Sigur Ros

Lights & Motion – Dear Avalanche (2017)

lights-and-motion-dear-avalanche

Lights & Motion – Dear Avalanche
Label: Deep Elm Records, 2017
Format: Download
Links: FacebookSoundcloud
Genre: Post-Rock

Selten gab es wohl Bandnamen und Albumtitel, die beide so perfekt zur Musik passten. „Dear Avalanche“ deutet auf wilde Eruptionen mit vielen Emotionen hin, Lights & Motion auf Klangwände, lichte Momente und Musik, die von sanft bis wild sein kann. Und wo landen wir damit? Natürlich beim Post-Rock, der instrumentalen Version von verträumten Rockgedanken und Landschaftsgärtnerei mit Instrumenten. Hier wachsen aber keine Rosenbüsche, sondern einzelne Gräser und Blumen zwischen Frost und hartem Boden. Das vierte Album des Schweden Christoffer Franzen entführt uns in kühle, aber herzliche Welten.

Lights & Motion steht seit dem Debüt 2013 für Post-Rock, der mit vielen Gitarrenspuren, Streicher-Arrangements und voluminösem Schlagzeug unterschiedlichste Emotionen transportiert. Auch „Dear Avalanche“ lässt den Hörer melancholisch träumen, gespannt lauschen und wild mit den Beinen zappeln. Egal ob sich der Künstler – welcher nicht nur alle Instrumente spielt, sondern auch die Harmonien singt und das Orchester dirigiert – im klassischen Gebiet der Laut-Leise-Thematik bewegt („Feathers“) oder gewissen Isländern zuwinkt, die Songs sind wunderbar kurz. Immer zwischen drei und fünf Minuten gehalten, bietet „Dear Avalanche“ eine Vielzahl an Eindrücken und Ideen. Mir gefällt dieses kurze Ausharren und die stete Suche nach neuer Aufregung.

Was bei Genre-Grössen wie Explosions In Sky oder eben Sigur Ros oft halbe Ewigkeiten benötigt, bringt Lights & Motion mit geschickten Kniffen auf den Punkt. Hier erhält man Astrales, Magisches, Sanftes und Tröstendes. Dabei sind Lieder wie „All The Way“ immer majestätisch – oder auch elektronisch und schnell wie bei „Pandora“. „Dear Avalanche“ bietet somit nie dieselbe wässerige Suppe in einer neuen Schale, sondern lässt den Post-Rock wieder frisch und knackig erscheinen. Toll, dass es einem Musiker alleine gelingt, diesem Stil neuen Wind zu verleihen.

Anspieltipps:
Feathers, Pandora, All The Way

Dieser Text erschien zuerst bei Artnoir.

Advertisements

Live: Zürich Open Air – Tag 2, Rümlang, 16-08-25

Bild von Kathrin Hirzel

Bild von Kathrin Hirzel

Zürich Open Air
Tag 2: Donnerstag 25. August 2016
Rümlang, Zürich

Irgendwie ist der Wurm drin – denn auch am zweiten Festivaltag will das ZOA (wie man es heute so modisch abkürzt) nicht greifen. Im Vornherein jubelte ich aber über die Liste mit all den Bands, jeder Tag schien nur aus Highlights zu bestehen. Doch dann ist man vor Ort, versucht sich in Stimmung zu bringen und merkt: Hier klappt gar nichts. Weder die Organisation, die Stimmung noch die Musik. Man kämpft sich zwischen gelangweilten Menschen über den Rasen, findet keine Sitzplätze und bezahlt einen Reichtum für Ernährung. Und wenn dann endlich eine dieser gross angekündigten Bands die Bühne betritt, dann bleibt die Menge stoisch und bricht höchstens bei den Hits aus.

Aus diesen Gründen wollte bei mir dann auch selten die Begeisterung den Körper verlassen. Sicherlich, der Abschluss mit dem sicheren Wert aus Island war wie immer wunderschön und intensiv. Da vergass man fast, dass Sigur Ros den Konzertbeginn komplett verhaut haben. Reduziert auf elektronische Samples glichen sie ihre Musik als Trio dem Festival-Grundton an – und setzten es in den Sand. Glücklicherweise wurden dann doch noch Saiten und Felle ausgepackt und man schwebte nach Hause. Bei den anderen Künstlern schwebte aber vor allem die Enttäuschung über den Basswellen. So musste man erneut feststellen, dass The Chemical Brothers ihre Zeit schon lange verlassen haben. Was in den 90ern noch der Wahnsinn war, ist heute eine statische und langweilige Synth-Messe.

