und laute Blasts, Screams und eingängiges Spiel.

„Dead Reflection“ ist somit ein Werk, dass immer wunderbar reinknallt und sich selten eine Pause erlaubt. Natürlich, Silverstein präsentieren auch hier balladeske Momente und zeigen kurz die Zerbrechlichkeit von Brand New und Konsorten, der Grundstein sind aber die groovenden Angriffe. Um vollends damit neue Fans zu gewinnen bleibt die Mischung hier aber etwas zu durchschnittlich – doch immerhin bleibt die Band auf hohem Niveau. Und erhält damit vielleicht nun endlich eine grössere Bekanntheitsstufe.

Anspieltipps:
Retrograde, Aquamarine, Whiplash

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Claude Speeed – Infinity Ultra (2017)

Claude Speeed – Infinity Ultra
Label: Planet Mu Records, 2017
Format: Download
Links: Facebook, Soundcloud
Genre: IDM, Electronica

Wenn man die Tracktitel wie „Windows 95“ liest, dann ist auch ohne Anhören klar: Claude Speeed sucht auf seinem zweiten Album die Inspiration und Quellen in der Vergangenheit. Die elektronischen Skizzen und Versuche wandern auf „Infinity Ultra“ somit in altbackenen Spuren, der schottische Künstler versinkt dabei aber nie in langweiliger Nostalgie. Vielmehr versucht er, die Electronica und IDM auf eine neue Weise anzugehen, wie er damals mit seiner Band American Men den Post-Rock umkrempeln wollte.

Es ist also schon korrekt, wenn beim Einstieg mit „BCCCC“ gleich mal die Synthie-Fanfaren aufsteigen und man flächendeckend empfangen wird. Diese Wärme macht die kommenden Angriffe der komischen Rhythmen und Drones umso verdaulicher. Denn was Claude Speeed auf „Infinity Ultra“ keinesfalls ist, das ist zugängliche Simplizität oder kohärente Bauweise. Nicht nur kann man zwischen den Songs und deren kargen Bass- und Melodienspuren abstürzen, auch weisen einzelne Tracks selber immer wieder Lücken und Sollbruchstellen auf. Das Tanzen kann man sowieso gleich vergessen.

Trotzdem macht es Freude, sich mit der Musik auf diesem Album zu beschäftigen. Claude Speeed reiht hier dreckigen Noise, Retrowave, wilde Feedbackorgien und unentspannten Ambient an eine Schnur – nur um diese im Verlauf der Spielzeit immer wieder neu zu verknüpfen und durchzuschütteln. Die Platte bleibt somit gerne etwas undurchsichtig und wird wohl vor allem bei Klangtüftlern für Jubelschreie sorgen – für alle anderen sind genau diese merkwürdigen Eigenschaften der Lieder wohl der Stolperstein.

Anspieltipps:
BCCCC, Moonchord Supermagic, Contact

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Mammút – Kinder Versions (2017)

Mammút – Kinder Versions
Label: Bella Union, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock, Indie

Es gibt wenige Künstler und Bands aus Island, die ohne die Englische Sprache weltweit Erfolge feiern können. Dies haben auch Mammút erkannt und darum auf ihrem vierten Album „Kinder Versions“ nun von Isländisch zur Weltsprache gewechselt. Dass die Truppe damit aber extrem stark an Björk und die Sugarcubes erinnert, war so wohl nicht zu verhindern. Eine Hürde ist dieser Vergleich nicht, wissen die Leute hinter den Instrumenten doch, wie man frische Ideen einbringt.

Wenn Mammút ihre eigene Variante des alternativen Rocks spielen, dann werden munter kräftige Momente voller Trieb und sinnliche Pop-Träume zu ungeraden Indie-Songs zusammengebaut. Bereits mit den zwei ersten langen Liedern auf „Kinder Versions“ wird klar: Hier nimmt ein Song nie den einfachsten Weg. Depressive Gitarren wandeln sich zu elektronisch angemalten Tanzmomenten, Stücke versinken in Post-Rock-artigen Feedbacks. Solche netten Wechsel halten die Spannung hoch – trotzdem fehlt manchmal etwas.

Und zwar die Verrücktheit, Mammúts Öffnung für den Weltmarkt wirkt teilweise etwas zu glatt geschliffen. Gerade die kürzeren Songs vermissen ein wenig den Abenteuergeist. Mit hochemotionalem und gerne auch quietschigem Gesang, Chor und epischen Gitarrenwänden fangen die fünf Mitglieder die Platte aber immer wieder vor dem Aufschlag auf. Die vier Jahre Wartezeit auf neues Material waren also nicht umsonst, hier darf wieder zwischen den Arrangements geträumt werden.

