Indie

Oppressed by Privilege / Privileged by Oppression – Oppressed by Privilege Privileged by Oppression (2018)

„I’m So F*cking Privileged / It Makes Me Wanna Cry“. Als in der Schweiz lebende Person gerät man schnell in einen moralischen Zwist. Wie weit geht die eigene Verantwortung bezüglich unserem Besitz und Wohlstand? Was dürfen wir uns erlauben, was sollen wir in diesen Umständen verbessern? Daniela Brugger und Vera Bruggmann haben zu diesem Thema ein Kunstprojekt gestartet, dass aus 16 Künstlerinnen und Künstler zwei Bands geformt und anhand eingereichter Texte zu den Namen Oppressed by Privilege und Privileged by Oppression Lieder komponiert hat. Jetzt gibt es diese sechs Songs als Platte zu kaufen.

Die Musik auf „Oppressed by Privilege Privileged by Oppression“ klingt dabei genau so divers, wie es bei einer solchen grossen Anzahl von Mitwirkenden zu erwarten war. Oppressed by Privilege bieten psychedelisch angehauchten Alternative Rock, Sprechgesang und einen deutschen Text, Privileged by Oppression tauchen fast in den Post-Punk und nehmen danach in Mundart den Rap auseinander. Alles zu einem grossen Ganzen zu formen ist hier nicht immer einfach, aber diese Musik soll auch gar nicht allen gefallen. Diese Kunst ist ein Angriff auf unser Verhalten im neoliberalen Kapitalismus und regt zu Diskussionen an.

Irgendwo zwischen der nachdenklichen Jugend von I Made You A Tape und einem dystopischen Auftritt im Club von nebenan ist die Musik von  Oppressed by Privilege und Privileged by Oppression ein grosses Experiment, dass sich als geschlossener Kreislauf präsentiert und erstaunlich kohärent als Platte funktioniert. Ob man sich danach im Leben anders positioniert, das ist aber jedem selber überlassen. Live gibt es dieses Projekt am Freitag 16. Februar 2018 in der Kunsthalle Basel zu geniessen, inklusive Plattentaufe.

Anspieltipps:
Chicken Shop, Elite, Kei Gäld kei Wält

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

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Don’t Kill The Beast – Cupid Bite (2017)

Ich will gar nicht zu viele Worte über das Cover verlieren, denn leider kann es mit der Qualität der Musik nicht mithalten – und nein, hinter „Cupid Bite“ verbirgt sich auch kein plattes Werk voller Heavy-Metal-Klischees. Don’t Kill The Beast aus Basel haben sich auf dieser Platte nämlich von einem Soloprojekt des Musikers David Blum zu einer kompletten Band gemausert, die sich zwischen verträumten Pop und sehnsüchtig melancholischem Indie positioniert. Und immer mit viel Gedanken bei der Liebe.

Schliesslich will bereits mit dem Albumtitel der Biss von Amor an eure Körper verteilt werden, eine Aufgabe, die auch gleich Melodien und Kompositionen weiterziehen. Don’t Kill The Beast lassen mit ihren Liedern tolle Gedanken und Gefühle zum schmachtenden Thema aufkommen, ohne jemals platt oder abgenutzt zu klingen. Viel eher verlässt sich die Band auf tolle Gitarren und sattes Thema, „Q/A“ nimmt es mit dem amerikanischen Indie auf, „Loser“ erinnert an My Morning Jacket. Da passt auch der hohe Gesang von Blum perfekt rein.

Nicht alles auf „Cupid Bite“ zieht aber mit schnellem Tempo vorbei, Don’t Kill The Beast lassen sich auch gerne mal verletzt in sehnsüchtigen Popsongs trösten und vergessen die Wut etwas. „All So Sad“ klingt wie es sein Name verheisst, „Magic Wonderland“ nimmt sich die Tugenden der eingängigen Schweizer Rock-Musik und zimmert daraus einen angenehmen Hit. Es ist also klar, dass mehr Musiker hier ganz klar auch mehr Qualität und Dynamik bedeuten. Man sollte sich also nicht vom Monster abschrecken lassen, sondern sich als Zielscheibe für den Pfeil anbieten – ohne Reue.

Anspieltipps:
Magic Wonderland, Cupid Bite, Q/A

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Girls In Hawaii – Notcurne (2017)

Man hört es bereits den ersten Klavier- und Gitarrenklängen auf „Nocturne“ an: Der Schwere und Traurigkeit sind Girls In Hawaii auch auf ihrem fünften Album nicht entkommen. Der Verlust des ehemaligen Schlagzeugers schwebt immer noch merklich über den Songs, auch wenn sich die Band mit diesem Werk klar versucht, in der Zuversicht und der Fröhlichkeit zu positionieren. Melancholie und Langsamkeit waren aber schon immer gute Freunde der Belgier, das zeigen auch wieder Lieder wie „This Light“ oder „Up On The Hill“.

