Indie

Geowulf – Great Big Blue (2018)

Da soll noch einer sagen, das Komplettpaket sei nicht durchdacht. „Great Big Blue“ begrüsst den Hörer nämlich mit einem herrlich sommerlichen Covermotiv, das perfekt die Stimmung der Musik widerspiegelt. Das erste Album des australischen Duos Geowulf klingt nämlich nicht nur nach warmen Abenden, sondern Strand und Gartenparty. Kein Wunder kriegt man bei diesem leichten Pop gleich Lust, mitsamt der Kleidung in den Pool zu springen – das vertreibt nämlich auch alle Sorgen.

Denn obwohl Frontfrau Star Kendrick in Liedern wie dem schmissigen „Drink Too Much“ eher ernste Themen wie Streit und Fremdheit besingt, verfällt die Musik nie der Melancholie oder lamentierenden Haltung. Zusammen mit Gitarrist Toma Banjanin schreibt sie seit 2016 Lieder, die immer Hoffnung und Glück in sich tragen. Geowulf tanzen mit Dreampop und Shoegaze, lassen ihre Melodien in Flächen und geschichteter Weise auftreten und wirken dabei immer beruhigend wie der beste Freund an der Party, nachdem er schon ein paar Gläser Weisswein getrunken hat.

„Hideaway“ gibt sich so als perfekter Hit, „Summer Fling“ spielt gar mit Stadiongrösse und „Won’t Look Back“ ist das Lied, das The XX schon immer schreiben sollten, aber es nie tun werden. Geowulf sind also nicht nur Balsam auf der angeschlagenen Seele, sondern die liebliche Alternative zu Lana Del Rey und perfekte Musik für Zeiten, in denen wir eine Aufmunterung benötigen. Die Heilung durch Wärme, dies versuchen die beiden Musiker nun von London aus – und gewinnen.

Anspieltipps:
Hideaway, Drink Too Much, Won’t Look Back

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Live: Gonzo, Oxil Zofingen, 18-02-17

Gonzo + Bell Baronets
Samstag 17. Februar 2018
Oxil, Zofingen

Zusammenarbeit, Gegensätze und verschiedene Bereiche des Spektrums – der Verein Kultur Anlass übernahm für einen Abend das Kulturlokal Oxil in Zofingen und führte mehrere Generationen von lokalen Musikschaffenden zusammen. Das führte nicht nur zu einem Abend voller toller Livemusik, sondern auch der herrlichen Gewissheit, dass die regionale Kultur trotz allen Stolpersteinen auch heute noch kein bisschen leiser geworden ist. Und es ist immer toll, die bereits 1989 gegründete Formation Gonzo auf der Bühne erleben zu dürfen.

Das Quartett macht sich nämlich gerne rar und versteckt sich lieber im Proberaum und hinter neuen Songideen, als die Welt mit ihrer Anwesenheit zu beglücken. 2004 erschien ihr bisher einziges Album „Zeal“, doch auch an diesem Samstag spürte man schnell: Die Lust und Freude am Rock ist ihnen noch lange nicht abhanden gekommen. Gonzo spielten von der ersten bis zur letzten Minute voller Intensität und Gefühl, mit ihren langen Stücken, die zwischen elegischen Teilen und wuchtigen Stürmen wechselten. Ob fast bei Heavy Metal angelangt, mit verzerrtem Gesang und krachenden Riffs oder dann wieder mit Synthie und Bassflächen an Pink Floyd (ohne die Waters-Schizophrenie) vorbeirauschend – dies war die eigentlich wahre Form von Emotional Rock.

Ihre Lieder steigerten sich über viele Minuten zu mitreissenden Abenteuern, ob das eröffnende „Not As Big As It Seems“ oder das spät dargebotene „Roads“, dieses Konzert liess niemanden kalt. So blieb den Freunden und Fans zwar „Destiny“ verwehrt, aber mit einem wirklich gelungenen Cover von „Wish You Where Here“ wurde man doch versöhnlich verabschiedet. Schade nur, hatten viele Besucher das Gefühl, als Bekannte der Band das Konzert auch laut schwatzend bei der Bar begleiten zu dürfen. Für das nächste Mal ist von dieser Seite mehr Feingefühl gefragt, denn Gonzo haben unsere volle Aufmerksamkeit zu jeder Sekunde verdient.