Anspieltipps:
We Tried Love, Kinder Versions, Breathe Into Me

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

A Shape – Inlands (2017)

A Shape – Inlands
Label: Atypeek Music, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Post-Punk, Noise

Obwohl der Rechtsextremismus bei den Wahlen in Frankreich nicht gewonnen hat, ist es noch lange nicht an der Zeit, ruhig zu bleiben und still das Leben zu geniessen. Viel mehr braucht es auch jetzt laute Aufschreie und Krach, der zeigt, gut haben es noch lange nicht alle. Das Quartett A Shape will dem Debüt „Inlands“ also aufrütteln und lässt die Instrumente unangenehm schräg und laut klingen. Dank dem Mix von Ex-Sonic Youth Mitglied Lee Ranaldo bleibt aber alles am richtigen Platz.

A Shape pendeln somit zwischen leisen Passagen, in denen Sängerin Sasha Andrès sanft gegen atonale Gitarren singt, nur um wenigen Sekunden später im nächsten Lied wieder die Mikrofone zu überfordern und das Schlagzeug laut poltern zu lassen. Lieder wie „Furtive Spirals“ oder „Magnetic Sun“ sind in ihrer Rohheit und Scheiss-Drauf-Attitüde eine perfekte Fortsetzung des brodelnden Post-Punk der Achtziger. Hier geht es weder darum, korrekte Tonleitern zu spielen oder das Instrumente überhaupt richtig in der Hand zu halten – hier ist Ausdruck Trumpf.

„Inlands“ lässt sich gerne von Noise und Feedback begraben, die Musiker von A Shape haben aber immer eine spitze Idee bereit, um sich wieder krumm aus dem Haufen zu schaufeln. Somit ist diese Platte perfekt für eine kaputte Party, im verlassenen Bürogebäude im düsteren Stadtgebiet. Und dabei lässt es die Musik nicht nur zu, dass man ausrastet, sondern man fühlt sich auch verstanden. Gut also, dass diese Krach-Orgien gerne sechs abwechslungsreiche Minuten andauern – tanzen, wüten, lieben.

Anspieltipps:
Love Mantra, Furtive Spirals, Decade

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Atonalist feat. Gavin Friday – Atonalism (2017)

Atonalist feat. Gavin Friday – Atonalism
Label: Audiotrauma, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Experimental, Industrial

Schwer hämmernde Maschinen, schrill pfeifende Hörner, aus dem Ruder laufende Handlungsketten – wäre „Atonalism“ eine Fabrik, dann könnten man für den nächsten Tag gleich einen Totalschaden und somit Konkurs anmelden. Hier sorgen sich nämlich weder Rhythmik, Melodie noch Harmonie um einen schönen Gleichklang oder klare Stukturen. Aber genau darum ist das erste Album von Multiinstrumentalisten Renaud-Gabriel Pion und Arnaud Fournier als Atonalist so wunderbar aufregend. Und damit nicht alles in den theoretischen Abgründe der Atonalität versinkt, sorgt der irische Sänger Gavin Friday für eine gewisse Wärme.

Eigentlich lässt „Different To Others“ als erstes Lied auf „Atonalism“ von diesem wunderbar fordernden Chaos gar nichts erahnen – denn mit leichtem Klavier, gemächlichem Aufbau und der attraktiv, tiefen Stimme Fridays glaubt man auf einem sicher wiegenden Meer zu sein. Atonalist lassen aber bereits hier am Ende die Gitarren laut werden um im folgenden Stück Saxophon und Beats gegeneinander ringen zu lassen. Doch erst mit „Spin 2.0“ wird die Scheibe vollends in den Wahnsinn geführt. Free Jazz, Industrial-Noise und kontemporäre E-Musik werden ins Feld geführt um immer wieder in langsamen Momenten der Electronica zu vergehen.

Atonalist feat. Gavin Friday lassen auf ihrem ersten Album nichts unversucht – und werden doch Meister über diese Flut an Ideen und Klangexperimenten. Dank geschickter Abfolge auf „Atonalism“ und viel Gespür für Notwendigkeit von einzelnen Klängen taucht man in Kunstwelten ab, die auch Bowie in seinen härtesten Zeiten und Peter Gabriel auf Kokain nicht gescheut hätten. Diese Platte ist somit auf keinen Fall einem unerfahrenen Musikhörer zu empfehlen – wer aber langsam von allem zu viel vernommen hat, der findet hier eine perfekt fordernde Neuheit.