Dass ihre Indie-Musik aber nun oft sehr elektronisch auftritt, das verwundert schon etwas, wenn man Girls In Hawaii auch live kennt. Denn was auf der Bühne zu einer wahren Flut an Gitarrenflächen werden kann, zeigt sich auf „Nocturne“ oft sehr reduziert und zurückhaltend. Harmonien und Kompositionen werden zaghaft geformt, Stimmen und Instrumente mit Effekten verfremdet. Das kann sehr wohl super aufgehen, siehe „Guinea Pig“ oder das wunderbar treibende „Indifference“, wirkt aber oft auch etwas zu schlaff. Mit Prisen des Synthie-Pop und Verneigungen vor Namen des Alternative Untergrundes funkelt es aber immer wieder.

So ist „Overrated“ die Art von Musik, die man sich von Girls In Hawaii etwas mehr wünschen würde, und „Walk“ ist ihr persönlicher Versuch, einen Pop-Hit zu schreiben. Das hat leider nicht wirklich geklappt, die Intention ist aber auch nicht ganz ernst gemeint. Und wenn die Mannen zu den mehrstimmigen Gesangspassagen aufbrechen, ihre Fahrzeuge aus Gitarren und Keyboards zimmern und durch bunte Landschaften streifen – dann grinst man zufrieden. Für einen wirklichen Knaller fehlt der Platte aber etwas der Druck und die Lust an der Lautstärke, somit versinkt die Band etwas zu stark im Hintergrundrauschen.

Anspieltipps:
This Light, Indifference, Up On The Hill

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

We Are Wolves – Wrong (2017)

Dass Wölfe machen was sie wollen, das sollte eigentlich klar sein. Trotzdem verwundert es immer wieder, mit wie viel Selbstverständlichkeit und Eigensinn We Are Wolves aus Kanada ihre Musik angehen. Seit 2000 schreiben und spielen sie ihre Songs, mit jedem Jahr mit weniger Zurückhaltung und Rücksicht auf gewisse Richtlinien oder Formeln. So ist auch „Wrong“ wieder ein lebhaftes Album zwischen Indie und tanzbarem Punk, immer mit viel Biss.

Lieder wie „In The Land Of The Real“ dürfen dreckig und zähnefletschend durch die kalten Wälder streichen, „I Don’t Mind“ steht hingegen auf der Lichtung und tanzt locker durch die ersten Sonnenstrahlen. We Are Wolves sind ein Unikum, eine Band die sich zwar gerne mit leichtem Indie-Rock vergnügt, aber Experimente und Dance gleich dazu holen und alles mit viel Feedback und Verzerrung wieder ausspucken. Die Single „Unknown Flowers“ hatte uns letztes Jahr bereits überzeugt, dieses Hochgefühl hat sich nun auch mit dem ganzen Album nicht geändert.

Auch wenn das Trio kurze Zeit getrennt war und schon lange im Business überleben muss, geschadet hat dies We Are Wolves auf keinen Fall. Mit „Wrong“ ist wieder ein Welpen auf die Welt gekommen, das herrlich pochende Rhythmen in sich trägt („Cynical“) wie auch schwarz gefärbte Riffergüsse. Ein Werk also, das zarte Gänger der Indie-Disco zwar etwas einschüchtert, aber allen anderen eine wunderbar abwechslungsreiche Nacht bietet. Lasst uns gemeinsam heulen.

Anspieltipps:
Cynical, I Don’t Mind, Unknown Flowers

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Franz Ferdinand – Always Ascending (2018)

Ja aber Franz, wo warst du denn so lange? Nach deiner Geburt 2002 in Schottland hast du mit deinen ersten drei Alben nicht nur den damaligen Indie-Rock stark geprägt, sondern so manche Jungendzeit mit tollen Tanzhits und Stilberatungen ausgestattet. Dann dauerte es vier Jahre bis zu „Right Thoughts, Right Words, Right Action“ und gewissen psychedelischen Ausflügen – und nun sogar fünf Jahre, bis es wieder heisst: Franz Ferdinand sind zurück und zeigen auf „Always Ascending“, dass sie ihre Vergangenheit mit frischen Gedanken zu kombinieren wissen.