Direkter und wilder gingen danach Bell Baronets zugange und holten sich die Besucher mit starkem Riffing und präzisen Schlägen ab. Obwohl die Gruppe erst seit 2011 existiert und letztes Jahr endlich das Debüt „The Strong One“ erscheinen durfte, sind die drei Mannen keine selten gesehenen Gesichter auf den Bühnen der Schweiz und haben sich mit weit über 100 Konzerten schon lange als fesselnder und mitreissender Liveact etabliert. Dies durfte man auch im Oxil erneut erleben, Stücke wie „Blame It On Me“ oder „Gone For Good“ mischten kecken Fuzz-Rock mit Indie und Blues und klangen, als hätte man hier alte Hasen vor sich stehen.

Mit einem neuen Stück, einer fast akustischen Einlage vor der Bühne und wilden Gitarrensolos boten Bell Baronets für alle etwas und liessen mich erneut erstaunt zurück, wie solch junge Menschen eine so wahnsinnig gute Band sein können. Das liegt wohl am Quellwasser in Zofingen, denn wie man in diesen Stunden bemerken konnte, fügen sich seit Jahrzehnten Menschen, Instrumente und Ideen im Aargauer Städtchen zu fantastischen Resultaten zusammen – und dies wird hoffentlich noch lange so bleiben.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Tocotronic – Die Unendlichkeit (2018)

Wenn sich die Hamburger Jungs von Tocotronic daran machen, die Welt mit einem neuen Album zu beglücken, dann sollte eigentlich klar sein, dass man vor allem glückliche Gesichter sehen wird. Für ihr zwölftes Werk „Die Unendlichkeit“ hat sich am Grundgerüst schliesslich auch nichts geändert. Die Besetzung ist weiterhin ein Quartett, die Gitarren geben weiterhin den Ton an, Frontmann Dirk von Lowtzow dichtet immer noch wunderbare und gerne kryptische Texte in elegantem Deutsch. Was aber verändert wirkt: Der Sound ist luftig, weit und besonders beim Titelsong wahrlich ewig nachhallend.

War ihr letztes Album mit dem Liebeskonzept und den eher fokussierten Nummern eine Platte, die man auch Häppchenweise verstanden hatte, muss man sich bei „Die Unendlichkeit“ schon wieder etwas weiter und länger in der Musik treiben lassen. Es finden sich nämlich kleine und lockere Stücke neben laut aufbrausenden Aussagen, dann wieder wirken Tocotronic ätherisch und lassen Jugendsünden mit der Naivität von heute verschmelzen. „Electric Guitar“ ist eine Hymne auf die damalige Unbeholfenheit, „1993“ schaut eher politisch und mit Schmackes zurück. Zusammen mit „Hey Du“ ist dies eines der wenigen Stücken, die schon fast punkig poltern – der Rest wirkt meist zahmer als auch schon.

„Die Unendlichkeit“ ist deswegen nie schlecht, ein Meisterwerk im Katalog kann es aber auch nicht ganz werden. Zwar sind auch unscheinbare und positiv gefärbte Lieder wie „Bis uns das Licht vertreibt“ immer ein Genuss und machen Spass, der wirkliche Funken zur Grosstat springt aber nicht über. Kein Problem für Tocotronic, denn diese Gruppe ist so versiert und punktgenau, dass man hier zu gerne in der Klang- und Sprachkunst des Alternative Rock aufgeht. Mehrstimmige Figuren mit den Gitarren gezeichnet, angenehme Effekte und die nötige Verzerrung – es gefällt sehr.