Da macht es schon mehr her, wenn ein Musiker alleine auf der Bühne seine Lieder bestreitet. Star der Stunde, Jack Garratt, versuchte es an Keyboard, Drum-Computer, Schlagzeug, Gitarre und Gesang – alles vermengt in modernem R’n’B-Pop. Eigentlich sehr spannend und immer wieder mal beeindruckend, doch alles ein wenig zu beherrschen reicht nicht aus. Andere Loop-Künstler geben da mehr her, das Cover von „The Fresh Prince“ war aber perfekt. Einen Zustand, den Amy McDonald mit ihrer offenen und sympathischen Art auch zu erreichen versuchte, die Besucher liessen sich aber selten zu wirklichem Jubel hinreissen. Da halfen auch Konfettikanonen und Welthits nichts. Trotzdem, angenehmer Country-Pop von einer starken Dame – nur leider etwas zu eintönig.

Mit der Monotonität musste auch Dua Lipa kämpfen, die junge Sängerin zeigte viel Potential, die Lieder wussten dies aber nicht auszuschöpfen. Etwas merkwürdig in Nachthemd und Springerstiefel gekleidet, eröffnete sie meinen Donnerstag. Solch elektronischen Pop gibt es aber leider schon zu oft, das machen andere besser. Wie auch Festivals organisieren – aber vielleicht können ja die wahren Wochenend-Tage den Anlass noch retten. Wir werden sehen.

ZOA 2016_Donnerstag_MBohli_1 ZOA 2016_Donnerstag_MBohli_2 ZOA 2016_Donnerstag_MBohli_3

Cold, Cold Heart – How the Other Half Live and Die (2016)

cold cold heart halfes

Cold, Cold Heart – How the Other Half Live and Die
Label: Fluttery Records, 2016
Format: Download
Links: Facebook, Bandcamp
Genre: Post-Rock, Ambient

Da explodiert nichts mehr im Himmel, da fallen keine Berge um und niemand wird zerstört. Wenn das Herz kalt wird, dann ist dies hier endlich ein Grund zum Jubeln. Denn Cold, Cold Heart aus England bleiben leise und spenden dir Trost – zu verlorenen Chancen und Lebensproblemen. All dies geschieht mit Post-Rock ohne perkussiven Einsatz – „How The Other Half Live And Die“ ist eine grosse Überraschung.

Für ein Debütalbum haben sich Cold, Cold Heart das Genre der instrumentalen Rockmusik vorgenommen und entschlackt. Wieso sollten auch immer dieselben Mittel angewendet werden, wenn man sich einfach mal seelenruhig in die Hängematte legen und den Wolken zuschauen kann? Das Album startet wunderschön klar und mehrschichtig. Gitarrenmelodien und Keyboard gleiten durch die Luft, wie im Sommer flirrt das Licht über dem Boden. Was bei vielen Bands nur der Anfang und Grund wäre, sich nun in Lärm und Ausbrüchen zu verlieren, bleibt bei den Engländern das eigentliche Ziel. „How The Other Half Live And Die“ ist fast meditativ ruhig, es berührt den Ambient nicht nur, es vermengt sich damit und wird hochemotional. Erinnerungen an Sigur Rós und deren mitreissende Wirkung werden wach, als Hörer schliesst man automatisch die Augen und träumt sich zwischen den Arrangements durch die Lieder. Erstaunlich wie Cold, Cold Heart alle klassischen Mittel des Post-Rock anwenden, aber dabei nie die Lautstärke überdrehen oder ein polterndes Schlagzeug benutzen.

Feingefühl und Nachdenklichkeit, zwei Tugenden, die hier endlich wieder wahrgenommen werden. Für die ersten warmen Frühlingstage, für dunkle Nächte unter der Decke oder entspannte Abendessen mit Freunden – „How The Other Half Live And Die“ bietet sich überall an. Mit der freundlichen Musik von Cold, Cold Heart erhält man ein sorgenfreies Paket und darf endlich wieder mit Entdeckerlust in den Post-Rock eintauchen.

Anspieltipps:
Hannah, Stand/Still, An Elegy (For Martha)