Anspieltipps:
Spin 2.0, Gottesanbeterin, Realistic Answer

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Radiohead – OK Computer OKNOTOK (2017)

Radiohead – OK Computer OKNOTOK
Label: XL Recordings, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Alternative Rock

Es ist tatsächlich bereits 20 Jahre her, seit „OK Computer“ die Musik- und Indie-Welt komplett durchgerüttelt hat. Das dritte Studioalbum der britischen Art-Rocker Radiohead stülpte nicht nur den Klang der Band kopfüber in bisher ungehörte Sphären und Experimente, sondern setzte einen Meilenstein im Alternative Rock der Neunziger. Bis heute hat das Werk nichts von seiner Strahlkraft verloren und darf sich immer wieder an die Spitze von Bestenlisten und Rückblicke stellen. Kein Wunder, bei solch fantastischen Songs wie „Subterranean Homesick Alien“, „Let Down“ oder „No Surprises“.

Zum Jubiläum wird die Scheibe noch einmal herausgebracht, frisch poliert und klanglich verbessert. Das Beste an „OK Computer OKNOTOK 1997 2017“ sind aber die zusätzlichen Lieder, welche fast ein gleichwertiges Bruder-Album bilden. Elf Tracks, welche damals von Radiohead aufgenommen wurden, aber doch nicht in das Konzept gepasst haben – hier erhält man nun alle gesammelt. Obwohl schon die Collector’s Edition von 2008 praktisch dasselbe Material aufweisen konnte, gibt es mit „I Promise“, „Lift“ und „Man Of War“ drei mitreissende, bisher unveröffentlichte Perlen. Formvollendet, kompositorisch dicht wie das Hauptmaterial und sogar mit angriffigen Gitarren versehen – das gefällt.

Sicherlich ist es wie immer etwas fragwürdig, solche Sammler-Editionen zu veröffentlichen, in denen praktisch alle Musik schon anderweitig verkauft wurde. „OK Computer OKNOTOK“ rechtfertigt dies aber mit der Klasse – wo sonst klingen die zusätzlichen Lieder schon besser als fast alles Kontemporäre? Somit beweisen Radiohead auch 20 Jahre nach dem Erstkontakt mit diesem Material, dass die Revolution nicht nur angedeutet wurde. Sie passierte immer noch, inmitten von Songs wie „Meeting In The Aisle“ und „Lift“.

Anspieltipps:
Man Of War, Polyethylene (Parts 1 & 2), Palo Alto

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Pet Symmetry – Vision (2017)

Pet Symmetry – Vision
Label: Polyvinyl Record Company, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Band
Genre: Punk, Indie-Rock, Emo

Ja, dieses Projekt so vor allem Spass machen – das hört man der Musik auf „Vision“ immer wieder an. Losgelöst von allen Zwängen und Erwartungen dürfen College-Punk-Songs wie „St. John“ plötzlich in wildes Gitarrenfeedback ausbrechen, oder Zwischenspiele wie „Ltctlyb“ schon fast Emo mit dem Pop verheiraten. Allgemein, diese kurzen Songs sind das beste, was Pet Symmetry auf dieser Scheibe abliefern. Knackig, ohne Punkt und sehr ideenreich – mit dem explosiven Noise-Punk „Eyesores“ als Gewinner. Textlich nicht minderwertig, werden ironische Positionen bezogen oder Anekdoten erzählt.

Genau dies können die Herren Evan Weiss (Into It. Over It.), Erik Czaja (Dowsing) und Marcus Nuccio (What Gives) ja schon alleine wunderbar – zusammen funktioniert das Trio aber fast noch besser. Dieser punkige Indie-Rock ist unbeschwert und labt von der schier kindlichen Freude, die eigene Musik komplett seiner Laune auszusetzen. Pet Symmetry ist somit eines dieser Projekte, das mehr als nur die Gesamtheit seiner Teile darstellt. Man spürt auch, dass die drei Künstler seit 2013 Ideen umherspringen lassen und nun ausgereifte Lieder präsentieren können.

Die amerikanische Szene des Emo-Indie ist wieder extrem belebt und es macht einfach nur Freude, Pet Symmetry beim Spielen zuzuhören. Mit elf einigermassen kurz gehaltenen Stücken ist „Vision“ ein perfekter Happen um die Lust nach mehr solchen Rock zu wecken. Und es ist der beste Beweis, dass Ernst gewordener Spass auch eine Bereicherung für die musikalische Welt darstellen soll. Jetzt soll mir bloss niemand mit dem Begriff Supergroup kommen, Weiss, Czaja und Nuccio musizieren nämlich weit über diesem Schubladendenken.