Anspieltipps:
Electric Guitar, 1993, Alles was ich immer wollte war alles

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Oppressed by Privilege / Privileged by Oppression – Oppressed by Privilege Privileged by Oppression (2018)

„I’m So F*cking Privileged / It Makes Me Wanna Cry“. Als in der Schweiz lebende Person gerät man schnell in einen moralischen Zwist. Wie weit geht die eigene Verantwortung bezüglich unserem Besitz und Wohlstand? Was dürfen wir uns erlauben, was sollen wir in diesen Umständen verbessern? Daniela Brugger und Vera Bruggmann haben zu diesem Thema ein Kunstprojekt gestartet, dass aus 16 Künstlerinnen und Künstler zwei Bands geformt und anhand eingereichter Texte zu den Namen Oppressed by Privilege und Privileged by Oppression Lieder komponiert hat. Jetzt gibt es diese sechs Songs als Platte zu kaufen.

Die Musik auf „Oppressed by Privilege Privileged by Oppression“ klingt dabei genau so divers, wie es bei einer solchen grossen Anzahl von Mitwirkenden zu erwarten war. Oppressed by Privilege bieten psychedelisch angehauchten Alternative Rock, Sprechgesang und einen deutschen Text, Privileged by Oppression tauchen fast in den Post-Punk und nehmen danach in Mundart den Rap auseinander. Alles zu einem grossen Ganzen zu formen ist hier nicht immer einfach, aber diese Musik soll auch gar nicht allen gefallen. Diese Kunst ist ein Angriff auf unser Verhalten im neoliberalen Kapitalismus und regt zu Diskussionen an.

Irgendwo zwischen der nachdenklichen Jugend von I Made You A Tape und einem dystopischen Auftritt im Club von nebenan ist die Musik von  Oppressed by Privilege und Privileged by Oppression ein grosses Experiment, dass sich als geschlossener Kreislauf präsentiert und erstaunlich kohärent als Platte funktioniert. Ob man sich danach im Leben anders positioniert, das ist aber jedem selber überlassen. Live gibt es dieses Projekt am Freitag 16. Februar 2018 in der Kunsthalle Basel zu geniessen, inklusive Plattentaufe.

Anspieltipps:
Chicken Shop, Elite, Kei Gäld kei Wält

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Don’t Kill The Beast – Cupid Bite (2017)

Ich will gar nicht zu viele Worte über das Cover verlieren, denn leider kann es mit der Qualität der Musik nicht mithalten – und nein, hinter „Cupid Bite“ verbirgt sich auch kein plattes Werk voller Heavy-Metal-Klischees. Don’t Kill The Beast aus Basel haben sich auf dieser Platte nämlich von einem Soloprojekt des Musikers David Blum zu einer kompletten Band gemausert, die sich zwischen verträumten Pop und sehnsüchtig melancholischem Indie positioniert. Und immer mit viel Gedanken bei der Liebe.

Schliesslich will bereits mit dem Albumtitel der Biss von Amor an eure Körper verteilt werden, eine Aufgabe, die auch gleich Melodien und Kompositionen weiterziehen. Don’t Kill The Beast lassen mit ihren Liedern tolle Gedanken und Gefühle zum schmachtenden Thema aufkommen, ohne jemals platt oder abgenutzt zu klingen. Viel eher verlässt sich die Band auf tolle Gitarren und sattes Thema, „Q/A“ nimmt es mit dem amerikanischen Indie auf, „Loser“ erinnert an My Morning Jacket. Da passt auch der hohe Gesang von Blum perfekt rein.

Nicht alles auf „Cupid Bite“ zieht aber mit schnellem Tempo vorbei, Don’t Kill The Beast lassen sich auch gerne mal verletzt in sehnsüchtigen Popsongs trösten und vergessen die Wut etwas. „All So Sad“ klingt wie es sein Name verheisst, „Magic Wonderland“ nimmt sich die Tugenden der eingängigen Schweizer Rock-Musik und zimmert daraus einen angenehmen Hit. Es ist also klar, dass mehr Musiker hier ganz klar auch mehr Qualität und Dynamik bedeuten. Man sollte sich also nicht vom Monster abschrecken lassen, sondern sich als Zielscheibe für den Pfeil anbieten – ohne Reue.