Aber natürlich sind auch die typischen Stakkato-Gitarren, die hüpfenden Takte und der unwiderstehliche Gesang von Frontmann Alex Kapranos weiterhin unverkennbar. Der Titelsong versucht sich zwar mit Chorgesang, Synthieuntermalung und viel Echo etwas zu tarnen, auch „Lazy Boy“ will eher zu Talking Heads oder Krautpop gezählt werden als dem Indie. Spätestens mit „Paper Cages“ sollte aber klar sein: Der Art-Indie nimmt weiterhin die vorherrschende Stellung ein. Und mit „The Academy Award“ haben Franz Ferdinand sogar wieder einen Song geschrieben, der auch auf dem Debüt geglitzert hätte.

„Always Ascending“ ist also ganz klar eine Platte, die mit jedem Lied frische Farbtupfer auf die Leinwand aufträgt und dabei genügend geübt im Mischen ist, um nicht in einer grauen Suppe zu landen. „Huck And Jim“ holt die brummelnden Bässe und lauten Gitarren herbei, „Slow Don’t Kill Me Slow“ lädt zum romantischen Tanz auf der Schulfeier. Und auch wenn all diese Einflüsse und Ideen nicht gleich gut funktionieren wollen, das fünfte Album von Franz Ferdinand ist eine interessante Rückkehr. Nie bettet sich die Truppe auf alten Grosstaten, immer wird alles etwas weitergesponnen. Ein Experiment war ja noch nie falsch.

Anspieltipps:
Always Ascending, The Academy Award,

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Son Lux – Brighter Wounds (2018)

Eine gewisse Schwere lastet auf Ryan Lott, das spürt man nach wenigen Sekunden von „Forty Screams“. Das eröffnende Lied des fünften Albums dieses talentierten Künstlers thront mit wuchtigen Synthieflächen und bedrückender Stimmung über unserer Wahrnehmung. Son Lux widmet sich erneut der Balance von Leben und Tod, den Schwierigkeiten von Verlust und die Probleme mit der Liebe. Erzählt in einem Album voller unvorhersehbarer Lieder und Experimenten, dieser Pop ist wahrlich anders.

„Brighter Wounds“ verlangt vom Hörer einiges: Man muss sich für die Musik Zeit nehmen, sollte nicht über die wechselnden Takte stolpern und mit scheinbar leidendem Gesang gut auskommen. Soul wird mit Indie und Electronica zu einer futuristischen Stilrichtung vermengt, Instrumente ihrem typischen Klang enteignet und zusammen mit viel Effekten zu neuen Daseinsformen geführt. Da ist es schon fast verwirrend, wenn man plötzlich wieder analog gespielte Gitarren und Schlagzeug vernimmt. Aber genau diese Wechselwirkung stand schon immer im Zentrum von Son Lux.

Wenn sich die Maschinen in „Surrounded“ erheben, „All Directions“ James Blake lockt oder „Dream State“ normale Songstrukturen kapert, dann wachsen Son Lux über Konventionen heraus und formen ihre völlig eigenen Welten. Und sobald man den Zugang zu diesen Kreationen gefunden hat, wird man gewisse Momente und Melodien noch lange mit sich tragen. So modern und spannend kann Indie sein, ohne immer in die gleich langweiligen Schemen abzudriften. Und wer hätte gedacht, dass drei Männer wie ein grosses Orchester klingen können, nur um dann mit „Aquatic“ gleich wieder die leisen Radiohead zu beschwören?

Anspieltipps:
Dream State, The Fool You Need, Surrounded

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Live: Kettcar, Bierhübeli Bern, 18-01-23

Kettcar
Support: Fortuna Ehrenfeld
Dienstag 23. Januar 2017
Bierhübeli, Bern

„Wir gelten ja jetzt als Polit-Punk-Band“, sagt Marcus Wiebusch und schaut schelmisch in die Gesichter der Besucher des Bierhübeli. Denn er weiss genau, diese Aussage verliert jede Spur von Selbstüberschätzung mit dem Liebeslied-Hattrick, den Kettcar gleich danach anstimmen. Wobei diese Kombination aus grossen Gefühlen, Poesie und direkten Aussagen zu aktuellen Themen für die Hamburger nichts neues ist. Mit ihrem alternativen Indie-Rock singen sie sich seit 2001 in die Herzen der sozial eingestellten Menschen und versüssten so manche Begegnung oder Nacht. Auch Bern kam nun endlich wieder in den Genuss des Zaubers, voller neuer Zeilen und alten Melodien.