Anspieltipps:
Stare Collection, Ltctlyb, Eyesores

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Jennie Abrahamson – Reverseries (2017)

Jennie Abrahamson – Reverseries
Label: How Sweet The Sound, 2017
Format: Download
Links: Discogs, Künstlerin
Genre: Synthie-Pop, Indie

Meinen ersten Kontakt mit Jennie Abrahamson habe ich Peter Gabriel zu verdanken, war die schwedische Künstlerin doch bei seiner „Back To Front“-Tour 2013 und 2014 als Backgroundsängerin mit dabei. Dass die Musikerin selber wunderbar schmissigen Synthie-Pop macht, das wusste ich bis zu ihrem neusten Album „Reverseries“ nicht. Um so überraschender war nun die Wirkung, welche diese neuen Songs auf mich hatten. Dabei ist dies bereits ihr fünftes Soloalbum und fügt sich wunderbar in eine Welt ein, in der Frauen wie Ellie Goulding hell am Himmelszelt strahlen dürfen.

So modern wie ihre Kolleginnen ist Jennie Abrahamson auf „Reverseries“ aber nicht, hier regieren nämlich nicht die Beats und RnB-Einflüsse, sondern die quirlige Romantik der Achtziger. Während der Laufzeit hat man manchmal das Gefühl, Rollschuhe zu tragen und gerade einen aufregenden Flirt in der Disco erlebt zu haben. Die Pop-Musik auf dieser Platte untermalt solche Momente perfekt, kippt aber nie in die Kopflosigkeit und bietet nachdenkliche Sätze und Melodien. So ist unter anderem der Einstieg mit „Safe Tonight“ schwelgend, träumerisch und dank der wunderbaren Stimme Abrahamsons einfach nur schön.

Während der gesamten Platte taucht man dank tief in die Welt des tanzbaren Songwritings und der wunderbar brummenden Synthie-Spuren ein. Man trifft auf Single-Hits wie „To The Water“, auf reduzierte Gedankengänge wie „Not In My Name“ und Weltumarmungen in klanglicher Form. Und auch wenn Jennie Abrahamson weder mit den Reminiszenzen noch der Direktheit jemals so weit geht wie Robyn, diese angenehme Offenheit und hübsche Zurückhaltung machen die Scheibe einfach toll zu hören. Ihr Plan, mit diesem Album Liebe zu verbreiten, geht voll auf.

Anspieltipps:
To The Water, Man In You, Lift Me Up

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Mixtaped Monk & Cousin Silas – Soundtrack To Your Own Fantasy (2017)

Mixtaped Monk & Cousin Silas – Soundtrack To Your Own Fantasy
Label: Studio 4632, 2017
Format: Download
Links: Mixtaped Monk, Cousin Silas
Genre: Ambient, Electronica

Nein, „Soundtrack To Your Own Fantasy“ ist keine Medidations-Platte – obwohl man bei diesem Titel und dem Cover schon denken könnte. Und sanft beginnt die Musik dann auch, mit schwebenden Synthie-Klängen und sanft eingebundenen Samples von Kinderstimmen. Mit dem zusätzlichen, fernöstlichen Element des Melodienspiels vermögen es Mixtaped Monk & Cousin Silas dann auch, dass man als Hörer ziemlich schnell die Augen schliesst und träumt. Zu genau diesen Bildern will dieses Ambient-Projekt dann auch die Musik liefern – und das funktioniert.

Der indische Produzent und Journalist Arka Sengupta – hier unter dem Namen Mixtaped Monk hantierend – hat sich mit dem englischen Musiker Cousin Silas (David Hughes) zusammengetan, um seine klanglichen Gedanken endlich auszuformulieren. Hughes grosse Erfahrungen im Bereich des Ambient waren die perfekte Grundlage, um diese gleitenden und cineastischen Welten mit Instrumenten nachzubauen. So dürfen nicht nur die Computer und Tasten ran, auch ätherische Gitarren besingen die Momente und die Musik gleitet in Stücken wie „Awakening“ gemächlich in Richtung experimentellen Post-Rock.

Diese Sensibilität zwischen Mixtaped Monk und Cousin Silas ermöglicht es, dass „Soundtrack To Your Own Fantasy“ diverse Stile und Stimmungen anspricht, ohne in eine kitschige Gefühlsduselei abzudriften. Das Album kann somit ein intensiver Begleiter der Gedanken, oder eine zurückhaltende Ergänzung sein. Und mit wunderbaren Tracks wie „Remembering Days“ oder „Wandering“ wähnt man sich sehr schnell in einer hell leuchtenden Zwischenwelt – voller Wärme und Zusammengehörigkeit.

Anspieltipps:
Remembering Days , Wanderer, Twilight Wishes

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.