Anspieltipps:
Magic Wonderland, Cupid Bite, Q/A

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Girls In Hawaii – Notcurne (2017)

Man hört es bereits den ersten Klavier- und Gitarrenklängen auf „Nocturne“ an: Der Schwere und Traurigkeit sind Girls In Hawaii auch auf ihrem fünften Album nicht entkommen. Der Verlust des ehemaligen Schlagzeugers schwebt immer noch merklich über den Songs, auch wenn sich die Band mit diesem Werk klar versucht, in der Zuversicht und der Fröhlichkeit zu positionieren. Melancholie und Langsamkeit waren aber schon immer gute Freunde der Belgier, das zeigen auch wieder Lieder wie „This Light“ oder „Up On The Hill“.

Dass ihre Indie-Musik aber nun oft sehr elektronisch auftritt, das verwundert schon etwas, wenn man Girls In Hawaii auch live kennt. Denn was auf der Bühne zu einer wahren Flut an Gitarrenflächen werden kann, zeigt sich auf „Nocturne“ oft sehr reduziert und zurückhaltend. Harmonien und Kompositionen werden zaghaft geformt, Stimmen und Instrumente mit Effekten verfremdet. Das kann sehr wohl super aufgehen, siehe „Guinea Pig“ oder das wunderbar treibende „Indifference“, wirkt aber oft auch etwas zu schlaff. Mit Prisen des Synthie-Pop und Verneigungen vor Namen des Alternative Untergrundes funkelt es aber immer wieder.

So ist „Overrated“ die Art von Musik, die man sich von Girls In Hawaii etwas mehr wünschen würde, und „Walk“ ist ihr persönlicher Versuch, einen Pop-Hit zu schreiben. Das hat leider nicht wirklich geklappt, die Intention ist aber auch nicht ganz ernst gemeint. Und wenn die Mannen zu den mehrstimmigen Gesangspassagen aufbrechen, ihre Fahrzeuge aus Gitarren und Keyboards zimmern und durch bunte Landschaften streifen – dann grinst man zufrieden. Für einen wirklichen Knaller fehlt der Platte aber etwas der Druck und die Lust an der Lautstärke, somit versinkt die Band etwas zu stark im Hintergrundrauschen.

Anspieltipps:
This Light, Indifference, Up On The Hill

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

We Are Wolves – Wrong (2017)

Dass Wölfe machen was sie wollen, das sollte eigentlich klar sein. Trotzdem verwundert es immer wieder, mit wie viel Selbstverständlichkeit und Eigensinn We Are Wolves aus Kanada ihre Musik angehen. Seit 2000 schreiben und spielen sie ihre Songs, mit jedem Jahr mit weniger Zurückhaltung und Rücksicht auf gewisse Richtlinien oder Formeln. So ist auch „Wrong“ wieder ein lebhaftes Album zwischen Indie und tanzbarem Punk, immer mit viel Biss.

Lieder wie „In The Land Of The Real“ dürfen dreckig und zähnefletschend durch die kalten Wälder streichen, „I Don’t Mind“ steht hingegen auf der Lichtung und tanzt locker durch die ersten Sonnenstrahlen. We Are Wolves sind ein Unikum, eine Band die sich zwar gerne mit leichtem Indie-Rock vergnügt, aber Experimente und Dance gleich dazu holen und alles mit viel Feedback und Verzerrung wieder ausspucken. Die Single „Unknown Flowers“ hatte uns letztes Jahr bereits überzeugt, dieses Hochgefühl hat sich nun auch mit dem ganzen Album nicht geändert.

Auch wenn das Trio kurze Zeit getrennt war und schon lange im Business überleben muss, geschadet hat dies We Are Wolves auf keinen Fall. Mit „Wrong“ ist wieder ein Welpen auf die Welt gekommen, das herrlich pochende Rhythmen in sich trägt („Cynical“) wie auch schwarz gefärbte Riffergüsse. Ein Werk also, das zarte Gänger der Indie-Disco zwar etwas einschüchtert, aber allen anderen eine wunderbar abwechslungsreiche Nacht bietet. Lasst uns gemeinsam heulen.