Die Tour von Kettcar dient nämlich nicht nur dazu, ihr neustes und sehr gelungenes Album „Ich vs. Wir“ vorzustellen, es geht auch um denn allgemeinen Zustand unserer Gemüter. Die Band wollte weder predigen noch sinnlos auf den Gitarren herumhantieren, lieber die Stunden mit ihren Freunden und Fans feiern und auskosten. Und das gelang gleich perfekt mit dem Einstieg und dem Song über das Älterwerden („Graceland“) und „Money Left To Burn“ – ein Titel, der kurzerhand dazu gekapert wurde, um den bevorstehende Geburtstag von Bassisten Reimer Bustorff mit der Einkaufstour durch die Migros zu verbinden. Wiebuschs erzählerischen Texte nahmen gefangen, die immer wieder laut aufspielenden Musiker sorgten für die passende Klangkulisse.

Und dann das erste, doch wieder eindringlich kritische Highlight: Die neue Single „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“, eine intelligente Betrachtung der Flüchtlingskrise mit Sprechgesang und herrlich grossem Refrain. Hier wird klar, dass gewisse Medien mit der neuen Stilrichtung bei Kettcar nicht falsch lagen. „Mannschaftsaufstellung“, „Ankunftshalle“ oder „Landungsbrücken raus“ – die Mischung zwischen nachdenklichen Passagen und lauten Ausbrüchen passt perfekt in die heutige Zeit und formt dieses Konzert zu einem Rausch. Dank der grossen Sympathie, vielen tollen Sprüchen zwischen den Songs und guter Laune der Band kam das Ende in Bern fast etwas zu schnell.

Aber auch der Beginn mit Fortuna Ehrenfeld aus Köln traf genau in diese Mischmenge. Das Trio versuchte sich an gerne schrägen Strassengedichten, umgarnt von Keyboardspuren und Gitarrenriffs. Multitalent Martin Bechler liess es sich nicht nehmen, den Konzertsaal zu bestaunen und genüsslich seine Weinflasche zu den Songs zu kredenzen. Unterstützt von Jenny Thiele an den Tasten und  Paul Weissert am Schlagzeug wurden seine beschmutzten Perlen des Singer-Songwriter zu elektronisch brummenden Popsongs und hallten lange nach. Ob Nord oder Süd, Deutschland brachte an diesem Dienstag seine besten Erzeugnisse in die Schweiz und gewann auf ganzer Linie.

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Calexico – The Thread That Keeps Us (2018)

Seit neun Studioalben lassen uns Calexico in wärmere Gefilde entfliehen, spielen Reiseleiter durch die Südstaaten der USA und Mexico, und entlocken dem Americana immer wieder neue Perlen. Mit „The Thread That Keeps Us“ haben es die Mannen um Sänger Joey Burns und Schlagzeuger John Convertino erneut geschafft, all ihre Stärken neu zu bündeln und mit neuen Einflüssen zu versehen. Denn die Platte wurde nicht nur an der kalifornischen Küste aufgenommen, sondern erlaubt sich angenehm viel Dreck und Staub auf den Melodien. Die elektrischen Gitarren dürfen verzerrt durch die Landschaften schreiten, der Rock kapert sich Traditionen und formt neue Daseinsarten.

Aber keine Angst, weiterhin sind die tanzbaren Rhythmen, die Latino-Harmonien und die herrlich luftige Instrumentierung im Zentrum. Mit „Voices In The Field“ und „Bridge To Nowhere“ erhält man zu Beginn auch gleich grosse Highlights, doch „The Thread That Keeps Us“ fällt bis zu „Music Box“ nie in eine Grube und freut sich über den haftenden Sand. Diese neue Rauheit macht aus Calexico nicht nur eine frischer wirkende Band, es verleiht der Musik sogar eine weitere Ebene der Glaubwürdigkeit. Da passen sogar die kurzen Gitarren-Zwischenspiele („Spinball“ und „Shortboard“) perfekt in das Gesamtbild und öffnen das Werk für Psychedelic und Hippietum.

Man merkt Stücken wie „Under The Wheels“ oder „Dead In The Water“ richtig an, dass sich die Musiker von Calexico vollends auf ihr Können als Songschreiber verlassen und mit viel Esprit und Freude die Arbeit bewältigt haben. Man erhält offene Geschichten voller Flächen und Hall, kernige Momente in der heissen Sonne und Tanzverlockungen für die sommerlichen Nächte. Seit langem war kein Album dieser Band mehr voller so vieler mitreissender Momente, die sich sofort im Herzen einrichten und dort gerne für immer bleiben dürfen. „The Thread That Keeps Us“, und wir behalten euch noch ganz lange sehr nahe.