Anspieltipps:
Cynical, I Don’t Mind, Unknown Flowers

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Franz Ferdinand – Always Ascending (2018)

Ja aber Franz, wo warst du denn so lange? Nach deiner Geburt 2002 in Schottland hast du mit deinen ersten drei Alben nicht nur den damaligen Indie-Rock stark geprägt, sondern so manche Jungendzeit mit tollen Tanzhits und Stilberatungen ausgestattet. Dann dauerte es vier Jahre bis zu „Right Thoughts, Right Words, Right Action“ und gewissen psychedelischen Ausflügen – und nun sogar fünf Jahre, bis es wieder heisst: Franz Ferdinand sind zurück und zeigen auf „Always Ascending“, dass sie ihre Vergangenheit mit frischen Gedanken zu kombinieren wissen.

Aber natürlich sind auch die typischen Stakkato-Gitarren, die hüpfenden Takte und der unwiderstehliche Gesang von Frontmann Alex Kapranos weiterhin unverkennbar. Der Titelsong versucht sich zwar mit Chorgesang, Synthieuntermalung und viel Echo etwas zu tarnen, auch „Lazy Boy“ will eher zu Talking Heads oder Krautpop gezählt werden als dem Indie. Spätestens mit „Paper Cages“ sollte aber klar sein: Der Art-Indie nimmt weiterhin die vorherrschende Stellung ein. Und mit „The Academy Award“ haben Franz Ferdinand sogar wieder einen Song geschrieben, der auch auf dem Debüt geglitzert hätte.

„Always Ascending“ ist also ganz klar eine Platte, die mit jedem Lied frische Farbtupfer auf die Leinwand aufträgt und dabei genügend geübt im Mischen ist, um nicht in einer grauen Suppe zu landen. „Huck And Jim“ holt die brummelnden Bässe und lauten Gitarren herbei, „Slow Don’t Kill Me Slow“ lädt zum romantischen Tanz auf der Schulfeier. Und auch wenn all diese Einflüsse und Ideen nicht gleich gut funktionieren wollen, das fünfte Album von Franz Ferdinand ist eine interessante Rückkehr. Nie bettet sich die Truppe auf alten Grosstaten, immer wird alles etwas weitergesponnen. Ein Experiment war ja noch nie falsch.

Anspieltipps:
Always Ascending, The Academy Award,

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Son Lux – Brighter Wounds (2018)

Eine gewisse Schwere lastet auf Ryan Lott, das spürt man nach wenigen Sekunden von „Forty Screams“. Das eröffnende Lied des fünften Albums dieses talentierten Künstlers thront mit wuchtigen Synthieflächen und bedrückender Stimmung über unserer Wahrnehmung. Son Lux widmet sich erneut der Balance von Leben und Tod, den Schwierigkeiten von Verlust und die Probleme mit der Liebe. Erzählt in einem Album voller unvorhersehbarer Lieder und Experimenten, dieser Pop ist wahrlich anders.

„Brighter Wounds“ verlangt vom Hörer einiges: Man muss sich für die Musik Zeit nehmen, sollte nicht über die wechselnden Takte stolpern und mit scheinbar leidendem Gesang gut auskommen. Soul wird mit Indie und Electronica zu einer futuristischen Stilrichtung vermengt, Instrumente ihrem typischen Klang enteignet und zusammen mit viel Effekten zu neuen Daseinsformen geführt. Da ist es schon fast verwirrend, wenn man plötzlich wieder analog gespielte Gitarren und Schlagzeug vernimmt. Aber genau diese Wechselwirkung stand schon immer im Zentrum von Son Lux.

Wenn sich die Maschinen in „Surrounded“ erheben, „All Directions“ James Blake lockt oder „Dream State“ normale Songstrukturen kapert, dann wachsen Son Lux über Konventionen heraus und formen ihre völlig eigenen Welten. Und sobald man den Zugang zu diesen Kreationen gefunden hat, wird man gewisse Momente und Melodien noch lange mit sich tragen. So modern und spannend kann Indie sein, ohne immer in die gleich langweiligen Schemen abzudriften. Und wer hätte gedacht, dass drei Männer wie ein grosses Orchester klingen können, nur um dann mit „Aquatic“ gleich wieder die leisen Radiohead zu beschwören?

Anspieltipps:
Dream State, The Fool You Need, Surrounded

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Kettcar, Bierhübeli Bern, 18-01-23

Kettcar
Support: Fortuna Ehrenfeld
Dienstag 23. Januar 2017
Bierhübeli, Bern

„Wir gelten ja jetzt als Polit-Punk-Band“, sagt Marcus Wiebusch und schaut schelmisch in die Gesichter der Besucher des Bierhübeli. Denn er weiss genau, diese Aussage verliert jede Spur von Selbstüberschätzung mit dem Liebeslied-Hattrick, den Kettcar gleich danach anstimmen. Wobei diese Kombination aus grossen Gefühlen, Poesie und direkten Aussagen zu aktuellen Themen für die Hamburger nichts neues ist. Mit ihrem alternativen Indie-Rock singen sie sich seit 2001 in die Herzen der sozial eingestellten Menschen und versüssten so manche Begegnung oder Nacht. Auch Bern kam nun endlich wieder in den Genuss des Zaubers, voller neuer Zeilen und alten Melodien.

Die Tour von Kettcar dient nämlich nicht nur dazu, ihr neustes und sehr gelungenes Album „Ich vs. Wir“ vorzustellen, es geht auch um denn allgemeinen Zustand unserer Gemüter. Die Band wollte weder predigen noch sinnlos auf den Gitarren herumhantieren, lieber die Stunden mit ihren Freunden und Fans feiern und auskosten. Und das gelang gleich perfekt mit dem Einstieg und dem Song über das Älterwerden („Graceland“) und „Money Left To Burn“ – ein Titel, der kurzerhand dazu gekapert wurde, um den bevorstehende Geburtstag von Bassisten Reimer Bustorff mit der Einkaufstour durch die Migros zu verbinden. Wiebuschs erzählerischen Texte nahmen gefangen, die immer wieder laut aufspielenden Musiker sorgten für die passende Klangkulisse.

Und dann das erste, doch wieder eindringlich kritische Highlight: Die neue Single „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“, eine intelligente Betrachtung der Flüchtlingskrise mit Sprechgesang und herrlich grossem Refrain. Hier wird klar, dass gewisse Medien mit der neuen Stilrichtung bei Kettcar nicht falsch lagen. „Mannschaftsaufstellung“, „Ankunftshalle“ oder „Landungsbrücken raus“ – die Mischung zwischen nachdenklichen Passagen und lauten Ausbrüchen passt perfekt in die heutige Zeit und formt dieses Konzert zu einem Rausch. Dank der grossen Sympathie, vielen tollen Sprüchen zwischen den Songs und guter Laune der Band kam das Ende in Bern fast etwas zu schnell.

Aber auch der Beginn mit Fortuna Ehrenfeld aus Köln traf genau in diese Mischmenge. Das Trio versuchte sich an gerne schrägen Strassengedichten, umgarnt von Keyboardspuren und Gitarrenriffs. Multitalent Martin Bechler liess es sich nicht nehmen, den Konzertsaal zu bestaunen und genüsslich seine Weinflasche zu den Songs zu kredenzen. Unterstützt von Jenny Thiele an den Tasten und  Paul Weissert am Schlagzeug wurden seine beschmutzten Perlen des Singer-Songwriter zu elektronisch brummenden Popsongs und hallten lange nach. Ob Nord oder Süd, Deutschland brachte an diesem Dienstag seine besten Erzeugnisse in die Schweiz und gewann auf ganzer Linie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.