Anspieltipps:
Voices In The Field, Under The Wheels, Dead In The Water

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Car Seat Headrest – Twin Fantasy (2018)

Für Will Toledo hat sich der Kreis endlich geschlossen, das Leiden wurde endlich gemildert. Denn als „Twin Fantasy“ 2011 veröffentlicht wurde, war das bedeutungsschwere Album eine Einmann-Show, technisch bedürftig aufgenommen und irgendwie nicht komplett. Seit Car Seat Headrest nun aber eine komplette Band sind, fiel dieses fantastische Werk des Alternative Rock und Emo immer wieder in die Hände der Musiker und wurde nun komplett neu eingespielt und aufgenommen! Das bedeutet nicht nur, dass die Lieder endlich so klingen, wie es sich Frontmann Toledo immer vorgestellt hatte, sondern er auch die Last nicht mehr alleine tragen muss.

Das Monstrum „Beach Life-In-Death“ ist aber auch in dieser Neuauflage das wahre Kernstück. In einer Viertelstunde wechseln Car Sead Headrest nicht nur Stimmungen und Takte, sondern bringen die lyrische Erzählung um Depressionen und Homosexualität gleich zu einem mitreissenden und extrem emotionalen Höhepunkt. Toledo singt, schreit und flüstert, die Gitarren fallen laut krachend auf das Songgerüst hernieder und am Schluss wird daraus ein treibendes Stück Indie-Rock. Talent, Ausdruck und Direktheit – „Twin Fantasy“ ist ein grossartiges Album und schlägt mit jedem Lied eine neue, fesselnde Seite in der Geschichte auf.

Ob betrübt lamentierend in „Stop Smoking (We Love You)“, elektronisch unterstützt bei „Nervous Young Inhumans“ oder riesengross und erlösend bei „Famous Prophets (Stars)“ – Car Seat Headrest machen diese musikalische Reise zu einem Kraftakt, der aber niemals überfordert sondern immer unterstützt. Dieses Album geht zwar immer wieder schwierige Themen an, holt aber aus den dunklen Stunden viel Kraft und zeigt, dass man gemeinsam halt doch weiter kommt. Schön, darf „Twin Fantasy“ nun endlich so strahlen, wie es immer gedacht war. Schön, können wir Will Toledo mit dieser Erzählung erneut in unsere Arme schliessen.

Anspieltipps:
Beach Life-In-Death, Nervous Young Inhumans, Famous Prophets (Stars)

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Tune-Yards – I Can Feel You Creep Into My Private Life (2018)

Gibt man die Scissor Sisters und Of Montreal in eine Schüssel voller Bowle, mischt kräftig um und schüttet den Inhalt dann über die tanzenden Partygäste – dann erhält man in etwa die Wirkung, welche Tune-Yards mit dem Song „ABC 123“ verbreiten. Allgemein wissen Merrill Garbus und Nate Brenner auf ihrem neusten Album „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ immer wieder mit absurden Einfällen, urkomischen Melodien und schrägen Texten zu überraschen. Dieser Art-Pop mischt sich mit Disco-Electronica und nimmt zugleich die ernsten Themen aktueller Schlagzeilen und Diskussionen an. Du bist bereits jetzt überfordert?

Eine gewisse Sättigung kann bei Liedern wie dem skizzenhaften und politisch sarkastischen „Colonizer“ oder dem lasziv tanzenden „Coast To Coast“ schnell aufkommen. Tune-Yards setzen eine hohe Gesangsstimme, Achtziger-Ästhetik und extrem energetische Beats dazu ein, Dance-Pop mit verrückt wirkenden Elementen aufzumischen und gleichzeitig aber auch die Schwelle zur Avantgarde zu übertreten. Schnell vergisst man beim Genuss von Songs wie „Look At Your Hands“, dass „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ eigentlich ein ernstes Album ist, sich einfach hinter dieser Kaugummifassade tarnt. Fiepende Synthies, Reminiszenzen an Künstler wie die Bee-Gees und eine Gummiball-Mentalität machen alles zu einem Fest.

Wer also bereits seit 2014 auf das neue Werk von den Tune-Yards wartet, der wird mit dieser Scheibe auf keinen Fall enttäuscht werden. Hinter jedem Song gibt es mehrere Ebenen, die auf ihre Freilegung und Entdeckung warten, hinter jeder Erquickung lauert eine nachdenkliche Aussage. Wer sich allerdings mit hypaktivem und farbenfrohen Pop nicht anfreunden kann, der hält hier kein Lied lang durch. Denn gegenüber „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ wirken die Scheiben von The Flaming Lips wie ein erholsamer Strandurlaub.

Anspieltipps:
Now As Then, Look At Your Hands, Private Life

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.